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Full text of "Zeitschrift für deutsche Philologie"

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ZEITSCHRIFT 



FÜR 



DEUTSCHE PHILOLOGIE 



BEGRÜNDET von JULIUS ZACHER 



HERAUSGEGEBEN 



VON 



Hugo Gering und Friedrich Kauffmann 



ACHTUNDVIERZIGSTER BAND. 



I 



VERLAG VON W. KOHLHAMMER 
BERLIN W35 STUTTGART LEIPZIG 

iJirffüu^i-istr.itff IC. PrbaDBtrasse 14. Tftilbchenweg 21. 

1920. 






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Inhalt. 



Abbandlungen. Seite 

Njarar. Von Hugo Gering 1 

Der stil der gotischen bibel. Von Friedrich K auf f mann ... 7. 165. 349 

Stephan Roth als korrektor. Von Carla Weidemann 235 

Aus Heinr. Christ, ßoies nachlass. Von ErnstConsentius . . . . 389 

Mi sz eilen. 

Die kleineren deutschen sprichwörtersainmlungeu der vorreformatorischen zeit 

und ihre quellen. (Schluss.) Von Friedrich Seiler 81 

Die Kitzinger bruchstücke der schlacht von Alischanz. Von Albert Leitz- 

mann ■ 96 

Grünwaldlieder. (Nachtrag.) Von A. Kopp (f) 114 

Zu Erich Schmidt 'Charakteristik der Bremer beiträger im Jüngling*. Von 

Erich Michael 115 

Krieg ist das losungswort — Sieg und so klingt es fort. Von Karl Borinski 125 

Gotica. Von F. Holthausen 268 

Aus Johannes Kothes ungedrucktem gedieht von der keuschheit. Von Alfred 

Heinrich 269 

Herders mitarbeit am 'Wandsbecker Bothen'. Von Wolf gang Stammler 286. 433 

Zur lausavisa des Porvaldr enn veili. Von Bud. Meissner 439 

Bibliographisches zu Aegidius Albertinus. Von Virgil Moser 443 

Zu Luthers Schriftsprache. Von Carl Franke 450 

Ludvig Wimraer. Nekrolog. Von Hugo Gering 5(10 

Literatur. 

Beowulf, hrg. von Moritz Heyne. 10. aufl., bearb. von Levin L. 

Schücking; angez. von Ferd. Holthausen 127 

Julius Zupitza, Einführung in das Studium des mittelhochdeutschen; 

11. aufl., besorgt von Franz Nobiling; angez. von Alfred Götze 131 

Kudrun, hrg. von B. Sijmons. 2. aufl. ; angez. von Georg Baesecke . 134 
Franz Kondziella, Volkstümliche sitten und brauche im mittelhochdeutschen 

volksepos; angez. von Friedrich Ranke 137 

Joh. Chrys. Schulte, P. Martin von Cochem ; angez. von Georg Ellinge r 140 

Fritz Brüggemann, Utopie und Robinsonade; angez. von Philipp Strauch 146 

Wolfram Sucbier, Gottscheds korrespondenten ; angez. von A. Kopp (f) 150 
Dr. Rudolf Payer, ritter von Thurn, Grillparzers ahnen; angez. von 

Eduard Castle 152 

Briefwechsel Joh. Kaspar Bluntschlis mit Savigny, Niebuhr, Leo- 
pold Ranke, J. Grimm und Ferd. Meyer, hrg. von Wilhelm 

Oechsli, angez. von AlbertLeitzmann 159 

H. F. Feilberg, Bidrag til en ordbog over jyske almuesmAl; angez. von 

Hugo Gering * 291 



Das Volksbuch vom doktor Faust, hrg. von Josef Fritz; angez. von 

Georg El linger . . 815- 

Nikod. Frischlinus, Julius revidivus, hrg. von W a 1 1 h e r Janell; angez. 

von Georg Ellinger 320' 

Paul Zincke, Georg Forster nach seinen Originalbriefen; Georg Forsters 
briefe an Chr. Friedr. Voss, hrg. von Paul Zincke; angez. von 
0. Walzel 324 

Max Fischer, Heinricli von Kleist, der dichter des Preussentums ; 
Herrn. Schneider, Studien zu Heinr. von Kleist; angez. von 
Carl Enders 330' 

M. Krass, Bilder aus Annettes von Droste leben und dichtung; angez. 

von Hilda Schulhof 336 

Ernst Lemke, Die hauptrichtungen im deutschen geistesleben der letzten 
Jahrhunderte und ihr Spiegelbild in der dichtung; angez. von Hilda 
Schulhof ." 337 

Moritz Graf Strachwitz, Sämtliche lieder und balladen, hrg. von H. M. 

Elster; angez. von Rudolf Schlösser (f) 339 

Th. Birt, Schiller als politiker; angez. von CarlEnders 342 

L. Simons, Wal tharius ende Walthersage; angez. von Wolf von Unwerth (f) 450 

Eugen Wolff, Faust und Luther; angez. von Adolf Hauff en .... 454 

Politische Symbolik des Mittelalters und werden der renaissance. Anmer- 
kungen und zusätze zu K. Burdach, Rienzo und die geistige Wand- 
lung seiner zeit; von K. Borin ski 459 

T. L. van Stockum, Spinoza-Jacobi-Lessing; angez. von KarlBorinski . 475 

Otto Modick, Goethes beitrage zu den Frankfurter gelehrten-anzeigen von 

1772 angez. von Rudolf Sokolowsky 478 

Hans Gerhard Graef. Goethe über seine dichtungen; angez. von R u d o 1 f 

Sokolowsky 480- 

Emil Einiati nger, Gottfried Kellers leben, briefe und tagebücher. 1. band; 

angez. von CarlMayer 482 

Heinrich Leuthold, Gesammelte dichtungen, hrg. von Gottfr. Bohnen- 
blust; angez. von Rudolf Schlösser (f) 486- 

Jakob Berg er, Die laute der mundarten des St. Galler Rheintals; Karl 
Bohnenberger, Die mundart der deutschen Walliser; angez. von 

Hans Reis 494 

Sigmund Feist, Indogermanen und Germanen, 2. aufl. ; angez. von Friedr. 

Kauffmann 500 

Neue erscheinungen 161. 343. 506 

Nachrichten 163. 346. 509' 

Berichtigungen 164 

Angebot (G. Wenkers Sprachatlas) 164 

Preisaufgabe 347 

Register. Von F. R. Schröder 510' 



NJARAK. 

Wenn alle anderen kriterien fehlten, würden schon allein die 
eigennamen in der Volundarkviöa den beweis liefern, dass wir es mit 
einem fremden, aus dem süden eingeführten sagenstoffe zu tun haben. 
Der name des beiden Volundr (< Voelundr) ist die nordische Um- 
formung eines südgerman. M'eland: von den eddischen gedienten kennt 
ihn nur die Vkv. l und in der nacheddischen literatur findet er sich 
nur in der Hrafns saga Sveinbjarnarsonar (Bps. I, 640, 30 = Sturl. 
Oxf. II, 276, 31) und in der Hrolfs saga kraka c. 4 (Fas. I, 14, 13), 
wo die geschicklichkeit kunstfertiger handwerker mit der des sagen- 
berühmten Schmiedes verglichen wird (kann var Volundr at hagleih\ 
bcßöi at tre oh at jdrni; Frödi ätü tcä smidl er Volundar vdru at 
hagleik), sowie ein paarmal in appellativischem sinne - in der Ööins- 
kenning colundr romu 'kampfbereiter' bei Snorri Sturluson (Skjalded. 
B II, 89) und in dem ausdrucke spahir volundar 'kluge Werkmeister' 
in der Merlinusspä (ebda. B II, 25) -, endlich in dem compositum 

1) Hämo. 7, 2 beehr . . . ofnar rolundum kummt nicht in betracht, da die stelle 
verderbt ist und der von Bugge gefundenen besserung dringend bedürftig war. 
Das weben war eine weibliche arbeit, und es ist nicht glaublich, dass man einen 
männlichen eigennamen, selbst wenn er appellativisch gebraucht ward, wie Heinzei 
z. st. annimmt, auf eine frau beziehen konnte. Überdies ist, wenn Wörter wie leehnir, 
sinnt, sifjungr usw. eine weibliche person bezeichnen (Heinzei zu Vsp 5, 2), diese 
person immer ausdrücklich erwähnt (Söl . . . sinnt mdna Vsp 5, 1; kona batt s<!r 
mannet . . . pd m&lti Iteknirinn Ol. s. h. 1853, 222, 40; Hildigunnr laeknir Njäla 
c. 57, 4; sifjungr peira Gudrun Akv 31,2; kann gekk eiga J>ä konu sem hau* 
breedrungr var ok Jokabeth het Stjörn 251,2; St ei nun n ... hon rar systrungr 
Ulfeidar Sturl. ed. Kalund I, 123, 19 — wo aber systrunga besser bezeugt ist — ; 
Rachel . . . hon var hans systrungr Stjom 171, 16; heiöur rar ok mjiikust mödir, 
megindrotnin gin himins ok gotna, hpfudmeistari ä hvers kyns listir Guöm. dr. Arna 3, 3; 
horsk nid heita hlaögrund — die in der vorausgehenden zeile genannte Ermin- 
gerör — konungr sprunda Orkn. 235, 5; Salbjprg hon var kvenna vcenst ok skpr- 
ungr mikül Eg. Skall. c. 1, 5; Gyda hon var vcen ok svarri mikill Fiat. I, 288,28; 
Pördis . . . var frid kona Synum, skorungr mikill ok svarkr enn mesti Gisl. ed. 
K. Gislason 82, 20 usw.) oder direkt angeredet (feikna fozöir — Brynhildr — Sig. 
sk. 31, 5 ; hofditigi snöta — Maria — Harmsöl 61, 2 usw.). Auch im deutschen kann 
man wohl sagen: 'dieses mädchen ist ein braver kerl', aber nicht: 'diese decken 
wurden von künstlern gewoben', wenn man künstlerinnen meint. 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XLVIII. 1 



Volundar-hus 'labyrinth' Stjöm 85, 10, Lilja 92, 8, Smast. 196, Kirj. 12, 
16, das den beweis liefert, dass bereits im 14. jahrh. leute von gelehrter 
bildung auf gewisse älinliehkeiten zwischen der Dädalus- und der Wieland- 
sage ' aufmerksam geworden waren. Ebenfalls deutsch ist der name seines 
bruders S/agJidr, wozu man schon längst die ahd. glosse (Steinmeyer- 
Sievers III, 15, 87) penna slegifedera ('Schwungfeder') verglichen hat: 
allerdings wird man nach einem analogon in der realen weit wohl 
vergeblich suchen und daher annehmen müssen, dass er von einer 
märchenfigur entlehnt wurde; der Verfasser der prosaischen einleitung 
glaubte offenbar in dem 2. kompositionsgliede den bekannten volks- 
namen zu erkennen und wurde dadurch dazu veranlasst, Volundr 
und seine briider zu Lappen zu machen, was durch das lied selbst 
nicht bestätigt wird, das den Volundr vielmehr als einen elben be- 
zeichnet (13, 2; 15,4; 34,1). Der name des dritten bruders, Egill 2 , 
ist allerdings echt nordisch und in dem ganzen Sprachgebiet (dem 
west- wie dem ostnordischen) vielfach bezeugt, aber es ist sicher, dass 
der meisterschütz der deutschen sage denselben oder einen ähnlichen 
namen trug (Agila, Egila, Egil, Eigil 3 , Aigil usw. begegnen in grosser 
zahl auch auf südgermanischem boden: Förstemann I, 22 ff.), da bei 
der zweiten einwanderung der sage nach dem norden Volundr und 
Egill (Slagfidr ist vergessen i ihre namen unverändert bewahrt haben 4 ." 

1) Diese aus jener abzuleiten gelingt nur, wenn man mit Golther und Schuck 
un methodischerweise in den jüngsten quellen die ursprünglichste fassung erblickt 
und somit die geschickte der Wielandsage auf den köpf stellt. 

2) Die jüngere form Eigill entstand durch die bekannte palatalisierung des e 
vor gi und gj (K. Gislason, Um frumparta islenzkrar tungu s. 137; Finnur Jöusson, 
Omrids af det islandske sprogs formhere i nutiden s. 6), und Kugel (Gesch. der 
deutschen lit. I, 100), der in Eigill die von Egill verschiedene deutsche namensforni 
finden wollte (vgl. schon J. Grimm. Mvth. 4 I, 315), hätte diese ausführungen sich 
ersparen können. 

3) Über die bezeichnung des aus a umgelauteten e durch ei s. Braune, Ahd. 
gramm. 8 § 26 anm. 1. 

4) Beiläufig sei bemerkt, dass meines erachtens schon die älteste fassung der 
sage den zug gekannt hat, dass Egil für Wieland vögcl fieng und dieser aus deren 
federn sein fiuggewand herstellte. Denn die vögelfangende figur des runenkästchens 
ist (wie auch Binz, Beitr. 20, 188 mit recht annimmt) sicherlich Egil und nicht 
einer der beiden königssöhne. Wenn Jiriczek (Deutsche heldensagen I, 20) meint, 
dass ihrer kleinheit wegen ein knabe dargestellt sein müsse, so ist gegen diese 
beweisführung darauf aufmerksam zu machen, dass auf dem deckelbilde die vorderen 
krieger ebenfalls erheblich kleiner sind als die hinteren, und zwar aus dem einfachen 
gründe, weil der platz für grössere figuren nicht ausreichte. Derselbe umstand 
zwang den künstler (eine möglichkeit, die auch Jiriczek zugibt), auch auf dem 
YVielandbilde die in rede stehende person kleiner zu schnitzen als die übrigen. Auch 



N.FAKAK 



NlÖQÖr (< NiÖ-hodr) ist dagegen wieder ein gänzlich unnordischer 
name, der ausserhalb der Vkv. nirgends vorkommt, wie denn über- 
haupt mit nid komponierte namen (mit ausnähme des mythischen 
d rächen NiÖhQggr) im nordischen wegen der gehässigen bedeutung 
des Wortes (vgl. nlÖungr 'schurke') vollständig fehlen, wie sie auch im 
ags. 'fast ungebräuchlich' sind (Hinz, Beitr. 20, 189); dagegen ist. 
Nid/iad in alemannischen und fränkischen Urkunden vom 8. bis zum 
10. Jahrhundert mehrfach bezeugt (Förstemann I, 958) nebst zahlreichen 
anderen Zusammensetzungen (Nidbald, Nulberht, Nidger, Nidhard, 
Nidmär, Nidolf, Nidhild usw.). BoÖrildr begegnet nordisch in der 
älteren zeit wiederum nur in Vkv., und erst im 15. Jahrhundert taucht 
der name ein einziges mal in einer norwegischen Urkunde aus Jtederen 
auf 1 (Lind, Norsk-isländska dopnamn s. 185), wie auch keine historische 
ags. Beadohild bezeugt ist (Binz a. a. o.). während im oberdeutschen 
und besonders im fränkischen gebiet Baduhilt sich sehr häufig nach- 
weisen lässt (Förstemann I. 199). Kiarr (Kjärr) kann aus lat. Kesar 
(Caesar) sich entwickelt haben (wie jarn < izarn), was zuerst Ad. Holtz- 
niann (Altd. gramm. I, 99) behauptete und Hj. Falk (Ark. III, 300) 
zweifellos, ohne von seinem Vorgänger etwas zu wissen - wiederholt 
hat: und dass wir es tatsächlich mit demselben namen zu tun haben, 
der sich in dem königskataloge der Hervarar saga wiederfindet 2 (Buggc, 
Norr. skr. 2G5; Edd. min. 105): 

dr 1iV()öu Humla Ilunum raöa . . . 
Valdar Domim, en Vglum Klar, 
wird durch den ags. Widsid (z. 7G-78) unwiderleglich bewiesen: 

mid Creacum ic ivcbs . . . ond mid Cdsere 

se pe winburga geweald dhie, 

wiolena ond wüna ond Wala rices, 

•dass 'der körperbau und die ganze ausfübrung bestimmt einen knaben bezeichnen', 
kann ieii nicht finden; wäre die beobachtung richtig, so könnte daran erinnert 
werden, dass in der l'iörekssaga Egill ständig das epitheton enn ungi führt. — Dass 
Galans noch zwei brüder besessen habe, berichtet übrigens (was die gelehrten, 
die neuerdings über die sage gehandelt haben, zu bemerken vergessen) auch der 
altfranzösische roman Fierabras d'Alixandre (Altd. bll. I, 37); sie führen jedoch 
ganz andere namen und sind ebenfalls verfertiger vortrefflicher waffen. Hier kann 
aber selbständige erweiterung vorliegen (die dreizahl von brüdern ist ja in märchcn 
etwas ganz gewöhnliches). 

1) Von literarischem Ursprünge des namens kann schon deshalb nicht die 
rede sein, weil die königstochter in der l'iörekssaga namenlos ist. 

2) Kjärs vater Frööi und sein grossvater Audi, der Tjpcog £jtcüvt>|ios der 'J/f 1 - 
Htujar' (gdlingar) — Sn. E. I, 522; Fiat. I, 25 — sind natürlich erfindungen der 
isländischen mythographen, die im anfertigen heroischer Stammbäume .schwellten. 

1* 



GERING 



sodass Müllcnhoffs Vermutung (Zfda. 23, 168), dass Kjdrr ein kel- 
tischer name und mit Valland die Bretagne gemeint sei, hinfällig 
wird. Auch der echt nordisch anmutende name Olrün (vgl. die qI- 
rünar der Sigrdrifumyl 7,1; 19,2) ist auf eine einzige trägerin, die 
geliebte des Egill, beschränkt - noch die JGttartolur der Flateyjarbök 
(I, 25, 37) und die puörekssaga (ed. Bertelsen I, 124, 9) kennen diese 
figur - und niemals, soweit wir wissen, hat eine historische person 
im norden ihn geführt, so dass wir auch hier an nordische Umformung 
eines südgermanischen namens denken dürfen: Ala-run und Ald-runa 
begegnen in bayrischen Urkunden (Förstemann I, 40. 52) - Alb-runa 
(Tacitus Germ. c. 8 durch konjektur hergestellt) wäre wohl in *Alf- 
n'in gewandelt worden, da das erste kompositionsglied in nordischen 
oamen häutig ist. Ebenfalls nur aus Vkv. bekannt ist der name der 
zweiten walküre, Hlad-gudr, für den jedoch keine anknüpfung an 
südgermanische namen sich bietet, so dass mit der möglichkeit ge- 
rechnet werden muss, dass diese figur erst im norden, und zwar mit 
benutzung des namens ihres vaters Hlodver, benannt worden ist. Das- 
selbe wird auch von dem namen der dritten Schlachtjungfrau, der 
Hervor, anzunehmen sein, denn diesen hat nachweislich im 8. Jahr- 
hundert eine norwegische frau, die mutter des hersen Yeörar-Grimr 
im Sogn, geführt (Landnäma ed. Finnur Jönsson 134, 17 u. ö\). Sonst 
begegnet der name nur noch im mythos, in der Hervarar saga, wo 
des berserkers Angantj'r tochter und andere trauen desselben geschlechts 
ihn führen, und in der späten Hjälmters saga ok Olvis (Fas. III, 
479 ff.), die ihn aus Herv. s. entlehnt haben wird. Da übrigens die 
Hervararsaga stark mit südgermanischem sagenstoff durchsetzt ist, wäre 
es bei der Seltenheit des namens auf nordischem gebiet nicht un- 
möglich, dass auch er fremden Ursprunges sei, aber ein deutsches 
*Hari-wara lässt sich trotz der zahllosen, mit dem stamme harja- 
zusammengesetzten eigennamen nicht nachweisen. Deutsch aber und 
unnordisch sind endlich, wie allgemein anerkannt ist, die namen 
Hlodver (Chlodowech) und pakkrddr {Dankrat), so dass über die, 
auch durch den Myrkcidr (den saltus Hercynius : Müllenhoff, Zfda. 23, 
168) und die drösir suÖroenar bestätigte heimat der sage kein zweifei 
aufkommen kann. 

Unerklärt und rätselhaft war jedoch bisher der name des von 
dem könige Niöoör beherrschten volkes der Njarar. Bugges einfall, 
diesen namen auf ags. neodran zurückzuführen (The saga-book of the 
Yiking club II, 289), darf ruhig ad acta gelegt werden, und ebenso die 
Vermutung älterer herausgeber und erklärer (Edda, Arnam. ausg. II, 8 



mim.: Finn Magnusen, Den jeldre Edda III, 248 anm.), dass die be- 
wohner der schwedischen landschaft Nerike gemeint seien, was 
Bremer 1 (Panls Grundriss 2 III, 831) nicht mehr hätte wiederholen 
sollen, da Koreen schon 1897 in den Svenska etymologier (Skrifter 
utgifna af Humanistiska vetenskaps-samfnndet i Upsala V, 3) s. 24 ft*. 
die Unmöglichkeit dieser annähme erwiesen hat. Vielleicht hat auch 
der Verfasser der einleitenden prosa sie geteilt und daraufhin geglaubt, 
die" sage in Schweden lokalisieren zu dürfen, was im liede selbst, ob- 
wohl spuren nordischen colorits unverkennbar sind, keine bestätigung 
findet*. Vielmehr wird man die Njarar, wie bereits Jiriczek (Deutsche 
heldensagen I. 28 1 mit recht bemerkte, in der alten heimat der sage 
suchen müssen, vermutlich auf niederfränkischem boden, von wo die- 
selbe sich strahlenförmig weiter verbreitet hat: nach dem benachbarten 
Westfalen, wo sie schon früh an bestimmte örtlichkeiten geknüpft 
ward, nach Frankreich'', England 4 und dem skandinavischen norden, 
und es kann, wie mir scheint, kaum ein anderes volk in betracht 
kommen als die belgischen Nervii, die zu Caesars zeit zwischen 
Sambre und .Scheide in Hennegau, Brabant und Südflandern sassen 
(Kauffmann, Deutsche altertumskunde 1, 214). wo auch Strabo, Tacitus 
und Ptolemäus sie noch erwähnen : es gibt in dem in frage stehenden 
gebiete kein anderes, dessen name sich ohne Schwierigkeit auf grnnd 
historisch bekannter lautübergänge mit dem der Njarar vereinigen 
lässt 5 . Ich denke mir. dass das urbild des Wieland, das mit uralten 
märehenzügen ausgestattet ward, ein proskribierter Germane war - 
geächtete, wie Jokull Ingimundarson in der Vatnsdcela und die üti- 
legumenn der neuisländischen a-ventvri sind ja von alters her beliebte 

li Gudni. Schütte in seinem wunderlichen aulsatze: Nordens teldste indbyg- 
getnavne, Hist. tidsskr. (norsk) V. 4, 32, scheint Bremer für den Urheber dieser 
hypothese zu halten. Diese ehre gebührt ihm ebenso wenig wie Unland, dem 
E> H. Meyer sie zuschreibt (Anz. f. d. alt, 13, 27 ). 

2) Für die geschieht^ der sage ist die prosa überhaupt wertlos, was im 
grossen und ganzen von allen prosaischen einsebüben in die eddischen gedichte 
behauptet werden darf (Sijmons. einl. zur Edda-ausg. s. CLIII ff.). Dass jene er- 
beblich jünger sind als die lieder, steht für mich ausser zweifei, und ich muss daher 
auch die hypothese von einer alten, aus gebundener und ungebundener rede ge- 
mischten kunstform iMüllenhoff. Zfda. 23, 151 fg.: Kögel, Gesch. der deutschen lit. 
I. 98) unbedingt ablehnen. 

3) Depping et Michel. Veland le forgeron. Paris 1833. 

4) G. Binz. Beitr. 20, 186 ff. 

5) Erwogen habe ich auch Neustrii, das auf demselben wege wie izarn ' j'arn, 
Kesar > Kjärr zu Njarar geworden sein könnte. Aber der diphthong macht 
Schwierigkeiten und der Verlust des t bliebe unbegreiflich. 



6 GERING, X.JAKAK 

beiden der volkssagc - der sieh in die finstern Schluchten der Ardennen 
geflüchtet hatte und mit einem nervischen häuptlinge (ist es zufall. 
dass der name des oberfeldherrn in dem kämpfe gegen Caesar, Boduo- 
gnatus - Bell. gall. II, 23 -; mit demselben worte beginnt, wie der 
name der königstochter der Njarar?) in feindschaft geriet. Später, 
als im ersten Jahrhundert nach Chr., kann, wenn ich mit meiner koni- 
bination auf richtiger fährte bin, die sage nicht entstanden sein, da 
nach dieser zeit, nachdem der Bataveraufstand unter Civilis, an dem 
auch die Nervier sich wieder beteiligten, niedergeschlagen war, ihr 
name erlischt -'- reste des volkes nannte man seitdem nach ihrer stadr 
Camaracum (Cambrai) Camaraeenses (Kaiitt'mann a. a. o.) — , bis auch 
diese in der Hut der eindringenden Franken untergiengen. Aber der 
benachbarte germanische stamm, der die sage ausbildete (die Nervier 
selbst kommen als Schöpfer derselben nicht in betracht, weil kein volk 
sich selber in ein ungünstiges licht setzt 1 ), hat den namen, der mit 
dem (fingierten?) namen des königs alliterierte, in treuem gedächtnisse 
bewahrt und für die nachweit gerettet; der fränkisehe IllydvSr und 
der welsche Caesar (Klan- af Vallandi) sind natürlich zutaten aus der 
Merowingerzeit. 

Das bedenken, dass aus *Senvic>z altn. *J8iraar } *Nyruar hätte 
werden sollen, wie aus "heröiöz h/rdar, ist hinfällig, da der fremde 
name nach dem ablaufe der ersten periode des nordischen /-uiulauts 
(Axel Kock, Beitr. 27, 166 ff.) aufgenommen sein wird. Stadt Xjarar 
hätte man allerdings Xjorvar erwartet, aber man darf mit der möglich- 
keit rechnen, dass dem dichter der Volundarkviöa vielleich aus 
einer nafnabula (Nidod kvgdu Njorum ofräda? vgl. den königskatalog 
der Hervarar saga, Edd. min. s. 105) nur der dativ des völkernamens 
bekannt war, aus dem er mit unrecht (nach den analogie von hjglmum- 
hjalmar usw.) auf einen nom. Njarar, gen. Njara schloss. Die kürze 
der eingangssilbe in dein dreimal überlieferten halbverse Njara dröttinn 
fand Heinzel (Eddakommentar 283) auffallend, aber dreisilbler kommen 
auch sonst in der Volundarkviöa, die überhaupt viele freiheiten sieh 

1) Die frage, ob die Nervier wirklich germanischer ah.stammunir waren, was 
sie nach des Tacitus bericht (Germ. c. 28) mit stulz behaupteten und Strabo i IV. 3 
p. 194) ausdrücklich bestätigt (TpYjO'jipoi; 5s tjvsxeTs Nepouici, Jcat touto rspu.aviy.cv 
Iftvog), kann hier daher unerörtert bleiben. Mommsen (Rom. gesch. 7 III, 240. 244 i'g .t 
ist geneigt, der annähme zuzustimmen, aber mit grösserem rechte spricht wohl 
Kauffmann a. a. o. nur von einem germanischem einschlage, der sich im laufe der 
zeit bei dem Volke geltend machte. Die überlieferten nervischen eigennamen zeugen 
fast durchweg für keltische nationalität. 



KAMKMAXN, DER STIL DER GOTISCHEM BIBEL 7 

gestattet und sogar in str. 9 zwei lautmalende (den langsamen nacht- 
ritt der königsmannen hörbar machende) sechssilbler aufweist, vor: 
Kiars döttir 2, 4b; svd beid kann 8, 3a; koma gerdi 8,4b; gehle 
bräunt 12,3a; viljalauss 14,2b; 33,1b; sinn magni 18,4b (wo die 
änderung in sinca unterbleiben konnte, da es nicht nachweisbar ist, 
dass das wort auch im nordischen ein tcö-stamm war), mi hefk hefnt 
29, 3 a. 

Dass die Nercii und die Njarar (ßJQrvar?) identisch sein können, 
wird sich demnach kaum bestreiten lassen. Es ist, wie ich glaube, 
eher anzunehmen, dass meine hypothese durch neue funde bestätigt, 
als dass sie durch eine andere von noch grösserer Wahrscheinlichkeit 
beseitigt werde. 

KIEL. HUGO GERING. 



DER STIL DER GOTISCHEN BIBEL 

Nachdem auf grund der quellenkritik und der Übersetzungstechnik 
das Verhältnis des Wulfila (und seiner schule) zu dem bibeltext als 
stoff ' und nachdem die nationalsprache der Westgoten als das Werk- 
zeug des Schriftstellers 2 geprüft worden ist, treten wir der literarischen 
leistung näher und versuchen, aus den stilformen der Gotenbibel den 
künstlerischen willen und das kunstgeschichtliche verdienst ihres meisters 
zu entwickeln. Bei dein technischen verfahren des Übersetzers 
darf man keinesfalls stehen bleiben, ist es doch der natur der suche 
nach nicht geeignet, über sein literarisches können die letzte aus- 
kunft zu geben. Vielmehr muss die von dem Übersetzer, der nicht 
bloss sprachenkundig war, sondern eine spräche auch zu gestalten 
verstand ri , bei der aufnähme und wiedergäbe der griechischen bibel 
vollzogene Stilisierung, kurz gesagt, es muss der schriftstellerische 
charakter des gotischen bibeltextes ins äuge gefasst und literar- 
historisch-stilgeschichtlich bestimmt werden. 

Auf die Sprachphantasie der autoren kommt es in der literatur 
und folglich auch in der literat Urgeschichte letzten endes allemal an. 

1) Zeitschr. 37, 145 ff.; Idg. forsch. 29, 2(50 ff. 

2) Zeitschr. 46, 337 ff. 

3) Weshalb denn auch die i'orderung absurd ist, 'die vorläge des Wullihi 
durch möglichst getreue rückübersetzung des gotischen ins griechische zurückzu- 
erobern' (Zfda. 52, 372; Zeitschr. 43, 118. 122). 



KAÜFFMAKX 



Darum ist üteraturgeschiöhte für uns pkilölogcn in erster linie kunst- 
geschichte der sprach« und als solche Stilgeschichte. Und so sind wir 
denn gemahnt* damit nun auch endlich bei der Gotenbibel ernst zu 
machen, sie in empfindung und ähschäüiirig umzusetzen, sie auf unser 
Stilgefühl zu bezichen, damit wir (wie bei einem werke der bildenden 
kirnst) die wesentlichen merkmale gotischer sprachkunst zu erkennen 
und zu beschreiben vermöchten '. 

Die Sprachphantasie des sprachkundigen gotischen meisters, dem 
aus dem persönlichen 'erlebnis' der bibel sein seelischer zustand ge- 
schaffen worden war, beherrschte weite räume und stellte ein grosses, 
ihr zur Verfügung stehendes Sprachmaterial in den dienst seiner reli- 
giösen erfahrung, die er in den literarischen formen der griechischen 
bibel auszudrücken gesonnen war. Die hauptrichtungen lassen sich am 
Wortschatz der bibel aufzeigen. Das orientalisch-semitische dement 
der griechischen bibelsprache wurde nicht unterdrückt (amen, aiffapa, 
■maranapa, taleipa kumei, helei helei limo sibakponi)\ römisches und 
hellenisches sprachgilt wurde weitherzig anerkannt {gazaufylakio usw. ; 
maimbrana, militon usw.) ; namentlich aber ist der Übersetzer den 
pflichten, die ihm seine gotische spräche und nationalität auferlegten, 
treu geblieben. Das sind zugleich hauptmotive sprachbildender kunst, 
welche die gestalt seines werkes bestimmen. 

Hatte die erforschung der übersetzungstechnik und des gemeinen 
Sprachgebrauches zu dem ergebnis geführt, dass das Schrifttum der 
Goten in hohem grad von der griechischen sprachform abhieng, so muss 
jetzt auch der orientalisch-semitische einschlag in seine rechte eingesetzt 
und für den literarischen Charakter der Übersetzung berücksichtigt 
werden. Denn wenn wir hauptsächlich dem 'Hellenismus' die kultur- 
blüte der völkerwanderungszeit und des frühmittelalters der Germanen 
verdanken, so bedienen wir uns bei dieser formulierung eines Wortes, 
dessen bedeutungsgehalt und bedeutungsbereich über Römer und Hellenen 



1) ,Die spräche ist das inaterial des dichters. Sie ist aber mehr als das, 
denn die sinnliche Schönheit der dichtung in rhythmus, reim und Sprachmelodie 
bildet ein eigenes reich höchster Wirkungen, die ablösbar sind von dem, was 
die worte bedeuten . . . darin beruht nun die sprachphantasie des dichters, dass er 
(mit seiner phantasiebegabung in der sphäre des wortes) an diesen Wirkungen an- 
haltend mit starker fixierung der aufmerksamkeit bildet und formt, wie der maier 
an denen seiner linien und färben' AV. Dilthey, Das erlebnis und die dichtung 3 
s.- 188 f. Was hier vom 'dichter' gesagt ist, gilt grundsätzlich auch vom 'schrift- 
steiler', wofern nur ein 'erlebnis' mit dem drang zum sprachlichen 'ausdruck' ver- 
bunden war. 'Stil' ist das Verhältnis von 'erlebnis' und 'ausdruck' (durch spräche). 



DER STIL DER GOTISCHEN BIBEL 9 

und über Orientalen sich erstreckt'. Gründlich ist die Schöpfung Wul- 
filas mit hellenistischen anregungen verknüpft. Es waltet in der Goten- 
bibel die sprachkunst eines mannes, der das gotische sprachgevvand 
griechisch-römisch gefärbt und zugleich in die semitismen der griechi- 
schen bibel eingetaucht hat 2 ). 

Wulfila war aber gewillt, die bibel zu nationalisieren und den 
christlichen gottesdienst der Goten volkstümlich einzurichten. Folglich 
ist es für ihn und für sein literarisches werk charakteristisch, dass 
hellenistische und gotische ausdrucksformen und ausdrucksmittel in- 
einandergreifen'. Folglich hat man diesen dualismus 4 als einen 
• 1) 'Bei dem vielfach lieduehtlos gebrauchten worte Hellenismus muss man sich 
darüber klar sein, dass der hellenisierung des orientalischen die orientalisierung des 
hellenischen mindestens die wage gehalten hat"; 'so sicher unsere kultur weder 
hellenisch-römisch noch orientalisch, wohl aber beides ist, so sicher ist auch unser 
schöner alUrermaniseher alliterationsvers weder von einem hellenisch-römischen, noch 
einem orientalischen, wohl aber von einem aus beiden vereinigten stilornamente (nämlich 
des reimverses) verdrängt worden' E. Norden, Ägnostos Theos s. 134. 17* u. ö. s. 262 f. 

2) E. Dietrich, Die bruchstiieke der Skeireins (1903) s. LX ff.; vgl. F. Blass, 
Grammatik des nentestamentlichen Griechisch. 4.. völlig umgearbeitete aufläge, 
besorgt von A. Debrunner. Göttingen 1913; J. II. Moni ton, Einleitung in die 
spräche des neuen testaments. Heidelberg 1911. Die latinismen der griech. 
und ihr zufolge auch der gotischen bibel harren noch einer -renaueren Untersuchung; 
doch rechnet man zu ihnen xataxpivoooiv aircöv O-aväxcp gawargjand ina driupan 
Mc. 10, 33 vgl. ferner wairps ist pammei fragibis pata (dignus est cui hoc praestes) 
7. 4 ; patei ist (id est) 3, 17 (z. b. gards patei ist praitoriaun 15, 16), ferner etwa 
kabai mik faurqipanana L 14, 18. 19. Was die semitismen betrifft, so komme ich 
darauf noch zurück und erinnere vorerst an die formel galeipan in slrip gasitan 
+n warein Mc 4, 1 ('sich auf das meer setzen' ist ein rein syrischer ausdruck für 
'sich einschiffen', Moulton s. 364), an das partizipiuin als imperativ {ustaiknjandans 
k 8. 24: Moulton s. 286) oder an den gebrauch des plurals aktiver verba statt des 
passivs (qipand iztris 'man wird zu euch sagen' L 17, 23; giutand 5, 38 usw. gali- 
sada jah in fon galagjand J 15, 6; Moulton s. 87 f.) oder an den nominativ statt 
des vokativs [ßiudans J 19, 3: piudan Mc 15, 18) oder an £v als instrumentalis 
[hnasqjaim wastjom M 11, 8: in hnasqjaim wastjom L 7, 25 vgl. M 9, 34. 11, 6. 
L3, 1Ü [u-otin : in ahmin]: Mc 4,8 [in iratin] Moulton s. 107 f. 92 ff. 166 ff.). 

3) 'Der Gote wendet die eigenheiten des griechischen, die er bald zu ver- 
meiden sucht, bald wieder nachbildet, auch selbständig an', Zeitschr. 37, 385 f. ; er 
schwankt — beispielshalber gehe ich darauf ein — im gebrauch des duals und der 
pronomina: personalpronomina "erscheinen in der gotischen bibel entgegen dem 
gebrauch der übrigen germanischen dialekte niemals in enklitischer Stellung, wohl 
nur deshalb, weil die griechische vorläge kein enklitisches personalpronomen kannte' ; 
dagegen 'steht das Possessivpronomen regelmässig nach dem Substantiv, auch im 
Widerspruch mit dem griechischen text' (Streitberg, Elementarbucb s s. 216 f. 182. 
184. 190 f.). 

4) Typisch ist ein fall wie dieser: has pan izwara: izwara /ras raihtis tis 
5- (7*p) Sg unwv L 17, 7. 14, 28 u. a. 



10 K ATI TM ANN 

grundtrieb seiner stilschöpferischen tat hervorzukehren. Nachdem 
erkannt und erwiesen worden ist, dass die gotische Schriftsprache 
bewnsstermassen hellenisiert, lässt sich mit andern worten von der 
Gotenbibel behaupten, dass sie, der griechischen Übersetzung des Alten 
testaments (der Septuaginta) vergleichbar, 'auf zwei ufern' ruht (Deiss- 
männ, Neue Jahrbücher f. d. klass. alt. 1903, 171 f.). 

Dieser gründzustand spricht uns jedoch nicht aus allen teilen 
des buches mit derselben deutlichkeit und stärke an. Der Übersetzer 
hat sich dem fremden stoff und der fremden form allzu willig hin- 
gegeben, als dass er das in seiner persönlichkeit und nationalität 
wurzelnde kunstwollen einheitlich zu organisieren vermocht hätte. 
Darum ist sein bildnerisches vermögen und vollbringen hinter dem 
re dn eri s c h e n zurückgeblieben. Die sonst vom rhythmusgefiihl der 
autoren eingegebene und geleitete Wortfügung und Wortstellung ist in 
der gotischen bibel bekanntlich ganz und gar von der griechischen 
vorläge abhängig, so unselbständig und unpersönlich, dass sie von 
schöpferischer tat am weitesten abführt 1 . Ihr nähern wir uns erst, 
wenn wir die sprachbewegung, die arbeit der Sprachphantasie auf dem 
gebiete der Wortwahl und der Wortprägung beobachten und auf grund 
des formbestandes und bedeutungswandels auf die neue tönung der 
Gotensprache aufmerksam werden. 

Die Gotenbibel, ein eminentes Sprachdenkmal der germanischen 
völkerwanderungs- und heroenzeit, ist als buch über das höhenmass 
eines Sprachdenkmals hinausgewachsen. Als literatur- und kunst- 
denkmal jener epoche bezeugt uns dieses buch, dass Wultila den ver- 
trauten kreis der heimischen sprachweit, die ihm zu eng war, verlassen 
hat, und dass er in die Sprachüberlieferung, die ihm für seine mission 
und sein Schrifttum zu lückenhaft war. eine ausländische provinz ein- 
bezogen hat. Di» 1 grosse seiner tat offenbart der gotische meister auf 
diesem neuland, das er erobert, durch das er den sprachlichen 
horizont eines germanischen Volkes ins unermessliche erweitert und 
die möglichkeiten germanischen Sprachausdrucks ausserordentlich ver- 
mehrt hat. Um der sprach Schöpfung willen hat er mit den be- 
harrenden mächten der sp räch Überlieferung nicht bis zum verzieht 
gerungen; sein zähes bestreben war vielmehr, sieh und sein volk von 

1) 'Darüber ist man jetzt einverstanden, dass kaum jemals ein übersetzet 
treuer, um nicht zu sagen ängstlicher in wiedergäbe seines Originals verfahret) ist' 
Germ. 19, 283. — Auf den unterschied zwischen Übersetzungstechnik und stil ist be- 
reits Zeitschr. 37, 165 hingewiesen worden ('ansätze eines selbständigen stils" ; 
'versuche, in das bild gotischer prosa einige kunstvollere Ihnen einzuzeichnen' s. 386). 



DER STIL DER GOTISCHEN BIKEI. 11 

tlier Sprachüberlieferung zu befreien und durch fromme hingäbe an die 
heilige schrift die Volkssprache der Westgoten als Schriftsprache 
für die neue religion und literatur tauglich zu inachen l . 

I. 
Betrachtet man die Schriften des Neuen testaments von ihrer 
stilistischen seite, so erscheint der griechische kanon recht bunt zu- 
sammengesetzt. Stark weichen die einzelwerke in ihrem literarischen 
gattungscharakter voneinander ab. Eine erbauliehe prosa und geist- 
liche didaktik lag dem gotischen Übersetzer vor, zu der sehr ver- 
schiedene stilarten ihr teil beigetragen haben. Von den autoren 
werden die verschiedensten register gezogen, wenn sie ihr instrument 
zu spielen beginnen. Paulus schreibt an Philemon einen wohl- 
wollenden geschäftsbrief und entwickelt vor den Römern und Ko- 
rinthern die tiefsten geheimnisse seiner religion oder die grund- 
begriffe seiner theologie. Der evangelist erzählt die heilsgeschichte 
oder auch eine orientalische novelle (das kabinetstück ist Me 9, 17 -29) ' 
und singt ein andermal im stil der psalmen ; hier spricht ein gelehrter, 
dort schwärmt ein prophet; mit dem hohen schwung gottbegeisterten 
gebets wechselt die zarte poesie sinnvoller gleichnisse oder die schlichte 
spruchweisheit alltäglicher lebenserfahrung. Aber einheitlich sind di< v 
in vielen färben schillernden vortrage durchwirkt von dem liturgischen 
grundton der gottesdienstlichen bücher. 

1) Den folgenden darlegungen stelle ich eine liste unentbehrlicher und grund- 
legender hauptwerke voran (F. Monlton and S. Geden, A concordancc to the greek 
testament. 2. ed. Edinburgh 1899. Handbuch zum Neuen t es tarne nt. hrsg 
von H. Lie t z in an n. Tiib. 1907 ff. Die Schriften des Neuen testaments 
hrsg. von .1. Weiss. 3. aufl. Gott. 1917. ,). Weiss. Das Urchristentum. Gott 
1914—17. E. Norden, Agnostos Theos. Untersuchungen zur formengeschicb.fr 
religiöser rede. Leipz. 1913) und bekenne, dass mich neben dem literarhistorische! 
das religionsgeschichtliche interesse zu dieser Stiluntersuchung veranlasst hat. Es 
schlägt auch hier ein kernspruch E. Nordens ein: "stilistische betrachtung wird, 
wie sich gebührt, die grundlage bilden, aber der stil war im altertum eine gross- 
macht, und richtig verhört, wird er auch interpretationsfragen beantworten und 
religionsgeschichtliche zusammenhänge beleuchten helfen' (s. 143). 

2) Vgl. etwa noch die genrescene: 

staua was sums in suinai baurg 

guß ni ogands jah mannan ni aistands 
wasubban jah widnwo in {»izai baurg jainai 

jah atiddja du imma <]i}»andei 
fraweit mik ana andastabja meinamma 

jah ni wilda laggai /reilai 
afarubban bata i|ab in sis silbin 

jabai jah guß ni og jah mannan ni aista 



12 KAI1TMANN 

'Liturgisch' lieisst das führende stilelement, Weil für die Bprach- 
gestalt des Neuen testaments der kultische zweck der einzelnen 
Schriften die wichtigste anweisung gegeben hat. Sie enthalten kultisch- 
liturgische bestandteile, die auch in ihrer gotischen fassung - durch 
die semitische formel amen ausgezeichnet - vorzüglich geeignet er- 
scheinen, die ersten und die grundlegenden stileindrücke zu vermitteln: 
Atta unsar {>u in himinam 
weihnai namo bein 

(|iniai hiudinassus beins 
wairbai wilja beins 

swe in himina jah ana airjiai 
hlaif unsarana bana sinteinan gif uns hinima daga 
jah aflet uns ])atei skulans sijaima 

swaswe jah weis afletam J)aim skulam unsaraim 
jah ni briggais uns in fraistubnjai 
ak lausei uns af bamma ubilin 
mite beina ist Jiiudangardi 

jah mahts jah wulfras in aiwins amen 

M 6, 9-13. 
ib in bizei usbriutili mis so widuwo fraweka J)o 
ibai und andi qimandei nsagljai mis 

L 18, 2-5. 
sum tuorao uuas in sumero burgi 

thie ni forhta </ot inti man ni intriet 
uuas thar ouh sum uuitua in thero burgi 

inti quam zi imo sus quedenti 
girih mib fon minemo uuidaruuarten 

inti her ni uuolta in managen zitin 
after thiu quad ber in imo selbemo 

oba ih nu got ni forhtu nah man ni intratu 
thohuuidoru uuauta mir heuig ist thisu uuitua girihhu sia 
min odouuan zi iungisten quementi mih refse 

Tatian 122, 1-2. 
sum dema was on sumere eeastre 

se iod ne ondred ne nanne man ne onpraettck 
ba wa«s sum wudewe on bsere eeastre 

J>a com beo to bim ond ewaeö 
wrec me wiö minne vviöerwinnan 

ba nolde be lanjre tide 
after harn ba cwseö he 

jteab ic go</ ne ondreede ne ic man ne onpraetje 
•beab forbam be beos wuduwe me is jram ic wrece hij 

l>e lies beo set neahstan cume me beliropende 
The gospel aeeording to S. Luke in ags. versions 18, 2—5. 



DEK STIL DER GOTISCHEN BIBEL 13 

Dies gebet klingt einem forscher, der von der adtgermanischen 
dichtung herkommt, ganz neu und fremdartig; es ist durch himina 
neben himinam, skulans sijaima neben skulam, piudungardi neben piu- 
dinassus leicht gotisiert, im ganzen hellenistisch stilisiert geblieben, vgl. 
amen guda du loulpau k 1, 20; pammei wulpus du aiwam amen G 1, 5; 
immah wulpus du ahvam amen RH, 36; immuh wulpus in aikklesjon 
in Xristau lesu in allos aldins aiwe amen E 3, 21; guda swerißa jah 
iculpus in aldins ahve amen T 1, 17; saei ist ufar allaim gup piupips 
in aiwam amen R 9, 5 ; änsts mip izwis amen C 4, 19 ; ansts fraujins 
unsaris lesuis Xristaus mip izwis amen Th 5, 28; ansts fraujins unsaris 
lesuis Xristaus mip allaim izwis amen th 3, 18. Diese formel zeigt 
weitere Wachstumserscheinungen : 

ansts fraujins unsaris lesuis Xristaus 

mib ahmin izwaramma amen R 1(3, 24 

ansts fraujins unsaris lesuis Xristaus 

mib ahmin izwaramma brobrjus amen (J 6, L$ 

ansts fraujins lesuis inib izwis 
friabwa meina mij) allaim izwis 

in Xristau lesu amen K 16, 24 

ansts fraujins (unsaris) lesuis Xristaus 
jah friabwa gudis 

jah gaman ahmins weihis mij) allaim izwis amen k 13, 13 
ansts izwis jah gawairjn 
fram guda attin unsaramma 

jah fraujin lesu Xristu E 1, 2 k 1, 2 th 1, 2 vgl. G 1, 3 

ansts jah gawairbi fram guda attin 

jah Xristau lesu nasjand unsaramma Tit 1, 4 

ansts armaio gawairbi fram guda attin 

jah Xristau lesu fraujin unsaramma T 1, 2 t 1, 2 

gawairbi brobrum 

jah friabwa mib galaubeinai 
fram guda attin jah fraujin lesu Xristau 
ansts mib allaim 

jjaiei frijond fraujan unsarana lesu Xristu 

in unriurein amen E G, 23-24. 

Auf liturgisch-gesangsmässigen vortragsstil beziehen sich ferner: 

awiliudo guda meinamma t 1, 3; awilindo guda pairh lesu Xristu 

fraujan unsarana R 7, 25; awiliudo pamma inswinpjandin mik Xristau 

lesu fraujin unsaramma T 1, 12; guda awililiup pamma sinteino us- 

taiknjaiulin hropeigans uns in Xristau k 2, 14; guda awiliup izei gaf 



14 KAI! TM ANN 

unsis siffis pairh frcutjan unsarana Iesu Xristu K 15, 57 : awiliup 
(fttrfa izei gnf po samon usdandein faur iztvis in hairto Teitaus k 8, 16; 
nmliup guda in pizos unusspiUodons in gibos 9, 15. 

Gleich den büchern des Alten testaments waren die heiligen 

schritten des neuen bundes dazu berufen, bei den gottesdiensten und 
gemeindeversammlungen der öffentlichkeit nicht vorgelesen, sondern 
vorgesungen zu werden '. Dies war denn auch die bestimmung der 
Gotenbibel. Sie ist daher nicht ein wissenschaftliches, sondern ein 
religiöses, in erster linie ist sie ein liturgisches buch. Der gottes- 
dienst hat dem autor sein oberstes fo ringe setz vorgeschrieben. 
Der gotische text der episteln ist in Lese ab schnitte geteilt. 
(laiktjo); die einzelnen perioden derselben sind reihenweise geordnet 
und mindestens durch eine interpnnktion kolometrisch begrenzt und 
gegliedert (Zeitschr. 43, 401 ff., vgl. 38, 382 ff.) 2 . An die rhythmik der 
liturgie sich hingebend, hat Wülfila wie andere bibelübersetzer auch 55 - 
dem bibeltext seinen inneren schwang abgelauscht und Störung seiner 
musikalischen knltsprache abgewehrt. Eine hauptfrage ist aber, ob 
nicht diese rhythmisch-melodische reihenbildung ', das bedürfnis des 
klangs, der reiz des tonfalls für den text, die wähl der Worte und 
ihre anordnung bedeutung gewonnen und die Sprachphantasie des Über- 
setzers in bewegung gesetzt hat (decor translationis, Zeitschr. 32, 316) r '). 

1) qam in Nazaraip, fiarei was fodips, jah galaip inn bi biuhtja seinamma 
m daga sabbato in synagogein jah usstop siggwan bohos L 4. IG: ni pata us- 
suggwud patei gatawida Daweid6,3 (Mc2, 25); in witoda hra gamelip ist? h-aiira 
ussiggwis? 10, 26; tiih l>ata gamelido ussuggwup? Mc 12, 10: jah pan ns,sigg- 
waidau at izivis so aipistule C 4, IG; ussiggwaidau so aipistule paim 
weiham broprum Tli 5.27. 

2» Die kritischen ei uzelf ragen, die unsere Überlieferung uns stellt, lassen sich 
hei dem gegenwärtigen stand der kenntnis der Handschriften nicht wohl erörtern 
— dass laiktjo vor k 11, 29 widersinnig ist, leuchtet ohne weiteres ein — wir ge- 
denken daher, uns an möglichst streitfreie beispiele zu halten (Zeitschr. 30, 433 ff.). 

3) Wertvoll sind die spätahd. evangelienfragmente mit ihren Vortrag s- 
z ei ch e n (Germ. 14, 442 f. ; Zeitschr. 14. 273 f.). 

4i J. Weiss, Beiträge zur paulinischen rhetorik. Theolog. Studien, B. Weiss 
zum 70. geburtstag dargebracht (Gott. 1897 1 s. 165 ff. ; Ders., Urchristentum s. 303 ff. 
B. Bultmann, Der stil der paulinischen predigt. Gott. 1910. E. Norden a. a. o. 
8. 240 ff. 348 ff. ('warum unterzieht sich nicht jemand der mühe, uns einen text in 
dieser art hergerichtet vorzulegen '? War die kolometrie schon den alten erwünscht, 
obwohl ihnen das ohr zu hilfe kam, wie viel mehr müssen wir sie verlangen, die 
wir mit dem äuge zu lesen gewohnt sind'). 

5) 'Überhaupt hält sich der Übersetzer stets gegenwärtig, dass seine bibel für 
<len Vortrag bestimmt ist und der inhalt in einer dem obre wohlgefälligen form 
geboten werden muss' Idg. Forsch. 29, 366. 



DBR STIL DER ÜOTISCHEN BIBEL 15 

Die darstellung einiger leseabschnitte möge die Sorgfalt ver- 
anschaulichen, mit der der Gote den liturgischen eliarakter seiner vorläge 
sich anzueignen bemüht war. Er hat namentlich die klangeffekte der 
Wiederholung und die rhetorischen effekte des gegensatzes bei 
der Übersetzung durch seine Wortwahl zur geltung bringen wollen ' : 



Triggw jjata waurd - 

jabai mipgadaupnodedum. jah miß Hb am 

jabai g a [> u 1 a m. jah miß [) i u d a n o m 
jabai afaikam. jah is afaikip uns 
jabai ni galaubjam. jains tri gg ws wisi{) 
afaikan sik silban ni mag 
|)ize gamaudei : wcitwodjands in andwairjjja fraujins 
waurdarn weihan du ni tiaihtai daug 
niba iisualteinai paim hausjondam 
asdaudei puk silban 

gakusanana »sgiban guda. waurstwjan unaiwiskana 
raihtaba raidjandan waurd sunjos 
\\> \>o dwalonu usweihona lausawaurdja. biwandei 
unte fiiu gaggand du afgudein 
jah waurd ize swe gund wulij» 

hizeei ist Ymainaius. jah Filetus 

paiei bi sunjai ?<swissai «smetun qipandans 

?/.sstass ju waurpana 3 

jah galaubein snmaize ^swaltideduu 
Apjmn tulgus grunduwaddjus gudis standip 
habands sigljo pata 4 

kunpa fr au ja pans {»aiei sind is 
jah afstandai af unselein 

^azuh saei namnjai namo fraujins 

1) Wie eifrijr der Übersetzer um die kontrast wirkling der antithese 
sich bemühte, dafür liegt auf dem gebiete der Wortwahl ein besonders schönes 
nnd schlagendes zeugnis vor, wenn er für 8ixaiog nicht bloss garaihts, sondern 
auch uswaurhts im gegensatz zu frawaurhts gebraucht (ni qam lapon garaihtans 
uL frawaurhtans L 5. 32: ni qam lapon uswaurhtans ak frawaurhtans M i), 13). 

2) 'Mit der bekannten formel 'Wahr ist das wort' wird hier ein durch seine 
besondere form und seinen rhythmischen Wohlklang sich auszeichnendes stück eines 
christlichen bekeuntnisses oder liedes eingeleitet, das . . . vielleicht einen bestandteil 
des liturgischen gesanges im gottesdienst bildete' Schriften des Neuen testaments 
2, 438 f. 

3) Punkt fehlt cod. B. 

4) Punkt fehlt cod. B. 



1») KAUFFMAXN 

Appan in mikilamma garda 

ni sind patainei kasa gn\\)ehia jah siHbxeina 

ak jah triweina jah digana 

jah suma du sweraim 

sumuppan du un sweraim 

appan jabai /ras ^tfhrainjai sik pizei 

wairpip kas du sweripai ^crweihaij) 

bruk fraujin 

du allamma waurstwe godaizc ^amanwif) 

Appan juggans lustuns ])liuh 
ip laistei ^raihtein 
r/r/laubein. frija|)wa. gawsdvpi 

mip fiaim bidai anahaitandam fraujan. us hrainjamma hairtin 
ij) [)OS dwalons jah untalons soknins hiuandci 
witands patei gabairand sakjons 
ip skalks fraujiiis ni skal sah an 
ak qairrus wisan wipra allans 
laiseigs. usl)ulands in qairfein 
talzjands pans andstandandans 
niu Zran gibai im gu{) idreiga 1 
du ufkunpja sunjos 

jah usskarjaindau us unhulpins wruggon 
fram pammei gafahanai tiuhanda. afar is wiljin t 2, 11 2»3. 

Mit derselben liedm'ässigen forme! Triggw pata waurd heben die 
leseabsehnitte T 3, 1 und 4, 9 an 2 . Der erstere ist besonders gut 
geeignet, bei der lektüre eine zweite grundwesentliche tatsaehe in 
unserem bewusstsein aufzufrischen, dass nämlich die sprachliche aus- 
drucksform des Goten. nicht sowohl von seinem freiwaltenden stilistischen 
vermögen, als auch von seinem übersetzungstechnischen verfahren 
abhängig war. Technisch folgte er seiner griechischen vorläge verbum 
e verbo (Zeitschr. 32, 316). Dadurch ist ein zwiespältiger zustand ge- 
schaffen worden. Auch dieser dualismus, der seine stilistisch mass- 
gebenden Wirkungen nirgends verleugnet, darf nach unseren, der über- 
setzungstechnik gewidmeten vorarbeiten als genügend bekannt voraus- 
gesetzt werden. Er möge hier nur durch ein charakteristisches beispiel 
- ein für allemal - veranschaulicht werden : 



1) Punkt fehlt codd. AB. 

2) Dazu triggw pata waurd T 1, 15; triggws gup k 1, 18. 



DER STIL DER GOTISCHEN BIBEL 17 

laiktjo 

Triggw J>ata waurd 

jabai A^as aipiskaupeins gairneip 

godis waurstwis gairneip 

skal nu aipiskaupus ungafairinonds wisan 1 

ainaizos qenais aba 

anda|)al)ts gariuds 

frojm. gafaurs 

gastigods: laiseigs 

ni wein . . . s. nis slahuls 

ak sutis. qairrus (airknis) 

ni sakuls ni faihufriks 

seinamma gar da fauragaggands 

bania habands ufhausjandona: mi{) allai anawiljein 

if) jabai fräs seinamma garda fauragaggan ni mag 
/raiwa aikklesjon gudis gakaro|> 

nih niujasatidana 1 

ibai aufto ufarhauhids in stauai atdriusai unhulßins 

skal auk is weitwodi|)a goda haban 1 fram f)aim uta 

ei ni atdriusai in idweit jah hlamma unhulßins 
jah swa diakaununs gariudans nih fm'hufrikans 1 

ni weina filu haftjandans nih aglaitgastaldans 

habandans runa #alaubeinais in hrainjai gwhugdai 

jaj)f)ai }>an gakiusaindau frumist 2 

jasswa andbahtjaina ungafairinodai uisandans 

qinons samaleiko gariudos. ni diabulos 

gafaurjos. triggwos in allamma 

diakaunjus sijaina ainaizos qenais abans 

barnam waila fauragaggandans jah seinaim -gardim 

Jmi auk waila andbahtjandans grid goda. sis fairwaurkjand 

jah managa bal^ein galaubeinai Jiizai in Xristau Iesu 
J>ata J)us melja wenjands qiman at {ms sprauto 

af){)an jabai sainjau 

ei witeis /raiwa skuld ist in garda gudis usmitan 

saei ist aikklesjo gudis libandins 

sauls jah tulgijm sunjos . . . . 

1) 8=1 ouv xöv inioKOiiov dv67ÜXv]rcxov eTvou . . . [ii] vsöcpuxov . . . 8sT 8S aüxöv 
xai u.apxopiav xaXvjv exeiv . . . 8taxövot>c ae^vous jirj SiXdyoug. 

2) Punkt fehlt cod. A. 

ZEITSCHRIFT F.DEUTSCHE PHILOLOGIE. IIP. XLVIII. 2 



18 KAl'FKMANN 

A])[mn ahma s\vikun[taba qij>if> 

|>atei in spedistaim dagam afstandand sumai galaubeinaä 
atsai/randans ahmane arrziJ)OS. jah laiseino unhulf)ono 
in lintein liugnawaurdje 
jah gatandida habandane swesa mipwissein 
warjandanc Hugos 
ga|)arban raate 

(»anzei gu]> gaskop. du andniman mip awiliudqm 
galaubjandam jah ufkunnandam sunja 
ante all gaskaftais gudis go}) 

jah ni waiht du uswaurpai. mip awüiudam andnuman 
gavveihada auk Jiairh waurd gudis jah bida 
J>ata insakands brofmini 

go[>s wairfns andbahts Xristaus Iesuis 
alands vvaurdam galaubeinais jah godaizos laiseinais j>oeigalai- 

stides 
\\) jjo ws weih o na: swe Nsaljmnaizo spilla biwandei 
ijj propei J)uk silban du gagudein 
a])J>an leikeina uspropeins du fawamma ist bruks 
i|> gagudei du allamma ist bruks 

gahaita habandci libainais ]>izos nu jah Jüzais anawaii'I>ons 

T 3, 1-4, 8 
Nach diesen allgemein giltigen hinweisen betrachten wir die 
einzelnen gruppen und die ihnen eigenen stilistischen faktoren. Wir 
gehen dabei abermals von den leseabschnitten als den in sich ge- 
schlossenen einheiten aus, die eine in lockerer Übersetzungsprosa - von 
der art der gotischen - der Zersplitterung ausgesetzte mannigfaltigkeit 
des Sprachgebrauchs 'bildmässig' zusammenfassen. In den geformter 
kunst sich nähernden reihen dieser abschnitte bringt die Wieder- 
holung eine gliederung zuwege: 
.a. 
.<j. laiktjo 

Jah 1 izwis wisandans daujians missadedim jahfrawaurh- 

tim izwaraim 
im paimei simle iddjeduj) 

biljrizai aldai J)is fair^aus 
bi reik waldufnjis. luftaus ahmins 
J)is nu waurkjandins in sunum ungalaubeinais 

1) Jah iztvis . . . C 1, 21; Jah pizai trauainai K 1, 15 (laiktjo). 



DER STIL HKK GOTISCHEN BIBEL 19 

in paimei jah weis allai usinetuin 

su man in lustum leikis unsaris 

taujandans wiljans leikis. jah gamitone 

jah wesum wistai barna hatize swaswe jali |>ai anbarai 
][» guj) gabigs wisands in armahairtein 1 

in bizos nianagons frijabwos bizaiei frijoda uns 
jah' wisandans uns d au bans frawaurhtim 
inibgaqiwida uns Xristau 

anstai s i u | » ganasidai 
jah miburraisida. jah mibgasatida in hhninakundaiin in Xristau Iesu 
ei ataugjai in aldiin baim anagaggandeira 
ufarassu gabeins. a n s t ais seinaizos 
in seiein bi uns in Xristau Iesu 

Tute anstai siu]> ganasidai bairh galanbein 
jah bata ni us izwis l 
ak gudis giba ist 
ni us waurstwam 
ei h/2ß ni /ropai 
:ik is sium taui 

gaskapanai in Xristau Iesu du waurstwam godaim 
boei fauragamauwida gup 

ei in pctim gaggaima E 2, 1-10 

.ib. laiktjo 

Swa nianagai swe sijaina uf jukuzjai skalkans 

seinans fraujans allaizos sweribos wairbans rahnjaina 
ei namo fraujins. jah laiseins ni wajamerjaidau 
Abban b.aiei galaubjandans haband fraujans 
ni frakunneina 

ante broprjus sind 
ak mais skalkinona 

unte galaubjandans sind jah liubai 
l>ai('i wailadedais gadailans sind 
]>ata l ais ei jah gablaih 2 
.ig. .labai /ras aljaleiko laisjai 

janni atgaggai du hailaim waurdam 



1 ) Punkt fehlt codd. AB. 

2) Gleichförmig wiederkehrende imperative rufen eine art von Strophenbildung 
hervor. 

2* 



20 KAUFFMANN 

))aitu fraujins unsaris Iesuis Xristaus 
jah jpizai bi gagudein laiseinai 
i]> hauhjmhts. ni waiht witands 
ak siukands bi soknins jah waurdajiukos 

us Jmimei wairf>and neij)a. (maurj>ra) haifsteis 

anaqisseis. anamindeis ubilos 
usbalfteins frawardidaize manne ahin 

at {>aimei gatarnijj ist sunja 
hugjandane faihugaivaurki 1 wisan gagudein 2 
afstand af {)aim swaleikaim 

A|»|)an ist gawaurki 1 raikil gagudei mi|) ganauhin 
ni waiht auk brahtedum in J)amma fairA-au 
bi sunjai J)atei ni usbairan A-a maguin 

.iq. AJ)pan habandans usfodein jah gaskadwein 
fiaimuh ganohidai sijaima 
afnpan [>aiei wileina gabigai wairjjan 2 
atdriusand in fraistubnja. jah hlamma unhul|)ins 2 
jah lustuns managans unnutjans jah skajmlans 
f)aiei saggqjand nians in /Wwardein jah /ralust 
wanrts allaize ubilaize ist faihugeiro 1 
fnzozei suinai gairnjandans 3 
afairzidai waurj)un af galaubeinai 
jah sik silbans gajmvaidedun sairam managaim 

äz, Il> ]>u jai manna gudis jmta Jriiuhais 

i|) laistjais gwraihtein. gagudein. <?alaubein 
frijajjwa. {mlain. qairrein 
haifstei {)o godon haifst galaubeinais 
undgreip libain aiweinon 

du |)izaiei la|)oJjs is 

jah andhaihaist [)amma godin andahaita 4 

in andwairjya managaize weitwode T 6, 1-12 

•9- 

.e. laiktjo 



1) Griech. Jtopiojidg > gawaurki, faihugaivaurki (arcag Xsydfievov) : faihugeiro 
cftXapY'jpia. 

2) Punkt fehlt cod. A. 

3) Punkt fehlt cod. AB. 

4) Punkt fehlt cod. AB. 



UKK STir, DER GOTISCHEN BIBEL &l 

Jtata anbar brobrjus meinai ' 
fagino]) in fraujin 

bo saraona izwis meljan 

mis swebauh ni latei 

ib izwis |)wastij)a 
fiaihip paus hundaus 

sailrip bans ubilans wanrstwjans 

saiJvip bo gamortanon 

Abbau weis sium bimait 

weis ahniin guda skalkinondans 

jah ^opandans in Xristau Iesu 

jah ni in leika gatrauam 

jah J>an ik habands trauain jah in leika 
jahai /ras anbar I>ugkei]> trauan in leika 
ik niais 

Bimait ahtaudogs 

us knoda Israelis 

kunjis Bainiameinis 

Haibraius us Haibraium 

Li witoda Fareisaius 

bi aljana wrakjands aikklesjon 

bi garaihtein pitai sei in witoda ist wisands usfairina 

Akei patei was mis gawanrki 

batuh rahnida in Xristaus sleipa wisan 

abban swebauh all domja sleipa wisan a 

in utarassaus kunbjis Xristaus Iesuis franjins meinis 

in bizei allamma gasleipi]^ im 
jah domja smarnos wisan allata 
ei Xristau du gawaurkja habau 
jah bigitaidau in imma 

ni habands meina garaihtein po us witoda 
ak l>o bairh galaubein Xristaus Iesuis 
sei us guda ist. garaihtei ana galaubeinai 

du kunnan ina 



1) Sicaei nu braprjus meinai liubans . . . Phl 4, 1. K 15, 58; pannu nu bro- 
prjus . . . Th 4, 1; Appan kannja izwis bropvjus . . . K 8, 1 ; pata »n an/ja r broprju.i 
meinai . . . E 6, 10; pata anpar yabidjaip jah bi unsis bro/>rjus . . . Th 3, 1 U. a. 

2) Punkt fehlt codd. AB. 



22 KAI ll'VIANN 

jah niaht usstassais is 

jah'gamaindun bulaine is 

nii])kauri{is was daiibau is 

ei /raiwa gaqimau in usstassai us dau{>aim 
Ni ]>atei ju andnemjau 

aibbau ju garaihts gadomibs sijr?« 

abban afargägga ei gafahaw 

in bammei gatahans war}) fram Xristau 

brobrjus ik mik silban ni nauli man gafnhan 

abban ain swebauh 

baim afta ufarmunnonds 

ij> du baim boei faura sind mik ufbanjands 
bi mundrein afargägga afar sigislauna 1 
|>izos iupa labonais gudis in Xristau Iesu 
.d. Swa managai nu swe sijaima fullawitans: bata hugjoSwvA 
jah jabai //a aljaleikos luigjijt 
jah bata izwis gub andhuljib 
a|>ban swebauh- du |)aminei gasnewum 
ei samo hugjamia [jah samo frabjaimaj 2 
samon gaggan garaideinai 2 
Mi|>galeikondans meinai wairbaib brobrjus 

jah.mun.dob izwis bans swa gaggamhm* 

swaswc habaib frisaht unsis 
untc managai gaggand 

banzei ufta qab izwis 

ib nu jah gretands qi]>a 

bans fijands galgins Xristaus 
pizeei andeis wairbib fralusts 
pizeei gub wamba ist 

jah w albus in skandai ize 
paiei airbeinaim trabjand 
i[> unsara bauains in h im in am ist 
]>abroei jah nasjand usbeidam fraujan Iesu Xristu 
saei inmaideib leika* hauneinais unsaraizos 
du ibnaskaunjamma lei /.• a w u 1 J> a u s s e i n i s 

1) Punkt fehlt codd. AB. 

2) Von dem stilprinzip der Wiederholung aus beurteilt, ergibt sich ohne* 
weitere», dass hier eine glosse in den text gedrungen ist und samon gaggan garai- 
deinai aus cod. B verdrängt hat. 

3) Griech. ocojia. 



UEIl .STIL DEH GOTISCHEN BIBEL 23 

bi waurstwa 

unte mag ufhnaiwjän s'is" alla Phl 3, 1- 2 L 

.e. 
.</. hiiktjo 

Swaei nu broprjus meinai liubans. l jah lustusamans 
faheßs jah waips meins 
swa standaip in fravjin 
Aiodian bidja 
jah Syntykein bidja 

pata samo frapjan in frdujin 
jai jah puk waliso bidja gajuko 2 

nipais pos pozei miparbaidedun mis in aiwaggeljon 
mi}) Klaimaintau. jah anparaim gawaurstwam meinaim 

pizei namna sind in bokom libainais 
nunu (nu) faginbp in fr au j in siuteino 
Aftra (jipa. faginop 

anawiljei izwara. kunpa sijai allahn inannam 

frauja ne/ra ist 
ni waihtai maurnaip 

ak in allai bidai. jah aihtronai. mi]) awiliudam 
bidos izwaros kunpos sijaina at guda 
jah gawairpi gudis 
]>atei ufar ist all ahane 

tastaip hairtona jah leika izwara in Xristau Iesu 
pata anpar broprjus 
pishrah Jmtei ist sunjein 
pishrah Jmtei gariud 
pish/ah Jmtei garaiht 
piskah Jmtei weih 
pishrah patei liubaleik 
pishrah patei vvailameri 
jabai hro godeino 3 
jabai hro hazeino 
pata mitoj) 
patei jah ^/alaisidedup izwis. jah gauemu]} 
jah (/ahausideduf) jah ^wse/ru}» in mis 



1) = K 15, 58 (laiktjo). 

2) vai epwxä» xai a£ yv^ais Sü^uys. 

3) anag Xeyö(jievov. 



Ü4 KAUFFMANN 

pata taujaip 
jah gup gawairpeis. sijai mip izwis 
•;. AJ)l>an faginoda in fraujin mikilaba 

unte ju /ran gapaihup du faur mik frapjan 
ana pammei jah fropup 
a]>pan analatidai waurpup 

ni patei bi parbai qipau 
unte ik galaisida mik l 
in paimei im ganohips wisan 
lais jah h au n j a n mik 
lais jah u f ar a s s U h a b a n 
in «//amma, jah in r///aim uspropips im 
jah sads wairpan jah gredags 
jah ufarassu haban. jah {)arbos pulan 
all mag in J>amma inswinpjandin mik Xristau 
Ji. Appan swe|>auh waila gatawidedup 
gamainja briggandans meina aglon 
a|)|>an witup jah jus Filippisius 
patei in anastodeinai aiwaggeljons 

pan usiddja af Makidonai 
ni ainohun aikklesjono mis gamainida l 

in rapjon gibos jah andanemis 
alja jus ainai 
unte jah in paissalauneikai 

jah ainamma sinpa jah twaim 
audawizn mis insandidedup 
Ni j>atei gasokjau giba 

. ak gasokja ak ... Phl 4, 1-17 

./. laiktjo 

pata nu anpar bro|)rjus meinai 2 
inswinfyai]) izwis in fraujin 

jah in mahtai sivin peius is 
gahamoj) izwis sarwam gudis 
ei mageip standan ivipra listins diabulaus 
unte nist izwis brakja wipra leik jah blop 
ak wipra reikja jah waldufnja 



1) Punkt fehlt cod. B. 

2) Punkt fehlt codd. AB. 



DEK STIL DEK GOTISCHEN MBEL. 25 

wipra Jjans fairMi habandans riqizis j>is 
wipra f)0 ahmeinona unseleins in }>aim hhninakuudam 
du{)J>e nimif) 1 sartva gudis 

ei mag ei p and stand an 1 in jjanima daga ubilin 
jah in allamma uswaurkjandans. standan 
standaib 1 nu. ufgaurdanai hupins izwarans sunjai 
jah gapaidodai brunjon garaihteins 

jah gaskohai fotum. in manwibai aiwaggeljons gawair{>jis 
ufar all andnimandans 1 skildu galaubeinais 
// cmmei magup allos arA-aznos bis unseljins funiskos aiVapjan 
jah hilm naseinais nimaib 1 
jah meki ahmins. f>atei ist waurd gudis 

|»airh allos aihtronins. jah bidos 

aihtrondans in alla mela in ahmin 

jah du bamma wakandans sinteino in allai usdaudein 

jah bidom fram allaim baim weih am. jah fram mis 

ei mis gibaidau waurd in usluka munbis meinis 

in balbein kannjan runa aiwaggeljons 

faur |)oei airino in kunawidom 8 

ei in izai gadaursjau swe skuljau rodjan 
A|)|>an ei jus witeib hra bi mik ist.' 6 ha ik tauja 

kanneib izwis allata Tykeikus 

sa liuha brobar jah triggwa andbahts in fraujin 

}>anei insandida du izwis 

dubbe ei kunneib Iva bi mik ist '' 

jah gabrafstjai hairtona izwara 
Gawairbi brobrum 

jah friabwa un\) galaubeinai 

fram guda attin jah fraujin Iesu Xristau 

Ansts mi|) allaim baiei frijond fraujan unsarana Iesu Xristu 
in unriurein 
amen E 6, 10 24 



1) niiiiij) (ävaXdßsxsj . . . andnimandans (ävaXaßövxes) • • nimaip (Säjaofrs) : 
standan (orijvai) . . . andstandan (dvxiaxTJvat) . . . standan, Standaip (axf,vai, axT,x*); 
vgl. sunjai . . . garaihteins, yawairpjis, galaubeinais . . . naseinais, ahmins. 

2) ärcas XsYÖjisvov; man berücksichtige: runa, balßei, sarwa usw. 

3) xd xax' §(ie . . . xd rctpi Yjj-töiv. 



26 KAll-IMANN 

Das Stilgesetz der Wiederholung zerlegt sich in die beiden 
haiiptstücke der wort Wiederholung 1 und der s atz Wiederholung; dazu 
kommt als dritte kategorie die silben Wiederholung, die entweder das 
homoioteleuton oder den eudreim oder auch den Stabreim erzeugt. Um 
was es sich handelt, lässt sich vorläufig schon aus folgendem, keines- 
wegs besonders erlesenem beispiel erkennen : 
.</. laiktjo 

' |)o «»f/busn a/mfilha ]ms barnilö Teimaujmiu 

l)i f>aim faura /bwrsniwandani ana Jmk praufetjam 
ei (/nugais in jiäim Jiata godo dräuhtiwitof) - 
habands galaube/«. jah goda mifnvisspm 
jnzaiei sumai afskiubandans bi galaubeinai naqadai waur|>un 
|)izeei ist Hymainaiws; jah Alaiksandrus 
])anzei anafalh satanin 
ei gatalzjaindau. ni wajamerjan 
.d. Bidja nu f rumist allis taujan 

bidos. aihtronius. liteinins. awiliuda 
fram allaim mannam 
fram Iriudanw/? 

jah fram allaim jiaim in ufarassau wisahdam 
ei slawandein jah sutja ald bauaima 
in allai </c/gudein jah t/ariudja 

|»atu])f)an ist god jah andanem in «/«fwair|)jä nasjandis 

unsaris gudis 
saei allans mans wili g&niMn 
jah in ufkunjya sunjos qiman 
Ains allis gu[> 

(lins jah piidumonds gudis jah manne 

manna Xristus Iesus 

sa gibands sik silban. andabauht faur allans 

(|)izei) weitwodei[n] melam swesaim 

du Jiammei gasatif)s im ik. merjands jah apaustaulus 

sunja qipa in Xristau ni liuga 
laisareis Jiiudo in galaubeinai jah sunjai 

1) Sie konnte von eiuem Übersetzer auch umgangen werden; vgl. z. 1». a inari 
usquc ad mare > föne mere ze mere: et dominabitur a muri usque ad niare - unds 
herresot er föne einemo mere ze anderem»; wir chunden din lob in g e- 
burte un de in geburte > in alle geburte (in generatione et generatione) Notker 
ed. Piper 2, 330, 19. 284, 12. 328, 4. 366, 23 u. a. Derartiges hat Wulfila streng 
gemieden. 

2) arca£ XeyöjJLSVOv. 



DER STIL DER GOTISCHEN BIBEL, 27 

.c Wiljäii im wairans bidjan ' 

in allaim stadim : ushatjandans swiknos handuns inuh ]>wair- 

\\ein jah tweiflem 
.(/. samaleiko jah qinons 

in gafeiem&i hrainjai 

nii{) gariudjon jah inahein. /t/jandeins sik 

ni in flahtoni : aiJ)J>au gulba 

aibpau marikreituni aippau wastjom galubaim 

ak patei gadob ist qinom gahaitandeim gu|> 

hlotan pairh waurstwa goda 
Qino in haunipai galaisjai sik in allai ufhauseinai 

ij> galaisjan qinon ni uslaubja 

nih fraujinon faura wäira 

ak wisan in pahainai 
Adam auk fruma gadigans warf paproh Aiwwa 

jah Adam ni warp uslutops 

i|> qino uslutoda in missadedai war]» 

ip ganisi|> pairh barne gabanr|) 

jabai gastandand in galaubeinai jah f'rija]>\vai 

jah weihifnü mi]) gafra|)jein T 1, 18-2, 15 

.(j. laiktjo 

Bidja nu izwis ik bandja in fraujin 

wair{)aba gaggan pizos laßonais. pizaiei lapodai sin}) 

mi[) allai hanneinai jah qairrein 

mip wsbeisnai uspulandans izwis misso in frijajtieai 

itödandjandans fastan ainamundipa ahmins 

in (/abundjai «/awairpeis 
Ain leik jah ains ahma 

swaswe atlapodai siju}> in aina wen laßonais izwaräizos 

ains frauja. aina galaübeins. aina danpeins 

ains gup jah atta allaize 

saei ufar allaim jah and allans jah in allaim uns 

i|> ain/rarjammeh unsara atgiban ist ansts bi »litxj» gibox 

Xristaus 
In ])izei qi|)i[) ussteigands in hauhi|>a ushanp hun|> jah atuhgaf 

gibo* mannani 

]>atuj>pan usstaig /ra ist 2 

1) Tunkt fehlt codd. AB. 

2) Punkt fehlt cod. A. 



28 KAUFPMANN 

niba fmtei jah atstaig faurf>is in undaristo airpos 

saei atstaig 

sa ist jah saei usstaig ufar allans hi min ans 

ei usfullidedi allata 
Jah silba gaf suraans apaustauluns 

sumanzuf)f)an praufetuns 

sumanzu^Ipan aiwaggelistans 

sumanzutp|>an hairdjans jah laisarjans 

du ustauhtai weihaize 

du waurstwa andbahtjis 

du timreinai leikis Xristaus 
Unte garinnaima allai in ainamundipa galaubeinais 

jah ufkun|)jis sunus gudis 

du waira fullamma 

in mitap wahstaus fullons Xristaus 

ei })anaseiJ)S ni sijaima niuklahai wswagidai 

jah ?mvalugidai winda Gammen laiseinais l 

liutein manne in filudeisein 

du listeigon uswandjai airzeins 
I}i sunja taujandans in frijapwai wahsjaiina. in ina 

}>o alla ize ist haubij) Xristus 

us |)ammei all leik ^«gatiloli 1 

r/^gahaftij) p>airh allos (/«wissins andstaldis 

bi waurstwa in mitap ana ain/rarjoh fero 

uswahst leikis taujif) 1 

du timreinai seinai in frijapwai E 4, 1-16 

Nächst der Wiederholung ist die mit Wortwechsel verknüpfte 
anti'these an der formung biblischer rede und der bauart der lese- 
abschnitte hauptsächlich beteiligt. Es ist reizvoll, bis ins einzelne 
hinein zu verfolgen, wie sich wortwiederholung und antithese durch 
die gotische Wortwahl ineinander verflechten (o. s. 15): 
laiktjo 

Y)u])\>q ganiuneij) 

])atei jus Jnudos simle wesu]> in leika 

{3ai namnidans unbimaitanai 

fram J>izai namnidon bimait 

in leika handuwaurht 
Unte wesuj) ]ian in jainamma niela inu Xristu 

1) Punkt fehlt cod. A. 



DER STIL «KU UOTLSCHEN BIBEL 29 

framapjai ussietis Israelis 

jah gasteis gahaite trausteis 
wen ni habandans 

jah gudalausai in manasedai 
iji nu sai in Xristau Iesu jus juzei simle weSQp fairra 

waurpup ne/^a in blopa Xristaus 
Sa auk ist gawairpi unsar. saei gatawida po ba du samin 
jah midgardiwaddju fapos gatairands 
fijapwa ana leika seinamma. witop anabusne garaideiniin 

gatairands 
ei pans twans gaskopi in sis silbin 
du ainamma niujanirna mann waurkjands gawairpi 
jah gafripodedi pans bans in ainamma leika guda 
pairh galgan afslahands fijapwa in sis silbin 
jah qimands wailamerida 
gawairpi izwis juzei fairra 
jah gawa i rp i paim izei ne^a 
Unte pairh ina habam atgagg b a j o p s 

in ainamma ahmin du attin E 2, 11-18 

.g. leikijo 

J>ata nu qipa. jah weitwodja in fraujin 

ei panaseips ni gaggaip. swaswe jah anparos piudos gaggand 
in uswissja hugis seinis 

riqizeinai gahugdai 

wisandans framapjai libainais gudis 
in unwitjis Jus wisandins in im 
in daubipos hairtane seinaize 

paiei uswenans waurpanai: sik silbans atgebun aglaitein 
in waurstwein unhrainipos allaizos 
in faihufrikein 

ip jus ni swa ganeniup Xristu 
jabai swepauh ina hausidedup 

jah in imma uslaisidai sijup 

swaswe ist sunja in Iesu 
ei aflagjaip jus bi frumin usmeta. pana fairnjan mafinah 

pana riurjan bi lustum afmarzeinais 
anuppanniujaip ahmin frajijis izwaris 

jah gahamop [laraina niujan mann 

pamma bi guda gaskapanin in garaihtein jah weihi- 

pai sunjos 



•iO KAÜKFMANN 

In [>izci aflagjands liugn 

rodjaif) sunja /rarjizuh mif) ne/mndjin sein am ma 
unte sijup anjmr anjjaris lij>us 
pwairhaA^paiü sijaif). jali ni frawaurkjaij) 

sunno ni dissigqai ana pivairhein izwara 
ni gibail) staf> unhuljnn 
saei hlefi. J>anaseiJ)s ni hlifai 

i|> mais arbaidjai waurkjands swesaim handuni [)in]) 
ei habai dailjan j)aurbandin 
ainhun waurde ubilaize us munf>a izwaramma ni usgaggai 
ak J>atei goj) sijai. du timreinai galaubeinais 
ei gibai anst hausjandam 
ah ni gaurjaiji ]>ana weihan ahman gudis 

in Jiammei gasiglidai sijuf> in daga uslauseinais 
.e. 
.z. alla baitrei. jah hatis: jah ]>wairhei 

jab hrops: jah wajamereins afwairpaidan af izwis ini|) allai 

u n s e 1 e i n 
wair])aiduh nii[> izwis misso seljai. annahairtai 
fragibandans izwis misso 

swaswe gu|> in Xristau fragaf izwis E 4, 17-32 

laiktjo 

Wair^ai]» nu galeikondans guda 
swc barna liubn 

jah gaggai]) in friajjwai 

swaswe jah Xristus frijoda uns 

jah atgaf sik silban faur uns 
hunsl. jah sauf) guda. du daunai wof>jai 
aJ>J)an horinassus jah allos unhrainißos. ai])|>au faihufrikei 

nih namnjaidau in izwis 

swaswe gadob ist weihaim 

ai])f)au . . . dwalawaiirdei ai{)|)au saldra 
|)oei du faurftai. ni fairrinnand 

ak mais awiliuda 



■-£ 



pata auk witeij) kunnandans 

J>atei /razuh hors aif)J)au unhrains. aij)J)au faihtfriks 
|>atei ist galiugagude skalkinassus l 

1) Punkt fehlt cod. B. 



DER STIL DBB GOTISCHEN BIBEL 31 

ni habai|> arba. in biudangardjai Xristaus jali gudis 
ni manna izwis usluto lausaim uaurdam 

bairh |>oei qimib hatis gudis ana sunum ungalaubeinais 
n i wairba i J> nu gadailans im 
Wesub auk suman riqiz 

ib nu liuhab in trau j in 

swe bama liubadis gaggaib 

abban akran liubadis ist in allai seiein 

jab garaihtein jäh sunjai 
gakiusandans batei sijai wailagaleikaib fraujin 
jab ni gamainjaip waürstwam riqiz is . . . 
Du]>[>e ni wairbaib unfro.dai 

ak frabjandans k& sijai wilja fraujina 
jab ni anadrigkaih izwis weina 1 

in bammei ist usstiurei 
ak fullnaib in ab min ' 
YO&yindans izwis in psalmom jab bazeinim 
jab saggwim ahmeinaim wggvtandans in hairtam izwaraim 

fraujin 
aMnliwiondans sinteino fram allaim 1 

in namin fraujins imsaris Iesuis Xristaus. attin jab guda 
ufh&usjandans izwis missb in agisa Xristaus . . . 

E 5, 1-21 

.iL laiktjo 

Abban trauain swaleika liabam bairh Xristu du guda 

ni batei wairpai sijaima }>agkjan h r n af uns silbam 

swaswe af uns silbam* 
ak so wairpida unsara us guda ist 

izei jab ttwV/iawsbrahtauns andbabtans niujaizos triggwos 
ni bok os. ak ahm ins 

unte boka usqimi{>. ib abma gaqiuji|) 
Abban jabai andbahti daubaus 

in gameleinim gafrisahtib in stainam 
warj» wulbag 

swaei ni mahtedeina sunjus Israelis, fairweitjan du 

wlita Mosezis 
in wulbaus wlitis is pis gataiirnandins 

1) Punkt fehlt cod. A. 

2) oüx öti ixtxvoi iojiev Alf' iotuxüv XoYioaoO-ai xt to; 45 Jaoxwv. 



B2 KAUFFMANN 

/raiwa nei mais andbahti ahniins wairf>ai in wul|iau 

jabai auk andbahtja wargifios wuljnis 

und filu mais ufarist andbahti garaihteins in wul^au 

unte ni was wulf>ag. f)ata wulfmgo in fuzai halbai 

in ufarassaus wul^aus 
jabai auk pata gataurnando f)airh wulfui 
und filu mais J)ata wisando in wulf>au 
Habaudans nu swaleika wen 

managaizos balj)eins brukjaima 

jah ni swaswe Moses 1 

lagida hulistr ana andawleizn 

duj>e ei ni fairweitidedeina sunjus Israelis l 

in andi pis gataumandins 

ak afdaubnodedun fra|)ja ize 

unte und hina dag J)ata samo hulistr 1 

in anakunnainai Jrizos fairnjons triggwo* 

wisif) unandhulij) 

unte in Xristau gatairada 
akei und hina dag 

mif)J)anei siggwada Moses 
hulistr ligij) ana hairtin ize 

a|)f)an mif)I>anei gawandeijj du fraujin 

afnimada Jtata hulistr 

AJ)Jian frauja ahmet ist 

af){mn J>arei ahma fraujins 

{)aruh freihals ist 

a{)f)an weis allai. andhulidamma andwairfya 

wuIJhi fraujins J)airhsai/^andans 

J)o saman frisaht ingaleikonda 1 

af wuljiau in wulf)au 

swaswe af fraujins ahmin 

e. Duf)|)e habandans f)ata andbahti 

swaswe gaarmidai waurfnim 

ni wairftam usgrudjans 3 

ak afstofmm Jiaim analaugnjam aiwiskjis 

ni gaggandans in warein 



1) Punkt fehlt codd. AB. 

2) Formelhaft; L 18, 1. K 4, 16. E 3, 13. G 6, 9. th. 3, 13. 



DER STIL DER GOTISCHEN BIBEL 33 

ni galaug taujandans waurd gudis 

ak bairhtein sunjos 

ustaiknjandans uns silbans du allaim mibwisseim manne 

in andwairpja gudis 
Abban jabai ist gahidida aiwaggeljo unsara 

in baim fralusnandam ist gahulida 

in baimei gub bis aiwis: gablindida frabja 1 {uze unga- 

laubjandane 

ei ni liuhtjai im liuhadeins aiwaggeljons wülbaus Xristaus 

saei ist frisahts gudis ungasai^anins 

abban ni uns silbans merjam 

ak Iesu Xristu fraujan 

ib uns skalkans izwarans in Iesuis 

unte gub saei qab ur riqiza liuhab skeinan 

saei jah liuhtida in hairtam unsaraim 

du liuhadein kunbjis wulbaus gudis 

in andivairpja Iesuis Xristaus k 3, 4-4, <» 

.q. laiktjo 

Abban 2 habandans bata huzd in airbeinaim kasam 

ei ufarassus sijai mahtais gudis 

jah ni us unsis 

in allamma braihana/. akei ni gaaggwida? 

andbitan«/. akei ni afslaubidae 

wrikanw. akei ni bilibanr// 

gadrausidoi akei ni fraqistidaj 

sinteino daubein fraujins Iesuis ana leika unsaramma 

. . . [1 i b a i n s] . . . uskunpa sijai 3 

sinteino weis li band ans in daubu atgibanda in Iesuis 

ei jah libains Iesuis swikunpa wairpai 3 in riurjamma leika 

unsaramma 

swaei nu daubu s in uns waurkeib. ib libains in izwis 
Habandans nu bana saman ahman galaubeinais 

bi bamma gamelidin. galaub/c^/ in bizei jah rodida 
jah weis galaub/aw in bizei jah rodjam 

witandans. batei sa urraisjands fraujan Iesu 



1) Es ergab sich die randglosse afblindnodedun. 

2) Vgl. Jßßan ... k 2, 12. 3, 4. 8, 1. 9, 1. 10, 1. 12, 15. G 2, 11. Phl 1, 21. 
Th 5, 1. t 3, 1 (laiktjons). 

3) ^avepwS-Yj. 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XLVIII. 3 



34 KATFFMANN 

jah unsis bairh Iesu urraiseib jah fauragäsatjib mib izwis 
batuh ban allata in izwara ei ansts managnandei 
|>airh managizans awiliud ufarassjai du wul|>au guda 
inuh |>is ni wairbam usgrudjans 

ak j)auhjabai sa utana unsar männa fraward/adVi 
aibbau s a i n n u m a ananiu/arfr/ 
daga jah daga 
mite bata andwair|)jo /r e i 1 a/rairb jah leiht aglons 

unsaraizos 
bi ufarassau a i w e i n i s w u 1 {) a u s k a u r e i waurkj ada 

unsis 
ni fairweitjandam bize gasai/ranane. ak bize ungasai- 

Banane 
ante \)0 gasai/ranona riurja sind. ib bo unga- 

sai^anona aiweina 
witum auk batei jabai sa airj)eina unsav gards. pizos hleipros 

gatairada 
ei gatimrjon us guda habam gard unhanduwaurhtana : 

aiweinana in h im in am 
unte jah in baniina swogatjam 

bauainai unsarai. bizai us himiua ufarhamon gairnjandans 
jabai swebauh gawasidai ni naqadai bigitaindau 
jah auk wisandans in pizai kleiprai. swogatjam kauridai 
ana })ammei ni wileima afhamon ak anahamon 
ei fraslindaidau ]iata diwano t'ram libainai 
abban saei jah gamanwida uns du {larama 
gub saei jah gaf unsis wadi ahman 
gdtraüand'ans nu sinteino jah witandaus 

batei wisandans in bamma leika 
afhaimjai sijum fr am fraujin 

unte Jiairh galaubein gaggam. ni ]>airh siun 
abban gatrauam jah waljam 
mais usleiban us bamma leika 
jah anahaimjaim wisan at fraujin 
inuh j)is usdaudjam 

jabbe anahaimjai. ja])be afhaimjai 1 

waila galeikan imma 

unte allai weis ataugjan skuldai sijum faura stauastola Xristaus 

1) Punkt fehlt codd. AB. 



DEK STIL DER GOTISCHEN BIBEL 35 

ei ganimai /Aarjizuh f>o swesona leikis 
afar paimei gatawida 
jappe piup jappe unpiu]» k 4, 7-5. 10. 

Schliesslich reihen wir diesen leseabschnitten der episteln einige 
evangelienpartjen an, die - obwohl fragment - die auf Wiederholung 
uud gegensatz (thesis und antithesis) * beruhende ausdrucksform und 
die liturgische klaugwirkung der gotischen Übersetzung 2 auch ihrerseits 
für das gesamtwerk zu bestätigen geeignet sein dürften. 

'Es erstaunten die niassen' (biabrideclun manageins . . . was auk 

1) Für die anthithesen verweise ich auf Weiss, Urchristentum s. 312 ff. - 
Eine besondere kategorie bilden die antithetisch gebrauchten pr äp ositio neu 
(ni af mannam nih pairh mannan G 1, 1 ; in leilca . . . ni bi leika k 10, 3; bi mahtai 
. . . ufar mäht 8, 3 u. a.) sowie die verba, die mit präpositionaladverbien zusammen- 
gesetzt erscheinen (patel wisa jah pairhwisa Phl 1,25 [vgl. aomjan. .. gadomjan 
k 10, 12] \poei anakunnäip aippau jah ufkunnaip k 1, 13 [vgl. ufkunnandans gup 
maisuppan gakunnaidai främ guda G 4, 9] ; dazu jappe anahaimjai japj)e afhaimai 
k 5, 9, während der Übersetzer bei v. 6—8 noch mehr als bei 4, 8 oder R 12, 3 
oder th 3, 11 versagtj. 

2) Ich gebe auch eine probe aus westgermanischer bibelübersetzung. In den 
Monseer bruchstücken (und ganz ähnlich im ahd. Tatian) lesen wir M 13,41—50: 
sentit mannes sunu sine angila 

enti samnont fona sinemo rihhe alle dea asuuihhi enti dea ubiltatun 
cnti tuoit dea in fyures ouan dar im scal nuesan unöft enti zano gägrim 
danne dea rehtuuisigun schinant so sunna in iro fateres rihhe 
so huuer so gahlosiu orun eigi gahore 
galih ist himilo rihhi gaberge gaborganemo in acchre 
so danne man daz findit enti gabirgit iz 

enti des mendento gengit enti forchaußt al so huuaz so er habet 
enti gachaufit den acchar 
null ist galihsam himilo rihhe demo suahhenti ist guote marigreoza 
funtan auh ein tiurlih mai"igreoz 
genc enti forchanfta al dost fr hapta 
enti gachaufta den 
auh ist galih himilo rihhi seginun in seu gasezziteru enti allero fiscchunno gahuuelihhes 

samnontiu 
so diu danne fol uuarth uzardunsan enti dea bi stade siezentun 
arnxelitHn den guotun in iro faz dea ubilun auar uurphun ttz 
so unirdit in demo galidontin enti uueralti 
quuemant angila 

enti arscheidant dea ubilun fona mittem dem rehtuuisigom 
enti lecchent dea in fyures ouan dar uuirdit uuoft enti zano gagrim. 
Im Tatian (76, 5—77, 4) entsprechen sich sentit engila: uzgangent engila; senient sie 
in ouan fiures thar ist uuuoft inti stridunga zeno: sentent sie in ouan fiures thar 
uuirdit uuuoft inti clafunga zenio (:zeno stredunga 113,2); gengit inti furcoufit 
elln thiu her habet: gieng cnti furcoufta ellu thiu her habeta. Der 

3* 



36 KAUFFMANN 

laisjands stve waldufni habands), heisst es von dem zauber einer 
heilandsrede (M 7, 13-27) i 1 
inngaggaif) J)airh aggwu daur 

unte braid daur jah rums ivigs 

sa brigganda in fralusta« 

jah managai sind J>ai inngaleij)andans ])airh jiata 2 
//'an aggwu Jaata daur jah Jiraihans wigs 

sa brigganda in libainai 

jah fawai sind Jjai bigitandans J)ana 2 
atsai/ri{) swej>auh faura liugnapraufetum 

J>aim izei qimand at izwis in wastjom lambe 

if) innaj^ro sind wulfos wilwandans 
bi akranam ize ufkunnaip ins 

ibai lisanda af J)aurnum weinabasja 

ai|)J)au af wigadeinom smakkans? 

swa all bagme godaize akrana goda gataujip 



dichter des Heliand hat sich weit von der stilform seiner vorläge entfernt 
(v. 2598 ff., 2621 ff.). Bei den Angelsachsen finden wir in ihrem Matthäusevangelium 
folgenden Wortlaut: 
mannes sunu sent Ins englas 

ond jadriaö of his rice ealle jedrefednesse ond ha he unrihtwisnesse wyrceaö 
ond asendaÖ hig on Jxes fyres ofen paar byp wop ond topa gristbitung 
bonne scinaö 3a rihtwisan swa swa sunne an hyra faeder rice 
jehyre se öe earan to jehyranne haefö 

heofona rice is gelte jehyddum joldhorde on ham secere 
Jionne hehyt se man be hyne ßnt 

ond for his hlysse geed ond sylp eall peet he ah 
ond gebigö bone secer 
eft is heofena rice gelic bam manjere b e sollte \}&t jode meregreot 
ha he funde baet an deorwyrdte meregreot 

J)a eode he ond sealde eall Jxet he ahte 
ond höhte baet meregreot 
eft is he ofen a rice gelic asendum nette on b a sae ond of aelcum fisceynne- 

jadrijendum 
ba hi b a b*t nett uppatujon ond saeton be b am strande 

ba jeeuron hij pa jodan on hyra fatu b a yfl a ° hij awurpon ut 
swa byb on bisse worulde endunje 
ba englas farati 

ond asyndriaö ba yfelan of ba?re jodra midlene 

ond awosrpad hig on Jms fyres ofen p)o?.r byÖ wop ond toÖa gristbitung. 

1) Norden s. 362 f. — Die teilung der kola ist bekanntlich im cod. arg. un- 
sicherer als in den codd. Ambr. 

2) Wechsel des genus! 



DER .STIL DER GOTISCHEN BIBEL 37 

ip sa ubila bagms akraua ubila gataujip 
ni mag bagms piupeigs akrana ubila gataujan 
nih bagms ubils akrana piupeiga gataujan 
all bagme ni taujandane akran gop usmaitarfa 
jah in fon galagjtfd« 
pannu bi akranam ize ufkunnaip ins 
aii A'azuh saei qipip mis frauja frauja 
inngaleipip in piudangardja himine 
ak sa taujands wiljan attins meinis pis in himinaiu 
managai qipand mis in jainamma daga. frauja frauja 
niu [>einamma namin praufetidedwm 
jah peinainma namin unhulpons uswaurpww 
jab peinamma namin mahtins mikilos gatawidedwm 
jah pan andhaita im 

patei ni /^anhun kunpa izwis 
afleipip fairra mis jus waurkjandans unsibjona 
Jvazuh nu saei hauseip waurda meina jah taujip po 1 
galeiko ina waira frodamma 

saei gatimrida razn sein ana staina 
jah atiddja dalap rign 
jah qeinun &kos 
jah waiwoun windo* 

l) Vgl. den ahd. Tatian 43, 1—2; etwas anders nimmt sieh für das folgende 
lie ags. Übersetzung aus: 

■ -irnustlice celc pcere pe pas mine word geht/rö ond ßa wyrcÖ 
byb ^elic bam wisan were 

se hys hus ofer stan jetimbrode 
ba com \>&r ren 
ond mycele flod 
ond bsör bleowun windas 
ond ahruron on ba;t hus 
ond hyt na ne feoll 
soölice hit waes ofer stan jetimbrod 
nd (nie pcere pe ~%ehyrj> das mine word ond pa ne wyrcd 
se byb jelic Jtam dysijan men 

|>e jetirabrode hys hus ofer sandceosel 
l>a rinde hit 
ond b«r comon flod 
ond bleowun windas 
ond ahruron on ]>aet hus 
ond bset hus feoll 
ond hys hryre wres mycel. 



HS KAUFFMAN.N 

jah bistugqun bi |>aimna razna jainamma 
jah ni gadraus 
ujöte gasulip was ana staina. 
jah hazuh saei hauseiji waurda raeina jab ni tauji[> \>o 
gafaiko&s, mann dwalanima 

saei gatimrida razn sein ana malmin 
jah atiddja dalap rign 
jah qemun akos 
jah waiwoun windo.9 
jah bistugqun bi jainamma razna * 
jah gadraus 
jah was drus is mikils. 
Die letzten beiden je mit h/azuh eingeleiteten Strophen (24-25: 
26-27) lauten bei Lukas 6, 47-49 : 

/razuh sa gaggands du mis jah hausjands waurda nieina jah taujands ]><> 
ataugja izwis /ramma galeiks ist 
galeiks ist mann ümrjandin razn 

saeigrob jah gadiupida jah gasatidagrnnduwaddju ana staina 
at garunjon pan waur|)anai bistag q a/^a 2 bi jainamma razna 
jah rii mahta gawagjan ita 
gasulid auk was ana pamma staina 
i[> sa hausjands jah ni taujands 

galeiks ist mann timrjandin razn 

ana airpai inuh grunduwaddju 
|>atei bistagq flodus 2 
jah suns gadraus 

jah warp so uswalteins pis raznis mikila. 
Die abweichungen sind so charakteristisch und für unser rhyth- 
musgefühl und stilempfinden so wirksam wie die Übereinstimmungen, 
die zwischen den beiden evangelien bestehen. 

Dass der Gote nicht unbedingt dem gesetz der Wiederholung 
gehorcht, obwohl er es zuweilen gegen den griech. text in anwen- 

1) Wie galeiko 24 (o^oiüxjü)): galeikoda 26 (6noico9-rjaeTat.) verhalten sich 
(mit bewusster differenzierung?) bi pamtna razna jainamma 25 (z% ofoti? exeivig) : 
bi jainamma razna 27 (xy olxicj Ixeivig), eine Variante, die ein von der griechischen 
vorläge sich emanzipierendes Stilgefühl des Goten verrät, dem offenbar die wort- 
wörtliche Wiederholung seiner vorläge zu weit gieng; daher er auch avSpi . . dvSpi 
durch waira . . mann ausdrückte. 

2) Wiederum tritt zum unterschied gegen den griechischen text 'wechsel im 
ausdruck' ein (bistagq aka 48 Tipoaeppvjgev b nozonxöq: bistagq flodus 49 npooeppr^ev 
6 xoTau-ög). 



DER STIL DEK l"i< »TISCHEN BIBEL 39 

dung bringt (z. b. fropun-fropeina L 9, 45), wird uns auch M 25, 

38-46 in erinnerung gebracht: 

hranuh pan puk sehnim gast jah galafyodedum 

aippau naqadana jah wasidedum 
hranuh pan puk selvum siukana 

aippau in karkarai jah atiddjedum du }>us 
jah andhafjands sa piudans qilnjj du im 

amen qij>a izwis 
jah |>anei tawideduj) ainainma Jtize minnistane brojire meinaize 

mis tawideduj) 
panuh qi|>i|) jah paim af hleidumein ferai 

gaggip fairra mis jus fraqipanans in ton pata aiweino 

f>ata manwido unhulpin jah aggilum is 
unte gredags was janni gebuji mis matjan 

af|>aursi|)s was janni dragkidednp) mik 

gasts janni gsdafiodedup mik 

naqaps janni xv&sidedu/) mik 

siuks jah in karkarai janni gaweisodeduj) meina 
panuh andhafjand jah pai qipanclans 

frauja Iran puk sehnim gredagana aippau afpaursid/yw<r 

aijijjau gast aippau na.qa$ana 

aj,pj>au siukana aippau in karkarai janni andbahtidedeima [jus 
f>anuh andhafjip im qijjands 

amen qipa izwis 
jah ]>anei ni tawideduj» ainamma |>ize leitilanc 

mis ni tawideduj) 
jah galeipand pai in baiwein aiweinon ' 

\\) jiai garaihtans in libaiu aiweinon M 25. 38 46. 

»Schmuckformen biblisch-liturgischer dichtung sammeln sich in den 
psalmartigen heilsbotschaften des Neuen testaments, den glanzstücken 
der liturgie, x denen der Gote kaum etwas schuldig geblieben zu sein 
scheint. 

Sein Ave Maria (golehis) lautet 2 : 
fagino 3 anstai audahafta frauja mi}> j>us 

1) awiliup, aivilitidon oben s. 13; vgl. rodjandaus izwis in psalniom jah hazei- 
nim jah saggwini ahmeinaim siggvvandans in hairtam izwaraira fraujin awiliudon- 
dans sinteino . . . E 5, 19-20; dazu C 3, 15-17. 

2) Vgl. Tatian 3, 2 ff. Heliand 259 ff. Otfrid 1, 5, 15 ff. 

3) Dies neue affektvolle wort — dem Übersetzer stand auch hails (für griecb. 
X<xtp») zur Verfügung, dessen der ahd. Tatian, der Heliand und Otfrid sich bedienen - 



40 KAUFFMANH 

]j i u j) i d o J) u i o q i n o m . . . 
n i ogs Jnis Mariam 

bigast auk anst fram guda 
jah sai ganimis in kilj)ein 

jah gabairis sunu 

jah haitais namo is Iesu 
sah \vairf>i]) mikils 

jah sunus hauhistins haitada 

jah gibid imnia frauja guf» stol Daweidis attins is 

jah Jnudanof) ufar garda Jakobis in ajukdu|) 

jah Jriudinassaus is ni wairjnf) andeis . . . 
ahma weihs atgaggijj ana |mk 

jah mahts hauhistins ufarskadweid |>us 
du|)e ei saei gabairada 

weihs haitada sunus gudis . . . 
sai ]»iwi fraujins 

wairf>ai mis bi waurda J>einainina . . . 
| > i u J ) i d o f) u in q i n o m 

jah J>iuj)ido akran qif)aus J>einis 
jah //aJ)ro mis |)ata 

ei qerai aij)ei fraujins meinis at mis 
sai allis sunsei warf) stibna goleinais Jjeinaizos in ausam meinaim 

lailaik J)ata barn in swigni^ai in wambai meinai 
jah audaga 1 so galaubjandei 

f>atei wair|)i[) ustauhts {nze rodidaue izai fram fraujin L 1, 28-45. 
I nmittelbar darauf folgt das Magnificat 2 : 
mikileid saiwala meina fraujan 

jah swegneid ahma meins du gada nasjand meinamma s 
unte insa//- du hnaiweinai f)iujos seinaizos 

sai allis fram himnia nu audagjand mik alla kunja 
unte gatawida mis mikilein sa mahteiga 

jah weih namo is 

jah armahairtei is in aldins aide f>aim ogandam ina 

ist besonders wirkungskräftig; es reimt mit pinpido (xsxapi-o|jivy) : euXoYrjjidvvj). 
Übrigens ist auch audahafta 6i7ta£ Xeyöfisvov (sonst austeigs E 1, 6; piupeigs L 1, 68 
n. ö.): piupida L 19, 38; k 1, 3; E 1, 3 (liturgische formein). 

1) audaga (jjiaxdpi«) klingt nur in der gotischen fassung an audahafta an. 

2) Vgl. Tatian 4, 5 ff. (Zeitschr. 47, 326); Otfrid 1, 7, lff.; Notker 2, 637. 

3) Die anfangsstellung der verba hat die ags. Übersetzung preisgegeben (min 
muri meersaß drihten and min jast geblissude on jode minum hcelende vgl. auch v. 58). 






DBB STIL DER GOTISCHEN BIBEL 41 

gatawida s\vin|>ein in arma seinamma 

distahida wwMfmhtans 1 gahugdai hairtins seinis 
gadrausida mahteigans af stolam 
jah nshauhida gahnaiwidans- 
gredagans gasofnda {3iuJ)e 
jah gabignandans insandida lausans 
hleibida* Israela Jnumagu seinamma 
gamunands armahairteins 
swaswe rodida du attam unsaraim 

Abrahama jah fraiwa is und aiw ' L 1, 46-55. 

Reicher ist mit klangfarben ausgestattet das Benedict us 5 : 
f)iuf>eigs frauja gub Israelis 
ante gaweisoda 

jah gawaurhta uslausein managein seinai 
jah urraisida haurn naseinais unsis G 

in garda Daweidis friumagaus seinis 
swaswe rodida Jiairh mun|) weihaize 
|)ize fram anastodeinai aiwis praufete seinaize 
giban 7 nasein us fijandam unsaraim 

jah us handau allaize J)ize hatancTane unsis 
taujau armahairtipa bi attam unsaraim 
jah gamunan triggwos weihaizos seinaizos 

aibis J>anei swor wijira Abraham attan unsarana 
ni gebi unsis H unagein 9 

us handau fijande unsaraize galausidaim 10 
skalkinon imma in sunjai jah garaihtein in andwairpja is 
allans dagans unsarans 

1) Die abermalige Wiederkehr von mikil- wird man nicht glücklich fiuden, 
weil die bedeutung von mikilpuhtans (uuepigcpivouf) die fnnktion von mikileid und 
mifcilein stört. 

2) Vgl. Phl 3, 21. 

3) Vgl. T 6, 2. 

4) und aiw ist nur an dieser stelle belegt; vgl. L 1, 33; .1. 8, 35 u. a. 

5) Tatian 4, 14 ff. ; Otfrid 1, 10, 1 ff. ; Notker 2, 635. 

6) Vgl. im ags.: his folees ah/sednesse di/de ond he us hcele /tont arterde. 

7) Dieser, mit taujan und gamunam in anfangsstellung korrespondierende 
Infinitiv hat im griech. text keine uumittelbare entsprechung (vgl. ei gebi »nsis 73; 
du <jiban kunpi 77). 

ft> Vgl. im ags.: hi/ne us to s>/l/<>it pone a^ pe he nrnm fader abrahame swor, 
9) Vgl. K 16, 10; Phl 1, 14. 
10) uslausein . . galausidaim : Xuxpwois . . [rjo^iwxa.^. 



42 KAli] 1 MANN 

jah |ui barnilo praufetus hauhistins haitaza 

fauragaggis auk faura mdwairjrja ' trau j ins 

manwjan wigans inima 

du giban kunjn naseinais managein is 
in afleta frawaurhte ize 
|>airh infeinandein armahairtein gudis unsaris 

in Jiamrnei gatveisop unsara urruns 2 us hauhj|)ai 

gäbairhtjan fmim in riqiza jah skadau daupus sitandani 

du garaihtjan tbtuns izwarans in iqig gawairjjjis L 1, 68 79 
Das Gloria erneuert alte psalmenklänge 3 : 
jah anaks war|> mi[) |)amma aggilau 

nianagei harjis himinakundis 

hazjandane guj) jab qif>andane 
wuljnis in baubistjam guda 

jah ana airjiai gawairjn 

in mannani godis wiljins L 2, 13-14 vgl. 19, 38 

und das Nunc dimittis verstärkt durch auffallende Wortwahl seinen 
kultischen grundton i : 
Nu fraleitais skalk Immma fraujinüiid frauja 5 

bi waurda {»einanima in < gawairjyja 
jtande se/run augona meina nasein J),eina 

f)oei manwides in andwairftja allaizo manageino 
liuhap du andhuleiuai J)iudom 

jah wuljm managein [leinai Israela L 2. 29' 32. 

Die wichtigsten klangfiguren sind alliteration wovon später 

in anderem Zusammenhang zu reden sein wird - homoioteleuton und 
reim, die auf grund der auaphora (samt epiphora; vgl. namentlich 
R 10, 14-15; K 9, 4-7) und Wortwiederaufnahme entstehen und ge- 
deihen und kaum noch der hervorhebung bedürfen": 
sa dailjands in allawem« 

sa faurastandands in usdaude/n 

sa armands in Masern 
friapiva 7 unliutr/ fiandans ubil« 

1) in anduaii/iju . . faura andwairjfja: ivtbmov . . np6 Tipoowno«. 

2) der ästen, des tages urruns Notker 2, 636, 29. 

3) Vgl. Tatiaa 6, 2 f.; Heliand 395 ff.; Otfrid 1, 12, 5 ff. 

4) Vgl. Tatian 7, 6; Heliand 480 ff;' Otfrid 1, 15, 15 ff. 

5) Idg. Forschungen 23, 117. 

6) har bokareis, har sokareis (Ypaji|aaxeü; . . oü^Tjxyj'cyjg) K 1, 20. 

7) ÄYdttiv] . . <piXa5eXcpiqc . . <p iXdoxopyot. 



DER STIL LEU GOTISCHEN BIBEL 43 

haftjandans godamma 

bro|>ralubon l in izwis misse» friapwam\\d)ai l 
sweribai izwis misso faurarabnjandans 

usdaudein ni latai 

ahrnin wiüandans 

fraujin skaXkinondans 

wenai f&ginondans 

aglons us\m\andans 

bidai h&üjandans 

andawiznim weihaize gamainjandans 

gastigodein gsdaistjandans 2 
piupjaip bans wrikandans 2 izwis 

piupjaijj jah ni xmpiupjaip ' 

t'aginon mif) faginon d a m 

gretan mi{) gretandam 

bata samo in izwis misso t'ra,\)jandans * 

ni hauhaba hugjandans 4 

ak baim hnaiwam inibgawisaMefows R 12, 8-16 

saei filu ni man^o 

jah saei leitil ni fawizo k 8, 15 

Ni magup stikl fraujins drigkan jah stikl skohsle 

ni magup biudis fraujins fairaihan jabbiudis skohsle 
[>au inaljanom fraujin 

ibai swinbozans imma sium 
all binah 5 akei ni all daug 

all mis binauht ist 5 akei ni all timreif > K 10, 21 -23 

Es zwangen die feierlichen verheissungen Gottes (gahaita k 7, 1) 
zu rhythmischer gestaltung der spräche und zu einer durch refrain- 
artige Wiederholung gekennzeichneten strophischen gliederung: 
qi[>i}> auk gu{) 

batei baua in im jah inna gagga 

jah wairfm ize gub jah eis wairband mis managei 

inuh bis usgaggib us midumai ize 

2) Siwxovxeg . . Siwxovcag. 

3) euXoYeite x*i JJ-vj xatapäoO'S. 

4 ) cppovouvxeg . . cppovoüvxss. 

5) Wurde zu eingang dieser kola die anapher vom Übersetzer beibehalten, 
•o ist sie hier von ihm aufgehoben worden (im griech. text steht nävxa igsoxtv 
. . 7iävia (ioi egeoxiv). 



44 KAUFFMANN 

jab afskaidiji izwis qij)i^ fr au ja 
jah unhrainjamma ni attekij) 
jah ik audniraa izwis 
jah wairf)a izwis du attin 

jah jus wair{)i|) mis du sunum jah dauhtram qif)i]3 frauja 

allwaldands k 6, 16-18 
Diese strophik wird (samt den klangfiguren) von der dichterisch 
gehobenen apostelrede aufgenommen 1 : 

[sav Tai; yAo'xjGat; Tüiv av&ptoTirtov AaAto xai Ttov ayveAtov 

a y V.TZTiV S £ [J. 7) I / CO 

ysyova yy.l/.bc rix^ v ] ai|)J)au klismo klismjandei 2 
jah jabai habau praufetjans 

jah witjau allaize runos jah all kunjn 

jah habau alla galaubein swaswe fairgunja mi]>satjau 

ij) friaj)wa ni habau ni waihts im 
jah jabai fraatjau allos aihtins meinos 
jah jabai atgibau leik mein ei gabrannjaido» 

i|) fria{)wa ni habau ni waiht botos mis taujaw K 13, 1—3. 
FriaJ>wa usbeisneiga ist 

sels ist friajrwa ni aljanoj) 

friajnva ni flauteif) ni ufblesada 

ni aiwiskof) ni sokeij) sein ain 

ni ingramjada nih mitoj) ubil 

nih faginoj) inwindijwe mijjfaginojj sunja» 

allata JmlaiJ) allata galaub*?//* 

all weneiß all gabeid//> 
fria|)wa aiw ni gadriusejü 

ij) jaJ)J>e praufetja gatairanda 3 
jaf>J>e razdos ga^/eiland 
ja}ij)e kunj)i gataurni{) 3 

suman kunnum jah suman i praufetjam 

bijje qimi{) J>atei ustauhan ist 

gataurnij) fiatei us dailai ist" 



1) Weiss, Beiträge s. 197 ff. 

2) xüjißaXov äXaXä£ov. 

3) y.a-capY'i'jfrVjaovTai . . xatapy/jS-yjasiat. 

4) iv. jJispous . . £x (xspoug > ms dailai v. 10. 12. 

5) . . x& xeAsiov xö ex ^epoug xaxapyy)?Wjoexai. Dieser ersatz macht den aus- 
fall des homoioteleuton der vorhergehenden kola wieder gut. Sehr bemerkenswert 
ist die neuprägung ns dailai für sx jispou; ( suman v. 9). 



DER STIL DER GOTISCHEN BIBEL 45 

ib ban was niuklahs swe niuklahs rodida 

swe niuklahs frob swe niuklahs mitoda 
bi|»e warb wair barniskeins aü&gida x 

saiA'am nu bairh skuggwau in frisahtai 

ib ban andwairbi wibra andwairbi 
nu wait us dailai 

ib ban ufkunna xatrto; stal £77syvt6c^7iv 

VUVl <^£ |A£V£l 77ti7Tt; £>,77i; &.VX~f] T7. TpiOt TOCUTa 

;x£i£tov §£ toutwv vi ayar*/] K 13, 4-12. 

Eine in sich geschlossene einzelstrophe lässt sich gut er- 
kennen : 
(freis wisands us allaiin allaim mik silban gabiwaida) 

ei managizans gageigaidedjau 
jah warb Iudaium swe Iudaius 

ei Iudaiuns gageigaidedjau 
paim uf witoda swe uf witoda 

ni ivisands silba uf witoda ak uf anstai 2 
ei bans uf witoda gageigaidedjau 
paim, witodalausani swe witodalaus 

ni ivisands witodis laus gudis ak inwitobs Xristaus 2 
ei gageigaidedjau witodalausans 
was paim unmahteigam swe unmahteigs 

ei unmahteigans gageigaidedjau 
allaim was all 

ei Miiwa s um ans ganasjau K 9, 19-22 :; 

A'as uns afskaidai af friabwai Xristaus? 
aglo bau aggwiba bau wrakja bau huhr«s? 
{)au naqadei bau sleibei bau hairos? 
swaswe gamelib ist 

batei in buk gadaubjanda all dagis 
rahnidai wesum swe lamba slauhtais 
akei in baim allaim jiukam 

bairh bana frijondan uns 
gatraua auk batei ni daubus ni libains 
nih aggeljus ni reikja ni mahteis 
nih an&wairpo nih ansavairpo 

1) iXdXom . . eXoy^ö(jiyjv . . xaxyjYrjpxa xa xou vtjulou. 

2) Durch das von ihm zugesetzte komnia (ak uf anstai) hat der Gote ein 
«rwünschtes gleichmass hergestellt. 

3) Weiss, Beiträge s. 194. 



4f> K.UFFMANN 

nih hiiuhipa nih dhvpifia • 
nih gaskafts anbara 
magi uns afskaidan af fria|)wai gudis 

]>izai in Xristau Iesu fraujin unsaramma R 8, 35-39 2 

Nicht weniger deutlich hebt sich ein zweistrophiges gebild 
von seiner Umgebung ab : 

all patei at skilj am f rabugjaidau matjaip 
ni waiht andhruskandans in mipwisseins* 

fraujins ist auk airfjä jah fullo izos 
ip jabai %räs lapo izivis Jüze ungalaubjandane jah wilei{> gaggan 
all p atei faurlagjaidait izwis matjaip 

ni waiht andsitandans bi gahngdai 5 
ip jabai /ras qipai batei galiugam gasalij) ist ni m a tj a ip 
in jainis f)is bandwjandins jah puhtaus* 

fraujins auk ist air{>a jah fullo izos K 10,25-28 
Bimaitans gala|)obs warf» /ras ni ufrakjai 

mi|) faurafillja gala])oJ)S warf) /ras ni bimaitai 

Jiata bimait ni waihts ist 
jah bata faurafilli ni waihts ist 
ak fastubnja anabusne gudis 
// arjizuh in lajionai J>izaiei la|)oJ)s was in J)izai sijai 
^Skalks galajwjis wast ni karos 

akei J>auhjabai magt freis wairj)an mais brukei 

saei auk in fraujin haitans ist skalks fralets fraujins ist 
samaleiko saei freis haitada skalks ist Xristaus 
wairf)a galaubamma usbauhtai sijub ni wairbai]) skalkos 

mannam 
//• a r j i / u h in ]> a in m e i a 1 1 a b o }) s was brobrjus in J) a ni m a g a- 

standai at guda K 7, 18-24 4 . 
Zur vollen bewusstheit der form erhob sich der Übersetzer: 
jabai k&s brobar qen aigi ungalaubjandein 
jas-so gawilja ist bauan mij) imma 
ni afletai bo qen 5 



1) ouxb iveaxwxa ouze jiiXXovca, pute ücjjiofia o'uxs ßäö-o;. 

2) Weiss, Beiträge s. 195 f. 

3) [iTjöev ävaxpivovxsg 5iä Tr ( v oovei5y;atv . . (jlyjSev dvaxp'LvovTej 5iä ty)v buv- 
lior^'.v . . aoveidvjaiv. 

4) Weiss, Beiträge s. 192. 

5) aüxyjv . . aircöv. 



1>EI: STIL ÖEB GOTISCHEN BIBEL 



jäh qens soei aigi aban ungalaubjandän 

jah sa gawiija ist bauan mib izai 
ni afletai Dana aban 1 
weihaida ist qeoa so ungalaubjandei in abin - 

jah gaweihaiJ)S ist aba sa ungalaubjands in qenai 2 K 7, 12 14 5 . 
Ähnlich verhält es sich mit freier gebauten Strophen : 
Ni ainummehun waihtais skulans sijaib 

niba [>atei izwis inisso frijob 

ante saei frijoj» neAundjan 4 

wito}> usfullida "' 
bata auk ni horinos ni maurprjais nihlifais nih faihugeigais 

jah jabai Jro anbaraize anabusne ist 
in pamma waurda usfulljada 5 

pamma frij.os ne/rundjan 4 peinana swe ]>uk silban 
fr iajiwa n e ht u n dj ins 4 ubil ni waurkeip 

us füll eins 5 nu witodis ist friabwa R 13, 8-10° 

Auch andere belegsteilen sind geeignet, das Stilgefühl des Über- 
setzers für diese liturgische strophik zu erhärten : 
hra usiddjedup ana äupida saihrän f 

raus fram winda wagidata? 
akei Iva usiddjedup sai/van ? 

lnannan hnaisqjaim wastjoni gawasidana? 
sai j)aiei h n a s q j a i in wasidai sind 
in gardim piudane sind 
akei ka usiddjedup saikan ? 
praufetu ? 7 
jai qipa izwis jah managizo praufetau 8 
sa auk ist bi banei gamelib ist 



1 i S. ti niii. 5 s. 46. 

2) lv 1% *(u\a.iv.i . . sv xco dvSp-l. 

3) Norden s. 261. 

4) xöv ixepov . . xöv uXvjaiov . . xip uXrjaiov. 

5) Jie^Xf;pü)xev . . ävaxs^aXaiotjxa'. . . 7tXr)pcona. 
Q) Weiss, Beiträge 8. 245. 

7) Vgl. die ags. Übersetzung: hwi eode je ut on wesöen jeseon winde awegid 
hreod oööe hwi eode je ut jeseon mann hnescum jyrluni (Jinescum reafe) jescrydde 
nu Jja be synt hnescum jyrlum (deorwurpum reafe) jescrydde synt on cyninja 
luisum ac hw«t eode je ut witejan jeseon . . . 

8) iteptaaöxepov > mais L 7, 26. 



48 KAUFFMANN 

sai ik insandja aggilu meinana faura jjus 1 

saei gamanweij) wig Jaeinana faura pus 1 
amen qi|>a izwis 

ni urrais in baurim qinono 
maiza Iohanne 

pamma daupjandin 
i|> sa minniza in |>iudangardjai himine 

maiza imma ist M 11, 7—11 vgl. L 7, 24-28. 

Warf) [)an gaggandam im in wiga 
qaj) sums du imma 

1 a i s t j a f) u k fns^aduh Jmdei gaggis f r a u j a 
jah qaj) du imma Iesus 

fauhos grobos aigun jah fuglos himinis sitlans 

ij) sunus mans ni habaip /rar haubij) galagjai 
qa{) J)an du anfmramina laistei mik 
i|> is qaf) fr au ja uslaubei mis 

galeipan 2 faurpis jah usfilhan attan meinana 
qa|> J)an du imma Iesus 

let Jjans daupans usfilhan seinans nawins 

ij) J)u gagg 2 jah gaspillo piudmgardja gudis 
qaji J)an jah anfmr laistja puk fr au ja 
ij) faurpis uslaubei mis 

andqipan J)aim fiaiei sind in garda meinamma 
qa[> J)an du imma Iesus 

ni manna uslagjands handu seina ana hohan 

jah sai///ands aftra gatils ist in piudangardja gudis L % 

57-621. 
I|) Paitrus Uta sat ana rohsnai 

jah duatiddja imma aina Jiiwi qif)andei 

jah J)u ivast mip lesua pamma Galeilaiau 
if> is laugnida 4 faura Jjaim allaim qi|)ands 
ni wait h/& qifjis 5 
usgaggandan J>an ina in daur 

gasa/^ ina an|)ara jah qa|) du J)aim jainar 

jah sa was mi/j lesua pamma Nazoraiau 

1) Ttpö 7tpoocü7iou oou . . sjmpoaO-ev aou vgl. Mc 1, 2: L 7, 27. 

2) dneXO'övn. . . d7teX9-ü)v. 

3) Vgl. M 8, 19-22. 

4) Vgl. anm. 1 s. 49. 



5) ni wait ni kann ha pH qipis Mc 14, 68. 



DER STIL DER GOTISCHEN BIBEL 4 ( .t 

jah aftra afaiaik 1 mif> aipa sivarands 2 

p a t e i ni kann p a n a mannan' 
afar leitil pan atgaggandans 

pai standandans qepun Paitrau 

bi sunjai jah pu pize is jah auk vazda p eina bandwH|> puk 
|>anuh dugann afdomjan 1 jah swaran 2 

patei ni kann £ana mannan 3 
jah suns hana hruhida* 

jah gamunda Paitrus waurdis Iesuis qipanis du sis 

patei faur hanins hruk* prim sinpam afai-kis i raik 
iah usgaggands ut 

gaigrot baitraba M 26, 69-75 5 

In diesem sinn ist auch die spruch dich tun g zuweilen strophisch 
angelegt : 
Ni manna mag twaim franjam skalkinon 

unte jabai fijaip ainana jah anparana frijop 
aippau ainamma ufhauseip ip anparamma frakann 

ni mogitp guda sknlkiuon jah mammonin M 6, 24 vgl. L 16, 13. 
Jah jabai marzjai puk handus peina afmait po 
gop pus ist hamfamma in libain galeipan 
pau twos handuns habandin 
galeipan in gaiainnan 
in fon pata un/^apnando 

parei mapa ize ni gaswiltip jah fon ni af- 

^apnif» 
jah jabai fotus peins marzjai puk afmait ina 
gop pus ist galeipan in libain haltamma 
pau twans fotuus habandin 
gawairpan in gaiainnan 
in fon pata un/^apnando 

parei mapa ize ni gaswiltip jah fon ni af- 

fv a p n i p 

1) YjpvYjoaxo . . rjpvvjaaxo: laugnida . . langnida cod. Ambros., xaxa3-e{iaTt^eiv 
. . dcrcapvYja'fl : afdomjan . . imvidis cod. Ambros. An den parallelstellen des Mar- 
kusevangeliums wechseln afaiaik . . laugnida . . afaih-an . . inwidis; die lesarten des 
cod. Ambros. sind also offenbar von dorther beeinflusst und folglich sekundär. 

2) (JteO-' öpxou . . . 6|j.vÜ£tv. 

3) Vgl. in der ags. Übersetzung: baet he hys nan hinj ne cuöe.. hast ho 
naefre b° ne man ne cuöe. 

4) hana icopida . . hana wopida . . faurpizei hana hrukjai Mc 14, 68. 72. 

5) Vgl. Mc 14, 66-72. 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XLVIIL 4 



5t> KAUt'FMANN 

jah jabai augo pein marzjai |)uk uswairp imraa 
go|> |ms ist haiharama galeipan in piudangardja gudis 

|)au twa augona habandin 

atwairpan in gaiainnan funins 

)>arei mapa ize ni gadaupnip 1 jah ton ni af/rap- 

nip Mc 9, 43-48*. 
Qenes seinaini ab na in ufhausjaina swaswe fraujin 

ante vvair ist haubip qenais 

swaswe jah Xristns haubip aikklesjons 

jah is ist nasjands leikis 
akei swaswe aikklesjo ufhauseip Xristu 

s wah qenes abnam seinaini in allamma 
Jus wairos frijop qenins izwaros 

swaswe jah Xristus frijoda aikkle.sjon 

jah sik silban atgaf faur po 

ei po gaweihaidedi gahrainjands pwahla watins in waurda 

ei ustauhi silba sis wulpaga aikkleyon 

ni habandein wamnie aippau maile aippau /ra swaleikaize 
ak ei sijai weiha jah unwamma 

swa jah wairos skulun frijon seinos qenins 
swe leika seina 

sein silbins leik frijop saei seina qen frijop 

ni auk manna Zranhun sein leik fijaida 

ak fodeip ita jah warmeip 

swaswe jah Xristus aikklesjon ... E 5, 22-29 3 



1) Der Wechsel zwischen gaswiltip und gudaupnip (vgl. Es. 66, 24) wirkt auf 
uns heutige nicht erfreulich und ist durch den griech. Wortlaut nicht verschuldet 
(vgl. afmait : uswairp, galeipan .. gawairpan .. atwairpan in gaiainnan oder auch 
in der ags. Übersetzung p>ar hyra wyrm ne swylt ond fyr ne biö acivenced 44: ad- 
wcesced 46: acwenced 48). 

2) Vgl. Ib jabai augo beiu bata taihswo marzjai buk 

usstigg ita jah wairp af ]>aa 

batizo ist auk bus ei fraqistnai ains libiwe beiuaize 
jah ni allata leik bein gadriusai in gaiainnan 
jah jabai taihswo beina handus marzjai \)uk 
afmait bo jah wairp af bus 

batizo ist auk bus e i fraqistnai ains libiwe beinaize 
jah ni allata leik bein gadriusai in gaiainnan M 5, 29—30 (:Tatian 

28, 2-3. 95, 4-5). 

3) Vgl. die sog. 'haustafel' C 3, 18 ff. : jus qinons ufhausjaijj wairam . . wairos 
frijop qenins . . barna ufhausjaiß fadreinam bi all . . jus attans ni gramjaijj barna 



DER STIL DER GOTISCHEN BIBEL 51 

Ein identisches bildungsprinzip beherrscht den Vortrag frommer 
Ermahnungen: 
bu nu barn mein waliso 1 

inswinbei buk in anstai bizai in Xristau Iesu . . . 
Jm nu arbaidei 2 swe gods gadrauhts Xristaus Iesuis 
ni ainshun drauhtinonds fraujin 1 

dugawindib sik gawaurkjam bizos aldais 
ei galeikai bammei drauhtinob 
jah jban jabai haifsteib 3 ^as 

ni weipada niba witodeigo brikib 3 
ftrbaidjands 2 airbos waurstwja skal frumist akrane andniman 
frabei 4 batei qiba 

gibib auk bus frauji frabi 4 us allaim 
gamuneis Xristu Iesu urrisanana us daubaim us fraiwa Daweidis 

bi aiwaggeljon meinai 
in bizei arbaidjn 2 und baudjos swe ubiltojis 

akei waurd gudis nist gabundan 
inuh bis all gabula bi bans gaWalidans 
ei jah bai ganist gatilona 

sei ist in Xristau Iesu mip wulpau aiweinamma t 2, 1. 3-10 
Waurts allaize ubilaize ist faihugeiro . . . 
ib bu jai manna gudis bata bliuhais 

ib laistjais garaihtein gagudein galaubem 
friabwa bulain qairrem 
haifstei bo godon haifst galaubeinais 

undgreip libain aiweinon du bizaiei labobs is 

jah andhaihaist bamma godin andahaitas» and- 

wairpja managaize weitivode 
anabiuda in andwairpja gudis bis gaqiujandins alla 

jah Xristaus Iesuis bis wrUivodjtuidins uf Paunteau Peilatau 
bata godo andahait 
fastan puk po anabusn unwamma ungafairinoda 
und qum fraujins unsaris Iesuis Xristaus 



. .petvisa ufhausjaip bi all leihet fraujam . . jus fraujans garaiht jah ibnassn 
pewisam atkunnaip . . . 

1) fehlt im griech. text. 

2) xaxorcdS'Yjaov . . xo7iitüvxa . . xaxorcaö'tö ; dazu ubiltojis xaxoöpyo? 9. 

3) 49-X-jj . . dS-XTjo^). 

4) vdei . . oüveotv. 



5'2 KAUFMANN 

banei in melain swesaim taikneib 
sa auda^a jah ains mahteiiyr/ 
jah biudans \m\dsmondane 
jah frauja fraujinondane 
saei ains aih uudiwanein 

jah liuhab bauib unatgaht 
banei sa^ manne ni ainshun nih sai[/^an mag 

bammei sweriba jah swinbei aiweina amen] T 6, 10-16. 
Als einzelstrophe, in der eine 'kettenreihe' von antifhesen ver- 
läuft, Hesse sich auffassen: 
Ni wairbaib gajukans ungalaubjandam 
unte h/o dailo 1 garaihtein mib ungaraihtein? a 

aibbau Jro gamaindube liuliada mib riqiza? 

/*ouh ban samaqisse 3 Xristau mib Bailiama? 
aibbau h r o daile 1 galaubjandin mib ungalaubjandin'r' 
/rouh ban samaqisse 3 alhs gudis mib galiugam ? 
unte jus alhs gudis siuf) libandins k 6, 14-16. 

h/di nu qibam? 

ibai inwindiba fram guda? nissijai 
du Mose auk qifrib 

gaarma banei arma jah gableibja J)anei bleibja 

bannu nu ni wiljandins ni rinnandins ak armandins gudis . . 
bannu nu jai banei wili avmaip 

ib banei wili gahardeib R 9, 14-18 

Di« regel ist aber, wie gesagt, eine losere bauart, die jedoch 
die gesetze strophischer formkunst nicht verleugnet: 
bau niu witub brobrjus kunnandam auk witob rodja 

patei witob fraujinob maun swa lagga /mla swe libaib . . . 
swaei nu jah jus brobrjus meinai afdaubidai waurbub witoda bairh 

leik Xristaus 
ei wairbaib anbaramma barnma us daubaim urreisandin 
ei akran bairaima guda 
bau auk wesum in leika winuons frawaurhte bos bairh witob 
waurhtedun in libum unsaraim 
du akran bairan daupau 
ib nu sai andbundanai waurbum af witoda 



1) Tis jistoxV) . . Tis [lipig. 

2) Sixaiooüvifl xai dvo[iiqc. 

3) xiq oupL^tbvrjais . . ti£ auYxaiid-eotg. 









DER .STIL DEK GOTISCHEN BIBEE .">3 

gadaubnaudans in bammei gahabaidai wesum 

swaei skalkinoma in niujibai ahmins jah ni fairnibai bokos 
t(7) /ra nu qibam? witob frawaurhts ist? nis sijai 

ak frawaurht ni ufkunbedjau nih bairh witob 

unte lustu ni kunbedjau nih witob qebi ni gairnjais 
ib lew nimaudei frawaurhts bairh anabusn 

gawaurhta in mis allana lustu 

unte inu witob frawaurhts was nawis 
i|» ik qius inu witob simle 

ib qimandein anabusnai frawaurhts gSLqmnoda 
ib ik gadaub/« oda 1 
jah bigitana warb mis anabusns 

sei was du libainai 

wisan du daubau 
unte frawaurhts lew nimandei bairh anabusn 

uslutoda mik 

jah bairh bo usqani 
abban nu swebauh witob weihata 

jah anabusns weiha jah garaihta jah piupeiga 
{>ata nu piupeigo warb mis daubus? nissijai 

ak fraivaurhts ei uskunba waurbi frawaurhts 

bairh bata piupeigo mis gawaurkjandei daubu 
«i waurbi ufarassau frawaurhta 

frawaurhts bairh anabusn 
4-14) witum auk Jjatei witoj) ahmein ist 

ib ik leikeins im 

frabauhts uf frawaurht 
batei waurk/a ni fra|ya 2 

unte ni' batei wiljau (bata) tau/a 
ak batei hat/a bata tau/« 
ib jabai |)atei ni wiljau bata tau/a 

gaqiss im ivitoda patei gop 
i|> nu ju ni ik waurkja 3 bata 

ak so bau and ei in mis frawaurhts 
wait auk batei ni bauib in mis batist in leika meinamma biu[> l 

1) äve^aev . . dTts^-avov. 

2) xa-cepYa£ofica . . yivcöaxco. 

3) waurkja . . tauja . . waurkja (gawaurkjau) . . tauja . . waurkja . . fcaujan : 
xaispY^o^ai . . Ttpdaaw . . noiö. 

4) l)iu{) . . jjnji . . go|' • ■ üo)i: äyaftöv . . xaAöv . . Ä-'a&cv . . xa?.öv. 



54 KAUF1MANN 

ante wiljau atligip mis 

ip gawaurkjan gop ni 1 
unte ni patei wiljau waurkja gop ' 

ak patei ni wiljau ubil (|>ata) tauja 
jabai im patei ni wiljau ik pata tauja 
ju ni ik waurkja ita 

ak sei bauip in mis frawaurhts 
(21) bigita nu witop wiljandin mis gop i taujan 

unte mis atist 2 ubil 
gawizneigs im^auk witoda gudis bi pamma innumin mann 
appan gasai^a anpar witop in lipum meinaim 
andwaihando witoda abmins 3 meinis 

jah frahinpando mik in witoda frawaurhtais pamina wisandim 

in lipum meinaim 
wainahs ik manna! 

^as mik lauseif) us pamina leika daupaus Jus? 
awiliudo güda pairh Iesu Xristu iYaujan unsarana 

jau nu silba ik skalkino gahugdai 3 tvitoda* gudis 

ip leika witoda frawaurhtais. R 7, 1. 4-25 " 

Izwis silbans fraisip sijaidu in galaubeinai 
silbans izwis kausei p 
pau niu kunnup izwis patei Iesus Xristus in izwis ist V 

nibai aufto ungakusanai sijup? 
appan wenja patei kunneip 

ei weis ni sium ungakusanai < 

appan bidja du guda ei ni waiht ubilis tau»j»ip 6 

ni ei weis [un]gakusanai pugkjaima 
ak ei jus pata godo taujaip 6 

ip weis swe ungakusanai pugkjaima k l'd, 5 7. 

Die parabel wiederholt ebenfalls einzelne Stichwörter der er- 
zählung und klärt ihre innere form und ihren gehalt durch rhythmische 
responsion: 
Qapup-pan manne sums aihta twans sununs 

1) S. anm. 4 s. 53. 

2) atligip mis . . mis atist: uapäxsixai. - 

3) ahmins . . gahugdai: voöq . . vot. 

4) Streitberg bemerkt hierzu: 'Stellung dem parallelismu« mit leü-a witoda 
zuHebe geändert'. 

5) Weiss s. 229 ff. 

6) u.7; Jtotrjoai 0|iäg xaxöv jirjöev . . iva 6[ietg xö xaXöv Tioifjxe. 



DEK .STIL DER GOTISCHEN BIBEL 58 

jah qab sa juhiza ize du attin 

atta gif mis sei undrinnai miU dail aiginis 
jah disdailida im swes sein l 
jah afar ni managans dagans 

brahta samana allata sa juhiza sunus 

jah aflaif) in land fairra wisando 
jah jainar distahida bata swes seinata l libands usstiuriba 
bibe ban frawas allarama 

warf) huhrus abrs and gawi jainata 
jah is dugann alabarba wairban 

jah gaggands gahaftida sik suraamma baurgjane jainis gaujis 
jah insandida ina haif)jos seinaizos haldan sweina 
jah gairnida sad itan haurne 

boei matidedun sweina jah manna imma ni gaf 
qimands ban in sis qaj> 

//-an filu asnje attins nieinis ufarassau haband hlaibe 

ib ik huhrau fraqistna 
usstandands gagga du attin meinamma 

jah qiba du imma 
atta frawaurhta mis in liimin jah in andwair^ja j)ei- 

n a m m a 
ju [3 an aseijjs ni im wairbs ei haitaidau sunus beins 
gatawei mik swe ainana asnje bcinaize 
jah usatandans qam at attin seinamma 

nauhbanuh ban fairra wisandan gasaA- ina atta is jah infeinoda 
jah bragjands draus ana hals is jah knkida imma 
jah qaj) imma sa sunus 

atta frawaurhta (mis) in himin jah in andwairbja 

b e i n a m m a 
ju banaseibs ni im wairbs ei haitaidau sunus beins 
qab ban sa atta du skalkam seinaim 

sprauto briggib wastja bo frumiston jah gawasjij» ina 
jah gibib figgragulb in handu is 
jah gaskohi ana fotuns is 
jah briggandans stiur nana alidan ufsneibif) 

jah matjandans wisam waila 
unte sa sunus meins dau])s was jah gaqiunoda 
jah fralusa'ns was jah bigitans warf) 

1) ßtov . . oOotav. 



5b K.AIFKMANN 

jah dugunnun (waila) wisan 1 

wasubban sunus is sa al£>iza ana akra 

jah qirnands atiddja wkr razn 

jäh gahausida saggwins jah laikins 

jah athaitands sumana magiwe frahuh /ra wesi f»ata 

|>arnh is qaj) du imma 

]>atei biof>ar {jeins qam 

jah ufsnaij) atta {»eins stiur }>ana alidan 
unte hailana ina andnam 
|>anuh modags warb jah ni wilda inngaggan 

ijj atta is usgaggands ut bad ina 
Jmruh is andhafjands qaji du attin 

sai swa filu jere skalkinoda {jus 

jah n i Zranhun auabusu J>eina ufariddja 
jah mis ni aiw atgaft gaitein 

ei mijj frijondam meinaini b i w e s j a u x 
il> |>an sa sunus J>eins saei fret J)ein swes mib kalkjoni qam 
ui'snaist imma stiur {>ana alidan 
|>aruh qa{i du imma 
barnilo \m sinteino mi]> mis wast jah is 

jah all Jjata mein ])ein ist 
waila wisan 1 jah faginon skuld was 

unte b r o J) a r J>eins dau|)S was jah gaqiunoda 

jah fralu sans jah bigitahs warj) L 15, 11 32. 

Für den gebetsstil berufe ich mich je auf eine hauptstelle 
der evangelien und der episteln. Das 'hohepriesterliche' gebet ist 
folgendermassen übersetzt und stilisiert: 
[jata rodida Iesus uzuhhof augona seina du himina jah qafj 
atta qam /reila hauhei Jteinana sunu 
ei sunus |>eins hanhjai Jmk 
swaswe atgaft imma waldufni allaize leike 

ei all J>atei atgaft imma gibai 2 im libain aiweiuon 
soh |»an ist so aiweino libains 

ei kunneina J>uk ainana sunjana gu|> 
jah Jjanei insandides lesu Xristu 
ik ]>uk hauhida ana airjiai 



1) eiqopatv£o9-a(. vgl. L 1Ü. 19. 

2) eStüxac; . . SeSwxas . . 8wa^ ; auch im verlauf tritt regelmässig für SsScoxa; 
. . 5s5o)xa atgaft . . atgaf ein. nur v. 22 erscheint gaft . . gaf : 24 atgaft: gaft. 



DEB SIII. DEK GOTISCHEN 15II5Er. 57 

waurstw ustauh |)atei atgaft mis du waurkjan 
jah nu hauhei mik J)u atta at fms silbin J)amma wuljjau 

Jmuei habaida at [ms faurpizei sa fairhrus wed x 
gabairhtida [>einata namo mannam 

Jaanzei atgaft mis ws pamma fairhau 
(>einai wesun jah mis atgaft ins jah f)ata waurd £>einata gafastaidedun 

nu ufkunpa ei alla J>oei atgaft mis at Jms sind 
unte f)0 waurda J)oei atgaft mis a t g a f im 

jah eis nemun bi sunjai f>atei fram Jdus urrann 
jah galaubidedun |>atei |m mik insandides 
ik bi ins bidja 

ni bi ])o manase|i 2 bidja ak bi jaans J)anzei atgaft mis 

unte |>einai sind 

jah meina alla ]3eina sind jah f)eina meina 

jah hauhips im in J)aim 
ni [)anaseiJ)S im in pamma fairkau 

i{) J)ai in pamma fairkau sind 

jah ik du {jus gagga 
atta weiha fasfäi ins in namin peinamma fianzei atgaft mis 

ei sijaina ain swaswe wit 
|»an was mip im in pamma fair kau 

ik fastaida ins in namin peinamma 

{>anzei atgaft mis gafastaida 3 

jah ainshun us im ni fraqistnoda 
niba sa sunus fralustais 4 
ei Jiata gamelido usfullip waurj>i 
if> nu du |)us gagga 

jah f)ata rodja in manasedai 

ei habaina fahed meina usfullida in sis 
ik atgaf im waurd J)einata 

jah so manasefts rijaida ins 
unte ni sind us ftamma fair/rau 

swaswe ik us jjamma fair/^au ni im 
ni bidja ei usnimais ins us pamma fairkau 

ak <m bairgais im faura ftamma unseljin 

1) Vgl- faur gashaft fairhraus v. 24. 

2) Über den Wechsel zwischen fairfow: mnnaseßs xöau.og wird in andi 
Zusammenhang gehandelt werden. 

3) fastaida srrjpouv: gafastaida e^üXaga. 

4) dTifoÄsxo . . ä::(o?.c'!ar. 



58 KAUFFMANN 

us paruma faii^au ni sind 

swaswe ik us pamma fair/?au ni im 
weihai ins in sunjai 1 

waurd peinata sunja ist 
swaswe mik insandides in manasep 

swah ik insandida ins in po manased 
jah fram im ik weiha mik silban 

ei sijaina jah eis weihai in sunjai l 
appan ni bi J)ans bidja ainans 

;ik bi pans galaubjandans J>aiih waurda ize du mis 
ei allai ain sijaina 

swaswe J>u atta in mis jah ik in [ms 
ei jah f)ai in uggkis ain sijaina 

ei so manaseps gal au bj ai patei pu mik insandides 
jah ik wul|)U Jaanei gaft mis gaf im 

ei sijaina ain swaswe wit ain siju 

ik in im jah p u in mis 
ei sijaina ustauhanai du ainamma 

jah kunnei so manaseps patei |>u mik insandides 
jah fri jodes ins swaswe mik frijodes 
atta patei atgaft mis wiljau 

ei J>arei im ik jah pai sijaina mip mis 
ei sai^aina wulpu meinana panei gaft mis 
(24) unte frijodes mik faur gaskaft fait'Maus 

atta garaihta jah so manaseps puk ni ufkunßa 
ip ik Puk kunpa 
jah pai ufkunpedun patei J)U mik insandides 

jah gakannida im namo peinata jah kannja 
ei iriapwa poei frijodes mik 

in im sijai jah ik in im .1 17, 1 -26 2 . 

Ahnlich steht es um die die rhythmische Spannung erzeugenden 
glieder in der doxologie des Colosserbriefs 3 : 
. . . bidjandans jah aihtrondans 
ei fullnaip . . . 
ei gaggaip . . . 

1) lv if) ÄXyj9-ei(f aou . . £v äXrjftsia. 

2) Vgl. Tatian 177, 1-179, 4. 

3) Norden s. 251 ff. ('feierlicher, formelhafter stil, angemessen gerade dem 
gebete, in einer struktur, die auf jeden, der für monumentale architektonik de? 
sprachlichen ausdrucks ein gefühl hat, bedeutenden eindruck machen muss' s. 253). 



I>ER STIL DER GOTISCHEN ItlLSEI. 59 

awiliudondans attin 1 

saei la{)oda izwis du dailai hlautis weihaize in liubada 
saei galaubida izwis us waldufnja riqizis 

jali atnam in piudangardja sunaus iriapwos seinaizos 
in pammei habam faurbauht fralet frawaurhte 
saei ist frisahts gudis ungasai^anis 

frumabaur allaizos gaskaftaia 

ante in imma gaskapana waurfnin alla in himinam jah 

ana airßai 
po gasai/^anona jappo ungasai^anona 

jappe sitlos jappe fraujinassjus 
jappe reikja jappe waldufnia 
alla pairh inajah in imma gaskapana sind 2 
jah is ist faura allaim 
jah alla in imma ussatida sind 
jah is ist haubip leikis aikklesjons 
saei ist anastodeins frumabaur us daupaim 

ei sijai in allaim is frumadein habands 
unte in imma galeikaida alla fullon bauan 
jah pairh ina gafripon alla in imma 

gawairpi taujands pairh blop galgins is 
| > a i r h ina jappe po ana airpai jappe po ana himinam 

C 1, 9. 12-20. 
Rhythmische Schwingungen der satz- und wortwiederholung be- 
gleiten das ruhigere gefalle des geheimnisses der Vision und der 
prophetie: 
sai runa izwis qipa 

allai auk ni gaswiltam 

i[j allai inmaidjanda 

suns in bra/ya augins in spedistin puthaurna 
[mthaurneip auk jah daupans usstandand unriurjai 

jah weis inmaidjanda 
skuld auk ist pata riurjo gahamon unriurein 
jah pata diwano gahamon undiwanein 
jianuppan pata diwano gawasjada undiwanein 
panuh wairpip waurd pata gamelido 
ufsagqips warf» daupus in sigis 

1) piupips gup jah atta . .izei gapiupida . . . fauragarairop ans . . . kamyato 
unsis ... E 1, 3. 5. 9 (Norden s. 253 anra. I). 

2) mar us imma jah pairh ina jali in imma alla R 11, 36. 



60 KAVFFM.WN 

/rar ist gazds J>eins daufm? 

/rar ist sigis f)ein halja? 
a]ij)an gazds daufjaus frawaurhts 

ib mahts frawaurhtais witob 
i|> guda awiliuf) izei gaf unsis sigis 

J>airh fraujan unsarana Iesu Xristu K 15, 51-57 

)i <>]>«it binah akei ni batizo ist 

jah J>au qima in siunins jah andhuleinins fraujins 
wait mannan in Xristan fanr jera .id. 
jä|)|)e in leika ni wait 
jaf)J>e inu leik ni wait 

gup wait 
fraivulwana J>ana swaleikana und bridjan himin 
jah wait f>ana swaleikana mannan 

ja|)J>e in leika jaj)f>e inu leik ni wait 

gup wait 
Joatei fmwulwans warf» in wagg 
jah hausida unqebja waurda 

{)oei ni skulda sind mann rodjan 
fanr hana swaleikana kropa ... k 12, 1-4 

izwis auk qi|)a biudom 

swa lagga swe ik im biudo apaustaulus 
andbahti mein mikilja 
ei" //^aiwa in aljana briggau leik mein 

jah ganasjau sumans us im 
jabai auk uswaurpa ize gabei fair^aus 

// a so andanumts nibai libains us daubaim? 
|»andei ufarskafts weiba jah daigs 

jah jabai waurts weiha jah astos 
jah jabai sumai bize aste usbruknodedun 
i}> Jm wilbeis alewabagms wisands 
intrusgibs warst in ins 
jah gamains J^izai waurtai 
jah smairbra alewabagmis warst 
ni Äop ana ])ans astans 
i|» jabai /z'opis ni J)u J>o waurt bairis 

ak so waurts bairib buk 1 
i|ij»ais du usbruknodedun astos 

l) dXX' r, £i£a oe. 



DER STIL DER GOTISCHEN BIBEL 61 

ei ik intrusgjaidau 
waila ! ungalaubeinai u s b r u k n o d e d u n 

if) |)U galaubeinai gastost 
ni hugei hauhaba ak ogs 

f)andei guf) fmns us gabaurfmi 1 astans ni freidida 

ibai aufto ni J)uk freidjai 
sai nu seiein jah hrassein garaihta gudis 

a|)|)an ana f>aim J)aiei gadrusun kassein 
if) ana |ms seiein 
jabai f)airhwisis in seiein 

aif>J)au jah J)ii nsmaitaza 
jah jainai niba gatulgjand sik in ungalaubeinai intrusgjanda 

mahteigs auk ist guf) aftra intrusgjan ins 
jabai auk J>u us wistai 1 usmoitans f)is wilf)eis alewabagmis 

jah aljakuns l wisands intrusgans warst in godana alewabagm 
Äan filu mais f)ai bi Wistai * intrusgjanda in swesana alewabagm! 
Ni auk wiljau izwis unweisans brof)rjus fnzos runos 

ei ni sijaif) in izwis silbam frodai 
unte daubei (bi) sumatä 2 Israela warf) 

und J>atei fullo fnudo inngaleijjai 
jah swa allai Israel ganisand 
swaswe gaineli|> ist 

uninni|) us Sion sa lausjands 

du afwandjan afgudein af Jakoba 

jah so im fram mis triggwa 

Jpan afnima frawaurhtins ize 
af)J)an bi aiwaggeljon fijanclans in 3 izwara 

if) bi gawaleinai liubai ana 4 attans 

inu idreiga sind auk gibos jah laf)ons gudis 
swaswe raihtis jus suman 2 ni galaubideduf) 4 guda 

if) nu gaarmaidai waurfmf) f)izai ize ungalaubeinai' 
swa jah f)ai nu ni galaubidedun 4 izwarai armaion 

ei jah. eis gaarmaindau 
galauk auk guf) allans in ungalaubeinai 4 

ei allans gaarmai 

1) us gabaurßai . . us wistai xaxä cpüciv : aljakuns uapä cpüaiv : bi wistai xaxä. 
cpüaiv (vgl. bi aiwaggeljon, bi gawaleinai xaxä xö euoL^fiXioy, xaxä xrjv exXoyYjv v. 28). 

2) &KQ {ispoug . . noxe. 

3) 8iä . . 8iä. 

4) YjnsiO-yjaaxs . . äueifreia . . Yj7tst9-yjaav . . ärceid'eiav. 



6S KAUPFMANN 

<> dhipipa gabeins handugeins 

jah witubnjis 1 gudis! 
krahoa unusspilloda sind stauo,« is 

jah unbilaistidai wigo.s is! 
fräs auk ufkunjm J fraj)i fraujins? 

ai])|)au hras imma ragineis was 2 ? 
ai|)J)au kras imma fruma gaf 3 
jah fragildaidau imma? 
unts us imma jah J)airh ina 
jah in imma alla 

immuh wuljms du aiwam amen. R 11, 13-24. 25-36 4 
Die seligpreisungen der lukanischen bergp redigt sind in 
volkstümlicherer rhetorik gehalten und wirken durch schlichte anaphern : B 
Audagai jus unledans ahmin 

unte izwara ist Jnudangardi himine 
audagai jus gredagans nu 

unte sadai wair|>i|> 
audagai jus gretandans nu 

unte ufhlohjanda 
audagai sijuj) |)an fijand izwis mans 

jah afskaidand izwis jah idweitjand 

jah uswairpand namin izwaramma swe ubilamma 
in sunaus mans 
faginod in jainamma daga jah laikid 

unte sai mizdo izwara managa in himinam 

bi Jtamma auk tawidedun praufetum attans ize 

A])|>an wai izwis J)aim gabeigam 

unte ju habaid gaf)laiht izwara 
wai izwis jus sadans nu 

unte gredagai wairj)ij) 
wai izwis jus hlahjandans nu G 

1) ywöyasoz . . lyvw. 

2) iyivszo. • 

3) 7lpO£§tÜXSV aincö. 

4) Vgl. Weiss, Beiträge s. 240 ff. ; Norden s. 240 ff. (teils 'echt hellenisch', 
teils 'alttestamentlich' s. 243). 

5) Man vergleiche die entsprechenden verse des Matthaeusevangeliums ! 

6) Vgl. in der ags. Übersetzung: de hingriad nu . . de nu ivepaÖ . . pe gefyllede 
synt . . ße nu hlihad. 






PER STIL DER GOTISCHEN BIBEL 63 

unte gauuou jah gvetan duginnid 
uai pan waila izwis qiband allai mans 

samaleiko allis tawidedun galiugapraufetuni attans \%e 
Akei izwis qipa paim hausjandam 
frijod pans h&tandans izwis 

waila taujaid paim ^nndam izwis 
p>iuj>jaij) pans fraqipflwötons *2Jm 
bidjaid frara f)aim ananiahtja«(/«w izwis l 
pamma st&utandin puk bi kinnu 

galewei imma jah anpara 
jah pamma nimandin af pus wastja 

jah paida ni warjais 
fvammeh pan bid; andane 2 buk 

gif 
jah af pamma mmandin bein 

ni lausei 
jah swaswe wileid ei taujaina izwis mans 
jah jus taujaid im samaleiko 
Abpan jabai frijod bans frijondans izwis 
ha izwis laune ist 3 ? 
jah auk bai frawaurhtans 4 bans frijondans sik frijond 
jah jabai biup taujaid paim piup taujandam izwis 
hra izwis laune ist'? 
jah auk bai frawaurhtans 4 bata samo taujand 
jah jabai leiMd fram baimei weneid andniman 
h/a izwis laune ist? 
jah auk frawaurhtai 4 frawaurhtaim lei^and ei andnimaina 

swalaud L 6, 20-34 

1) Diese endreimfolgc ist von der griecb. vorläge unabhängig. 
"2) Tiocvxi 8e xG> alx&vTi vgl. pamma biüjandin puk gibais M 5, 42. 

3) Vgl. die ags. Übersetzung: 

ond hwylc panc is eow 

' jif je lufiaö ba be eow Iufiaö 
soölice synfulle lufiaö ba be bi lufiaö 
ond jyf je wel doö bara 8e eow wel doö 
hwylc J)anc is eow 
witodlice bset doö synfulle 
ond jyf je lsenaö J)ara b e je e ft set onfoö 
hwylc Jmnc is eow 
soblice synfulle synfullum laenaö bait bi jelice onfon. 

4) ol ajiapicüXoi . . ol djJLaptwXoi . . d[i.apTü)Xoi. 



<>4 KAUKRMANN 

Wenn des Paulus herz warm und weit geworden ist 1 , meistert 
sein mund kaum noch den mit rhythmischem weilenschlag andrängenden 
Wortschwall und es wird der rühm des Goten bleiben, auch dieser 
hohen rednerischen kunst nachgeeifert zu haben und ihrer herr ge- 
worden zu sein: 

//:> nu qi£>am? |>atei |)iudos |)os ni laistjandeins garaihtein 
gafaifahun garaihtein 
a|)J)an garaihtein {)o us galaubeinai 
i|t Israel laistjands witoj) garaihteins 
bi wito|) garaihteins ni gasnau! 
<lu///e? unte ni us galaubeinai 

ak us waurstwam' witodis 
bistugqun du staina bistugqis 
swaswe gamelij) ist 

sai galagja in Sion stain bistugqis 
jah hallu gamarzeinais 

jah sa galaubjands du imma ni gaaiswiskoda 
brojnjus sa raihtis wilja meinis hairtins 

jah bida du guda bi ins du na sein ai 
weitwodja auk im J)atei aljan gudis haband 
akei ni bi kunfvja 

unkunnandans auk gudis garaihtein 
jah seina garaihtein sokjandans stiurjan 
garaihtein gudis ni ufhausidedun 
ustauhts auk witodis Xristus 

du garaihtein allaim J)aim galaubjandam 
Moses auk meleij) |>o garaihtein us witoda 
J)atei sa taujands J)o manna 
libaijo in izai 
ij> so us galaubeinai garaihtei swa q i J> i J> 
ni qif>ais in hairtin peinamma 
/ras ussteigij) in himin? 

. pat ist Xristu dalaj) attiuhan 
ai|)f)au /^as gasteigif) in afgrundij)a? 

pat ist Xristu us daujmiin iup ustiuhan 
akei h/a, qif)if>? 

ne^a ]ms f>ata waurd ist in munj>a peinamma jah in 

hairtin peinamma 

1) munßs unsar usluknoda du izivis kaurinpius 
hairto unsar urrumnoda k 6, 11. 






DER STIL DER GOTISCHEN BIBEI. 65 

ßat ist waurd galaubeinais f>atei merjain 
jtei jabai andhaitis in munf)a {»einamma fraujin Iesua 
jah galanbeis in hairtin peinamma 

J>atei guj> ina urraisida us dau^aiin ganisis 
hairto auk galaabeip du garaihti[>ai 

if> munf)a andhaitada du ganistai 1 
qi{)i{) auk J>ata gamelij) 

/razuh sa galaubjands du imma ni gaaiwiskoda 
ni auk ist gaskaideins Iudaiaus jah Krekis 

sa sania auk frauja allaiz'e gabigs in allans pans bidjandans 2 sik 
/^azuk auk saei anahaitijp bidai 2 namo fraujins ganisip 
/raiwa nu bidjand 2 du [)ammei ni g&laubidedun 

aippau h aiwa galaubjand pammei ni hcmsidedun 
if» /raiwa hausjand inu merjandan 

if) /raiwa merjand niba ms&ndjanda ? 
swaswe gameli[) ist 

Ä'aiwa skaunjai fotjus I^izc spillondane 3 gawair|>i 
{uze spillondane 3 J)iuf) ! 
akei ni allai ufhausidedun aiwaggeljon 3 
Esaias auk q i J> i Jj 

frauja /ras galaubida hauseinai unsarai? 
[tannu galaubeins us gahauseinai 

i[) gahauseins J>airh waurd Xristaus 
akei qipa ibai ni hausidedun ? raihtis 
and alla airpa galaip drunjus ize 

jah and andins midjungardis waurda ize 
akei q i J> a ibai Israel ni fanj) ? 
frumist Moses qi]nl> 

ik in aljana izwis brigga in unpiudoni 

in {uudai unfra[>jandein in [»wairhein izwis brigga 
ij) Esaias ananan[>eif) jah qij)i|) 

bigitans 'warf) paim mik ni gasokjemdaw 

swikunps warj) ]>aim mik ni gstfraihnandam 
ij» du Israela qi|)i|) 

allana dag usbraidida l>os handuns nieinos 

du managein ungalaubjciwoJe/w jah anäst&nda u dein 

R 9, 30-10, 21 

1) stg awxvjpiav . . . stg oü)xr,piav du naseinai 10, 1 ; du ganistai 10. 

2) e7uxaXou|ievous . . . sTuxaXsa^xai . . . s7UxaXeaovxai. 

3) eüaYY£?a^o|j.£vo)v . . . eöaYYeXiCo|xeva)v . . . s.ba.*(y£.\ii$. 
ZEITSCHRIFT F.DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. Nl.Vlir. 



66 KAUFFMANN 

in pammei hrs fräs ananan|)eip in unf rodein qipa gadars l jah ik 
Haibraieis sind jah ik 
Israeleiteis sind jah ik 
fraivv Abrahamis sind jah ik 

andbahtos Xristaus sind sivasive unwita 2 qi|)a mais ik ! 3 
in arbaidim managizeim 

in karkarom ufaras sau* 
in slahim ufarassan 
in daupeinim vfta! 
fram Iudaiuni fimf sinpam fidwor tiguns ainamma wanans nam 
prim sinpam wandum usbluggwans ivas 
ainamma sinpa. stainif)s ivas 
prim sinpam usfarpon gatawida us skipa 

naht jah dag in diupipai was mareins! 
wratodum ufta 

bireikeim a^o bireikeim waidedjane 
bireikeim us kunja bireikeim us piudom 

bireikeim in baurg bireikeim in aupidai bireikeim in marein 
bireikeim in galiugabroprum! 
(in) aglom jah arbaidim in wokainim ufta 

in gredau jah paurstein in lausqipreirn ufta 

in friusa jah naqapein! k 11, 21-27. 

Sorgsamst formte der Gote seine spräche nach dem muster, das 
ihm das griechische original bot. Im Wetteifer mit ihm machte er 
den westgotischen dialekt ausdrucksfähig für die Vortragsarten der 
evangelien und der episteln und holte aus ihnen die fülle ihrer töne 
heraus 7 . 

Im briefstil wird Phl. 2, 19 ff. geschäftsmässig geschrieben 8 : 

1) TO?.|J.Cf . . . T0X|1Ü). 

2) 7tocpa:ppovG)V. 

3) uTtep eyiü. 

4) rcepioaoxspras . . . u7rspßaXXdvxü)g . . . Trspiaaoxepcos. 

5) d7iopoü|j.evot, dXX* oux eäja7Wpo6|Jievoi. 

6) rcävToxe . . . det. 

7) Dass es sich sowohl hei den rhetorischen figuren als auch bei den klang- 
figuren der gotischen bibel um bewusste nachhildung der griechischen typen 
handelt und dass die Goten für diese neue Schönheit der spräche empfänglich waren, 
wird durch die stilistische Verfassung der Skeireins bewiesen (Zeitschr. 38, 382 ff.; 
'rhetorische Stilisierung' Beitr. 36, 237). 

8) 'Ich setze auf den herrn Jesus die hoffnung, dass ich Timotheus bald 
zu euch senden kann, damit auch ich guten mutes werde durch nachrichten über 
euer ergehen. Denn ich habe keinen, der ihm gleich gesinnt ist und so aufrichtig 



DER STIL DER GOTISCHEN BIBEL (37 

panuh nu wenja sandjan :bipe gasaika Iva bi mik ist suns: appan 
gatraua in fraujin : pammei jah silba sprauto qima: 

appan parb mundet Aipafraudita bropar jah gawaurstwan jah 
gahlaiban meinana : ip izwarana apaustnlu. jah and bäht pauvftais mei- 
naizos sandjan du izwis. mite gairnjands was allaize izwara jah un- 
wunands :in pizei hausideditp ina siukan.jah auk siuks was nehra 
daupau. akei gup ina gaarmaida : appan ni patainei ina : ak jah mik. 
ei gaurein ana gaurein ni habau : sniumundos nu insandida ina : ei 
gasahandans ina. aftra faginop : jah ik hlasoza 1 sijau : ufkunnands 
Jva bi izwis ist: 

andnimaip nu ina in fraujin. m/p allai fahedai. jah paus 
swaleikans swerans habaip. mite in waurstwis Xristaus und daupu 
atneh/ida : ufarmunands saiwalai seinai. ei usfullidedi iziuar gaidw bi 
mein andbahti. 

Die gleiche prosaische Schreibart herrscht K 16, 1-12: 

ip bi gabaur pata paitn weih am. swasive garaidida aikklesjom 
(ralatie. swcl jah jus taujaip. ahih/arjanoh sabbate h/arjizuh izwara 
fram sis silbin lagjai. huhjands 2 patei will, ei ni bipe qimau pan 
gabaur wairpai. appan bipe qima. panzei gakiusip pairh bokos. pans 
sandja briggan anst 3 izwara in lairusalem. jah pan ja bat ist mis 
wairp galeijian. galeipand mip mis. 

appan qima at izwis. pan Makidonja usleipa. Makidanja auk 
pairh gagga. ip at izwis ivaitei salja. aip/jau jah wintru wisa ei jus 
mik gasaneljaip pi*]vaduh pei ik terato, ni wiljau auk izwis nu pairh- 
leipands saih/an. mite wenja mik h/o keilo saljan at izwis. jabai 
frauja fralctip. 

wisujjpan in Aifaison und paintekusUn. haurds auk m/s usluk- 
noda mikila jah waurstweiga. mh andastapjos managai 

apjmn jabai q/'mai Teimaupaius saikaip ei unagands s/jai at 
izwis. unte waurstw fraujins waurkeip swaswe jah ik. ni h/ashun 

<um euer ergehen sorge trägt. Sie denken alle an sich und nicht an die Sache 
Christi Jesu. Aber seine bewährung kennt ihr und wisst, dass er mir wie ein 
khid dem vater geholfen hat beim dienst für die heilsbotschaft {paiei stee attin 
barn mipskalkinoda mis in aitcaggeljon [22])'. 

1) Dies ist der einzige beleg für einen o-komparativ eines adjektivs mit 
kurzem stamrasilbenvokal (Palaestra 91, 89. 92). Dafür ist vielleicht der briefstil 
verantwortlich. 

2) Dies verbum ist für O-Tjaaupi^etv nur hier belegt. 

3) Dies wichtige sakralwort kommt ausser an unserer stelle nur noch k 8, 19 
in seinem ursprünglichen, profanen gebrauch vor (= 'gäbe'); sonst wird gibn. 
gewählt. 



ßH KAIM'IWIANX 

imma frahunni. ip insandjaip ina in gawairßja. ei qimai at mis 
usbeida auk ina miß broprum. 

apßan bi Apaullon ßana bropar bandwja iztcis. patei filu ina 
bad ei is qemi at izwis mip bropnim. jah aufto ni was wilja ei nu 
qemi. iß </i»ti/> bipe uhtiug. 

Herzlich empfundene anteilnahme (brüst s 12. 20) spricht aus 
dem sehreiben an Philemon: . . . (ich bitte dich für mein liebes kind, 
dessen vater ich in meinen banden geworden bin, für Onesimos, der 
sich dir einst als nichtsnutz erwiesen hat) ip nu pus jah mis bmks. 

panuh insandida. ip pu ina paust meinos brüst s andnim. 
panei ik ivilda at mis gahaban. ei faur puk mis am/bahtidedi in 
bandjom aiwageljons. ip inu pein ragin ni waiht ivilda taujan. ei 
ni swaswe bi naupai piup pein sijai. ak us Imtum. 

aufto auk dupe ofgaf sil: du heilai. ei aiweinana ina and- 
nimais 1 ju ni swaswe skalk. ak ufar skalk. broßar liubana ussindo* 
mis. ip Iran filu mais J>us jah in leika jah in fraujin. 

jabai nu mik habais du gamana andnim 1 ßjana swe mik. 

ip jabai hra gaskoß ßus. aippau skula ist' 6 , pata mis rahnei. 
ik Pairfus gamelida meinai handau. ik usgiba. ei ni qißau pus patei 
jaß-huk silban mis skula is 3 . 

jai bropar ik ßeina nintau in fraujin. anaprafstei meinos 
brüst* in Xristau. 

gtmtrauands ufhauseinai peinai. gamelida ßus. witands patei jah 
ufar J>aie : i qißa taujis. 

bijand+Hp^-pan manwei mis sali/jiros. wenja auk ei ßjairh bidos 
izwaros fragifoaidau izivis. 

goleiß puk Aipajras sa mißfrahunßana mis in Xristau Iesu . . . 

Ganz anders wirkt der über längere s'ätze schwerfällig sich hin- 
schleppende löbivortrag auf uns ein 5 , der nun aber doch schon 
kräftiger durch a-edeblumen gewürzt werden konnte: 
>y>//*:xanawistrodai ünnia'in daupeinai 



1) Wortwiederholung gegen die griechische vorläge (jrpoaXaßoü . . . dTisyjjg 

, . . TipOzXocßoÜ). 

2) aTcpci; XeYÖ[J.svov für jiäXi<?ia. 

3) Wortspiel (öcpelAei: Tcpoaoys^eig). 

4) &7ta£ XfY&iisvov für a\w, 

5) Vgl. z. h. fj 1, 3—14 ('das monströseste satzkonglomerat, das mir in griechi- 
scher spräche begegnet: ist, dein das anaJiQhjth 3, 1—14 würdig zur seite steht' 
Norden a, 9,, o, s. 253), 



DER STIL DER 6OTISCEES tUHEL 69 

in [»izaiei jali tnipnrrisTip bairh galaubein waurstwis gudis 

ßaei urraisida ina us daubaim 

Jah izwis daubans wisandans missadedirai jah unbiniaita Icikis izwaris 

»?//>gaqiwida mi{> imnia 

fragibands uns allos missadedins 

afswairbands j>os ana uns wadjabokos raginaiö seinaim 

batei was andaneibo uns 

jah bata usnam us midumai 

ganagljands ita du galgin 

andhamonds sik lcika 1 

rcikja jah waldufnja ^rrtarhida balpaba 

^rtblaubjands [>o bairht/?//rr in sis- 

laiktjo 

Ni manna nu izwis bidomjai in mata aibbau in (Ümgka 

aibbau in dailai dagis dulbais aibbau fällige : aibbau sabbatum 

batei ist skadus bize anawair|>ane : ib leik Xristau» 

ni Mishun izwis gajiukai 

wiljands in hauneinai jah blotinassau aggile 3 

batei ni sa/^. ushafjahds sik 3 

sware ufblesans frain frabja leikis seinis 

jah ni habands haubi[) us bammei all leik 

bairh t/awissins jah gabmdos ixuknnudo. jah beihawrfo 4 

waAseib du uu/istau 5 gudis ... C 2, 12—19 

Der dialektiker spricht in kurzen Sätzen und steigert die tendenz 
seiner beweisführung und Schlussfolgerung durch das stilmittel der 
rhetorischen fragen und ausrufe: 
bände nu Xristus merjada batei urrais us daubaim 
^aiwa qiband sumai in izwis batei usstass daupaim nist 
i|) jabai usstass daupaim nist nih Xristus urrais 

abjoan jabai Xristus ni urrais 

Bware 6 bau jasso mereins unsara 

jah so galaubeins unsara lausa ü 
Bibban-gitanda galiugaweitwods gudis. unte weitwodidedum bi gub 

1) dTcex8ood|Jievog. 

2) äSsiypiaTtosv ev rcappTjoiqp 9-ptajißsuoag otöxous. 

3) Punkt fehlt, cod. B. 

4) 8ia xeov &cpc5v vsx: ouvSecneov §7iixopr]Yoö[i£vov xai oujißißaCöjisvov, 

5) aügs'. xijv a5gyjctv. 

G) xevdv . . . xcviJj . . . u.axaia; mit dem 'wechsel im ausdruck' gehl die ände- 
der Wortstellung /usanimni. 



70 KAUKFMANN 

|>atei urraisida Xristu Jjauei ni urraisida 
jah jabai auk daupans ni urreisand nih Xristus urrais 
ij) jabai Xristus ni urrais 

sware 1 jah so galaubeins izwara ist jannauh sijuj) in frawaurhtim 

izwaraim . . . 
AiJ)J>au tob waurkjand J)ai daupjandans faur daupans 
jabai allis daupans ni urreisand 
duh/e pau daupjand faur ins 
duke pau weis bireikjai sijum //eilo ho\\ 2 
daga /^arameh 2 gaswiltandans in izwaraizos h oftuljos bro])rjus 

l^oei haba in Xristau Iesu fraujin unsaramma 
jabai bi mannam du diuzara waih in Aifaison 
Jvo mis boto jabai daupans ni urreisand 
matjam jah drigkam unte du maurgina gsiswiltam 
ni afairzjaindau 

riurjand sidu godan<7 gawaurdja ubik K 15, 12-17. 29-33 

Anapher und Wiederholung, häufung und antithese kommen hier 
wieder zum Vorschein. In breiterem ström quellen die rhetorischen 
affekte und die ihnen entsprechenden klang- und stilfiguren aus der 
mahnrede: 

p>atu|)J)an izwis qij>am in waurda jraujins 
J>atei weis J>ai libandans 
J)ai bilaibidans 3 in quma fraujins 
ni bisniwam faur Jrnns anaslepandans 
unte silba frauja in haitjai 
in stibnai arkaggilaus 
jah in Jmthaurna gudis 
dalaf» atsteigij) af himina 4 
jah daupans Jmi in Xristau usstandand faurjns 
J)aJ>ro Jmn weis pai libandans 
J>ai aflifnandans 3 

suns mi{) imma frawilwanda in milhmam 
du gamotjan fraujin in luftau 
jah framwigis mif> fraujin wairjv/m' 
swaei nu J>rafsteif> izwis misso in |>aim waurdaw 5 Th 4, 15-18. 

1) Siehe anm. 6 s. 69.. 

2) 7täaav a>pav; xa9-'fj(iepav. 

3) ot ^tövxss oi nepiXsindjisvöi. 

4) dpyayYsXoö . . . 9-soü . . . oüpavoö. 

5) sv toTs Xdyotg touxotg. 



DER STIL DER GOTISCHEN BIBEL 71 

Ni ei k/arjammeh swaswe gadailida gu|) ain/^arjatoh 

swaswe galapoda guj) swa gaggai 
jah swa in allaim aikklesjom anabiuda 1 
bimaitans galapops warp k/as 2 ui ufrakjae 
mib faurafillja galaptops warp /ras 2 ni bimaitai 
{)ata bimait ni ivaihts ist 
jah f)ata faurafilli ni walhts ist 
ak fastubnja anabusne 1 gudis 

^arjizuh in lafonai bizaiei labobs was 3 in bizai sijai 
skalks galabof)s was 3 ni karos . . . 

h'arjizuh in bammei at labobs was 3 broJ)ijus in bamma gastandai 

at guda K 7, 17-21. 24 
Jabai h/o nu ga|)rafsteino in Xristau 
jabai Ivo gablaihte friaJ)wos 
jabai h/o gamaindu|)e ahniins 
iabai h/o mildi|)0 jah gableibeino 
usfulleij) meina fahed 
ei |)ata s a m o .hugjaiji 
po samon friabwa habandans 
samasaiwalai. sarnafrabjai 4 
ni waiht bi haifstai aibbau lausai hauheinai 
ak in allai hauneinai gahugdais 

anbar anbarana munands sis auhuinan 
ni bo seina /^arjizuh mitondans 

ak jah bo anbaraize // arjizuh Phl 2, 1-4 

gamoteima in izwis 

ni ainummehun gaskojww 

ni ainnohun frawardidedww 

ni ainnohun bifaihodedwm 
ni du gawargeinai qij)a 
fauraqab auk batei in hairtam unsaraim sijub 

du mibgaswiltan jassamana liban k 7, 2-3 

Munbs unsar xis\\\knoda du izwis Kaurinbius 

hairto unsar u r r n ra n oda b 

1) 8iaxiaaou-ai . . . ivxoX&v. 

2) Tig SxXyjO-y] . . . xsxXrjxai xtg; wahrscheinlich wird man <lie neuere le'sari 
galapoda preisgeben müssen. 

3) ixXirj9-Y} . . . IxXyjO-rjs . . . exXyjO-y). 

4) iva xö aüxö cppdvrjxe, xtjv aüxrjv iyänr^ e'xovxeg oöu4>uX ot ; *& ^ tppovoövrefi. 

5) dvscüysv . . . 7ie7rXdxovxai. 



72 KAUFFMANN 

ni preih a nda jus in uns 

i}> J) r e i h a n d a in hairpram . izwarairn 
appan {>ata samo andalauni - swc frastim qipa 

urrumnai[) jah jus k 6, 11-13 

Am reinsten und am klarsten stellen sich die für den Stilcharakter 
der bibelsprache bedeutsamen merkmale in den liturgischen partien 
dar (s. 39 ff.). Es ist namentlich der psalmenstil, den der gotische 
Übersetzer des Neuen testaments wiederzugeben bemüht war. Drei 
punkte müssen dabei in erster linie ins äuge gefasst werden, weil sie 
innerhalb der stilgeschichte altgermanischer kunst nicht entfernt in 
gleichem masse vertreten waren und trotzdem für die Gotenbibel be- 
sonders ins gewicht fallen: 1. anfangsstellung bezw. endstellung der 
verba (und der prädikate) ; 2. Wiederholung desselben gedankens (sog. 
parallelismus membrorum *) ; 3. Wiederholung desselben Wortes (wovon 
im vorangehenden ausgiebig gehandelt worden ist). 

1. Verba im satzaufang und im satzschluss a : 
atta unsar |)ii in himinam 

weihnai namo pein 

qimai piudinassus peius 

wairpai wilja peins 3 ... M 6, 9-10 (o. s. 12). 

unsahtaba mikils ist gagudeins runa 

saei gabairhtips warp in leika 

garaihts gadomips warp in ahmin 

ataugids war}) paini aggilum 

merids warp in piudom 

galaubips warp in fair// -au 

andnumans warp in wnlpau T 3, 16 * 

hausidedun bisitands jah ganipjos izos 

mite gamikilida frauja armahairtein seina bi izai 
jah mipfaginodedun izai 
jah warf» in daga ahtudin 

1) et eduxit populum suum in exultatione et electos suos iu letitia ende leita 
er sinen liut in sprungezinne so ist aber daz selba unde sine iruueleten in 
ureuui et dedit Ulis regiones gentium et labores populorum possiderunt do t gab er 
in lantskefh dieto so ist aber daz selba anderro liuto arbeite besazzen sie 
Notker 2, 449 f. 

2) Norden a. a. o. 8. 257 f., 365 f. u. ö. : zur sache verweise icb ausserdem auf 
I leibrück, Abhandl. d. kgl. Bäche, gesellsch. d. wissensch. phil.-hist. klasse XXVIII 
nr. VII (1911). 

3) din nanvo uuerdi geheüigot, din riche ehome, din uuillo gescehe . . . Notkcr 2, 633. 
1) Norden s. 254 ff. 



DER STIL DER GOTISCHEN BIBEL 73 

qeniun bimaitan f>ata barn 

jah haihaitun ina af'ar naniin attius is . . . 
gabandwidedun {)an attin is . . . 

usluknoda J)an munps is suns jah tuggo is 
jab rodida |>iupjands gup 
jah warf) ana allaim agis paim bisitandam ina 
jah in allai bairgahein Iudaias merida wesun alla J)o waurda 
jab galagidcdun allai {>ai hausjandans in hairtin seinamma qipaüdans 

fra, skuli ])ata barn wairpan l L 1, 58-66 

Scharf hebt sich diese eigentümlichkeit von der ihr nach dem 
gesetz des chiasmus folgenden endstell ung des verbums z. b. in 
folgenden kolis ab 2 : 
Bidjamup-pan izwis broprjus 

talzjaip pans ungatasstms 

prafstjaip pans grindafra]>ja«s 

usfmlaip pans siukwis 

nsbeisneigai sijaip wif)ra a\\ans . . . 
sinteino fagino]) in fraujin '' 

unsweibandans b i d j a i j » 

in allamma awiliudoj) 

]>ata auk ist wilja gudis in Xristau Iesn in izwis 

ahman ni af^apj.aif> 

praufetjam ni frakunneip 
appan all uskiusnrz/j 

patei gof) sijai gahafocriß 

af allamma waihte nbilaizo afhabai]» izwis ' Tb 5, 14 22 

2. Parallelismus: 
qam raihtis Iohannes nih matjands nili drigkands 

jah qipand . . . 
qam sa sunus mans matjands jah drigkands 

jah qipand M 11, L8 19 

1) xi apa zö Tcaioiov xo\ixo laxai ; 

2) custodit dominus ouanes diligentes se el omaes peccatores disperdet 
behuotet alle die in min/tont, alle sundige f er lius et er; alleuat onmes qui cor- 
ruunt et erigit omnes elisos > er heuet itf alle diedir nullen! unde alle ferchniste 
ri'htet er uf; leibet hungergen fuora, er rihtet uf die geuuirsoten (du so harto 
uallent daz sie ußrstan ne mugen die heuet er uf), er loset . . . er getuot ..." 
minnot . . . er behuotet ... nueisen unde uuituuun inphahet er und* den breiten uueg 
dero sündigem nzot er Notker 2, 5941, 595 usw. 

3) uävxoxs yeipexs. 
-1 1 ä-£)(eaO-s. 



74 



KAUFFMANN 



urrann raihtis Iohannes sa daupjands 

nih hlaif matjands nih wein drigkands 

jali qif>i|> . . . 
urränn sunus mans 

matjands jah drigkands 

jah qij)i|) ... L 7. 33-34 

golja izwis ik Tairtius 

sa meljands Jio aipistaulein in fraujin 
goleif) izwis Gaius 

wairdus naeins jah allaizos aikklesjons 
goleij) izwis Airastus 

fauragaggja baurgs jah Qartus sa brof>av R 16, 22-23 x 

»Saei bigiti|) saiwala seina fraqistei|) izai 

jah saei fraqisteif) saiwalai seinai in meina bigitip f>o 2 M 10, äö 
Jah jabai Jriudangardi ivipra sik gadailjada 

ni mag standan so |)iudangardi jaina 
iah jabai gards wijrra sik gadailjada 

ni mag standan sa gards jains 
iah jabai satana usstop ana sik silban 

jah gada/ Ups warf» 

ni mag gastandan 3 ak andi habaiji Mc 3, 24-26 

Jabai qipai fotus patei ni im handus 

ni im |)is leikis 

nih a t j> a m m a 1 e i k a 4 



1) Abbau fagino in qumis Staifanaus jah Faurtunataüs . . . 
gabrafstidedun auk jah meinana ahman jah izwarana 
ufkunnaih nu bans swaleikans 

goljand izwis aikklesjons Asiais 
goleib izwis in fraujin filu 

Akyla jah Priska mib ingardjon seinai aikklesjou 

at baimei j<*h salja 
goleib izwis misso in frijonai weihai 
goleins meinai handau Pawlus K 16, 17-21. 

2) Saei sokeib saiwala seina ganasjan fraqisteib izai 

jah saei fraqisteib izai in meina ganasjip bo L 17, 33; 

hier steht ganasjan an stelle von aöoou und ganasjip an stelle von CcooYOVYjasi. 

3) Sowohl standan als gastandan entsprechen griech. oxaO-vjvai; gastandan 
ist also aus stilistischen gründen gesetzt ('wechsel im ausdruck'), darf und kann 
nicht wohl auf Wechsel der aktionsart zurückgeführt werden (P B Beitr. 15, 89. 109.) 

4) leü-a hat keine griech. ent'sprechung. 



DER STIL DER GOTISCHEN BIBEL 75 

nist us p a in in a leika 
jabai qipai auso patei ni im augo 
ni im p i s leikis 
nih at p a in m a leika 1 

nist us pamma leika 
jabai all leik augo. Jvar hliuma 

jabai all hliuma Jvar dauns? K 12, 15-17 

3. Dieser parallelismus membrorum war bei seiner stilistischen 
darstellung und Wirkung auf die Wiederholung des gleichen satzes, 
Wortes oder wortteils nicht angewiesen, ruft sie aber doch gerne herbei : 
swaswe gainelip ist (Ps. 18, 50. 117, 1) 

duppe andhaita {jus in piudom frauja 
jah namin peinamma liupo . . . 
jah aftra qipip 

hazjip 2 allos piudos fraujan 

jah hazjaina'* ina allos manageins R 15, 9. 11 

swaswe gamelip ist 

^aiwa skaunjai fotjus 
pize spillondane gawairpi 
pize spilloüdane piup . . . 
frumist Moses qipip 

ik in aljana izwis brigga in unpiudom 
in piudai unfrapjandein 

in Jjwairhein izwis brigga* 
ip Esaias anananpeip jah qipip 

bigitans warf) paim mik ni gSLSokjandam 

swikunps warf) paim mik ni gafraihnancfam R 10, 15. 19-20 
Gamelip ist auk 

sifai stairo so unbahrindei 

tarmei jah hropei so ni fitandei G 4, 27 

swaswe gamelid ist in bokom waurde Esaeiins praufetaus qipandins 
stibna wopjandins in aupidai 
manweid wig fraujins 

raihtos waurkeip staigos is 
all dale usfull/arfa 

jah all fairgunje jah hlaine gahnaiw;Wr/ 



1) Siehe anin. 4 auf S. 74. 

2) alveixe . . . §Tcaiveaäicoaav. 

3) irapa£v)Xö)a(o u|xac . . . rcapopyiw ujj.ag. 



76 KAUFPMANN 

jah wairbib bata wraiqo du ra«Ä/amma 

jah usdrusteis du wigam slaihtaim L 3, 4-6 

gamelif) ist auk 

fraqistja snutrein })ize snutrane 

jah frodein bize frodane uskiusa K 1, 19 

saei jah galiuhteib analaugn riqizis 

jah galiuhteib runos hairtane K 4, 5 

Die liturgische rhvthmik bewegt sich aber nicht bloss in den 
doppelgeleiseo des parällelismus inembrorum 1 . sondern wird gern 
dreigliedrig, z. b. : 
jabai anabusnins meinos fastaid 
sijub in fr Lab w a i nieinai 
swaswe ik anabusnins attins nieinis fastaida 

jah wisa in fria|>wai is -1 15, 10 

t'rijos fraujan gub beinana 

ns allamma hairtin beinamma 

jah us allai saiwalai ]>einai 
jah ns allai gahugdai beinai 

jah us allai raahtai (»einai Mc 12, 30 2 

sa unmahtins unsaros usnaun 

jah sauhtins »sbar 3 M 8, 17 

ei sai/^andans sai/raina jah ni gaumjaina 

jah hausjandans hausjaina jah ni frabjaina Mc 4, 12 

//«blindida ize augtwa jah gradaubida ize hairto»« 

ei ni gauniidedeina augaui jah frobeina hairtin J 12, 40 4 u. a. 
jah bata witandans bata beihs 



1) in mis atta jah ik in imma .! 10, 38; ik in attin jah atta in mis 14, 10; 
saei wisiß in mis jah ik in imma 15, 5; meina alla peina sind jah peina mein« 17, 10; 
ei allai ain sijaina swaswe pu atta in mis jah ik in pus ei jah ßai in uglcis ain 
sijaina . . . ei sijaina ain swaswe urit ain siju ik in im jah pu in mis ei sijaina 
ustauhanai du ainamma 17, 21—23; vgl. M 10, 40-41: sa andnimands izwis mik 
andnimiß jah sa mil,- andnimands andnimiß pana sandjandan mik sa andnimands 
praufetu in namin praufetaus misdon praufetis nimiß jah sa andnimands garaih- 
tana in namin garaihtis mizdon garaihtis nimiß. 

2) Im Lukasevangelium (10, 27) ist das zweite kolon um ein drittes glied 
erweitert: 

jah us allai niahtai J)einai 

jah us allai gahugdai beinai 

jah neMindjan beinana swe [uik silbän. 

3) avsXocßev . . . sßäcxaasv. 
4-) Weiss. Beiträge s. 169 ff. 



DER STIL DER GOTISCHEN BIBEL 



pata mel ist uns ju us slepa urreisan 
unte nu nekris ist naseins unsara [»au pan galaubidedum 

nahts framis galaip ip dags atne/rahx 
uswairpam nu waurstwam riqizis 

ip gawasjäm 1 sarwam liuhadis 
swe in daga geredaba gaggaima 

ni gabaurara jah drugkaneim 

ni ligram jab aglaitjam 

ni haifstai jah aljana 
ak gahampf) 1 fraujin unsaramma Xristau Iesua 

jah leikis iniin ni taujaij) in lustuns R 13, 11-14 

saei hauseip izwis mis hauseip 
jah saei ufbriki{> izwis mis ufbrikij) 

ip saei ufbriki{> mis nfbrikij) pamma sandjandin mik L 10, 16 

allaize ahne haubiß Xristus ist 
ij> haubiß qinons aba 

ij> haubiß Xristaus gu|) K 11, 3 

saei frijop attan ai|>|>au aipein ufar mik 

tust meina ivairßs 
jah saei frijop suuu ai|>[>au dauhtar ufar mik 

nisj, meina wairßs 
jah saei ni nimip galgan seiuana jah laistjai afar mis 

nist meina wairßs M 10, 37-38 

jah qimands is gasakij) [>o manasep 

bi frawaurkt jah bi garaihüßa jah bi siaua 
bi frawaurkt raihtis 

patei ni galaubjand du mis 
i{> bi garaihtißa 

patei du attin meinamma gagga jah nili jmuaseips sai//ip mik 
i{> bi staua 

J>atei sa veiks ]>is iairZ-aus afdomi{>s war}> J 16,8-11* 



1) £v5uaw|j.£9-a . . . sv&üaaafrs. 

2) inti thanne her cumit thanne tbuingit her uueralt 

fon suuton inti fon rehte inti fon duome 
fon sunton giuutfsso 

uuanta ni gilaubent in niih 
fon rehte uuarlihho 

uuanta ih zi tlicino fater faru inti in ni gisehet niih 
fon duonre 

uuanta herosto thesses niittilgartcs erduompt ist Tatian 172,4—5; 



78 KAUFFMANN 

Auf die bedeutung dieser dreigliedrigkeit 1 , des in der dreiheit 
gipfelnden rhythmus, für die Wortwahl wird im verlauf noch des 
öfteren zurückzukommen sein 2 . 

In der klimax reihen sich weitere glieder an: 
haiwa nu bidjand du pammei ni galaubidedun 

aippau hraiton galaubjand pammei ni hausidedun 

ip k/aiwa hausjand inu merjandan 

ip hraiwa merjand niba insandjanda R 10, 14-15 

Solche gefüge gedeihen unter mitwirkung der anapher und der 
hyperbel (Phl 1, 14-17) bis zu der häufung und ihren kettenreihen 
(k 6, 4, 10); es genügt nach dem vorausgeschickten belegmaterial, den 
hyperbolischen ausdruck des Goten und seine reihenbildung durch 
einige beispiele zu veranschaulichen: 
mitonins gatairandans jah all hauhipos ushafanaizos wipra kunpi gudis 

vgl. betota . , . abur ander a stunt betota ... betota th ritten stunt thaz selba 
nuort quedenti 182, 1—6; quad ther heilant: minnostu mih? . . . fuotri miniu lembir 
(agnos); quad her imo abur: minnostu mih? . . .fuotri miniu lembir (agnos) ; quad 
her imo thrittun stunt: minnostu mih? . . . fuotri miniu serff (oues) 238, 1—3. 

1) us imma jah pairh ina jah in imma alla RH, 36; ik in attin meinamma 
jah jus in mis jah ik in izwis J 14, 10 ; ik im sa wigs jah sunja jah libains 14, 6 
ains frauja, aina galaubeins, aina daupeins E 4, 5. 

2) pande liuhap habaip, galaubeip du liuhada, ei sunjus liuhadis wairpaip 
J 12, 36; jubai nu gup hauhips ist in imma jah gup hauheipj ina in sis jah suns 
hauhida ina 13, 32; swaswe frijoda mik atta, swah ik frijoda izwis, loisaip in 
friapwai meinai 15,9; ustiuhan — ustiuhan — ustiuhan L 14, 28—30 ; bi — bi — bi 19, 43 ; 
gabundans— bibundans — andbindipS 1 1, 44 ; kunnuß— witum — kunnan 14, 4—5 ; icitum — 
kunnum — tvitup 9, 29—30 ; wisaip — sijup — ivisa 15, 9—10 : ujktinpa — kunpa —ufkun- 
pedun 17, 25 ; afaikan — laugnjan — afaikan Mc 14, 68—71 ; (: inwidis 72) ; sa auhumista 
gudja — sa reikista gudja — sa maista gudjaJ 18, 19. 22. 24. 26. Auf einen interessanten 
Spezialfall liturgischen dreiklangs hat neuerdings E. Groeper", Untersuchungen über 
got. Synonyma (diss. Berlin 1915) s 87 f. die aufmerksamkeit gelenkt: 'liest man 
längere partien der gotenhibel . . . durch, so ergibt sich, dass dem dreimal beibe- 
haltenen griechischen wort ... im gotischen zwei gleiche und ein davon abweichendes 
entsprechen': armaio — armaio — armahairtipa M 6, 2—4 (iXsyjnooüvv]); piupeigs — 
piupeigs—piup L 6, 45 (ayaO-öj); qipus — qijnis— wamba 1, 41—44 (xoiALa) ; gadaupnai — 
gadaujmai — gadanjmoda: gasivalt — gaswultun — gadaujmoda 20, 28—32; gaswiltip 
— gaswiltip — gadaupnip) Mc 9, 44—48; gaswalt — gaswiltaima — gadaupnodedi J 11, 
14. 16. 21; ushramei — ushramei — hramjiß 19, 6; wopida — wopida — hrukjai 
Mc 14, 68—72; sunja rodida — sunja rodida — sunja qipa J 8, 40. 45—46; gauridai 
wesup — gauridai wesup — saurgaidedup k 7, 9; dazu die umkehrung: hauseins — 
gahauseins — gahauseins R 10, 16—17; gilstr — gabaur — gabaur 13, 6—7; pagkjan — 
miton — miton Mc 2, 6. 8; saljan — Jrymiama — ßymiama L 1, 9—11; gaivaurkeip 
im anakumbjan — gatawidedun — gatawidedun anakumbjan 9, 14—15; kunnum 
frapro ist — ivait hapro ist — kunnup jah tviiuj) bapro im J 7, 27—28. 



DER STIL DER GOTISCHEN BIBEL 79 

jah frahinpandans all franje jah in uf hausein Xristaus tiuhandans 
jah raanwuba babandans du fraweitan all ufarhauseino 

pan usfulljada izwara ufhauseins k 10, 5-6 

ei fullnaib kunpjis wiljins is 

in allal handugein jah frodein ahmeinai 
ei gaggain wairpaba fraujins 

in allamma patei galeikai in allamma waurstwe godaize 
akran bairandans jah wahsjandans in ufkunpja gudis 

in allal mahtai gaswinpidai bi mahtai wulpaus is 

in allai uspulainai jah usbeisnai mip fahedai Gl, 9-11 

Ni wiljau izwis unwitans broprjus 

patei attans unsarai allai uf milhmin wesun 

jah allal marein pairhiddjedun 

jah allai in Mose daupidai wesun 
in milhmin jah in marein 

jah allai pana saman mat ahmeinan matidedun 

jah allai 1 f)ata samo dragk ahmeino drugkun K 10, 1-4 

managa mis trauains du izwis 

managa mis M)ftuli faur izwis 
usfullij)s im gaplaihtais 

ufarfulli|)s 2 im fahedais 
in allaizos managons aglons b unsaraizos . . . 
in allamma anapragganai 

utana waihjos innana agisa k 7, 4-5 

niu im apaustaulus? niu im freis? 

niu Iesu Xristu fraujan unsarana sa^? 
niu waurstw meinata jus sijup in fraujin? . . . 
ibai ni habam waldufni matjan jah drigkan? 

ibai ni habam waldufni swistar qinon bitiuhan . . . 

f)au ainzu ik jah Barnabas ni habos waldufni du ni waurkjan? 
/^as drauhtinop swesaim annom ^an? 

/^as satjip weinatriwa jah akran pize ni matjai? 

^as haldip awepi jah miluks pis awepjis ni matjai? 
ibai bi mannam pata qipa aippru jah witop' {Data qipip? K 9, 1-8 
All saiwalo waldufnjnm ufarwisandam ufhausjai 

unte nist ivaldufni alja fram guda 



1) Fehlt cod. A. 

2) 7ie7iXifjpü){iai . . . uTtspneptaoeüojxat. 

3) ivX 7iäoig t-^ -a-Xlc^st. 



Sü KAUFMANN 

i]) Jx» wisandona 1 fram guda gasatida sind 
swaei sa andstandands waldußtja gudis garaideinai andsto\> 
ij> {>ai andstandandans* silbans sis wargif>a niuiand 

])ai auk reiks ni sind agis godamma* waurstwa ak ubilamma 4 
a])J)au wileis ei ni ogeis waldufiii? 

X>iul> 3 taujais jah habais hazein us fjamma 

n n t e gudis andbahts ist Jms in godamma 3 
i|> jabai ubil 4 taujis ogs 

ante ni sware Jjana hairu bairif) 

gudis auk andbahts ist fraweitands in Jjwairhein 

Jmmma ubU* taujandin 
du[>J>e ufhausjai|> ni J)ateinei in J)wairh<e/»s 
ak jah in mi{)\viss^'»s 
inujjjpis auk jah gilstra 5 ustiuhaif) 

unte andbahtos gudis sind in f)amina silbin skalkinondans 
usgibif) nu allaim skuldo 

|jammei gabaur gabaur 5 

jtammei mota mota 

])ammei agis agis 

]>ammei swerijpa swerijja R 13, 1-7, 

1) oü §s ouaai SSouoLai. 

2) dvTi-caaaöjJisvos . . . avS-aaTYjxsv . . . äv9-saxyjxÖTSg. 

3) ayaS-co . . . dcfaS-cv . . . äyaS-öv. 

4) xäxm . . . xaxöv . . . xaxöv. 

5) <pöpoog . . . cpöpov . . . cpöpov. 

(Fortsetzung folgt.) 

KIEL. FRIEDRICH KAUFFMANN. 



SEILER, DIE KLEINEREN DEUTSCHEN SPRICHWÖRTERSAMMLUNGEN 81 



MISZELLEN. 

Die kleineren deutschen Sprichwörtersammlungen der vorrefonnatorischen 

zeit und ihre quellen. 

(Schluss.) 

5. Die Klagenfurter Sammlung. Budik, bibliotliekar in Klagenfurt, 
fand diese Sammlung auf den drei letzten blättern einer handschrift vom jähre 1468, 
deren schluss lautet : Finitum est hoc opus per Johannein presbyteruin et monachum 
anno domini millesimo quadringentesimo sexagesimo octavo. Er veröffentlichte sie 
in den Österreichischen blättern für literatur und kunst II (1845) S. 622-624. 

Die 66 Sprichwörter sind von dem Sammler nach dem gesichtspunkte hin 
ausgewählt, dass es sämtlich gereimte Zweizeiler sind. Vielleicht hat der Sammler 
selbst manche der Sprichwörter erst zu dieser form umgestaltet. So ist z. b. 48 
das Sprichwort: Was Gott mir gibt, das nimmt mir St. Peter nicht durch den zusatz 
'durch pitf zu einem reimspruch geworden. Statt: 'Grosse herren haben lange 
hände' heisst es 66: 'Grosser herren hand reicht in alle land'. Bei 18 Sprichwörtern 
hat der sammler die sinnverwandten lateinischen Sprüche hinzugesetzt, die in der 
regel die originale sind, aus denen die deutschen durch Übersetzung geflossen sind. 
Die Sammlung war also wohl in erster linie für den gebrauch beim lateinunterricht 
bestimmt. 

1. Eijgner hertt Ist gülden wert, 

2. Der esell und dg nacht igall Haben gar rngeleich schall. 
Vox asinina non concordat ad philomena . Prg. 39. 

3. Wer da gibt, der ist lieb, Wer da stilt, der ist ein dieb. 

4. Der ist viel ein selig man, Der von fremden schadn toei/s werden chan. 
Felix, quem faciunt aliena pericula cautum. 

5. *Den hat nymant lieb, Der allzeit spricht: mir auch gib. 

1) Spervogel in Minnes. frühling 26, 34: 'Weistu, wie der igel sprach: vil 
guot ist eigen gemach'. MS. 57: Est dictum verum: privata doinus valet aurum. 
Pc. 336: Eignen heert is golts weert. Est quasi qui proprius aureus ipse focus. 
B. 453 : Proprius focus auro comparandus ; dicitur in eos, qui sine quiete in aliorum 
aedibus victitant. Zeitschr. 45, s. 253, nr. 79. Gemeinmittelalterlich. Engl.: Oue's 
own hearth is worth gold. Dür. 1, 336. Wa. 2, 527, nr. 15. 

3 a) Bruder Wernher in Minnes. Hagen 2,228b (Z. 45): Swer git, der ist 
liep. Wa. 1, 1374, 177, 186: Wer (gern) gibt, den hat man lieb (der ist lieb). 

3 b) Pc. 616: Stelet eens ende blijft ewelic een dief. Qui semef est furans, 
furis nomen sibi durans. Wa. 4, 800, 83 : Wer einmal stiehlt, heisst immer ein 
dieb. 84: Wer einmal stiehlt, der muss sein lebtag ein dieb bleiben. 

4) Die lateinische sentenz gebraucht auch Pc. 424: Hi castijt hem sacht, die 
hem bi enen anderen castijt, Felix, quem faciunt aliena pericula cautum. Alterius 
poenis fit castigatio lcnis. Der niederländische spruch ist eint' Übersetzung des 
altfranz.: Bien se chastie, qui par autre se chastie, Dür. 2, 228. Die quelle ist 
antik (Otto, Rom. sprichw. 14, 3). Menander, mon. 38: ßXsuwv 7i£7tai5ei>n" st; xä 
tcüv aXXcov xaxä. Terenz adel. 416: ex aliis sumere exemplum sibi. Publ. Syr. 47: 
Bonum est, fugienda aspicere in alieno inalo. Der vers : Felix, quem faciunt aliena 
pericula cautum ist ebenso wie Columban (Baehrens : Poetae lat. min. 3, 241): Felix, 
alterius cui sunt documenta flagella aus einem lateinischen Sprichwort geflossen, 
das auch Tibull 3, 6, 43 umgeformt hat: felix, quieunque dolore Alterius disces 
posse cavere tuo. Wa. 4, 46, nr. 98: Mit fremdem schaden ist wohlfeil klug 
werden. Körte 1642: Andrer fehler sind <^ute lehrer. 

ZEITSCHRIFT F.DEUTSCHE PHILOLOGIE. BI>. XL\ III. fi 



82 SEILEB 

6'. Dy erst tugend, die man chort (kört, wählt) Dy ist Massigkeit der wort. 
Virtutem primam compescere censeo linguam. 

7. Ein jeder vogel darnach singet, Als ihm sein Schnabel ehlinget. 

8. Ein heim getzogenes chind Ist aussen als ein rincit. 

9. Das ist wol ain arme maus, Dy nit mer hatt denn ain haus, 

10. Wer das chindt lieb» habn will, Der spar in der gerten nit zu viel. Vgl. 
51. Schw. 74. 102. 

11. Ein schwerer tzom wird gebrochen, Wenn ein gütig wordt wird gesprochen. 

12. Wer das stro pey dem fewr leytt, Das entzündi sich gern zu aller zeit. 
Prg. 12. 

13. *Der pfennig der wird geert, An (ohne; Hdsclir. in) pfennig ist ngmant 
irerdt. Vgl. Str. 12. 

14. Der die pürd tregt, Der ways lool /ras sy iregt. I'rg. 41. 

15. Da ist leicht streytten gutt, Da ngmant wider streuten tutt. Vgl. Prg. 23. 

16. Wenn mau den irolf nenntt. So chumbt er oft gerenntt. Gr. 4 Prg. 13. 
Mn. 42. 

17. Ich sprich das wol on alle list, Dass ain böss weib dreii tewfl pösser ist. 
Prg. 70. 



6) Regula Set. Benedicti Kap. 64: Discretio rnater virtutis. Fee. ratis 1,555: 
In te virtutum raater, discretio, nulla est. Isengriinus 1, 686: Virtutum custos est 
modus atque dator. Freidank: Ich bin genant bescheidenheit (womit discretio über- 
setzt ist, Sandvoss s. 150), diu aller tugende kröne treit. Rinkenberg, Minnes. 
Hagen 1, 339 (Z. 99): Diu mäze ist ganzer tugende ursprinc. Pc. 469: Mat is geet 
tot allen dingen. Fertur: in omue, quod est, mensuram ponere prodest. Der spruch 
geht auf antike quellen zurück, Pindar Pyth. 2262 (Otto) : aptoiov uixpov. Plin. 
ep. 1, 20, 20. Optumus tarnen modus est. Sen. ep. 66, 8: Omnis in modo est virtus. 
Sanct. Antonius (Oassianus coli. 2, 4) : Omnium virtutum generatrix, custos modera- 
trixque discretio est. Dass man speziell in worten mass halten soll, wird in zahl- 
reichen Sentenzen und bibelsprüchen gelehrt. Die lateinische sentenz steht bei Cato, 
dist. 1, 3 Virtutem primam esse puta, compescere linguam. 

7) Sachsensp. praef. 45 (z. 160) : Ja ist uns von den argen kunt ein wort 
gesprochen lange : der vogel singt als im der nmnt gewahsen steit zu sänge. Wa. 
4,1659, nr. 303: Jeglicher vogel singt, wie ihm der schnabel gewachsen ist. — 
Nur deutsch. 

8) MS. 60: Est puer, in patria, bos, qui nutritur, in aula. MS. 143: Nutritus 
ruri solet urbi brutus haberi. Freid. 139, 14 ab: Man hat ein heime gezogen kint 
ze hove dicke für ein rint. Zeitschr. 45, 260, nr. 114. Wa. 2, 1'279,"~209. - Nur 
deutsch. 

9) MS. 96: Infelix mus est, cui non uno lare plus est. Morolf 2, 260 (Z. 100): 
Die nit dan ein loch hat, daz ist ein böse müs. Körte 5239 : Das ist wohl eine 
arme maus, die nur weiss zu einem loch hinaus. Zeitschr. 45, 262, nr. 126. Quelle 
ein römisches Sprichwort, das Plaut. Trucul. 4, 4, 15 (0.234) gebraucht: 

Cogitato, mus pusillus quam sit sapiens bestia, 
Aetatem qui non cubili uni unquam committit suam. 
International, z. d. altfranz. (Zfda. 11, s. 115 ff. nr. 252): La soris est tote prise, que 
na que un pertus Dür. 1, 384. 

11) Freidauk 64, 12: Süeziu rede senftet zorn. Biblisch und antik. Sprüche 
15, 1: Responsio mollis frangit irara. Aschylus Prom. 378: 'Opyfjs ^soüarjs sloiv 
laxpci Xöyoi. 

13) Der gedanke wird bei allen Völkern oft ausgesprochen, z. b. Eurip. Phoen. 
442: Tä xpr^az' dv9-pci)7iot.oi Ti(iiwxaxa. Prediger 10, 19: Pecuniae oboediunt omnia. 
Die vorliegende gereimte fassung ist sonst nicht belegt. Wa. 3, 1267, 56 hat pur 
den ersten teil: Der pfennig wird hoch geehrt. 



DIE KLEINEKEN DEUTSCHEN 8PRICHWÖRTERSAMMLUNGEN 83 

IS. Mich beschwertt dg arbeit ser, Der kain Ion volget mer. 

19. Was das chind gewonet hat, Wann es daran will lassn, so ist es zu spat. 

20. Was dich truckt, das trag auf erden, Durch getuld llrirds laiehter werden. 

21. *Wer edel sich am faindt will rächen, Enthüll' den andern nit dessen 
schwächen. 

22. Pewarc cor der sünde dich, Wer übles tutt, der tödtet selber sich. 

23. Trau' auff gott in dainer pitt, Er verlässt dg seinen nitt, 

24. Gott thailf gerecht aus die gaben, Nichts kriegt, wer zu vil will haben. 

25. Trink und iss, Gott nit vergiss. Eb. 19. 

26. Kain schermesser das liürter schert, Dann so ein bettler ein herre. wer dt. 

27. Aine würd, Aine pürd. Honores onera. 

28. Wie die zucht, So dg frucht. 

29. Wie. die alten sungen, So zwitzern die jungen. A cicinis exemplum habent. 

30. Es hat dg nott Nie ayn gebott. 

18) Wa. 1, 117, 52: Arbeit ohne lohn ist halb spott, halb höhn. Beide spräche 
stammen aus Luk. 10, 7: Ein arbeiter ist seines lohnes wert. 

19) Übersetzung von Seueca Troad. 631: Dediscit animus sero, quod didicit 
diu. Freidank 108, 17 (Z. 54): Den site ein man ungerne lät, den er von jugent 
gewonet hat. Über die macht der gewohnheit gibt es bei allen Völkern Sprich- 
wörter und sentenzen. 

20) Beruht auf lateinischen sentenzen. Ovid rem, am. 521 : Posse pati facile 
est, tibi ni patientia desit. Hör. od. 1, 24, 19: Levius fit patientia, quidquid corri- 
gere est nefas. Körte 2264: Geduld macht leiden leicht. 

21) Dem Spruche liegt sicher eine sentenz zugrunde; welche, habe ich nicht 
ermitteln können. 

22) Hesekiel 3, 18. 19: Der gottlose wird um seiner sünde willen sterben. 

23) Zahlreiche bibelsprüche bekunden, dass Gott die, die auf ihn trauen, 
nicht verlässt, z. b. Sprüche 29, 25. Hebr. 13, 5. Jos. 1, 5. 

24) Pc. 270: Die al wil hebben, en sal niet hebben. Nil kabea.t iure, qui 
vult bona solus habere. B. 308: Qui immoderate omnia cupiunt, saepe in totum 
frustantur. B. 425: Qui omnia solus oecupare vult, omnibus careat. Altfrz. (Zfda. 
11. S. 114 nr. 69): Qui tot concite tot pert. Amittit totum, qui mittit ad omnia 
votum, Omnia qui quaerit, omnibus orbus erit. Wa. 5, 660, 17 : Wer zu viel will 
haben, dem wird oft gar nichts. 

25) Wa. 4, 1318, 65: Trinck und yss, Gottis nicht vergiss. Nur deutsch. 

26) B. 537 : Nihil superbius pauperi, dum surgit in altum. Florilegum Got- 
tingense 71 (Zeitschr. 45, 243, 18): Paupere ditato nil acrius esse putato; Crudeles 
inopes, dum veniunt ad opes. Freidank 122, 11 (Z. 17): Enhein man so nähe schirt, 
so der gebür, der herre wirt. Reineke de Voss 5357 : Wor ein kerleman wirt ein 
here, Dor geit it over den armen sere. Wa. 4, 148, 1: Kein scheermesser also 
scharf schiert, als ein baur (knecht), der zum heim wird. Quelle: Claudian in 
Eutrop. 1, 181: Asrjerius nihil est misero, dum surgit in altum. 

27) Wa. 5,458, 12 kürzer: Würden, bürden. Der reim ist die nachbildung 
eines bei den Römern verbreiteten Wortspiels zwischen (h)onos und onus. Varro de 
ling. lat. 5,73: Onus est honos, qui sustinet rem publicam. Ovid her. 9, 31: Nim 
honor est sed onus. Bonif. vit. Liv. 96: Non tarn honore quam onere. (0. 166). Das 
Wortspiel gieng dann in die mittelalterliche gnomik über. We. aus liaisheimer 
handschr. (13. Jahrhundert) : Est onus omnis honor; fer onus vel defer honorem. 

28) Ebenso Wa. 5,611.31. Eine abkürzung von Wa. 1,274,23: Den bäum 
an der frucht, den buben an der zucht. Dem Spruche liegt zugrunde Matth. 7, 16; 
Luk. 6, 44 u. a. 

29) Ebenso Wa. 1, 58, 77. Englisch und französisch ähnlich, aber nicht 
gleich. Dür. 1, 76. 

30) Wa. 3, 1054, 217: Not kennt kein gebot. International, Dür. 2, 191. 
Quelle ist Publilius Syrus 399: Necessitas dat legem, non ipsa aeeipit. Doch finden 
sich im altertum mehr sentenzen gleichen oder ähnlichen inhalts. 

6* 



84 SEILEB 

31. Sich selber nymant loben ahoi; Wer wol tutt, lobt sich selber wohl. Vgl. 
I'ry. 64. 

32. Wllst du dem esel die harfen gan (geben), Er doch nit spilen chan. 

33. Zu wenig nid :it vil Verderbt alle spil. 

34. Das treuer kennst bei dem windt, Den herrn bei ftayn gesindt. 

35. Meynüng die guldin chlingt, Immer dy peste dünkt. 

36. Wer vil wysst (weiss), Der wirft nitt feysst. Vgl. 53. 

37. Eygner nutz Ein pöser putz. 

38. Reu vnd tränen Gott versönen. 

39. Auss aller nott Hilfft uns der todt. 

40. Vngeladner gast Ist ayn last. 

41. Der gutt will, Der tutt vil. In magnis voluisse sat est. 

42. Je grössei- narr, Je besser pfarr. Ignävos fortuna fovet. 

43. Trinck nit zu vil, wyss auch war.umb, Viltrincken macht auch waysse dionb. 



. 32) Wa. 1, 868, 382: Was soll einem esel ein psalter? 383: Was tut der 
esel mit der saclqjfeifen? Quelle ist Phaedrus fab. append. 12: Asinus ad lyram, 
was wieder auf griechisches 5vog Xopi^wv (Macar. 6, 39) zurückgebt. 0. 41, 5. 

33) Vintler 6425 (Z. 153): Ze wenig und ze vil, dasselb wüstet alle spil. 
Freidank 61, 19 (Z. 183): Swes ist ze Kitzel oder ze vil, newederz ich da loben wil. 
Wa. 5, 188, 88: Zu wenig und zu viel verderbet alle spiel. Eine erweiterung des 
verbreiteten ne quid nimis (Terenz heaut. 519) oder nihil nimis (0. 24) aus p.y]5ev äyav. 

34) Colin. 45, 13 (Z. 174): Man brüevet künftic weter an dem winde. B. 597: 
Aer ex vento coguoscitur, paler ex filio, et dominus ex familia. Wa. 5,210,24. 25: 
Das wetter kennt mau am wind (den vater bei seim kind) und den herrn bei seim 
gesind. Quelle antik (Otto 119). Petron. 58: Qualis dominus, talis servus. Cic. ad 
A'tt. 5, 11, 5: olccnsp -q Ssarcoiva tgloc y^ri xöcov. International, Dür. 2, 640. 

35) Dem sinne nach = 13. Wa. 3, 575, 5: Die klingende meinungen und 
kunst die besten. K. 5269: Die klingende meinung die beste. Die fassung ist 
nur deutsch. 

36) Wa. 5, 301, 290: Wer viel waist, wirdt nit faist. Vgl. Wa. 5, 295, 169: 
Viel wissen macht konfweh. Antik. Stellen bei Eiselein, Sprichwörter 639: *Ev -ctp 
cppoveiv yäp (ivjSev YjSiotog ßiog. Tö jjlyj (fpovsTv yäp xapx" dvmSovov xaxov. Sua- 
vissima est vita, si sapias nihil. 

37) Wa. 1, 773, 12. Eigennutz ein böser butz. Butz = larva, mandueus, 
popanz s. DW. II, 589: darzuo tribt in der eigennuz der wuocheri, ein böser butz. 

38) Ähnlich Freidank 35, 6 (Z. 120) : Swer mit sünden si geladen, der sol sin 
herze in riuwe baden. 

39) Wa. 4, 1228. 9: Der tod hilft aus aller not, ist ein end' aller not, heilt 
alle leiden usw. International, Dür. 2, 451. 

40) Wa. 1, 1353, 136. Sonst in der form Wa. 1, 1353, 135: Ungeladene 
gaste gehören hinter die tür. 

41) Aus Properz 2, 10, 6: In magnis et voluisse sat est. Wa. 5, 237, 35: 
Der wil tut vil. Zahlreiche ähnliche Sprichwörter besagen dasselbe. Dass guter 
wille für die tat zu nehmen ist, ist ein schon antiker und durchaus internationaler 
gedanke. Ovid ep. ex Po. 3, 4, 79: Ut desint vires tarnen est laudanda voluntas. 
Dür. 2, 660. 

42) Wa. 3, 903, 585. Vgl. Wa. 3, 910, 728, 732, 734, 735: Narren haben gut 
glück, mehr gluck dan rechtsinnig, dann ander leut, als rechte leute. Der latei- 
nische spruch ist mittelalterlich. 

43) Wa. 5, 94, 183: Der wein macht kluge leute zu narren. Nächste quelle 
ist Sirach 19, 2: Wein und weiber betören die weisen. Dass der wein den verstand 
nimmt, wird auch in der antiken literatur oft ausgesprochen, z. b. Plinius nat. bist, 
23, 41 (0. 372, 3) : In proverbium cessit, sapientiam vino obumbrari. 



DIE KLEINEREN DEUTSCHEN SPRICHWORTERSAMMLUNGEN 85 

44. Mass macht dg not, Den willen gott. . 

45. Wers glück hat, dg braut haym fürt, Gelt im sächel dutzt den ivirt. 

46. Vble gewalt Wird nit alt. 

47. Schneller rat Vil rawe (reue) hat. Vgl. 54. 

48. Was mir gott peschert durch pitt, Das nimbt mir Sankt Peter nit. 

49. Gut begunnen, Halb gewannen. Dimidiüm facti, qui bene coepit, habet. 

50. Den esell kennt man pey den oren, Pey den warte den toren. Sermo 
hominis index. 

51. Spar nit die ruft, Sy macht dy chinder gutt. Quae nocent, docent. Vgl. 
10. Schw. 74. 102. 

52. Der herren pitten Ist immer gebiten. 

53. Wer wenig chan, Der ist am besten dran. In nihil sapiendo jucundissima 
vita. Vgl. 36. 

54. Schneller rat Nie gutte tat. Consilii et cursus idem exitus. Vgl. 47. 

55. Das Magd zirt den man; Wers hat, der zieh es an. 

44) Wa. 3,789,23. Die zweite hälfte aus Philipp. 2, 13: Gott ist es, der 
in euch wirket beides, das wollen und das vollbringen. 

45 a) Wa. 1, 1766, 848. 1768, 884. 45 b) Wa. 1, 1481, 263. - Die Verbindung 
beider Sprichwörter ist sonst nicht nachgewiesen. 

46) Wa. 1, 1647, 105: Vbler gwalt wird nicht alt. B. 203: Nulla potentia 
longa. Franck 1, 141: Grosser gwalt kan nit werden alt. Quelle Seneca rhetor. 
controv. 7, 8, 1 : Omnis nimia potentia saluberrime brevitate constringitur. Seneca 
Troad. 259: Violenta nemo imperia continuit diu. Vgl. 0. 296,3. Dür. 2, 404. 

47) Wa. 3, 1479, 297. Wa. 31, 478, 2^2: Schneller rat nie gut ward. B. 96: 
Velox consiliuin sepe dolor ac poenitentia sequitur. Quelle Publ. Syi\ 32: Ad poe- 
nitendum properat, cito qui iudicat, 696: Velox consiliuin sequitur poenitentia. 

48) Wa. 2, 77, 1870: Wem Gott wol will, dem wil Sanckt-Peter nicht übel. 
Auch in anderen sprachen. Dür. 1, 629. Ndl. Harrebomee 1,245: Wat God ons 
geeft, dat zal Siut Pieter niet ont nemen. 

49) Horaz ep. 1,2,40. Wa. 1, 293, 17: Wohl begonnen ist halb gewonnen 
(gesponnen). Internationa], Dür. 1, 101. Ohne das 'halb' Pc. 133: Begonnens wercs 
wort immer einde. 

50) Freidanck 82, 10 (Z. 29): Bi rede merke ich toren, den esel bi den oren. 
Wa. 1, 856, 49. 51: Den esel kennt man bey den ohren, bey den worten kennt 
man den thoren (vnd bey dem angesicht den mohren). Die zweite hälfte allein 
Fee. rat. 61, 60: Vocis in articulo stolidus dinoscitur erro. Biblisch. Sprüche 17,28: 
Stultus, si tacuerit, sapiens reputabitur, et si compresserit labia sua, intelligens. 
Hiob 13,5: Utinam taceretis, ut putaremini esse sapientes. 

52) Wa. 2, 580: Herrenbitten ist gebieten. Publ. Syr. 661: Dominari ex parte 
est, cum snperior supplicat. Aus dem Griechischen. Plato ep. 7, s. 329 D: Tag 
Twv topdcyytov Ssfjas'.c; l'ajxsv, oxi u.£[it.y[J.svcxi dyäyxaig elaiv. 0. 285. 

54) Wa. 3, 1478, 292: Schneller radt nie gut that (ward). Die lateinische 
sentenz ist verstümmelt aus dem mittelalterlichen verse in späteren Sammlungen : 
Consilii non est et cursus exitus idem. Quelle: Sophokles Frgm. Dindorf, snlis 
incertae nr. 735: Oö yäp xi ßouXyjg xauxö xai 5pö|aou TiXog. Vgl. Suringar, Erasmus 
s. 168. 

55) Wa. 2, 1372, 25: Das kleid macht den mann; wer es hat, der zieh' es 
an. Ebenda 1377,140: Kleider machen leute. We.: Bunc homines decorant, quem 
vestimenta decorant. 

We. : Vir bene vestitus in vestibus esse peritus 
Creditur a nulle, quamvis ydiota sit ille. 

Quelle: Quintil. 8, prooem. 20: Cultus concessus atque magnificus addil honiini- 
bus, ut Graeco versu testatum est, auetoritatem. Der griechische yers isl noch nichi 
gefunden. International. Franz.: L'habit fait l'homme, woraus unser 'kleider 
machen leute' übersetzt ist. Ital.: I vestimenti fanno onore. Dür, 1,914. 



8C seii.ki: 

56. Polier ninndf Sagt des hertzen grund. Quod in animo sobrii f id in ore ebrii. 

57. Nimm, was man dir verert; Auch dg haut ist dankeswerth. 

58. Kain frewd On legd. Gaudii moeror est comes. 

59. Fleugt ein ganss vber mer, So kompt ein gctgag wieder her. 

60. Hundert mal vnrecht War nie ayn stund recht. 

61. Hast du nimmer gelt, Auch chainer sich dir gesellt. Vulgus ämicitias 
utilitate probat. 

62. Ayn gut wort Findt gut ort. Gratia gratiam parit. Schw. 10. 

63. An icein und brot Leidet Venus not. Sine Cerere et Baccho friget Venus. 

64. Es feilt kain eych Von aynen streich. 

65. Hans ohne fleiss Wirdt nimmer iraiss. 



56) Wa. 3, 772, 168: Voller mund sagt des hertzen grund. Der gedanke ist 
in der griechischen und lateinischen literatur sehr oft ausgesprochen. Es gah auch 
griechische Sprichwörter dieses inhalts; Zenob. 4, 5: sv ol'vw dXrjO-eta, woraus das 
nicht antike 'in vino veritas' übersetzt ist. Die lateinische sentenz: quod in animo 
usw. ist eine Übersetzung von Diogen. 8, 43 (Deutsch und Schneidewin, Paroemio- 
graphi Graeci I, s. 313): xö sv ty; xotpSiqc xoO vrj^ov-coc; eui x%c, yXthact]z T °ü ps&üovTOg. 
Plin. nat. bist. 14, 141 : Vulgoque veritas jam attributa vino est. Daher auch Wa. 
5, 92, 151 : Der wein ist ein Wahrsager. 

57) Wa. 3, 982, 42: ISimbs, die haut ist dankenswert. 

58) Wa. 1, 1168, 86: Kein freud on leyd. Antik und biblisch. Ovid. rem. 
am. 323: Et mala sunt vicina bonis. Sprüche 14, 13: Risus dolore miscebitur et 
extrema gaudii luctus oecupat. MS. 207: Quam tristi meta transibunt tempora laeta. 
Scheftl. bei We: Omne quod est carum, vertetur post in amarum. Minnes. Frühl. 
39, 24: Dieb äne leit mac niht gesin. International. Franz.: Nul plaisir sans peine. 
Eugl. : No j.oy without annoy. Vgl. Dür. 1, 886. 

59) Wa. 1, 1328.67: Es flöge ein gaus über Rein (meer) vnd kam eyn gagag 
herwider. Ebenda 47: Ein gans fleugt über meer, ein gans hefwidder. Dieses 
bild ist im mittelalter sehr häufig. Statt der gans erscheint auch der stier (Pc. 483), 
der esel, die katze, krähe, elster, der narr. Quelle Horaz ep. 1, 11, 27: Caelum, 
non animum mutant, qui trana mare currunt. ' 

60) 'Hundertmal' steht irrtümlich statt 'hundert Jahr'. Wa. 4, 1468, 29: 
Hundert jar vnrecht ist kein stund recht. 

61) Der lateinische pentameter ist aus Ovid. ep. ex Ponto 2, 3, 8. Der 
gedanke, dass der unglückliche, arme keine freunde hat, kommt sowobl in der 
antiken literatur wie in der bibel oft vor. Menander, mon. 502: Twv 5uotox o üvtüjv 
eutux^s oü5eis cpiXog. Ovid trist. 1,9,6: Tempora si fuerint nubila, solus eris. 
0. 22, nr. 7. Sprüche 14, 20. 19, 4. Die mittelalterliche gnomik hat den gedanken 
ebenfalls häufig, z. b. MS. 219: Si pauper fueris, a eunetis despicieris. Freidank 
41,25: Die riehen friunt sint alle wert, der armen friunde niemen gert. Der 
deutsche sprach ist um des reimes willen erweitert aus: Nimmer geld, nimmer 
gesell, Wa. 1, 1503, 840. 

63) Terenz Eun. 732: Verbuni hoc verum erit: sine Cerere et Baccho friget 
Venus. Aus dem griechischen. Eurip. Bakch. 773: Ol'vou oe hyjxst' övtoc: oüx eaii 
IvJTTpig 0. 336. Franz. : Sians pain, sans vin l'amour gele. 

64) MS. 11: Arbor per primum nequaquam corruit ictum. Pc. 200: Den 
boom en valt niet ten iersten slaghe. Est arbor dura decies ferenda (lies: ferienda) 
casura. Arbor per primum quaevis non corruit ictum. Wa. 1, 763, 11: Es feit 
kein eych von einem streych. Griechisch. Diogenian 7, 77 a (Deutsch und Schneide- 
win : Paroem. Graeci 1, s. 300): noXlodoi TiATjyaTg 5pö; Sa^ä^Exai (0. 96). International, 
lȟr. 1, 164. 

65) Wa. 2,354,43. Kürzer Wa. 1, 1061: Fleiss macht weis. Ital.: Cou la 
diligenza s'aequista scienza. 



DIE KLEINEREN DEUTSCHEN SPRICHWÖRTERSAMMLUNGEN 87 

66. Grosser Herren handt reicht in alle landt. An tu sein löngas regibus 
esse mamis. , 

6. Die Münchener Sprüche. In der Münchener hs. Gm. 4408 (saec. XV) 
finden sich f. 150b ff. nach dem sprach: Tu ne rede malis sed contra audentior ito 
(Verg. aen. 6, 95) 42 Sprichwörter, die Wein kauf f im Anzeiger für künde der 
deutschen vorzeit, neue folge 24 (1877), s. 182—4 herausgegeben hat. Dem deutschen 
Sprichwort ist jedesmal ein lateinischer vers oder auch mehrere, und zwar gereimte 
hexameter oder pentameter, hinzugefügt. Diese lateinischen verse stehen zum teil 
auch in anderen hss., z. b. in der von Werner^ (Lateinische Sprichwörter des mittel- 
alters, 1912) ausgezogenen St. Galler hs. 841, zum teil mit denselben Verderbnissen, 
was auf eiue gemeinsame quelle hinweist. Die Sammlung hatte also den offen- 
kundigen zweck, dem Unterricht in der lateinischen versifikation zu dienen. Sie 
enthält einerseits verse, die auch in anderen Sammlungen vorkommen und also all- 
gemeines lehr- und schulgut waren, andererseits .neue verse, die offenbar von schülern 
gefertigt und zum teil recht stümperhaft sind, auch metrische fehler zeigen, die 
sich durch emendation nicht beseitigen lassen. 

1. 'Wol angerent ist halb gefochten', sprach ein iget, der hat ain peren 



erstochen 



Ericius. fatur : super omniä sors dominatur; 
Per celerem citrsitm confestim tendit in ur&um. 

2. Nach dem vnd der ivindt gedt, soll man den meottel keren. Seine. 18. 
Prg. 88. 

Ad flatum venti debentur pallia (Hs. debetur paUiitm) verti. 

3. A male (Hs. malo) solretite sumatur stramm avene. 
Von einem posan gelter soll man haberstro nemen. 

66) Wa. 2, 549, 340 : Grosse herren haben lange arme (341 : hände). i486, 117 : 
Könige haben lange arme (hände). K. 3452 : Herren band reicht in alle land. Die 
lateinische sentenz steht Ovid her. 16, 166. Ovids quelle ist Herod. 8, 440 : yj 
ßaotXsog soxi x ei P &TCepu.7jxY]s. 0. 210,4. International. Franz.: Les rois (grands) 
ont les mains (bras) longues. Eugl. längs have long hands. Ital. : I prineipi hanno 
le braccia lunghe. Dür. 1, 717. 

1) Wa. 1,96: Bald (gut) angerennt ist halb gefochten. Das Sprichwort ist 
in eine tiergeschichte eingesetzt und so ein 'apologisches' Sprichwort' entstanden, 
das sich weder bei Wa. noch bei Hoefer (Wie das volk spricht) findet. Der über- 
setzende schiiler vermochte den deutschen spruch des igels lateinisch nicht wieder? 
zugeben und setzte deshalb eine antikisierende sentenz über die macht des Schicksals 
ein, die im munde des igels recht seltsam anmutet. 

3) Schon Fee. rat. 1, 56: Debita longa trahens pro fromme solvat avenani. 
Zeitschr. 45, 272, nr. 183. Pc. 770: Voor olde schult neemt men haver. Debita si 
vetera sint, hinc capiatur avena. B. 77: Pro veteri debito aeeipimus stramen avenae. 
Wa. 4, 365, 19: Für alte schuld nimmt man auch hai'er(bohnen-')stroh, und er- 
weitert 18: Für alte schuld nimm hafeistroh, sonst machst nur advokaten froh. 
Gemeinmittelalterlich. Altfranz.: Leroux II, 144: De maveis payeur prent-on aveinne. 
Dür. 2, 332: D'un mauvais debiteur prends paille et foin pour ton labenr. Engl.: 
Uf ill debtours men takes oats. Ital.: Da cattivo debitor togli paglia per lavor 
(in luogo d'or). 

[1) Vgl. Paul Bartels, progr. der Ahnschen realschule in Bad Lauterberg 
1910-1912. Die Schweden bezeichnen diese art von Sprichwörtern als ordstäf, die 
Norweger als hermestev, die Holländer als zeisprenken. S. G. Cederschiild, Letterst, 
tidsskr. 1916 s. 521 ff. Red.l 



88 SEILER 

4. Hie cito cantavit, quem pauca scientia pavit. 

Der lutzel han, der hat pald aussgesungen. Str. 21. 

5. Bitstico curvatur Collum, dum sepe rogatur. 

Wem man den paaren bit, so gesehwild gm der hals. Prg. 57. 

6. Hinc vicium crescit nimius dum plus (Hs. plus dam nimins) honor extat. 
Vorige er ist halb laster. 

7. Ire cathenatus non mit canis inveteratus. 
Alt hund send 2^öss zu bannen. Schw. 67. 

8. Fit inter bina subsellia sepe ruina. 

Es kotnpt nß't, das ainer zwischen zwain stufen auf den blossen sitzt. 

9. Tum capra stertit, dum mollior est locus eins. 
So din gayss wol stet, so scharrot sy. Prg. 56. 

10. Ä quo procedit, /raus sepe reverberat ipsitm. 
Vnirw trifft offt ai/gen herrn. 

11. Non est officium, quin valeat precium. 
Es ist kain emptlin an ein natzlin. 

12. Non sunt equales in parte lupi sodales. 
*Dy ioolff sen dt nit ainss pellens. 

13. Eumpitur antiquos damnis amor inter amicos. 
Seh ad sclxüdet mengen (= manchen). 

14. Non extat mundus bovis oculus que rotundus 
Das land ist nit ain ochsenaug. 

15. * Vir vehemens lentum debet equitare iumentum. 
*Gaher man soll esel regten. 

6) Wa. 1, 740, 218. 220: Übrige ehr ist halb schand (das mittel treffen ist 
vielen bekannt). Ebenda 744, 330: Zu viel ehr und glimpf ist oft ein grosser 
schimpf. 331 : Zu viel grosse ehr ist halbe schände. » 

7) We. aus einer Baseler hs. : nescit statt non ruft. 

8) Fee. rat. 175: Labitur enitens, sellis haerere duabus. MS. 210: Sedibus 
in mediis homo saepe resedit in imis. Zeitschr. 45, 276, nr. 203. Z. 144. Wa. 4, 
937, 20. 21. Aus der lateinischen sprichwörtlichen redensart (Seneca rhet. controv. 
7, 3, 9. Macrob. saturn. 2, 3, 10. 7, 3, 8; vgl. O. 315): duabus sellis sedere. Inter- 
national. Franz.: Entre deux selles, le eul ä terre. Engl.: Between tvvo stools he 
came to the ground. Dar. 2, 762. 

10) Z. 157. Wa. 5, 1485, 22 : Vntrew schlecht yhren eygen herren. . Der 
gedanke ist im altertum oft ausgesprochen. Hesiod, W. u. T. : Ol t° ocutw xaxä 
tsüyßi avf,p öL\\(ü xaxä xeüxtov. Seneca Thyest 311: Saepe in magistrum scelera 
redierunt sua. In allen sprachen finden sich ähnliche sprüche. Dür. 2, 521. 

11) Wa. 1, 72. 73: Ämtchen bringt käppchen. — Es ist kein ämtlein, es hat 
sein schlämplein. — Viel ämtlein, viel schlämplein. Franz. : II n'y a point d'emploi 
sans benefice. 

12) Der lateinische vers in derselben Verderbnis bei We. aus einer St. Galler 
hs. Der vers ist dem schüler missglückt. Statt parte ist jedesfalls pelle zu lesen. 

13) Wa. 4, 120: Schaden scheidet freundschaft. Eine Variation des so oft 
ausgesprochenen gedankens, dass freunde im Unglück nicht standhalten. Vgl. Schw. 41. 

14) Nach Weinkauffs Vermutung bezeichnet 'Ochsenauge' eine Sache von 
geringem umfang, eine kleinigkeit. Er verweist auf Meisterlins Nürnbergische 
chronik (Chroniken deutscher Städte III, 116, 21): 'Nun merk, ob Nürnberg auf diese 
zeit sei ein ochsenaug gewesen', was im lat. texte durch oppidulum parvum erklärt 
wird. — Der lateinische vers ist stümperhaft (bovis). 

15) Das Sprichwort sagt das gegenteil von Pc. 386: Hsestich man en sal ghenen 
esel riden. Festinans nimium vir non ascendat asellum. Der lateinische vers ist 
metrisch falsch (debet). 



DIE KLEINEREN DEUTSCHEN SPRICHWÖRTERSAMMLUNGEN 89 

16. Quod dominus poscit (ETs. cognoscit), id velle canis bene noscit. 
Der hundt waisst seines kern willen wol. 

17. Quidam balneato dixit: 

Qnalis persona tale datur huic>erizoma 

Dar nach vnd der man ist, gibt »tan ym ain kost. 

18. Respondit alter iocando: 

Qnalis [eritj quastus, talis dabitur (Hs. datur) tibi pastus. 

19. Est (Hs. Ex) mala vox rechen, pejor bzal (Hs. bezalen), pessima pfandt her. 

20. Quo sathane sepe prcsencia non valet esse, Illic nempe suum conatur ducere 

servum. 
Wa der th ufel nit hyn kan, da schick er sein knecht hyn. Schiv. 132. 
Str. 20. Prg. 8. 

21. Ante suas edes semper canis est animosus. 

Der hund ist alweg frodig vor seinem hauss. Vgl. 34. Prg. 73. 

22. Forcior in saccum detrudit debiliorem. 

Wer stercker ist, der schubt den andern in sack. Schw. 156. Prg. 62. 

23. *Gaudia sunt stomachi super omnia gaudia mundi. 
Magen frod, über all frod. 

24. Mercatu (Hs. Mercede) plenus non existit vir egenus. 
*Armer man hat arme[n] kauf schätz. 

25. In gremium missa post rana sinum pztit ipsa. 

*So der frosch in die schoss kompt, so wolt er gern in den pusen. 

26. Unum clatcdis oves plures in ovile volentes. 
Man thut vil guter schaf in ain stal. Schw. 1. 

27. Non est obliqua via [circuiens bona] si qua. 
Guter iceg umb ward nie krom. Schw. 38. 

16) Morssheim 947 (Z. 197): Man spricht: hunt weiss herren willen wol. Wa. 
2, 830, nr. 260. Der hund weiss (kennt) seines herren willen wohl. — Der verderbte 
lateinische vers ist von mir hergestellt. We. aus St. Galler hs. 841 : Quod dominus 
poscit, illud latrans bene noscit. 

17) 18) Wa. 3, 366 : Danach mann, danach quast. Quast, kost = büschel, 
badewedel zur bedeckung der schäm, perizoma. Lexer, Mhd. wörterb. 2, 324 queste; 
Dieffenbach, Gloss. s. 427 c; Schmeller P s. 1307. DW. V, 1861 s. v. koste. 2) bader- 
queste. Ebenda VII, 2329 s. v. quast 1) büschel zum bedecken der schäm, perisoma. 
Das hier diesem vorausgestellte quast (= quas gasterei) muss gestrichen werden. An den 
dort angeführten stellen (darnach der man, so ist der quast; darna gast, darna 
quast) bedeutet quast ebenfalls badewedel, nicht bewirtung. In unserm Spruche 
wird dem quastus der pastus, bewirtung, lohn, trinkgeld, geradezu gegenübergestellt: 
Wie der quast, so der past. 

19) Eine parallele zu diesem mischverse führt an Emil Henrici : Sprach- 
mischung in älterer dichtung Deutschlands (Berlin 1913) s 15: Est mala vox rech- 
nung, pejor czael, pessima rück gelt. Als gegenstücke dazu: Est bona vox halber, 
melior bring (Handschr. bringhe her, sed), optima drink ut, und: Est bona vox hol 
wyn, melior schenk, optima drynck uss. 

22) Der lateinische vers auch bei We. aus St. Galler hs. 841. 

24) Der lateinische vers ebenso bei We. aus einer St. Galler hs. Dennoch 
trifft, da nach DW. V, 344 kaufschatz wäre zum verkaufen bedeutet, Weinkauffs 
konjektur Mercatu die auch den metrischen fehler beseitigt, wohl das richtige. 

25) Der lateinische vers aus der St. Galler hs. 841 auch bei We. und mit 
geringer Variation aus den Scheftlarner Sprüchen: Rana petit proprium gremium, 
dum ascendit ad imnm. 

26) Der lateinische vers auch in der St. Galler hs. 841 bei We. 



90 SEII.EK 

28. ( 'rista completur, gallo quod (Hs. quod gallo) abesse videtur, 
Das an dem lian nit ist, ist in dem han kämmen. 

29. Monti sublimo rallis manet alcior imo. 
Ye höeher berg, ye tiefer tal. 

30. Ä corhice lupus equitabttur inveteratus. 

So der wolf altet, so reiten ihn die hreen. Prg. 30. 

31. Non sumcs vulpes, si gliscis prendere irlpes. 

Es ist nit müglich, fuchss mit fuchss fahen. Gr. 1. 

32. Copia pastorum male custos extat hedorum. 

Wa eil flirten sind, da wirt übel gehalten. Schir. 161. 

33. Murilegi proles bene discit prendere innres. 
Katzen kind lernen wol mausen. 

34. In propriis domibus extat dominus canis omnis. 
Der hund ist da Tiaym ain herr. Vgl. 21. 

35. Dum canis egessit (Hs. agassit), vir pro tribus inde recessit. 
Diss des hund beschiss, ist der man um trey kommen. 

36. Curia crebro (Hs. crebra), pntes, debet donare Salutes. 
*Er sol von hof gan. 



28) Wa. 2. 266, 132: Was nicht ist am han, das ist an federn und am kam. 
Nur deutsch. 

29) Boner 39,37. Morolf 2', 311 (Z. 18): So hoher herg, so tiefer tal, so 
hoher er, so tiefer val. Hätzlerin 202a: Je höeher perg, je tieffer tal. Pc. 797: 
So hogher berch, so dieper dal. Si mons sublimis, profundior est tibi vallis. Wa. 
1, 314, 48: Je höher der berg, je tiefer das tal; je grösser mann, je grösser (besser: 
tiefer) fall. International. Franz.: Apres grande montagne grande vallee. Engl.: 
The higher the mountain, the lower the vale. Ital.: Dove sono i gran monti, vi 
sono le gran valli. Diir. 1, 806. Der gedanke, dass, wer hoch steigt, tief fällt, ist 
im altertum und bei den kirchenvätern oft ausgesprochen (0. 17). Die gegenüber- 
stellung von berg und tal scheint dagegen erst mittelalterlich zu sein. 

30) Der lateinische vers auch bei We. aus der St. Galler hs. 841, aber mit 
änderung des wortgetreueren equitabitur in turbabitur, um lupüs zu verlängern. 

31) Bei We (aus S. Gall. 841): Non sumes vulpes, cupias si prendere vulpes. 
33) MS. 109: Muricipis proles cito discit prendere mures. MS. 169: Prendere 

maternam bene discit cattula praedam. Scheftl. bei We : Cattae progenies discit 
comprendere mures. Vgl. Zeitschr. 45, s. 259, nr. 111. Pc. 143: Cattenkinder musen 
gheern. Catorum nati sunt mures prendere nati. Wa. 2, 1211, 3: Katzenkindt 
leinet wol mausen; Gemeinmittelalterlich. Franz. : Qui naquit chat court apres les 
souris. Engl. : That that comes of a cat, will catch mice. Diir. 1, 879. 

35) Weinkauff führt aus der auch von We. benutzten St. Galler hs. 841 
folgendes, bei We. fehlendes Sprichwort als parallele an : 

Dum canis egescit pro tribus vir inde recessit. 

So der hund geschist, so ist der man umb III kommen. 
Egerere ist stehender ausdruck vom verrichten der notdurft beim hunde, 
z. b. auch We. : Dum canis egessit, lupus ad nemorosa recessit. Das Sprichwort 
meint offenbar etwas ähnliches wie Wa. 2, 861, 1004: Während der hund scheisst, 
läuft der hase in den busch ; ebenda 330 • Eh' der hund schött, is öss de has längst 
äwer alle barg. Doch bedarf das 'um drei kommen' noch der aufklärung. 

36) Der lateinische vers ebenso bei We. aus St. Galler hs. 841. Donare 
salutes = lebewohl sagen. Sinn: Bei hofe fällt man leicht in ungnade und wird 
entfernt. Vgl. Wa. 2, 705, 118: Wer" bei hofe will alt werden, der muss schmeicheln 
können. 



DlE KLEINEREN DEUTSCHEN SPRICHWÖRTERSAMMLUNGBN 91 

37. Non omnis mundus trislatur, si dolet unus. 
*Ains laid ist nit menklichs laid. 

38. Dure quesitis non sit responsio »litis. 
Vnrecht frag, vnrecht antwürt. 

39. Vix lapides duri duo parvis sint molituri. 
Zwen eben hert stain mahnt selten ciain. 

40. * Presto tibi baculum, ego quando (Hs. cum ego) profero saltum. 
*So ich spring, gib ich dir den stecken. 

41. *Quod longe coquitur, minus assatis sociatur. 
Ye lenger gesüt, ye mynder gebratt. Str. 7. 

42. Wan man den ivolf nent, so kumpt er gerendt. 

Advenit ecce lupus, cum mencio, sepe, fit eins. Gr. 4. Prg. 13. Klg. IC. 

7. Die spruchsaminlung aus dem kloster Ebstorf. 

Sie ist aus einer papierhandschrift des ausgehenden 15. oder angehenden 
16. Jahrhunderts abgedruckt in der Zeitschrift des historischen Vereins für Nieder- 
sachsen, Jahrgang 1850 (Hannover 1851), s. 309—314. Die Sammlung enthält 
44 Sprüche (niederdeutsch), aber keineswegs bloss Sprichwörter, sondern auch längere 
sitten- und denksprüche mit religiösem einschlag. Die Sprüche sind fast alle gereimt, 
oft freilich nur unrein und gewaltsam. 

1. Kercken gan sumet nicht, 
almissen geven armet nicht, 
unrecht. gudt diet (gedeiht) nicht, 
gades wort druckt (trügt) nicht. 

2. *Ere, dene (diene) godt na siner /er. 
sonst gefeit em nen denst noch er. 

3. *Kere di tho godt, so kert he sick 
ivedder tho di und begnadet dik. 

4. Wo (wie) einer studirt in der bibel, 
so kricht sin hus ein gibel. 

37) Der lateinische vers auch bei We. aus St. Galler hs. 58. Menkliches = 
männigliches, d. i. jedermanns. 

38) Der lateinische vers mit der Variante duris bei We. aus St. Galler hs. 
841. Das deutsche Sprichwort ist eine Spezifizierung des allgemeineren: Wie die 
frage, so die antwort; vgl. Wa. 1, 1094, 29: Närrische frage, närrische antwort. 
Quelle: Quintilian 5, 13, 42 (0. 206, 2): Non male respondit, male enim prior ille 
rogarat. International, Dür. 2, 646. 

39) We. aus hs. St. Gall. 841 richtiger: Vix lapides duri duo sunt parvum 
molituri. Freidank 130, 24 (Z. 143): Zwene gliche herte steine malent selten kleine. 
Wa. 4, 817, 214: Zwen harte steyn malent selten kleyn. Nur deutsch. 

40) Spring steht perfektisch: 'wenn ich gesprungen habe'. 

1) Die Zusammenstellung der vier Sprichwörter ist sonst nicht belegt, wohl 
aber die einzelnen, a und b sind verbunden bei Wa. 2, 1346, 3 und 6: Kirchen- 
gehen säumet nicht, almosengeben armet nicht. — c. Wa. 2, 197, 255: unrecht gul 
gedeiht nicht ist biblisch und antik. Sprüche 10, 2: Unrecht gut hilft nicht 
'(Sirach 5,10). Ovid ars am. 1, 10,84: Non habet eventus sordida praeda bonos. 
0. 206, 1. International, Dür. 1, 647. - d. Wa. 2, 57, 1356: Gottes worl treugl nicht. 
Quelle psalm 33,4: Des herrn wort ist wahrhaftig, und was er zusagt, das hält 
er gewiss. Vgl. unten 31. 

4) Wa. 1, 370, 11: Wie einer lieset in der bibel, also hat sein baus einen giebel. 



92 SEILER 

5. *Idt ig getvis ein f ramer man, 
der sih um sin wif nimpt an; 
idt is gewisse ein frames wif, 

wo se bi einem manne blivt (Hs. blivet). 

6. *Ein eman schal geduldich sin, 
sin wif nich holden, wo ein swin; 
ein husfrowe schal vornufftich sin, 
des mannes wise leren fin. 

7. *So iveinich alse wi können sin 
ane brodt, ane water unde win, 
so iveinich können wi e~ntberen 

der koninge, forsten und ok heren. 

8. *Worto di godt beropen hat, 

dat schaltu waren fro und spat (Hs. unde spate). 

9. *Wo regimente nicht heffen macht 
tho straffen, tverden se voracht. 

10. *De idt vordenen, straffe wi hart, 
den anderen geve wi gude wort. 

11. Gudt maket mot, 
mot maket overmodt, 
overmot maket nidt, 
nidt maket stridt, 
stridt maket armot, 
armot maket demot. 

12. Der tarn hindert eines tvisen mot, 
de torn weth nich, wat he doth. 

13. Den torn mit flit dogentliken midt, 
er körtet des minschen levens tidt. 

14. Einiclieit maket rik. 

15. Frede neret, unfrede teret. 

16. Man schal orel nicht arger mähen. 

8) Waren = wahren, wahrnehmen, besorgen. 

11) Den "ganzen spruch, der einen kreis bildet, hat auch Wa. 2, 191, 148. 
Kürzungen kommen in verschiedenen Variationen vor, Wa. a. a. o. 145. 150. Der 
grundspruch: Gut macht mut (Wa. 2, 191, 144) stammt aus Sirach 40, 26: Geld und 
gut macht mut. Daher auch Pc. 8: Als enen wast sijn goet, wast hem sinen moet. 
Dum quis ditatur, animosior esse probatur. K. 3057: Wie einem wächst das gut, 
so wächst ihm der mut. 

12) Quelle der ersten zeile ist Cato dist. 2, 4: Impedit ira animuin, ne possit 
cernere verum, der zweiten (auch Wa. 5, 602, 54) die stellen der antiken literatur, 
in denen der zorn ein Wahnsinn genannt wird, z. b. Cic. Tusc. 4, 23, 52: Ira, quam 
bene Ennius initium dixit insaniae. 0. 177. 

13) Wa. 5, 601, 52: Der* zorn verkürzt das leben. Ebenda 47: Der zorn 
lässt den menschen nicht alt werden. 

14) Wa. 1,790, 12: Einigkeit macht stark. Wa. 1, 798: Eintracht bringt 
macht. Antik. Sali. Jug. 10, 5: Concordia res parvae crescunt. Publ. Syr. 289: 
Ibi semper est victoria, ubi concordia est. 0. 89. International, Dür. 1, 404. 

15) Der gedanke stammt aus derselben quelle wie 14, die fassung ist aber 
nur deutsch. Dür. 1, 515. 

16) Sprichwörtliche redensart. Gereimt bei Wa. 4, 1385, 57: Wer das übel 
ärger macht, wird mit recht verlacht. 



DIE KLEINEREN DEUTSCHEN SPRICHWÖRTERSAMMLUNGEN 93 

17. *Jo hoger die begnade godt, 
jo mer du die nedderen schalt. 

18. *Wi Datschen eten uns arm, kranek und in de helle. 

19. Drinck unde ith, 
godt nicht vorgit; 
bewar diu ehr, 

di wert nicht mer 
van diner have, 
den dock tont grave. 

20. *Crutzige diu lif, westnchtich (= bis tüchtig) und still, 
nicht gestade dinen Ufe sinen mutwill (Hs. mut willen). 

21. Wer dar wil mer rorteren, 

den sin fluch kan ereren (Hs. erernen), 
der mot to lest vorderven 
unde velichtc in armot sterven. 

22. Wake, bede unde arbeidt, 

so hestu genoch to aller tidt. 

23. Getruwe hant get durch alle lant. 

24. *Wol wil hebben gelt und gudt, 

de mot nicht heffen einen stoltcn mot, 
sunder sin gehorsam und underdan, 
so wert en godt nicht vorhin. 

25. *Alle unser sin und mot 
stet HU na gelt und gudt, 
und wen wi dat enrerrcn. 

so legge wi uns nedder und stervrn. 

26. *Wol nicht vorderven wil, 

der hode sik vor logen und spil, 
vor kopen und burgeschop, 
vor wiveren und selschop. 

27. Der sik bedencket na der dath, 

sin anstach kumpt gemenlik nich to str/d (Hs. spade). 

19) Die ersten zwei zeilen auch Klg. 25. 

21) Hochdeutsch bei Neauder (Deutsche Sprichwörter, herausgegeben von 
Latendorf 1864) s. 30. AVa. 4, 1622, 2 setzt ernähren statt ereren (= erarbeiten) 
und fährt dann fort: Der wird langsam zum reichen herrn und mag sich betU-lns 
nicht erwehrn. Henrici, Sprachmischung in älterer dichtung (1913), führt aus einer 
Helmstedter hs. folgende mischhexameter an: 

Qui plus vult teren quam suum ploch mach eren, 
Tunc sequitur stelen et post ea hanghen by der kelen. 
Der spruch war also sehr verbreitet. 

22) Matth. 26, 41. Marc. 13, 33. 14,38: Wachet und betet. -- Bete und 
arbeite ist eine Übersetzung von ora et labora, das keine antike sentenz, sondern 
ein mittelalterlicher schulspruch ist. 

23) Wa. 2, 301, 181 : Treue band geht durch alle lanü\ Vollständiger ist alttrz.: 
Main droite et bouche ronde, pour aller par tout le monde. Ital.: Mano dntta e 
bocca inonda (rein) puö andar per tutto il mondo. Dür. 1, 675. 

24) Wol für wer auch 26. 29. 43. 

27) Wa. 1, 288, 16: Wer sich bedenket nach der tat, des anschlag kommt 
zu spat. Ähnlich K. 619: Bei zeit halt rat, denn nach der tat kommt er zu spat. 



04 SEILEB 

28. Gnde auslege sin alle tidt gudt, 
wol <//»i, de sc bi tiden doth. 

29. Vorgedan, darna befrackt, 

hcfft memiigen man in schaden bracht. 

30. Gifft di godt nicht ein sehepel vul, 
so gifft he di en lepcl vul. 

31. Manniges grot gudt is halt torunnen, 
dat men mit unrecht hat geicunnen. 

32. * Wen einer loflik doget hegat 
und dede nu eine missedat, 

de dogent icord en gar rorgeten 
und na der missedat gemeten. 

33. *Wbldath slopt gar MchÜik in. 

den wennich minscheh danckbar sin. 

34. Jo lenger jo lerer ik bin allein, 

den truio und trarheit is worden klein (Hs. klcn). 

35. Sich vor dich, trihv is mislich. 

36. *Der logen wert icol radt, 

ni en hoch siclc vor der detth. 

37. Nemant steigen schat, 
reden schaffet unradt. 

Derselbe gedanke wird in vielen Sentenzen und Sprichwörtern ausgesprochen. Quelle 
ist Sirach 32, 24 : Tue nichts ohne rat, so gereut dich's nicht nach der tat. 

28) AVa. 1, 97, 24: Gute anschlage sind allzeit gut. 

29) Wa. 4, 170. 6, 2: Vorgethan und nachbedacht hat manchen in gross leyd 
(schaden) gebracht. Eine erweiterung von Sallust. Cät. 1 : Priusquam ineipias, 
consulto. Publ. Syr. 696 : Velox consilium sequitur poenitentia. Franz.: Faire d'abord 
et penser apres, c'est la maxime des fous. Ital. : Chi dinanzi non mira, di dietro 
poi sospira. Dür. 2, 570. 

HO) Sprichwörter ähnlichen sinnes sind Wa; 2, 10, 214: Gibt gott nicht ein 
landvoll, so gibt er eine handvoll. 215: Gibt Gott nicht, was wir wünschen, so 
gibt er, was wir brauchen. 2Ö9. Gibt Gott kein tischbier, so gibt er fischbier 
(wasser). Juvenal 10,346: Nam pro jueundis aptissirna quaque dabunt di. 

31) Freidank 50, 22 (Z. 157) : Vil dicke äne reht zergät, swaz unrecht ge- 
wufinen hat. Pc. 598: Qualic ghewonnen, qualic verloren. Quod male lucratur, 
male perditur et nihilatur. Wa. 1, 1662, 112: Wie gewonnen, so zerronnen. Quelle: 
Naevius, trag. v. 54 (Ribbeck): Male parta male dilabuntur. 0.206,1. International. 
Franz. : Ce qui vient du diable, retourne au diable. Engl. : Evil gotten, evil spent. 
Dür. 2, 65 L Vgl. oben nr. 1, 3. 

33) Sprichwörter ähnlichen sinnes sind häufig. Wa. 5, 345, 92—98. Seneca 
de benef. 1, 2, 2: Nemo beneticium in calendaria senbit. Das bild vom einschlafen 
der wohltat ist sonst nicht nachgewiesen. 

34) Wa. 4, 1310, 38: Treu und glauben ist worden klein, drumb bin ich gern 
allein. Ebenda 1312, 84: Weil treu und glauben ist worden klein, je länger je 
lieber ich bin allein. Ähnliche klagen sind zu allen zeiten laut geworden. Ovid. 
her. 2, 31: Jura, fides, ubi nunc, commissaque dextera dextrae? 

35) Wa. 4, 1699, 19. Warnungen vor unbegründeter Vertrauensseligkeit finden 
sich oft, z b. Publil. Syr. 120: Gave amicum credas quemquam, nisi probaveris. 
Verg. aen. 4, 373. 1741: Nusquam tuta fides. Phaedr. 3, 9, 1 : Vulgare amici nomen, 
8ed rara est fides. 

36) Sinn: Lügen können einem nichts anhaben, wenn man sich nur vor der 
tat hütet. 

37) Wa. 4,441: Schweigen schadet selten. Wa. 3, 1558,130: Reden bringt 
schad, schweigen nutzen. Ebenda 133 : Reden bringt öfter schaden als schweigen.. 






DIE KLEINEN DEUTSCHEN SPRICH WÖRTERS AMMLUNGEN 95 

38. *Vortrüir nicht vel, holt dine rede in huth, 
den fromder radt doth seiden gudt. 

39. Wer wat wet, de swige; 
wem ivol is, de blive; 

wol (s. zu 24) wat hat, de behalt, 
den üngeläcke kümpt gar halt. 

40. *Den gülden am kla>igc, 
den vagel am sänge, 

den minschen an geberden und worden 
erkent men an allen orden. 

41. De wil bliren ane neid (Hs. nidf), 
de vortrüwe nemant sine hemlicheit. 

42. Wo marck und melde bisamen stat, 
brick marck, nich melde, is min radt. 

43. * Wol sine tunge »ich kan im'tome holden, de het eine schetl/kc kraneheit an cm. 

44. Judas Jeus is worden nie, ' 
jude wordt und falsche trüwe. 

lach mik an und gif mi hen, 
dat is itzund der weit sin. 

Ebenda 1559, 139: Keden ist gut, schweigen besser. Pc. 800: Zwighen best. Ml 
melius vere, quam cum ratione tacere. Dass schweigen besser ist als reden, ist ein 
antiker und allen Völkern gemeinsamer gedanke. Ovid ars am. 2, 603: Eximia est 
virtus, praestare silentia rebus. Franz. : Le plus sage se tait. Engl. : Silence is 
wisdom when speaking is folly. 

39) Wa. 5, 301, 304 führt als einen lieblingsspruch Luthers an: Wer was 
weiss, der schweig; wem wohl ist, der bleib; wer was hat, der behalt; Unglück 
kommt ohn das bald. 

40) Ähnliche Zusammenstellungen sind nicht selten, doch steht in allen 
andern statt des guldens der hafen, z. b. Wa. 4, 1649, 67: Den vogel kennt man 
bey seim gesang vnd den hafen an seim klang, vnd den esel bey den ohrn, den 
narren bei dem wort vnd zorn. Vgl. ebenda 1648, 62, 63. 1649, 66, 68. 2, 250, 11. 

41) Sprüche verwandten sinnes sind' Wa. 3, 991, 126: Wer will sein ohue 
neid, erzähle niemand seine freud'; 128: Wiltu sein on neid, so sag dein glück mit 
vnterscheid; 129: Wiltu sein ohn neid, so sag dein glück nyemandt. Dass neid 
dem glücke anhaftet, ist im altertum öfter ausgesprochen, z. b. Cornel. Nep. Chabr. 
3, 3: Invidia gloriae -comes est. Die sich daraus ergebende Warnung scheint nur 
deutsch zu sein. 

42) Wa. 3, 636 bat mehrere fassungen dieses alten Spruches, z. b. : Marck 
und melde wassen byd' im velde; pflücke marck und lat melde staen, so kanstu 
wol mit luyden umbegaen. Die pflanzennamen mark (der alte nanie für sellerie) 
und melde bedeuten hier symbolisch: 'merke' und 'melde'. Sinn: Beobachte und 
merke alles, aber erzähle es nicht weiter; dann kommst du in der weit zurecht. 
Vgl. DW. VI, 1991. 

43) Die fassung ist sonst nicht belegt, Der gedanke biblisch und antik. 
Jak. 1, 26: So aber sich jemand unter euch lässt dünken, er diene Gott, und hält 
seine zunge nicht im zäum, des gottesdienst ist eitel. Cato, dist. 1, 3: Virtutem 
pri.mam esse puta, compescere linguam. 

44) Eine Verbindung zweier Sprüche. Wa. 2, 1030, 2 : Judaskuss ist worden 
new, nur gute wort vnd falsche trew, und Wa. 1,94,3: Lach mich an und gib 
mieb bin ist jetzt aller weit sinn (ist des falschen freundes sinn). 

WITTSTOCK. n:. SEILER. 



96 LEITZMANN 



Die Kitzinger bruchstücke der Schlacht von Alischanz. 

In der festschrift zu Keiles achtzigstem geburtstag (Untersuchungen und 
quellen zur germanischen und romanischen philologie 1, 387) habe ich vor zehn 
jahren über heimat und quelle sowie über einzelne schwierigere stellen der bruch- 
stücke gehandelt, deren text ich im folgenden nach einer schon damals genommenen 
neuen vergleichung der Originalblätter als ergänzung jener kleinen Studie vorlege. 
An den seinerzeit dort gewonnenen resultaten halte ich noch immer fest, wie sie 
denn auch seitdem von keiner seite her Widerspruch erfahren haben; auch nach- 
zutragen wüsste ich zu den dortigen ausführungen bis heute nichts. Die ältere, 
über das denkmal handelnde literatur ist gleichfalls an der angegebenen stelle 
verzeichnet. Der neue abdruck des textes wird, denke ich, nicht unwillkommen sein. 

. . . 'ffod teil, ez ensal also nit dergan, 

ic ensal e mit minen colben zieselichem slage .x. und ,x. slan'. 

'monjoie' riefer dar, 

in der grossen presse gienger slan. 
5 nou stillen de haiden hueten vor im: 

waren si al isenin, er sulte si douch slan hin. 

der koninc Sinagon streit vrunkelichen do: 

vor sime suwerte mouchte gein wapen gestan. 

er und die sine» 
10 daden den cristen grosse pine. 

Renoart sprach sine blöden an: 

Hr heren, wert u vrunkelichen : >rer ir vlucht, den salic mit disen colben derslan'. 

si sprachen: 'wir sulen uch helfen über al'. 

si kerten mit im in die scare. 
15 Renoart sinen grossen colben mit baiden handen nam: 

mit .v. siegen sloeger .Ix. dot, 

dar nach mit .vii. siegen sloeger ,c. haiden in grosser not. 

wa er gienc, do vielen de haiden vor im gar, 

alse de sains doet daz gras obe. 

20 Do sprachen si: 'vliehe tvier, ez ist ons not: 

Giuliani hoet den tuvele mit im bracht'. 

de bloeden sprachen onder in: 

'wier sulen vliehen hin: 

hade ieder man x. halsberg an, volge wier Renoart, wier sin dot. 
25 meuchte wier comen in daz sitesse lernt von Yrankeriche, wir genesen van dirre not'. 

In ainen tvasser in ainen diefen tal 

über aine brnke woulten si hardan. 

Renoart gienc of ainen buhele dar: 

2 je ee mint colbe vn i jn 6 jesenin si fehlt 9 vh 10 de 

11 R. 12 jr 13 vch vber 14 jn 15 R. sine colbe 16 siege .Ix. 

verbessert aus .x. 17 jn gross s 19 de 21 G. tuuvele 24 jed s R. 

25 com jn vrankericheriche 26 aine w. 27 vber ainen 28 R.: 



DIE KITZINGER BRUCHSTÜCKE DER SCHLACHT VON ALISCHANZ 97 

sins volks warder niergen geware. 
30 Guillain sprac: 'Renoart, 

dou hoes din volc boesselich bewart: 

si vliehen gein Vrankeriche raste hin, 

sine woullen nimer helfen dich'. 

Renoart sprac: 'ist' daz war, 
35 ic salse har ivider mit miner Stange sciere bringen gar'. 

Giuliani sprach: 'sich, daz dir de haiden it comen an. 

sich harentare : 

wie scone ist der strit gare'. 

Renoart verstont sich do, 
40 daz er si)i gespot hade also. 

sinen colben er of sinen hals nam, 

gein den bloeden er vaste laufen began, 

aine wisen lief er ze tale: 

bi ainen wasser bestünde r si gare. 
45 do worden si dervart gar, 

do si Renoart sahen vor in dar. 

er sprach: 'ir rechten boessen Wichte, war umbe vloucht ir, 

do ier mich sacht mit minre Stange de haiden vor u slan alle hin?' 

gegen im do si alle quamen, 
50 genade se in baten, 

daz er sin zornen Hesse varen: 

si sulten inime strite bessren gar. 

er sprach: 'ic sal u versoechen baz' . 

er jagsse zem strite dor daz: 
55 an begeinen stachen si woul .iiii c. haiden dot. 

Renoart sprach: 'min zornen si u vergeben gar: 

ic siehe nou woul, ir wolt mir helfen über cd'. 

sine bloeden scikter vor sich gar. 

mit sime colben gienger de haiden an: 
60 do sloeger umbe sich harentare, 

als men mitem vlegel daz corne uz deresscet gar. 

miten doden was daz velt becumert gar: 

daz gelibert bloet vloss har und dar. 

mit luter stime rief Renoart: 'ic sal Desrame und sin here dot slan: 
65 ic sal rechen, daz an dem jongen Vivians ist gedan\ 

do de heiden diz horten onder in, 

de ors mit sporen sloegen si und vlouhen vaste hin. 

30 G. 34 R. 35 je wid s schiere von späterer hand auf abgeschabter 
stelle gar verbessert aus dar 36 G. com 37 hären vn tare 39 R. Vstont 
41 sine c. 43 wisent 45 der vart 46 R. 48 jer mir halle ii> quam 50 in/ 
Loch im pergaraent 51 zorne 52 sulte jmme 53 er] jer je v v 8 soechen 
56 R. minen v v* geben 57 je jr vber 58 sin bloede seikt* sirlijsi 

60 vmbe hären tare 61 in vz 62 becum s t 63 </elil>*t vn 64 /.'. je vn 
65 je jonge vH 67 dez ors mit spore sloege si von späterer band auf abgeschabter 
stelle vn 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XLVIII. 7 



98 L.EITZMANN 

Ein Heiden rante ze Desrame, 

mit hoher stime rief er sere: 
70 'here, wier sulen vliehen, daz ist goet gedan. 

de cristen haben ainen vreisselichen man: 

er treit aine stange mit isen beslagen, 

in »leuchten .ii. ors nit gedragen, 

er hat .xx.m. haiden enscomfiert gar'. 
75 'swic, boese wicht', sprach Baudins; 'domin an, 

ic hon in und Guillain sciere derslagen'. 

er mac woul sagen sinen willen do: 

er de dac morgen come, so sal Renoart mit im st rite n so vreisselicJ), 

da: men ran .ii. nie such dem gelich. 

80 Renoart, mit grossen kreften gar 

jagt er de haiden zen sciffen dar. 

mit sinre stange zebracher roeder und ma-st, 

barJcen, seife und calande. 

sine stangen sazter in daz tvasser gar 
85 und spranc .xxv. voesse in ainen calant: 

der mast was van golde gare. 

darine was Bertran gerangen, 

Guielin und Guizars, 

Gantiers van Termes, 
90 van Comarcis Girart der scone gewapent. 

Renoart vant darin .1. Türke: 

mit sime colben hater alle dot geslagen. 

of ainen hört quamer dar 

und vant Bertran sere mit isen an handen und voessen gebunden 
95 und waren verbünden sin äugen dar. 

vor im quam Renoart mit sim colben of gehaben: 

er haden zehant derslagen, 

ober er dachte, dat er wäre gevangen 

end war umbe wolter im gein leit doen. 
100 Renoart vragtin, wane er wäre. 

er saite, er ivare van Vrankeriche, nave Guillams miter corter nase, 

end wäre dar .iiii. mant gevangen : 

'nou salic wesen in carcare gevurt: 

dar uz ensalic numer mer comen.' 
105 do diz Renoart ha de vernomen, 

er zebrach de keten van handen und ran voessen gar 

und ombandim sin äugen clare. 

72 ysen 73 jn 75 suic 76 je vn G. 78 morge R. 79 m 

80 R. krefte 81 de] der 82 vn 83 vn 84 jn 85 vn voessen jn 

ainem 88 vn 90 d s 91 R. 93 quam* 94 vn gsen an fehlt vn 

95 vn v s bonden 96 R. sin 97 d s slagen 98 geuangen 99 vn en wurumbe 

100 R. vragtim 101 urankerichen naue G. mit 8 co s t s 102 en geuangen 

103 jn ar care ge g. 104 rz num s 105 R. v 8 no>n 106 vn 107 vn 



DIE KITZINGER BRUCHSTÜCKE DER SCHLACHT VON A.LISCHANZ 99 

Bertran der stont of dar und wapensic gare. 

'/;• gelieht woul mit rechte, 
110 daz ir sit vame edlen gesiechte'. 

Bertran sprach: 'waren de kinder derlost do, 

so tvaric unter vro'. 

Renoart der lief dar: 

do waren ./. haiden gar. 
115 de kindre sloeghen si mit geislen do, 

daran Mengen conoten van bli also: 
. daz bloet van irni libe vloes. 

Renoart quam dar 

und warfese in dem mere und derderenkese gare: 
120 de kinder derloster van den banden dar. 

So vil haiden quamen gesamt vor de seif dare, 

an allen siden quamen si Renoart an : 

der sloeese nider one zal. 

de kindre ivajjensich zehant. 
125 do sprac Bertran: l hade icier orsse !' 
Do quam ain Türke gerant, 

er was woul gewapent gar: 

Elina nt den dersloeger dar. 

Renoart haut of sinen groessen colben suware 
130 und sloec ors und man of ainen houfen gar. 

do sloeger dot Malqidant, 

Samuel, Samul und Samuant, 

daz nie orsse lebendinc van danne quam. 

do sprac Bertran: 
135 'vor desen siegen mac nit bestan, 

olse meuchte wier numer kein ors hon.' 

Renoart sprac: 'de colbe ist swar gar: 

als ic in derzuhe, so veiter alle dar'. 

ain Türe quam do gerant, 
140 er stach Milqn dor sin, Hb zehant. 

Renoart sprach: 'dou hoes minen mar, derslagen.' 

mitem colben sloeger dar 

recht als ein donreslag, 

daz orsse und man of derden gelac. 
14'> Hertran sprac: 'numer meuehti wier orsse haben also: 

dou sols si stechen do.' 

'dat salic leren gar.' 



108 vn 109 jr HIB. varen 112 vm» 113 R. 118 R. 119 vn 
in vn derderekese 120 d a loster 121 quam I:':' //. 125 /•'. !:':> ff. 

130 vn /uns vn 132 vn 133 lebebendinc /•'•'/ '/"/ loch im pergament 

135 siege 136 imm* 131 IL mar 138 olsi'c d 8 zuhe lil 11. I /'-' colbt 

1 i i nt 1 ir» num* 



100 LEITZMANK 

den colben er do mit baiden banden nam. 

Der konc Morinde van Damas quam gerant, 
150 ain haiden ran vraisselichen daine becant. 

Renoart sloegen of den helme dar: 

der colbe gienc dor den satel und dor duz ors in derden, daz ist wäre. 

'nou enwirt ons mimer ors\ sprach Bertram, 

'wiltou so dane siege slan.' 
155 'ier sult mich des stossens vermant haben: 

ic hade sin vergessen gar.' 

dat grosse vame colben namer sie do. 

Der riche mitalde Estele quam gerant dar 

of atme orsse, daz hiess Appelgra : 
160 er sloeg do ainen bloeden ritre dot. 

Renoart stachen vame colben mit so grosser not, 

daz sin herce spinne uz sitne Übe gar. 

daz ors gaber Bert ran dar: 

dar ouf sazer zehant, 
165 er nam des haiden seilt und spies. 

nit langer er do Hess, 

ainen haiden stacher do 

und gewan ain goet ors so: 

Geraert sinen neven gaberz do. 
170 der saz derof und nam ain seilt und ainen spies so. 

Renoart stiess so vreisselichen dar, 

daz er .iii. ors gewan zemale. 

der kinder sazen .iii. derof gar, 

spiesse und su werte namen sin dar: 
175 .ii. waren nouch ze voessen gar. 

ainen haiden stacher, daz er zebrast gar. 

dar nach er do nit enliess, 

.iii. haiden er zemale obe stiess. 

de kint waren tcoul geriten. 
180 do wart vraisselichen ghestriten: 

niemen .... 

.... en si stachen und sloegen icol 

.... nscusse jageten si de haiden 

. . . . e haiden ulten alse honde vrei 
185 .... rief de kinder an, dei er ha 

.... vame gevenkenisse : 'soecht 



150 daine verbessert aus taine 151 R. 152 vn jn 153 num s B. 

155 jer mir desstousens v s mant 156 je v s gessen 157 colbe nam 8 160 er] 

R. 161 Renoart] er colbe grosse 162 vz 163 bHran 165 vn 167 ain 
168 vn 169 gera s t sine neue gaber 170 vn vn aiüe 171 R. spstiest (sp 

wohl ansatz zu sprac) 174 vn suioHe nam 176 ain 178 stiest 179 gerite 

181 nie in 182 vn 184 haide vlten 186 geuenkenisse 



DIE KITZINGER BRUCHSTUCKE DER SCHLACHT VON ALISCHANZ 



101 



. rosen storme, hater mich bi im 

. t und Beuuon, sine deurften 

. chten ain hat-', onder den hat 
190 .... Benoart, der jonge bacelerare 
e heiden, daz er machte man 
satel lare. van den bloede 
über den voes dar. er sloec ors 
viel vor im zer erden dare, als 
195 .... dürre laup wirft van den bau 

. sprach : 'mitem stossen magic 

. ain uder .iL haben, tirit ininer 

. c .vi. uder .viii. dar.' Bertran sprac: 

. ren, habtir van Benoart daz verno 
200 . . . . e kerefte wart suis nie verno 

. chten si in des strites not. 

. e wegen zoe quam, daz was 

. Die sonne die was dar, in 

. chmen striten hare und dare. 
205 . . . . n dise jagten, aine sloegen 

. e bloede baden, van orsse und 

. was gescrei über al. Bertran quam 

. in kuene ritre sal, unde 

. s zehant mit sime spiesse 
210 .... uch bis an die haut, mit im 

. graven, die gevangen waren 

. rossen pin. Guillain dercanten si an 

. legen sin, of dem hohen orsse 

. n dem grossen lichame, von 
215 . . . . n mer, do er mangen haiden 

. n. Beratran sprach: 'hir sieh 

. ronge dare, min oehem 

. ainte van hercen gare 

. Benoart haden derlost dem. Guillain sprach: 
220 .... enhaben nit restonge, wier 

. den slan, der tuvele hoesse 

. t al, diz lant ist van in be 

. r.' do riten si de haiden an. 

Desrame hies .xxx. boisoune und ,xx. graue und „r.r.r. hornre blasen 
225 und .v.m. trompen, .vii.m. tambor slan. 

al don si den Archant und daz laut biben über al 
und marine und die diefen tale derdonen. 



188 im 190 B. 191 mä 193 vber 197 n/n- l'.is vder B. 

199 B. v*no 200 v*no 201 jn 202 e] vielleicht <■ 203 jn 204 vn 
206 vn 207 vber B. 209 s mit rotem strich darüber (eigenname) 211 gram 
geuangen wäre 212 G. der cante 213 lege 214 vo 215 haide 219 R. 
G. 221 tuuele 224 vn rh 225 vn 226 vn vber 227 vn vn 



102 [.KITZMANN 

sidre Adams geciten sachmen nie velt, 

ilnz so sere det ze rorclitcn. 
230 übe der nit engedinket, 

der sich Hesse pinen in den cruce, 

otnbe uns sundere ze behalten, 

et wäre besser, das de cristen nie waren comen dare. 

onser suesse liebe lierc Jesus Cristus nam ir selbe wäre 
235 und gab Renoart de craft, da- er sich verwant mit sinre Stangen gar. 

de haiden quamen mit menget- scare: 

Guillain und sin rater Aimeri und sine, broder soechten si dilee dar. 

Do quam der starke Jconinc Margot van Bosindant. 

ez eniras nit man so vraisseliche bis hin in Orjent: 
240 ran Störs, ran Orcasse hielter das koncriche 

und de erone ran dem lande geweldekelicJie. 

hoben daz apgrunde, dar de winde irassen, 

dar saitmen, da: Lucifer in gie. 

über daz conkeriche ist keine wounonge 
245 dam wilde tiere, serpent und luitoun. 

nie enivoes ain corne van forment: 

ran spesie leren si und ran rauch/ ran piument. 

hie dese site ist der grosse bäume, der clubet 

.ii. warve in dem jar, umbe sielt ze vernuurn. 
250 Margot was süwarz gerare 

und scu of ainre merien als ain coie dar, 

mit wissen phelel gedekt gar: 

umbe .m. phont hater nit gegeben dar. 

er droec ainen flegel ran gokle gross. 
255 aine worms hont die droeger an: 

edle de wapen, die in der werft sin, die menchten im nit gescaden. 

Renoart den soechter dar: 

do ers nit enrant, do warder zornec gar. 

er sloec der Franzoisen alse vil, als im hehagte, nider: 
260 keiner mouchtim gescaden wider. 

'deus. vater al geiceldec', sprach G'ui/lam dar, 

'sal dirre fucele iet langer leren, er doet ons grossen senden . 

daz suictrt Guillain ze haiden banden nam 

und sloegen of den helme mit alle der krefte, die er mouchte hau: 
265 daz enscatim nit ain bar. 

ihr conc Margot sprach: 'din dot ist an tninen banden gar\ 

228 sachm 230 che 231 pine jn de 232 onser 233 com 235 vn 
Renoart] G. vHoant 236 quam mg* 237 G. vn vn brod* 239 jn 

241 vn 243 saitm jngie 244 rl>< r 245 tgere rü 246 vä formt 

247 leuen rü piumt 249 warue jn de rmbe Vnuiren 251 vn 253 vmbe 

hat 8 254 golde von späterer band auf abgesebabter stelle 256 wlH 257 U. 
soechter] sloeger 258 dor zornoc 259 nid s 260 keine 261 vat s G. 

262 dire tuuele leuen 263 suw*t G. bände nä 264 rü 266 minc 



\ 



DIE KITZINGER BRUCHSTÜCKE DER SCHLACHT VOM ALISCHANZ 103 

sinen vlegel er do nam: 

do vlauc der grave raste hardan. 

Margot rante nach Guillain dare 
270 als ain phil van ahne arembroste dar. 

Guillain mouchte vor im niergen gevliegen, er entrare dot. 

do Guillain vloch in sine scare, 

do quam Renoart der hallt dar. 

sinen colben er ce baiden handelt nam 
275 und sloec den conc Margot of das haupt dar, 

daz der slac in der erden wider want: 

do was er und de merie dot alzehant. 

Guillain sprach: 'so dane siege behagen mir gar. 

ic wäre dot, hatestou mir tut geholfen hardan. 
280 here Renoart, .c. genade sagte dir, 

dou hoss des libes gehoulfen mir'. 

er sprach: 'here Guillain, ier sult conliche zoe mir gan: 

ic sal al nider slan. 

min neve was Margot, conc riche'. 
285 den vlegel hoeber van der erden: 

er douchtim ze lichte, do liesser in geworben. 

onder de haiden warf er in dar : 

.it. Türke bliben dot derobe. 

der haiden quam woul .xx.tn. umbe Guillain mit grosser not: 
290 si woulten in gerne slan dot. 

De haiden daden den cristen so grossen scaden, 

daz nieinen daz can volsagen. 

si waren do alles dings verwonden gar : 

denne Renoart der quam mit sime colben dar. 
295 do hiewer aine luke: 

iessewedersit do lagen mans sinke. 

er was mit bloede bespreinget alle sauf 

van den voes bis of die hant: 

sin colbe was auch derobe rot. 
300 do lac matte haiden dot. 

im waren muede darme und lide gar, 

uz der presse gienger dar, 

of sime colben rastet- ain lucel do : 

vor grosser muede onslieffer do. 



268 gruaue 269 G. 271 G. uor nierge 272 G. uloch 273 R. 

274 sine 275 vn 276 jn wider want 277 vn de fehlt 278 G. 279 je 
280 R. 282 G. jer 283 je nid 8 284 neue concrichen von späterer band 
auf abgeschabter stelle, die früher mehr bnclistaben enthalten zu haben scheint 
285 vleglel 286 im 289 d» had* m über xx umbe, '■'. 290 in fehlt 

291 dade de 292 nieiti 293 vHvondc 294 R. 295 hieic» 296 jessewed s sit 
301 jtn vn 302 vz gieng» 



104 LKITZMANN 

305 de hauten waren harde vro: 

si wanden, sin craft hade einde genomen. 

icoul .xx. m. haiden was umbe in comen: 

si scossen of in, 

in ..rv. steten wonden si in. 
310 ghebencdiet si vroire Giuborg, die in in ir kemnoten so wol gewapent hot. 

do »nieste Renoart anders sin bliven dot. 

De?' vreisseliche conc Hurepe van Alexandre quam dar: 

ainen co . . . . 

finem stahele droeger dar .... 
315 Franzoisen grossen scaden .... 

de niemen vor im behneten d . . . . 

har und dar, wa im gelaust, d . . . . 

ir scare. do Renoart des wart ge .... 

er den conc an quam, mit si . . . . 
320 sloeger dar, daz im die htm .... 

de voesse gar, Do sprach Renoart: .... 

doii wäre min neve, ic ho>i d . . . . 

ner stange grust also, do ne . . . . 

gescaft numer vro'. 'Guillain', rief er .... 
325 disen vreisselichen conc der .... 

,s-^//; wier andre bestan'. mit .... 

rief er do: 'der starke conc De .... 

min vater, ic enwil nit, da .... 

«*' cumt er mir bi, ic slan m .... 
330 Stangen dot, gelaubter nit ... . 

der edle marcis Guillain sprac do: .... 

suesse here, sterk ons Renoart .... 

genaden ere. blibter hie d . . . . 

alle verwanden in dirre not' 

335 sprachen: 'diz ist der tuvel .... 

sullen vliehen, dar ivier .... 

de haiden riefen mit höh .... 

gar: 'Desrame, here, wier .... 

Teeren, dir sint ,xv. kon .... 
340 derslagen und Jx.m. heid .... 

und escler. dou hoess den s . . . . 

nie ii, den dou mags dercobre .... 

ez wäre besser, daz wier Or . . . . 

nie haten gesahen, nouch . . . 



305 uro 306 wände genom 307 vmbe im com 308 sitossen 309 jn 
wonde im 310 ghebnediet zweites in fehlt 311 R. and s ssin bliui 312 rä 
313 aine 316 niem 317 rü 318 R. 321 R. 322 do neue je 

324 num» G. 328 je 329 je 331 G. 332 R. 333 blibt* 334 v "wonden 
jn 340 vn heid von späterer hand auf abgeschabter stelle 341 vh do 






DIE KITZINGER BRUCHSTÜCKE DER SCHLACHT VON ALISCHANZ 



105 



345 sinen tuvel mitetn colben .... 
lichame mit ingremance .... 
gern wapen mag an im d . . . . 
Renoart waren si dervart so g 
wil en wec gevlogen alle .... 
350 de so sere gestriten dar, da . . . 
de gar, of stnen colben er ... . 
velde resten began, wo .... 
quamen an. si scoussen raste . . 
han al ze lange gerest .... 
355 .... alle gedan 

o und sloger 
srame, der 
ecront gare 
are. vrihen 
360 .... dren haiden 

der ivas so vil 
allessant 
en 

an den icinde 
365 . ... so manger scare 
nsse haiden 
dem hailegen 
ot der helfe 
en sloegen mit 
370 . . . . e dar. die 
re zestachen 
eberachen 
en. die miten 
ren jagten 
375 . . . . n baiden siten 
eten in den 
ste mit scare 
er strit was 
, eweldeche 
380 .... onc Desrame 
ehaingnen 
gar. mit sime 
en Gaudin den 
amme orsse 
385 .... handelt do 
. pt abe. mit 
, verrater. Guillain 



345 tuuel 346 yngremance. 348 S. 353 <iit<nn 356 vfi 360 haidi 
365 mang* 371 zestache 373 mite 376 jn 381 ehaingne 383 i dt 

387 v s 'rater G. 



106 I. KIT/MANN 

....r. dou hoes 

. ... an dersla 
390 .... genoumen 

.... daz irilic 

.... ierterntt 

. ... az ist zage 

.... slagen come 
395 .... Guülam horte, daz 

. . . . n toass 

of sime goeden orsse quartier da gerant. 

'dou rechter leker', sprach er zehant, 

'ic bin Guillam genant: soeche nitrier. 
400 daz dou minien man hoes derslagen, daz tcilic rechen an dir so sere: 

ez ruwet dich ton er mere\ 

Desrame mit grossim grimme daz swert er ze baiden banden nam, 

Guillam sloeger mit aller siner craft of den helme dar: 

staine und bloemen moesten Valien, 
■ 405 den cirkel ran den helme klauber alle mit alle. 

onser here god mit sime goete lerte, 

daz suwert uzetn slage herte, 

sin seilt sloeger vor der hant abe. 

otiser here god half dem goeden orsse, da: ez it scaden nam. 
410 'Guillam, dirre slag enist nit ran ahne kinde gedan : 

dou solt auch gelten one ur/n'. 

Jiouse sin goet swert' er do nenn 

und sloec Desrame den conc riebe 

dor den helme so vraisselich, 
415 daz daz swert dor den helme inte haupte iroul aine paxlme ijuam : 

daz stuke of daz ore hangen began. 

er haden alles dings gecloben nider, 

dane daz swert gienc uz dem slage nider, 

cd sin geluke was : 
420 douch vieler vame orsse dor daz. 

Guillam lostim den helme abe 

und wolde Desrame daz haupt abe statt. 

do de haiden worden des geware, 

.xx.m. ranten voren mit aitire scarc. 
425 si hülfen im of daz ors do: 

er wäre anders derslagen also. 

A>i dandre site quam Annen sin vater und der Franzoisen score. 

390 genomin 395 G. 397goede quam 8 399 je G. 400 mä 

dir, 401 vm* 402 suert W3 G. mit aller sin* craft von späterer band 

auf abgeschabter stelle W4 vn bloem 407 suteH vzem 409 den 410 G. 

412 suert nam 413 vn 415 zweites daz] de gute hanpte 418 suert vz 

419 aisin 420 viler 421 G. 422 vn 427 Aan vnd s 428 stierten der 






DIE KITZINGER BRUCHSTÜCKE DEE SCHLACHT VON ALISCHANZ 107 

mit ir scarpen sirerten dorbrachen si de haiden gar: 

do haup sich ain vraisselich strit gar. 
430 der onselgen haiden was so rile, daz si niemen mouchte derslan. 

vil hörne und boisonne bliesen de haiden, 

daz de marine und alle de seif und der Archant bibet über al. 

goet herce hoeter dare, 

der imme strite ist State gar. 
435 Renoart angst was do: 

er wante, daz de strit solle enden also. 

Der conc Borel van Babilone quam gerant dor den strit:» 

er droek ain martel ran finem stahele in der cit. 

er was gewapent van ainer luitoun hont also: 
440 geiner hande wapen mouchtim gewinnen do. 

sine .xiiii. sonne die waren do: 

iesseliche droek ainen grossen vlegel suirar van couper dar. 

si waren su-arz olse tuvele vraisselich. 

er sloec dot Guion van Monsorel, 
445 JReinier van Anjou und Girart van Bordel. 

of dem Archant deter van bloete grossen vloess. 

'Guillain sal al. sin here Verliesen, im helfe god mit sime qoete gross'. 

Renoart quam gelaufen uz atme diefen taf: 

sinen colben er mit baiden handen nam, 
450 Borel sloeger hin den an. 

im mouchte nit gehelfen de hont naucli de wapen dar: 

er sloegen, daz im daz hirne viel vor de voesse dar. 

Renoart sprach: 'nou ganc miten andren, Borel: » 

ivier enrorchten dir ninter'. 
455 bi ainem bäume ainen liesser in dot. 

De .xiiii. kinde bestanden Renoart hinden und voren mit grosser not: 
si sloegen of sin isenhoet, 
daz darus gienc daz bloet. 
daz racher so: 
460 .v. sloeger dot also, 

.iiii. liesser en omacht do, 

d andren vluhen enwek so. 

de cristen jagten de haiden: 

an dem pouneis waren si scomßert gare. 



429 sich] si 430 si fehlt niem 431 rn 462 de/ de die rü r uii s 

vber 435 R. do (t/so 436 also fehlt 438 mareel ./'" ' '•'' ainem 

442 jesseliche 443 wäre suar: tnurlc 4J.~> rü 446 de 447 G. v 8 liesen 
jn 448 R. vz 451 jm nit Xit 453 R. andre 454 nim* 155 aine 

456 bestände lt. vn grosse i'ti y&enhoet 159 so verbessert aus also t60 so- 
leger 461 m] den 462 dandre vluhe so verbessert aus also 464 comfiert 



108 LE1TZMANN 

465 Dane ain swarz vreisselich volc quam uz aime diefen teile. 

Renoart mit sime colben bestont si gare 

und strait mit in so vraisselich, 

daz si vlouhen al gelich 

hiz an daz gecelt, do ir here was. 
470 of ainem phelel sazer der vor, der konc Acrapars. 

er was der vreisselicste man: 

daz bi in dem mer gelibert was, 

er hate dangen rot als ain cole 

und ain buhele of der nasen oben, 
475 de cene scarph als aime worme gar. 

de haut was im hart: 

im »wuchte kein wapen gewinnen, daz ie wart. 

darme waren rouch dar 

und nagle waren im lanc roren 
480 und scarph als aime lauwen gar. 

do er sin roulc sach rliehen gare, 

er sprac: 'onselc roulc, ivas jagt u dare?' 

si sprachen: 'daz doet ein tuvele mit sime colben gare, 

und sin nmbe u comen, daz ir ons helft dar'. 
485 er sprach : 'daz sal zehant wesen : 

vor mir saler numer genesen'. 

do daz swarz volc daz vernam, 

zehant ez alles wider keren began. 

do hater gross .... 
490 daz volc har .... 

gienger si an .... 

dren die vlou 

Agr apart q . . . . 

laufen offen .... 
495 dar. vor grosse .... 

und daz harst .... 

raster sin au ... . 

dar. mitem .... 

zarte uz vel .... 
500 Renoart greif an s . . . 

wart geware .... 

kaufen gar t . . . . 

an aine site .... 

derden. der .... 
505 Renoart riten an .... 

die nage! si . . . . 

daz vi eise hi . . . . 

465 suarz vz 466 R. colben fehlt bestonsi 467 vn im 472 m s 

gelibH 474 vn 475 aine 477 jm gewinen je 479 vn wäre 480 vn 

482 v 483 tuuele 484 vn vmbe v com 486 num s 487 suarz v s nam 
496 vn 499 vz 500 R. 






DIE KITZINGER BRUCHSTÜCKE DER SCHLACHT VON ALISCHANZ 109 

Renoart beisser j . . . . 

gienc zer he ... . 
510 wider daz u . . . . 

und warfen .... 

spranc snell .... 

zäunende so ... . 

siten begre .... 
515 do in .iiii. en . . . . 

so, daz im d . . . . 

Marien an ... . 

desen man .... 

nam. den j . . . . 
520 alle daz in .... 

joie' rief er d . . . . 

banden of s . . . . 

sere slan. D . . . . 

gerant und .... 
525 van isen a . . . . 

man ain d . . . . 

kein, er h . . . . 

Guinemant .... 

vater ang .... 
530 hon und Terv .... 

dich nit verb .... 

nouch hüte alle sterven'. 

Renoart lief vor im und sprach in an: 

'stant stille, ic bin Guillatns man : 
535 ic wil auch dinen colben han\ 

der haiden sprach: 'ribalt, ganc of hoeher gar: 

doe ir ons nit, ic sal dir in dansichte slan'. 

Renoart sprach : 'ic wil auch also'. 

den ersten den sloeger do, 
540 den haiden of den halleme dar, 

daz er zestaup bis in den satel gare. 

des haiden colben nam er do : 

er douchtim se lichte und warfen in den storme so. 

uf .v. haiden er do quam, 
545 der enquam lebendinc nutner dehein van dan. 

er sait, im scnlten de haiden, daz er ze voesse gienge also: 

of daz ors spranger do 

so swindechelichen dare, 

daz im der öfter har vore quam, 

508 R. 511 vn 513 zannede 515 jn 524 vn 525 i/sen 

528 GuinemH 530 vn 531 v*b 532 steruen 533 R. vn sprühe 534 je 
G. 535 je 537 doeirous je jn 538 R. je 541 jn 512 colbe nam 8 
543 vn jn 544 vf h<ii<h 545 num 8 dekel 546 dos 547 sprang" 

548 suindechelichen 



110 LETFZMÄNN 

550 do im daz lumpt soult sin. 

daz ors namer miten sterce und rante vaste hin: 

er enconde sich nit onthaben do. 

in der ff rosten pine omfielim sin colbe : 

daz was auch sin ongewih. 
555 in eine quatage pliuce vieler vame orssc hin. 

er f/icnc wider und soechte sinen colben do 

and sprach: 'rindin nit, so ist Guillain verwanden gar'. 

r/rossen Javier treiper dar: 

do sacher, aar in ain haiden nah im steifte gar. 
560 Renoart sprach: i gabt mir den colben wider'. 

ran grossen zorne ulte der haiden wider. 

Der conc Walegrape was der groeste »tan ain, 

den men in .1. conkrichen mouchte rinden dekain. 

er was betalle sirarz gar, 
565 cruselecht was sin har, 

.r.r. roesse hater an der lenge gar. 

aine cappe hater an : 

kein wapen monchtim nit gescaden. 

in sinen handen hater ainen erauwel mit keten beslagen: 
570 woul .1. man hader dermite derslagen. 

er was congs Desrame soune, der älteste, den er mouchte haben. 

Renoart woulte sinen colben haben. 

Walegrape sprach: 'swic, ic hon dir en zehant derslagen'. 

'ir liegt ntlichen do'. 
575 Walegrape sloec dar miten erauwel do 

Renoart of den isenhoet, 

daz er im zescnrte daz harstonier and den ha/sberg goet. 

uz dem slage er ontweich, 

den erauwel er miter haut begreif: 
580 so swindecheliche zukteren zoe zim, 

daz er zebrach ,v. craphelin. 

Walegrape zukte den erauwel so sere zo im, 

daz Renoart woul .iiii. stont uberirarf vor im 

und of de knie quam: 
585 douch ivoulter den craphen ran sinre haut nit lau. 

Renoart spranc of zehant 

und sprach: 'übe ic diz nit enriche, so binic gescanf. 

Walegrape stiess so swindechelichen of in dare, 

daz der erauwel baue onder in baiden dar. 

551 nam 9 rfi 553 Jn 555 jn quatatage puche* 556 tcied s vn sine 
:>:,? vn G. V 8 wanden 558 grosse ja m s ireip« 559 in fehlt ' 560 R. wid» 
561 rite wid 8 563 m jn coukriche /rinden - r >6i suarz 569 jn sin handen 
fehlt 572 R. 573 suic ic] jn dire 574 jr 575 W*a 576 R. 

i/senhoet 577 vn 578 vs 579 mit 8 580 suindecheliche 582 W«a 583 R. 
rberirarf 584 rn 586 /.'. 587 vn rbe. 588 suin (am Zeilenende) im 



DIE KITZINGER BRUCHSTÜCKE DER SCHLACHT VON AUSCHAN/. 111 

590 Walegrape sprach: 'bricht dirre crawwel, dou soultest mir doen gewin. 

nim dinen colben und ganc zollen onselden hin, 

so wilic ie vil goede secherhede han\ 

der haiden dopte an sin cene do. 

do ne hader nit gelogen umbe ain laut: 
595 Renoart nam sinen colben in de hant. 

Der conc Walegrape sprach in an: 

'here cnappe, wie ist uwer name Y' 

Renoart sprach: 'ic sal u sagen de ivarheit : 

min vater ist der starke conc Desrames 
600 und ist min oehem Diebaus der scone gewapent 

und ist min broeder Clariaus der grosse 

und Gaubus und Percegues und Malaties 

und Maulars und Maulaerz 

und Bruiens, Bornus und Batres 
605 und Claudubais und der hone Tenebres 

und Morgans der vraisselich 

und Walegrape ist der älteste, dunkt mich'. 

Walegrape sprac : 'so bistou min broder: com har zoe mir. 

min hoge gesiechte derrrauwe sich van dir'. 
610 Renoart sprach: 'ic enivil u weder cussen nouch heilsen dar: 

der tuvele neme uwer wäre'. 

Walegrape sprach: 'Renoart, ne sötte nit: 

gelaube in Mahom und com in goeden wek. 

din grosse geslagte sal haben grosse bliseepe : 
615 ic sal dir geben Loqiferne und Candoie, 

de hoge touren, die of dem mer derluchten'. 

Renoart sprac: 'huet dich rorbaz vor den colben min: 

vil gerne ic sluege daz haupt diu'. 

Walegrape sprach: 'of dou woul dades, ic soud mich wondern: 
620 an ahne wibe van bliseepe bistou gewonnen'. 

Renoart derzornsich sere do: 

si ieschen ain andre so. 

Walegrape sloegen alrest Renoart of den isenhoet: 

der crauwel der gienc abe 
625 und raissim sin halsberc bis of den broecgurtel dare. 

Renoart sprach: 'ic bin gunert, ubic nit gelte dir'. 

mit der Stangen sloeger wider. 

590 W 8 a brich dirre verbessert aus tirre soulste gemein 591 rn 592 je 
594 vmbe 595 R. jn der 596 Wa 597 vtoer 598 h\ v 599 vat» 

600 vn 601 vn broed s 602 rn rn P s a-i/nrs rii 603 rn rn (>ni rn 

rn 605 vn vTid* 606 rn 607 vn 608 II'. comt 610 R. je V wd* 

611 tuuele VW 8 612 W 8 a R. 613 jn vn tili tiit <'>!■', je rn cädoie 

616 deiner der lucht 617 R. hueüch c>ls gs ne j c hau(pt abgeschnitten) 

619 W. jc 620 an verbessert aus van aine bliscebe gewonen 621 H- 

622 jeschen 623 R. de i/senhoet 625 vn halbere 626 R. 621 mit* stänke 



112 LEITZMANN 

Walegrape spranc uz dem slage: 

den crauwel warfer vor sich dar, 
630 .iii. craphen sloeger abe. 

die Stangen er aber nam und sloec of den crauwel dar, 

daz er baue gare: 

im wanderte sere, daz er nit gebrauchen was. 

Walegrape rief in haiden isse do: 
635 'arride, arride, bi Mahomet, helft so'. 

x. Türke quamen dar, 

die gereit waren alle ze slahen. 

do hade Renoart so grossen pin, 

daz er viel of de knie sin. 
640 er sprach: 'hailege vrowe sente Marie, helft mir: 

icirdic hie derslagen, 

Guillain moess umher haben den scaden'. 

sinre bloeden ritre im vil ze helfen quam. 

do spranger of als ain haut goet: 
645 er gewan ains lauwen moet 

und sloec Walegrapes crauwel, daz er srebrach. 

den colben er do mit baiden handen nam 

und sloec sinen broder Walegrape of den helme, daz der colbean derde widerwant : 

do was man und ors dot al zehant. 

650 In Alexans was der strit gros. 

des dags det Renoart mengen dot 

mit sime colben, der was mit iser gebonden. 

de haiden vlouhen hindern, und voren: 

denoch was der haiden so vil, 
655 daz si de Franzoisen deden aine bogenseuce vliehen hinder sich. 

Der conk Sinagon dorch amen diken nebel quam geriten dar: 
alle die van Patente waren in sinre scare. 
of ahne stielten ors er gesas. 

er stach Bertran dor den seilt und den halsberg dare 
660 in die siten aine grosse tvonden gar. 
der stach Sinagon wider dar 
und zeclaubim daz antelice gare, 
si haten baide do gerne gestriten sere: 
der stäup und der nebel was so dike, daz si aine andre nit mouchten sahen mere. 

665 De haiden bliesen ir horner dar dor ze trösten ir here. 



628 W* vz 631 ab* im 633 wond»ste 634 W. jn 636 quam 
637 wäre 638 R. 640 sente] S. 642 G. vmber habe 646 vn W* 

<•// nam verbessert aus mam 648 vn sine W* wider want 649 vn 651 R. 
fügen doden 652 colbe der was] daz ist mit rasur dazwischen yser 653 vn 
voren] after 656 aine quam verbessert aus quamer 657 wan jn 659 B. 

vn i>60 ainen grossen 661 wid s 662 vn zeclaubin 664 vn d s mouchte 






DIE KITZINGER BRUCHSTÜCKE DER SCHLACHT VON ALISCHANZ 113 

do quamen die van über mer 

miten van Spante zoe gedrungen, 

die alten raste miten jongen, 

alle, die do striten solten. 
670 here Guillain quam mit sinen holden 

gegen in mit grossen vlisse: 

do sachmen vanen van samite 

bliken und van cendal. 

si quamen al ze male 
675 in die peressen van baiden siten, 

al die do woulten striten 

dorch Iren god und dorch ere. 

Desrame sprach: 'nou, eieren heilde dare. 

in disen pounais gewinne wier unseren willen gare: 
680 die cristen sint moede dare, 

sine mengons nimer gescaden'. 

Baudin sprac: 'here, iren sult nit varenisse hon: 

vindic jenen miten colben, ic han in zehant derslagen' '. 

Desrame sprach: 'nave, ic weis woul, daz ir sit starc gar: 
685 ir hat in camph .xv. conge verwunden dare. 

dirre cnappe ist so vraisselich: 

hatir ainen also grossen colben als er, ir meuehtem woul geliehen'. 

er sprach: 'here, den salich haben'. 

.1. Türke santer umbe ainen grossen bäum dan : 
690 nach sinen willen hachter in dare. 

bi der haut bewandern mit wasse dar, 

daz ern hielte deste baz. 

Baudus .xv. voesse lanc ivas: 

er was der aller starlceste man am, 
695 den men in der haidniscaft waste dekeine. 

er sprac: 'Desrame, bit min hie an desen Standart: 

ic teil Renoart dot slan an dirre varf. 

nach im gienger dare, 

dor alle den strit soechter in dar: 
700 do ers nit envant, vor zorne sloeger der cristen also vile 

ane masse und ave zile. 

daz bloet geweldekelichen vloss: 

er det do mange pine gross. 

do de haiden worden des geware, 



666 quam vber 668 di allten 670 G. holten 671 im 672 sachm 
samiten 673 vn vä 674 quam 675 jn 677 vn rasur nach dem zweiten 
dorch 679 t/n gewine willl 681 nim s 683 jene colbe im 684 naue je 

685 jn v s wonden 686 cnappe 687 aine meuchle gelich 688 here] ere 

689 vmbe aine 690 chachter 691 bi] loch im pergament bewander 695 m 
jnde 697 je li. dire 701 vn 702 geweldeehl 

ZEITSCHKIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. HD. XLVIII, 9 



114 KOPP, GRÜNWALDLIEDER 

705 si dercobertni sich gare 

und slogen onser volc har und dar. 

Woul Ji. bogenscuce gienc Renoart uzern scare, 

of sinen colben rasier dare: 

do saher .... 

Zum schluss bemerke ich noch, dass das erste blatt der N haudschrift (ent- 
haltend vers 1—181) jetzt im lichtdruck mit ausführlicher heschreibung der Ortho- 
graphie wiedergegeben ist bei Petzet und Glauning, Deutsche schrifttafeln des 9. 
bis 16. Jahrhunderts aus handschriften der königlichen hof- und Staatsbibliothek in 
München s. tafel 43. 

JENA. ALBERT LEITZMANN. 

705 sich] si 706 rn vn 707 R. rzem 709 sah"'. 



Grünwald-Lieder (zs. 47, 210-232) : Nachtrag. 

S. 218. Das vielgenannte mailied kommt handschriftlich vielleicht noch früher 
als bei Friedrich von Eeiffenberg (1588 ff.) in einem Stammbuch der gräflich Lands- 
berg'schen schlossbibliothek zu Velen vor (1583 ff., heschreibung und inhaltsver- 
zeichnis unter den bestandaufnahmen von hss. für die deutsche kommission der 
kgl. akademie zu Berlin — übrigens am besten wohl nach Adelheid von Velen zu 
benennen, an die sich mehrere von den eintragungen wenden): bl. 62a. Mir liebet 
im gronen Meyen die schone Sommer Zeitt, 8 str. entspr. 1-6, 12 und 13 der ge- 
wöhnlichen 14strophigen fassung. 

S. 220/1. Das von Uhland (Schriften 4, 217) nach einem antiquarischen kata- 
log erwähnte gedieht zu ehren der pfalzgräfm Dorothea ist offenbar identisch mit 
dem von ihm als möglicherweise auch zu Grünwald gehörig bezeichneten (Sehr. 3, 
549) liede bei P. v. d. Aelst, Blumen und aussb. 1602 Nr. 122 die schöne Sommerzeit, 
8 str. akr. 'Dorothea'. Denn 8strophig war nach TJ.s angaben auch das lied für die 
pfalzgräfin. Dass ausdrucksweise, ton und Sinnesart zu Grünwald stimmen, beweist 
klar die tatsacke — mehr als blosser zufall — , dass in Böhme's Liederhort, wo 
2 Strophen (nr. 385) des liedes nach P. v. d. Aelst ausgehoben sind, es als gleich- 
artig sich an zwei Grünwaldlieder (nr. 383,4) anschliesst. 

Aus einem schreiben Bolte's vom 19. dezember 1916: 'Ein dem Nürnberger 
instrumentisten zuzuweisendes lied auf das begräbnis seines vaters 'Es wöll ihm 
Gott geuädig seyn' (8 str.) möchte ich aus dem Nürnberger gesangbuche von 1601 
(Fischer-Tümpel, Kirchenlied des 17. Jahrhunderts 1, 138) nachtragen. Dass das bei 
Wickram überlieferte poem ein vorbild in H. Sachsens meisterlied von 1516 'Der 
rock' (Goedecke, H. Sachs 1, 15) hat, wies Dreyer nach (Analecta germ. 1906 
s. 326); mau könnte daher vermuten, dass der Wickram'sche Grünenwaldt eine frei 
erfundene person ist .... da ich nun doch beim 'anmerken' bin, notiere ich noch 
als unwesentliche kleinigkeit zu ihrer s. 212 oben: Wolkan, Lieder der Wieder- 
täufer 1903 s. 17, 94 und zu s. 216 str. VII Bode, Vorlagen im Wunderhorn 1909 
s. 206'. 

MARBURG. A- KOPP, f 



MICHAEL, ZU ERICH SCHMIDTS 'CHARAKTERISTIK DER BREMER BEITRÄGER USW. 115 



Zu Erich Schmidts 'Charakteristik der Bremer beiträger im Jüngling'. 

Im vierten kapitel seiner 'Beiträge zur keuntnis der Klopstockschen jugend- 
lyrik' (Quellen und forschungen zur sprach- und kulturgeschichte der germanischen 
Völker bd. 39 s. 50 ff.) handelt Erich Schmidt von der Charakteristik der Bremer 
beiträger in der moralischen Wochenschrift 'Der Jüngling' (Leipzig 1747/48). Bei 
meinen Gellertstudien ' habe auch ich diese Wochenschrift kennen gelernt. Dabei 
musste ich die erfahrung macben, dass E. Schmidts ausführungen doch recht sehr 
der ergänzung und berichtigung bedürfen, und das um so mehr, als seine ergeb- 
nisse schon anderweit verwendet worden sind. 

Zu dem, was E. Schmidt über den inhalt des 'Jünglings' sagt (s. 51 f.), sei 
nur erwähnt, dass nirgends in der Zeitschrift ein fürstliches beilager beschrieben 
wird. Er meint gewiss das 4. stück, in dem der aufenthalt geschildert wird, den 
die prinzessin Maria Josepha von Sachsen als jung vermählte dauphine auf ihrer 
reise nach Frankreich am 15. und 16. januar 1747 in Leipzig nahm. Gerade dieses 
stück ist für jene zeit — die tage Brühls! — von besonderem interesse, da es eine 
verhüllte politische satire ist. Als Verfasser kommt wohl (trotz mancher von Rabeners 
geist erfüllten stelle) Cramer in betracht. Wie sehr dieser sich in Rabener'scher 
art zu bewegen verstand, davon spricht schon Adolf Schlegel in seinem noch un- 
gedruckten briefe vom 23./24. Oktober 1749 an Giseke (Leipziger Universitätsbiblio- 
thek, Kestnersche sammluDg). 

Auf die Verfasser der einzelnen stücke geht E. Schmidt nicht näher ein. 
Hier sei nur das wichtigste darüber gesagt. Ausser Cramer, dem geistigen vater 
des Unternehmens, haben nachweislich Giseke, Rabener und Ebert an der Zeitschrift 
mitgearbeitet. Ob es noch andere aus dem freundeskreise Cramers getan haben, 
wissen wir nicht. Möglich wäre es. Ich selbst glaube es nicht, obgleich der 'vor- 
bericht des Verlegers der zwoten aufläge' (Königsberg, Mitau und Leipzig, bey 
Johann Jacob Kanter, 1764) 2 neben den genannten vier noch 'andere Schriftsteller, 
die der Unsterblichkeit gewiss sind', als Verfasser bezeichnet. Dagegen mögen 
unter den vielen angeblich von den lesern eingesandten briefen wirklich einige sein, 
die auf tatsächliche Zuschriften zurückgehen. Vou den 72 stücken bezeichnen 41 
den Verfasser überhaupt nicht; 11 sind mit N, 10 mit A, 3 mit L, je 2 mit E, 1 
und R und 1 mit Y unterzeichnet. 

Ebert, dessen schreibfaulheit unter den freunden sprichwörtlich war, erhebt 
nur auf die stücke 25 und 50 anspruch (Joh. Arnold Eberts Episteln und vermischte 
gedichte T. I s. 286 die fussnote). E. Schmidt möchte ihm einen grösseren anteil 
an der Zeitschrift zuschreiben. 

Nicht viel mehr dürfte Rabener beigesteuert haben. Sicher sind die stücke 
17 und 21 von ihm, auf die er selbst als auf sein geistiges eigentuin in seinen 
Satiren (10. auf]., Leipzig 1771, t. 1 s. 33) verweist. Wenn er auch kaum mehr ge- 
liefert hat, so scheint er doch auf andere stücke stark eingewirkt zu haben ; 
wenigstens zeigen einige den einfluss dieses Satirikers, ja berühren sich sogar mit 
werken von ihm. Ich erwähnte schon das 4. stück; ferner verweise ich auf das 

1) Wissensch. beilage z. Jahresbericht d. 5. städt. realschule zu Leipzig, 1913. 

2) Ich führe nur nach dieser aufläge an. Sie hat eine andere seitenzählung 
als die von E. Schmidt benutzte 1. aufläge. 



Uli .MICHAEL 

stück G l , das an einigen stellen unter anderem an Rabeners 'Abhandlung von buch- 
druckstöcken' und an sein Sprichwort 'Kleider machen leute' 2 erinnert; der 'Traum 
von den Schicksalen des Jünglings in den künftigen zeiten' im stück 55 scheint 
sogar eine schwache nachahmung zu sein von Rabeners verloren gegangener satire 
'Vorlesungen eines professors von Oczacov, über die belustigungen im jähre 1744 
gehalten' (Gr. W. Rabeners briefe, herausgegeben von C. F. Weisse, Leipzig 1772, 
s. XXVIII f.) \ 

In die übrigen 68 stücke haben sich wohl Cramer und Giseke zu teilen. Der 
grössere teil kommt sicher Cramer zu, doch ist es unmöglich, die stücke auf grund 
ihres inhalts oder ihres sprachlichen ausdrucks restlos aufzuteilen, da beide bewusst 
daran gearbeitet haben, ihre 'Jünglinge so zu machen', dass man sie nicht sollte 
unterscheiden können (Schnorrs Archiv für literaturgeschichte bd. 5 s. 70). Dazu 
kommt, dass die spräche jener Leipziger Schöngeister an sich 6chon ziemlich gleich- 
förmig ist, und dass Cramer je nach stoff und Stimmung in kurzen leichtflüssigen 
sätzen oder in schwer fliessenden, reich gegliederten satzganzen schrieb. Immerhin 
können w r ir sagen, dass die stücke mit langgezogenen, reich ausgebauten und zum 
teil geschachtelten sätzen aus der feder Cramers stammen. Ferner können wir als 
sicher annehmen, dass die mit gleichem buchstaben unterzeienneten stücke von 
einem und demselben Verfasser sind; nicht das geringste spricht dagegen. Danach 
wären die mit A gezeichneten stücke von Cramer, da eins von ihnen, das 32., aus 
Gisekes briefen als von Cramer herrührend zu erweisen ist (Schnorrs Archiv bd. 5 
s. 67). Auch das 13. stück (Das leiden Christi, nach dem 22. psalme) ist von Cramer, 
wie sich aus einer vergleichung dieses gedichts mit dessen poetischer Übersetzung 
des 22. psalms ergibt; nicht allein, dass beide gedickte denselben strophenbau haben, 
sie stimmen auch in vielen verszeilen, ja ganzen Strophen überein. Die mit N 
gezeichneten stücke sind von Giseke ; von zweien, dem 24. und dem 37., bekennt 
er sich selbst als Verfasser (Archiv bd. 5 s. 52 und 71), und für das 56. lässt sich 
seine Urheberschaft aus dem briefe vom 20. Januar 1748 erschliessen (Archiv bd. 5 
s. 593). Desgleichen sind die mit L unterzeichneten stücke von ihm, denn das mit 
L gezeichnete 23. stück ist nach Schnorrs Archiv bd. 5 s. 52 von ihm. Die beiden 
mit R unterschriebenen stücke aber bieten gedichte Gisekes (Poetische werke, 
Rraunschweig 1767, s. 105 ff. u. 109 ff.). 

Infolge der schweren erkrankung und des todes seiner braut hat Cramer von 
stück 20 bis 25 nicht mehr mitgearbeitet. Da Giseke, der fleissige ersatzmann, 
mitte juni selbst schwer am fieber erkrankt und infolgedessen nicht mehr arbeiten 
kann (Archiv bd. 5 s. 55 ff.), übernimmt Cramer wieder für die nächsten monate die 
hauptarbeit am 'Jüngling'. Bestimmt sind von ihm aus jener zeit stück 26 (Archiv 
bd. 5 s. 53), 32 bis 34 (Archiv bd. 5 s. 67) und mit grösster Wahrscheinlichkeit 35 
und 36 (Archiv bd. 5 s. 71). Auch die stücke 27 und 28 sind um ihrer inneren 
beziehungen zu andern, stücken willen ohne allen zweifei von Cramer. Von Giseke 

1) Dass dieses mit I gezeichnete stück nicht von Rabener ist, beweist schon 
der umstand, dass das 16., auch mit I unterschriebene stück seinem inhalte nach 
unmöglich von Rabener sein kann. 

2) Ich weiss recht wohl, dass diese satire erst 1750 im 2. teile der 'Samm- 
lung vermischter schritten usw.' erschienen ist. 

3) Audi sonst erinnert der Traum an Satiren Rabeners; so erwähnt er einen 
gelehrten mann, der ein grosses werk über die buchdruckerleisten des 18. und 
19. Jahrhunderts geschrieben hat. Dass auch dieses stück nicht von Rabener sein 
kann, ergibt schon die spräche. 



ZU ERICH SCHMIDTS 'CHARAKTERISTIK DER BREMER BEITRÄGER IM JÜNGLING* 117 

ist dagegen noch auf grnnd eiuer briefnotiz vorn 9. Januar 174N (Archiv bd. 5 s. 590) 
höchstwahrscheinlich das vom 10. Januar 1748 datierte 54. stück. Da er am 
10. april 1748 Leipzig für immer verliess, kommt seine mitarbeiterschaft für die 
letzten stücke, das 67. bis 72., kaum mehr in betracht; in der tat scheinen diese 
stücke alle von Gramer geschrieben zu sein. Wer weiss, ob das scheiden Gisekes 
nicht der hauptgrund war, dass Gramer seine Wochenschrift eingehen Hess. 

E. Schmidt nennt als paten des 'Jünglings' den Spectator und Hagedorn. Auf 
Rabeners einfluss habe ich schon hingewiesen. Noch stärker als dieser ist der 
Gellerts, und zwar mehr derjenige des dramatikers als der des fabeldicbters, der 
sich nur ganz versteckt und auch nur dem aufmerksamen Gellertkenner (z. b. s. 485) 
zeigt. Gerade aus dem 'Jüngling' kann man erkennen, welche bedeutung dieser 
dichter mit seinen theaterstücken, besonders aber mit seiner 'Betschwester', für 
seine zeit gehabt hat. Immer wieder begegnen wir in der Zeitschrift der 'Bet- 
schwester', die damals zum landläufigen begriff geworden zu sein scheint. Vor 
allem Cramer verrät sich als Verehrer Gellerts. Im 51. stück, das auch die häufigen 
erfolgreichen aufführungen der 'Betschwester' in Leipzig erwähnt und recht vor- 
sichtig an der technik des lustspiels kritik übt, gibt er sogar, an eine stelle des 
Stückes anknüpfend, in erzählender form eine fortsetzung: der Jüngling lernt frau 
Richardin kennen, macht sie in sich verliebt und zeigt nun ganz im geiste der 
Gellertschen charakterzeichnung das widerliche gebaren der verliebten sechzig- 
jährigen. Auch andere dramen Gellerts. finden erwähnung. In dem stück 64 erzählt 
Giseke von dem eifer, mit dem Wilhelmine 'Die zärtlichen Schwestern' verteidigte, 
eine stelle, die uus nicht nur beweist, dass dieses lustspiel schon damals vielfachen 
Widerspruch erfahren haben rnuss, sondern auch Gisekes urteil darüber vermuten 
lässt; und stück G9, das sicher von Cramer ist, verwertet Gellerts bearbeitung von 
Saintfoix' nachspiel 'Das orakel' und führt eine stelle daraus an. 

Was die in der Wochenschrift gezeichneten persönlichkeiten angeht, so habe 
ich bereits angedeutet, dass ich durchaus nicht immer mit E. Schmidts deutungen 
einverstanden bin. Gewiss ist die blauäugige Irene die in den liederu der beiträger 
gefeierte Johanna Elisabeth Radike, aber schon darin irrt E. Schmidt, dass er ihr 
lob 'Giseke bis zum letzten blatte mit wärmster Verehrung' verkünden lässt, als 
hätte Cramer, der bräutigam der schönen und geistreichen Radikin, am 'Jüngling' 
gar nicht mitgearbeitet. Ich behaupte sogar, man könnte schon aus dem tone der 
Verehrung und der art, wie der Jüngling mit Irene verkehrt, feststellen, welche der 
betreffenden stücke von Cramer, welche von Giseke herrühren. 

Die beiden in dem von Giseke verfassten 64. stücke so ansprechend gezeich- 
neten frauen Christiane und Wilhelmine hat E. Schmidt nicht zu deuten gewusst. 
Christiane ist Cleants (s. u.) gattin, also niemand anders als Christiane Sophie 
Geliert, geb. Gärtner, die Schwester Gärtners und die frau von Gellerts ältestem 
bruder, dem fechtmeister Friedrich Leberecht Geliert. Giseke rühmt ihre schrift- 
stellerische begabung (s. 503), und Ebert nennt Gärtners Schwester 'eine geschickte 
poetin' (Hagedorns Poetische werke, herausgegeben von Eschenburg, bd. 5 s. 243). 
Giseke erzählt im 'Jüngling', dass er bisweilen Christiane besuche (s. 504) ; auch in 
seinen brieten an Adolf Schlegel (Archiv bd. 5 s. 579, 596) berichtet er von be- 
suchen bei Gärtners Schwester. Wie sehr Giseke diese hochschätzte, beweist der 
umstand, dass sich, wie Gärtner erzählt (Gisekes Poetische werke s. XIX), unter 
den verstorbenen freunden, denen er 'durch seine mühe noch ein denkmal zu stiften 1 
gedachte, auch die Gellertin befand. Wilhelmine ist ebenfalls vermählt. Noch 



118 miciiafL 

wagt sich Giseke nicht ihren freund zu nennen, aher er hofft es hald zu werden, 
'denn 1 , sagt er, 'ihr mann hat so viel einsieht und so viel hochachtung für alle 
arten der gelehrsamkeit und des witzes und so viel gefälligkeit für mich, dass ich 
ihn schon lange als meinen freund angesehen habe' (s. 507). In welchem Verhältnis 
standen nun Wilhelmine und Christiane zueinander? Der Jüngling schildert sie nur 
als freundinnen, ohne dass freilich ein verwandtschaftliches Verhältnis ausgeschlossen 
wäre; im gegenteil, der ganze innige verkehr unter- und miteinander, besondeis 
auch im engen kreise, lässt verwandtschaftliche beziehung eher vermuten, als dass 
er sie verneinte. Man lese die stelle (s. 506 f.), die von Wilhelminens geschicklich- 
keit im klavierspiel handelt, wo es u. a. heisst: 

'Was bleibt von mir wohl ungefühlt, 

Wenn ihre kleine hand, die leicht und flüchtig eilet, 

Den liedervolleu flügel spielt? 

Und jeden ton, bei dem sie sich verweilet, 

Und jeden ton, von dem sie schnell vorübereilet, 

Mit sieg erfüllet, den man fühlt, 
• Wenn sie vergnügend singt, und Christiane höret, 

Von aller ihrer kunst gerührt, 

Die sie mit einem beifall ehret, 

Der ihren blick mit neuer anmut ziert. 

Mein äuge teilt sich itzt neugierig zwischen ihnen, 

Denn es gehorchet itzt nicht mir. 

Zu Christianen eilt es oft von Wiihelminen, 

Zu Wilhelminen oft von ihr." 
Und dann vergleiche man damit die widmung, mit der Geliert 1743 seine 'Lieder' 
'den beiden geschickten und klugen Schwestern Wilhelminen und Christianen' zu- 
eignet, vor allem aber die worte: 'Wer diese texte von Ihnen singen hört, dem 
wird die zeit niemals dabei zu lang werden. Eine gute musik und eine angenehme 
stimme helfen der elendesten poesie auf, und ein poet kann seinen versen nichts 
vorteilhafteres wünschen, als dass sie stets von einem artigen frauenzimmer mögen 
gesungen werden ; denn es hört sich niemals besser zu, als wenn die äugen zugleich 
etwas dabei zu tun bekommen. Ich könnte Ihnen hier noch einige lobsprüche 
wegen Ihrer gescbicklichkeit in der musik erteilen, allein es wäre etwas über- 
flüssiges. Solange Wilhelmine nicht aufhöret, das clavesin zu spielen und dazu zu 
singen und Christianchen das letzte nicht unterlässt, so sind sie beide Ihr bester 
lobspruch selber' (Gellerts Sämtliche Schriften, herausgegeben von Klee, bd. 3 
s. 427). Kommt man da nicht auf den gedanken, dass es sich beidemal um dasselbe 
Schwesternpaar handle, dass also die Wilhelmine des Jünglings die Schwester 
Christianens und damit Gärtuers sei? Bei Gellerts widmung handelt es sich tat- 
sächlich um Gärtners beide Schwestern. Wilhelmine Gärtner war mit einem Leip- 
ziger namens Steinalter vermählt. Aus der oben angeführten stelle des 'Jünglings' 
geht hervor, dass Wilhelminens mann zwar kein gelehrter, also kein studierter 
mann war, aber doch der schriftstellerei teilnähme entgegenbrachte. Ist meine Ver- 
mutung richtig, so wird es der kauf- und handelsherr Johann Christian Steinauer 
sein, der einzige dieses namens, den das 'itzt lebende und florirende Leipzig' vom 
jähre 1747 nennt. Ein Joh. Chr. Steinauer hat auch in sehr bescheidenem masse 
an den 'Belustigungen des Verstandes und des witzes' mitgearbeitet (Probefahrten 
bd. 18 s. 23, 26, 97 f., 217); es ist wohl der gatte Wilhelminens. Übrigens spielen 






Z"Ü ERICH SCHMIDTS 'CHARAKTERISTIK DER BREMER BE1TRÄGF.R IM JÜNGLING' 119 

die beiden Schwestern Gärtners auch in dem noch angedruckten briefwechsel zwischen 
Geliert und Adolf Schlegel (Leipziger Universitätsbibliothek, Kestnersche samrulung) 
eine bescheidene rolle. Da schreibt Geliert z. b. am 17. februar 1749: 'Christiane 
u. Wilhelmine u. beider Männer . . . grüssen Sie', oder am 2. november 1750: 'Die 
Mad. Steinanerin u. Fr. Gellertin grüssen die Fr. Oberhofpredig. u. ihren Mann 1 
tausend u. Dich etliche Male'. Und Schlegel schreibt am 28. november 1750: 
'Christianen u. Wilhelminen küsse die Hand', und am 14. juni 1753: 'Mache mein 
gehorsamstes Compliment ... Deinem Bruder 2 , Steinauers'. Sollte es wirklich in 
dem engeren bekanntenkreise der Bremer beiträger zwei freundinnenpaare gleicher 
namen gegeben haben, die sich so ähnelten? Ich glaube es nicht. 

Und nun zu der 'kleinen familie von freunden', die im zweiten bände der 
Zeitschrift unter renaissancenamen geschildert werden. Die deutung der namen 
scheint E. Schmidt zwar nicht schwer, und doch ist sie ihm fast überall da nicht 
gelungen, wo sie nicht infolge literarischer Überlieferung klar zutage lag. Zunächst 
verbaut er sich selbst den weg durch eine ganz seltsame Voraussetzung, und dann 
liest er nicht aufmerksam genug, sonst hätte ihm unmöglich so manches entgehen 
können. Die eigentliche Schilderung der kleinen familie nebst der vorausgeschickten 
umfangreichen betrachtung über die freundschaft füllt die stücke 41, 42, 45, 46 
und 52. Eine zweite, bedeutend kürzere erwähnung der freunde findet sich in 
stück 65. E. Schmidt behauptet nun: 1. '2, 1 ff . (die stücke 41, 42, 45, 46 u. 52) 
enthält eine lange allgemeine einleitung über die freundschaft, schwerflüssiger, als 
die drei redakteure 3 schreiben, wie auch die folgenden Charakteristiken trotz vieler 
feinheiteu an Wiederholungen, allgemeinheiten uud stilistischer Umständlichkeit 
leiden. Da ferner die drei selbst in dieser gallerie erscheinen und ein selbstporträt 
der färbung nach nicht angenommen werdeu darf, da der Verfasser offenbar ein 
älterer und mit Rabener, Geliert, K. A. Schmidt lang und innig befreundet ist, 
denke ich, dass Gärtner, der genossen 'liebster Quintilius', diese nummern aus der 
ferne beigesteuert hat. Seine Verbindung mit Giseke war immer sehr eng.' 2. 'Die 
fortsetzung aber dieser revue 2, 293 ff. (stück 65) ist schon der spräche nach nicht 
von Gärtner, sondern von Giseke. Deshalb auch eine neue einleitung über die 
freundschaft, deshalb wird endlich 2, 353 (2. aufl. s. 566) in der aufzählung nur 
Arist-Giseke übergangen'. Das wesentliche an dieser behauptung ist falsch. Erstens 
leiden nicht bloss die hier in betracht kommenden stücke an Wiederholungen, all- 
gemeinheiten uud stilistischer Umständlichkeit, sondern so ziemlich die ganze Zeit- 
schrift. Zweitens ist die erste betrachtung über die freundschaft durchaus nicht 
schwerflüssiger als die drei redakteure schreiben ; ganz im gegenteil, sie ist weniger 
schwerflüssig, als Gramer uud auch Ebert für gewöhnlich schreiben. Drittens 
werden, wie ich noch weiter unten zeigen werde, Cramer und Ebert, aber nicht 
Giseke unter den freunden gezeichnet. Viertens spricht gegen die behauptung, 
Gärtner habe die betreffenden stücke geschrieben, gar mancherlei. Zunächst die 
räumliche entfernung; sodann, dass er selbst, und zwar schon in der einleitung. 
unter dem namen Dämon erwähnt wird ; und schliesslich der ganze ton der Schilde- 
rung, der durchaus einen jüngling, aber keinen mann von 35 jähren als Verfasser 
voraussetzt. Sicher herrschte unter den älteren freunden, wie Gärtner, Rabener, 

1) Gemeint ist Cramer mit seiner frau. 

2) Christiane Sophie Geliert starb schon 1752. 

3) E. Schmidt teilt Ebert eine unverhältnismiissig grosse rolle zu. 



120 MICHAEL 

Geliert, innige freundschaft, aber sie hatte etwas von der würde und Steifheit jener 
tage an sich. Die freunde redeten sich mit Sie an und beobachteten auch unter 
sich die umständlichen Umgangsformen ; freier, schwärmerischer, aber auch viel 
empfindsamer wurde der ton durch die jüngeren freunde, und diesen zärtlicheren, 
gefühlswärmeren ton haben die Charakterzeichnungen im 'Jüngling'. Nicht Gärtner 
hat die betreffenden stücke geschrieben, sondern Giseke, dessen charakter 'der einer 
vorzüglichen Sanftheit, stille und innigem seelenattachement' l gewesen sein muss. 
Dafür spricht erstens der sprachliche ausdruck — Gärtners stil, der übrigens gar 
nichts schwerflüssiges an sich hat, ist anders — , zweitens der inhalt, drittens die 
Unterzeichnung der stücke — zwei von den fünf sind mit N gezeichnet — und 
viertens der umstand, dass Giseke selbst nicht im kreise der freunde auftritt, denn 
Arist ist nicht, wie E. Schmidt behauptet, Giseke, sondern Gramer (s. u.). Die er- 
gänzung der charakterzeichnungen aber in stück 65 ist aus Cramers feder geflossen. 
Das verrät schon der stellenweise schwerflüssige stil ; man lese bloss einen satz wie 
den folgenden : 'Die kleinigkeiten, auf die das glück so wenig achtung gibt, dass 
es sich dieselben auch vom pöbel entwenden lässt, haben ausser dem fehler, dass 
sie den neid erwecken und niemals befriedigen, noch diesen, dass ihre besitzer 
ihrer mit der zeit gewohnet werden und endlich nicht glücklicher sind, als die- 
jenigen, deren neid sie ertragen müssen'. Auch das letzte stück und damit die 
aufzähhmg der freunde auf s. 566 ist von Cramer; von Giseke kann es schon um 
deswillen nicht sein, weil er damals bereits Leipzig verlassen hatte und in Hamburg 
weilte. Arist-Cramer fehlt ja auch im kreise der freunde, wie er auch schon in 
stück 65 fehlt. Dass E. Schmidt die 'neue einleitung über die freundschaft' in 
diesem stücke als so bezeichnend und wichtig hervorhebt, verstehe ich nicht, da 
doch jedes der in betracht kommenden stücke ausser dem 42., das sich unmittelbar 
an das von der freundschaft handelnde 41. anschliesst, eine der freundschaft ge- 
widmete einleitung bietet; diejenige des 52. Stückes ist sogar länger als die des 65. 
Ich gehe jetzt die reihe der freunde durch. Wo ich nichts weiter hinzufüge, 
stimme ich der deutung E. Schmidts bei. 

1. Philet (s. 323 ff., 407 f., 511, 527, 566) ist Rabener. Giseke nennt ihn den 
ältesten unter seinen freunden. Das stimmt — die stelle in bezug auf das lebens- 
alter genommen — gewiss nicht, denn wenigstens der fechtmeister Geliert und 
Gärtner waren älter. Aber abgesehen davon, dass Giseke kaum ganz genau über 
das alter seiner freunde unterrichtet gewesen sein wird, will die stelle wohl nichts 
anderes sagen, als dass er in Leipzig zuerst Philet zum freund gewonnen hätte. 
Vielleicht hat ihn Hagedorn an den berühmten dichter und kundigen geschäftsmann 
empfohlen, wie er nachher auch Fuchs an diesen wies. Wohl wird Giseke Ebert 
schon von Hamburg her gekannt haben, aber das wird zuerst nur eine flüchtige 
bekanntschaft gewesen sein, die noch nicht den namen freundschaft verdiente. 

2. Arist (s. 326 ff.) ist Giseke, sagt E. Schmidt, und damit müssen alle 
andern, namentlich aber unser bester zeuge, Adolf Schlegel, geirrt haben. nein, 
E. Schmidt irrt. Er irrt schon in der behauptung, Giseke hätte Cramer stets mit 
Dämon bezeichnet (d. h. ich nehme an, er habe damit sagen wollen, Giseke habe 
nur Gärtner mit Dämon bezeichnet), denn in dem briefe an Adolf Schlegel vom 
30. juli 1747 (Gisekes Poetische werke s. 390 ff.) bezeichnet er mit Dämon den fernen 



1) So bei Cramer, Klopstock. Er und über ihn. Bd. I s. 147. 



ZU ERICH SCHMIDTS 'CHARAKTERISTIK DER BREMER BEITRÄGER IM JÜNGLING* 121 

Gärtner. Aber selbst wenn E. Schmidt mit dieser behauptung recht hätte, was 
sollte sie hier beweisen, da ja seiner meinuog nach Gärtner das betreffende stück 
beschrieben hat? Giseke hat aber in der tat das stück geschrieben — es trägt auch 
die Unterschrift N — , also kann Arist nicht Giseke sein. Adolf Schlegel hat recht. 
Arist ist Gramer. Das beweist auch die Schilderung selbst. Nur auf Gramer und 
die zeit, wo er im dienste Gottscheds fronarbeit verrichtete, lässt sich folgende 
steile beziehen ; 'Es ist eine zeit gewesen, wo er leute hochgeachtet hat, die der 
Hochachtung eines solchen geistes nicht wert waren. Er würde in diesen fehler 
nicht geraten sein, wenn er sich selbst etwas besser gekannt hätte. Noch itzt 
traut er sich sehr wenig zu. ob ihm gleich alles gelingt, was er unternimmt, und 
obgleich seine arbeiten von kennern bewundert werden' (s. 327). Giseke, der 
günstling Hagedorns, hat nie eine solche zeit literarischer irrung und wirrung 
durchgemacht. Auch die leise gerügte Zerstreutheit stimmt besser zu dem literarisch 
vielseitig beschäftigten Gramer als zu Giseke: ja, wir wissen sogar aus Gisekes 
briefen, dass Gramer, wohl aus Zerstreutheit, vergesslich war (Schnorrs Archiv bd. 5 
s. 593). 

3. Clitander (s. 328 ff., 407, 515). Er zeigt starke einbildungskraft und 
bilderreichtum im gespräch, ist sich selbst überlassen gewesen und dankt alles der 
gute der natur oder der geschicklichkeit seines fleisses. E. Schmidt ist unsicher 
in der deutung dieses freundes, vermutet aber in ihm den bauernsohn Fuchs, einen 
in jeder beziehung selbstwachsenen menschen. Er stützt seine Vermutung haupt- 
sächlich auf die worte: 'Er könnte ein poet sein, wenn er das herz hätte, es zu 
werden', und auf den umstand, dass Gärtner und Giseke nicht hoch von Fuehsens 
dichterischem schaffen dachten. Ganz abgesehen davon, dass in dieser beweisführung 
ein feiner Widerspruch, liegt, ist sie zu sehr aus moderner auschauung heraus 
geboren. Das stück erschien am 18. Oktober 1747, und damals wurde Fuchs von 
Giseke den Bremer beitragen) zugerechnet; er machte seine verse so gut oder 
schlecht wie nur einer, war also in ihren äugen ein poet. l Mochten diese Schön- 
geister auch die dichtungen ihrer strebgenosseu in briefen andern gegenüber mit- 
unter schlecht machen, so wäre doch für jene zeit eine so offene, derartig absprechende 
benrteilung, wie sie E. Schmidt aus der Schilderung Clitanders herausliest - wer 
Clitander sein sollte, war ja allen im freundeskreise und ihm selbst auch bekannt — , 
eine Unmöglichkeit gewesen, eine unhöflichkeit, zu der sich der wohlerzogene Jüng- 
ling niemals verstanden hätte. Im gegcnteil, die ganze stelle ist eine artigkeit. 
eine feine Schmeichelei. Das eine steht fest, Clitander dichtete nicht. Deshalb 
kann sich auch nicht Fuchs hinter diesem namen verbergen. Seine dichtungen 
verraten auch kaum weder starke einbildungskraft noch bilderreichtum, und zu 
seinem schüchternen, natürlichen wesen will so manches in der' Charakterzeichnung 
nicht stimmen. Aber wer Clitander ist, ob Rothe, Olde oder ein anderer, kann ich 
nicht sagen. In der Zusammenstellung der freunde auf s. 566 fehlt er. 

4. Dämon (s. 348 ff., 318, 355, 408. 513, 527, 566). E. Schmidt zeigt sich 
ganz hilflos in der deutung dieses Charakters. Er denkt an K. A. Schmidt, findet 
die Schilderung farblos, nichts greifbares darin und übergeht sie darum. Wenn er 
sich nur nicht durch seine annähme, Gärtner hätte die Charakterzeichnungen geliefert, 

1) So sagt Rabener in einem briefe an Hagedorn vom 9. mai 1747 (dessen 
werke bd. 5 s. 223) in beziig auf Fuchs: 'Er ist ein guter wirt : ja, ich glaube, 
wenn er kein poet wäre, er dürfte mit der zeit gar ein wenig geizig werden . 



122 MICHAEL 

den weg zur einzig richtigen deutung versperrt hätte! Dämon ist Gärtner. Schon 
stück 18 (s. 139 ff.) bringt einen brief des Jünglings vom 3. mai an Dämon, der 
noch nicht lange Leipzig verlassen hat. Gärtner verliess die Stadt für immer im 
april 1747. Auf Dämons gesicht hat die Jugend wider ihre gewolmheit länger 
als bei andern verweilt (s. 348), mit andern worten, er ist bedeutend älter als der 
Jüngling. Gärtner zählte damals 35 jähre. 'Ihr Philet' heisst es an einer andern 
stelle (s. 351), und auch sonst wird er mit diesem in Verbindung gebracht (s. 348). 
Gärtner und Rabener waren freunde schon von der fürstenschule her und standen 
einauder und Geliert von der zeit an besonders nahe. Dämon schriftstellert, aber 
nur wenig. Auch Gärtner hat nur sehr wenig geschrieben. Um so mehr war er 
als kritiker unter den freunden beliebt. Auch Dämon wird uns als kritiker, wenn 
auch vor allem als gesellschaftlicher, gezeigt. Ein reifer mann wie Gärtner, der 
schon in vornehmen häusern als hofmeister tätig gewesen war, konnte den Jüng- 
lingen wohl der beste ratgeber für ihr gesellschaftliches auftreten sein. Und end- 
lich der hinweis auf Fontenelle. Da ein hinweis auf Gottsched, der ja der deutsche 
Fontenelle hiess, hier ganz ausgeschlossen ist, so kann der vergleich nur in be- 
ziehung auf Gärtner sinn haben. Dieser ist vor allem der dichter des schäferstückes 
'Die geprüfte treue', mit dem er die Bremer beitrage eröffnete, des ersten schäfer- 
stückes, das nach den in Foutenelles 'Abhandlung über die natur der schäfergedichte' 
gegebenen regeln verfasst ist, und das auf diesem gebiete, noch «bevor Adolf 
Schlegel seine ätzende satire in der schritt 'Vom natürlichen in schäfergedichten' 
über Gottscheds und seiner anhänger schäferstücke ausgoss, positive arbeit ver- 
richtete. So ist denn Gärtner für den 'Jüngling' der deutsche Fontenelle, wie 
Rabener der deutsche Swift. 

5) Philint (s. 352 ff., 511 f., 527, 566) ist Klopstock, sagt E. Schmidt und 
sucht das gewagte seiner behauptung mit der Vermutung zu decken: 'Einiges wie 
über seine bescheidenheit, vielleicht nicht ganz frei von ironie'. Die stelle über 
Philints bescheidenheit zeigt auch nicht die spur von ironie. Es hiesse das wesen 
dieser Charakterzeichnungen missverstehen, die nur ein hyinnus auf die freundschaft 
sein sollen, wollte man in ihnen eine auf besserung abzielende kritik oder gar ironie 
suchen. Kleine freundschaftliche vermahnungen, harmlose neckerei, das ist das 
höchste, wozu sich die missbilligung des Verfassers verstehen kann. Der dichter 
tritt in der charakterzeichnung ganz zurück; erst auf s. 512 kommt er etwas zur 
geltung. Schon das will mir zum Messiassänger nicht stimmen, mag es auch eiuigen 
der Beiträger bei Klopstocks gewaltigem dichterischen unterfangen etwas schwül 
zumute gewesen sein. Dem dichter Philiut werden kühne einbildungskraft und 
verwegenste bildet - nachgerühmt; von gedichten wird da gesprochen, die 'entweder 
die natur in ihrer Schönheit malen oder die liebe gegen die Verdienste zu tränen 
bringen oder den hass gegen die toren, seine feinde, erwecken wollen'. Im übrigen 
wird Philint geschildert als ein Jüngling von ernsthaftem, männlichem wesen, der 
auch das heiterste mit einem gewissen ernst vorträgt, fremden gegenüber vorsichtig 
und zurückhaltend ist, seinen freunden aber ein herz voll starker Zärtlichkeit zeigt 
und in ihrer gesellschaft gern der liebenswürdige Schwätzer und bei aller be- 
scheidenheit streitbar, ungeduldig, aufbrausend und voller spottsucht ist. Gewiss 
erinnern einige züge an Klopstock, aber das gesamtbild zeigt uns einen andern. 
Ich vermute Joh. Christoph Schmidt, den vetter Klopstocks und bruder Fannys. Er 
selbst sagt über seinen charakter: 'Aufrichtigkeit, ueigung zum lachen und zum 
vergnügen, schwatzhaftigkeit, eine kleine dosis von stolz, liebe zur Spötterei und 



2U ERICH SCHMIDTS 'CHARAKTERISTIK DER BREMER BEITRAGE» IM JÜNGLING' 123 

vornehmlich eine ausnehmende Zärtlichkeit machen meinen ganzen Charakter aus' 
(Klamer Schmidt, Klopstock und seine freunde, bd. 1 s. LI). Bis auf die kleine 
dosis von stolz, der die bescheidenheit etwas widerspräche, spiegeln sich alle diese 
züge in der Schilderung Philints. Auch das aufbrausende, streitbare in dessen 
wesen stimmt gut zu Schmidt, man vgl. bloss Gramer, Klopstock. Er und über 
ihn' bd. 1 s. 147. Und was wir über Schmidts dichten wissen - 

'Der du mir gleich bist, den die unsterblichen 

Höhern gesängen neben mir auferziehn', 
singt Klopstock von ihm — , widerspricht nicht dem wenigen, was wir aus dem 
'Jüngling' von Philints gedichten erfahren. Kühne einbildungskraft und verwegene 
bilder eigneten ihm mehr als den andern Bremer beiträgern, wenn wir von Klop- 
stock absehen. Gleich seinem grösseren vetter arbeitete er damals an eiuer umfang- 
reichen dichtung, dem 'Weltgericht' ; sodass die stelle von dem noch unvollendeten 
gedieht (s. 512) recht gut auf dieses gedeutet werden kann. 

6. Mentor (s. 356 ff., 515, 566) ist Geliert. Schuilerus (Meyers Volks- 
bücher nr. 1020 s. 9) weist zuerst darauf hin, dass die Schilderung von Gellerts 
streng geordneter lebensweise an die beschreibung anklingt, die er selbst von dem 
tageslauf der betschvvester gibt. 

7. Lälius (s. 359 ff., 513, 566) ist Johann Adolf Schlegel. Zu der stelle 
über sein aussehen vgl. man Gellerts äusserung (Werke bd. 10 s. 185): 'Dieser (d. i. 
A. Schlegel) gefiel mir damals gar nicht, hatte auch keine miene, die das herz 
nicht ankündigte, das er hat'. Übrigens scheint er in manchem seinem älteren 
bruder, Joh. Elias Schlegel, geglichen zu haben, so in seinem auffahrenden wesen 
und in seiner unwilligkeit, zu verbessern. Geliert erzählt vom älteren bruder 
(Werke bd. 10 s. 184): 'Schlegel stritt von herzen, wenn man seine gedichte tadelte, 
gieng mit dem trotze eines poeten hinweg, der, was gut wäre, besser als seiu 
kunstrichter zu empfinden glaubte, kam in einigen stunden demütig zurück und 
hatte die mit -grosser hitze verteidigten stellen alle glücklich geändert'. 

8. Cleant (s. 362 f., 502, 515, 566). Über ihn ist E. Schmidt ganz im 
unklaren. Er denkt an Olde, möchte um einer besseren deutung willen den Ham- 
burger Alberti nach Leipzig zaubern und streift auch die möglichkeit, dass es der 
fechtmeister Geliert sei. Nun, Cleant ist Gellerts ältester bruder: Friedrich Lebe- 
recht Geliert, der seit jähren schon als fechtmeister in Leipzig lebte und durch 
Verfügung vom 5. april 1747 als erster Universitätsfechtmeister angestellt ward. Er 
ist der Nestor im kreise der freunde (geb. am 10. november 1711) — darum kann er 
auch als Cleant die 'unschuldigen ergötzlichkeiten seiner ersten jugend' erzählen 
(s. 515) — und der gatte Christianens (s. 502). Auch die übrigen züge stimmen: 
seine leibliche gewandtheit — die bedingte schon sein beruf - seine ungekünstelte 
ehrlichkeit — andere, spätere fanden sie etwas poltrig — seine lust zum scherzen 
— der dichter Geliert spricht einmal halbbelustigt von den albernen reden seines 
bruders, die ihn erheitern sollten — seine anläge zum dichten — er rühmte sich 
sogar zuweilen im scherz, seinem jüngeren bruder den ersteu Unterricht im dichten 
gegeben zu haben 1 ; nur für seine schauspielerische begabung hätte ich keine 
belege, das beweist aber noch nicht, dass er keine gehabt hätte. Besonders wichtig 
ist mir die stelle über Cleants Vorliebe für Günther; sie heisst (s. 363): 'In seiner 

1) Mehr über ihn findet man in meinem aufsatz 'Einiges über Gellerts Ver- 
wandtschaft' in der Wissensch. beilage der Leipziger zeitung vom 3. Januar 1914. 



124 MICHAEL, ZU EUK'H SCHMIDTS 'CHARAKTERISTIK DER KREMER BEITRÄGER' USW. 

jugend hat er den Günther fleissig gelesen, und sein menschliclies herz ist durch 
die beweglichen stellen dieses diehters so gerührt worden, dass er noch immer der 
meinung ist, dass ihn einige kuustrichter zu sehr verachten. Er ist sehr begierig, 
auch andere auf seine seite zu ziehen'. Diese stelle erklärt sehr schön eine andere 
in Gellerts unvollständigen nachrichten über sein leben (Werke bd. 10 s. 164), wo 
er davon spricht, dass er in seiner jugend für Günther geschwärmt hätte. 'Auf 
der fürstenschule', heisst es da, 'hat das lesen der Güntherischen gedichte aus 
meinem geiste einen feuerspeienden Ätna gemacht, der alle um sich herumliegenden 
gesunden gegenden verheerte und die in meiner seele aufkeimenden pflanzen von 
Vernunft in asche verwandelte. Ich habe daher in den jähren meines gereinigten 
geschmackes Günther nie ohne ekel in die bände nehmen können'. Diese begeiste- 
rung für den Schlesier hatte also kein eigenes feuer, sondern war nur der Wider- 
schein eines fremden; hinter ihr stand die begeisterung des älteren bruders. 

9. Cleon (s. 408 ff., 511 f., 566) ist Ebert. 

10. Erast (s. 410 f. 566). E. Schmidt sieht in ihm Cramer. Alles, was 
ich oben bei Arist gesagt habe, widerspricht dieser annähme. Für Erast bleibt nur 
die eine deutung: Klopstock. Die stärke seines geistes, die grosse und hoheit 
seiner arbeiten, die pracht seiner Schreibweise, zu der allerdings die edle einfalt 
in Widerspruch steht, der hohe flug seiner gedanken, die 'immer in das unendliche' 
gehen, seine geistesverwandtsehaft mit Homer, alles stimmt bei weitem besser zu 
Klopstock als zu Cramer. Ich wüsste auch nicht, dass die Bremer beiträger oder 
ihre Zeitgenossen diesen jemals um seiner epischen versuche willen mit Homer ver- 
glichen hätten. Klopstock ist dagegen vom ersten augenblick an, da man von 
seinem Messias erfuhr, zu Homer in vergleich gestellt worden. Die anschauung 
der Bremer beiträger über den 'homerischen Klopstock' spiegelt sich wieder in 
Hagedorns briefen an Bodmer (Werke bd. 5 s. 95 u. 109 f.). 

11. Theokies (s. 411 f. 566). E. Schmidt vermutet Kühnert in ihm; ich teile 
seine meinung. 

In stück 65 gedenkt der jüngling, wie schon erwähnt, zum zweiten male 
seiner freunde und spricht da von seinen besuchen bei Philet, Cleon, Philint, 
Mentor, Clitander und Cleant. Lälius und Dämon werden bei gelegenheit seines 
besuchs bei Philint erwähnt: 

'Die Zärtlichkeit, die ich empfand, 

Erpresste schon aus meinen äugen zähren, 

Dich, Lälius. und, Dämon, dich zu ehren.' 
Die erinneruug an die beiden von Leipzig abwesenden freunde Schlegel und 
Gärtner erpressen also dem jüngling tränen zärtlicher rührung. Gar nicht erwähnt 
werden Arist — natürlich, denn er bat das blatt geschrieben — , Erast und Theokies. 
Dafür wird dem in der kleinen familie von freunden noch nicht erwähnten Damis 
ein ganzer abschnitt gewidmet. Damis wird im 'Jüngling' oft genannt, vorher 
und später, aber immer in Verbindung mit seiner geliebten namens Henriette. Die 
liebesgeschichte beider wird uns. über mehrere stücke verteilt, mehr langatmig als 
reizvoll erzählt, ein schwacher novellistischer versuch jener zeit. Aber eine eigent- 
liche charakterzeichnung dieses freundes wird nirgends gegeben; nur dass er 'ausser- 
ordentlich bequem' (s. 33 und 125) ist, einen feinen geschmack hat (s. 125), ein 
zärtlicher freuud und noch zärtlicherer liebhaber ist (s. 178], erfährt man gelegent- 
lich. Auch Giseke gedenkt in seinem schreiben vom 30. juli 1747 (Werke s. 391) 
neben dem schreibfaulen Cleon des nicht minder schreibfaulen Damis. Verliebt 



BORINSKI, KRIEG IST DAS LOSUNGSWORT! — SIEG UND SO KLINGT ES FORT 125 

waren die Jünglinge alle, guten geschmack hatten sie ihrer meinung nach auch 
und den rechten trieb zum dichten besass in Wirklichkeit nur Klopstock, wenn 
man auch hei Giseke, Adolf Schlegel und Gramer von einer gewissen schreibselig- 
keit sprechen kann Merkwürdigerweise fehlt Damis in der auf s. 566 gegebenen 
Zusammenstellung der freunde und freundinnen, obgleich Henriette genannt wird. 
Erwähnt wird noch ein Damis nebst seiner Dorilis in der Sammlung vermischter 
Schriften (bd. 3 s. 347 ff.) in einem briefe, den wohl Adolf Schlegel an Giseke ge- 
schrieben hat. Aber alles ist so wenig klar, dass ich über seine person nicht einmal 
eine Vermutung zu äussern wage. 

Dass die Schilderungen der freunde bei den lesern des 'Jünglings' ein gewisses 
aufsehen erregten, aber auch den zweifei an der Wahrheit der Zeichnungen weckten, 
geht aus einem briefe in der 'Sammlung vermischter schritten' (bd. 3 s. 275 f.) 
hervor. Giseke erzählt von seinem neuen bekannten S(eip), der von Sehnsucht nach 
freundsehaft erfüllt, daran verzweifelte, wahre freunde zu finden, da er wohl einen 
zu hohen begriff von freundsehaft hätte, in dem er durch das lesen des 'Jünglings' 
bestärkt worden wäre, 'der aber alles, was sonst freundsehaft hiesse, über einen 
häufen würfe'. 

LEIPZIG. ERICH MICHAEL. 



Krieg ist das losungswort! — Sieg und so klingt es fort (Faust LI 9837 f.). 

Welche dies l'and gebar 
Aus gefahr in gefahr, 
9845 Frei, unbegrenzten muts, 

Verschwenderisch eigenen bluts, 
> Den nicht zu dämpfenden 

Heiligen sinn, 
Alle[n] den kämpfenden 
9850 Bring' es gewinn. 
Dieser 'Pindarisch überströmende', sichtlich auch unter dem formalen einfluss 
der bezüglichen Horazischen öden (IV 2, 3, 4: quisquis . . ., quem tu . . ., qualem) 
entstandene ausbruch Euphorions birgt in seiner mitte einen, jetzt meiner meinung 
nach unbillig beiseitegeräumten, poetisch nicht sinnlosen anstoss des logischen sinnes. 
Er sollte ganz gewiss den eindruck des überschäuiuens über die dämme des 
rhythmus und der syutax erhöhen und verdient daher, erhalten zu werden. Allein 
schon die herausgeber des nachlasses, bd. I. besserten das handschriftliche dm in 
v. 9847 in mit. Spätere Cottasche ausgaben, so die von 1858 in 30 bänden, XI 
s. 374, verwandeln diese lahme auskauft sträflich pedantisch gar noch in durch. 
Düntzcr scheint in seiner ausg. DNL. 1882 auf dm urtext der eigenhändigen hs. 
des dichters zurückgegangen zu sein. Denn er ändert wenigstens das gangbare 
mit in dem'] Allen in Alle (rhythmisch erweitertes All!). Erich Schmidt übernahm 
dies stillschweigend in der Weimarer ausgäbe (1888) und in der Cottaschen Jubi- 
läumsausgabe. 

Einen grund für ihre lesart geben beide nicht an. Erich Schmidts anm er- 
kling in der jub.a. XIV 374 vermerkt (nach Düntzer) die Zugehörigkeit des voraus- 



126 ROKINSKI, KRIEG IST DAS LOSUNGSWORT! — SIEG UND SO KLINGT ES FORT 

genommenen relativsatzes (zu den kämpfenden), äussert aber auf unsere frage nur: 
'den sinn haben sie ja schon'. Wenn sie also 'den sinn schon haben', wozu brauchen 
sie ihm noch eigens geboren zu werden? Man könnte die änderung in den dativ 
meiner anschauung nach doch nur damit begründen, dass diese von natur (durch 
die landesgeburt) 'freien, mutigen und opferfreudigen Kämpfer' dem heiligen sinne, 
wie einem göttlichen wesen (gleich dem heiligen geiste), gewissermassen als ein 
ernteopfer des landes dargebracht werden. Nun ist ja ein derartiger begriff des 
'heiligen sinnes' Goethen auch sonst geläufig, aber gewissermassen nur parodisch. 
Gegen Newtons optische theorie der zerteilung des lichts beruft er sich z. b. auf den 
'heiligen geist der fünf sinne'. Ihn als persönliches, göttliches wesen, dem opfer 
dargebracht werden, über die natur (dieser opfer) zu erhöhen, wie es dieser dativ 
(dem heiligen sinn) voraussetzt, widerspräche also nicht bloss Goethes begriff 
davon im besonderen, sondern seiner atheologischen Weltanschauung im allgemeinen. 
Diese dürfte in der Helenaepisode des II. Faust am wenigsten zu konzessionen 
anlass gehabt haben, zumal im munde Euphorion-Byrons ! Nun wirkt aber schon 
syntaktisch-rhythmisch das tonlose nachklappen dieses geistig so erhöhten dativs 
nach dem langatmigen Vierzeiler seiner vorgeblichen opf ergäbe so schwunglos, 
dass der blosse tonfall allein diese unglückliche konjektur richten müsste. 

Was ist nun zugunsten der erhaltung des Urtextes bisher geschehen? Ohne 
besserungsversuch wieder eingesetzt hat ihn (in der neuen Hempelschen ausgäbe) 
Karl Alt, dessen wir bei diesen versen gedenken mögen 1 . Er zuerst findet^ 
den mut, von ihnen als 'schwer zu deutenden' zu reden. Baumgart (Goethes 
Faust, bd. 2, s. 333 f.) erklärt: Die in diesem lande unter gefahr und zu gefahren 
geborenen als freie männer sind voll unbegrenzten mutes, verschwenderisch eigenen 
blutes; denn auch das so verschwendete blut bringt gewinn; es bringt allen 
kämpfern jenen höchsten gewinn, der alle gefahren überdauert und überwindet: 
den nicht zu dämpfenden, den heiligen sinn. — Alt bemerkt hierzu : Baumgart 
übersieht anscheinend den konjunktiv in v. 9850; v. 9847— 50 wären also etwa so 
zu fassen: es (das verschwendete blut? das losungswort krieg? die hilfe Euphorious?) 
bringe allen kämpfenden den nicht zu dämpfenden heiligen sinn als gewinn. Das 
'es' in v. 9850 hatte schon Düntzer a. a. o. zu erklären gesucht und es als 'ihre 
aufopferung' gefasst. Es ist das verdienst Alts, neben solchen allgemeinheiten auf 
den- einzigen tatsächlichen, d. h. grammatischen anhält hinzuweisen, der sich in 
den voraufgehenden versen für das 'es' darbietet, nämlich auf 'das losungswort' 
(krieg) im v. 9837. Dass es zugleich den Schlüssel für die schwer zu erschliessenden 
verse, den sinn für 'den heiligen sinn' bietet, zeige folgende erwägung: 

Den nicht zu dämpfenden heiligen sinn, offenbar den erreger und 
führer des freiheitskampfes, zugleich als seinen einzigen gewinn hierbei in 
ansprach zu nehmen, scheint mir eine trübselige auskunft. Es hiesse die kämpfenden 
mit luft abspeisen. Das 'nicht zu dämpfende' in ihnen ist ihr lebenselement. Sie 
brauchen es sich nicht erst zu 'gewinnen'. 'Den heiligen sinn' schlechtweg könnten 
sie sich vielleicht noch gewinnen sollen. Aber den 'nicht zu dämpfenden'? Niemals! 
Von dem gehen sie ja aus. Wir müssen ihn also als satzbestandteil von gewinn 
loslösen. Wo stellen wir ihn denn nun hin? 



1) 1915 tot gesagt. Nach dem laufenden Jahrgang des Kürschnerschen 
literaturkalenders 'z. z. in russischer gefangenschaft'. 



HOLTHAUSEN ÜBER BEOWULF 127 

Es gibt gar keine andere möglichkeit, als an v. 9837 'Krieg ist das losungs- 
wort' anzuknüpfen. Das losungswort hat einen siun, den nicht zu dämpfenden 
heiligen sinn! Welcher ist das? V. 9838 hatte es alsbald ausgesprochen: 'Sieg! 
und so klingt es fort . . .', nämlich das losungswort lässt fortklingen (im reime: 
sieg!) seinen nicht zu dämpfenden heiligen sinn! Mingen trans. weist das DWB, V 
1185 f. bei Fr. von Spee, Klinger, Arndt nach. Lateinischer eiufluss ist in allen 
fällen wahrscheinlich (nee mortale sonans, Virgil, Aen. VI 50; os magna sonaturnm, 
Horaz, Sat. I 4, 43). klingt könnte auch imperativisch gedeutet werden, als anrede, 
die sich zu der kurz vorhergehenden frage in v. 9835 'träumt ihr den friedenstag?' 
in ebenso raschen gegensatz setzt, wie ihr inhalt, krieg zu frieden. Euphorion 
wird (nach v. 9838) in seiner plötzlichen kriegsfanfare vom chor, der 'den friedenstag 
träumen mag', nur unterbrochen. Begeistert hört er sie innerlich alsbald fortklingen 
unter kämpfenden, 'welche dies land gebar . .' .', um dann noch in dem gleichen atem 
des verses 'sieg! und so klingt es fort' . . . die ergänzung dazu auszuströmen: 'den 
nicht zu dämpfenden heiligen sinn'. Sinn steht hier also für die bedeutung des 
wortes: des losungswortes krieg! Erst dann schöpft er atem und schliesst mit 
einem segenswunsche für alle die kämpfenden, denen sein ausgegebenes losungs- 
wort gewinn Dringen möge. 

Auf diese weise klappt der 'heilige sinn' nicht mehr beiläufig nach, sondern 
er ist schon auf das stärkste vorweggenommen in seinem exponenten 'sieg', zu 
dem er jetzt nur als diskrete apposition am Schlüsse der durchgehaltenen atem- 
periode noch einmal anfeuernd hinzutritt. Den bezug darauf zu wahren, dient das 
es, der nochmalige schliessliche hinweis auf das losungswort, das seinem heiligen 
sinne noch solchen gewinn — nämlich sieg! — bringen soll. 

MÜNCHEN. KARL BORINSKT. 



LITERATUR, 



Beowulf. Mit ausführlichem glossar herausgegeben von Moritz Heyne. Zehnte 
aufläge, bearbeitet von Levin L. Schücking. [Bibliothek der ältesten deutschen 
literaturdenkraäler. III. bd.] Paderborn, Ferdinand Schöningh 1913. XI u. 
329 ss. 6 m. 

Die alte Heyne-Socinsche Beowulfausgabe, die in siehenter aufläge im jähre 
1903 zuletzt erschien, stand nicht mehr auf der höhe der zeit. Beide herausgebe! 
waren keine anglisten und folgten auch den fortechritten der englischen philologie 
in keiner weise. So kam es, dass das viel gebrauchte und beliebte huch gänzlich 
veraltete und in text, anmerkungen und glossar von fehlem wimmelte. Längsl 
gegebene berichtigungen wurden nicht beachtet, viele fehler schleppten sich wie 
eine ewige krankkeit fort und man musste vor der benutzung des bequemen, die 
denkfaulheit durch ungenaue Übersetzungen des glossars bedenklich fördernden 
Werkes eigentlich nur warnen. Sollte die ausgäbe ihren platz auf dem deutschen 
büchermarkt behaupten, so tat ihr eine reform an haupt und gliedern dringend 
not. Eine solche übernahm auf Heynes bitte nach Socins tode im jähre 1908 
L. L. Schücking, damals noch dozent an der Göttinger Universität. Seitdem hat 



128 HOLTHAUSEN 

das buch wieder zwei auflagen erlebt, von denen jede weitere Verbesserungen auf- 
weist. So ist das n als bezeichnung des kurzen «-lautes endlich verschwunden, 
der text in kleine abschnitte geteilt, die verszählung mit Grein in Übereinstimmung 
gebracht, Seitenüberschriften sind eingeführt und die lesarten stehen jetzt unter 
dem text. Dieser selbst ist an vielen, aber leider nicht an allen stellen dem 
heutigen stände der forschung entsprechend verbessert worden, die anmerkungen 
und das glossar sind umgearbeitet und erweitert, das Wörterverzeichnis zeigt nicht 
mehr die frühere, unpraktische anordnung, sondern streng alphabetische — aus- 
genommen die Wörter mit unbetontem präflx, die jetzt unter dem grundwort stehen. 
Natürlich wird man nicht allem beistimmen. So vermisst man bei den lesarten oft 
den namen des Urhebers 1 : ehre dem ehre gebühret! Im text hätte ich auch hie 
und da beanstandungen zu machen. So wäre zu v. 21 zu bemerken, dass die 
lücke in der hs. eher auf bearme deutet; wie kann man v. 69 aus micel einen 
kompar. müre ergänzen? v. 240 erklärt sich die auslassung, das überspringen von 
3 silben, besser, wenn man mit Sievers hwcet ic hicile als ursprüngliche lesung 
annimmt; steht v. 242 wirklich he in der hs.? in v. 306 ist meine änderung 
(4. aufl.) noch geringer, indem ich gummon (= Beowulf) lese, was S. nicht erwähnt; 
357 ist unhär 'ungrau' nicht richtig, denn Hröögär ist ja alt; S. übersetzt es im 
glossar frischweg mit 'sehr ergraut, greis 1 ; 395 darf güö-geaticum als allit. kompo- 
situm nicht im 2. halbvers stehen; 402 würde ich pä metri causa streichen; 457 
ist urine gewiss richtig, also fyhtum in u'igum zu bessern; zu 459a fehlt die lesart 
der hs. in den fussnoten; 465: sollte Deninga eine ernst zu nehmende form sein? 
466 ist gimme doch wohl nur Schreibfehler: der kopist dachte an das subst. gim; 
505 ist gehedde ebenfalls Schreibfehler (Verwechslung mit dem prät. von hcdan); 
669 ist auch truwode (mit kurzvokal) angängig, desgl. an den andern stellen; 723 
pä he gebolgen ergänzt schon Grundvig; 729 ist sibb- metrisch besser; ist hwcer 
762 überhaupt möglich ? 779 ist metrisch sehr bedenklich ; 794 1. genehhost mit 
Trautm.; 845a, 949b und 954a sind metrisch falsch; S. erwähnt nicbt einmal die 
vorgeschlagenen besserungen; 984 f. ist die folge von (Pghwylc und gehwylc doch 
verdächtig; 1000: ist pe richtig? 1048 ist metrisch falsch; zu 1068 f. vgl. jetzt 
Klaeber, JEGPh. 1916, no. 4; 1178 konnte der g. pl. medo bleiben ; 1314 hat die hs. 
hw&per; 1318 1. n&gde; 1320: ist ein dat. ladu möglich? 1344, 1497: warum nicht 
seo? 1392 u. 94: warum nicht heo wie 1079, wo der fehler gebessert ist? 1514 
wceter ncenig ist doch wohl notwendig; 1584 1. [ful] lädlicu; 1624 1. läca wegen 
des folg. püra; 1728 1. luston, da lufan zu kurz ist, was mindestens zu notieren 
war; 1737 ist gesaca doch besser; ib. 1. öicer aus metrischen gründen; 1903 liest 
die hs. nacan, 1926 ist doch hea-healle sehr bedenklich; 1. keah on healle? 1961 
hat die hs. Heminges; 1983: was tun wohl die leute von Hedemarken am hofe 
Hygeläcs? 2018 warum beeide? 2024: is erg. schon Kluge; vor 2217 kann nichts 
fehlen; 2218 hat falsche zäsur; 2226: worauf bezieht sich iceall in der anmerkung ? 
2227: das schreckliche imvlätode sollte doch endlich verschwinden; steht 2248 (nicht 
2247) in der hs. meestan ? 2337 bessere ich jetzt ivigena hleo (scgld), während Kock 
eall Iren ner lesen will; 2420, 2721 und 2728 verlangt die metrik unimete; 2421 1. 
seo st.se; 2468 1. gio st. sio; 2475 1. -Jjeowes; 2570: ein n. geseipe 'schicksal' scheint 
mir neben gesceap und sefeppan höchst zweifelhaft; zu welcher klasse sollte es auch 

1) Zuweilen ist die angäbe auch falsch: so rührt rßdende v. 51 von Kemble, 
nicht von Sievers her, usw. 



ÜBER BEOWULF ED. S( HÜCIUNIi 129 

wohl gehören? vgl. dagegen scyfe hei Bosw. -Toller; 2615: metrik?! ist 2660 bgme 
ond beaduscrüd nicht eine tautologie? Cosijns bord hätte doch wohl eine erwähnung 
verdient; 2725: kann man eine wunde 'elend zum tode' (lecelbleate) nennen? 
2743: geong statt gong erklärt sich wohl durch angleichung au das prt. geong, 
giong, vgl. ne. chosen nach choose oder carte nach ae. curfon, cqrfen, me. golden 
nach gelden; zu 2759 ist Trautmanns geond mindestens erwähnenswert, ebenso 
Ettmüllers stödan v. 2760; 2766 ist nichts zu ändern, vgl. Bosw.-To. 8. v. ; das 
erfundene denominativum oferhldgian verlangt ja metrisch falsche betonung auf der 
ersten silbe; 2828 würde ich htm belassen, vgl. E. St. 42, 323 3 ; 2890 ist deed aus 
deel verbessert, nicht aus dceld; 2922: warum ist das schöne, echte, alte te geändert? 
S. ist doch sonst so konservativ ; 2916 : gehncBgdon ist sicher falsch ; 2940 begreife 
ich die Zeichensetzung nicht; meinen besserungsvorschlag verschweigt S. (1. hie für 
he und odde für sume); 2957: mein öht und Kembles-fäees wäre doch wohl in den 
anm. zu erwähnen gewesen; 2996 hat die hs. sgdda; 3005 wird durch Umstellung 
(hinter 3001) und änderung in Scüfingas verständlich; 3056 stammt hceleda von 
Bugge, nicht von mir; 3059 scheint Bugges gehgöde mir notwendig; 3074 lese ich 
jetzt naafne 'wenn nicht' und -hweetes; vgl. zur stelle neuerdings Kock, s. 123 f. ; 
3151 hätte S. Bugges ausgezeichnete ergänzungen ruhig aufnehmen können, da 
sie genau in die lücken und .reste des noch lesbaren passen (vgl. das faksimile) ; 
mindestens hätten v. 3153 ff. metrisch besser abgeteilt werden müssen; der text S.s 
gibt ein falsches bild von der Überlieferung und verursacht eine falsche Zählung 
bis zum ende; 3158 1. h'aöe wie auch Gen. 1980; 3172b ist zu kurz; 3178 ist 
lic aus lac gebessert? — Zum Überfall in Finnsburg: 2a ist metrisch bedenk- 
lich; 3 hat der druck eastun; 5a ist äusserst bedenklich (beraö ist hier intrans.); 
10 a desgl.; 13 a desgl.; 18 müsste es doch mindestens stgrede heissen ; 22 a ist 
metrisch falsch; 25: der druck hat weuna] 29 mit cellod ist gar nichts erklärt: ich 
bessere in cl<Pne; 34, 39 a und 41 b sind so unmöglich ; warum sind meine besse- 
rungen nicht wenigstens erwähnt? v. 41b genügt Umstellung; 45: kann unhrör 
'untüchtig' heissen und von einer rüstung gebraucht werden? ib. 1. pgrel; 46a ist 
metrisch anstössig. 

Zu den anmerkungen. 223. Warum ist Thorpes lida nicht erwähnt? 
Ist vielleicht eoledes (zu eo-lod) 'Wasserweges' zu lesen ? -lod wäre die unbetonte 
form von lad, das hier neutral gebraucht wäre. — 262 ergänze ich jetzt feor vor 
geegped. — Zu 302: stellt 2210 wirklich an für an? — 445 f. Sollte sich die stelle 
im ernst auf eine leib- oder ehrenwache beziehen ? Dafür passt doch hf/dan ganz 
und gar nicht. — 719. Ich bessere jetzt zu hceleseipes, da lueleöas eine ganz junge 
form ist. — 769. S. möchte immer noch gern an ' der alten Übersetzung von 
Pahi-scerwen als 'bierwegnahme' = 'schrecken' (!) festhalten, ohne zu bedenken, dass 
nur be-segrwan 'berauben' bedeutet; er meint: 'in Wirklichkeit wird ihnen nichts 
eingebrockt'. Aber doch! V. 775 wird ja berichtet, wie manche metbank sich von 
der schwelle bog, also das innere der halle schlimm zugerichtet wurde! Für den 
gen. ausdruck können auch noch parallelen aus dem me. Hichard Löwenherz bei- 
gebracht werden. — 845: näher liegt n/da genäged (vgl. 1439 u. 2206). — 902. Eote- 
num erklärt sich einfach durch einfluss des gen. Eotena. — 905 wird lemede eine 
ganz junge form sein. Man darf in so späten hss. nicht hinter jeder willkürlichen 
Schreibung eine syntaktische feinheit wittern! -- 954. d&dum könnte wohl für 
fgrndadum stehen, aber was sollte man dann für dorn einsetzen? Ich vermag 
trotz alles suchens kein passendes ersatzwort zu finden. Man lese: mid d&dum 
ZEITSCHRIFT F.DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XL VIII. 9 



130 lloi/THAUSEN ÜBER BBOWULF ED. SCHÜCKING 

gefremed oder dCedum gefremedne. — 1106 lese ich jetzt swyöan = swlöan 'stark, 
fest machen'. — 1107. Ich fasse icge = lege, läge adv. 'eifrig', vgl. inege 2577, das 
auch vielleicht für lege steht. Warum erwartet man hier ein adjektiv? — 1120 
schlägt Klaeher ev. heape, nicht hleape, statt hläwe vor. — 1141. Durch einfügung 
von wid nach he werden alle Schwierigkeiten gehoben. Ich würde aber nicht mit S. 
(im glossar) von 'Eoten' reden. — 1174. Warum ist der relativsatz unmöglich? — 1197. 
Bei n&nigne ist der nebenton bedenklich. — 1260: mänscaÖa und hyrde haben keine 
fem. form und können daher auch von Grendels mutter gebraucht werden, etwa 
wie unser geist; v. 1379 liegt wahrscheinlich — wegen fela — eine lücke vor und 
secg braucht gar nicht auf die alte bezogen zu werden. Dies sind also nur schein- 
gründe ! — 1584 wäre zu sagen gewesen, dass lädlicu grammatisch, lädlicu metrisch 
falsch ist; erg. also ful vor lädlicu. — 1663: warum ist nicht erwähnt, dass Sievers 
oft st. oftost vorschlägt? - 1862. Zu halten wäre heaöu nur, wenn es überhaupt 
als selbständiges wort vorkäme! — 2018: sollte man sich die königin wirklich mit 
Sedgefield als eine art animierkellnerin vorstellen ? Die halle Heorot war doch 
keine kneipe ! — 2125 : vgl. das doppelkompositum ivulfheäfodtreo 'galgen' in den 
rätseln. — 2367: vgl. zu s7olod noch norw. sildre bei Falk-Torp. — 2758: vgl. auch 
die Leid. gl. flauescit: glitlnot = albescit: glitinat Corp. gl. F. 252. — 2909. Zu higem. 
vgl. noch Sievers, Beitr. 36, 419. 

Zum glossar will ich nur weniges bemerken. Warum ist eafor von eofor 
ohne verw r eisung getrennt? — gän, gangem, *gingan (prt. gang) und *gengan würden 
besser getrennt. — güörinc heisst 1118 schwerlich 'krieger', sondern 'kampflärm'. — 
öfer-Mdgian (recte: ofer-higdigian ! !) ist ein unwort, eine üble erfindung Kluges. 
Diese metrisch falsche änderung der Überlieferung widerspricht durchaus dem scharf 
betonten konservativen Charakter der ausgäbe, 'die ihren ehrgeiz nicht, wie andere, 
in einer möglichst grossen auzahl von konjekturen sucht' (so der verf.), sondern 
lieber unzweifelhaft falsche lesarten weiterschleppt. — Zu hliö füge hlid 3158. — 
Isig heisst nicht 'glänzend'. — Inf an ist 1728 metrisch falsch, also auch die erklärung; 
meine besserung (luston) ist nicht einmal erwähnt! — Kann von neod-ladu der dat 
Sgl. ebenso heissen ? — reot : eo für a> ist doch gar nichts seltenes, es liegt also 
kein grund vor, meinen ansatz zu bezweifeln! — Über geseipe 'schicksal' s. oben. — 
seowian hat kurzdiphthong, da es auf *sewöjan beruht. — stregan: as. strewjan 
rnuss stretvian heissen. — styrtan : styrode gehört nicht hierher, 1. styrde. — Ein adj. 
swegl bezweifle ich. — talian : telge gehört doch zu tellan. — treowan : truwian ist 
mit kurzvokal anzusetzen. — Heisst unhrör 'untüchtig, unbrauchbar'? Auch hier 
hat S. unnötig geändert und eine falsche bedeutung angesetzt. — Warum ist bei 
toeegbora die treffliche deutung 'wogensohn' nicht verzeichnet und in die anmerkung 
verwiesen ? — Bei w&pned-man fehlt (aus prüderie?) die anatomische erklärung der 
bedeutung. 

Das glossar ist gegen früher sehr gebessert worden, enthält aber, wie text 
und aumerkungen, doch noch manches falsche und veraltete. Der herausgeber wird 
sich bei einer neuen aufläge doch einmal entschliessen müssen, mit eisernem besen 
den alten Sauerteig auszukehren und das buch, das nun schon mehr als ein halbes 
Jahrhundert auf dem rücken hat, gründlich zu verjüngen! 

KIEL. P. HOLTHAUSEN. 

Nachschrift. Obiges war schon vor längerer zeit geschrieben und der 
redaktion eingesandt, als in diesem jähre eine 'elfte und zwölfte' aufläge des buches 



GÖTZE ÜBER ZUPITZA, EINFÜHRUNG IN DAS sTIDIlül DES MITTELHOCHDEUTSCHEN 131 

erschien. Ich habe diese mit der vorhergehenden verglichen und dabei eine anzahl 
früher gemachter aussteliungen streichen können. Aber auch jetzt bleibt noch 
manches — trotz der zahlreichen nachtrage auf s. XI und XII — zu bessern und 
zu berichtigen, wenn auch die • neue aufläge fortscliritte zeigt. Gewisse veraltete 
anschauungen werden leider immer noch zäh festgehalten und wiederholt. 



Julius Zopit/a, Einführung in das Studium des mittelhochdeutschen. 
Zum Selbstunterricht für jeden gebildeten. Elfte verbesserte aufläge besorgt 
von Franz Nobiling. Chemnitz und Leipzig, Wilhelm Gronau 1914. 
VIII, 130 s. 
Während sonst der lange krieg neu erscheinenden wissenschaftlichen büchern 
nicht günstig sein kann, erscheint die neue aufläge des alten 'Zupitza' sehr zur 
rechten zeit. Denn bei dem starken anteil unserer, kochschulen am krieg kommt 
der akademische lehrer öfter als sonst in die läge, denen, die sonst bei ihm hören 
würden, lehrbücher für den Selbstunterricht zu empfehlen. Vollends sind die vielen 
fremdlinge, die sonst in unsern ferienkursen deutsch in allen gestalten kennen 
lernen durften, notgedrungen auf jähre hinaus zu autodidakten geworden. Für sie 
alle ist, soweit das mittelhochdeutsche in betracht kommt, Zupitza in erster reihe 
zu nennen : wer sich durch- die 'Einführung' gewissenhaft durchgearbeitet hat, der 
ist reif für die eigene arbeit mit grammatik und Wörterbuch sowie für weiter- 
greifende lektüre. 

Die vorliegende 11. aufläge ist von Franz Nobiling auf dem laufenden ge- 
halten, sorgsam durchdacht und auch durch die druckeinrichtung übersichtlicher 
gestaltet worden. Nicht ganz leicht ist nach einer so umsichtigen neubearbeitung 
der wünsch von Nobilings vonvort nach weiteren besserungsvorschlägen zu erfüllen. 
Was hier folgt, gilt zunächst ein paar auslassuugen, verseben und härten der 
Übersetzung. Methodisch scheint es geboten, wo immer möglich an kenntnisse 
anzuknüpfen, die auch der anfänger schon mitbringt, also bekaunte worte oder 
namen heranzuziehen und mit deren hilfe ausgangspunkt und späteren wandel von 
Wortbedeutungen, das Schicksal aussterbender worte und mundartliche einflüsse zu 
erfassen. Historische, namentlich kulturgeschichtliche kenntnisse sind in den dienst 
der spracherleruung zu stellen. Syntaktisches sollte, soweit irgend möglich, ent- 
wicklungsgeschichtlich aufgefasst werden. Grammatische und metrische begriffe 
sind genetisch zu erläutern und an geeigneten beispielen einzuprägen. Die methode 
der wechselseitigen erhellung ist gerade in einer 'Einführung' mit folgerechter 
strenge durchzuführen. Die in der Ordnung des buchs folgenden einzelbemerkungen 
können nach dem gesagten nicht alle gleich schwer wiegen : 

Die fussnote zu s. V mit ihrer berufung auf die hilfsmittel von 1868 ist 
veraltet und künftig zu entbehren. - 7, 6: 2. sing. prät. ind. weere: es empfiehlt 
sich, formen, die sich erfahrungsgemäss schwer einprägen, durch Sperrdruck aus- 
zuzeichnen, so auch gen. dat. sing, krefte 20, 17 f.; 2. sing. präs. ind. wil 26, 17; 
darft 28,22; 3. plur. präs. ind. helfent 30, 25: 2. sing. prät. ind. hülfe 30, 29; ttete 
34, 9; nom. sing. fem. gröziu 45, 23; nom. acc. plur. neutr. gröziu 45, 29. 32; 2. sing. 
prät. im\. rliit/e 58, 28. - S. 7 z. 15: der inlid. imperativ wis kann drin Verständnis 
näher gerückt werden durch den hinweis auf das in mundarten fortlebende bis, 

9* 



132 G-ÖTZfi 

ostmd. bis stille und dergleichen. — 8, 25 was gesezzen weicht ah vom nhd. ich 
habt gesessen, stimmt aher zu dem ich bin gesessen, gestanden obd. mundarten. So 
übernimmt Goethe den vers üfm b&rgli bin i gsässe aus alem. mundart. Das hilfs- 
verb wird bestimmt durch die actiousart, wofür auf 54, 33. 55, 30. 81, 9 zu ver- 
weisen ist. — 8, 34 über se: dass der artikel nur in alten präpositionalformeln fehlt, 
zeigen gut einige formelpaare: bei licht aber bei der lampe, zu pferd aber auf dem 
rade, zu bett aber auf das sopha, zu biere aber zu einer bowle, zu wagen aber im 
automobil. Vennisst wird eine Verweisung auf 26, 12 roit von Rine, wo erwähnt 
werden konnte, dass im titel des landgrafen von Hessen und bei Rhein der artikel 
heute noch fehlt. — 9, 16. 11, 9: der genetiv des geschlechtigen pronomens ir 
wird passend erläutert durch lat. eins. — 9, 20 fehlen nhd. beispiele wie gleis, gnade. 
— 11, 7 Michel ist nur im hd. ausgestorben, lebt aber z. b. im namen Mecklenburg. 
Stellt man daneben noch gr. ueyas, so hat man idg. g, germ. Je, hd. ch anschaulich 
beisammen. — 13, 21. 31: es scheint bedenklich, bei trennbaren verben den ersten 
wortteil präposition zu nennen. In übersetzen, umgehen, hinterlegen sind über, um, 
hinter adverbien, in übersetzen, umgehen, hinterlegen präposition. — 16, 32: statt 2, 3 
lies 1,3. — 17, 22: warum bietet die wörtliche Übersetzung nicht wohl für mhd. 
wol? — 18, 27 lies: während mhd. w in allen Stellungen noch dem englischen u- 
ähnlich geklungen haben dürfte. — 19, 23 wäre hinzuzufügen, dass im ahd. die 
auslautsverhärtung noch nicht geschrieben wird, wie s. 18 das paradigma tag zeigt. — 
20, 31: es ist nicht gesagt, dass das präteritopräsens mit präteritaler form präsen- 
tische bedeutung verbindet, was am beispiel von lat. memini, novi gut zu verdeut- 
lichen ist. — Von 21, 12 drin war zu verweisen auf die zusammenfassende behand- 
lung der kardinalzahlen 71, 7 ff . — 22, 19: unter den beispielen für perfektivierendes 
ge- fehlt geligen 114, 25. — 24, 20 f. : statt neme in ine lies -neme in -me. — 24, 26: 
statt prät. lies ind, prät. — 24, 33 verlorn: zum Wechsel von r mit s war auf 
28, 32 und 52, 20 sowie von dort zurück zu verweisen. — 25, 9: statt nur auch 
lies auch nur. — 25, 19: bei mhd. dö ist es erfahrungsgemäss nicht überflüssig, 
ausspräche mit geschlossenem 6 ausdrücklich vorzuschreiben. — 26, 5 f. lies: 'die 
Schreibung der Römer (Rhenus), die ihrerseits durch die der Griechen (Ttjvoc) be- 
stimmt ist'. Auf dem gleichen wege sind viele deutsche Ortsnamen zur Schreibung 
mit th (gr. *) gelangt. — 27, 20 : die namendeutungen Brünhilt 'panzerkämpferin' ; 
33,12 Sifrit 'der durch sieg frieden bringt'; 33, 14 Sigemunt 'der schütz bringt 
durch sieg'; 33, 15 Sigelint 'siegesschild' : 38, 19 Kriemhilt 'helrakämpferin' ; 41, 33 
Günther 'kampfheld' ; 41, 36 Giselher 'krieger der gefangene macht' widerstreiten 
dem 38, 22 f. gestreiften prinzip der germanischen namengebung. — S. 29 ist zu 
überschreiben 3, 4 statt 3, 3. — 37, 8. 14: die namen männlicher und weiblicher 
reim sind durch ein romanisches beispiel (frz. mauvais, mauvaise) ihrer herkunft 
noch zu erläutern. — 38, 26: der stark demonstrative sinn von ein (ein hohes mini- 
sterium) ist aus der ursprünglichen zahlbedeutung des unbestimmten artikels zu 
erklären: 'jenes eine; das einzige, das in betracht kommt'. — 39, 8: bei so ist 
gelegenheit, den wichtigen anaphorischen, in der rede rückvenveisenden gebrauch 
zu erläutern. — 39, 11: die anweisung, mhd. ht wie nhd. cht zu lesen, ist doppel- 
sinnig, da zwischen ach- und ich-laut zu scheiden ist. Die weitere, h vor s wie ch 
auszusprechen, die s. 71, 5 wiederholt wird, ist bedenklich angesichts mhd. Schrei- 
bungen wie wales, sex für normales u-ahs, sehs. — 39, 21 : der erklärung bedarf die 
unvollständige negation, zu erwarten wäre: so engere ich niht lönes. — 42, 10 würde 
ich statt von metonymie lieber von veränderter anschauung reden und deren gern 



ÜBER ZUPITZA, EINFÜHRUNG IN DAS STUDIUM DES MITTELHOCHDEUTSCHEN 133 

unterschätzte Wichtigkeit für den bedeutungswandel an ein paar beispielen erläutern. 

— 42, 36 war gelegenheit zu zeigen, dass immer von seinem zweiten wortteil mer 
die richtung auf die zukunft erhalten hat, während einfaches ie auch auf die Ver- 
gangenheit gehen kann. — 43, 1 bedeutet vrcelicEen 'in froher weise' ; hier lässt 
sich auch am adj. der alte sinn der ahleitung auf -lieh deutlich machen: frohe 
menschen singen ein fröhliches lied, d. h. ein lied, wie es frohen gemäss ist, zu- 
kommt. — 43, 22: zur apposition (das Stichwort fehlt im alphabetischen register) 
ist zu sagen, dass sie mit ihrem Substantiv im gleichen kasus, numerus und genus 
steht und dass damit das wesen der grammatischen kougruenz umschrieben ist. — 
44, 28: di ist geschwächt aus die wie gleich daneben si aus sie. — 45, 37: bei not 
ist der begriff der kämpf-, kriegsnot zu betonen (vgl. Der Nibelunge not) und ent- 
sprechend 46, 6 statt: grossen gefahren einzusetzen: schweren kämpfen. — 47, 26 
daz twerc: das neutrum ist das idg. genus der menschen ohne persönliche rechte, 
daher da: kint, daz wip, xb ävSpöneSov. — 47, 31 ab eime geticerge, daz hiez Albrich: 
der fall zeigt gut, wie das alte demonstrativum der zum relativpronomen werden 
konnte. — 48, 33 : statt ebenso lies entsprechend. -. 55, 21 : die alte nominativform 
rüch 'rauh 1 lebt fort in rauchwaren, rauchwerk.— 56, 11: statt lauter lies lebhafter. 

— 56, 27 schalten: die alte bedeutung, noch in schaltet- 'stossfenster' erkennbar, 
ist in südwestdeutschen mundarten geblieben; rhein. noch Schaltflächen, alem. 
schaltkarren. — 56, 31 : neben Stade fehlt im mhd. unser schriftwort ufer, das, 
vom nd. ausgehend {Hannover 'am hohen ufer') das ältere gestade zurückgedrängt 
hat. — 61, 8: n, des präsensstammes lässt sich veranschaulichen an lat. findo, fidi; 
fundo, fudi; scindo, scidi ; tundo, tudi. — 62, 19 : mittellat. spesa ist im kauf in. 
Spesen ein zweites mal entliehen worden, entspr. palais und hotel. — 62, 32: als 
regel ist vielmehr zu geben, dass da vor konsonant, dar vor vokal steht, also 
danach, davon, dahin, aber daran, darauf, daraus. — 63, 28: bei gemach wird die 
alte bedeutung 'bequemlichkeit' mit der neuen 'zimmer' vermittelt durch Wendungen 
wie an sin gemach gen, wo die alte bedeutung gemeint, die neue verstanden werden 
konnte. — 65, 20 : lützel ist dem anfänger durch hinweis auf Ortsnamen wie Lützel- 
burg und auf engl. Utile näher zu bringen, die zugleich gute beispiele für die 
hd. lautverschiebung sind. — 66, 24: von dirte war zu verweisen auf ors 50, 32. — 
67, 15 lies Jacob Grimm statt Jakob Grimm. — 69, 12: bei ie-man fehlt der hin- 
weis auf die umfassende bedeutung des zweiten wortteils: 'mensch' 74,27. — 72, 
15 lies -er statt er. — 72, 22: von wolgetdn ist auf die parallele bildung sotan zu 
verweisen. — 74, 5 : wenn bei burc die alte bedeutung 'stadt' erwähnt wird, sollte 
ein hinweis auf den Charakter der mittelalterlichen stadtanlage nicht fehlen. — 
76, 36: das nebeneinander von mhd. sluft und nhd. schluckt ist zu stützen durch 
parallelen wie niftel und nickte 94, 27, die nd. herkunft des cht zu erläutern an 
gracht, sacht, beschwichtigen. — 85, 12: statt genitir lies genitir ncutr. — 87, 3: die 
bedeutung von angest erläutert sich aus dem Verhältnis des subst. zum adj. eng: es 
ist der zustand dessen, der sich in der klemme befindet. Von da geht alle weitere 
entvvicklung aus. — 90, 9 : die wile ist über adverbialen gebrauch zur konjunktion 
entwickelt. — 97,' 31 ist auf den inchoativen gebrauch von bekande aufmerksam zu 
machen. — 99, 13 f. : statt als ob es der wind wehte lies als hätte es der wind ge- 
weht. - 100, 8: nhd. straucheln ist deminutiv zu mhd. strüchen. — 102, 24: statt 
triebe lies gejagt hätte; 27 statt getan lies fertig gebracht. 

EREIBURG I. B. ALPRED GÖTZE. 



134 I.AESECKE 

Kudrun. herausgegeben von B. Symons. Zweite verbesserte aufläge. Halle a. S. 
Niemeyer 1914. [Altdeutsche textbibliothek, herausg. von H. Paul, nr. 5.] 

Die lauge ersehnte neue aufläge der Kudrun von Symons ist erschienen, der 
text {■/,. b. in den diäresen) noch konservativer als der vorige, die einleitung um- 
gearbeitet und stark angewachsen, hinzugefügt ein glossar, von dem auch 'neben 
E. Schröders andere ziele verfolgendem Wörterverzeichnis auch für die feststelhing 
des Wortschatzes und des wortgebrauchs 1 nutzen erhofft wird; alles im geiste einer 
höchst wohltuenden, vornehmen bescheidenheit dargeboten. Ich denke, es wird für 
jähr und tag die ausgäbe sein, die man zu empfehlen hat, denn der text ist nach 
Schröders Photographien kontrolliert, ohne dass sich die einleitung mit den Mtillen- 
h 1 1 ff- Marti nsch en altertümem schleppt. 

Sie schleppt allerdings, und das dämpft die freude, genug eigene, die also 
wohl wieder noch ein langes leben haben werden. Das ist nun einmal der Unstern 
der Kudrun. 

Symons weiss augenscheinlich nichts davon, dass ich unsere brautwerbungs- 
sagen umständlich behandelt habe in meinem Münchener Oswald s. 266—309 '. 
Um so erfreulicher ist es, dass auch er endlich zu der Überzeugung kommt, das 
Hjadningavig habe von hause nichts mit ihnen zu schaffen. Er erklärt es ein- 
leuchtend für eine westnordisch-keltische dichtung (s. XXIX f.). Auch der weg der 
Hildesage von der Ostsee über Jütland nach England ist klar, und ich hebe nur 
mehr hervor, dass Wate schon eine rolle darin gespielt haben muss — die des 
dämonischen alten beraters und helfers, der den verfolgenden schwäher erschlägt — , 
auch der sänger Heorrenda-Hjarrandi. Nicht erkannt ist, dass Saxo mit der ent- 
führungsgeschichte eine erzählung von Frödis gericht vermengt; die quellenscheidung 
Olriks scheint mir da methodisch nicht einwandfrei. Ferner ist wieder dekretiert, 
dass die lautlichen Unstimmigkeiten zwischen Hjarrandi und Hörant, Hedinn und 
Hetel, Hjadningar und Hegelingen nichts zu bedeuten haben — wenigstens die 
sachliche differenz: Hjarrandi Hedins vater, Hörant Hetels sänger ist s. XIX an- 
sprechend erklärt — , sie sind für die geschickte also nicht ausgenutzt und es ist 
nicht daraus geschlossen : die dichtung ist den Völkern nicht gemeinsam, sie ist 
sozusagen literarisch übernommen, und zwar von einem einzelnen; wenn die namen 
Hetiu oder Herrant schon früher in Oberdeutschland vorkommen, so können sie 
zwar mit der sage zusammenhängen, aber nicht mit unserer dichtung. Bei Chutrun, 
die übrigens auch aus dem nordischen Nibelungenkreise importiert sein kann, bleibt 
das unbestimmbar, und 'Hetel' ist wohl nicht eindeutig sagenhaft. Ich vermute 
im hinblick auf die kompositionsart Saxos, der die helden. seiner historischen 
anekdoten so überragend neben seine dänischen Frödi-könige stellt, wie Hetel und 
seine helden ohne rechte erklärung des Verhältnisses neben Fruote von Tenen stehen, 
dass jene Übertragung am dänischen hofe vorgenommen sei, und zwar von einem 
deutschen sänger, wie jener Siwardus. der im jähre 1131 den herzog Kanut mit 
dem liede von Grimilda warnte. 

Von der eigentlichen Kudrunsage wird wieder gelehrt, dass sie ohne parallele 
und nur aus sich zu erklären sei. Ich verweise wieder auf könig Snio und die 
tochter des Gotenkönigs, die er dem nebenbuhler am meeresstrande raubt, wo sie 
(sich?) angeblich waschen wollte (Saxo, ed. Müller- Yelschow I, 415 ff.). Die sage trifft 

1) Zu Jellineks und Droeges erklärungen von Herwigs Werbung, Beitr. 40, 
446 ff. und Zfda. 54, 151 f. vgl. 275 A. und 285-87. 



ÜBER KUDRUN ED. SYMONS . 135 

nahe mit der von Wilmanns konstruierten Herwigsage zusammen und ist als quelle 
des Kudrundichters um so mehr anzusehen, als auch sie mit Saxo auf das ver- 
mutete dänische Übergangsgebiet und an die gestade der Ostsee führt. 

In dem Sivrit von Morlant kann ich den Normannenführer Sigifrid des 9. Jahr- 
hunderts nicht erkennen (auch keinen Seifedin, Zfda. 54, 135), sondern nur einen 
Statisten, mit grosser not aus der komposition erboren und mit einem künstlichen, 
pomphaften namen versehen. Dass der dichter namen entlehnt, zeigt ja eindeutig 
der Wigaleis str. 582. 715. 759. Es wird also der name Sivrit wie Ortwin, Gere 
(auch Uote) aus dem Nibelungenliede stammen. Oder aus dem Biterolf. Denn dass 
Ludewic, Hartmuot, Hildeburc aus der Herbortsage entlehnt sind, lehrt, abgesehen 
von andern Überlegungen, doch auch das Zeugnis Lamprechts, der dem Herwic 
noch nicht Hartmuot, sondern einen fremd gewordenen und wegkonjizierten (noch 
Zfda. 54, 159 f.) Wolfwin gegenüberstellt. Die fassung der Herbortsage, aus der 
die namen stammen, möchte aber eben der Biterolf sein, denn dass vater und söhn 
in alter sage Ludewic und Hartmuot Messen, klingt sehr unwahrscheinlich — noch 
unwahrscheinlicher sind die Artus, Tristan, Isolde der Ps. — ; eher eignet sich 
Hildeburc für eine entführte braut, denn Hild- ist typisch dafür. Der unbedeutende 
Ortwin des Nibelungenliedes konnte nicht so zur namenentlehnung reizen wie der 
stark gesteigerte Ortwin des Biterolf. Dort hätten wir eine gemeinsame quelle 
auch der nibelungischen namen, und überdies sind ja die beziehungen zum Biterolf 
anerkannt. Ich verweise auch noch auf das fremdartige land Alzabe, das Bit. 1161 
wie Kudr. 1696. 2 Azzabe geschrieben ist. Zufällig? Jedesfalls wäre die nanien- 
gebung, besonders auch die geographische, noch auf ihre herkunft zu untersuchen. 
Auch sie rückt, wie mir scheint, die Kudrun in den kreis der bairischen epigonen: 
eine erneuerung altheimischer stoffe, wie Strickers Karl mit selbständig romanhafter 
erfindung oder doch kontaminierung. 

Dass zwischen der quelle Lamprechts und der erhaltenen Kudrun noch ein 
spielmännisches gedieht von der art des Bother gelegen habe, das unmittelbare 
quelle für sie gewesen sei, ist wohl eine unerweisliche annähme (s. XLVIII), wenn- 
gleich die Nibelungenüberlieferung sie nahe zu legen scheint: wir wissen ja nicht, 
wie weit sich das von Lamprecht bezeugte schon von dem Hede dem epos ge- 
nähert habe. Oder soll es sogar noch mehr Zwischenstufen gegeben haben? S.s 
angaben sind unklar, vielleicht auch seine ansieht: 'die bei Lamprecht im ersten 
viertel des 12. Jahrhunderts noch tragisch endende Hildesage erscheint ein Jahr- 
hundert später in Oberdeutschland zu einer munteren Spielmannsdichtung in der 
form einer brautwerbungssage mit versöhnlichem Schlüsse umgebildet', heisst es 
s. XLVI. Man könnte annehmen, dass damit die erhaltene dichtung gemeint sei, 
wiewohl sie Symons auf s. XCVII erst in die dreißiger jähre setzt; indessen folgt: 
'wenn aber mit recht angenommen wurde, dass sie eine einheitliche Überarbeitung 
einer älteren dichtung ist (oben s. XC f.), so wird diese noch dem anfang des 
13. Jahrhunderts angehört haben'. Auf der angezogenen s. XC aber fasst S. so 
zusammen: 'die Kudrun ist die einheitliche bearbeitung eines älteren gedichts in 
derselben strophenform, in welchem mit der alt überlieferten, in einem deutschen 
gedichte aus dem anfang des 12. Jahrhunderts episch gestalteten Hildesage die 
geschichte von Kudruns gewaltsamer entführung, ihren leiden und ihrer befreiung 
bereits verbunden war'. Dass Symons nicht meint, das gedieht von etwa 1125 
habe den eigentlichen Kudrunstoff nicht enthalten, wird anderweit klar - das 
zeugnis Lamprechts ist ja auch deutlich — , aus den worten von der identität der 



136 



BAESECKE ÜBER KUDHUN ED. SYMONS 



Btrophenform aber scheint hervorzugehen, dass Symons unter diesen beiden gedienten 
unsere Kudrun vor und nach der Überarbeitung durch den diäresenreinier und den 
interpolator der Nibelungenstrophen meint. Sollte das der fall sein, so ist zu sagen, 
dass sich alle unsere chronologischen Überlegungen, solange jener interpolator nicht 
gefasst ist, nur auf die letzte Kudrun beziehen können : denn welche inhalte hätten 
wir von ihr hinwegzudenken, um die reine Kudrun zu datieren? Etwa die, welche 
sie in die nähe des Biterolf rücken, oder die heraldischen ? Damit wir näher an 
die wegen der dänischen machtverhältnisse erwünschten zwanziger jähre heran- 
kommen V Das wäre doch immer die reinste willkür. Der interpolator ist und 
bleibt diesseits des datums, das wir etwa als das der Kudrun festsetzen. Denkt 
aber Symons an zwei gedichte vom ende des 12. und anfang des 13. Jahrhunderts, 
wie es fast den anschein hat, so sind sie weder hinreichend geschieden, noch sonst 
glaubhaft gemacht. 

Diese undeutlichkeiten sind, wie mir scheint, auch aus mangelhafter Stellung- 
nahme zu Panzers nachweis der einheit des gedichtes zu erklären : es ist doch 
recht misslich, iuterpolationen darin wahrscheinlich machen zu wolleu (s. LXXXI), 
wenn man zugibt, dass es sprachlich und stilistisch einheitlich ist, dass aber der 
autor kontaminiert und sein werk von aussen her möglichst zu bereichern trachtet. 
Denn nun fragt man natürlich jedesmal: ist nicht der Verfasser der interpolator? 
Bei den Strophenumstellungen ist jetzt Symons selbst skeptisch geworden, gibt z. b. 
erfreulicherweise die schlimmen kuren an B79 ff. und 1024 ff. auf, ohne allerdings 
die Überlieferung anerkennen zu wollen, die mir wenigstens gut scheint. Insbe- 
sondere ist die erzählung von Sivrits Werbung mit ihrem vor- und zurückgreifen 
und ihrer Weiterentwicklung durch Variationen ein sehr charakteristisches stück mhd. 
strophik, das man nicht durch hin- und herrücken zerstören, sondern aus der Un- 
fähigkeit, rein formal, also auch gedanklich, die tempora auseinanderzuhalten, er- 
klären soll. Die erzählung schreitet von 579-86 in neun stufen fort: 1. absage, 
2. narae des werbers, 3. sein schmerz, 4. macht und charakter, 5. Kudrun, 6. art 
der Werbung, 7. drohung, 8. folgen der feiudschaft, 9. abfahrt. 



1. 



579.1a 



583.4'' 



585.1 



579.1b 
580.1 



579.2 



583.4* 

584.1-2 

584.4 



579.3-4 

580.2-3 



580.4 



583.2-3 



7. 



581.1- 
583.1 



584.3 



585.3-4 



585.2 



9. 



586 



II 



III 

IV 

V 



RANKE ÜBER KONDZIELLA, SITTEN UND BRÄUCHE IM MHD. VOLKSEPOS 137 

Das vor und zurück der kurve zeigt — man muss die linien zwischen den 
zahlen ergänzen — , wie bald das aoristische (berichtende), bald xlas plusquamper- 
fektische (betrachtende) in den präterita überwiegt, und ein vergleich der verse 
einer kolumne ergibt, wie die Variation doch zugleich neues hinzufügt. Es ist 
dabei charakteristisch, dass jeder vorstoss stärker ist als der vorige rückschritt, 
dass jeder erreichte gipfel der erziihlung (römische zahlen) höher ist als ein voriger, 
und es ist psychologisch natürlich, dass die motivc 1, 2, 3, 4, usw. nur in der 
reihenfolge 4, 3, 2, 1, wiederkehren: waren die Voraussetzungen eines ereignisses 
immer höher aufeinander geschichtet, so wird es durch die nachgeschickten gründe 
in umgekehrter reihenfolge immer tiefer fundiert. Unechtes müsste sich sofort 
durch Störung des aufbaus verraten. 

Auch sonst kann ich manchen anstoss von Symons nicht als berechtigt an- 
erkennen, z. b. ist, um nur einen (s. LXXXI) herauszugreifen, 620 ff., bei Hart- 
muots Werbung, nichts von einer neigung der Kudrun gesagt, die denn freilich 
nicht zu ihrem bilde passen würde. 

Dass aber im laufe der Überlieferung eingriffe vorgekommen seien, soll nicht 
geleugnet werden. Für die Nibelungenstrophen habe ich, Zeitschr. 41, 100, eine 
erklärung versucht, die aber auch nicht für alle fälle ausreicht. 

Die datierung auf die dreissiger jähre (so auch Schönbach und Droege) 
krankt an dem mangel eines rechten terrainus ante quem und macht so den eindruck 
eines widerwilligen herabsteigens, das bei gutem zureden auch noch fortgesetzt 
würde. Ich selber bin einstweilen mit Galle (Zfda. 53, 258) unterhalb des Biterolf 
angelangt, kann auch nicht tinden, dass Galle von Droege (Zfda. 54, 142) widerlegt 
sei: nur die möglichkeit anderer erklärung ist dargetan. Ich halte es auch, nach 
der namengebung, für nicht annehmbar, dass nur der zäsurreimer den Biterolf ge- 
kannt habe. Da ich ferner gegen Symons glaube, dass der Biterolf mit recht in 
die fünfziger jähre (frühestens) und nach Steier gesetzt wird, so ergibt sich eine 
beträchtliche Verschiedenheit der ausichten. Denn -nun rückt mir auch die Kudrun 
mehr nach Steier, während Symons, aber doch nur wegen der abhängigkeit vom Nibe- 
lungenliede, lieber Niederösterreich als heimat aller drei gediente ansehen möchte. 

Ich halte diese dinge für unentschieden, aber wohl entscheidbar. Man darf 
allerdings von der Kudrun nicht nur immer auf das Nibelungenlied blicken, auch 
nicht nur auf den Biterolf, sondern müsste sich energischer von dem geweiht- 
unpersönlichen des 'volksepos' frei machen und auch dichtungen wie den Apollonius 
und dichterpersönlichkeiten wie Heinrich von Neustadt zum vergleich und zur 
erklärung heranziehen. ' 

KÖNIGSBERG. GEORG BAESECKE. 

1) Inzwischen erschien: J. M. Keymau, Kudrun en Biterolf, Groningen 1915. 



Franz Kondziella, Volkstümliche sitten und brauche im mittelhoch- 
deutschen volksepos [Wort und brauch, heft 8.] Breslau, Markus 1912. 
VIII, 207 s. 7,20 m. 

Von welcher seite ich mir das buch auch ansah, es zeigt sich von jeder 
gleich unzulänglich. Schon das äussere verrät, dass der Verfasser von wissenschaft- 
lichen bedürfnissen keinen begriff hat: der erste hauptteil 'Darstellung und belege' 



138 RANKE 

umfassl so seiten, von denen die 'Darstellung' mit ca. 520 zeilen in zusammen- 
hängendem druck kaum 13 füllen würde; den rest nehmen die belege ein, die unter 
den einzelzeilen der darstellung in extenso untereinander (!) abgedruckt erscheinen, 
so dass die 33 belege für die dankformel im l&ne iu get, gnt lone iu 33, die 82 be- 
lege für die grussformel wis (gote unde mir) willelconien 84, die 4 belege für die 
stabreimbindung der namen Gibeehe, Gu'nthSr, GSrnöt, GiselMr allein sogar schon 
9 zeilen in anspruch nehmen. I>er Verfasser arbeitet mit einer breite und papier- 
verschwendung, die nur bei gänzlichem mangel wissenschaftlicher erziehung zu< 
begreifen ist. 

Über den inhalt ist zunächst zu sagen, dass sich zu irgend einer wissen- 
schaftlichen Problemstellung nirgends auch nur der ansatz findet: was K. unter 
'volkstümlich' versteht, wird nirgends klar; das wort 'höfisch' kommt bezeichnender- 
weise im ganzen buche nicht vor. Ein unterschied zwischen tatsächlich geübtem 
•brauch' und literarischem motiv wird nicht gemacht: 'hat der liebhaber keine aus- 
sieht, als friedlicher freier in den besitz seiner erwählten zu gelangen, so sucht er 
sie entweder durch list zu entführen oder sich ihrer mit gewalt zu bemächtigen' 
(s. 19); 'will der mann enthaltsamkeit üben, so legt er im bette ein blankes schwert 
zwischen sich und das weib' (s. 29); 'man(!j scheut sich sogar nicht, einen fuss 
und eine hand als fergengeld zu verlangen' (s. 73) ; 'man (= die beiden von Babylon 
im Rother!) bedient sich hürnener gewänder oder hängt sich die haut eines wurmes 
um' (s. 59); 'Drachen- und salamanderblut wird dazu benutzt, um darin die brünne, 
den heim und die Waffen zu härten' (s. 60). Ob die in den sog. volksepen geschil- 
derten lebensformen wirklich volkstümlicher, deutscher sind als die der höfischen epik, 
ob bei Verschiedenheit der darstellung in den verschiedenen epen zeitliches nach- 
einander, landschaftliches nebeneinander oder fremder kultureller oder bloss lite- 
rarischer einfluss anzunehmen sei — keine dieser fragen scheint IL jemals aufge- 
stiegen zu sein: die 'volksepen' vom könig Rother bis zur Virginal und zum 
Biterolf sind ihm eine ungeteilte masse, die unterschiede im grad der Volkstümlich- 
keit sind ihm nirgends bewusst geworden. 

Nun könnte die arbeit auch als kritiklose Sammlung eines willkürlich um- 
grenzten Stoffes aus einer willkürlich umgrenzten literatur immer noch ein wenn 
auch geringes mas's von brauchbarkeit als nachschlagewerk besitzen, wenn sie 
wenigstens mit Sachverständnis und gründlichkeit ausgeführt wäre; doch auch diese 
eigenschaften muss ich ihr leider absprechen. Die darstellung wimmelt von groben 
missverständnissen und belegt nur einen kleinen teil von dem, was sie zu sammeln 
vorgibt. An missverständnissen und Unrichtigkeiten seien nur die folgenden ge- 
nannt: Nib. 1623 'nicht 'handschlag' (s. 22), sondern umarmuug; Rother 4652 nicht 
'verlobungskuss' (s. 24) ; Nib. 1113 ist weder in Lachmanus text, noch in der lesart 
von C ein beleg dafür, dass 'grössere geschenke feierlich aufgehängt werden, ähnlich 
wie unsere bescherung am christbaum' (s. 46)'; Nib. 1493 kann Hagen dem fergen 
den baue nicht gut 'auf der schwertspitze dargereicht' haben (s. 46), da die Donau 
zwischen beiden fliesst; er hebt vielmehr den ring hoch, um ihn deutlicher zu 
zeigen (vgl. jetzt auch Brückner, Zfda. 54, 370); Nib. 1197 schwört Rüdiger der 
Kriemhild trotz Härtung s. 208 nicht 'freundschaft' (s. 53), sondern mannentreue; 

1) K. hätte zum mindesten die von J. Grimm, Über schenken und geben 
(kl. sehr. II, 188) vorgeschlagene konjektur erstirelt in sein zitat aufnehmen müssen; 
denn nur auf sie beziehen sich Grimms ausführungen, aus denen K.s Wissenschaft 
hier stammt. 



ÜBER KOXDZIELLA, SITTEN UND BRÄUCHE IM MHI>. VOLKSEPOS 139 

von 'lautem schlachtgesang' ist in der Kudr. weder in str. 777 noch 830 die rede 
(s. 58); der s,egen, den man dem in den kämpf ziehenden nachspricht und die 
'empfehlung in Gottes schütz' (s. 60, 61) sind ein und dasselbe, vgl. bes. Laur. 1315 ff., 
nur Etzels hofhaltung 129 scheint es sich um einen 'kampfsegen' im volkskundlicheu 
sinne zu handeln; Nib. 1796, wo Hagen den Burgunden die schilde vor die füsse 
zu setzen rät, ist von einem bevorstehenden 'einzelkampf (s. 61) durchaus nicht 
die rede, K. hat hier den von ihm ausgeschriebenen satz bei Härtung s. 435 nicht 
genau gelesen ; die fahne, die der kaiser im herz. Ernst 1635 f. auf dem höchsten 
türm von Regensburg aufpflanzen lässt, ist kein zeichen des friedens (s. 62), sondern 
der besitznahme; Nib. 188 bietet Liudegast seinem besieger Siegfried nicht 'erde 
an' (s. 62), sondern er verzichtet auf sein Königreich; wenn Rother 3158 der 
griechische spielmann seine lüge beteuert: nesi it dan nüwit ivär so heizit mich vän 
unde up einen boum hän, so darf man daraus noch nicht den 'rechtsbrauch' folgern, 
dass lügner der strafe des erhängens verfallen seien (s. 71), umgekehrt aus Rah. 866 
nicht, dass 'der Verräter dagegen verhältnismässig milde' bestraft werde (s. 74), 
denn was dem Sibeche nach der entehrenden umführung (bei der von 'stossen und 
martern' übrigens keine rede ist) droht, hat Eckehart str. 864 deutlich genug aus- 
gesprochen. 

Um über die Vollständigkeit der belege ein urteil zu bekommen, habe ich 
nur den von Martin herausgegebenen 2. band des Heldenbuches auf die von K. 
besprochenen dinge hin einmal durchgelesen und folgende auslassungen festgestellt: 
s. 34 fehlen aus der Rabenschlacht die klaggebärden Helferichs (878 f.)), Dietrichs 
(882 ff.!), Helches (1056 f.), Etzels (1114), aus Dietrichs flucht die Dietrichs (9907. 
9946); s. 35: die toten den vögeln überlassen Rab. 527, 1. D. Fl. 6439. 8459 (an 
allen 3 stellen in Wolfharts mund!), Dietrich dagegeu übt eine vom erzähler be- 
sonders hervorgehobene menschlichkeit, wenn er auch die feindesleichen zu bestatten 
erlaubt (Alphart 462) oder befiehlt (D.Fl. 10 045 ff.); s. 38: zur begrüssung gehören 
notwendig auch das nigen (D. Fl. 1192. 7423), üf stdn (z. b. D. Fl. 1200. 7411, vgl. 
Nib. 1125 daz was durch gröze zuhi getan), bi handen vdhen (D. Fl. 5223); s. 39: 
begrüssungskuss auch D. Fl. 5449. 7698 ; s. 40 : gotwillekomen auch D. Fl. 7415. 
7701; s. 41: nigen zum dank D. Fl. 5271; s. 48: abschiedsküsse D. Fl. 1070, ab- 
schiedstränen D. Fl. 1048. 1074. 1795; s. 54 fehlt die schöne freundschaftsformel 
aus D. Fl. 4788; s. 55: zum bild der 'gesellen' gehört, dass sie band in band gehen 
D. Fl. 4892. 4945. 5308, Rab. 885 (vgl. auch 340); s. 57: raub und brand auch 
Rab. 78. 335, D. Fl. 2172. 2200. 2839. 4094 (!) ; s. 58: statt des nicht belegbaren 
schlachtgesanges wären das feldgeschrei, Rab. 594, D. Fl. 3745. 6461. 8803, die 
Schlachtrufe D. Fl. 6750. 9607 (vgl. 3208. 3216. 8784) und das blasen des heerhorns 
Rab. 589 zu erwähnen gewesen; s. 59: ein seidenes hemd mit 4 reliquien, Rab. 652; 
s. 61: beichte vorm kämpf, Rab. 513 ff. ; s. 62: das vridebanier D. Fl. 8149; s. 74: 
dem ungehorsamen Elsan, der Helches söhne in den tod ziehen Hess, schlägt Dietrich 
das haupt ab, Rab. 1120; s. 81: fussfall des um Verzeihung flehenden Dietrich, 
Rab. 1136, der um gnade für Dietrich flehenden frauen D. Fl. 4309; s. 82: der 
allerdings nur vom dichter gedeutete wahrtraum der Helche, Rab. 124 f. — Bei 
diesem reichen ertrag einer immer noch flüchtigen nachlese aus einem ganz kleinen 
teil der von K. benützten quellen wird wohl niemand mein urteil zu hart finden, 
wenn ich seinem buche auch als nachschlagewerk alle brauchbarkeit abspreche. 

Endlich noch ein wort vom zweiten hauptteil, den 'Anmerkungen', die mit 
über 100 Seiten weit mehr als die hälfte des ganzen buches füllen und iu denen 



140 KLUNGER 

'diese Sitten und brauche historisch von den ältesten zeiten der Germanen bis zur 
gegenwart in erster linie mit denen des deutschen Volkes, dann aber auch mit 
denen vieler anderer Völker verglichen werden. Denn nur auf solche weise lässt 
sich ein klares Verständnis für die volkstümlichen sitten und brauche im mittelhoch- 
deutschen volksepos gewinnen' (s. 1 f.). Der Verfasser hat an sie viel fleiss ge- 
wendet und zweifellos bei ihrer ausarbeitung für sich selber manchen gewinn gehabt! 
doch ist es ihm nicht gelungen, sein neu gewonnenes wissen nun auch ernstlich in 
den dienst seines themas zu stellen. Wie schon in den eben zitierten worten der 
einleitung ist er sich bis zuletzt nicht darüber klar geworden, was er mit seinem 
2. teil eigentlich bezwecke: will er ('historisch') eine geschichte der im 1. teil 
erwähnten 'volksbräuche' schreiben ? dann hätte er ganz anders ausholen müssen 
und hätte dabei wahrscheinlich bald selber gemerkt, dass ihm alle qualitäten dazu 
fehlen. Wollte er sich dagegen auf parallelen beschränken, die den ersten teil 
erklären und veranschaulichen, so war sein 2. teil auf höchstens ein fünftel seines 
umfanges zusammenzustreichen. So, wie er vorliegt, bietet er einen ungeordneten 
wüst von zufälligen lesefrüchten, die mit dem 1. teil oft sehr wenig Zusammenhang 
haben. Was sollen z. b. die auszüge aus dem buche von Heinrichs über die ge- 
schichte der doppelnamen in Deutschland s. 93— 95? was die alphabetische Übersicht 
über die bezeichnungen für 'Verlobung' und 'hochzeit' in den deutschen dialekten 
s. 108—112 und 128, die bemerkung über die Jaoneger s. 112, die aufzählung von 
abergläubischen Verwendungen des leichenwassers s. 131, die sehr unzulänglichen 
ausführungen über himmelsbriefe s. 159 f., über bäder und heilkräuter s. 164 f., über 
Verwendung des fadens zu zauberzwecken s. 178 f., über traumdeutung s. 186 ff., 
über das motiv der bahrprobe in neuerer dichtung s. 148 usw.? 

K. hat der jungen, noch um ihre anerkennung als einer Wissenschaft kämp- 
fenden Volkskunde mit seinem buch einen schlechten dienst getan und das niveau 
der Sammlung 'Wort und brauch' in bedauerlicher weise gedrückt. 

göttingex (z. z. im felde). Friedrich ranke. 



P. Martin von Cochem 1634— 1712. Sein leben und seine schritten nach 
den quellen dargestellt von P. Joh. Chrysostonius Schulte, 0. M. Cap., 
lektor der theologie. [Freiburger Theologische Studien, herausgegeben von 
dr. Gotfried Hoberg und dr. Georg Pfeilschifter. Erstes heft] Freiburg i. B. 
Herdersche Verlagsbuchhandlung 1910. XVI, 208 s. 3 m. 

Die zu einer Würdigung der vorliegenden schrift notwendige durcharbeitung 
des nicht immer leicht zu beschaffenden Stoffes ist im frühling und sommer 1914 
erfolgt, und die Zusammenfassung der ergebnisse war bereits begonnen, als die 
weltbewegenden Schicksale einsetzten, die ganz von uns besitz nahmen und keine 
anderen götter neben sich duldeten. Wenigstens der berichterstatter, in dessen 
seele nur ein starkes gefühl platz hat, vermochte bisher nur in flüchtigen stunden 
zu den gewohnten lieblingsstudien zurückzukehren. So ist es gekommen, dass er 
erst seit einiger zeit, und auch da noch vielfach unterbrochen und gehemmt, den 
dankbaren gegenständ wieder aufgenommen hat. Die ungewöhnliche Verspätung 



ÜBER SCHULTE, MARTIN VON COCHEM. 141 

dieser und einiger anderer besprechungen möge durch dieses bekenntnis, wenn nicht 
ihre rechtfertigung, so doch ihre erklärtrag finden. . . 

Auf die bedeutung Martins von Cocbem hat zuerst Görres nachdrücklich 
aufmerksam gemacht. Freilich nicht in seiner romantischen zeit, wo er ihn noch 
nicht gekannt zu haben scheint, sondern in dem späteren lebensabschnitt, in dem 
seine ausgesprochene religiöse parteistellung ihm eine besebäftigung mit dieser 
Literatur nahelegte. Er besprach damals einsichtig das schaffen Martins, namentlich 
sein 'Leben Christi'; die möglichkeit einer neubelebung dieser werke bestritt er. 
In die literaturgeschichte ist Martin von- Cochem, wie es scheint, zuerst durch 
Wolfgang Menzel eingeführt worden. Menzels unzuverlässige, aber heute noch 
schwer entbehrliche 'Deutsche dichtung' hat so manche abseits vom wege liegenden 
tatsachen und persönlichkeiten hervorgezogen; allerdings ist es bei der Verwertung 
seiner mitteilungen fast immer nötig, einmal seine ungenauen angaben nachzuprüfen 
und dann sie zu ergänzen. Die Vorzüge und mängel seiner arbeitsweise treten 
auch bei seiner behandlung Martins von Cochem deutlich hervor: einerseits zeigt 
er einen guten blick für das bedeutsame, indem er gerade ein besonders eindrucks- 
volles werkeheu heraushebt, andererseits begnügt er sich mit dem, was ihm seine 
ausgedehnte belesenheit in die hand gespielt hat; er strebt nicht nach abrundung, 
denn sonst wäre es unbegreiflich, dass er Cochems bekannteste und wichtigste 
leistung unerwähnt lässt, obgleich das von ihm besprochene buch ursprünglich einen 
teil des 'Lebens Christi' bildete. Der hohe poetische wert, die volkstümliche Schlag- 
kraft dieses hauptwerkes sind bekanntlich zuerst durch Scherer dargelegt worden, 
der in seiner literaturgeschichte eine tief eindringende Charakteristik entworfen hat. 
Schon vorher (1871) hatte Reinhold Köhler den nachweis geführt, dass die deutschen 
Volksbücher von Griseldis, Hirlanda und Genoveva in der hauptsache auf die fassung 
zurückzuführen sind, die Cochem diesen legendenhaften Stoffen in seinem Historibuch 
gegeben hat; die weiterführung dieser Untersuchungen hat schon eingesetzt und 
wird sicher noch viele wertvolle beobachtungen zutage fördern ; auch die anderen 
von Cochem bearbeiteten erzählungen müssen auf ihr fortleben geprüft werden; es 
ist kaum zweifelhaft, dass auch da sich noch wichtige ergebnisse gewinnen lassen. 
Cochems einfluss auf die volksliteratur ist damit jedoch noch nicht erschöpft; ebenso 
wie die volkstümliche epik, hat auch die volkstümliche oder halbvolkstümliche 
dramatik der passionsspiele aus ihm geschöpft. 

Angesichts eines derartigen nachlebens regt sich der wünsch, die persönlich- 
keit kennen zu lernen, von der solche Wirkungen ausgegangen sind. Man muss 
dem Verfasser des vorliegenden buches dankbar dafür sein, dass er nach fleissiger 
^Sammlung des weitschichtigen gedruckten und ungedruckten materials und unter 
sorgfältiger benützung der forschungen seiner Vorgänger diese aufgäbe so weit 
gelöst hat, als es die nicht lückenlosen angaben ermöglichten. Martin Linius 
(dies sein familienname), am 13. dezember 1634 in Cochem a. d. M. geboren, aus 
einer angesehenen familie stammend, 2. märz 1653 in den kapuzinerorden ein- 
getreten, wohl in Aschaffenburg theologisch vorgebildet, priester wahrscheinlich 
ende 1659 oder anfang 1660, 1664-1667 lektor der philosophie mit dem wohnsitz 
in Mainz, 1668 pfarrprediger, katechet und beichtvater in Bensheim, 1670 im wall- 
fahrtskloster Nothgottes bei Bingen, 1675—78 im kloster Königstein im Taunus, 
wo das 'Leben Christi' entstanden ist, 1678 nach dem kloster Dieburg bei Darni- 
stadt versetzt, 1682—85 als geistlicher Schriftsteller, visitator und missionar im 
dienste des Mainzer kurfürsten Anselm Franz von Ingelheim; von da an bis 1689 



142 ElxlMii: 

in verschiedenen klöstern des kurerzstiftes Trier: in diese jähre fallen ausser 
anderen werken die beiden ersten bände des 'Ausserlesenen History-Buches', auch 
die Vorbereitung des 'Lehrreichen History- und Exempclbuches' geht wohl schon in 
diese zeit zurück. Durch den dritten raubkrieg Ludwigs XIV. vertrieben, begibt 
sich Martin 1G89 in das zur Tiroler Ordensprovinz gehörende kloster Gänzburg an 
der Donau, 1693 nach Passau, Linz und dann nach Prag, wo er bis 1696 verweilt. 
Dann kehrt er noch vor dem frieden zurück und zwar nach Walldürn im Odenwald, 
wirkt dann bis 1700 als missionar und visitator im kurerzstift Trier und lebt 
hierauf in verschiedenen klöstern bis zu seinem tode, der ihn am 10. September 1712 
zu Waghäusel bei Philippsburg ereilt. 

Aber selbstverständlich weit wichtiger als die nackten biographischen einzel- 
tatsaeheu, die eine deutliche anschauung nicht zu gewähren vermögen, sondern nur 
das typische Schicksal eines ordensgeistlichen der zeit vergegenwärtigen, ist das 
sich ergebende bild der gesamtpersönlichkeit. Dieses mutet ungemein erfreulich 
an. Schon die zunächst ins äuge fallenden zöge bringen ihn uns menschlich näher. 
Unermüdlich, rastlos tätig zeigt er sich in seiner geistlichen wie in seiner schrift- 
stellerischen tätigkeit; beide arbeitsgebiete können überhaupt nicht voneinander 
getrennt werden, da eines aus dem anderen hervorgeht, eines das andere stützt. 
Das beständige nebeneinander zu beobachten und zugleich den mit der zeit gei- 
zenden, jede minute ausnützenden Schaffensdrang Martins kennenzulernen, geben 
uns namentlich die nachrichten über seinen aufeuthalt in Königsstein 1675—78 
gelegenheit. Aber wir verfolgen ihn auch auf seinen visitationsreisen, wie er mit 
einem Ordensbruder den schneebedeckten Spessart durchzieht, wie sie sich in der 
winternacht verirren, einen felsabhaug hinabstürzen, aber auf weichen schnee fallen 
und keinen schaden nehmen, und wie Martin, während sein begleiter vor schreck 
und kälte verstummt, sogleich dankbaren gemütes das Te deuin anstimmt. Audi 
sonst treten auf diesen fahrten manche für sein wesen bezeichnende hübsche zöge 
heraus: dornen und spitze kiesel liest er zusammen und legt sie auf die seite des 
weges, damit sich kein wanderer an ihnen verletze; oder er trägt grosse steine in 
den bach, um jedem nachfolgenden den leichten Übergang zu ermöglichen. 

Pater Martin erhebt sich nicht über den durchschnitt seiuer zeit, sondern 
steht durchaus unter dem banne ihrer anschauungen. Er teilt die abergläubischen 
vors-tellungen, er zeigt allen Überlieferungen gegenüber eine rührende, fast nie ge- 
trübte einfalt. Er ist ein strenger katholik, dem auch die kleinste kirchliche eiu- 
richtung zum unverbrüchlichen gese'tz wird. Für seinen glaubeu zu streiten, ist 
ihm selbstverständliche pflicht, aber sein eifer hat nichts galliges, unduldsames^ 
sondern er lässt auch dem protestantischen gegner gerechtigkeit widerfahren, so- 
weit er es vermag. Mit weit grösserer schärfe als wider die Lutheraner wendet er 
sich gegen lotterwesen, schaden und Vernachlässigungen im eigenen lager. Er 
will die katholische geistlichkeit aufrütteln, und er tut es ohne vorbehält: rück- 
sichtslos deckt er auch vor dem volke alles faule auf. Arglos, aber zuweilen un- 
vorsichtig und hastig, unaufhaltsam von dem eifer um die sache getrieben, trifft 
er seine massnahmen. Ohne darauf zu achten, dass er sich überall gegner schafft, 
zieht- er unbeirrt seines weges weiter: auch einem fürstbischof sagt er ohne scheu 
von der kanzel her seine meinung. Voll unbestechlicher Wahrheitsliebe, voll scharf 
losfahrenden, aber stets aus lautersten quellen genährten freimutes. erscheint er als 
eine derbe, knorrige gestalt; sein absehen richtet sich einzig darauf, dem gläubigen 
volke zu nützen. Ein demokratischer zug ist in ihm; und es erscheint lohnend, zu 



ÜBER SCHULTE, MARTIN VON COCHEM. 143 

beobachten, wie diese seite des wesens auch in seinem hauptwerk zum ausdruck 
kommt: Christus wird ihm zum helfer der armen, der niedrigen, zum anwalt des 
Volkes; die reichen, die mächtigen sind seine feinde und verfolgen ihn. 

Dem 'Leben Christi' hat Schulte einen lesenswerten abschnitt gewidmet. 
Auf das beste war dieser darstellung durch die gründliche Untersuchung H. Stahls 
vorgearbeitet: 'Pater Martin von Cochem und das 'Leben Christi'. Bonn 1909'. 
Das 'Leben Christi' erschien zuerst 1677 ; ein exemplar dieser ausgäbe scheint sich 
nicht erhalten zu haben; die zweite folgte 1679, andere schlössen sich an, vielfach 
waren es gründliche Umarbeitungen, die zum teil durch ungünstige beurteilungen 
veranlasst worden waren. Martin von Cochem erscheint in diesem werke wie in 
fast allen seinen arbeiten als ein kompilator grossen stiles. Aus der bibel, aus 
mittelalterlichen Visionen, aus kirchenvätern und neueren religiösen Schriftstellern, 
aus den naturwissenschaftlichen Schriften des Jesuiten Athanasiüs Kircher, aus 
reisebeschreibungen und pilgerberichten hat er das für sein werk brauchbare zu- 
sammengetragen. Und alles, was er legendo und excerpeudo gesammelt, wurde 
dann an einem dogmatischen faden aufgereiht; denn nach dem ihm vorschwebenden 
plan gedachte er einen abriss der glaubenslehre zu entwerfen und diesem in einem 
ausführlichen lebensbilde Christi einen geeigneten mittelpunkt zu geben. Man kann 
nun sagen : von den zahllosen einzelzügen ist selten einer Martins geistiges eigen- 
tum. Und doch tut man dem schriftsteiler wieder unrecht, wenn man ihn einen 
kompilator nennt, denn alle die bestandteile, die er aufgespeichert, hat er so in 
sich verarbeitet, dass sie ganz mit seiner eigenart verschmolzen und aus ihr heraus 
neu geschaffen sind. Nach vier richtungen hin zeigt es sich namentlich, dass trotz 
aller entlehnungen in diesem werke eine ursprüngliche kraft tätig ist. Einmal in 
seiner kunst, den seelischen regungen seiner gestalten nachzugehen; dann in der 
treuherzigen, unwillkürlich travestierenden art, mit der er die heilige geschichte in 
das gewand seiner zeit kleidet, und ferner in der fähigkeit, sich jedes bild lebendig 
vorzustellen und es mit ebensolcher anschaulichkeit wie mit einer vor nichts 
zurückschreckenden, auf keine wiikuug verzichtenden wucht der darstellung aus- 
zuführen. Was aber hauptsächlich dazu beiträgt, die Selbständigkeit des ganzen 
sicherzustellen, ist die tatsache, dass sich form und inhalt auf das unmittelbarste 
decken : der Verfasser spricht die spräche seines leserkreises ; er weiss, welche töne 
er anzuschlagen hat, um die heiligen geschichten dem herzen des kleinen mannes 
nahezubringen, und diese naturlaute eines echten Volksschriftstellers saugen alles 
fremde, angelernte in sich auf. So ist trojz der abhängigkeit von den quellen das 
buch ein werk aus einem gusse geworden und zugleich ein abbild des frommen, 
kernigen, aufrechten volksmannes, der es schuf. 

Neben dem 'Leben Christi' kommen für die zwecke dieser Zeitschrift haupt- 
sächlich die historien- und legendenbücher in betracht, d. h. das 'Ausserlesene 
histöry-buch' (vier teile seit 1687), das 'Lehrreiche history- und exempel-buch, nach 
dem aiphabet beschrieben', vier bände seit 1696), die 'Neue legend der heiligen', 
vier bände 1708) und die 'Verbesserte legend der heiligen' (ein band 1705). Auch 
ihnen hat der Verfasser ein lehrreiches kapitel gewidmet, bei dem nur ein genaueres 
eingehen auf die wertvollsten erzählungen wünschenswert gewesen wäre. Bei der 
beurteilung der glaubwürdigkeit seiner vorlagen zeigt Martin fast ausnahmslos 
einen völligen mangel an kritischem sinn ; aber was der theologe, auch der streng- 
gläubige, vielleicht zu beanstanden für nötig hält, das wird dem literarhistoriker 
als ein Vorzug erscheinen, denn ohne dieses gläubige hinnehmen und fürwahrhalten 



144 ELL1NGER 

hätte sich der kapuziner schwerlich so völlig in seinen stoff hineingelebt. Die 
grundsätze, nach denen er die bearbeitung vorgenommen, haben mit dem im 'Leben 
Christi' angewandten verfahren viel ähnlichkeit. Der wünsch nach religiös-sittlicher 
erziehung des Volkes bestimmt seine auswahl; beispiele für das leben sollen auf- 
gestellt werden. In der gestaltung des Stoffes offenbart sich eine gewisse Selb- 
ständigkeit. Für seine zwecke unwesentliches scheidet er aus; dankbare, in den 
quellen nur gestreifte oder skizzenhaft behandelte gegenstände erweitert er, und 
mit besonderer liebe vertieft er sich in alle begebenheiten, bei denen die mögliclr- 
keit vorhanden war, den leser für seelische Vorgänge zu erwärmen. Die weise 
begrenzung des Stoffes, die herausarbeitung des gefühlsmässigen, der schlichte und 
doch packende erzählerton haben zusammengewirkt, um die obengenannten historien 
zu anonymen Volksbüchern werden zu lassen und ihnen in dieser gestalt dauerndes 
leben und dauernde Wirkung zu sichern. Es wird, wie bereits angedeutet, eine 
lohnende aufgäbe sein, auch die anderen stücke der historien- und legendenbücher 
zu prüfen und in den richtigen geschichtlichen Zusammenhang zu rücken. 

Der gesamten literarischen tätigkeit des kapuziners soll und kann hier nicht 
nachgegangen werden. Vieles aus ihr zieht tatsächlich auch mehr den theologen 
als den literarhistoriker an. Immerhin ist es von wert, auch die analysen der 
scheinbar unergiebigen Schriften sorgfältig zu beachten, nicht bloss um die lebens- 
arbeit Martins als ganzes übersehen zu können, sondern auch weil sich manche 
beziehungen zur gleichzeitigen literatur ergeben. Eine besondere hervorhebung 
verdient aber sein 'Büchlein über Gott' (1708); in hohem alter geschrieben, verrät 
es trotzdem nirgends ein nachlassen der krafr, sondern kann vielmehr als der 
höhepunkt von Martins schaffen bezeichnet werden. Überall bezeugt das werkchen, 
wie empfanglich der kapuziner für den natureindruck ist, und mit welcher wärme 
und innigkeit er das liebevoll angeschaute im bilde festzuhalten weiss. Eine neu- 
belebung des werkes wäre durch seinen inneren wert gerechtfertigt. 

In der am Schlüsse des buches entworfenen gesamtcharakteristik des menschen 
und Schriftstellers hat der Verfasser auch über den stil Martins gehandelt. Seinen 
ausführungen kann man in jeder beziehung zustimmen. Martins 'schreibensmanier' 
steht in bewusstem gegensatz zu der Schriftsprache des 17. Jahrhunderts. Auch 
Cochem hat dem gemeinen mann 'aufs maul gesehen' und sucht sich seiner aus- 
drucksweise im ganzen wie im einzelnen anzubequemen. Darum liebt er 'keinen 
hohen stylum, noch hochtrabende worte'. Deutlich bezeichnet er in der vorrede 
zum 'Leben Christi' das ihm vorschwebende ziel: 'Was die Manier zu schreiben 
anlangt, habe ich mich beflissen, alles gantz schlecht und einfältig zu schreiben, 
damit die ungelehrte Bürgers- und Bauers-Leuth alles wohl verstehen mögen. Darum 
wolle mich niemand verdencken, dass ich mich mehrentheils einfältiger und im 
hohen Deutsch gewöhnlicher Worte gebrauche'. Die geflissentliche abkehr von dem 
modischen stil wird durch diese worte bezeugt. Dass ein solches vorgehen den 
gebildeten der zeit vielfach anstössig war, erscheint begreiflich; aber Martin war 
von der richtigkeit seines Verfahrens zu fest überzeugt, als dass er sich durch 
kritische stimmen hätte ablenken lassen; er blieb bei seinem stil auch auf die 
gefahr, 'den namen eines simpels oder einfältigen scribenten zu bekommen'. Weil 
Martin beständig aus dem lebendigen born der Volkssprache schöpfte, blieb sein 
ausdruck ursprünglich, ungekünstelt und hebt sich wohltuend von dem gespreizten 
stil der renaissancepoesie ab. Dabei nimmt diese spräche noch nach einer anderen 
richtung hin eine besondere Stellung ein. Die volkstümliche Strömung des 17. jähr- 



ÜßEi: SCHÖLTE, MARTIN VON" COCHEM. 14B 

hunderte, die im wesentlichen den grundcharakter des 16. fortsetzt, beweist ihre 
Zusammengehörigkeit auch in der auf den gemeinsamen Ursprung zurückweisenden 
ausdrucksform. Von dieser unterscheidet sich Cochems spräche durchaus : in ihrer 
eigenwilligkeit, ihrer herben frische steht sie ausserhalb jeder literarischen Über- 
lieferung; sie zieht ihre kraft lediglich aus der unausgesetzten und unmittelbaren 
berührung mit der Volkssprache. Eine leider noch immer ungeschriebene und doch 
so notwendige geschichte des poetischen Stils im 17. Jahrhundert hätte daher 
Cochem besonders zu berücksichtigen. 

Im einzelnen sei noch folgendes hervorgehoben: der katechismus Martins, 
sein 'Kinderlehr-büchlein, Oder ausslegung des Catholischen Catechismi' (1682) liegt 
scheinbar ausserhalb der reihe der für die literarhistorische forschung in betracht 
kommenden schriften. Trotzdem ist es namentlich im hinblick auf das soeben 
besprochene nicht unnütz, dabei zu verweilen. Denn für die anschaulichkeit des 
volkstümlichen Sprachschatzes bietet dieses werkchen besonders gute beispiele. - 
Über das Verhältnis des 'Lebens Christi' zu den passiousspielen gibt der Verfasser 
ein vollkommen richtiges urteil ab : abhängigkeit Martins von den passionsspielen 
ist ausgeschlossen; wo ältere spiele mit ihm übereinstimmen, erklären sich die 
anklänge daraus, dass gleiche oder ähnliche quellen ebenso den Verfassern der spielt' 
wie Martin vorgelegen haben ; dagegen ist es nicht zweifelhaft, dass zahlreiche 
jüngere passionsspiele durch das 'Leben Christi' beeinflusst worden sind; und die 
von Amman gelieferten nachweise der entlehnung können gelegentlich zur fest- 
stellung der entstehungszeit der betreffenden fassungen gute dienste leisten. — Der 
von Schulte angestellte vergleich zwischen Cochem und Abraham a Sancta Clara 
stellt zwar eine Übereinstimmung in Charaktereigenschaften und bestrebungen, aber 
eine grundverschiedenheit in den darstellungsmitteln fest: bei Martin von Cochem 
fehlen alle burlesken elemente. Die Zusammenstellung Abrahams mit Sebastian 
Brant erscheint etwas künstlich; näher läge schon ein vergleich mit Brants freund 
Geiler von Kaisersberg. — In dem bereits erwähnten schlusskapitel findet sich ein 
lehrreicher abschnitt über das fortleben Martins. Namentlich ziehen dabei die 
mitteilungen über das Schicksal an, das die Cochemschen schriften in der aufklärungs- 
zeit getroffen hat, wo sie als Urbilder pfäffischer Verkehrtheit angesehen wurden. 

Überall zeugt das buch von gründlicher Vertrautheit mit dem gegenstände und 
ausreichender kenntuis der deutschen dichtung des 17. Jahrhunderts. Die urteile 
des Verfassers erweisen sich als wohlerwogen und massvoll; man kann ihnen fast 
immer zustimmen. Nur in einem falle wird der literarhistoriker mit der von dog- 
matischen rücksichten bestimmten auffassung nicht einverstanden sein. Wie der 
Verfasser es rügt, dass Martin in Jesus das menschliche allzu stark betont, so erhebt 
er auch gegen die art einspruch, in der Maria zuweilen vorgeführt wird. 'Maria 
erscheint manchmal zu wenig gefasst, ruhig und standhaft. So ergreifend die 
Schilderungen des Schmerzes im mutterherzen Mariens immerhin sein mögen, so 
erinnert doch z. b. ihr erschütterndes klagegeschrei beim tode Jesu oder ihr ver- 
halten bei der kreuzabnahme mehr an das alltägliche wirklichkeitsieben oder an 
die ohnmächtige 'Maria unter dem kreuze' unserer realistischen maier als au die 
hehre Schmerzensmutter, welche die wenigen schriftworte gezeichnet haben.' Wer 
derartige fragen nicht vom religiösen Standpunkte aus betrachtet, sondern das für 
die weitere entwicklang der dichtung bedeutsame ins äuge fasst, wird wesentlich 
anders urteilen und in Martins versuch, das reiu menschliche herauszuarbeiten, einen 
besonderen Vorzug sehen. Es wäre eine zwar schwierige, aber ungemein lohnende 
ZEITSCHRIFT F.DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XL VIII. 10 



14tl STRAUCH 

aufgäbe, aus der deutschen dichtung des 17. Jahrhundert die wichtigsten und ent- 
scheidensten vorkiänge der individuellen poesie des 18. Jahrhunderts zusammen- 
zustellen und nach ihrer bedeutung einzuordnen. In einer derartigen Sammlung 
würden auch die von dem Verfasser getadelten Schilderungen nicht fehlen dürfen. 

Nicht recht verständlich ist es, was das urteil Scherers über Klopstocks ver- 
fehlte bearbeitung älterer kirchenlieder (s. 60 unten) mit dem vergleich zwischen 
dem "Messias' und Cochems 'Leben Christi' zu tun hat. Bei einer neuauflage des 
buches müsste diese wie zufällig hereingewehte stelle auf jeden fall beseitigt werden. 

Denen, die nicht das glück haben, eine grössere bibliothek benützen zu 
können, bietet sich jetzt gelegenheit, den Volksschriftsteller wenigstens in einigeu 
bezeichnenden proben kennenzulernen. Unter dem titel : 'Der ros eng arten' 
bat Heinrich Mohr eine auslese aus den werken Cochems veranstaltet. (Frei- 
burg i. B.. Herdersche Verlagsbuchhandlung o. j. [1912] XII und 336 s. 2,80 m.). 
Aus fast allen Schriften werden nach inhalt und form bemerkenswerte stellen dar- 
geboten. Die anorduung entspricht ungefähr der art, in der Denifle seine einseitige, 
aber dem freunde der mystik doch wertvolle anthologie: 'Das geistliche leben' ein- 
gerichtet hat, d. h. die ausgewählten stücke werden nach religiösen gesichtspuukten 
aneinander gereiht und so in eine lose Verbindung gebracht. Den schluss bildet 
die Originalfassung der historie von Genoveva (mit kleinen änderungen und aus- 
lassungen). Wie bei Denifle gibt ein quellenverzeiclniis über die herkunft der 
einzelnen stücke auskunft. Eine lesenswerte einleitung, die den volksschriftsteller 
des 17. Jahrhunderts mit Alban Stolz, dem katholischen volksschriftsteller des 
19. Jahrhunderts, vergleicht, ist der auswahl vorausgeschickt. In den sparsamen 
anmerkungen fällt auch einiges für die literaturgeschichte ab. Stahl hatte in der 
obenerwähnten Untersuchung den nachweis zu führen gesucht, dass ein kapitel in 
Cochems 'Leben Christi' auf Spees 'Guldnem tugendbuche' beruhe. Schulte, der in 
seiner biographie diese ansieht bloss berichtend wiedergegeben hatte, gibt nach 
Mohrs mitteilung die höchst wahrscheinlich richtige lösung der frage: nicht Cochem 
schöpfte aus der schritt Spees (die er allerdings kannte), sondern beide gehen auf 
ein und dieselbe noch nicht nachgewiesene quelle zurück. 

Und so möge es denn auch noch nachträglich erlaubt sein, den in doppel- 
gestalt erschienenen Martin von Cochem redivivus allen freunden der deutschen 
dichtung auf das beste zu empfehlen. 

BERLIN. GEORG ELLINGER. 



Fritz lirüggemann, Utopie und robinsonade. Untersuchungen zu Schnabels 

Insel Felsenburg. [Forschungen zur neueren literaturgeschichte. Herausgegeben 

von dr. Franz Muncker. XLVI]. Weimar, Alexander Duncker 1914. XIV, 200 

s. nebst einer tafel. 8 m. 

Der Verfasser, dem wir bereits eine feinsinnige studre über die ironie als 

entwicklungsgeschichtliches moment verdanken, gibt in der vorliegenden schritt eine 

eindringende analyse der Insel Felsenbarg, deren literargeschichtliehe Stellung 

trotz mehrfachen früheren bemühungen doch zu einseitig bestimmt sein möchte, 

wenn man sie zunächst stets als robinsonade, freilich mit utopistischem einschlag, 

betrachtete (vgl. meine ausführungen im Anzfda. 23, 81), andererseits hat die Staats- 



ÜBER BRÜGGEMANN, UTOPIE UND ROBINSONADE 147 

wissenschaftliche forschung sie meist bei der behandlung der staatsromane über- 
gangen, da jene nur die archistischen, die rein politischen Utopien, die es auf eine 
änderung der politischen einrichtungen absehen, als für sich beachtenswert an- 
erkannte. Erst A. Voigt (Die sozialen Utopien. 1906) hat auch die anarchistischen 
Utopien, die auf kultureller entwicklung der menschen beruhen (politisch-kulturelle 
Utopien mit radikalem nebengedanken) mit in den kreis seiner betrachtung gezogen; 
die rein kulturellen Utopien ohne jeden politischen nebengedanken dagegen schliesst 
auch er aus. Zu diesen aber gehört nach Brüggemann gerade die Insel Felsenburg, 
die deshalb nicht nach rein literarhistorischen, sondern nach kulturhistorischen 
gesichtspunkten gewürdigt werden muss. Br. meint, die politischen Verhältnisse 
des damaligen Deutschlands hätten die Insel Felsenburg nicht veranlasst — in diesem 
falle würde sie eine politische Utopie sein — , sie befasse sich mit dem ganzen 
europäischen kulturkreis. Es ist schon von anderer seite (Literaturblatt f. germ. u. 
rom. phil. 1915 sp. 10) bemerkt worden, dass dies doch nur bedingt zutrifft, die ' 
Insel Felsenburg daher besser als eine mischform der beiden von Voigt statuierten 
hauptformen der Utopien anzusehen sei. Auf jeden fall nimmt sie eine Sonderstellung 
<ün und verlangt sorgfältigste analyse; diese bildet denn auch das erste kapitel in 
Br.s schrift, das zunächst die haupthandlung des romans, die geschehnisse und das 
' in ihnen hervortretende gefühlsieben . schildert, im anschluss daran die nebenhand- 
lung, die lebensläufe des verfolgten in ihrer kulturellen bedeutung und auf die in 
ihnen zutage tretende Weltanschauung hin untersucht. 

Kabale und humanität sind die grossen, als Unterscheidungsmerkmale für da^ 

17. und 18. Jahrhundert geltenden gegensätze, die in der Insel Felsenburg zum 
uustrag kommen, es sind die gleichen konflikte, die uns später dramatisiert auch in 
Emilia Galotti und Luise Millerin begegnen. Das neue gefühlsleben im beginnenden 

18. Jahrhundert beruht auf der religiösen Vertiefung, der quelle für den pietismus. 
Defoes Robinson ist typus der ganzen zeitströmung, insbesondere für Deutschland. 
In der Insel Felsenburg kommt zu dem religiösen gefühl ein rein menschliches 
hinzu, das namentlich auch aus den Schicksalen der erst später in die gemeinschaft 
aufgenommenen zu uns spricht: es ist das echte gefühl, das sich bald als keusch- 
heit, bald als Wertschätzung der ehe (im gegensatz zu den galanten romanen), als 
redlichkeit und aufopferungsfähigkeit betätigt. Die 'Fata' der Insel Felsenburg 
wollen nicht den leser belehren, vielmehr ihm eine 'besondere gemütsergötzung' 
bereiten, und Br. hat recht, die empfindsame spräche, insbesondere die gemüts- 
terminologie im roman so stark (s. 28 f.) zu betonen. Einem Robinson bleibt sein 
inselaufenthalt ein exil, das ihm gottes 'providenz' auferlegt hat; die Insel Felsen- 
burg ist dagegen, nachdem Albert und Concordia sich gefunden haben, diesen und 
allen, die sie später bevölkern, ein asyl, eine Zufluchtsstätte, wo sie sich vor den 
kabalen der europäischen weit geborgen wissen, zu der andere keinen zutritt haben. 
Allein das geschlechtliche moment, das von anfang an die geschehnisse beeinflusst, 
zwingt sie, mit der aussenwelt die Verbindung aufrecht zu erhalten; ein dauerndes 
raisstrauen gegen diese, insbesondere gegen jeden neuankömmling, bleibt jedoch 
der Felsenburger gemeinschaft eigentümlich, während Defoes Robinson dies inotiv 
kaum streift. 

Dass der erste teil der Insel Felsenburg der einzig wirklich wertvolle ist, 
ist bekannt ; die weiteren teile spinnen das System nur weiter fort : in dem ur- 
sprünglichen idealstaat der tilgend und redlichkeit gewinnt bei zunehmender bevöl- 
Jkerung mehr und mehr das kommunistische prinzip an geltuug, es entwickelt sich 

10* 



14N STRAUCH 

»•ine republikanische staatsform, in der jedoch die politischen ideale nur folge- 
erscheinuni.Mii. nicht ursächlich sind. 

In der beurteilung der zahlreich eingefügten lebensläufc tritt Br. für deren 
kulturhistorischen wert, für ihre Glaubwürdigkeit ein in Übereinstimmung mit der 
allgemeinen ansieht, während R. Fürst in ihnen mehr konventionelle literarische 
Produkte nach alten mustern erblicken wollte, erfunden als kontrast zum Felsen- 
burger friedensidyll. Es ist aber reale weit, die weit des alten regimes, die sich 
in diesen lebensschicksalen vor uns auftut, in der einziy und allein die nützlichkeit 
und der vorteil, das egoistische interesse den ausschlag geben, gleichviel, ob nur. 
durch lug und trug das gesetzte ziel zu erreichen ist. Dem 'politischen' menschen 
ist jeder weg, jedes mittel recht. Damit soll nicht gesagt sein, dass diese 'bilder 
aus deutscher Vergangenheit' nun etwa in jedem einzelnen zuge erlebtes wider- 
spiegeln ; in. den Grundlinien aber sind sie echt, in der mehrzahl eingegeben vom 
rauhen, gewalttätigen geiste des 17. Jahrhunderts, noch unberührt von den weicheren, 
regungen einer neuen zeit, die für den Felsenburger idealstaat bereits angebrochen, 
ist, die die dorthin geflüchteten ersehnen ; es ist die Sehnsucht nach freiheit (s. 84). 

Br. untersucht dann das abhängigkeitsverhältnis Schnabels von der ihm 
voraufgehenden Robinson- und Utopien-literatur bis zum erscheinungsjahr der Insel 
Felsenburg (1731) und stellt drei miteinander im Zusammenhang stehende punkte-« 
als hierfür besonders beachtenswert fest: 1. die auffassung des inselaufenthaltes als 
eines asyls, nicht eines exils; 2. als folge davon das systematische und keineswegs- 
nur unfreiwillige sichabschliessen gegen die aussenwelt, insbesondere gegen die 
europäische kulturweit; 3. ein geschlechtliches moment, das die abschliessung zn^ 
durchbrechen nötigt. Auszugehen war von Defoes- Robinson Crusoe, dem Br. s. 87 ff., 
eine ausführliche analyse widmet, die zu dem ergebnis führt, dass für die wesent- 
lichen züge der Insel Felsenburg sich aus dem Robinson Crusoe nichts ergibt. Die 
insel bleibt diesem ein exil, die abgeschlossenheit hat andere gründe als in der 
Insel Felsenburg, das geschlechtliche moment spielt keine rolle. Dagegen könnte 
Schnabel in dem betonen der handwerklichen fähigkeiten durch Defoe augereg t? 
worden sein. Das ideal, das Robinson für seine kolonie hegt, ist in erster linie 
ein rein praktisches, wirtschaftliches ; der gedanke, einen idealstaat in utopistische! 
art zu gründen, lag ihm fern; einzelne idyllische züge sind im sinne eines ideal* 
der genügsamkeit zu verstehen. 

Überhaupt ist der einfluss Defoes auf die robinsonadenliteratur bisher über- 
schätzt worden. Br. weist das namentlich Kippenberg gegenüber ausführlich nach: 
die abkängigkeit der übrigen robinsonaden von Defoes Robinson Crusoe beschränkt 
-ich auf anregung im allgemeinen. S. 104 ff. bespricht Br. auf die obengenannten 
Gesichtspunkte hin neun robinsonaden aus den jähren 1719—1731, von denen vier 
Übersetzungen aus dem holländischen, französischen und englischen (2) und in den 
originalen z. t. erheblich älter sind als Robinson Crusoe: es sind Der holländische 
Robinson Heinrich Texel (über ihn s. jetzt noch Germ.-rom. monatsschrift 6, 304),. 
Bernhard Creutz, Wilhelm Retchir, Der französische Robinson Franc. Leguat, Gustav 
Landeron, Der amerikauische Robiuson, Joris Pines (engl.), Philipp Quarll (engl.), 
Die begebenheiten des herrn von Lydio. Der letzteren drei gedenkt Schnabel (neu- 
druck s. 4*) in abfälligen, den konkurrenten verratenden worten. Einzeln finden 
sich die erwähnten motive in diesen robinsonaden wohl benutzt, und Br. weist über- 
zeugend nach, wie der asylbegriff bereits im Französischen Robinson, dessen einfluss- 
auf Schnabel auch sonst evident ist, bedingt auch im Philip Quarll und Wilhelm, 



ÜBER BRÜGGEMANN, UTOPIE UND ROBINSONADE 149 

Uetcbir sich findet, besonders aber das geschlechtsproblem durch mehrere der ge- 
nannten robinsonaden vorbereitet war. Vereint, wenn auch nur im keime, erscheinen 
•die drei motive allein in der neubearbeitung des Joris Pines vom jähre 1726: 
asylmotiv und abschlussinotiv, letzteres weniger robinsonadisch als utopistisch ver- 
wendet, sind zwar miteinander verknüpft, das geschlechtliche motiv dagegen ist 
ohne ursächliche beziehung zu diesen geblieben ; diese verquickung vollzog erst der 
Felsenburgdichter. Literarische anregungen nutzend, hat er als erster konsequent 
-den gedanken des asyls als gegenständ der Sehnsucht durchgeführt (s. 136, vgl. 
schon Deutsche rundschau 56, 386. 389 und Böttekens ausführungen in der Zeitschr. 
f. vgl. literaturgesch. n. f., bd. 9), desgleichen ist die Verbindung des geschlechtlichen 
Problems mit einer Wirkung nach aussen seine erfindung. Im Französischen Eobinson 
und Philip Quarll bleibt das problem eine rein interne frage (s. 137). Angedeutet 
waren übrigens die drei motive schon in der ältesten deutschen vorrobinsonade, im 
Simplicissimus. Br. behandelt die parallelen zwischen ihm und der Insel Felsenburg 
in allen ihren einzelheiten (s. 137 ff.). Der einfiuss Grimmeishausens lässt sich für 
Schnabel in weit höherem masse feststellen, als man bisher angenommen hat, ob- 
wohl man doch nicht an jener episode vorübergegangen war. i Für diese wieder hat 
vielleicht der original-Piues einige züge geliefert. 

Da das asyl- und abschlussinotiv auch ein typischer zug für die Utopien ist, 
hält es im einzelfalle schwer, die quelle der entlehnung — robinsonade oder Utopie — 
zu ermitteln. Indem Br. deshalb zunächst vorsichtig s. 144 das Verhältnis der 
Insel Felsenburg zu den früheren robinsouaden dahin zusammeiifasst, dass er der 
letzteren einfiuss, was die wesentlichen motive betrifft, lediglich auf die gestaltung 
iles geschlechtlichen motivs einschränkt, wendet er sich im dritten kapitel aus- 
-chliesslich den Utopien zu, um auch in ihnen die im Vordergrund .stehenden motive 
in ihrer ev. einwirkung auf die Insel Felsenburg zu verfolgen. Hier aber ergibt 
i-ine nähere prüfung, dass in der tat die gestaltung des geschlechtlichen motivs 
der robinsonade eigentümlich ist, die beiden anderen motive aber von den Utopien 
herzuleiten sind. Br. lässt zu diesem zweck in bald kürzerer, bald längerer Charak- 
teristik die Utopien des Thomas Monis, Campanella und Valentin Andreae, Vairasses 
Geschichte der Sevaramben, Foignys Südland (Jacques Sadeur), Ophirischer Staat, 
Smeeks' Königreich Krinke Kesmes, Peter von Mesange und Schütz' Land der Zu- 
friedenheit (Faramunds glückseeligste insel) am leser vorüberziehen. Besonderes 
interesse beanspruchen die Geschichte der Sevaramben und Jacques Sadeur, in 
denen gleichfalls die drei motive vorgebildet sind: ihr einfiuss auf Schnabel ist. 
»icher, und auch das Land der Zufriedenheit wird ihm bekannt gewesen sein. Das 
neue soziale gefühlsieben, das sich mit dem anbrechenden 18. Jahrhundert auftut 
und dichterisch den asylbegriff zeitigt, begegnet bereits in der zweiten hälfte des 
17. Jahrhunderts im Französischen Eobinson und den beiden genannten Utopien 
französischen Ursprungs und ist auch im deutschen Siniplicissimus schon angedeutet: 
Schnabel aber ist der erste deutsche dichter, der dieses gefühl 'zukunftsahnend 
den ereignissen seines romans voll entwickelt zugrunde legt'. Bei Vairasse und 
Foigny sind asylmotiv und abschlussinotiv in ursächlichen Zusammenhang gebracht, 
aber auch in allen anderen Utopien ist letzteres, wenn auch nicht konsequent durch- 
geführt, so doch wenigstens in vereinzelten Symptomen (inselcharakter, strenge 
prüfung fremder ankömmlinge, geheimhaltung des landes, bestimmte kleiderordnung) 
•vorgebildet, so dass es zusammen mit dem asylmotiv als utopistisch angesprochen 
«werden darf. Das exilmotiv dagegen ist konnzeichen der reinen robinsonade 



150 KOPP 

und /.war in noch höherem masse als die von Ullrich hetonte insulare abge- 
schlossenheit. 

Die Insel Felsenburg leitet nicht, wie Kippenberg annahm, eine zweite 
gattung der robinsonaden ein, sondern ist etwas neues, indem die rohinsonade mit 
dem ihr eigentlich widerstrebenden asylbegriff verbunden wird. In den äusseren 
Voraussetzungen ähnlich, bilden ihrem innern wesen nach robinsonade und Utopie 
im gründe einen gegensatz. Zuerst robinsonade wird die Insel Felseuburg nach 
der eheschliessnng zwischen Albert und Coucordia Utopie. Schnabels dichterische 
begabung erreicht zweifellos in der Vereinigung der beiden liebenden ihren höhe- 
punkt, in der partie also, die in das gebiet der robinsonade gehört. 

Ich wüsste aus meinen eigenen, viele jähre zurückliegenden robinsonstudien 
kaum etwas wesentliches beizusteuern zu Br.s methodisch mustergültiger arbeit, 
die das komplizierte motivenmosaik ebenso geschickt zerlegt, wie sie es vor dem 
leser neu erstehen lässt (ein beigefügter Stammbaum veranschaulicht es ausserdem 
in übersichtlicher weise). % Das schöne buch belehrt nicht nur, es wirkt auch als 
kunstwerk. 

HALLE A. D. S., MÄRZ 1916. PHILrPP STRAUCH. 



Gottscheds Korrespondenten. Alphabet, absend er regist er zur Go ti- 
sch edschen brief Sammlung in der Universitätsbibliothek Leipzig von 
Wolfram Suchier. (Sonderdruck aus der Kleinen Gottschedhalle [Jahrbuch 
der Gottschedgesellschaft] bd. 7 und 8.) Berlin, Gottschedverlag 1912. 83 s. 
Nachdem Gottsched im jähre 1738 der in der Güntherbiographie Steinbachs 
enthaltenen ausfälle w r egen den vorsitz in der Deutschen gesellschaft zu Leipzig 
niedergelegt und seinen austritt angemeldet hatte, beides auch, wahrscheinlich sehr 
gegen seine stille hoffnung, ohne weiteres angenommen war, sank seine geltung 
in den mehr als 2'/a Jahrzehnten seines noch übrigen lebens beständig; und für die 
folgezeit nach seinem tode die klassische zeit hindurch und noch lange darüber- 
hinaus litt sein andenken unter einer starken geringschätzung, so dass man ihm 
fast- jedes verdienst absprach und in ihm nur einen langweiligen, anmassenden, 
schulmeisterlichen pedanten sehen wollte, der sich unberufen als geschmacksrichter 
aufspielte, während er in kunstsachen ganz ohne. Verständnis und urteil war. Erst 
gegen die mitte des 19. Jahrhunderts, nach einführung objektiver kritisch-historischer 
grundsätze, griff allmählich eine gerechtere Würdigung um sich, die nun schliesslich 
in einer gut gemeinten und sicher unschädlichen, vielleicht sogar der Selbstbesinnung 
des deutschen Volkes nützlichen und zuträglichen Überschätzung dieses freilich 
urdeutschen mannes, gegenüber der früheren verkennung scharf zugespitzt, bei der 
von Eugen Reichel begründeten Gottschedgesellschaft gipfelt. 

Dank diesem seinem unermüdlichen Vorkämpfer Eugen Reichel tritt Gottsched 
mit seinen alles deutsche geistesleben klar und planmässig umfassenden bestrebungen 
in immer hellere, zugleich für ihn günstigere beleuchtung. Schon manche schätzens- 
werte leistung zum andenken des erwählten schutzgeistes ist aus den kreisen der 
Gottschedgesellschaft hervorgegangen. 

Eine bisher gerade wegen ihres übergrossen reichtums wenig benutzte, jedes- 
falls noch lange nicht genug ausgebeutete fundgrube literatur- und kulturhistorischer 



ÜBER GOTTSCHEDS KORRESPONDENTEN 1 5 1 

daten stellen die 22 in der Leipziger univ.-bibl. befindlichen bände des Gottsehed- 
sehen briefwechsels dar mit mehr als 4700 briefen aus den jähren 1722—56, wobei 
der erste band 1722-30, der zweite 1731-33, der dritte 1734-36, der vierte 1737-38, 
sodann 5, 6, 6 a, 7 usw. bis 21 jeder band je ein jähr 1739— 56 umfasst. Dieser 
gewaltigen masse stand man lange zeit einigermassen ratlos gegenüber; selbst wer 
darin etwas für ihn brauchbares vermutete, scheute vor dem Zeitaufwand zurück. 
etwa wegen einzelner persönlichkeiten und weniger briete womöglich vergebens 
nur aufs geratewohl das ganze durchzusehen. 

Wenn die Sammlung von briefen im jähre 1756 aufhört, will Danzel es damit 
erklären, dass Gottscheds ihm 1735 angetraute gattin und fleissige gehilfin, deren 
werk und verdienst wahrscheinlich die Veranstaltung, anordnung und aufbewahrung 
des ganzen briefschatzes ist, in den letzten jähren ihres lebens bis zu ihrem 1762 
erfolgten tode leidend und an ihrem früher so liebevoll gehegten und verehrten 
mann irre geworden war. demgemäss, die freude daran verloren hatte. Wenn aber 
die korrespondenz beider seit 1739 einen besonders lebhaften, deutlich wahrnehm- 
baren aufschwung nahm, so lag es hauptsächlich daran, dass Gottsched, seit ihm 
an der Leipziger gesellschaft eine wertvolle bundesgenossin abtrünnig geworden 
war, alsbald auf die suche nach andern getreuen Schildknappen und stattlichen 
gefolgsmannschaften gieng und zu diesem behuf nach allen Seiten schrieb und sich 
schreiben liess. Aber im lauf der jähre mag er wohl zur einsieht gekommen sein, 
dass all seine liebesmühe verloren, seinem namen die werbende kraft abhanden 
gekommen sei, worauf dann wohl auch sein eifer im briefwechsel nachliess, besonders 
nachdem der beginn des siebenjährigen krieges viele Verbindungen gewaltsam 
unterbrochen hatte. 

Danzel hat als erster für 'sein 1848 erschienenes werk 'Gottsched und seine 
zeit, auszüge aus seinem briefwechsel' sich ernstlich und, wie sein buch beweist. 
mit bestem erfolg an das unternehmen herangewagt, sich durch den ganzen wüst 
hindurchzuarbeiten, hat aber nur wenige nachfolger, obschon die reichen ergebnisse 
seiner arbeit das lohnende vor äugen stellten, gefunden, vielleicht weil man gerade 
daraufhin die sahne für bereits abgeschöpft hielt. Immerhin, wenn auch die 
forscher nach wie vor öfter wegen einzelheiten den umfangreichen briefwechsel 
werden einsehen wollen, als das ganze durchackern, und sich davon stets noch 
reichen ertrag au mannigfachen aufschlüssen versprechen dürfen, so war eine über- 
sichtliche inhaltsangabe der 22 grossen bände nur ein desto dringlicheres bedürf- 
nis. Man war bisher auf das von Danzel angefertigte, .in der Leipziger univ.- 
hibliothek auch vorzufindende handschriftliche Verzeichnis angewiesen, das die briefe 
nach ihrer chronologischen folge gibt, aber manche ma'ngel zeigt. Dem bedürfnis 
nach einem vollständigen, unbedingt zuverlässigen, leicht übersichtlichen, zweck- 
mässig eingerichteten, mit aller möglichen Sorgfalt und genauigkeit hergestellten 
leitfaden hat nunmehr W. Suchier durch das alphabetische register der absender 
in seinem gediegenen büchlein 'Gottscheds korrespondenten' glücklich abgeholfen. 
In diesem büchlein steckt eine schier unsägliche mühewaltung und arbeit; es erspart 
allen, die sich mit jener zeit beschäftigen, viel zeit und mühe und verdient ihren 
dank in vollstem masse. Da man jetzt von vornherein wissen kann, ob und wo 
man etwas innerhalb des weitschichtigen briefwechsels von einer bestimmten per- 
sönlichkeit findet, werden sich fraglos die gelehrten fortan ungleich öfter dieser 
nunmehr bequem zugänglichen, keineswegs erschöpften quelle zuwenden. Wer in 
die geschiente des geistigen lebens vor unserer klassischen periode tieferen einblick 



L62 CASTLE 

auf grand gewissermassen vertraulicher mitteilungen, angaben und auskünfte 
gewinnen will, kann schwerlich eine belangreichere, vielseitiger anregende Stoff- 
sammlung rinden als diese 22 bände von briefen aller art, wo die geheimen inneren 
zusammenhänge der entwicklung meist unverhüllt zutage treten, und kann dabei 
des von Suchier gebotenen registers nicht entraten. Erst vermöge dieses unent- 
behrlichen hilfsmittels eröffnet sich eigentlich diese literatur- und kulturhistorische 
Vorratskammer mit ihrer ganzen fülle. 

MARBURG. . A. KOPP (f). 



Dr. Rudolf Payer, ritter von Thurn, Grillparzers ahnen. Eine festgabe 
zu August Sauers 60. geburtstage, herausgegeben vom Literarischen verein in 
Wien. Wien 1915. Verlag des Literarischen Vereines in Wien. 56 s. 4°, 
1 Stammtafel, 4 faks. und 2 abbild. [Nicht im buchhandel.] 

Es war ein glücklieber gedanke, August Sauer zum 60. geburtstag eine fest- 
gabe zu widmen, die au des Jubilars eigene 'Studien zur familiengeschichte Grill- 
parzers* (Symbolae Pragenses. Wien 1893. S. 195—214) anknüpft. 

Grillparzer selbst liegte keinen zweifei, dass sein familienname mit dem 
namen einer örtlichkeit in Zusammenhang stehe, nur fehlte ihm eine nähere künde 
über die herkunft seiner familie; dass sie aus Oberösterreich stammte, hat er viel- 
leicht noch gewusst, wenigstens fällt es auf, dass er sich gerade oberöster- 
reichische örtlichkeiten notierte, von denen sein naine abgeleitet sein konnte. Bei 
den Studien zum 'Bruderzwist' 1829 las er in Khevenhüllers Annales Ferdinandei 
(IV 135) von einem schloss Partz in Oberösterreich, in der nähe von Neumarkt; 
1846 fand er in Jodok Stülz' 'Geschichte des zisterzienserklosters Wilhering' (1840, 
s. 54) unter dem jähr 1393 eine Stiftung der, gräfin Elsbeth von Schaumberg er- 
wähnt, die dem kloster 15 guter widmete, darunter ein Grillenparz. 

Die herkunft seines namens setzte er Holtei einmal auseinander (Grillparzers 
bespräche nr. 738) : "Parz, hergeleitet von parzelle, heisst bei österreichischen land- 
leuten so viel als: ein grundstück, ein abgeteiltes feld, zunächst eine wiese. Daher 
Mühlparz, Dorfparz, Bergparz usw. Grillparzers urahn hat unbedenklich eine wiese 
an seinem bauschen gehabt, die von grillen wimmelte und deshalb 'Grillenparz 1 
genannt wurde. Er hiess denn der 'Grillparzer". Gewiss ist parz sowenig von 
frz. parcelle,' lat. particella herzuleiten wie (nach Schindler) von einem slav. po 
feka ('am fluss'), sondern am wahrscheinlichsten wird es, wie mir auch prof. Much 
bestätigt, auf das in der bairischen mundart heimische porz, parz, 'busch, hügel' 
zurückzuführen sein. 

Nach dem gemeindelexikou gibt es in Oberösterreich 14 'Parz 1 , und neben 
Knieparz, Kohlparz, Mühlparz. Nöparz, Oberparz, Schmidparz und Weinparz begegnen 
noch heute vier Grillparz als bezeichnungen für weiler oder gehöfte, und zwar 
in der Ortschaft Pugram (bez. Haag), in Schabetsberg (bez. Waizenkirchen), in 
Waizenkirhen und in llolzhausen (bez. Wels); es hat aber in alter zeit deren noch 
viel mehr gegeben. Von welchem Grillparz die Grillparzer ihren namen haben, 
konnte bis jetzt noch nicht aufgehellt werden. 

Sauer hatte aus der beziehung von Grillparzers vorfahren zu dem Wind- 
bagschen alumnat in Wien, das in erster reihe für Oberösterreicher bestimmt war, 
auf die abstammung der familie aus Oberösterreich geschlossen, hatte auch seiner- 



ÜBEB PAYEB, GRILLPARZERS AHNEN 153 

*eits die herleitung des familiennamens von einem flur- und Ortsnamen Grillenparz 
angenommen, vermochte aber nicht nachzuweisen, 'wann der erste Grillparzer 
dem ländlichen berufe sich entzog und in Wien sich niederliess' ; denn über den 
Lrrossvater des dichters reichte unsere kenntnis damals nicht hinauf. 

Rudolf von Payer ist es gelungen, des dichters väterliche vorfahren bis zum 
fünften grad der geraden linie, die mütterlichen bis zum vierten grad hinauf zu 
verfolgen, damit die frage nach der herkunft der familie zu lösen und ihre geschieht«' 
in den gröbsten umrissen zu zeichnen. 

Grillparzer, die urkundlich sicher als vorfahren des dichters nachzuweisen 
sind, tauchen zum erstenmal im 17. Jahrhundert im bereich der herrschaft Bergheim 
in Oberösterreich (Mühlviertel, jetzt bezirkshauptmannschaft Linz, gerichtsbezirk 
Ottensheim, pfarre Feldkirclien an der Donau, vierthalb stunden ober Linz am 
linken stromufer 1 ) auf. Hier gab es noch 1685 eine 'Grillparzer behausung' am 
Rottenberg in Beigheim und eine 'Grillpartzer hofstatt' in Niederobern dorf, benen- 
mingen, die jedoch im laufe der nächsten Jahrzehnte (1735, beziehungsweise nach 
1752) verschwinden. 

Ausser in den nach Feldkirchen eiugepfarrten dörfern waren die Grillparzer 
wohl auch in den dörfern der benachbarten pfarre St. Martin als eine weitverzweigte 
dpjie ansässig, was aber noch nicht untersucht ist. 

von Payer war erst nach dem erscheinen der an einen bestimmten termin 
gebundenen festschrift in der läge, auch den eisten band der taufmatriken von 
Feldkirchen an ort und stelle zu durchforschen. Es hat sich dabei, wie er mir 
•freundlich mitteilt, die folgende berichtigung der von ihm aufgestellten ahnentafel 
ergeben : 

Der älteste nachweisbare Grillparzer heisst Hans und sitzt auf dem ,Schwantzer- 
gietl' oder der ,Schwäntzer hofstatt' zu Ober-Oberndorf, pfarre Feldkirchen. Von 
seiner ersten ehefrau Katharina hat er fünf kinder. Der älteste söhn Georg heiratet 
schon am 2; februar 1655 Sabina. des Veichten Eydendorffress auf dem Vogteberger 
yuetl und Ursula, seiner hausfrau, eheliche tochter, dürfte also etwa um 1635 ge- 
boren sein (so weit reichen die taufbücher nicht zurück). Als erste eintragung in 
der 1636 beginnenden taufmatrik findet sich die taufe einer tochter Katharina 
( 14. april 1640) verzeichnet, die schon im alter von 14 tagen gestorben zu sein 
scheint, denn in der 'Kirchenraittung' der pfarre Feldkirchen ist am 1. mai 1640 
truchen und parduechgelt' 'von des Grilpartzers khündt' verrechnet. Dann folgen 
hintereinander zwei söhne desgleichen namens Adam (7. augustl641 und26.juui 1643), 
die beide als kinder gestorben sein müssen, und am 1. februar 1648 ein söhn 
Matthias. Hierauf scheint (die totenbücher beginnen erst später) trau Katharina 
gestorben zu sein, denn am 8. februar 1655, sechs tage nach der hochzeit des 
ältesten sohnes Georg, ehelicht der witwer Hans Grüllbartzer au der Schwantzer 
hofstatt Maria, tochter des Thoinan Leithners, Püteneggterischen Amtmanns in 
l.andshaag. Am 28. juni 1656 wird ihm eine tochter aus dieser zweiteu ehe Sahina 
getauft und am 11. august 1658 ein söhn, der wie seine beiden vermutlich schon längst 
verstorbenen brüder, den namen Adam erhält nach Adam Rodtenberger auf dem 



1) Geschichtliches über Feldkirchen, das zwischen 1563 und 1625 ganz 
protestantisch war, sieh in der 'topographie des erzherzo^tums Österreich' (das 
dekanat St. Johann im Mühlkreise, 3. abt. 5. bd. = des ganzen werkes XVIII. bd., 

s. 255 ff.). 



164 CASTLE 

bauerngut zu Hofhaimb, der von 1641 Ms 1658 mit seiner gattin Sabina bei allen 
kindein des Hans Grillparzer als pate erscheint. Dieser Adain ist der ururgross- 
vater des dichters. Der letzte söhn ist Hans, getauft am 19. juni 1(!62. 

Da das haupterbe wohl auf den ältesten söhn Georg (gest. am 5. november 1694 
angeblich im alter von 80, soll wohl heissen 60, jähren) übergegangen ist, müssen 
die weniger vermöglichen jüngeren söhne sich einem handwerk zuwenden. Adam 
wird hofbinder zu bcrgheiin. Hans, leinenweber im ziegelhäusl in "Graben erwirbt 
am 29. mai 1690 die 'weber hofstatt am Reith', die 1723 auf seinen tochtermann 
Georg Eeiffenauer übergeht. 

Adam, der 1658 geborene, kauft am 22. juli 1691 von Paul Fädtinger 
(vielleicht einem neffen des bekannten Stephan Fadinger, anführers der aufstän- 
dischen bauern 1626) die Cainrath Weber hofstatt zu Bergheim, heiratet am 
28. august 1691 die ungefähr 37jährige witwe Barbara Änzigerin, die aus erster 
ehe einen söhn Johann, später binder zu Landshaag, mitbringt, zeugt mit ihr zwei 
söhne, Peter und Georg, übergibt dem älteren söhn Peter am 4. februar 1722 die 
Cnnrathen hofstatt und begibt sich mit seinem eheweib in die ausnähme. Barbara 
stirbt am 18. februar 1724, 70 jähre alt, Adam am 17. dezember 1729, 82 jähre alt. 

Peter Grillparzer oder Grillbarzer (wie er sich selbst unterschreibt), getauft 
am 26. april 1695, gleich seinem vater binder, kauft am 9. november 1703 (mit 
8 jahren! sollte der käufer wirklich mit Adams söhn identisch sein, wenn anders 
nicht etwa in der Jahreszahl ein fehler steckt?) einen drei tagwerk grossen Wein- 
garten im Benfeld, am 29. august 1713 einen andern drei tagwerk grossen Weingarten 
ebenda, heiratet am 20. februar 1719 Theresia, die tochter des Paul Hofmann, 
binders zu Freudenstein, und seiner ehefrau Maria, übernimmt am 4. februar 1722 
von seinen eitern die Conrathen hofstatt, zeugt mit seinem eheweib nachweislich 
sechs kinder: Barbara (geb. 1723), Joseph (geb. 1725), Maria (geb. 1727), Magdalena 
(geb. 1729), Elisabeth (geb. 1735), Michael (geb. 1739). Theresia stirbt im märz 
1743, bald darauf heiratet Peter die Theresia Pölzlmayrin. übergibt seinem ältesten 
solin Joseph am 28. november 1744 einen landacker im Bergheimer feld, zeugt in 
zweiter ehe eine tochter Maria Anna (och. 1747). stirbt am 17. februar 1767 im 
73. lebensjahr. 

Von seinen sieben kindern waren die söhne Joseph und Michael binder ge- 
worden ; Barbara hatte den Lorenz Jäger, bürgerlichen lederer in Enns, Maria den 
Matthias Allerstorfer, bauer auf dem Poppniayrgut zu Oberndorf i herrschaft Eschel- 
berg), Magdalena den Paul Hueber, bauer auf dem Schickenbaurngut zu Kellering 
(herrschaft Aschach), Elisabeth den Martin Zünhobler vorn Holz bei Aschach 
(herrschaft Thollet) geheiratet; Maria Anna war beim tode des vaters mit Johann 
Georg Stuiner, söhn des bindermeisters Johann Stumer auf der zimmerhofstatt zu 
Feldkirchen (herrschaft Mülldorf), versprochen und übernahm die Conrathenhofstatt 
samt dem obstbaumgarten und dem gewerbe des vaters. 

Joseph Grilbarzer (Grillparzer) (getauft am 24. Januar 1725 oder 1723?), 
ein binder, begegnet uns bereits 1755 als verheirateter bestandwirt (d. h. pächter 
einer gastwirtschaft) im Lerchenfeld zu Wien. Seine frau ist Katharina Blum 
(etwa 1718 geboren), vermutlich eine wirts.tochter. In der nächsten zeit zieht 
er in die (Innere) Stadt; er hat sein Wirtsgeschäft aufgegeben und ist (1760) 
arsenalbinder. Am 6. Oktober 1758 werden ihm in der pfarre zu St. Stephan 
zwillingstöchter getauft: Magdalena Josepha und Maria Anna. Am 17. mai 1760 
steht ihm der Oberleutnant vom Leopold Daunschen Regiment herr Weneeslaus 



ÜBER PAYER, GRILL.PARZERS AHNEN" 15ä 

Ernestus von Harnack zu gevatter bei der taufe seines solines Wenceslaus Ernestus 
Josephus Johannes Nepornucenus. 1767 ist er wieder gastwirt im 'Seiterhof zu 
Wien. Geraeint ist avoIü das 'Seiternhaus', so genannt nach seiner besitzerin von 
1732 bis 1759 laut Stadturbar I. fol. 93 v : frau Maria Antonia von Seittern, geborene 
Rascherin, gattin des u. ö. regim.-rates Franz Karl Edl. von Seittern (auch Seithern), 
später freiherr von Fünfkirchensches haus in der Bäckerstrasse, gegenwärtig nr. 8 = 
Essiggasse nr. 3, schräg gegenüber dem Windhagschen alumnatsgebäude, heute 
Bäckerstrasse nr. 9 = Windhaggasse nr. 1 = Sonnenfelsgasse nr. 10 (gef. auskunft 
des archivs der Stadt Wien). 1771 (nicht um 1774, wie Payer s. 8 annimmt) wird 
er 'tracteur' (ausspeiser) im gräflich Windhagschen alumnat in der Bäckerstrasse nr. 9, 
wo er vertragsmässig den alumnen, hofmeistern und bediensteten für ein nicht 
allzu reichliches kostgeld reichliche mahlzeiten vorzusetzen hat. Hier bleibt er 
bis zur aufhebung des alumnats (august 1786 '). Die eheleute, 'so 15 jähre in 
diesem stift sehr gut gedienet und ihres alters und Schwachheit wegen nichts mehr 
verdienen können', erhalten seit 24. mai 1787 eine tägliche portion von 'zehn 
kreuzern als ein almosen' aus dem stiftungsvermögen dargereicht 2 . Am ende seines 
lebens ist Joseph Grillparzer 'tracktär auf dem kgl. Stadtgericht' am hohen markt 
(nr. 5). Er stirbt am 11. juli 1790 am abzehrenden fieber, 67 (65?) jähre alt. 
1795, den 2. juni, folgt ihm seine witwe Katharina im tode nach, ..im alter von 
77 jahren an entkräftung 1 -. 

Von seinen kindern ist Magdalena Josepha vielleicht früh gestorben. Maria 
Anna heiratete etwa 1775 den einstigen Windhagschen alumnus Andreas Koll 
(Kohl), der seit 1779 mitglied (beisitzer) des stadt- und landgerichtes in Wien 
war (laut hof- und Staatsschematismen). Am 24. jänner 1780 legte Koll den ein 
als bürger von Wien ab. Im jähre 1783 wurde er anlässlich der Josephinischen 
reform des Wiener magistrates zum magistratsrat 'in peinlichen rechtsangelegen- 
heiten' gewählt und als solcher bestätigt (hauptarchiv 1/1783). Als Wohnungen 
Kolls werden in den hof- und staatsschematismeu angeführt: 1779—1781 Jakober- 
gässchen 907 (heute 4 Jakobergasse, 2 An der Hülben), 1784—1788 Kienmarkt 475 
(heute 5 Seitenstettengasse = 5 Kabensteig = 2 Katzensteig = 3 Ruprccktsplatz); 
1789 Landstrasse nr. 223, Kowalskisches (Konvalskisches?) haus (heute 55 Land- 
strasse Hauptstrasse). Die beiden eheleute und eines ihrer kinder starben inner- 
halb 14 tagen, wahrscheinlich alle drei opfer des typhus: Anna am 22. märz 1791 im 
allgemeinen krankenhaus am faulfieber; Ferdinand, 5 jähre alt, am 6. april, am faul- 
fieber ; Andreas am 10. april bei den barmherzigen brüdern, 41 jähre alt, an entzündungs- 
fieber. Im totenprotokoll der Stadt Wien 1791, Wr. Stadtarchiv rep. 183 no. 1, finde 
ich die folgenden eintragungen, von denen die zweite bislang ganz übersehen war: 
Fol. 33 März 791 

Den 22^" 
Kohl Fr. Anna, Magistrats-Raths Ehefrau, von 

Kazareckischen Hauß No. — aus der Stadt ist im 

allg. Krankenh: an Faulfieber besch. alt 33 Jr. Pr. ELpl. 

1) Vgl. dr. Hans R. von Hitzinger, Leben, wirken und stipendienstiftnnü 
des Joachim Grafen von und zu Windhag. Wien, Konegen, 1882. S. 44. 

2) Die tatsache zuerst von G. Wolf, Kleine hist. Schriften (Wien 1892) s. 89 
anm. 1 erwähnt mit der falschen zahl 1784 für die aufhebung des Windhagschen 
alumnats; der Wortlaut der aktenstücke von Glossy mitgeteilt: 'Grillparzers briefe 
und tagebücher', herausgegeben von Glossy und Sauer, II, 145 f., jedoch mit 
Wolfs falscher Jahreszahl, was Payer entgieng. 



L56 CASTLE 

Pol. 39 Aprill 791 

Den 6^? 

Kolil Woliled lgebohrner H. Andreas Magistraths 

Rath der k. k. Haupt und Residenz Stadt Wien 

s. K. Ferdinand, ist im Häringerhauß 

No. 329 nächst dem Neuen thor an Faulneb besch alt 5 Jr. 

J. K. 
Fol. 40 Den lOten 

Roll Wohledlgebohrner H. Andreas Magist 

raths-Rath der k. k. Haupt und Residenzstadt Wien 

von No. 329 aus der Stadt, ist bei den barmherzigen 

Brüder an Entzündungsfieb. besch. alt 41 Jr. 

J. K. 
Das ehepaar hinterliess noch 6 kinder, die bei der grossmutter aufnähme fanden. 
Bei deren tod 1795 war Andreas. 20 jähre, gemeiner (soldat) unter Preiss; Franz, 
17 jähre, Student; Katharina 14 jähre; Wenzel, 12 jähre, in unterhalt in der 
Ohaosischen Stiftung; Albert 9 jähre und Joseph 5 jähre alt; die vier unversorgten 
befanden sich in der Verpflegung bei ihrem oheim Wenzel Grillparzer. 

Da die 'eitern (Joseph und Katharina Grillparzer) der Stiftung als kostgeber 
dienten', erlangten sie für ihren söhn Wenzel, den sie seit 1769 das gyrnnasium 
besuchen Hessen, 1779 die aufnähme in das Windhagsche alumnat. Auf grund 
einer dissertation 'Von der Appellazion an den römischen Stuhl' wurde er am 
7. september 1785 zum doctor juris promoviert. Am 26. mai 1786 in die juridische 
fakultät aufgenommen, eröffnete er eine advokaturskanzlei. Die kosten der promo- 
tion und des einkaufs in die juridische witwensozietät (11. november 1788) bestritt 
er aus einem darlehen von 1300 gülden, da£ ihm aus der Windhagschen Stiftung 
gewährt worden war und das er niemals ganz abzuzahlen vermochte (vgl. Jahrb. 
der Grillparzergesellschaft VIII 244 ff., jetzt auch in 'Grillparzers wirken', ausg. 
der stadt Wien, 3. abt., 1. bd., nr. 307, 309). Seine klägliche Vermögenslage 
besserte sich weder durch seine heirat noch durch die bestallung zum hofkriegs- 
rätlichen advokaten (18. märz 1797). Aus seiner am 12. jänner 1789 mit Maria 
Anna Sonnleithner abgeschlossenen ehe giengen vier söhne hervor: Franz Seraphicus 
(geb. 15. jänner 1791, gest. 21. jänner 1872), Karl (geb. 1. märz 1792, gest. 
30. jänner 1861), Kamillo (geb. 15. august 1793, gest. 1. juni 1875) und Adolf 
(geb. 12. Oktober 1800, gest. 14. november 1817). Er starb am 10. november 1809, 
gleich dem vater an der lungensucht, .49 jähre alt. 

Die herkunft der mütterlichen familie des dichtere ist vorläufig noch nicht 
Lufzuklären. 

Am 22. november 1689 wird in der pfarre St. Leopold (Wien, 2. bezirk 
Leopoldstadt, Grosse pfarrgasse) Joseph Sunleüthner, ein müllner, mit Sophia 
Schenz kopuliert. Wohl identisch mit ihm ist jener 'Joseph Sonnleuthner, greissler', 
dir am 22. jänner 1707 den bürgereid ablegt. In dem verlassenschaftsakt wird er 
als bürgerlicher müllermeister in der Leopoldstadt und Eigentümer der 'Schöff 
Mühl bey der Fahnstangen' bezeichnet, die gruudbücherlich nicht mehr nachzuweisen 
ist. Er stirbt am 10. april 1731, 72 jähre alt, im baus 'beim weissen bahn' (heute 
2. bezirk, Taborstrasse nr. 39 = Obere Augartenstrasse nr. 5), mit hinterlassung 
von sechs kindern. Lange nach ihrem mann stirbt, 85 jähre alt, Sophia Sonn- 



ÜBER PAYER, GRILLPARZERS AHNEN 157 

leitneriu, bgl. müllerswitwe, am 29. april 1753 im Proglschen hause in der Leopold- 
stadt am kalten brand. 

Als ältester söhn begegnet ein Leopold Sonnleuthuer, nach Wurzbachs 
angäbe (Biogr. lex. 3fi, 1) steueramtskoutrollor beim Wiener magistrat und regens 
chori'an der pfarrkirche zu St. Joseph in der Leopoldstadt (Karmelitergasse). Die 
städtischen archivalien lassen noch genaueres entnehmen. Er ist — laut 'Per- 
sonalstand' (rep. 184, nr. 42, 3), bezw., wo dort keine eintraguugen gemacht sind, 
laut gedrucktem hof- und Staatsschematismus — 1732 akzessist im steueramte 
der stadt Wien; 1736—1739 zettelschreiber daselbst; 1740—1744 supernumerari- 
steuerdiener ; 1745 — 1749 steuerdiener, seit 1750 gegenhandler des steueramtes. 
Am 13. jänner 1740 legt er den eid als Wiener bürger ab. Im hof- und staats- 
schematismus wird als sein Wohnort das 'Badersche haus in der Leopoldstadt" 
angegeben, d. i. wahrscheinlich das haus 'zum hämisch', heute Grosse pfarrgasse 
nr. 12- Laut Steueramtsrechnung (auszahlung der gehalte) v. j. 1757 ist Sonn- 
leuthner als 'gegenhandler des Schottenviertels' gestorben. Die eintragung im 
totenprotokoll besagt, dass er auch regens chori war und dass er am 2. april 1757. 
53 jähre alt, in Tanerischen haus" in der Leopoldstadt starb. Dieses ist ohne eine 
andere bezeichnung nicht zu identifizieren, weil ein hauseigentümer Taner in dem 
ältesten häuserschema der Leopoldstadt nicht erscheint. 

Vermutlich einer der jüngeren söhne ist Johann Michael, getauft am 
23. dezember 1699. Er tritt in die kaiserlichen feldkriegsdienste, wird 1731 als 
'Dreissigst-Amts-Contralor' in Szegedin angestellt, stirbt aber, ein opfer des sumpf- 
klimas, schon am 19. September 1735, eine witwe Maria Anna (unbekannten familien- 
namens) mit drei kleinen kindern ohne mittel hinterlassend. 

Sein (jüngster?) Sohn Christoph Sonnleithner, in Szegedin geboren (oder 
getauft?) am 28. mai 1734, kommt als zweijähriges kind nach Wien, widmet sich 
später den juristischen studien, wird 1758 zum doktor juris promoviert und 
am 29. dezember 1758 in die juristische fakultät aufgenommen. In den letzten 
Jahren seines lebens 1784 — 1786 ist er (laut kammeramtsrechnungen) auch Syndikus 
der Stadt Wien, eine Vertrauensstellung, die nach seinem tod (am 25. dezember 1786) 
auf seinen Schwiegersohn Sigismund Joseph ritter von Paumgartten übergeht. Er 
heiratet am 25. februar 1759 Maria Anna Dobler (gest. 3. märz 1810). Aus dieser 
ehe gehen zehn kinder hervor, von denen das vierte, eine tochter Anna Franziska, 
in der familie, wie- es scheint, nach der mutter Marianua genannt (getauft am 13. au- 
gust 1767, gestorben am 23. jänner 1819 in einer wohl mit den Wechseljahren zu- 
sammenhängenden geistesstörung durch eigene band), die mutter des dichters wurde. 

Vorläufig hat es von Payer noch unterlassen, die Verwandtschaftsverhält- 
nisse der familie Sonnleithner, namentlich die parentelen in der aufsteigenden 
linie, ebenso eingehend zu verfolgen und durch Urkunden zu belegen, wie er die 
Verwandtschaftsverhältnisse der familie Grillparzer dargestellt hat. Dagegen ist es 
ihm gelungen, die kognaten von Grillparzers mütterlicher gross- 
mutter Maria Anna Dobler klarzustellen. 

Am 2. august 1705 verheiratet sicli Anna Elisabeth, witwe nach Leo- 
pold Diewald (Diewaldt), bürger und wassermautner, mit dem etwa dreissigjährigen 
Josephus Schindl Pöckh, binder, gebürtig aus Freising in Bayern. Am 19. mai 1708 
legt Schitullböck den bürgercid ab ; am 27. august 1710 wird ihm eine tochter 
Isabella Catharina getauft; am 22. august 1715 überträgt Anna Elisabeth ihr haus, 
im Obern Werd auf ihren gatten. Sie stirbt den 24. april 1725, 09 jähre alt, an 



168 CASTLE 

der windwassersucht; ihr gatte folgt ihr schou am 23. jäuner 1726 im tode nach, 
51 jähre alt, am 'Luugl Defect und Fraiss'. Er wird in den akten bald als hof- 
essigmacher, bald als hofkrcbsenrichter bezeichnet. 

Das Ehepaar Schindlböck hinterliess ein ansehnliches vermögen: ein haus 
in der Eossau, haus und krebseneinsetz samt krebsenvorrat in Neulerchenfeld, einen 
mühlsteinhandel, wein, essig und mobilien im gesamtwert von 26 496 gülden, wovon 
die hallte auf Isabella Catharina, die andere hälfte auf ihren bruder Anton entfiel. 

Isabella Catharina heiratet am 22. September 1726 Johann Ignaz Dobler 
(Doppler), einen witwer, ungefähr 31 jähre alt, wirt und durch erbschaft nach dem 
tode seiner ersten frau Eva eigentümer des hauses zum 'güldenen Engel' in der 
Weihburggasse (nr. 15). Sie überlässt am 4. juli 1727 ihren anteil an dem krebsen- 
richterischen haus in der Rossau ihrem bruder Anton, wofür sie ihr gatte am 
<i. august 1727 auf sein haus in der Weihburggasse an gleiche gewähr schreiben 
lässt. Am 1. jänuer 1737 wird dem Doplerschen ehepaar eine tochter Maria 
Anna geboren. 1744 sterben beide eheleute innerhalb 14 tagen: Johann am 
7. februar, 4M jähre alt, 'an Lungl Brand' — Katharina am 18. februar, 33 jähre 
alt, 'an innerlichem Brand'. 

Zum kurator der Doblerischen mündel wurde der advokat Fritz bestellt, bei 
dem Christoph Sonnleitner praktizierte. Die annähme ist naheliegend, dass Fritz 
die ehe zwischen seinem wohlhabenden mündel und seinem geschäftstüchtigen 
konzipienten zustande brachte, die am 25. februar 1759 vollzogen wurde. — 

Es erschiene gewagt, aus dem vorliegenden material weitgehende Schlüsse 
in familiengeschichtlichem sinne zu ziehen. Immerhin können einige momente her- 
vorgehoben worden: 

In der familie Grillparzer wie Sonnleithner zeigt sich das typische aufsteigen 
au.- unteren in gesellschaftlich höhere schichten: der bauer (denn auch die Sonn- 
leitner entstammen wohl dem bauernstand) geht zum handwerk über, der hand- 
werker nimmt den weg in die Stadt, sein söhn Avidmet sich bereits einem freien beruf. 

Die Grillparzer, von haus aus wenig wohlhabend, haben es nicht verstanden, 
sich wirtschaftlich in die höhe zu arbeiten. Anders die Sonnleithner, denen es 
mehrfach durch reiche heiraten glückte, zu Wohlstand und damit auch zu den 
genüssen eines wohlhäbigen bürgerlichen lebens zu gelangen. 

• Die söhne des Wenzel und der Marianne Grillparzer hatten wohl von der 
mütterlichen seite ein verfeinertes geistiges erbe mitbekommen. Schopenhauers 
behauptung (Die weit als wille und Vorstellung, 2. bd., 4. buch, kap. 43), 'dass 
der mensch sein moralisches, seinen Charakter, seine neigungen, sein herz, vom 
vater erbe, hingegen den grad, die beschaffenheit und richtung seiner intelligenz 
von der mutter', scheint — wie für Goethe — auch für Grillparzer zu gelten. 

Zu beachten ist endlich die jähe erschöpfung der fortpfianzungskraft in der 
familie Grillparzer, nachdem einmal der geistig bedeutendste spross hervorgebracht 
war, während die familie Sonnleithner, ohne dass aus ihr ein Franz Grillparzer 
annähernd geistig gleichwertiges iudividuum hervorgegangen wäre, noch heute 
weiterblüht. 

Forscher auf dem gebiet der familiengeschichte werden in von Payers. arbeit 
so viele lücken und fragezeichen, aber auch so viele spuren finden, die noch ver- 
folgt werden müssten, dass ihnen das Studium des vorliegenden heftes angelegent- 
lich empfohlen sei. Wie viel neues in zukunft uns aber auch noch geboten werden 
mag, von Payers verdienst wird es immer bleiben, als erster die gangbaren wege 



ÜBER PAYER, GRILLPARZERS AHNEN 159 

gewiesen zu haben. Seine mühe und arbeit wie sein finderglück vermag nur der 
zu beurteilen, dem die Schwierigkeiten archivalischer forschung, die für die mehrzahl 
der literarhistoriker abseits liegt, bekannt sind. Wir danken ihm auch dafür, dass 
er die Urkunden nicht verarbeitet, sondern im Wortlaut mitgeteilt hat, so dass nun 
jeder forscher in ihnen lesen und aus ihnen herauslesen kann, was ihn interessiert 
und was er braucht; beklagen werden sich bloss die, die es nicht gelernt haben, 
Urkunden zu lesen. 

Einige kleine versehen seien, nicht um zu tadeln, sondern um die benutzer 
vor irrtümern zu wahren, angemerkt: 

In der ahnentafel wäre streng der meist unbekannte geburtstag von dem 
meist allein bekannten tauftag zu scheiden gewesen. — Joseph Grillparzer ist nach 
Urkunde 10 am 24. jänner 1723 getauft worden, nach Urkunde 15 (s. 19, z. 9 v. u.) 
im jähre 1743 achtzehn jähre alt, wonach er 1725 geboren ist, nach dem von 
Glossy mitgeteilten totenprotokoll des Wiener magistrats 1790 als 67 jähre alt 
bezeichnet worden, _ was wieder auf 1723 als geburtsjahr hinweist: hier steckt ein 
feliler, das richtige geburtsjahr scheint nach dem aus Urkunde 15 sich ergebenden 
farailienstand denn doch 1725 zu sein. — Christoph Sonnleithner schliesst nach 
Urkunde 55 am 11. februar 1759 den ehevertrag mit Maria Anna Dobler, und das 
paar wird, wenn ich Urkunde 56 recht verstehe, am 25. februar 1759 kopuliert: 
dieses datum hätte denn auch in der ahnentafel zu stehen. — von Payer hat es 
leider unterlassen, die daten in die Überschriften der Urkunden zu stellen, infolge- 
dessen ist bei Urkunde 38 nicht ersichtlich, dass die trauung des Joseph Schindl- 
böck am 2. august (1705) stattgefunden hat; bei Urkunde 53, dass Sophia Sonn- 
leithner (am 29. april) 1753 gestorben ist; bei Urkunde 56, dass Christoph Sonnleithners 
trauung (am 25. februar) 1759' vollzogen wurde — einzelheiten, die ich bloss in der 
ahnentafel angegeben finde. — In Urkunde 46 (s. 47, z. 19 v. u.) ist wie s. 49, 
z. 6 v. u.- Raitthandlern (rechnuugsbeamter) statt Naitthandlern, in Urkunde 54 
VS. 52, z. 4 v. o.) offenbar 1758 statt 1785 zu lesen. 

Zur erklärung der vortrefflichkeit der bildbeigaben braucht nur angemerkt 
zu werden, dass sie aus der rühmlich bekannten k. k. graphischen lehr- und Ver- 
suchsanstalt in Wien stammen. Sie bieten eine ansieht des Windhagschen hauses 
in der Bäckerstrasse, in dem Wenzel Grillparzer aufwuchs; das faksimile einer 
Kremsmünsterer Urkunde vom 27. februar 1162, in der ein Grilleportz (freilich nicht 
die heimstätte der uns interessierenden familie) vorkommt; die unterschriftenseite 
des ehevertrages der grosseltern und der eitern des dichters; das bildnis des 
dr. Christoph Sonnleithner und eine seite aus der haudschrift eines seiner ton- 
stücke. Im text eingedruckt sind noch eine ansieht des Schlosses Bergheim aus 
dem jähre 1674 und nachbildungen der titelseiten der dissertationen des Christoph 
Sonnleithner und des Wenzel Grillparzer. 

Da das innerlich und äusserlich so trefflich ausgestattete lieft eigentlich mit 
ausschluss der Öffentlichkeit erschienen ist, wird es auch auf bibliophilen seine 
tinziehungskraft ausüben. 

WIKN. EDUARD CASTLE. 

Briefwechsel Johann Kaspar Bluntschlis mit Savigny , N ieb uhr, 
Leopold Ranke, Jakob Grimm und Ferdinand Meyer, heraus- 
gegeben von Wilhelm Oechsli. Frauenfeld, Huber 1915. XI, 243 s. 

Bluntschli, professor der rechte in Zürich, München und Heidelberg, ist sowohl 

durch seine erfolgreiche lehrtätigkeit an drei hochschulen, wie durch seine politische 



160 I, KIT/MANN ÜBER P.l.l Nl.sciiLi, BRIEFWECHSEL 

tätigkeit, als l'ührer der konservativen partei seines heimatskantons in den dreissiger 
und vierziger, als mitglied der badisclien kamnier und förderer des liberalismus in 
den sechziger jähren, bekauut geworden. Seine von Seyerlen herausgegebene Selbst- 
biographie 'Denkwürdiges aus meinem leben' (Nördlingen 1884) ist ein wertvolles 
dokument zu Zeitgeschichte, reich an interessanten einzelheiten. In dem vorliegenden 
bändchen lernen wir seinen brieflichen verkehr mit Savigny, seinem Berliner lehrer 
(39 nummern), Niebuhr (1 nummer), Ranke, an dessen Historisch-politischer zeit- 
scbrift er mitarbeitete (5 nummern), Jakob Grimm, dessen Weistümer er unterstützte 
(11 nummern), und Ferdinand Meyer, dem Züricher staatsschreiber und professor, 
dem vater Konrad Ferdinand Meyers (19 nummern), kennen. Die briefe entstammen 
den jahren 1828—48, überwiegend den grenzjahren des dritten und vierten dezenniums. 
Der inhalt der korrespondenzen gebt in erster linie den Juristen und den neueren 
lüstoriker an, einiges wird aber auch den germanisten interessieren. Schöne aus- 
sprudle Savignys charakterisieren wissenschaftliches arbeiten und wissenschaftlichen 
geist (s. 39. 41. 50. 66. 73). Von Niebuhrs wesen entwirft Bluntschli eine schöne 
und warme Schilderung (s. 155). Jakob Grimm hat er nicht nur durch material- 
lieferung zu den weistümern unterstützt, sondern auch als Juristen im jähre 1840- 
für die Züricher Universität zu gewinnen versucht, was dieser jedoch mit rücksicht 
auf das unlösbare zusammenleben mit seinem bruder ausschlug (s. 145. 146). An 
zwei stellen gedenkt Bluntschli Bettinas, die ihm auch die bekanntschaft Schleier- 
machers verschaffte : 'Ich werde nie vergessen, wie sie mich einmal in Ihrem (Savignys) 
hause in die peinlichste Verlegenheit versetzte, als sie, mit meiner unbeholfenheit 
spielend, von mir eine öffentliche liebeserklärung forderte' (s. 36; s. 63 wird ihres 
briefwechsels mit dem Graubündener Hösli gedacht). Im einzelnen bemerke ich 
noch: der s. 48 fortgelassene unlesbare satz muss den worten der antwort Savignys 
'Wohl haben Sie recht, dass ich mich nachgerade sehr einsam in der weit finde' 
(s. 50) entsprechendes enthalten haben ; Bluntschlis nachricht von einer teilnähme 
Alexander von Humboldts an einer ministerkonferenz in Wien über universitäts- 
angelegenheiten in den dreissiger jahren (s. 57. 60) ist irrig, wie auch 6chon Savigny 
(s. 58) bemerkt; zu der Zeitungsnachricht von Bluntschlis tode (s. 74) vgl. meine 
ausgäbe der briefe an Karl Lachmann s. 79 anm. 4. Sprachlich habe ich mir aus 
Bluntschlis briefen die helvetismen 'bäumig' (s. 63; vgl. Deutsches Wörterbuch 1, 
1192), 'anbauzen' (s. 64) und 'verschuss' (s. 231: vgl. Zagajewski, Albrecht von 
Hallers dichtersprache s. 247) notiert. 

Es wird nicht unerwünscht sein, wenn ich hier aus Bluntschlis eben genannter 
Selbstbiographie die stellen verzeichne, die den germanisten interessieren : 1, 26- 
lektüre der ganzen Messiade in langweiligen Schulstunden; 27 Übersetzung des- 
Ludwigs- und Annoliedes als schüler; 49 Schleiermachers Monologen von tiefster 
Wirkung, 'der leuchtende mittelpunkt des ganzen jugendlichen daseins'; 51 nacbteile 
des Züricherdeutschs im verkehr mit Norddeutschen; 63 Charakteristik Savignys, 
65 Bettinas, 66 Schleiermachers als professors und predigers (69 sein hauswesen); 
67 Hegel und seine philosophie abgelehnt (vgl. auch 75. 211) ; 69 Wackernagel, 
Bluntschlis späterer schwager (vgl. auch 188); 72 Wilhelm von Humboldt in den 
kosmosvorlesungen seines bruders ; 79 Charakteristik Niebuhrs als professors und 
menschen ; 147 radikale anekdote von Börne ; 186 die chöre in der Braut von 
Messina wegen ihres parteizwiespalts getadelt; 202—227 David Friedrich Straussens 
Züricher berufung; 339 Massmann, 'ein Germane mit gescheiteltem haar und ehr- 
lichem herzen'; 2, 103 Wackernagel für die deutsche erbebung von 1848 begeistert;. 



NEUE ERSCHEINUNGEN 161 

123 begegnung mit Hebbel am 25. februar 1852, der zwei seiner bailaden 'teilweise 
unschön und abrupt' vorlas, und mit Geibel am 27. juni desselben Jahres, der etwas 
bekneipt war ; 233 die Symposien beim könig Max von Bayern ; 287 Mommsen, 'voll 
geist, aber stachlig wie ein igel'; 3, 109 Schillers anschauung vom altertum; 
159 gespräch mit Gervinus nach ausbrach des preussisch-österreichischen krieges; 
193—204 äusserst bedeutendes gespräch mit Bismarck am 30. april 1868 (vgl. auch 
s. 213. 217); 296 eigenartig über Wagners Lohengrin (vgl. noch s. 319. 379). 

JENA. ALBERT LEITZMANN. 



NEUE ERSCHEINUNGEN. 

Die redaktion ist bemüht, für alle zur besprechung geeigneten werke aus dem gebiete der german. 

Philologie sachkundige referenten zu gewinnen, tibernimmt jedoch keine Verpflichtung, unverlangt 

eingesendete bücher zu rezensieren. Eine zurückliefer ung der rezensions-exem- 

plare an die herren Verleger findet unter keinen umständen statt. 

Ackermann, Der, aus Böhmen. - Zedier, Gott fr., Der ackermann aus Böhmen, 
das älteste mit bilderu ausgestattete und mit beweglichen lettern gedruckte 
deutsche buch und seine Stellung in der Überlieferung der dichtung. [Sonder- 
abdruck aus dem 16. Jahresbericht der Gutenberg-gesellschaft.] Mainz 1918. 65 s. 

Baqueville-legende. - Eberle, Mathilde, Die Baqueville-legende. Quellen- 
und Stoffgeschichte. [Sprache und dichtung ... hrg. von H. Maync und 
S. Singer. XX.] Bern, A. Francke 1917. 104 s. 4,50 m. 

Baesecke, Georg, Einführung in das althochdeutsche. [Handbuch des deutschen 
Unterrichts, begr. von A. Matthias II, 1, 2.] München, Oskar Beck 1918. XI, 
285 s. 10 m. 

Beowulf mit ausführlichem glossar hrg. von Moritz Heyne. 11 und 12 aufl., 
bearb. von L e w i n L. S c h ü c k i n g. Paderborn, Scböningh 1918. XII, 328 s. 5 m. 

Birt, Theodor, Die Germanen. Eine erklärung der Überlieferung über bedeutung 
und herkunft des völkernamens. München, Oskar Beck 1917. VI, 124 s. 4,50 m. 

ßojunga, Klaudius, Der deutsche Sprachunterricht auf höheren schulen. [Deutsch- 
unterricht und Deutschkunde hrg. von Kl. Bojunga. L] Berlin, Otto Salle 
1917. (II), 70 s. 1,60 m. 

Bremer, Otto, Deutsche lautlehre. Leipzig, Quelle & Meyer 1918. VIII, 100 s. 2 m. 

Brugmann, Karl, Der Ursprung des scheinsubjekts 'es' in den germanischen und 
den romanischen sprachen. [Berichte über die Verhandlungen der Kgl. sächs. 
gesellsch. der wissensch. LXIX, 5.] Leipzig, Teubner 1917. (II), 57 s. 1,80 m. 

Brun, Leo, Die mundart von Obersaxen im kanton Graubünden. Lautlehre und 
flexion. [Beiträge zur schweizerdeutschen grammatik . . . hrg. von Alb. B a c h- 
mann. XL] Frauenfeld, Huber & co. 1918. (VIII), 242 s. 9 fr. 

Burdach, Konrad, Vom mittelalter zur reformation. Forschungen zur geschichte 
der deutschen bildung. Im auftrag der kgl. preuss. akademie der Wissen- 
schaften herausgegeben. 3. band, 1. teil: Der ackermann aus Böhmen, hrg. 
von Alois Bernt und Konr. Burdach. Berlin, Weidmann 1917. 150 + 
414 s. und 8 taf. 20 m. 

Delbrück, B., Germanische syntax. IV. Die Wortstellung in dem älteren west- 
götischen landrecht. [Abhandl. der philol.-hist. kl. der kgl. sächs. gesellsch. 
der wissensch. XXXVI, L] Leipzig, Teubuer 1918. (IV), 71 s. 3 m. 
ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XI. \ 1 1 1. 11 



162 NEUE ERSCHEINUNGEN 

Dietrlehsage. Patzig, Hermann, Dietrich von Bern und sein Sagenkreis. 

Dortmund, Ruhtüs 1917. 76 s. 2,20 m. 
Götze. Alfred, Familiennamen im bad. oberland. [Neujahrsblätter der bad. bist. 

kommission, n. f. 18.] Heidelberg, Karl Winter 1918. 123 s. 1,60 m. 
<<rimiiielshau$en. — Törnwall, G. Einar, Die beiden ältesten drucke von Grim- 

melsbausens 'Sünplicissinius' sprachlich verglichen. Dppsala, Appelbergs bok- 

tryckeri 1917. VIII, 248 s. und 6 faesim. 
Hälfdanar saga Eysteinssonar, hrg. von Franz Rolf Schröder. [Altn. sagabibl. 

XV.] Halle. Niemeyer 1917. VIII, 146 s. 
Hamann, E. M., Abriss der geschiente der deutschen literatur, zum gebrauche an 

höheren Unterrichtsanstalten und zur selbstbelehrung hergestellt. 7. aufl. Frei- 
burg i. B., Herder 1918. VII, 328 s. geb. 4,80 m. 
Hautkappe, Franz, Über die altdeutschen beichten und ihre beziehungen zu 

Cäsarius von Arles. [Forschungen und funde hrg. von Franz Jostes IV, 5.] 

Münster, Aschendorff 1917. VIU, 133 s. 3,60 m. 
Hessel, Karl, Altdeutsche frauennamen. Bonn, A. Marcus & E. Weber 1917. 

40 b. 1 m. 
Jönsson, Finnur, Udsigt over den norsk-islandske filologis historie. Kebenhavn, 

Gad 1918. (VIII), 100 s. 3,50 kr. 
Lenz, Jak. Mich, ßeinh. — Briefe von J. M. R. Lenz, gesammelt und hrg. von 

Karl Fr eye und Wolf g. Stammler. Leipzig, Kurt Wolff 1918. 2 bde. 

XV, 331 H- 312 s. 18 m. 
Loewe, Richard, Germanische Sprachwissenschaft. I. Einleitung und lautlehre. 

II. Formenlehre. 3. auf]. Leipzig, Göschen 1918. 96 und 101 s. geb. je 1,25 m. 
Luthers werke hrg. von Arnold E. Berger. Kritisch durchgesehene und er- 
läuterte ausgäbe. Leipzig und Wien, Bibliograph, institut o. j. (1917). 3 bände. 

92 + 361 ; 383; 408 s. geb. 8,10 m. 
Luther. — Roethe, Gustav, D. Martin Luthers bedeutung für die deutsche 

literatur. Ein Vortrag zum reformations-jubiläum. Berlin, Weidmann 1918. 

48 s. 1,20 m. 
Paul, Hermann, Deutsche grammatik. Band II, teil 1: Flexionslehre. Halle, 

Niemeyer 1917. VI, 345 s. 8 m. 
Perlen aus dem schätze deutscher dichtung. Proben zur literaturkunde von dr. 

Wilh. Reuter. 4. aufl. bearb. von Lorenz Lütteken. Freiburg i. B.. 

Herder 1917. XV, 318 s. 3 m. 
Ptolemaeus. — Patzig, Hermann, Die städte Grossgermaniens bei Ptolemaeus 

und die heut entsprechenden orte. Dortmund, Ruhfus 1917. 40 s. 
- Schütte, Gudmund, Ptolemys maps of northern Europe. A reconstruetion 

of the prototypes. Publisbed by the Royal dauish geogr. society. ' Kopenhagen, 

Hagerup 1917. XVI, 150 s. u. XXXI taf. 
Reuschel, Karl, Die deutsche Volkskunde im Unterricht an höheren schulen. 

[Deutschunterricht und Deutschkunde, hrg. von Kl. Bojunga. IL] Berlin. 

Otto Salle 1917. (II), 70 s. 1,60 m. 
Schreiher, A., Beiträge zur Ortsnamenkunde Böhmens, hauptsächlich der bezirks- 

hauptra annschaften Leipa und Dauba. [Sonderabdr. aus den Mitt. des Nordböhm. 

Vereins für heimatforschung, bd. 38—40.] Leipa 1916—17. 88 s. 
Selmer, Ernst Westerlund, Satzphonetische Untersuchungen. [Kristiania viden- 

skapsselkapets skrifter II 1917 nr. 4.] Kristiania, Dybwad 1917. 43 s. u. 8 taf. 



X A ( !H RICHTEN. 1 63 

Sievers, Eduard, Metrische Studien. IV. Die altschwedischen Upplandslagh nebst 

proben formverwandter germanischer sagdichtung. 1. teil. Einleitung. [Abhandl. 

der philol.-hist. kl. der kgl. sächs. gesellsch. der wissensch. XXXV, 2.] Leipzig, 

Teubner 1918. VII, 262 s. 11 m. 
Sparmberg, Paul, Zur geschichte der fabel iu der mittelhochdeutschen spruch- 

dichtung. [Marb. die«.] Marburg i. H. 1918. (VIII), 114 s. 
Sprengel, Job. Georg, Des. deutschen Unterrichts kämpf um sein recht. Berlin, 

Otto Salle 1917. (IV), 85 s. 1,80 in. 
■Stucki, Karl, Die mundart von Jaun im kanton Freiburg. Lautlehre u. flexion. 

[Beiträge zur schweizerdeutschen grammatik . . ., hrg. von Alb. Bachmann. 

X] Frauenfeld, Huber & co. 1917. (VIII), 346 s. 11 ra. 
Szadrowsky, Manfred, Nomina agentis des schweizerdeutschen in ihrer bedeutungs- 

entfaltuug. [Beiträge zur schweizerdeutschen grammatik . . ., hrg. von Alb. 

Bach mann. XII. ] Fraueufeld, Huber & co. 1918. (X), 171 s. 7 fr. 
Tieche, Henry E., Die politische lyrik der deutschen Schweiz von 1830—1850. 

Bern, A. Francke 1917. 93 s. 
Wiget, Wilhelm, Die laute der Toggenburger mundarten. [Beiträge zur schweizer- 
deutschen grammatik . . ., hrg. von Alb. Bach mann. IX.] Frauenfeld, 

Huber & co. 1916.' (VI), 171 s. u. 1 karte. 6,50 m. 



NACHRICHTEN. 



Im Januar 1918 starb der frühere oberbibliothekar an der Universitätsbiblio- 
thek in Marburg, professor dr. Arthur Kopp (geb. 19. dezember 1860 zu Inster- 
hurg) ; am 26. februar zu Berlin der ausserordentliche professor an der dortigen 
Universität, geh. regieruugsrat dr. Max Roediger (geb. ebenda 28. Oktober 1850); 
am 11. märz der literarhistoriker prof. dr. Ee inhold Steig in Friedenau (geb. 
1. dez. 1857 zu Woldenberg) ; am 5. april der ordentl. professor an der Universität 
■Göttingen, geh. justizrat dr. Karl Lehmann (geb. zu Tuchel 11. okt. 1858); am 
25. juli durch absturz im gebirge der ausserordentl. professor an der Universität 
Wien, dr. Alexander v. Weilen (geb. ebenda 4. jan. 1863); am 15. august der 
lexikograph der shetländischen mundart und genaue kenner .des fseröischen Jakob 
Jakobsen, dozent an der Universität Aberdeen ; am 16. Januar 1919 zu Eeykjavik 
professor dr. Björn Magniisson Olsen (geb. 14. juli 1850); am 23. Januar zu 
Greifswald der ausserordentliche professor dr. Wolf vonUnwerth (geb. 8. Januar 1886 
zu Neu-Ödernitz); am 9. februar zu Berlin der ausserordentl. professor, geheimer 
regierungsrat dr. Ludwig Geige-r (geb. 5. juni 1848 zu Breslau); am 6. märz 
als unbeteiligtes und unschuldiges opfer der Berliner strassenkämpfe der direktor 
des Königstädtischen realgymnasiums, geheimer studienrat professor dr. Gotthold 
Bötticher (geb. 26. mai 1850 zu Wahlhausen). In Kopp, Lehmann, Steig, v. Un- 
werth, Geiger und Bötticher betrauert unsere Zeitschr. hochgeschätzte mitarbeiten 

Die nachricht von dein tode unseres mitarbeiters dr. Bernhard Lundius 
hat sich zu unserer freude nicht bestätigt. 

Zum ehrenmitgliede ernannte die Wiener akademie der Wissenschaften den 
geh. hofrat professor dr. Ed. Sievers in Leipzig, zum korrespondierenden mit- 
gliede den geh. hofrat professor dr. Herrn, v. Paul in München. Die Berliner 

11* 



164 BERieHTIGHJHGEN . 

Akademie der Wissenschaften wählte zu korrespondierenden mitgliedern professor 
dr. Axel Kock in Lund und professor dr. Karl von Kraus in München, der 
auch zum ordentl. mitglied der Bayr. akademie der Wissenschaften ernannt wurde. 
Zum ordentl. mitgliede der kgl. Gesellschaft der Wissenschaften in Göttingen wurde 
der geh. hofrat professor dr. Elias v. Steinmeyer in Erlangen ernannt. 

Zu geli. regierungsrilten wurden ernannt der ordentl. professor an der Uni- 
versität Strassburg, dr. Rudolf Henning und der ordentl. honorarprofessor an 
der Universität Breslau, dr. Karl Drescher. 

Professor dr. Jos. Seemüller, der sich bereits im ruhestande befand, ist 
in die ordentl. professur an der Universität Wien berufen worden; der ausserordentl. 
Professor an der Universität Heidelberg, dr. Albert Wung erhielt die ernennung 
zum ordentl. honorar-pr.ofessor. 

Der ausserordentl. professor dr. Karl v. Bali der in Leipzig trat am 1. Ok- 
tober 1918 in den ruhestand; der ausserordentl. professor an der Universität Jena, 
dr. Rudolf Schlösser ist zum direktor des Goethe- und Schiller-archivs in 
Weimar berufen worden. Im herbst 1919 tritt in den ruhestand der ordentliche 
professor an der Universität Würzburg dr. Oskar Brenner. 

Der privatdozent dr. A r th ur Hiibner in Berlin wurde zum ausserordentl. 
professor befördert; den professortitel erhielten die privatdozenten dr. Friedr. 
Ranke in Göttingen, dr. Otto Mensing in Kiel und dr. Walther Zie semer 
in Königsberg. 



BERICHTIGUNGEN. 

Dem herrn Verfasser der miszelle : 'Der zweite Trierer Zauberspruch' (47,372 ff.) 
ist versehentlich keine korrektur zugegangen. Es sind infolgedessen einige druck- 
fehler übersehen worden, die wir zu berichtigen bitten : s. 373 z. 12 und 16 lies 
uuarth st. unarth; z. "21 entrengen st. entrengen ; z. 22 onttoengen st. ontrengen ; 
s. 374 z. 1 siekten st. ziehten ; z. 11 volks ab er glaub e st. Volksglaube; z. 16 
Häfler 489 st. Häfler 409; z. 45 antphangan st. antfangan; s. 375 z. 9 uuarth 
st. unarth; sancte st. sancta ; z. 26 und 29 rehe st. rähe; z. 44 (Unterschrift) 
Grouingen st. Gott in gen. 

Bd. 47, s. 121 z. 15 lies worum st. warum; s. 125 z. 43 lies lediglich, 
st. ni cht lediglich. Red. 



ANGEBOT. 

Von G. Wenker, Sprachatlas von Nord- und Mitteldeutschland, 
I. abteil. 1. lief. (6 blätter) und einleitung, Strassburg 1881 (20 mark), ist noch 
ein restbestand vorhanden, der unter ausschluss jeder buchhändlerischen Spekulation 
an fachgenossen und sonstige Interessenten, auch an Seminare und bibliotheken zu 
ermässigten preisen abgegeben werden kann. Ich erbitte meidungen mit genauer 
persönlicher adresse und werde dann an diese je ein exemplar gegen postnach- 
nahme von 3,50 m abgehen lassen. 

MABBUKQ (LAHN). • PROF. WREDE. 

Gisselbergerstr. 19. 



DER STIL DER GOTISCHEN BIBEL 
IL 

Weit ist Wulfila der hellenistischen stilkuust entgegengekommen. 
Nun fragt es sich aber, welchen einfluss auf seinen stil er den alt- 
germanischen Überlieferungen vergönnt hat. Eine antwort auf diese 
frage wird man in erster linie aus dem bezirk der von dem Über- 
setzer befolgten Wortwahl erwarten, aber auch die schmuckformen 
seiner darstellung und die rhythmischen werte seiner Schreibart wird 
man nicht unberücksichtigt lassen dürfen.. 

Was zunächst die Wortwahl betrifft, so hat der meister der 
gotischen bibel seine ausdrucksweise bewusstermassen nationalisiert 1 . 
Die hellenisierung hat er bereitwilligst dadurch gefordert, dass er für 
die gottesdienstliche spräche der Goten griechische und römische fremd- 
und lehnwörter zugelassen hat 2 . Seine nachgiebigkeit gegen die 
hellenistische kultsprache geht nicht so weit, dass unentbehrliche 
termini des gottesdienstes nicht auch auf gotisch ausgedrückt worden 
wären; im gegenteil, gerade um die neuprägung gotischer Wörter werden 
wir ihn eifrigst sich bemühen sehen. Aber für die ausnützung des 
altheimischen Wortschatzes hat er eine grenzschranke anerkannt, die 
nicht an und für sich durch seine aufgäbe oder sein werk gezogen 
worden war und von andern bibelübersetzern überschritten worden 



1) Man verfolge die umstilisierung des hellenischen agon (K 9, 24—27): 
niu wituh hatei hai in spaurd rinnandans allai rinnand 

ib aius nimip sigislaun 

swa rinnaib ei garinnaip 
i}i ^azuh saei haifstjan sniwib allis sik gabarbaib 

abban eis ei riurjana waip nimaina ib weis unriurjana 
appan ik nu swa rinna ni swe du unwissamma 

swa jiuka ni swe luftu bliggwands 
ak leik mein wlizja jah anapiwä 

ibai anbaraim merjands silba uskusans wairbau. 

2) Zeitschr. 43, 1 ff . C. Elis, Über die fremdworte und fremden eigennamen 
in der gotischen bibelübcrsetzung. diss. Göttingen 1903. E. (iroeper, Unter- 
suchungen über gotiscbe Synonyma, diss. Berlin 1915. 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XL VIII. 12 



166 KAUFFMANN 

ist. Lehrreich wirkt in dieser hinsieht namentlich ein vergleich der 
Goten mit den Angelsachsen. Die altnorthumbrischen evangelien be- 
dienen sieh lateinischer fremdwörter, wo die gotische Übersetzung 
nationalisiert 1 . Trotzdem gehen sie in der anglisierung der bibel um 
ein erhebliches weiter 2 . Folglich hat die Gotenbibel nicht den grad 
von Volkstümlichkeit des ausdrucks erstrebt und erreicht, auf den die 
bibel der Angelsachsen von vornherein unter der gunst der litera- 
rischen kultur dieses volkes angelegt war 3 . Bei einem gesamtüber- 
blick über die Wortwahl entdeckt man auf gotischer seite eine 
Vorliebe für fremdsprachliche ausdrücke, die den volkstümlichen Cha- 
rakter der uns erhalten gebliebenen bruchstücke beeinträchtigen 4 . 
Diese neigung verleiht ihrer die derbheiten und grobheiten der Volks- 
sprache meidenden sprachform 5 eine schulmässige tönung, die der 
Gotenbibel stilgeschichtlich ihren rang mitten zwischen der volks- 

1) Got. stikls : ags. calic, paida : tuneca, steamm : sponje, alhs : teinpel, 
xibizwa : portic, hunslastaps : altare (weofod), baurgs : ceaster, haims: castel (LS, 1), 
fairguni : munt, gudja : sacerd, armaiq : aehnesse, heito :fefor; vgl. auch kasja : tijl- 
wyrhta, wtoto:tollsceamul; fü,r 'kreuz' haben beide texte das fremdwort gemieden 
(got. galga, ags. röd). 

2) Got. praufetns:&g8. witeja, fareisains : sundorhälja (: farisea) vgl. ahd. 
sunderman und ähnliches, Iesus : hseland, aiwaggeljo : jodspell, amen : söb (ahd. w&r\ 
paska : eostru, karkaru : eweartern, praitoriaun : dömern, ar-ka : scrin, kaurbaunan : 
mabmcyat, drakma: scülinj, aurali: swätlin, alabalstraun balsanis: sealfbox, aromatu: 
wyrtjemanj u. a. 

3) Ein ausnahmefall wie ive sungnn eoic bc hearpan L 7, 32 oder se mnd 
spycd swa seo heorte pencö (6, 45 : got. uzuh allis nfarfuUein hairtins rodeip munßs 
is) wäre für die Gotenbibel vollends ganz undenkbar. 

4) Ihren volkstümlichen Charakter verstärken die der kindersprache ent- 
nommenen Wörter für 'vater' und 'mutter' : atta ocßßa (:fadar Jtaxrjp G 4, 6) und 
aipei; dazu awo [id(x(iYj. Schwankend ist der gebrauch der diminutiva bamilo: batn 
L 1,76. 80 M 9, 2. 11, 16; magus: mägula J 6, 9; matoi: mawüo Mc 5, 4 vgl. 
dauhtar xö ftuyäipiov . . . hundos xovdcpia 7, 25—28 (Jiunta : imelfa Tatian 87, 4). 

5) Das verbum 'stinken' (Luther; ags. stincö J 11, 39) war von vornherein 
ausgeschlossen; für griech. rfiri 3£ei wurde darum ju fuls ist gewählt (:suihhit 
Tatian 135, 24) vgl. urruns Mc 7, 19 (:uzgang Tatian 84, 8). Ebensowenig stimmte 
zu der tonart der Gotenbibel eine ags. Id oder eala an ausdruckswert gleichkom- 
mende interjektion (vgl. z. b. die einander abschliessenden got. und ags. fassungen 
J 17, 25; got. an J 9, 36). Ags. beorseipe vertritt got. nahtamats J 12, 2 und 
dauhts L 5, 29; ags. epele got. gabaurpai L 4, 24; ags. steopeild got. tviduivairna, 
ags. höh hyne, höh hyne (ahd. hdh, hdh Tatian 197, 4. 199, 9-10; Notker ed. Piper 
2, 19, 22 u. ö. : chriuzege in, henche in 469, 7) got. ushramei, ushramei ina J 19, 6 
(:M 27, 5); ags. ne erwicö se cocc (:hana Mc 15, 68. 72) got. hana ni hrukeip 
13, 38 M 26, 74 f. 



DER STIL DER GOTISCHEN BIBEL 167 

massigeren Angelsachsenbibel und der 'gelehrteren' ahd. Tatianüber- 
setzung anweist 1 . 

Auf grund dieser feststellung würdigen wir die alt heimischen 
redeforme In volkstümlichen Schlags, die das nationalgotische fühlen 
und wollen des Übersetzers klar und bestimmt zum ausdruck bringen 8 . 

Für seine begrenzung, für die lösung der Streitfrage, in welchem 
umfang die Stilisierung der bibel im sinne nationalgotischer sprach- 
kunst erfolgt sei, fehlt es nicht an hilfsmitteln ; man muss sie nur 
gegen die bestände der hellenistischen kultsprache abwägen, von deren 
tragweite wir uns in den liturgischen teilen des heiligen buchs über- 
zeugt haben. In wiefern ist nun also die Gotenbibel, der erstling 
germanischen Schrifttums, noch nicht buch massig, sondern sagen- 
mässig geartet; wie tief steckt sie noch im bann mündlicher aus- 
druckst nicht schriftlicher darstellungsform 3 ? 

Dem neutestamentlichen Schrifttum gemäss ist die spräche des 
Übersetzers eine von der Volkssprache verschiedene literatursprache 



1) Schulformen in dem ausmass und in der häufung wie z. b. Tatian 84, 1. 
86, 1 (:Mc 7, 31). 118, 1 sind durchaus wider den stil der gotischen bihel (zur 
üb er Setzung stechnik [Zeitschr. 30, 183] verweise ich jetzt auf Zeitschr. 47, 322 ff.); 
sie versagte sich auch jene leeren, dem lückenbüsser nahekommenden formwörter 
von der art des bei den Angelsachsen wuchernden ßinj: got. in meinet . . . ak in 
izwara > for minon ßingon ac for eowrum pingan J 12, 30, pata > pds Jjing 12, 
16. 36; alla > ealle ping 32; samaleiko > cefter p>essum pingum L 6, 26; ferner 
6, 30. 7, 40. 2, 49 usw. (got. ni waiht : ndn ping 4, 2; ni ivaihtais : nänes pinges 
J 16. 23. 24 u. ö.). 

2) £v jiaxeXXq) > at skiljam K 10, 25; sui xpüne^av > du skattjam L 19, 23 
(S'.axovYj^Yjvou > at andbahtjam Mc 10, 45); xöv oiv.ov > pans gadaukwns K 1, 16; 
sv ty; auvo&icf > in gasinfjjam L 2, 44; at mel Mc 12, 2; air uhtwon 1, 75; nahtam jah 
dagam L 2, 37; fulUpe C 2, 16; wintrau Mc 13, 18; twalib wintruns M 9, 20. 
L 2, 42. 8, 42:43 (jera tivalif Mc 5, 25. 42 u. ö.); and allans gaujans L 3, 3; 
and all gawi bisitande 4, 14; and, allans Msitands 7, 7 '; fairhus : manasep>s u.a. 
(Bernhardt zu M 11, 21; Zeitschr. 37, 172 f. Idg. forsch. 29, 270) vgl. ahd. bürg: 
burgera (ciuitas) Mons. fragm ; burh : burhware (L 7, 12), ceaster : ceasterwaru in der 
ags. bibelübersetzung. 

3) 'Auch im gotischen erfolgte ein rascher aufstieg der nicht fixierten volks- 
und Umgangssprache zu literarischer prosa und wie die neutestamentlichen autoren 
sich dem . . . atticismus gegenübersahen, so die . . . Goten dem Neuen testament. 
Die spräche des volkes und des lebens schrieben sie beide und ein literarisches 
vorbild stand ihnen gleichfalls vor äugen. Man suchte daher auf eine gewisse 
mittlere linie zu kommen und schuf einen neuen stil der buchsprache. Jede 
solche hat ein element des starren in sich, ist aber doch auch entwicklungsfähig 
und dehnbar und holt aus den unliterarischen gebieten immer Zuwachs und 
ergänzuug' Lenk, Beitr. 36, 305. 

12* 



168 K.U1TMANN 

geworden und also streckenweise, wie man zu sagen pflegt, 'papieren' 1 . 
Darüber darf jedoch der Literarhistoriker, der stilgeschichte treibt, den 
Zusammenhang der bibelübersetzung mit der wenn auch ungeschriebenen 
so (loch lebendigen Sprachkunst der Westgoten nicht verleugnen 2 . 
Das ist schwierig, weil die Übersetzung 'auf zwei ufern ruht' (o. s. 10) 
und der dualismus der stilistischen Verfassung die heimischen klänge 
in eine fremdartige tonweit hat verschweben lassen. Es ist eine 
mischung weltlicher heroisierung - im sinn der 'sage' - und geistlicher 
spiritualisierung - im sinn der 'literatursprache' - zustande gekommen: 
gahamop izwis sarwam gudis . . . 

uute nist izwis brakja wipra leik jah blop 

ak . . . wipra po ahmeinona unseleins in paim himmakuudam 
duppe nimip sarwa 3 gudis ... 

standaip nu ufgaurdanai hup ins izwarans sunjai 

jag g a p a i d o d a i b r u n j o n garaihteins 

jag gaskohai fotum in manwipai aiwaggeljons gawairpjis 

ufar all andnimands skildu galaubeinais 

[tammei magup allos ar^aznos pis unseljins funiskos af/rapjan 

jah hilm naseinais nimaip 

jah meki ahmins 

patei ist waurd gudis E 6, 11-17 



7 4 



1) 'Dass wir in der bibelübersetzung nichts weniger als ein einem Goten 
mundgerechtes gotisch vor uns haben, ist zwar nicht stets zugestanden worderj, 
doch führt von selbst darauf die erwägung, dass wir hier einen höchst wahrschein- 
lich allerersten Übersetzungsversuch einer für prosaliteratur noch ganz unausgebildeten 
spräche vor uns haben' Lichtenheld, Zfda. 18, 23. Ein echt schriftsprachliches 
(papierenes, unsprechbares) elernent ist beispielshalber patei vor direkter rede (vgl. 
u|isTg Xkyexz oxt ßXaocpnj|isis oxt eütov . . . ['du lästerst, weil ich gesagt habe' . . .] : 
jus qijiip patei wajamerjan ante qap J 10, 36); daher es denn oftmals fehlt 
(M 6, 2 amen gipa izwis andnemun mizdon seina: 16 qipa izwis patei andnemun 
mizdon seina; 5 tjifia izwis patei haband mizdon seina; 25:29. 5, 20:34:L 17, 34. 
M 8, 10:11:10, 23. 42:Mc 9, 41); gegen Beitr. 29, 228 vgl. Streitberg, Elementar- 
buch 3 s. 241. 

2) Ein einzelfall, der der übersetzungstechnik angehört, kann uns schon die 
richtung weisen, piv 'diese lieblingspartikel des literarischen stils ... die recht 
eigentlich dem schriftgriechisch zugehört' (G. Heinrici, Der literarische Charakter 
der neutestamentlichen Schriften [Leipzig 1908] s. 92. 106 f. ; dazu Blass-Debrunner 
s. 260) fällt auf gotischer seite zuweilen gänzlich aus (J 10, 41. L 8, 5. 10, 2. 
Mc 12, 5. R 7, 25. 9, 21. 11, 13. K 1, 12. 18. 23. 7. 7. 9, 24. 12, 20. E 4, 11. 
Phl 2, 23. t 2, 20). 

3) navoTiXia. 

4) gahamodai brunjon galaubeinais jah friapwos jah hilma tvenai naseinais 
Th 5, 8. 






DER STIL DER GOTISCHEN BIBEL 169 

Die Wortwahl bewegt sich in zwei einander entgegengesetzten 
zonen; sie rüstet sich mit den abstrakten definitionen der Theologie 
und mit den ritterlichen hauptwörtern der hof- oder dichtersprache. 

Der Übersetzer hat nichts getan, um die durch rhetorische kunst 
gesteigerte dissonanz der altsagenmässigen klänge und der neutesta- 
mentlichen schulbegriffe zu mildern l . 

Die Orientierung innerhalb dieser Zwiespältigkeit erleichtert der 
Stabreim 2 . Im stil altgermanischer alliterationsdichtung sind freilich 
verhältnismässig nur wenige stellen gehalten, die gegen das homoiote- 
leuton und den endreim der biblischen liturgie (o. s. 42) nicht auf- 
kommen ; . 

Der jambische trimeter, den Paulus aus Menanders Thais zitiert 
(K 15. 33) 4 , lässt den Stabreim leise anklingen {riurjand [frawardjand] 
sidu godana gawaurdja nbila <p$s£pouatv r\%% %pyys& oy&kiaii fcaxat); vernehm- 
licher kommt er bei dem unmittelbar vorhergehenden Esaiaszitat neben 
dem endreim zu gehör {matjam jah drigkam unte du maurgina gaswütam 
©avtou.sv jcai -uoy.sv, xoptov yas a-oftvr,<7y.oasv K 15, 32) 5 . Gewichtiger 
ist die stehende formel saian jah sneipan {ni saiand nih sneipand oo 
c7csCpoi>(7iv ouSs ftepiCouciv M 6, 26; sneipis patei tiisaisosth 19, 21; snei- 
pands patei ni saiso 22 vgl. G 6, 7-8). Hauptsächlich aber wird man 
sich auf folgende, in der art unserer epischen halbzeilen geschriebene 
kohi berufen dürfen : 

li meki ist nur hier belegt; sonst wählte der Übersetzer für u.ä-/aip<x gut. 
hairus (M 10, 34. J 18, 10-12. Mc 14, 43. 47-48 R 8, 35. 13, 4); evSuaaa&e 
ist v. 11 mit gakamop, £v8ood|ievoi aber nur hier (v. 14) mit gapaidodai wider- 
gegeben (vgl. gahamofi IvSuadtjiSVOt C 3, 10 u. a. IvSüaaaS-s : sv3uaa)u.s$a gawasjam 
sarwam liuhadis R 13, 12. 14). 

2) Es kommt hier nicht auf den Stabreim als klangfigur (goleip izwis 
Lukas Uikeis s« Uuba (' 4, 14; Upiwe leikis lasiwostai K 12, 22; managet matarje 
mikila L 5. 29; faurbauht frawaurhte . . . frisähts ... frumabaur C 1, 14—15), 
sondern auf seine rhythmische funktion an; vgl. Massmann, ülfilas s. LXXX1X f. 
Bernhardt, Vulfila s. XXXV. Zeitschr. 37, 374 ff., Idg. forsch. 29. 341 ff; für die 
Skeireina sei auf Zeitschr. 38, 386 f. verwiesen. 

3) galaubida in pizei jah rodida jah weis galaubjam in pizei jah rodjam 
k 4. 13; munps unsar iisluknoda . . . hairto unsar urrumnoda 6, 11 (manage sint 
giladote, Julie simt gicorone Tatian 109, 3. 125, 11) usw. 

4) Ein hexameter stand Tit. 1, 12 geschrieben (Kretes sinteino liugnjans nbila 
unbiarja wambos tatds)\ der Übersetzer scheint hiefür und für die senare des 
Lukasevangeliums nur ein halbes ohr gehabt zu haben (/Vas ist sa säel rödeip 
nditeinins 5,21; ni.ßdurbun hdilai Uikis ah- />ai unhaüans ni qam laßon gardih- 
tans dk fraaiiurhtans 31— 32; ja /t dtnshun drigkandäne fdirni ni suns wili jügg 
39 ; vgl. G. Heinrici, Der literarische Charakter der neutestamentlichen Schriften s. 47). 

5) ezzen unde trinchen id sühn uuir doh irsterben Notker ed. Piper 2. 277. 17. 



170 KAUFFMANN 



(jah habais) buzd in himina(m) L 18, 22. Mc 10, 2 vgl. M 6, 20 
(pizei weis knn|>edim) attan jah allein J 6, 42 u. ö. 
gaunon jah gretan (duginnid) L 6, 25 vgl. J 16, 20 
(swe gawalidai gudis) weihans jah walisans C 3, 12 
(dagam witai]>) jah menopum jah melam G 4, 10 
. . . fram aiwam jah fram aldini C 1, 20 
In waurda aippau in waurstwa 1 C 3, 17 (vgl. th 2, 17) 
(ni kunnandans) mela 2 nih mäht gudis Mc 12, 24 
ante gaweisoda jah gawaurhta L 1, 68 3 
ni galeipai]» nih laistjaip L 17, 23 

hausjam auk sumans ^airbandans . . . ni waiht waurkjandans ak fair- 
weitjandans . . . anabiudam jah bidjam th 3, 11-12 
du gatimreinai jah nih du gataurpai k 13, 10 

jah |>o laniba ina laistjand J 10, 4 (jah bileipip paim lambam 12 1 
bileipands pamma leina Mc 14, 52 
gahaihaitun alla hansa Mc 15, 16 
jah so galaubeins unsara lausa K 15, 14 
panuh atberun du imma barna Mc 10, 13 
(sinteino) faginop in fraujin Th 5, 16. Phl 3, 1:4, 4. 10 
jal>]>e razde /ras rodjai K 14, 27 
(unte raihtis) managai dugunnun meljau L 1, 1 
bi pos gafullaweisidos in uns waihtius L 1, 1 
swaswe anafulhun unsis J^ai fram frumistin L 1, 2 
pamniei bigat lamb mein pata fralusano L 15, 6 
patei frawulwans warp in wagg k 12, 4 
jah qam in ahm in in pizai alh L 2, 27 
. . : pairh barne gabaurp T 2, 15 
swasjve jah warp jah witup Th 3, 4 
jah kniwam knussjands Mc 1, 40 
jah suns hana hrukida M 26, 74 J 18, 27 (:hana wopida . . . hana 

wopida . . . faurpizei hana hrukjai Mc 14, 68. 72; hana ni hru- 

keip 7, 3, 38) 
du l-odjan runa Xristaus C 4, 3 
gameljan allana midjungard L 2, 1 

1) in uuerke inti in vmorU Tatian 225, 2; vgl. mit uuorten sament dun 
uuerchen, in uuolon unde in uueuuon Notker 2, 388, 13. 6-7. 361, 7; do leidiu, 
>iu lübiu 382, 9. 

2) Randglosse: bokos. 

3) Dieser alliterierende halbvers {giwisda endi giwarahta Hei. 36) wirkt im 
eingang des Benedictus (o. s. 41) ganz erstaunlich und kann die mischung der 
ausdrucksformen besonders gut veranschaulichen. 



DER STIL DER GOTISCHEN BIBEL 171 

. . . liubans. jah lustusamans Phl 4, 1 * 
jah jabai fraleta ins lausqi|)rans Mc 8, 3 
wulfos wilwandans M 7, 15 
jah haurnjans haurnjandans M 9 ; 23 
jah Jnudans piudanondane 

jah frauja fraujinondane T 6, 15 
fraujinoud frauja L 2, 29 ''. 

Ich habe früher schon darauf hingewiesen, dass die kolometrie 
der g-otischen bibel mit den kadenzen des altgermanischen alliterations- 
verses Verwandtschaft zeigt (Zeitschr. 43, 404 ff.) ; hier ist es erforder- 
lich von dem rhythmischen System, dem der Übersetzer in den litur- 
gischen partien gefolgt ist (o. s. 39 ff.) jenes rhythmusgefühl zu unter- 
scheiden, das ihn von den typen des alliterationsverses ge- 
brauch machen oder wenigstens durch die Wortwahl verraten Hess, 
wie vertraut er mit ihnen war. Der Übersetzer hat nicht etwa alli- 
terierende, langverse verfasst, wohl aber hat er durch die alliteration 
die vorliterarische wortkunst und zugleich auch die dichterische rhyth- 
mik der Goten nicht bloss lesbar, sondern auch hörbar gemacht: 
atta unsar Abraham ist J 8, 39 
waurdam weihan du ni waihtai daug.t 2, 14 
manwjan fraujin managein gafahrida L 1, 17- 
ahman sunjos izei fram attin urrinnip J 15, 26 
frauja ju fuls ist fidurclogs auk ist J 11, 39 
bidja nu izwis broprjus pairh bleipein gudis R 12, 1 
fram audjom airpos und andi himinis Mc 13, 27 

1) afagjaidau in baim aggwiltomTh 3, 3; ni bisniwam faur bans anaslepaurians 
Th 4, 15; hulistr ligil> ana hairtin ize k 3, 15; jah sa wulfs frawilwiji }io J 10, 12. 

2) Dieser typus beruht wohl in der hauptsache auf dem gesetz der (liturgischen) 
Wiederholung und ist vielleicht im antiken sinn als klangtigur rhetorisch, nicht 
rhythmisch bedingt (laisjandans laiseinins SiSdoxovxsg SidocaxavUac: : daußau ufdaup- 
jaidau 9-aväiw TeXeind-cco ; andbundnoda bandi äX69-yj 6 dsau.ög Mc 7, 7. 10. 35; vgl. 
saihij) ei atsaihrip , . . beistis. .'. beistis Mc 8, 15; augo und augo jah tunjnt und 
(unpau M 5. 38.; jabai frijqd pans frijondans izwis L 6, 32; Kuzdjaiß iatvis huzda 
M 6, 20; ja mir liuhap habaip galaicbeip du Uuhada ci sunjus liuhadis it-air/>i/> J 12, ?6; 
saei hauheip sik silba gahnaitvjada jah saei hnaiweiß sik silba(n) ushauhjada f. 14, 
11. 18. 14 u.a.); klismo klismjandei K 13, 1 gehört mit ushanp hwnp E 4, 8 zu- 
-aniuien, ferner mit ligandein ana ligra Mc 7, 30 (ana Ugra ligandan M 9, 2); 
i!c galagja fijands peinans fotubaurd, fotiwe fieinaize Mc 12, 36 (L 20, 43 M 5, 35). 
Ein typus managai //izos manageins J 7, 31 oder managet managet Mc 8, 1 (Tatian 
89, 1. 100, 1. 104, 9) wird sichtlich gemieden (mihi/ menigi Tatian 201, 1); zwar treffen 
wir die randglosse managn[andei\ managet E 3, 10, aber oyXoz aoXüg heisst nmna 
geinsr filu Mc 4, 1 usw.; iumjons managons M 8, 1; hiuhmans managai L 5. 15. 



172 KAUF!. MANN 

in aldins aide |»;üni ogandam ina L 1. 50 
in wauistwain godaim weitwodipa liabandei T 5, lo 
Bwe leik raihtis aiu ist ip lipuns habaip managans K 12. 12 
ik im hlaifs sa libanda sa us liinüna qumana J 6. 51 
du galaubjan innna du libainai aiweinon T 1, 16 
gahaunida sik silban waurpans ufhausjands attin Phl 2, 8 
bi sunjai ?*a manna sa sunus was gudis Mc 15, 39 
jah berun du imina blindan jah bedun ina Mc 8, 22 
wasuh pau //eila pridjo jah ushramidedun ina Mc 15, 25 
ni swe luftu bliggwands ak leik mein wlizja K 9, 26-27 
|)aimei iupa sind fra]>jaip ni paim poei ana airpai sind C 2, 3 
ja]>]>e slepaima ja]>]>e wakaima samana mip imma libaima Th 4, 10 
mite raihtis managai dugunnun meljan insaht L 1, 1 
unte jabai gaurja izwis jah /ras ist saei gailjai mik k 2, 2 
a|>pan patei nu liba in leika in galaubeinai liba sunus gudis G 2, 20 
unte jabai patei gatär pata timrja missataujandan mik silban 

ustaiknja (t 2, 18 

akei jus ni galaubeip unte ni sijup lambe meinaize J 10, 26 
qimandan in milhman mip mahtai managai (jah wulpau) Mcl3, 26 
qimaiu Helias athafjan ina Mc 15, 36 

/rarjai sind pai ni galaubjandans jah /ras ist saei galeiwei}» ina J 6, 64 
ni hauhaba hugjandans ak paim hnaiwam niipgawisandans R 12, 16 
uswagidai jah uswalugidai winda /rammeh laiseinais E 4, 14 
]>u und himin ushauhido und halja gadrausjaza (galeipis) L 10, 15 

vgl. M 11, 23' 

. . . seina silbins saiwala ni mag meins siponeis wisan L 14, 2(5 

in augin Jteinamma anza ni gaumjands L 6, 42 

taujan armahairtipa bi attam unsaraim L 1, 72 

unte sai mizdo izwava managa in himinam L 6, 23 

jah saei ni bairi]» galgan seinana jah gaggai afar mis L 14. 27 2 



1) hi arlienistii thih ynzan himil unzan in hello nidwrstiffis Tatian 65, .4 i °P 
heofon upahafen bu byst ob helle jesenced L 10, 15 : bystbu upahafen ob heofen 
ac bu nyperfserst oh helle M 11, 23. 

2) Vgl. etwa noch : 

&ar sind salil>\vos parei paska niib siponjam nieinaini inatjau Mc 14. 14 

unte in imma galeikaida alla fullou bauau jah bairh ina gafripon alla ...Ol, 19-20 

in pammei jah labodai wesub i Q ainamma leika jah awiliudondans wairbip C 3, 15 

//•;ir wileis ei galeibandanß inanwjaima ei matjais paska Mc 14. 12 

ib eis gahausjandans faginodedun jah gahaihaitun imma faihu giban Mc 14, 11. 



DER S'ITL, DER GOTISCHEN BIBEX 173 

sai weis atiailotum alla(ta) jah laistideduni puk L 18, 28. Mc 10, 28 
ik im pata weinatriu ip jus weinatainjos J 15, 5 
saei galaubeib du mis aib libain aiweinon J 6, 47 
ni in sweripo /rizai du sopa leikis C 2, 23 
jiaiei fraweit usgiband fralust aiweinon th 1, 9 
gasok windam jah niarein jah warf) wis mikil M 8, 7(5 vgl. 
jah anasilaida sa winds jah warf) wis mikil Mc 4, 39 
jah /rarboda Iesus in alh in ubizwai Saulaumonis .1 10, 23 
pata auk ist wilja gudis weihipa izwara Th 4, 3 
gahamop izwis nu swe gawalidai gudis weihans jah walisaus C 3, 12 

dazu C 4, 12? 
parei auk ist huzd izwar 1 parei ist jah hairto izwar M 6, 21 
panuh bibe sadai waurl)un qab du siponjam seinaim J 6, 12 
ei habaina fahed meina usfullida in sis J 17, 13 
galipun pan pai andbahtos du paim auhumistam gudjam J 7, 45 
harjis himinakundis hazjandane gu{j (jah qibandane) L 2, 13 
wastjai paurpurodai gawasidedun ina ,T 19, 2 2 
silbans auk witu]» patei du pamma satidai sijuni Th 3, 3 
laisareis f)iudo in galaubeinai jas sunjai T 2, 7 
frumabaur us daupaim ei sijai in allaim is trumadein habands C 1, 18 
/rileik patä fauragaggi runos pizos gafulginons fram aiwam E 3, 9 
gisa// mannan sitandan at motai Map{)aiu haitanana M 9, 9 
gawaknandans pan gase/?-un wul|>u is jah f)ans twans wairans paus 

mi|)standandans imma L 9, 32 
jah patei gaminpi unsar habaip gop sinteino gairnjandans uns ga- 

saiA'an Th 3, 6. 
saei ubil qibai attin seinamma ai{)pau ai[»ein seinai Me 7, 10 
(qi[>ands du imma) [>atei gadau[)noda dauhtar peina ni draibei |»ana 

laisari L 8, 49 8 
n i |»eei ina pke parbane kara wesi ak unte piubs was jah arka 

habaida J 12, 6. 
Uass Wulfila stilistischen cinflüssen von Seiten der alliterations- 
dichtung her ausgesetzt war, wird ausserhalb dieser rhythmischen 
gebilde durch seinen Wortschatz erwiesen. 



1) ih bim leib Ubes Tatian 82, 7. 10 (: brot (i ; ih bim thaz Orot 8) ; ih bim 
ihn lebento leib 6 . . . brot 10. 

2) ifiÄTiov Ttopcpupoöv TtepisßaXov auTÖv. 

:3i (qij)andam) Jiatei dauhtar l>eina gaswalt /ra banamais draibeis ])ana 
laisari Mc 5, 35. 



174 KAI' 1 TM ANN 

Einigen räum nehmen in seinem werk die archaischen kompo- 
sita ein, deren struktur aus den resten nord- und westgermanischer 
epik erkannt worden ist. Sie sind nicht von der griechischen oder 
lateinischen bibel eingegeben, können weder von semitischen noch 
von hellenischen Vorbildern abgeleitet werden und entfernen sich durch 
ihr pathos so weit von dem gemeinen Sprachgebrauch, dass nur die 
heimische dichtersprache als ihre quelle in frage kommen kann 1 . 

Wenn es L 2, 1 heisst : gameljan allana midjungard, so erinnern 
wir uns, dass für griech. oixoujJtivY] dem Übersetzer auch ein abge- 
griffenerer ausdruck zur Verfügung gestanden hätte (vgl. and alla 
airpa galaip . . . jah and andins midjungardis R 10, 18). Das sehlichte 
griech. wort urpa-reia wurde T 1, 18 zu drauhthvitop gesteigert (:k 10, 
3-4. t 2, 4), griech. apersv ?cai 9-vpiu Mc 10, 6 schlechtweg durch 
gumein jah qinein widergegeben, dagegen G 3, 28 durch gum'akund 
und qinakundj 7 denen sich airpeins :.aiirpdkunds (Skeir. 4) und himina- 
kunds o'jpavioc, s-oupävio; L 2, 13 u. ö. 3 anreihen, vgl. godahinds 
< Euysvr,; L 19, 12. Der klang höher gestimmter rede lenkte die 
Wortwahl auf balpei* . . . runa (aiwaggeljons) faur poei airino in Jcuna- 
toidom E 6, 19 f. (07cep ou -psaßsuto sv aXucsi); dies altepische kompo- 
situm erhielt in der Gotenbibel die beiden Variationen naudibandjo 
kauciv t 1, IG und bundans was eisarnabandjom jah fotubandjom fas- 
taips was yA'jcsctv (handfessel) jcal izeHa.i<; (fussfessel) L 8, 29 5 , die sich 
an der ])arallestelle (Mc 5, 3-4) im lauf der textgeschichte miteinander 
vertlochten und ein epitheton ornans hinterlassen haben: 
ni naudibandjorn eisarnei na im manna mahta ina gabindan 



1 ) Vergleichsweise möge für den ahd. Tatian auf Beitr. 39, 2 ff. verwiesen 
sein. — Die schlichten siniplicia sind stilg-eschichtlich schwieriger zu beurteilen, 
aber rein altgermanisch mutet uns aus bekannten gründen das epitheton waliso an 
(Phl 4, 3 L 2, 1; T 1, 2 Tit 1, 4); vgl. auch Groeper s. 53. 

2) qineina Yuvouxdpia t 3, 6; fraziih gumalcundaize rcäv äpaev I, 2, 23; 
vgl. ahd. gommanbarn Tatian 7. 2. 

3) Ags. eorßcund, heöfoncund, cepelcund u. a. godcund: and. godkund, god- 
kundi (swiiho godkund gumo Hei. 195). Wo für inoopaviog nicht wie El, 3. 2. 6. 
3, 10. 6, 12 himinakumds sondern wie K 15, 48: 49 (neben himinakunds) die 
neubildung ufarhiminakunds auftaucht (ags. upeund, ufaneund), werden wir den 
nachgeschmack des pergaments nicht los. 

4) //iv sabai 'j '» i Skeir. 5; hiervon wird man wiljahalpei TtpöaxXiais T 5. 21 
(vgl. E 6, 9. C 3, 25) nicht trennen wollen (:ahd. willewarba, ivülewaltig; ags. wü- 
siß, wilpegü); got. aljan.'ellan Tatian 117, 3. 

5) Merseb. zauberspr; Ahd. gl. 1, 204 (h-hnndnnithi) : and. khistarbendi, hent- 
bendi, lidobendi (Hei. 2723. 4917. 5488. 3796): ags. leoöubendas, irenbendas (Gen. 371). 



DER STIL DER GOTISCHEN BIBEL 175 

urite is ufta eisarnam bi fotuns gabuganaim 
jah naudibandj om eisarneinaim gabundans was 
jah galausida af sis pos n a udi b a n dj o s 1 
jah po ana fotum eisarna gabrak 

jah mannet ni mahta ina gatamjan oute aXucectv ouSel? eSuvaxo äutov 
fr/jeat, Sta to kutov — oX).axa? r.iby.ic, xiat aXücsocv oeasad-at x.al StecxacS-at 
u— ' ocutou Tac aXucsi? /»al rac 7ceoa^ cuvTSTpupi)a>j /„al o\'Sslc fcvuev kutov 
SajAacai, Auf diese art hat der Übersetzer auch sonst gelegentlich 
seinen erzählenden oder belehrenden Vortrag pathetisch verstärkt, 
indem er den altgermanischen kunstdialekt in seinen dienst nahm. 
Er folgte nicht genau dem griech. text, sondern beharrte mit frauja 
allwaldands jcupio? TCavrojcpaTwp k 6, 18 und mit gardawaldands obto- 
fWro TT,; M 10, 25 L 14, 21 (: heiwafrauja Mc 14, 14) bei den mustern, 
die ihm piudängardi geliefert hatten 2 . Ahnlich mag es sich verhalten 
mit gajuk hrdiwadubono L 2, 24 3 , denn dies vollwort bekommt seine 
folie durch ahaks wie aifvatundi (ags. gorstbSam ) durch paitrnus L 6, 44. 
Hieran reihen sich figgragulp (in handu is jah gaskohi ana fotuns is) 
SocxtijXiov L 15, 22 4 ; sigislaun ■: laun K 9, 24 Phl 3, 14; marisaws : 
miws Ivjyr, L 8, 22 f. 5, 1 f. 5 ; puihaurnßan) : haunijan nyj-itzw K 15, 22 
Th 4, 16 M 6, 2. 9, 23 und schliesslich auch mariaseps : managet Xaoc 
L 9, 13. Während manamaurprja durch avttpco-6*Tovo; J 8, 44 ver- 
anlasst zu sein scheint, reicht für swultawairpja f.usXkz TsAeorav L 7, 2 
nicht aus 6 . Vorsichtiger wird man die zusammengesetzten adjektiva 
beurteilen müssen, weil sie meist analog gebaute griechische kompo- 
sita zur seite haben. Immerhin dürften die folgenden aus dem schritt - 

1) notbendigon (uineti; ndthaft uuitmdri) Tatian 199, 11; got. bandja Mc 15, 6. 

2) Ags. wealdend, eahoealdend, prymwealdend; and. alowtddand, saktoaldand; 
ahd. cdemmlten (prineipem) Notker 2, 440,25; ags. Yceder-, Modgeard; mit got. 
piumagus darf man wohl ahd. thegankind Tatian 9, 2 vereinigen. 

3) Die tnrteltanbe ist der vogel der totenklage (Bnrdach, Ackermann aue 
Böhmen 8. 185 ff.). 

4) Anord. fingrgull, vgl. ags. wundengold, heafodgold; joldhord gebraucht die 
ags. bibelübersetzung an stelle von got. huäd (M 6, 19—21) wie eynehebn an stelle 
von got. wipja (J 19, 2. 5) oder eorptilia an stelle von got. waurstwja (J 15, 1), 
womit ahd. leimuurhto Tatian 193, 5 gegen got. kasja (M 27, 7) sich vergleichen tiesse 

5) Ahd. fateruodil Tatian 78, 4—5: uodü 87, 1; uuegeuart : uueg fiten ^7 
1. 12. :;. 

6) knleikamma <l<ttij>«t< skulda gaswiltan Ttoicp ^averem YjUsXXev dn:o9-v-/jay.3'.v 
.7 12, 33. 18, 32; vgl. ags. sieyltdceg, swyltcwalu. Den vorgenannten komnositi^ 
stehen nahe ags. hrrij/fre; sige-, sijorlean; mereflöd, merestream (and. meriström)] 
guphorn; monrfon, moncyrir: godsced; manslaga tahd. manslago), manewealm : moi*- 
öorbca/o, brößorbana (anord. brößorbani) und ähnliches. 



I7H KAUTMANN 

losen Zeitalter altgermanischer diehtersprache ererbt sein: launawargos 

y./y.yr-fji \ 3, o (: iinf \igram ayapi<rr&'j: L 6,. 35); grindafrapjans oXtyo- 
Öj/oj: Th 5, 14 C.samaffapjai Ph 2, 2); friapwamildjai ^offTopyoi 
1» 12, In ': hreilahrairbäi r:p6<>xaipot Mc 4, 17: seinaigairnai oiXauxot 
<,: <il,- fri Jondans) t 3, 2; silbamljos a'jJtabsroi k 8, 3 (: s«76a wiljands 
17); silbasiunos auT07?rat L 1, 2 2 ; andapähtos vvicpaXiou? (igctfaurjos) 
T 3, 11.2 u. ö. : hauhpuhts TETucwTai T 6, 4 ; mikilpuhtans £7tspy)<pavou<; 
L 1, 51; handuwaurhts /sipo-oir-ö; E 2, 11. Mc 14, 58 (unhandu- 
waurhis y.yzioo-wr.TÖ: ist aber jedenfalls eine durch die gelegenheit ver- 
schuldete zufallsbildung) :; . Eine gruppe für sich bilden die von ent- 
sprechenden abstraktes begleiteten eigenschaftsbezeiehnungen (prasabcd- 
pei, wiljahalpei o. s. 174 anm. 4): lubjaleisei g>apji.axia G 5, 20 hat lubja- 
leisai -yr~z; (: liutai) t 3. 13 neben sich wie gastigodei oiAocsvia R 12, 13 
ein gastigods o'.ao;3vo; T 3, 2. Tit. 1, 8; jenes findet an gudaskaunei 
ftsoü yopor, Phl 2, 6 (:wlits skalkis y.opor, ^ouaou 7) seinen halt, dieses 
an faihugairns oi/.apy'jpo: t 3, 2, dem faihugairnei aicypov *spSo?Tit. 1, 11 
und fit iJmpeiro 7rXeoveÖa T 6, 10. C 3, 5 folgen 4 . Selbst armahairtei 
und armahairts (misericors), harduhairtei c/cXripoxop^ia Mc 10, 5 und 
hräinjahairts (jt&8-apo? t$ xapSia) M 5, 8, zweifellos von auswärtigen 
mustern angeregt 5 , wahren das altgermanische bildungsgesetz und 
vertragen sich mit dem stil alliterierender dichtung: vgl. hauhhairtei 
und hauhhairts oizzpriyawux. Mc 7. 22; <j~pr/.pavo; t 3, 2. Tit 1, 7 
(; mikilpuhisY ''. 

1) Vgl. etwa ags. heoruwearg, hggefröd, hygeblipt . 

2) Ahd. Iniiliuuerbic uolubilitas Ahd. gl. 1,267, 26 (simverbal : ags. sinhwürfot) ; 
wilewendigi (fortuna); a^s. Jtwilwende ; ahd. selbtrillo, ags. selfwille (selfvvillende); 
anord. singjani. 

3) And. diopgiihdht, ags. wäcgepöht (Gen. 414), ahd. itber/iuht{ig), mihhil- 
muati, ags. micelmöd; sdmwörht, handworht, handgesceaft und ähnliches. 

4) Mc 10, 24 heiset es dagegen J5aw« hugjandam afär faihau zobc, nercoi- 
S-öxa^ £7tl ypYj[iaa'.v. Zu got. faüiajiraihna (mammon) vgl. ahd. weraltwolo Tatian 
37. 2. Ich verweise einerseits auf altgennanische typen wie ags. celfsaiene, wlite- 
eciene, and. wlitiscöni; ahd. gastwissi, gastluomi, mortgiri, and. fehugiri, andererseits 
auf and. hugiderbi, modspähi, wordspdhi; ags. gcestlide : gcestliönes, lofye&rn : -geornnes; 
dazu anord. fegjarn, lofgjarn, prdgjarn : prdgimi. Mögen also auch ueubildungen 
des Übersetzers vorliegen (Bernhardt, Vulfila s. XXVIII f.), so sind sie doch im stil 
der alten epik ausgefallen. 

5) armahairtai steht E 4, 32 für eüaTtXaY/vo; : armahairtei neben brusts 
bleipeins C 3, 12 für aTiAdy/va o!xup|ioü (vgl. k 7, 15. Phm 12. 20. Phl 2,1); als 
Vertreter für eXeoj wechselt armahairtei mit armaio wie arman, gableipjan, in- 
feinan IXesIv und auXaYx.vi£eo9-ai au f heimische art ausdrücken (vgl. L 1, 78). 

6) And. madmundi, ahd. mandawdri (Tatian), irärwurti Tatian 104, 5 (:got. 
sunjeins J 7, 18); ags. qarmheort : blipheort, Jtr'ahheort, heardheort : -heort>ies; and. 



DER STIL DER GOTISCHEN BIBEL 177 

Den altheimischen kompositis (augadauro, matibalys, nahtamats, 
imdauriümat*, skaudaraip, winpiskaura , hunda-, pasundifaps) halten 
nun aber die hellenisierenden die wage. Auch auf diesem gebiete 
der Wortwahl bewährt sich die doppelseitigkeit des Übersetzers, der 
kopien griechischer originale (kontrafakturen) mit seiner altgermanischen 
buchausstattung zu vereinigen verstand. Es lassen sich denn die 
hierher gehörenden sprachlichen einzelheiten auf drei morphologische 
gruppen verteilen : der Schriftsteller huldigt dem (archaischen) Sprach- 
gebrauch seiner Volksgenossen ; er gibt teilweise dem fremdwort nach 
oder er lässt sich vollständig auf den fremdländischen und buch- 
mäßigen (beziehungsweise auf den zeitgemässeren) gebrauch der jüngeren 
generationen ein K 

Die hellenistische geld Wirtschaft wurde den Goten zugänglich. 
Die entsprechende, von starken affekten begleitete terminologie ist 
nicht bloss nationalisiert, sondern auch pathetisch gehoben worden : 
ticai dulgia skulans ivesun didgahaitja swnamma <&a /peocpsOirat r,aav 
öavewrrTj tm L 7, 41; faihaskulans '/jjZo®zi1£t7.i 16, 5; faihiipraihmi 
(: mammon), faihiifriks aw^poxspcrr,: T 3, 8 (: aglaitgastalds Tit 1, 7); 
©iXapyupo; L 16, 14; faihitfrikei xXsovsEia E 4, 19. 5, 3. Mc 7, 22: 
faihugairnei, jaihugeiro o. s. 176 2 . Dem erwerbsieben der städte und 
ihrem geschäftstrieb entstammt das mit jaihugeiro zusammenklingende 
faihugaivaurki (-opicy.oc) T 6, 5 o. s. 20; von ihrem schreibwesen ist 
gilstrameleins, von ihrer architektur sind baurgsivaddjus und grundu- 
waddjus und waihstastains ajcpoywvtatov E 2, 20 angeregt 3 . Der kult- 
sprache gehört hleprastakeins a/.ryo-rriy. an (J 7, 2); mit dieser kontra- 
faktur dürfte ein verbalabstraktum frapjama/rzeins sauxov <ppsva-aTa 
G 6, 3 oder ein prädikatsnomen gupblostreis Q-zoGzßic J 9, 31 (:gu/> 
blotan ö-sossßsiav T 2, 10) gleichaltrig sein. 

Die zweite gruppe der jüngeren komposita wirkt nur noch inso- 
fern archaistisch, als dem fremdwort zur hälfte gehör geschenkt, die 

gölhert, ahd. armherzi, reinherzi; lanemuoti, hohmuöii usw. vgl. anord. hardrdpr: 
hardrceße, huyblaupr : huybleyße ; and. yelmöd, hardmöd, wrSdmöd und andere: 6d- 
tnödt; ags. eadmöd, bJipemod, hdahmöd, wrdÖmöd; anord. heiptmöpr usw. 

1) Komposita, deren beide glieder freradwortlich, waren nicht stilgeinäss 
und kommen nicht vor (Zeitschr. 46, 357); gazaufylakion J 8, 20 bildet als trans- 
literierun^ nur eine scheinbare ausnähme. 

2) Ags. scyldlueta, ahd. sculdhaizzo (: libes, bluates skolo) ; ags. sci/ldfreat 
(: äupfrec, anord. dtfreJer). 

3) Mc 12, 10. L 20, 17 stains . . . warp du haubida waihstins; zu got. icaih~ 
stastains gehört auch in waihstam plapjo M 6, 5. Vgl. ags. grundwceg, bürgweall, 
burgloca; gmndstdn, hyrnstän; and. buryyisetn, ahd. eygistein, ortstein, mnchilstein. 



178 KAUFFMANN 

Umbildung der andern hälfte im gehobeneren ton des gotischen Sprach- 
gebrauchs vollzogen wurde. Diese zwitter sind für den stil der 
gotischen bibel höchst charakteristisch und gestatten uns, ihren lite- 
rarischen stil jenem allgemeinen zeitstil unterzuordnen, dem die in 
den provinzen des römischen reichs, in der weit des hellenismus sich 
ausbreitenden Germanen der Völkerwanderung erlegen sind ('völker- 
wanderiingsstil') x : asiluqairnus 'mahlstein' [/.ü ao; pvutö'g Mc 9, 42 ; bairrt-, 
peika-, smakka-, alewabagms (elat* L 19, 37); auHigurds /,r-o: J 18, 1. 26 
(gemüsegarten) ; weinagards (-basi, -drugkja u. a.); kaisaragild üvkos 
Mc 12, 14; lukarnastapa Auyvia Mc 4, 21 u. ö.; sijnagogafaps ap^ 1 " 
cjvaywyo? Mc 5, 22. 35 f. 38 (: fauramopleis synagogeis L 8, 41 : 49) 2 . 
Der behäudlung von ap/i- (s. 186 anm. 3) stellen wir die von tj>su&>- gegen- 
über, zu dessen aufnähme der Übersetzer sich nicht entschliessen konnte : 
stilgerecht, wenn auch schwerflüssig sind die nach dem pergament 
schmeckenden schreibstubenfabrikate galiuga-apaustaideis ^su§ot7roc»TOAoi 
k 11, 13 3 ; galiugapraufeteis tyzuboTzpovrtTai (: liugnapraufetwn M 7, 15) 
und gnliugaxristjus ^EuSo^ptoroi Mc 13, 22 4 . Ihnen entsprechen die 
wochentagsbezeichnungen der kultsprache, die von dem lehnwort 
aaßßocTov (bezw. plural. caßßaTa) ausgegangen sind. Die hellenis- 
tische Zeitrechnung haben die Germanen sich angeeignet und .bei 
den Goten ist für 'woche' (lat. sabbatum) das masc. sabbatus L 18, 2 
(sing, oder plur.) volkläufig geworden, während für 'Wochentag' die 
vollform sabbatodags oder die kurzform sabboto sich festgesetzt hat 
(Mc 2, 27-28) 5 . 



1) Ags. candelstwf : fripcandel (candela), heofoncandel sonne; herestriet, mere- 
cist (arche) ; and. fotscamel, himilporta (Zeitschr. 46, 337). 

2) Ags. esulciveom, ahd. esillih quirnstein (Heyne, Hausaltertümer 1, 44. 2, 
177); abd. oliboum, ags. elebcam, ortgearä (Hoops, Eeallexikon 2, 115); and. innseli usw. 
femdalu (infernus), ags. enjeleyn, gimeyn, wic^evefa (uicus) u. a. 

3) paim ufar mikil wisandam apaustaulum tujv ürcepXiav aTtoa-uöXtov k 11,5; 
paitn ufar filu apaustaulum 12, 11 ('Überapostel'). 

4) Ags. lease cristas, lease ivitejan Mc 13, 22; cJjsuSonAptopes wurde zu got. 
galiugaweitwods K 15, 15 L 18, 20 Mc 10, 19; galiug iceitivodjan 14, 56 f. (: martyre 
im got. kalender); galiugabropar 4>su8ä§eXcpo$ k 11, 26 G 2, 4 (: Hugnawaurds 
tysuböloyoz T 4, 2); weitere Wucherungen finden sich K 8, 10 (galiugagup sYScaXov: 
galiug vgl. 5, 10 f. k 6, 16). 10, 19 f. G 5, 20 E 5, 5 C 3, 5 (Idg. Forsch. 29, 311). 

5) Der erste tag einer woche heisst fruma sabbato Tcpü)ty](fjjj.spa) oaßßäxou 
Mc 16, 9 = \ila. (semitisch) aaßßäxcov 16, 2 (> dags afarsabbate) ; derselbe ausdruck 
konnte auch den freitag, den tag vor dem 'sabbat' bezeichnen (15, 42), weil in 
sabbato 'am Sonnabend' bedeutete (L 6, 1). Dagegen ainkarjanoh sabbate K 16, 2 
heisst wider 'an jedem ersten Wochentag' {dag franoh L 9, 23) = sabbato- oder 



DER STIL DER GOTISCHEN BIBEL 179 

Die hellenistische tönung der nationalsprache hatte auf die Stili- 
sierung- der gotischen bibel noch grösseren einfluss, wenn sie auf die 
gesamtform der Wörter sich erstreckte. Auch in diesem fall hat der 
Übersetzer wohl auf grund seiner der Sprachgestaltung gewidmeten 
lieblingsneigungen die komposita bevorzugt. 

Dass witodalaisareis vo(AomSa<rxaXo? L 5, 15. T 1, 7 der eiufühlung 
in hellenistisches sprachleben sein dasein verdankt *, ist evident {-areis < 
iirius): dass der Gote auch da, wo äusserliche merkmale fehlen, ihm 
gefolgt ist, dafür muss unser Stilgefühl erst geweckt werden. 

Eine grosse rolle spielt in den neutestamentlichen Schriften Xoyo; 
und als zweites kompositionsglied -Xoyia. Es ist von interesse, die 
methode zu bestimmen, nach der sich der Gote mit diesen schul- 
begriffen abgefunden und wie er diese literarischen wörter seinen 
Volksgenossen mundgerecht zu machen versucht hat. Die erwartung, 
dass eine formale nationalisierung solch fremdartigen sprachguts unter- 
nommen und eine art von künstlerischer illusion erzeugt worden sei, 
wird nicht enttäuscht. Für das simplex Ao'yo: bot sich dem Übersetzer 
ein heimischer Vertreter an: nimandans at uns waurd hauseinais 
gudis andnemup ni swaswe waurd manne ak swaswe ist sunjaba 
waurd gudis -apaXaßovrs; ~y.z Y,y.o~v Xoyov a/.or,r tou &so~ eSsEa<79s ou 
Xoyov ävilooj-cov, a.XXa x.a&coc sgtiv aX'/ifrck Xoyov &eou Th 2, 13 Vgl. 
LS, 11 ff. Mc 2, 2. 4,. 14. 33 (Xöyoc im sinne von heilsbotschaft, 
s'JayysXiov > waurd = (%wx). Im allgemeinen diente ihm waurd (Xoyo;) 
dazu, auch griech. -Xoyia zu vertreten 2 . Dagegen hat er aiwlaugia 
k 9, 5 für eüXoyia beibehalten, aber dies kultwort ist ebenda auch 
zu wailaqiss, K 10, 16 ist es zu piupiqiss und k 9, 6 E 1, 3 zu 
piupeins umgeformt worden (piupjan suXoyeiv). Zweifellos ist gabcmr- 

sabbatedags, wofür sabbato (vgl. pai phulo M 5, 4. 6, 7 psalmo E 4, 8) und sabbate 
als Varianten begegnen (Mc 1, 21. 2, 23. 3 2 L 4, 16; Mc 16,1 J 9, 14. 16: 
sabbatwm C 2, 16 ; sabbatim Mc 2, 24. 3, 4 L 4, 31 : 6, 2). Je nachdem man von 
'sabbat' als wocbe oder als sabbattag ausgeht, kann frutna sabbato beziehungsweise 
afarsabbate den freitag oder den sonntag beziehungsweise den montag oder auch 
'die nächste woche' bezeichnen (Mc 15, 42. 16, 1. 9: in pamma afardaga L 7, 11 
'am nächstfolgenden tag') vgl. Sitzungsber. d. Berliner Akad. 1905, 744 ff. ; Idg. 
forsch. 31, 323 ff.; Zeitschr. 2, 301 f., 43, 79 ff., 95 ff., 116 f. - Bei Notker treffen 
wir für (juinta snbbati die Übersetzung toniristac, für qitarta sabbati : in mitta- 
uneiJum usw. (ed. Piper 2, 333, 13. 393, 11). 

1) witodafasteis vop.ixöc L 7, 30. 10, 25. 

2) Ags. tornword, tomwyrdan: got. ßhurauräjan ßaTToXoyeLv M 6, 7 ; uliil- 
iraurdjan xa^o^oyeiv Mc 9, 39: ubil qipcm xaxoXoysiv 7, 10; gaqiss K. 7, 5: samaqiss 
ou(icpa)VY)ats k 6, 15 f.; usqiss xaxyjyopia Tit 1, 6; anaqiss ßXaocpr/iiia T 6, 4. C 3, 8. 



180 KAIFKAIANN 

piwaürd yeveaXoyia T 1, 4 eine kontrafaktur, aber sie hält doch einige 
distanz von dem g-riechischen muster, weil sie das heimische neutrum 
bewahrte; bemerkenswerterweise hat der Übersetzer t 2, 16, für 
jtevo<pö>via von einem neutralen lausawaurdi gebrauch gemacht 1 . Noch 
weiter ist er den griech. ausdrücken entgegengekommen mit dglaiti- 
waurdei aic^poXoyia C 3, 8, dwalawaurdei [/.copqXoyia E 5, 4, filuivaurdei 
7roXuXoywc M 6, 7, lausawaurdei f/.aTaw>Xoyta T 1, 6-. In einer minder- 
heit von fällen sind einfache verbalabstrakta zum ersatz genommen 
worden, wahrscheinlich auf veranlassung griechischer abstrakta (mapl- 
jan : mapleins XaXta J 8, 73; sunjoti : sunjons a~oXoyia k 7, 11 u. ö. 
andahafts a7roXoyia K 9, 3 ; andahait oaoXoyia T 6, 12 f. ; Inhalt y.ata- 
XaXta k 12, 20). 

Zuweilen ist statt der komposition Verbindung mit einem verbum 
oder adjektiv oder genetiv gesucht worden: in augam skalkinondans 
sice mannam samjandans ak in ainfalpein hairtins \j:r, ev ocp&aXfjioSou- 
Xsiai? die, KvO-pwTCapecicoi aXX' iv y—ÄOTr^i jtapöiac C 3, 22; : attans bligg- 
ibandam jah aipeins bliggwandam, mannans maurprjandom . . . mannans 
gapiwandam TCaTpoXwai? xal [/.YiTpoXcöai?, ocvopo<povoi<;, iv^pa-o^wral: T 1, 
9—10; m AM«?? hauhaba v.r, ud/rXocppovei R 11, 20; fowsa hauheins /-svo- 
So£ix Phl 2, 3 ebenda hauneins gahugdais : hauneins ahins C 3, 12 
Tz-sivoopocuvr,. Der letztere fall kann uns abermals darüber belehren, 
wie die literarischen und hellenisierenden neigungen des Übersetzers 
mit den volkstümlichen und mündlichen Überlieferungen sich kreuzen. 
uio&£<7ia, den hellenistischen fachausdruck für das rechtsgeschäft der 
adoption, nationalisierte der Gote R 9, 4 durch frastisibja ; an derselben 
stelle folgte auf uiofrscia ein vo^oösata. das er durch witodis garaideins 
umschrieb. Auch setzte er snniwe sibja für uio&stria ein (G 4, 5) und 
schmiegte sich mit snniwe gadeds E 1, 5 noch enger an das griech. 
kompositum zugleich aber auch an die gewohnheiten des altgerma- 
nischen alliterationsstils an, von denen er sich, was die Stellung des 
genetivs betrifft, mit du lewa leikis G 5, 13; lustu leikis 16 (E 2, 3) 
u. v. a. ebenso gründlich entfernt hat wie mit seinem schriftsprach- 
lichen typus hauneins ahins 3 . 

1) gawaurdi ojicXia K 15, 33. 

2) Vgl. ferner waurdam weihan Aoyo|i.axeTv t 2, 14: waurdajiuka \oyo\iot.y_iot. 
T 6, 4 (:jiuka eptfreia G 5, 20); einen ausnahmefall stellt dar inuh fairina k«l- 
fcinabsaus 7iapsxxös Adyou rcopvelas M 5, 32. 

3) Hätte Wulfila nicht eine entschiedene Schwenkung in der richtung auf 
den fremden usus vollzogen, so würde er nicht geschrieben haben in aldins aiive 
T 1, 17 ; in allos aldins aiwe E 3, 21, sondern er würde den genetiv vorangestellt 



DBB STIL DER GOTISCHEN BIBEL 181 

Lassen sich demnach die Wirkungen der dichtersprache der 
Westgoten, des alliterationsstils ihrer völkerwanderttngszeif, bei der 
Wortwahl, Wortbildung und Wortstellung ihrer bibelübersetzung noch 
erkennen, so scheint sich uns unter dieser Voraussetzung nunmehr die 
freiheit und die möglichkeit zu bieten, den merkmalen der alliterations- 
poesie auf einem geräumigeren felde nachzuspüren. 

Das eine, die sprachform der Gotenbibel bestimmende haliptstil- 
gesetz ist von uns als das gesetz der Wiederholung aufgestellt worden. 
Ihm ist ein zweites stilgesetz koordiniert; der sog. 'wechsel im 
aus druck' 1 . Ich vermute, dass der die wortwiederholung aufhebende 
Wortwechsel aus dem stilgesetz der altgermanischen Variation abzuleiten 
sei, während das gesetz der Wiederholung nicht bloss altgermanischer, 
sondern auch biblisch-hellenistischer abkunft war. 

Es wurden von der Variation nomina und verba betrotten und 
ihre funktion war, bei einem und demselben ding, gegenständ, zustand 
oder ereignis verschiedene flächen zu beleuchten und gleichsam neue 
schauseiten an demselben hervorzukehren. Ein wesen oder eine hand- 
lung wurde nicht in der ruhelage oder mit der Verallgemeinerung einer 
einzigen eigenschaft, sondern in der mit mehreren Umdrehungen sich 
vollziehenden bewegung gezeigt, so dass mehrere attribute dem künst- 
lerisch erregten betrachter fast gleichzeitig sich offenbarten. 

Wenn der Got'e L 6, 48-49 (o. s. 37 f.) seine griechische vorläge 
(TcpöcsppYigev o -ot7.<j,6q) so veränderte, dass er für -o-raMo; ahra und 
flodus gebrauchte, während er das verbuni bistagq unverändert wieder- 
holte, so scheint er beim schreiben sich verhalten zu haben wie 
beispielshalber der dichter des Heliand, dem für seine Schilderung 
der flucht nach Ägypten der Nilstrom als stoffliches motiv gegeben 

haben [dwa to aldre Beow. 955); Zeitschr. 32, 435 ff. 38, 384 f. Idg. Forsch. 29. 285 
('die Stellung des genetivs, der von einem namen abhängt, stimmt fast durch-: 
gängig mit derjenigen der vorläge überein'). 

1) R. Groeper, Untersuchungen s. 85 ff. ('Wiederholung' und 'wechsel' des 
ausdrucks vgl. bezüglich des letzteren Zeitschr. 37, 155. 376. 382 ff. ; Idg. forsch. 29, 
343. 357 ff. 'frei angewandtes stilmittel, mit dem übrigens die Goten von hause 
aus schon vertraut gewesen sein mögen') z. b. filuwaurdjaip (ßaTToXoYYjav]T;e) . . . 
fihtwatirdei (ito\u\oyia.) M6, 7; wairpand ank pai dagos jainäi aglo swaleika swe 
ni uns swaleika fram anastodeinai gaskaftais Mc 13, 19; galaip . . . galeipam 
. . . gaMpun L 8, 22; ik daupjada $i daupjaindau . . . pizai daupeinai pizaiei iL- 
daupjada daxpjanda 10, 38—39 u. v. a. fadrein . . .fadrein . . .fadrein . . . bernsjos 
J 9, 18—23; frocvaios . . . vexpöv > daupits . . . daupaize dagegen slxdva . . . elxdva > 
manleikan . . .frisaht, yo'iy.öQ . . . xo'ixot . . . x ol *oö > s« muldeina . . . pai muldeitians 
. . . 'pis airpeinins K 15, 21. 48—49; stuotoXyj > bokos . . . aipistuk . . . <r/'/><'sti(/i> 
k 3, 1—3 u. v. a. 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XLVIII. 13 



IS'J KAI Fl'MANN 

war und bei dem es sprachlich so ausgedrückt ('stilisiert') wurde: 
thar en aha jiiutid . . . flodo fagorosta (v. 758-60). Was man in 
der gotischen bibelübersetzung ' Wechsel im ausdruck' genannt hat, 
kommt in diesem fall völlig mit der Variation der biblischen epik 
überein: vgl. ferner fiai Ubandans pai Mlaibidans . . . pai Ubandans 
l>ai aflifnandajis (oi ^wvts? o\ -spiXsi-oasvoi) Th 4, 15. 17; pata samo 
in izwis misso frapjandans, ni hauhaba hugjandans R 12. 16 
(qapovouvTSs) ; bidagwa (7rpocai~/;;) . . . aihtronds (7üpoffatTt3v) J 9, 8; patei 
mito bi leika pagkjau k 1, 17; andbitäna i akel ni afslau- 
p i </ a i 4, 8 : stikls pinpiqissais (suXoyta?) pariei gaweiham (suXo- 
youpiev) K 10, 16; halt an was natno is Iesus, pata qipano fram 
aggilan L 2, 21: mgildan paim gapr eihandam izwis aggwipa jah 
izwis yapat andam iusüa th 1, 6—7: icitum ... kunnum J 7, 
28. 9, 29; patei ik fram guda nrrann uzuhiddja fram attin 
16, 27-28 ^ Zahlreicher sind die belege für einen in der stilart 
der Variation gehaltenen Wechsel im ausdruck, wenn die Wörter in 
weiterem abstand auf einander folgen ; gop variiert mit piup, gilstr 
mit gabaur R 13, 3. 6-7 (o. s. 80) auf einer ebenso kurzen strecke 
wie ubil mit unsels M 5, 37-39; vgl. ferner tibr :giba M 5, 23-24; 
hairpa : wripus L 8, 32-33; mipwissei : gahilgds : pvhtvs K 10,25-28; 
us gabaiirpai :u9 ivistai R 11, 21 u.v.a. 2 Schliesslich verteilt sich 

1 ) K 14. 14 lesen wir in unsern ausgaben sogar gawamm . . . unhrain (?) . . . 
gamain (xoivov), während v. 13 für xpiveiv st o Jan und v. 15 für ßpu>|j.a tnats an- 
standslos wiederholt ist; vgl. noch etwa hu gastöera'ißs warß sunus maus jah 
guß haukißs ist in imma (e8o£äofrv]) J 13, 31; uhiriggws . . . inwinds L 16, 
10—11: jabai auk foai gasaiMß ßuk ßana habandan /.• // nj> i . . . uitubn i\ miß- 
wisset is sin /eis nisandins: . . . sa unmahteig a . . . :gah ugd sinket k 8, 10—12. 
— 'Dass bei 'Wiederholung' und bei ' Wechsel im ausdruck' der rhythmus des drei- 
klangs mitwirkt, wurde schon früher von mir bemerkt (o. s. 78): afletai —afletiß 
afsatiäa M 5, 31—32 (.• afletiß — afletiß — afleüß 6, 14—15); kunnuß — kunnuß — 
ivitum J 14, 4—5; niujata — niujo — juggata veov: niujis — niujo — niujin xouvöv 
L 5, 37—38. 36 u. a. Sehr schön und wirkungsvoll: atgiban — anafilhun — galewjan 
J 18, 30. 35. 36. 

2) ahmet : gahugds R 7, 23—25; gubanrßs : gakunßs L 3, 23; qißus '. wawba 
1, 41—44 (reue : uuamba Tatian 4, 2— 4) ; ninklahs : bar niskei K 13. 11; (jenes seinaim 
abnam ufhausjaina mite wair ist haubiß qenais E 5,22—23; dazu 24— 25; ßan 
Xristxs swikunjis wairßiß . . . ßanuh jah jus bairhtai tvairßiß C 3, 4 (<pavepa)9-Tj 
. . . cpavspooiWjaea&s) ; ßata niujo wein . . . wiin juggata L 5, 37—38 vgl. hierzu 
Mc 2, 22 (v£o£ : xatvöj) ; in gard J)is Fareisaiaus . . . in razna Jns Fareisaiaus 
7, 36—37; laun ni habaiß . . . andnemun mizdon seina M 6, 1—2; andwairßja 
. . . ludja 16—17; tttberuh imma mannan bandana rodida sa d u in b a 9, 32— 33 ; 
nu witum ei Jm kaut alla J 16, 30; ßairhivisis in seiein . . . gatnlgjand Sil- 
in ungalaubeinai K 7, 21—22; du fiskon . . . in gafahis ßize fiske L 6, 4. 9; frauja 



DER STIL DER GOTISCHEN BIBEL 183 

der Wortwechsel auf verschiedene kapitel und verschiedene bücher, 
wofür griech. äypo; ein ausgezeichnetes beispiel liefert: L 15, 15 steht 
ha/'pi, v. 25 akrs; 14, 18 land; 9, 12. 8, 34 weihs; an die stelle von 
weih« Mc 6, 56 tritt haims 5, 14 und haimopli 10, 29-30 L . Dieser 
freiere gebrauch ist aber der gotischen bibel durchaus nicht eigen- 
tümlich und hat für ihre stilgeschichtliche wertung um so geringere 
bedeutung je allgemeiner er verbreitet ist 2 . 

III. 

Bei der Wortwahl berücksichtigte Wulfila nicht nur den gotischen, 
.sondern auch den hellenistischen sprachkreis * (o. s. 8 f.). Er liess heimische 
w ürter mit fremdwörtern oder lehnwörtern wechseln, w r obei man immer 
wieder der anregenden erlebnisse der jüngeren generationen der West- 
goten in den römischen provinzen gedenken sollte. 

K 11 ist von der dem gottesdienst geziemenden frauenmode die 
rede: eine fr au,, die sich nicht verschleiert, wirkt auf Paulus so an- 
stössig wie eine icupofxev/;, eine mit der schere oder gar mit dem 
rasiermesser geschorene dirne (ain auk ist jah pata samo pizai bi- 
skabanon v. 5); hierfür stand dem Übersetzer auch lat. capillore zu gebot 
und er sagt v. 6 (uute jabai ni huljai sik qino) skabaidau, ip jabai 
agl ist qinon da kapillon a/ppc/u skaban gahuljai xeipacHco, ei öe 

pis qairneifi . . .fraujin päurfts ßis ist 19, 31. 34; pagkjandans . . . niitodediin Mc 2, 
6. 8; usgagg . . . uvrann L 4, 35; ufarhafnau . . . ufarhugjau k 12, 7; anananpeiß . . . 
gadars 11, 21; galaisides . . . gemannt t 3, 14; rahnida . . . dopija Phl 3, 7—8; ga- 
swultun . . . gadaupnoda L 20, 31-32 vgl. Mc 12, 20-22. 9, 44-48 ; hlifand . . . stilcnvl 
M <x 19—20; gawasjan . . . gakamoß R 13, 12—14; laugnida . . . afaiaik M 26, 70—72; 
maurnands . . . saurgaiß 6, 27—28; domjands . . . stanidedeima K 11, 29—31; taujiji 
toja J 8, 41 . . . waurstw waurkei t 4, 5. J 9, 4 . . . waurstwa poei d>- tauja 10, 25; 
waurkja . . . twtja 6, 30. R 7, 15—20; amen qipa iaüois an dnemitn mizdon seina . . . 
nun ii qipa iz/ris Jxitii /i n b (i n d Mizdon seina . . . amen qißa izwis patei a n dn e m u n 
misdon seiim M 6, 2. 5. 16; partikeln variieren: unte-ßatei J 16,16—17; saei wrak 
uns s i inle (tzoxb) nu mereiß galaubein ßoei suman (ucce) brafr G 1, 23; du miß- 
i/asuiltan jah samana liban k 7, 3. 

1) haißi L 17, 7. 31 M 6, 28. 30: akrs 27, 7-10 Mc 15, 21; vgl. siggwan 
hokus L 4, 16: ussiggrvan 6, 3. 10, 26 u. ö. ; gakunnan Mc 12, 26: annkinuun) 
k 1. 13. 3, 2. 14:15. 

2) betonti in thero ziti tb.es rouhennes . . . stantenti in zeso thes altarcs 
thero nnihrouhbrunsti Tatian 2, 3-4 u. a. (Zeitschi». 47, 323 f., 351 u. ö.)| für 
got. ■•Huf Jxnia alidnn — refrainartig sich wiederholend o. s. 55 — setzt der Angel- 
sachse an faitt styric . . . an fadt celf L 15, 23. 27. 30 (: gifuotrit calb Tatian 97, 
5—6) ; 16, 2—4 wechselt tunscire mit gerefscire, 1—8 gerefa mit tan^ere/a (: sadd- 
haizzo Tatian 108, 1—2) usw. 

3) gairasids iras paiirpainrai jah byssaun L 16, 19 {:garauuita sih mit gota- 
fvebbe inti mit linemo Tatian 107, 1). 

13* 



184 kai iimaw 

orioypov yuvaixi to ■/.ziox.gSix.i r, lupac&bu jtaTaxaXuTrr^gO'W. Ein ähnlicher fall 
kehrt k :>. 1 2 wieder (o. s. 181 anm. 1). Es war mit 'empfeblungsbriefen' 
missbrauch getrieben worden, ans diesem anlass wird i-m-olr, zuerst 
mit bokos, darnach mit aipistaule wiedergegeben, dies fremdwort v. 3 
wiederholt und v. 6 abermals durch bokos vertreten l (hier erscheint 
boka auch noch für griech. ypäaaa und wird v. 7 durch gameleim ab- 
gelöst). Deutlicher tritt der dualismus der kultsprache k 9 hervor, 
wenn v. 5-6 geschrieben steht fauragamamvjaina pana fauragahai- 
tanan aiivlaugian ... swaswe wailaqiss . . . jah saiei saiip in 
/> i upeinai , us p/upeinai jah sneipip 7rpo>caTapT«7(«s<TW r/jv 7rpo*aT7 ( yysA- 
u.svy)v euXoyiav . . . (>>c eu^oyiav . . . o cr—siotov i— eu^oytaic s— eiAoyiai; x.y.i 
9$pu;et -. Ein unentbehrlicber bestandteil der liturgie wird also entweder 
auf gotisch oder auf griechisch ausgedrückt. V. 11-12 ist das dank- 
gebet erwähnt (sü^aptcna) und auf gotischer seite von aitcxarisUa und 
von awiliud gebrauch gemacht. Zwanglos traten die erbwörter und 
die fremdwörter in ein nachbarschaftliches Verhältnis 3 (gadrauhteis 
gatauhun ina innan gardis batei ist praitoriauu jah gahaihaitun 
alla hansa Mc. 15, 16) 4 . Paradigmata der parität haben wir an 
taitrarkes und ßdurragini (L 3, 1. 19) oder an den parallelstellen: 
ha namo pjein? jah qap du imma: namo mein laigaion (Xsyswv) 
unte managai sijum Mc. 5, 9: ha ist namo pein? paruh qap: 

harjis fXey£<uv), mite unhulpons managons galipun in ina L 8. 30 6 . 

1) in paim bokom . . . so aipistule jaina k 7, 8; ßairh pos bokos . . . ana 
attaim aipistulem meinaitn th 3, 14. 17; atbair jah bokos pishun maimbranans 

Os|ißpdvas) t 4, 13; vgl. dagegen bokos . . . bokos (ßißXiov) L 4, 17. 

2) Vgl. piupeins E 1, 3; piupiqiss K 10, 16. 

3) twistasseis . . . hairaiseis (oupsoeis) neiba G 5, 20 f. ; in gaiainn an- 
tun ins M 5, 22; Mc 9, 47; Nanbaimbair neben fruma Jiuleis im got. kalender. 

4) Ganz ähnlich ist: thie kenphon thes grauen intjiengun then heilant in 
themo thinchus gisamanotun zi imo alla ihia hansa Tatian 200, 1. 

5) Für 'tischplatte' wechselt der Gote zwischen dem lehnwort mesa Mc 11, 15 
und dem erbwort biuda 7, 28. Von hier aus fällt auch das richtige licht auf 
lükarn L 15, 8: haiza, skeima J 18, 3 und auf M 5, 41 oder Mc 4, 21; hier 
verzichtet der Gote auf das — den Germanen sonst geläufige — fremdwort pöbicq 
und schreibt mela (neben lukarn), dort weicht er dem fremdwort jjllXlov (meile) aus 
und schreibt rasta. Daraus darf aber nicht geschlossen werden, dass die Goten 
jenen fremdlingen gegenüber sich anders verhalten hätten als die Westgermanen, 
weil an dem zustand der dinge wahrscheinlich nur unsere fragmentarische Über- 
lieferung schuld ist. Bei den münznamen wissen wir zufälligerweise besser 
bescheid (assarjus, kintus, drakma : daila, skatts, skilliggs) und nach diesem muster 
wird auch die mehrzahl der übrigen, volkläufig gewordenen fremdwörter, beziehungs- 
weise deren heimischer ersatz beurteilt werden müssen. 



DER STIL DER GOTISCHEN BIBEL 185 

Diabaulus war so geläufig wie unhulpa, -o (E <i, 11) und T 3, wo 
wir unhulpa antreffen (v. 6-7), ist sogar das griech. epitheton stehen 
gelassen ', obwohl es an einer adäquaten volkstümlichen bezeichnung 
durchaus nicht mangelte (yuvaix-ac, cepiva«; ;rn owxßoXouq : qinons gariudos 
ni diabulos v. 11: fairinondans &aßoXoi t 3, 3; fanvrohips warp 
(iufij.rfrr, L 16, 1). Geradeso stehts mit den dämonischen : at ondu- 
nahtja pan waurpanamma atberun du imma daimonarj a ns (oaü- 
jxovi'Coyivo'j;) . . . jah allans paus nbil habandans gahailida M 8, 16: 
andanahtja pan waurpanamma . . . berun du imma allans Jjans ubil 
habandans jah unhulpons habandans (Sai(/.oyt(,0(/ivou<:) Mc 1, 32. 
Stilgerecht sind also die doubletten: frehun pan ina jah pai mili- 
tondans qipandans . . . jah qap im: . . . waldaip annom izwaraim 
((rrüaTSuöp.svot, o<j/<ovia [annona]) L 3, 14: hras dr auhtinop swesaim 
annom /van? Tic irroaTSüSTat iStoic 64>ü>vioic. tcots; K 9, 7 : andawizn 
od/oovtov k 11, 8 (ivaüawizn Skeir. 7); kaupop (-pxyj.y.TZi cy.cQ-z) . . . 
gairaurhtedi '($is-payaaTsü<7«To) L 19, 13. 15; pamma frumistin daga 
azijme pan paska salidedun Mc 14, 12 (a§j(/.a)v) : paska ... pannu 
dulpjäm ni in beista ('('V- 7 *) fairnjamma nippan in beista balwaweseins 
, . . ak in unb^i stein (sv a^u{/.ot?) imivammeins K 5, 7 f . ; pnnd bal- 
s a n i 8 I pupou) : salbonais ((/.üpoo) J 12, 3 : balsan 5 ; gab in d i (c/a- 
bundi) C 3, 14. E 4, 3 (cuv^sc^o?) : gabundans handuns jah fotüns 
faskjam (-/.sipiaic) |/ffA «V/te «'s auralja (aou^apiw) bibandans J 11, 44 : 
?';< fanin (cou^apiw) L 19, 20; sab an (givSwv) M 27, 59: fem (ctvSwv) 
Mc 15, 46. 14, 51-52; plapja (tcXätskSv) M 6, 5: gattrons L 14, 21 
(: awa jauradaurja 10, 10); L 16, 13 ist faihupraihna ((*a{/.[Mova) 
von der randglosse mammonim begleitet, während M 6, 24 mammonin 
im text und faihnpra[ihna] am rande steht und ebenso charakteristisch 
für die doppelseitigkeit der sprachlichen Orientierung unseres .Über- 
setzers ist der Wechsel zwischen n: aurstwj ans und aurtjans (im 
Weingarten) L 20, 9 ff . (gegen J 15, 1. Mc 12, lff.) 2 . 

Die bahn, auf der sich die kombinatorische Sprachphantasie des 
Goten bewegte, ist damit klar vorgezeichnet. Er fühlte den drang, 
die hellenistische terminologie zu nutzen und sie mit gotischer aus- 
drucksweise ins gleichgewicht zu setzen. 



1) Vgl. deu gebrauch von diabaulus : galewjan J 6, 70—71. 

2) accarbigengon : uuinzurilon Tatian 124, 1—3. 4. Ein weiteres beispiel 
gotischer praxis ist aTtoauväYwyoc. Y^ vr ) Toa ntana st/nagoyais toairßai J 9, 22 
: us synagogein (ni) uswaurpanai wäurpeina 12, 42, &Tzoa'jya.yöi-foi>g Ttoirjaouaiv &(iäg > 
us gaqumpim dreiband üstpia 16, 2. 



Im! kafffmann 

Dies geschieht auch da, wo der Übersetzer auf das fremdwort 
verzichtet und bald buchstäblicher bald freier bald mit wörtlicher 
bald mit sachlicher widergabe, bald mit einer kontrafaktur, bald mit 
einem griechischen oder lateinischen ausdruck, bald mit einem goti- 
schen ersatz derselben den anforderungen seines Zeitalters, dem zeitstil 
gerecht werden will. 

Sein hauptanliegen war die Schöpfung einer kultspraehe. Wir 
beobachten, wie er sie von der gemeinsprache zu unterscheiden 
beflissen war. Gottesdienstlich-kultische sonderwörter behielten ihr 
fremdes gewand, während die entsprechenden alltagswörter volks- 
sprachlich gekleidet erscheinen (aggilus : airus; ahvaggelista. diakau- 
nus: andbahts ; praizbytairei : sinistans). Es ist aber auch stilgemäss. 
dass fremdwort und erbwort miteinander den platz tauschen. Zwar 
ist im Neuen testament für hynCk-tyäa. ('Volksversammlung') nur das 
fremdwort aikklesjo ('christliche kultgemeinde') üblich 1 , aber Neh. 5, 18 
taucht gamainps wenigstens als jüdisches sakralwort auf. Öfter 
wechseln Synagoge und gaqumps (cUviSpiov > gafaurds)'*, praufetjan und 
fauraqipan (L 1, 67 M 11, 13) a ; anvaggeljo sitzt fest, aber im gegen- 
satz dazu ist aiwaggeljan nur ein einziges mal belegbar (G 4, 13)j 
für z\ y.' i "(z\C'zr ! \)y.i sind waüameiyan und ivailaspillon (piuptspillon) oder 
die alten, schlichten Zeitwörter merjan und spillon gäng und gäbe. 
Th 3, 6 ist die einzige stelle im Neuen testament, wo eua-yys}i£se&*i 
in nicht-sakraler bedeutung gebraucht ist: hier hat der Gote für das 
griech. verbum got. gateihan gewählt. So bewusst und so bestimmt 
sonderte er durch die Wortwahl die gemeinsprache der Goten von 
ihrer kultspraehe ab. 

Populäre Verständlichkeit ist bei einer hieratisch-liturgisch ge- 
bundenen kultspraehe am allerwenigsten zu erwarten. Sie fordert um 
ihrer religiösen und gottesdienstlichen bedeutung willen nicht bloss 
einen eigenen rhythmus, sondern auch einen eigenen Wortschatz, der 



1) 'hausgemeinde' K 16, 19 C 4, 15 ; 'kirche' als einzel- oder gesaintgenieinde 
gottes ß 16, 23 K 7, 17 k 11, 28. 12, 13; jabai gaqimip alla aikklesjo sämana 
K 14, 23 (= Israel yudis G 6, 16: Israel bi leika K 10. 18); aikkhsjo gudis : yards 
gudis T 3, 5. 15. 

2) laisida in gaqumpim . . . yalaip in synayoyeiu L 4, 15—16; das fremdwort 
wird selbstverständlich für das gebäude gebraucht (L 7, 5). 

3) dpxäYYe^os > arkaggilus dagegen dp/tepeüg > ufargudja, auhumists (rei- 
kists, maists) gudja, auhumists weiha; dpx.iauväYüvyog ist durch einen halbschlächtigen 
fauramapleis synagogeis (heristo thes thinges Tatian 103, 3) ereetzt, für dpxixeXwvirjg 
ist dagegen ein fauramapleis motarje gewählt worden (Zeitschr. 37, 354). 






DER STIL DER GOTISCHEN BIBEL 187 

überall von der alltagssprache abstand zu halten pflegt. Das ist auch 
für die gotische bibel, zumal für ihren stil, eine grundwesentliehe 
Voraussetzung. Denn es handelt sich in diesem buch nicht so sehr 
um erkenntnis rationaler als um erbauung irrationaler art. 

Für das Ave Maria (o. s. 39 f.) diente in Deutschland heil anstands- 
los als einleitende grussformel; welchen klang got. hails hatte, das 
haben wir aus dem epigramm der anthologie erfahren. Dies profane 
wort eignete sich für den znruf (hääs piadan Iudaie ,\ 19, 3. Mc 15. 18), 
schien aber dem Übersetzer für sein Ave Maria so unangebracht, dass er 
für griech. yatps an dieser einzigen stelle fayino eingesetzt hat. Diese 
neubildung wirkte feierlicher als das auch in der niedrigkeit des all- 
tags gebräuchliche hails; sie ist die genaue nachbildung des grie- 
chischen grusses. Wir sprechen in diesem fall von kontrafaktur 
(Es. Zs. 43, 324 f.; Zfda. 48, 162). 

Kontrafakturen der griechischen oder auch der lateinischen bibel 1 
sind den Germanen unentbehrlich und für ihren eigenen biblischen 
sprachstil konstitutionell gewesen. 

Zum Verständnis der kontrafakturen gelangt man auf dem kürzesten 
wege, wenn man von den Übersetzungen einerseits, von den mit fremd- 
sprachlicher form entlehnten Wörtern andererseits ausgeht. Zum unter- 
schied von diesen totalen eutlehnungen und von jenen vollständigen 
eindeutschungen '*. nähern sich die kontrafakturen schrittweise dem 
volkstümlichen Sprachgebrauch. Ein vortreffliches heispiel besitzen 



1) Ich möchte auch an den kontrafakturen der semitismen der griech. bibel 
(o. s. 9) nicht mit stillschweigen vorübergehen (Moulton s. 19 ff.) : aepsg ixßiXc» 
ht ik Hüirairpa L 6, 42: öcepsg iSwtcev let ei sativam M 27, 49 Mc 15, 36; ap^aS-s 
Xsysiv duginnaip qipan L 3, 8 vgl. Mc 10, 78; dugunnun goljan 15, 18 u. n. (fehlt 
in den episteln); eXSh'ov . . . Xiyei qimands swnsaiw atgaggands du imma qap Mc 
14, 45; atgaggands atbair M 5, 24; qimands gahdilja 8, 7; qimandans mipanakumbi- 
dedwn 9,10 u. a. (im vergleich zu L 7, 3—4); ferner sitands atjvopida Mc 9, 35; 
gasitands lainiila L 5,3; gasitands sprauto gamelei 16, 6 u. <>. (4va)oxäs siusv stan- 
dands qap L 19, 8; gastandands ha Haut Mc 10, 49 L 18, 40 (:J 12, 29): ... 
T ( xoXoüd"r)aev usstandands iddja M 9. 9 Mc 1, 35. 2, 14; usstandands qam 10, 1 
L 15, 20. 18. 17, 19 usw. Usstandands usiddja jah gaktiß Mc 1, 86 vgl. M 8 
urreisands gastnp L 6, 68 (eyepO-sig); urrcisands nim M 9, 6. 7. 19 (: <S, 26); ärcoxp'.- 
^eig sitcev andhafjands qap L 5, 22 usw. (formelhaft bei den Synoptikern [usbai- 
rands qaß Mc 11, 14]: J 12, 23. 14, 23 usw.). Es käihen insbesondere auch die 
verbalen asyndeta in betracht (J 9, 7. M 8, 4 gegen Mc 8, 15. 1, 44 u. a. L 1. 
23 u. a. «regen 6, 12. 8, 1 Mc 2, 15. 4, 4). 

2) 9-scccpov => fainreitlKi, 9 (: fairweitjan); vgl. ahd. mubarmim (speetaculu») 
Tatian 210, 3. 



L88 KAI II MANN 

wir an griech. äv-/yr'vtoc*siv. Zur wiedergäbe dieses wortes und seines 
begriflfeinhältS bediente sich der Gore nicht des fremdworts, er goss 
vielmehr in die ihm dargebotene hellenistische sprachform gotischen 
Sprachstoff und gelangte so zu anakunnan. ' Den gleichen dienst 
leistete ihm aber auch eine gotische neuschöpfung, indem er Kvayty- 
vwGxeiv durch ussiggwan oder siggwan bokos (o. s. 14) eindeutschte. Das 
sind typische fälle, die die äussere und die innere sprachform des 
gotischen bibelwerks erhellen. 

Um die der neuen religion unentbehrliche stimme des 'gewissens' 
sprachlich darzustellen, kamen dieselben möglichkeiten in betracht. 
Der Übersetzer wählte altheimische Wörter {puhtus oder gahugds) oder 
bildete nach dem Schema guvsl&ridns (conscientia) den neuling mipwissei 
(K 8. 10. 12. 10, 25 ff. o. s. 46), wenn er vor dem fremdwort sich 
scheute \ Die Stellvertretung biblischer begriffe durch heimische erb- 
wörter (aurali : fana o. s. 185) ist als Stilerscheinung so interessant wie 
die dem fremden ausdruck formal sich anschmiegende Wortschöpfung 
mipwissei. Die Zwiespältigkeit dessen, was ein mensch von sich selber 
weiss oder denkt und was er tut, lässt im 'gewissen' des menschen 
geist (got. aha) urteilend und mitwissend an seinen handlungen 
sich beteiligen (animus conscius hominis)- und nach dieser haupt- 
tätigkeit des nachsinnens und beschliessens, des wissens und des 
urteilens kann sehr wohl für griech. auveüWi; got. gahugds (voü'c, 
Siavowc) oder puhtus ( verbalabstraktum von Jmgkjan So>ce?v) eintreten 3 . 
Wurde aber der nachdruck darauf gelegt, dass des menschen innerer 
sinn, der zeuge seiner reden und seiner taten sich regt und mit seinen 
regungen ein zeugnis ablegt und dass die zeugenschaft dieses mitwissenden 
eine dem gericht vergleichbare instanz bildet, so war die kontrafaktur 



1) AJiJkiii all hrain hrainjaim iß bisaulidaim jah ungalauhjandam >ii waiht 
Jirain ah bisaulida sind ige jah aha jah rnißwissei (c voög xai tj aovsiSyjaig) 
Tit. 1. 15; heuchler und lügner, die über ihre siiuden bescheid wissen - 'mitwisser' 
ihrer worte uud ihrer werke — spüren den feuerbrand dieses ihres eigenen 'mit- 
wissens' T 4, '2. 

2) Das 'niitwissen' der andern menschen spielt k 4. 2. 5, 11 herein (Reitzen- 
stein, Die hellenistischen mysterienreligionen s. 192 f.). 

:ii habandam runu galaubeinais in hrainjai gdhugdai T 3,9; amliudo guda 
meinamma //«»und skalkino fram fadreinam in hrainjai gahugdai foavwa unswei- 
bando haha U pah gaminßi t 1, 3; zu puhtus Vgl, handugei in fasiabnja puhtaus 
(Massmann) jah hauminai hairtins C 2, 23 (weisbeit als dienstleistung freien ent- 
Bchliessens und als demütigung des berzens); auvsoig > fraßt, frodei (verstehen, 
wissen, erkenntnisj E 3, 4. t 2, 7. K 1, 19. Mo 12, 33. 2, 47. 



DBB STIL DICK GOTISCHEN BIBEL 189 

Fast unvermeidlich 1 . Über den stil der konträfaktufen sagt mipwissei 
ffi>vei07)cft<; (conscientia) in Übereinstimmung- mit mis silbin mipwait 
Bp.auTt2 öuyo^a K 4, 4 das erforderliche deutlich und anschaulich aus 
(vgl. ahd. giwizzani) 2 . Gleichartig ist die kontrafaktur undwairpi-~pö<j- 
(o-ov. Der satz andwairpi seinata gatulgida du gaggan in lairusalem 
-ö -poTWTTov kutoö stttoicsv . . . andwairpi is was gaggando du lairusalem 
to -poc(o-ov auTou yjv 770p£ud|xsvov L 9, 51. 53 hat sich unter dem zwang 
der griechischen vorläge weit entfernt von seiner volkstümlichen unter- 
läge uvarp siuns andwairpjis is anpara L Sf, 29 = andawleizn k 11, 20; 
andwairpi . . . andaugi Th 2, 17 . . . farfjfa M 6, 16-17) 3 . Es handelt 
sich aber in erster linie um die sprachliche formung griechischer und 
zwar literarischer - worttypen. Sie wird durch andwairpi und ebenso 
durch auawiljei < £-iz<.-/.£c 4 , bimait 7cspiTO(/.ir„ diswiss < avaXu<7i: ('buch- 
stäbliche Übertragung" Streitberg, Got. Wörterbuch s. v.), faurdo- 
meins -cox.glv.7.. faurlageins < -pottsc; veranschaulicht und bekräftigt. 
Diesen Substantiven reihen sich verba finita {fauraqepum < ^pbsXsyGjtsv 
Th 3, 4 ;. pairhberi < S&evsyjtT) Mc 3, 16) 5 und participia an (mipgalei- 
kondaus < cuf^aifATiTai Phl 3, 17; niujasaüps vso^uto? T 3, 6; unfair - 
laistips < or.vtiv/yiy.n-rjc E 3, 8; unusspillops < <£vsxSwiyy)TOi: k ö, 15 R 11, 33). 
Über Ideprastakeins < äxvjvorariyia und gabaurpiwaurd < yevsaXoyta ist an 
anderer stelle • gehandelt worden (s. 177. 179 f.). Zu ihnen gesellen 
sich filuwaurdei < TcoXuXoyia (> lat. multiloquium) M 6, 7 ; aglaitiwaurdei 
'/'.T/:o/.oyia C 3, 8; dwalawaurdei pwdpoXoyta E 5, 4, die griech. 
abkauft mehr als verdächtig sind, und fidurragini (neben taitrarkes 

1) weitwodei mipwisseins unsaraizos k 1, 12; t>mij<i <ji/>a in waiht liuga 
mipweitwodjandein mis mipivissein meinai B 9. 1; habands galaubein jah goda 
mipioissein T 1. 19. 5 (die zeugenschaft dieses 'wissenden' ist gut); ufhausjaip ni 
paitainei in .pwairheins ak jah in mipwisseins R 18, 5: fraweiiands in pwavrhein 
4 ('Vollstreckung des zorngerichts'). — Das 'gewissen' ist im Neuen testament noch 
nicht die 'stimme gott.es im menschen', ist also nicht rein religiöser natiir ( zur 
wortgeschichte von griech. aoveidyjoig vgl. Norden, Aguostos Theos s. 136 fj. 

2) gawizneigs im a»jvY)8o[iat. R 7, 22; gabindi, gqbi/nda aüvÖEouog 3, 14. 2, 11». 

3) »i andsaihns andwairpi ob Xa|ißävst.; npöowTiov L 20. 21; andwairpi ni 
andsitip G 2, 6 (Blass-Dehrunner s. 4 f.). 

4-1 Pill 4, 5: oe|j.vÖTY]s T 3, 4; vgl. xa apeaxä £a£e» leikaip imma -I 8, 29; 
barniskei (anord. bernskd) < xa xoö vyjttLoi) K 13, 11. 

5) Streng genommen gehört auch und hm saiwala unsara hahis xtjv <|" j XV' 
Y)u,ü>v aips-.s J 10, 24 hierher ('wie lang willst du uns in Spannung halten'?); diesen 
und die ihm gleichartigen fälle wird man aher lieber übersetzungstechnisch be- 
gründen wollen (vgl. paimei puhta oder paim pugkjandam xotg doxoOaiv 'den 
angesehenen' G 2, 2. 6; po analaugnona hairtins xa xpitmä xf,g xap5ia: K 11,25; 
gas<tih((ii<ls f po reiron jah /><> waurpanona xa yivöiisva M 27, 54). 



190 KAI Kl MANN 

::t;z;/ci L :i l. Auch gahausein* — hauseim («predigt') wird nur aus 
griech. axQT abgeleitet werden können. Dies verfahren bewährt sich 
nicht bloss bei silubreins 'silberling' - eine unserem gülden 'goldstück* 
gleichartige kontrafaktur (Zfda. 48, 161' f.) - sondern auch hei den 
biblischen paaren liuhadeins - riqize/ns oojteivo ^-gx.otsivo: M 6. 22-23 
und leikeins-ahmehis < sapxevcx;, -ued? -•nvö'jy.y.Tt/.ö; k 3, 3. 1, 12 R 7. 14 usw. 
<<■<), ■(Kjral/s-.yiiritHalis); man wird überhaupt gut tun, die Produktivität 
des -ee'w.s-snffixes, die auf kosten von -leiks erfolgte (lelkeins leiblich, 
ethmems geistlich), nicht bloss auf heimische, sondern auch auf griech. 
anregung zurückzuführen und dadurch eine gelegenheitsbildung wie 
adj. galaubehis (-'.-rro: 'gläubig' Tit 1. 6) neben subst. galaubeins 
(tu<tuc) aufzuklären 1 . 

Mit diesen, nach griech. modellen geschaffenen kontrafakturen 
stimmen die lateinischen überein: armahairts (eua-Kk^rf/yoc) und 
(trmahairtißa (rv.so:. s>sy)(/.0(suv7)) folgen zwar einem altgermanischen 
kompositionsschema (s. 176), blieben aber ohne lat. misericors und 
misericordiit {armem < miserere, armaio < miseria?) rätselhaft. Einen 
deutlichen hinweis auf lat. communis und communicare gibt der Wort- 
laut von Mc 7. 2 {gamainjaim handtm paust itnpivahanaim scoivoi? ^spaiv 
vgl. gamainjan xotyouv 15. 23) und mit erwünschter klarheit stellt sich 
das quellenverhältnis, in dem der Gote nicht bloss zur griechischen, 
sondern auch zur lat. bibel gestanden hat 2 , bei uairaleiko taujaip 
K 16, 13 dar. wo der Wortlaut nicht mit griech. «ySpi&e&s, sondern 
mit uirüiter ag'de sich deckt 3 . Bei seiner sprachschöpferischen tätigkeit 
war also Wulfila offenbar von dem Sprachgebrauch der römischen 
provinzen abhängig, in deren belebenden verkehr seine christlichen 
gemeinden eingetreten waren. Nächst den lateinischen lehnwörtern 4 
liefern hierfür die hauptbelege die nomina agentis -areis {talzjands : lai- 
sareis, bohareis, äaimonareis usw.). Verblüffende gebilde wie goL 

1) Ich verweise zum beleg dafür, dass auch der -i//-typus der adjektiva ver- 
kümmerte, auf (tueeins (ewig) und snnjeins (: sunjis) äXtjiHvö; L 16, 11 u. ö.; helle- 
nistisch gefärbt scheinen ßlhins dcpnaxivöc Mc 1, 6 ; Jmumeins äxdvd-'.vo; Mc 15, 17 
J 19. 5: bariseins xpiö-ivog J 6, 9. 13; staimms Xifttvos k 3, 3 ; pistikeins Tr.oTixYjs 
I 12. 3; zu (jaluuheins vgl. triggws tv.otös Tit 1,9; ffaktnbjands tuotö; k 6, 15. 
T 4, 10. 12 u. ö.; leitil galaubjandans i).r{6-:?zu M 8, 26. 

2) f4roeper. Untersuchungen s. 100 f. 

3) ut'UKi synagogais uairpai iiioa'jv i^wyog ysvTjTai : extra synagognm fieret 
I 9, 22. 

4) aiz x^Äxöv : aes Mc 6. 8; in karkarai iv qjoXaxij : in carcere 17. 27: axrkje 
Seotöv : urceorum 7, 4. 8: luketrn XOxvog : lucerna M 6, 22: aurali oo'j8äpiov : um- 
riwn .T 11. 44. 



DEK STIL DER GOTISCHEN BIBEL 191 

liitkadeins und icaurstweins k 4, 4. 6 E 4, 19 gehen wahrscheinlich 
nicht bloss auf griech. (pt-m^oc und ipyatGiat., sondern auch auf lat. 
inluminatio und operatio zurück \ Diese suffixe begleiten einige 
praefixe, denn praepiitium ist offenbar das Urbild für got. faurafilli 
und got. wisa jah pairhivisa ein abklatsch von mauebo et permambo 
Phl 1, 25, wo griech. {jlsv*3 xal (i'j(A-)-apa;/.sva> versagt (pairhivisip sittpivsTS 
pennanetis C 1, 23) 2 . 

Weit mehr als die Römer haben jedoch die Hellenen den lite- 
rarischen Sprachgebrauch der Goten befruchtet. Griechische kontra- 
fakturen sind hauptsächlich verbale koniposita jüngsten stils (von der 
einrichtung des eben erwähnten pairhivisa). auvsp^ayrat wird J 18, 20 
nach altgermanischer weise durch gaqimand widergegeben ; J 6, 22 
heisst es echt gotisch : mip ni qam siponjam seinaim lesus in pata 
skip (ou <5i>veiG7)X&$v) ; mip erscheint auch häufig 'wo im griech. ein mit 
cuv- zusammengesetztes verb steht, das den dativ regiert' (Streitberg, 
Got. wörterb. s.v.): faginop mip mis nuy/y-pr-i pot L 15, 6, 9; ioesim 
rodjandaits mi[j lesua r.oxv ituXXx/.üuvts; tiS I/)gou Mc 9, 4: Judtäiuns 
paiei qemun mip izai ' gretandans rouc cuvsXftovT?.; cxutyj 'Iouoatou; /J.xiovzy.; 
J 11, 33: ni fralailot ainohun ize mip sis afargaggan ouz, aflwfosv öuflsva 
-/Otcü cuvajcoXouö^ca.t Mc 5, 37; insandidedun mip im brupar ^jvs—y.öy.y.zv 
auTwc tom aSsTwpov k 8, 22 u. a. Das ist alt und volkstümlich'. 

Dagegen kommt der Übersetzer den Griechen auf halbem wege 
entgegen, wenn er schreibt mipinngalaip) mip lesua g'jve^aUöv tcu 
'Iiqgou J 18, 15 und er hat sich total auf den griechischen Sprach- 
gebrauch eingelassen, wenn er auf die praepositionale Verbindung 
verzichtet und den typus miptwissei <™vsi<r/-,<7i; .auch für das verbum 
aufstellt (mipivait s. o. s. 188 f.) 4 . Nach altgermanischer Überlieferung 
vertrug sich mip höchstens mit den nominalformen der verba (Grimm, 

1) yasateins xtxxaßoÄYj : ronstitutio E 1, 4; sehr merkwürdig ist die wortfokre 
yafirafsteins . . . prafsteins uapäxXyjaig : consolatio . . . solatium R 15, 4—6. 

2) gatvlgjand sTu^eivwaiv R 11, 23. — Ist atnehnda (y)yY'- xsv ) K J3, 12 u. Ö. 
von adpropinquauit, gawaurdi (6(j,iXia) K 15, 33 von Gonloquntm lieeinflnsst? Vgl. 
ferner E 5, 4: C 3, 18; t 3, 6. 2, 26. 

3) (jasaJv . . . bokareia sokjandans mip im stösv . . . Ypa|anaxsi£ au^r/xoövTag 
aÜTOtg : hm, soheip mip paiiu xi ouCrjxelxe Trpog auxoüj Mc 9, 10. 14. 16. 1, 27 : soka- 
reis a'j£7]X7]xy)£ K 1, 20. Barabbus mip paim miß imtna drobjandum gnbundam 
|isxÄ xwv auaxaat.aoxä)v 8e5e(j.evos Mc 15, 7; gevtoimands mip mis jah Ttitu au[i- 
7iapaÄaßcbv xai Tixov ß 2, 1 : ni blandaip i~<ris miß imma hyj anvavauiY^" 3 ^- «üttp 
th 3, 14 (: K 5, 9. 11). 

4) mipueitirodjdndein mis mi/iicissein oi>tipiapxup&üar ( s [ict xy,{; cnvs'.Sv'jGecos 
R 9, 1. 



192 KAI" Kl MANN 

Gramm. 2, 858 ff., 879 ff., 899): mipusheinandans pai paurtijus {afkra- 
pidedun patcn m>|A<pusfeat ou a/.avBat L 8, 7 ; paim hnaiwam mipgawi- 
sandans rot? -y-zwÄi tjuvaTcayo^eVoi R 12, 12 '. Aus dem Verhältnis von 
mefjan frahunpanahn L 4, 19 zu so. mipfrahunpcma mis' C 4, 10 
spricht aber bereits das wagnis der Sprachneuerung, das sich nun 
weiterhin ausbreitet. Participia und ältere entlehnungen (anakumbjan)* 
haben vielleicht den neuerungen auf dem erb wortlichen gebiet der 
verba finita die bahn gebrochen :• wA faginop (yy.ipn) inwindipai miß- 
fuginop {Gvyycäp&) sunjäi K 13. 1; faginop miß mis L 15, 6. 9 > mip- 
faginodedun hui (cuv^aipov xurri) 1, 58 3 . Dass diese hellenisierende 
tonn in den besitz der schule übergegangen war, folgt aus mipshal- 
Linoda mis Phl 2, 22, wo auf griech. seite nur rruv iu.ol eSouasuusv 
vorliegt 4 , und ergibt sich aus der Skeireins, wo mißoipan {mipgiutan 2) 
zu freier Verwendung gelangte. 

Um Stilgefühl für diese neubildungen zu erwerben, niuss man 
sich der möglichkeiten erinnern, die dem Übersetzer offen standen 5 
und Von denen er gebrauch machte. Die nominalen Komposita 

1) Doch gibt sums ]>i:e anaknmbjandane xtg xcöv auvocvocxsipivcov L 14, 15 
(:ßai mißanakumbjandans 7, 49; ßaim mipanakumbjandam Mc 6. 22; fdurä paim 
mipanahumbjandam pus L 14, 10) zu denken. 

2) jah miplitidedun imma pai anparai Iudaieis su-aei Barnabas mipgatauhans 
//■arp Jii:ni litai ize G 2, 13; mipgatimridai sijuß E 2, 22; Xristan mißushramips 
warß G 2. 20; pai mißushramidans imma M 27, 44 Mc 15, 32; patis mipstan- 
dandans imma L 9, 32; mipganaivistrodai imma (auvxacpevxsc; aiutp) C 2, 12 vgl. 
K 15, 4: mipTtaürips Phl 3, 10; mipgawisandans R 12, 16; ni mahna mis mip was 
T 4, 16. — mißanakumbjandans o. anni. 1. ariakumbida . . . mipanakumbidedun 
M 9, 10 Mc 2, 15. 

oi dugunnun mi]isokjan imma sokjandans du imma taikn Mc 8, 11 (vgl. 9, 
10.' 14. 16. 27); iddja . . . jah mididdjedun imma L 7, 11. 14, 25. Mc 15, 41 (: f>ai 
tjemuD mi]> izai ,T 11, 33); mibniatjau K 5, 11. L 15, 2; jabai inibgadaubnodedum 
jah miblibam jabai gabulam jah mijibiudanom t 2, 11—12: biudanodedeib . . . niib- 
biudanoma K 4. 8; miburrisub . . . urraisida C 2, 12 (3. 1): miburraisida jah inib- 
gasatida E 2, 6; mibgaqiwida C 2, 13. E 2, 5. 

4) mipniman Ssgaa&at, M 11, 14.; mipsatjau (leO-iaxäveiv K 13, 2: mip piudom 
//nitida p.cxä xiuv e&vwv auv/jaSaev G 2, 12; rodidedun du sis misso (auvsXdXouv) 
L 4, 36: mißrodideäun imma 9, 30; vgl. mißarbaidedun mis Phl 4, 3 (isamana 
urbaidjandans 1, 27!); mißarbaidei aiwaggeljon t 1, 8; mißinsandida imma (ouva;i- 
eaxeiXa) bropar k 12, 18: imandidednm ]>an miß im (ouveusu-c^afisv) bropar 8, 22' 
dazu das //a-kompositum : gaßpanmißsandidedw» imma ( oovsusji^ajiev jxsx* aöxou) 
brößar 18. 

5) expi^cbO-r^xi > uslausei ßuk n's waurtim L 17, 6; xaxaXi9-äoei > stainam 
afwairpiß 20, 6; &Ttsxeg)äXiaa > haubiß afmaimait Mc 6, 16. 28; UKoxptvofievcu; > 
//<7>i.s «8 Unfein taikn janiians L 20, 20; gamainja briggandäns auYxoivcovTjoavxeg 
Phl 4. 14. 



DER STIL DER GOTISCHEN BIBEL ' 193 

mit cuv- folgen mit ausnähme der kontrafaktur mipwissei 1 dem 
heimischen stil : sie werden mit ga- oder mit tsama- zusammengesetzt 
(in gasinpjam . . . in ganipjam sv tyj cuvooia . . . £v toi; cüyvevsffiv L 2, 44 2 : 
paus samaknnjam ouYyevcSv R 9, 3 \\aljakunja v.Xkoyzvr.c] ; samaqiss 
n-Modr/nmc, k • 6, 15—16; samaleikal : samasaiwalai, samafrap>jai . . „ 
e/ Jtafr/ sawio hngjaip, po samon friapwa habandaus Phl 2, 2 3 ). So 
wird denn auch mit den verbis verfahren : gamarkop nuarov/ß Gr 4, 25 A ; 
(mip>)g a siviltan Jos samana liban k 7, 3 cuvaTCo&aveiv Jtal cu^v; amai 
saiwalai samana arbaidjandans guv«&Xovvts4 Phl 1, 27; samana sok- 
jandans ffu^7jtouvTtov Me 12,28: mipsokjan gu&qtsiv 8, ll 5 . 

Noch weiter erstreckt sich das bildungsgesetz der kontrafaktur 
bei praefixen. Das hauptbeispiel, das keiner weitern worte bedarf 
(8. 187 f.), ist got. anakunnan - avaytyvacx.eiv 'lesen' mit dem zugehörigen 
verbalabstraktum anakunnains < avayvwci: 'lesung' (k 3, 14) V Got. 

1) dazu mißgasinßa k 8, 19. 18. 

2) gawiznaigs s. 189 anm. 2. gaarbjans, galeikaus, gadailans E 3, 6; gabaurgjans 
2, 19; baiin gaklaibam seinaim xotg au^(j.«9-rjtalg aüxoö J 11, 16; gawilja ist ouvsu- 
SoxsT k 7, 12 u. a. — Vgl. übrigens biuhti auvyj9-eia J.18, 39; gaurs auXXtmoüfisvog 
Mc 3, 5 ; bandwon aüaoyjp.ov 14, 44. 

3) Vgl. anord. sämkynja, samkvceßi, sammceli] ags. samMtoan, samheort 
(Concors); ahd. summst u. a. — Der Vollständigkeit halber sei auch noch eine dritte 
reihe erwähnt, die durch got. ibnaskauns Q\)\ip.opcpo<; Phl 3, 21 vertreten ist (: ibfians 
aggilum ladyysXoi L 20, -36; airpai ßuk gaibnjand söacpioüaiv os L 19, 44 vgl. 
ebaniungiro condiscipulüs, ebanscalc conseruus, ebanbruchen couti, ebamvtrken Tatian 
244, 4 u. ähnl.). 

4) ouvsXaßsv nihil j«} warß L 1, 24 (36): auXXrj'jrfl ganimis 31(2,21); aove- 
Xaßov ganutun 5, 9 (itindgripun J 18, 12); aovTfjvxvjaav gamotidednn L 9, 18 (37); 
ouußouXsuaas garaginoda J 18, 14 usw. Vgl. oüu-ßooXoc ragineis; auXXeyetv lisan 
(: ouva^etv ga lisan) L 6, 44; ou|ißtßa^dp.evov peihando C 2, 19; ayveXoY'laavxc pahtedun 
{miß sis missd) L 20, 5 ; o'jvsTrviyov praihun 8, 42 (auve&Xtßov Mc 5, 24. 31); auvs- 
cntäpaijsv tabula 9, 42 (tahjip auapäaost 39) usw. feyxpTvat. tj auyxpTvai domjan aip- 
pau gadomjan .. . . gadomjandans k 10, 12; auvYjp7iäxst frawalw 8, 29; auaxävetv 
anafilhan (': uskannjan, gakannjan, ustaiknjan, auvxdaasiv anabindan, auvexstv #««- 
haban, disftaban, bifrairban, biwaibjan, au\i.iz\f)poüo&ca ga — : usfullnan; auvxeXeaai 
ustiuhan u. a.). 

5) atiddjedun in gard jah gaiddja sik manage/ (auvepxsxai) Mc 3, 19—20; 
garunnun miß imma auvdpxovxa'. aüxu> Mc 14, 53 (isitands miß andbahtam auyxa- 
S-Tjuevog u-sxä xö)v uuyjpexcüv 54); galapop auyy.cx.XsX (. . . faginop miß mis ouyX^P 7 ] 1 ^ 
|aoi . . .) L 15, 6: brahta samana auva^aytüv 13; samap gagaggandam auvax^svxwv 
K 5, 4: galaßodedum auvv]YäYOu.ev M 27, 38. 43. 

6) anakumbjan mag unter den eiufluss von griech. dvaxXivstv und ävaxsiafrat 
geraten sein, ist aber in der hauptsache nationalisier ung von lat. dis- 
oder accnmbere, was zwingend aus got. knbitus ixXioia) < lat. accnbitus gefolgert 
werden muss. 



194 KAU1TMANN 

mm- konnte in seiner fimktion mit griech. ifcva- übereinkommen (ana- 
prafstei Kvafowwaov Phm 20; anaqiiijan Kv«£to*copETv t 1, 6: ananiujan 
KvÄxaivoöv k 4. 1(3). Wenn daher die 'erneuerung der gesinnung' 
fcvautatvtacu; toO voö; ananiujipa frapjis heisst (R 12, 2), das fest der 
tempelweihe dagegen inniujipa, so ist zweifellos hierfür griech. syxama 
(.1 10. 22) verantwortlieh, als dessen kontrafaktur inniujipa geradeso 
angesprochen werden muss wie inwitoßs als kontrafaktur von swgiao: 
c u itodalaus avojy.oc K 9, 21) 1 . In grösstem umfang wird man bei dem 
jiraetix un- mit kontrafakturen rechnen müssen. Einseitig hat es in 
der gotischen (und deutschen) bibelsprache gewuchert und andere der 
Verneinung dienende bildungsweisen nicht gedeihen lassen 2 . Ein 
spezifisches kultwort und ein geschöpf des Übersetzers ist unbimalt 
\:unbimaitaw<)', es kann nur von got. bimait her (%epixo^i, o. s. 189) 
verstanden werden. Es zeigt uns dies wort die leistungsfähigkeit des 
praetixes un- auf einem hauptgebiet der gotischen bibelsprache; das 
sind die verbalabstrakta. Ein verbalabstraktum unkimpi (ayvwsia) ist 
gemeingermanisch ; desgleichen unhaili (^aAa/.ia). Wenn aber statt 
dessen sogar der plural unmahteis (acftivoiai M 8, 17) und statt unhails 
(aorfrsvaiv) ein unmahteigs (aa^evtov, y.aüzvnc) zum Vorschein kommt - die 
geläufigsten Vertreter dieser griech. Wörter sind sauhts und siukei und 
siuks - so hat man mit recht auf eine kontrafaktur geschlossen 3 . 
Wenn in der gotischen bibel jene altgerman. typen der verbalabstrakta 
(bimait, wnkunpi) verhältnismässig zurücktreten und abstrakta auf -ei 
und -'eins in den Vordergrund geschoben werden, so kommt die arbeit 
des Übersetzers dabei an den tag. Sein literarisches gebild ist undi- 
loariei (a&<xvaöfiaj - es lehnte sich an unriurei (ao!)ap<ra) 4 , umvammei, 
ungara/htei an - desgleichen ungalaiibeins (amoria), unfreideins (acpsiSia), 
Hitküureins (aßap?k). Nicht anders ist von griech. mustern eingegeben 

1) Vgl. nfaipjai evopxoi Neh. 6, 18; inahs cpp6vi\LOC, R 12, 16; anord. igjar», 
ags. infröd u.a. (Müllenhoff, Deutsche alterturnsk. 5 -, 416). 

2) unfaärvna cL\i£\nizo£:i<sfairina au.e|j,7n:oc; ; uniceniggo : ustvens; kuni nnga- 
laubjando jah inwindo L 9, 41 (vgl. inwindipa, inwandjem; den funktionellen unter- 
schied zwischen an : in- und un- erkennt man besonders deutlich bei and. anuendian 
Hei. 1649:«wwäa»ä 70». 

3) Z. b. sinket: unmahteis k 11, 30:12, 5:9-10; man wird nicht annehmen 
dürfen, dass vnmahts ein altes bodenständiges wort für den begriff 'krankheit' war, 
'muss wohl eher mit der möglichkeit rechnen, das« nnmahts nur eine kontrafaktur 
des griech. aad-evsia ist' Ks. Zs. 42, 324 f. 

4) Grot. nndiwanci und unriurei usw. stehen auf einer und derselben linie mit 
ahd. nndotheit oder untodigi '; vgl. invartunga : unirwartunga, irartaseli(ga) : unuw- 
taseli (Notker ed. Piper 2, 136, 10. 198, 3. 199, 2. 247, 20. 21). 



DES STIL DER GOTISCHEN BIBEL 195 

die reihe der adjektiva: ungalrairbni (x-zi^zic : taunawargos ä/äc^To-.. 
ukranalaus x/.xz-o;). unairknai (avoötoi), unhunslagai («oicävijoi), ««- 
mildjai (»rrppYot), vngahabandans sik (axpaTeC;), unmanariggtmi («yr,- 
[j.zooi), unseljai (a<piXöcy«&ot) ... nntilamafokai (TEtuipwjJisvoi) t 8, 2—4; 
unhindariveis (avuaoxpiTo? T 1, 5: andilaus y-zoy.vro; 4) und unlian- 
dmcaurhts (a/3'.;o-oir;-o:i k 5, 1. Im übrigen haben namentlich dir 
partieipia praesentis durch kontrafakturen einen Zuwachs be- 
kommen. Während äcpo^.j; L 1, 74 durch unagein widergegeben 
wurde, ist K l»i. 10 und Phl 1, 14 unagands gewählt worden: die 
neigung des Übersetzers zu diesem" (altgermanisehen) tvpus ist unver- 
kennbar und wird bestätigt durch unbeila a$t*Xewrros R 9, 2 un- 
sweibands t 1, 3. Th 2, 13. 5, 17; unkunps äyvo-vjy.cvo; G 1, 22. k 6, 8 
> unkunnamU ayvotov R 10, 3 (: ni kunnands G 4, 8); unwiia Mc 7. 18: 
unfröps aaüv£To: unfrapjands R 10, 19; unwita K 10, 1 unweis 
R 11, 25 äyvostv > unwitands k 2„ 11 (ayvocuv T 1, 13: »/ wa-/M 
witands 6, 4). Diese bewegung hat auf die partieipia prae- 
teriti übergegriffen : in unbeistein ev yZv'j.oi; > unbeistjops xQjxos K 5, 
8. 7; ungatass a-rax-To: > ungatewips, th 3, 6. 7. 11 vgl. unandsoks : 
unandsakans Skeir. 6. Dass diese aktion im fluss und ihre förderung 
dem Übersetzer genehm war, wird durch literarische kontrafakturen 
und die dabei hervortretenden sehr interessanten Schwankungen 
zwischen part. praes. und part. praet. bezeugt: obcpooxöTtot unuf- 
brikandans K 10, 32 (ufbrikands ußpurrns T 1, 13); xveEi^vtaCTP? > tm- 
fairlaistips E 3, unbilaistips R 11, 33; ävsy.cW.yr-o; - unusspillops 
k 9, 15 (vgl. ävsypsüvYiTo: RH, 33) aber xvs-Q.y-to: ungafairinöps 
T 5, 7. 6, 14 und ungafairinonds 3, 2: -/vr.v.Xr-o; ungafairinöps 3, 10 
Tit 1, 7 und ungafairinonds 6. 

Von haus aus stand das praefix uri- für nomina 1 und nominal- 
formen der verba, aber nicht für verba finita zur Verfügung-, für die 
man mit ni auskommen musste, das man dagegen wohl kaum für 
nomina zu verwenden pflegte. Germanischem Sprachstil angemessen 
ist also unpiuda < oux sflvo; R 10, 19 2 , eine hellenisierende kontrafaktur 
dagegen ist ni managet -- oö Xao? 9, 25. 26; dem sprachlichen her- 
kommen der Goten folgte der Übersetzer mit unwitands ayvowv T 1, 13: 
ni witup ayosirs R 7, 1 ; unfrapjands : ni fropnn r,yvöouv L 9, 45. 
Mc 9, 32; ni habaip : unhabandans K 11, 22 (:ni habands E 5. 27 
M 9, 36); ni afkapnip : unhapnando Mc 9, 43-48; ni galdubjam 

1) ei ni wairjmima in loiliistau tva (xtj d3-up.wcuv (.' 3, 21. po unliub&n linbon 
xyjv oüx fjyanrjiJiEVTjv y)Y any ll 1 s VT J v R 9, 25. 

2) Mhd. undiet. 



196 KAUF! MANN 

Km<rroC{/.sv t 2. :> ; ni galaubidedun r-iazr^y.v Mc 16, 11; ni galaubi- 
dedup (r,Tzii^iiGxte) guda . . . tmgalaubeinoi (oLTtsi&sfef) ... ni galaubidedun 
(7)xeU)7)<7av) . . . ungalaubeinai {y.T.zi'dv.y.v) R 11, 30-32: ungalaubjandam 
K 14, 22; ungalaubjandin k <>. 15 (ni galaubjand . . . ni galaubjandans 
.1 »i. ti4). Diesen usus hielt der Übersetzer nicht für bindend und für 
unüberwindlich. Er hat sich von griech. wortbildern dazu ermutigen 
lassen, jene bände zu lösen, wenn sein Sprachschatz ihm verba deno- 
minativa darbot, die von einem mit im- zusammengesetzten noraeii 
abgeleitet waren. Sie machten es ihm leicht, dem Griechen zu folgen 
und kontrafakturen volkstümlicher art aufzustellen J : unswers (airtfAoc) 
gestattete nicht bloss unstverandans (aTmaaavTs;) L 20, 11, sondern 
auch wnsweraip (y-vj.yCz'zz) J 8, 79; ebenso sind unwerjan, unvberida 
Mc 10, 41. 14; p'mpjaip jah ni unpiupjjaip R 12, 14 zu beurteilen. 

Seine kultspraehe hat der die nationalsprache neugestaltende 
meister der Gotenbibel mit kontrafakturen ausgestattet, um sie über 
die alltagssprache seines volkes zu erhöhen. Er hat sie aber auch 
dadurch neu geformt oder wenigstens neu getönt, dass er griechisches 
sprachgut nationalisierte' 2 . Das verstehen wir unter 'Übersetzung'. 
Mit ihrer hüte hat er fremdwörter näher an die bodenständigen erbwörter 
herangebracht als dies durch kontrafakturen zu erreichen war. Er ist 
von der transliterierung zur kontrafaktur und von der kontrafaktur 
zur Übersetzung vorgeschritten. Eine genauere betrachtung dieses Ver- 
fahrens wird nicht bloss für die technik, sondern auch für den stil 
der 'Übersetzung' die blicke schärfen. 

Zu der transliterierung von ävaDsp-a anapaima R 9, 3. K 16, 22 
gesellte sich die Übersetzung von avaftey.aTi'Cav > afaihan M 14, 71 
(: afaiaik Y.pvricaTO 68) ; das auffällige anaqipan K 10, 30 (ßAaaor,;y.siv) 
samt anaqiss C 3, 8. T 6, 4 (ßAo^Tipa) wird man als kontrafaktur 
von avaft£[AaTi£etv bezw. avaftma in anspruch nehmen. euXoyfoc 'lob- 
preisung gottes' wurde mit aiidangja transliteriert und mit piupeins 
übersetzt (o. s. 179) 3 , während wailaqiss (K 9 ; 5-6) und piupiqiss 

1) Eine literarische kontrafaktur sehe ich in ahd. unuuerdon, unuuirden 
(Tatian) • indignari (z. b. unHuirditnn inti quadun [indignati sunt et dixerunt] . . . 
thuruhfremitastu [^/-fecisti] 117, 4); eines der zahlreicheren jüngeren beispiele 
füge ich hier an: geunchreftigot ward infirmata est: in ünchrefte < in infinnitate 
(Notker 2, 255, 7. 10). 

2) R. Groeper, Untersuchungen über got. synonynia. diss. Berlin 1915. 

3) piupips gup jah atta fraujin» toisaris . . . izei gapiupida uns .ana allai 
piupeinai ahmeinai ebXofrjtös ... 6 euAOYYjaas y]\xä.£ sv nüayi süAoyiq: 7:vsu|J.axix7J 
E, 1 3; euXoyetv />in/>j«n; euAoyTjTÖs > piupips, [nupeigs. — Genau so verhält es sich 
mit euxaptstta >. aiwxaristia . . . awiliup k 9, 11—12 (: atviliudon suxapiateiv). 



DER STIL DER GOTISCHEN BIBEL, 197 

(K 10, 16) kontrafakturen zu sein scheinen. Bei der Übersetzung' von 
eu- konnte auf gotischer seite auch das praefix ga- mitwirken 1 . zC- 
vprxjTO? bruks Phm 11 u. ö. ; z"dz-zoc > fagr L 14, 35 sind freier über- 
setzt als sujcawö«; > gatils L 9, 62 Mc 6, 21. 14, ll 2 ; sOc^yiftwv gareds 
R 13, 13: 0f«/<?Äs Th 4, 12; &>gs&& > gaguds Mc. 15,' 43 T 5, 4 3 . 
Aber im allgemeinen wurden im sinn der griech. vorläge goda- und 
waila- bevorzugt godakwids suyevr,? L 19, 12; in godis wiljins &' suSo- 
*iav Phl 1, 15 (: wilja R 10, 1 vgl. E 1, 5. 9. k 5, 8. K 16, 2) 
L 2, 14 (: leikains th 1, 11; (jaleikaip surWia L 10, 21; galeikaida 
zijtirj/.-nozv K 1, 21 u. ö. ; waila galeikaida L 3, 22 u. ö.) 4 ; wailadeds 
euepyecia T 6, 2 ; ww7a taujcm zu -oir.av.i Mc 14, 7 ; waila hugjands 
evvo<3v M 5, 25; waila andauern sü-pocSsx.-ro; k 6, 2. 8, 12; wailameri 
£uor,;7.a Phl 4, 8; pairh ivajamerein jah wailamerein Sia W<pvipia? xai 
c0or,;7.ix; k 6, 8 usw\ Dies letztere wortpaar wurde von Wulfila auch 
benutzt, um einerseits griech. ß^ownpipia (icajamereins M 26, 65. J 10, 33. 
Mc 7, 22. 14, 64. E 4, 31) 6 und andererseits griech. x.T,puy;v.a (waila- 
mereins K 4, 21) in seine spräche zu übersetzen und es ist stil- 
geschichtlich von bedeutung, dass er sich mit dieser Übersetzung nicht 
begnügte 7 , in der nationalisierung der begriffe noch weiter vor- 
schritt und für {i/.y.cosjxia auch got. naiteins (L 5, 21 Mc 2, 7) 8 , 
für /.Ypr.-y.-/ auch got. mereins (K 15, 14) gebrauchte. Tiefer führt 
uns in dieses problem hinein die differenzierung von k^puyjAa und 
eC ayysAiov, *r,pu<i<Tsiv und z\jy.^{zV'CzG$yx. Die wähl des der profanen 
gemeinsprache angehörenden verbums gateihan (o. s. 186) bestätigt die 
gleichung ga < su- 9 ; aber nicht zu unterschätzen ist der abstand von 

1) mit gapiupjands süXoyYjoas Mc 8, 7 vgl. stikls piupiqissais fianei ga irci.li a m 
xö Ttov/jpiGv TY)g soXoYiag o süXoyoöu,sv K 10, 16. 

2) eiwoüpcos cbtatpooc; uhteigo unuhteigo t 4, 2 vgl. K 16, 12. 

3) Vgl. gudafaurhts soXaß-/)c; L 2, 25. 

4) waila galeikaijts . . . galeikaibs eudcpea-coc; R 12, 1—2 vgl. k 5, 9. E 5, 10. 
C 3, 20 : 1, 19. Th 3, 1. k 12, 10. 

5) waila wisan : ivisan : biwisan socppaivsaO-ca L 15, 23-24. 29. 32. 16, 19; 
Bifan R 15, 10. G 4, 27; gailjan k 2, 2. 

6) ßXaacp7]p,ei;v > ivajamerjan M 9, 3. J 10, 36. Mc 15, 29. R 14, 16. T 1, 
20. 6, 1; ßXda9Y)p,oc ■ irajamerjands T 1, 13. t 3, 2. 

7) Freier verfuhr der Übersetzer mit euwöia du uns wodi k 2, 15. E 5, 2; 
eyoTiXaYxvo'. armahairtai E 4, 32. 

8) Stilecht ist namentlich auch eiue Verbindung wie naiteinos swe nianagus 
swaswe waj ainerj and . . . ßXaocpYjuiai bzac, äv ßXaacpy)u.Y]acoaiv Mc 3, 28—29. 

9) at qimandin Teiinaubaiu at unsis fram izwis jah gatei hundin uns 
galaubcin (süaYYsXiaa|isvou T)|iiv tyjv Tucmv) Th 3, 6 vgl. saei wrak uns siinle nu 
mereij) galaubcin (eOaYYsXiCexai tfjv 7t[oxtv) G 1, 23: gataihun ämr]YY e! -Xav M 8, 33 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XLVIII. 14 



198 KAV'Kl'MANN 

wailamerjan (wailaspillon, piupspülon) und schliesslich von aiwaggeljan 
G 4, 13 oder aiwaggeljon merjan k 10, IG. 11, 7 \ Das fremdwort 
wurde offenbar beibehalten 2 , um diesem stark pneumatisch gefärbten 
hauptwort der liturgischen spräche seine heilige weihe ni.cht zu rauben 
(waurd gudis Th 2, 13; gudis aiwaggeljo k 11, 7) s . Konnte schon 
etayysXi^cHat nicht völlig mit /.Tipi'cffsiv zusammenfallen 4 , so war das 
evangelium, die 'heilsbotschaft' etwas ganz anderes als eine predigt 
(•/.r,p'JY;xa). merjan heisst 'predigen' (xTipicoeiv)', mereim oder gelegent- 
lich auch einmal wailamereins heisst 'predigt' (Kl, 21) ,; ; diese aus- 
drücke haben den fest geschlossenen kreis von aiwaggeljo bezw. aiwag- 
geli nicht durchbrochen. Das fremdwort ist für die gute künde und 
sogar für die 'Verkündigung der heilsbotschaft' (missionspredigt) Phl 
4, 15) beibehalten 7 ; der Gote hat es abgelehnt, in dies hauptstück 
seiner kult- und missionssprache einen so kräftigen nachhall volks- 
tümlicher Vorstellungen aufzunehmen wie die Angelsachsen, die euan- 

K 14, 25: wailamerjan suayysXiaaad-at E 3, 8. gaspülon SiaYYeXXstv L 9 60 : ga- 
teihan R 9, 17; dvayyeXXstv gateihan J 16, 13-15. k 7, 7 : y.axaYyeXXsiv C 1, 28 
> merjan Phl 1, 17—18. 

1) piupspilloda s.brflye\i&xo L 3, 18; merjands jäh wäüaspillonds xYjpüaacov 
xai eüaYYE/UCÖ!J.svoc 8, 1 : nsspillo XY]püaa(ov 39 ; insandida mik Xristus . . . wailamer- 
jan: wailamerida . . . aiwaggeli merida K 1, 17. 15, 1—2. 

2) Dazu aiwaggelista E 4, 11. t 4, 5 ('Wanderlehrer') vgl. Skeir. 3 ('Verfasser 
des evangelienbuches'). 

3) runa aiwaggeljons E 6, 19; sunja aiwaggeljons G 2, 5. 14; waurd sunjös 
k 6, 7. E 1, 13; aiwaggeljo fraujins th 1, 8; waurd fraujins 3, 1 vgl. K 1, 18. 
k 5, 19. 

4) euaYYe^Csofrai > wailamerjan L 1, 19; M 11, 5 L 7. 22. 9, 6. 16, 16. 20, 1; 
am auffälligsten : ahmet ■fraujins ana tn'is in ßisei gasalboda mik du wailamerjan 
unledahn (eba.yyeXloai^oii) . . . me rj an (y.Yjpügou) frahunpanaim fralet 4, 18—19; 
wailamerjan iL- skal bi piudangardja gudis (eba.yyeXlia.o^a.f.) • • • jäh was merjands 
(X7}p6aaü)v) 43-44; vgl. spillo (im munde des engeis) euaYY 1 ^ ! 10 " 2 , 10; dazu 
merjand (xTjpügtoaiv) . . . spillon gawairpi, spillon piuß (alttestamentlich) R 10, 15: 
wailamerida gawairpi (Christus) E 2, 17. 

5) merjands xrjpug T 2, 7. t 1, 11; merjands aiwaggeljon piudangardjos 
M 9, 35 vgl. K 15, 1. G 2, 2. Mc. 1, 14. 7. 4. R 10, 8. K 1, 23. k 11, 4 usw. 
Nirgends macht sich eine einwirkung von lat. praedicare bemerkbar. 

6) mei'eins K 15, 14; vgl. gup . . . ataugida . . . waurd sein in mereinai Tit. 1, 3; 
merei waurd t 4, 2. 

7) Z. b. M 9, 35. Mc 1, 14-15. 14, 9. K 9, 23. G 1, 6-7 u. a. : E 3, 6. G 2, 7. 
Phl 2, 22. 4, 3. 15. Th 3, 2. t 1, 8. 10. 2, 8. In den Überschriften zu Marcus und 
zu Lucas kommt der älteren wortform aiwaggeljo auch die bedeutung 'evangelien- 
buch' zu (vgl. über eba.y-feXi.ov J. Weiss, Urchristentum s. 537). 



DEK .STIL DER GOTISCHEN KIBEL 199 

yetium durch jodspell nationalisierten und den christlichen 'mythus' l 
weit vernehmlicher an die heimischen mythen, orakelsprüche und 
kultlegenden anklingen Hessen, als dies Wulfila mit seinem je ein- 
maligen piups2)illon und spillon piup gewagt hat. 

Diese bewusste einschränkung der auf nationalisierung der gottes- 
dienstlichen spräche drängenden tendenzen ist ein charakteristischer 
grundzug der gotischen stilform. Der Übersetzer widmete das 'evan- 
gelienbuch' und das 'psalmbuch' seinen Volksgenossen mit dem fremd-- 
wort, obwohl er die ersten schritte, die zu einem volkstümlichen ersatz 
hätten führen können, nicht gescheut hatte' 2 . Ahnlich hielt er es mit 
den engein und mit den teufein 3 . Sehr auffallend ist der unterschied 
von den Westgermanen in der bezeicbnung der pneumatisch geweihten 
personen. Ahd. iungirori und boton erscheinen in der got. bibel als 



1) Ich gebrauche diese formel in dem sinn von G. Heinrici, Der literarische 
Charakter der neutestaraentlichen Schriften s. 32. 33. 

2) in bökom psalmo L 20, 42; harjizuh izwara psalmon habaip K 14, 26: 
talzjandans izwis silbans psalmo m hazeinim saggwim C 3, 16; rodjandans izwis in 
psabnom jah hazeinim jah saggwim (sv tyaXpoZq, xal ü[ivotg xal o>5ai£) E 5, 19; 
Uupo tjjaXö R 15. 9. 

3) thaz uuir engil nennen thaz heizent so uuir seilen boton in githiuti 
frenkisge Uuti Otfrid 5, 8, 7; ags. enget :boda, dr ; in der got. bibel kann airus 
nur einen 'boten' bezeichnen nicht einen 'engel' (L 7, 24. 9, B2. 14, 32. 19, 14); 
der 'böte gottes' heisst stets aggilus {miß aggilutn paim weilt am Mc 8, 38; be- 
züglich des Verhältnisses von aggilus zu praüfetus vgl. M 11, 9—10) oder aggilus 
fraujins L 1, 11. 2, 9 oder aggilus gudis L 15, 10 G 4, 14. Das pneumatische 
wesen liegt in aggilus liuhadis k 11, 14, das dämonische in aggilus satanins 12, 7 
beschlossen, aber sehr interessant ist es, das Wechselspiel der sprachvorstelluhgen 
zu beobachten, sobald der Übersetzer es mit Satan und seinen teufein zu tun be- 
kommt ('wechsel im ausdruck' o. s. 181). Nun gestattet er sich nicht mehr bloss 
das fremdwort und stellt dem 'satan' die 'engel' zur seite (satana . . .jah aggileis 
Mc 1, 13), sondern lässt für 6 aatavöcg bezw. diabulus (L 8, 12: Mc 4 15) volks- 
tümliches unhulpa eintreten (K 7, 5 : 5, 5 E 4, 27:6, 11) und bringt dieses erbwort 
mit dem fremdwort aggilus in Verbindung [unhulpin jah aggilutn is M 25, 41), meist 
aber ersetzt er dies ungleiche paar durch das ebenso beschaffene korrelat unhulpa- 
diabaulus; nicht mehr auffällig, sondern stilgerecht wirkt daher die wortfolge: 
staua unhulpins . . . hlanyma unhulpins . . . qinons gariudos ni didbulos T 3, 6. 7. 11. 
So schwankt der Gote auch zwischen daimonareis und unhulpon (skohst) habands 
M 8, 16 ff. : L 8, 27 ff. und ebenso wechselt auf deutschem boden die and. formel 
foraachiatu dioboke mit ahd. forsahhistu unholdun. Was auch sonst der grund 
für diese engel und teufel betreffende Verschiedenheit des sprachausdrucks gewesen 
sein möge, hier ist nur festzustellen, dass die Sprachphantasie des got. Übersetzers 
auf 'engel' ganz anders reagierte als auf 'teufel' und dass diese differenz offenbar 
mit der liturgischen ungleichartigkeit der beiden kategorien zusammenhängt. 

14* 



'JUC KAl'llMANN 



siponjos und apaustaiileis 1 und diese bezeichnungen verleihen ihr ein 
befremdendes stilgepräge, das durch die Verbindung- von erbwort und 
ifremdwort, wie z. b. merjands ja// apaustatdus (T 2, 7 t 1, 11), oder 
durch die /wischen siponeis und andbahts, skalks (: asneis), frijonds 
bestehende korrespondenz nicht gestört 2 , durch pmufetes - pmufeteis 
iL 2, 36) 3 im gegensatz zu ahd. wizzago - wizzaga und forasago oder 
durch den gegensatz von got. . praufetja (-pooTjTsta) 4 zu ahd. forasaga 
und foraspel, got. praufetjan (7cpo<py)Te0etv 5 M 26, 68 K 11, 4-5) zu 
ahd. icizzagon verschärft wird 6 . 

Der dualismus des Übersetzers, die duplizität seines sprachlichen 
denkens und kombinierens verursachte den ganz eigentümlichen zu- 
stand, dass für analoge begriffe hart neben die fremdwörter die ech- 
testen erbwörter zu stehen kamen. Diese koordination des helle- 
nistischen und des germanischen Sprachausdrucks hat sätze gezeitigt 
wie z. b. ntberun imma daimo n « r / jah bipe usdribans ivarp u n- 
hulpo M !>. 32—33 oder jabai habau praufetjans (-potpr/reiav) jah 



1) atwopida siponjans seinans . . . panzei jah apaustauhins namnida L 6, 13; 
apaustaulus . . . apaustaulei K 9, 1—2; apaustatdus . . .J&airJi mannan : pairh gup 
attan 6 1,1 (zu dem biblischen sprächgebrauch [ditöoxoXoi 'abgesandte' : apaustanh is 
k 8, 23; apausthulus jah andbahts Phl 2, 25] vgl. J. Weiss, Urchristentum s. 527 f.); 
bei den Westgermanen meistar (< magister) : got. laisareis: ags. hfreow.'leorning- 
cnihtas. 

2) sa andbahts meins Sidbcovog J 12,26; andbahtos meinai bwn\pkxax ('gehilfen') 
18, 36; jus frijonds (opiXoi) meinai sijup . . . panaseips izwis ni qipa shaUcqns (ÖoüXoi) 
15, 14—15 (:mip asnjam jaexä xßv [i.iad'tüTwv Mc 1, 20; denn sie hatten dienst- 
personal unter sich) vgl. J 18, 3. 10. 18. 22. 26. 

3) Tit. 1, 12 steht praufetus sogar im profanen sinn, vgl. M 10, 41. 11. 9. Mc 
6, 4 usw. apaustauieis jah praufeteis E 2, 20. 3, 5; praufetjans ... praizbytäireis 
T 4, 14. 

4) Den bedeutungsgehalt dieses Wortes entwickelt kurz und bündig G. Hein- 
rici, Der literarische Charakter s. 120. 121. 

5) praufeteis . . '.fauraqepun M 11, 13. 

6) Ags. ivitega — mtegistre, uritegian usw. — West- und Ostgermanen ver- 
hielten sich auf diesem felde ganz verschieden, anlässlich des griech. itpeoßöxepog 
(o. s. 186) scheint der got. Übersetzer jenen sich zu nähern, während er doch tat- 
sächlich von ihrer praxis sich entfernt, wenn er den komparativ durch alßfea L 15, 25 
oder sinista M 27. 1 L 7, 3 Mc 7, 3. 5 (sineigs-juggs T 5, 1-2), aber den tech- 
nischen ausdruck für die 'geraeindevorsteher' — auf deren nationalisierung kam es 
an — durch pravabytairei widergibt (T 4, 14. 5, 19. Tit. 1, 5) vgl. got diakaunus 
(dienender gehilfc der presbvter) o. s. 201 anm. 3. 208; got. pupa (Deissmann, Licht 
Tum osten s. 15U). 



DER STIL DEK GOTISCHEN BEBEL 201 

witjau allaize runos (f/.uG*rr,pia) i K 13, 2. Sie ist bereits in anderem 
Zusammenhang' als bildungsfaktor gewürdigt worden (o. s. 184 f.). 

Bei den fremdwörtern, die vom Standpunkt einer Volkssprache 
aus Wortschöpfungen genannt werden müssen, kommt es darauf an, 
ihren affektgehalt, in diesem besonderen fall ihren religiösen gefühls- 
wert zu betonen. 'Apostel' sind nicht 'abgesandte' und 'propheten' 
sind nicht 'Wahrsager', sondern in der ekstase (dwalmon K 14, 23) 
mit charisma ausnehmend begabte pneumatiker-. Nach dem volleren 
oder geringeren mass pneumatischer begabuug, die dem got. Volkstum 
etwas neues war, artete der Sprachgebrauch und die Wortwahl; es 
versteht sich von selbst, dass nur die niederen weihen und rangstufen 
eine der gemein spräche entnommene amtsbezeichnung vertrugen : airi- 
hrarjammeh unsara atgibana ist ansts bi mitap gibos Xristaus . . . 
jah silba gaf sumans apaustauluns sumanzuppan praufetuns sumanz- 
uppan aiwaggelistans sumanzuppan hairdjans jah laisarjans E 4, 7, 11 \ 
Der Wechsel zwischen dem ausländischen und dem heimischen aus- 
druck richtet sich also nach seiner liturgischen ausdruckskraft, geht 
aber auch mit dem der geistlichen berufe zusammen; aufrder untersten, 
vom geist gottes am wenigsten erregten, der liturgie entbehrlichsten 
stufe steht 'der laie' (wWtt)?), der in der got. bibel das ziemlich aus- 
druckslose prädikat unioeis oder unhrains erhielt (E 14, 23-24 k 11, 6). 
Es legt sich uns hier die Vermutung nahe, dass für die wähl hei- 
in i sc her wörter weniger ihr affektgehalt als ihr gesellschaftlicher 
wert massgebend war. 



1) runa iziris qipa K 15, 51 vgl. R 11, 25. 

2) patuppan all waurkeip ains jah sa sama ahnva (itvsuu.a) K 12, 11. 

3) Während inloY.onoi und rcpeaßÜTspoi das t'remdwort nicht bloss zu dulden, 
sondern sogar zu fordern schienen (aipiskawpus T 3, 2. Tit. 1, 7; aipiskaupei TU, 1; 
iiriiizljijtairei o. s. 200 anru. 6), gestattete die diakonie den Wechsel zwischen einer 
liturgisch-feierlicheren und einer profan-vertrauteren bezeichnung, denn der diakon 
war ursprünglich ein niederer gehilfe der presbyter (aufwärter bei den gemeinsamen 
inahlzeiten) und daraus leiten wir seine bezeichnung durch andbahts ab (L 17. S: 
Mc 9, 35. 10, 43 u. a. ; gudis andbahts R 13, 4; k 6, 3—4; andbahts anoagge\jpfts 
In gibai anstais gudis E 3, 7. C 1, 23. 25; andbahts Xristaus T 4, 6 vgl. E 6, 21. 
C 4, 7. 17. Th 3, 3; andbahti Siaxovia R 11, 13. K 16, 15 usw. andbahti gudji- 
nassaus k 9, 12—13; andbahtjan Phm 13), die im technischen sinn der kirchen- 
verwaltung dem worte diakaunus das feld räumt (T 3, 8 ff. ; d I '«/.■ a u» j ' u ,v . . . 
habandam runa galaubeinais 9: andbahtjaina ungafairinodai wisandnns 10) 
vgl. got. niartyr : weitwops [xäpxug ; ireitivoda la isareis T 1, 7; ferner L 2, 46 M 10, 
24-25: J 13, 13-14 L 20, 21 u. a. (: tahjands)- T 2, 7 t 1, 11. 4, 2-3; M 9, :<Ü. 
J 10, 11 ff. 



202 K ATI-TM ANN 

IV. 

Bodenständige erbwörter der gesellschaftssprache waren geeignet 
nnd berufen, die kultsprache der neuen religion in höherem masse zu 
nationalisieren als sie durch affektstarke fremdwörter hellenisiert wurde. 
Den hauptanteil an dem liturgischen Wortschatz der gotenbibel hat 
also doch die Volkssprache. 

Der übersetzter wählte für den persönlich vorgestellten und von 
männlichen leidenschaften erregten -9-edc des alten und des neuen testa- 
ments das unpersönliche neutrum gup der Germanen und verlieh diesem 
erbwort nicht bloss einen neuen gehalt, sondern auch eine neue, die 
männliche gestalt. Für den xuptdc, den auf jüdisch-hellenistischem boden 
entstandenen 'kultgott' der christlichen gemeinden, wurde frauja aus- 
ersehen, aber die Wortwahl und der wortgebrauch nicht zu jener fast 
vollkommenen eindeutigkeit geführt, die den Westgermanen bei truhtin 
gelungen ist l . Für das rcvsGj/.a aytov, den 7capax>.7iTo; der Griechen ist 
die sprachbildende kraft des Übersetzers gar nur bis zur kontrafaktur 
gediehen und hat vor dem fremd wort nicht halt gemacht. Bei dieser 
trinität kehren zwei hauptmerkmale des sprachstils der gotenbibel 
wieder: die kontrafaktur und die koordination von fremdwort und 
erbwort (parakletus ahmet sa weiha J 14, 26) ~. Mit ihnen vereinigte 
sich die aus der aufgäbe einer Übersetzung fliessende bevorzugung 
des erbwortschatzes (frijos fraujan gup peinana Mc 12, 30 3 ) und das 
resultat war ein gleichgewichts zu stand. Denn die gotischen 
erbwörter bedurften einer Veränderung im sinn der biblischen kult- 
sprache, und diese kultsprache selbst unterlag bei der Übertragung 
der heiligen Schriften in die Volkssprache der Westgoten, d. h. bei 
ihrer abgrenzung gegen das idiom der Juden und Hellenen einer Ver- 
änderung im sinn germanischer sprachform. Es muss also von den 
gotischen wortkörpern, die die biblischen Schriften bevölkern, die seele 
dieser erbwörter, von ihrer äussern muss ihre innere form, von ihrer 
nationalen gestalt muss ihr religiöser gehalt unterschieden und bei 
dem geschäft des Übersetzers muss die Subordination des gotischen 
Wortschatzes unter die christliche religion, unter den kultus der christ- 



1) Unter ihnen wurden herro und kruktin, hldford und dryhten geschiedeu, 
in der got. bibel blieb frauja nicht bloss für xüptog, sondern auch für rfsandTYjg 
verfügbar (fra-ujinonds frauja L 2, 29 [= xöpiog Idg. forsch. 23, 117] : heiwafrauja 
Mc U, 14). 

2) ags. se haliga frofre gast; ahd. ther ßtwbareri heitac (/eist Tatian 165, 4. 

3) ags. ktfa Jdiuic drihtengod; ahd. minnos truhtin ^got thinan Tatian 128, 2. 



IJER STIL DER GOTISCHEN BIBEL 203 

liehen gemeinde oder unter die begriffe der christlichen theologie 
erfasst werden, damit die durch die Gotenbibel begründete oder ge- 
förderte germanisierung des hellenistischen Christentums deutlicher 
hervortrete. 

Die gegenseitigkeit der Wirkungen wird am sichersten dort zu 
erkennen sein, wo die von der biblischen kultsprache ausgehenden 
anregungen die Wortwahl des Übersetzers zwar auf das gebiet der 
Volkssprache ablenkten, mit den vorhandenen wortbeständen aber doch 
nicht voll befriedigt werden konnten und deren ablehnung und Ver- 
kümmerung oder deren nutzung und bereicherung veranlassten. 

Dies trifft in erster linie die got. verbal ab strakta (o. s. 194 f.), 
die um ihrer Wucherungen und ausserordentlichen Verbreitung willen 
für den stil der gotischen bibel wichtig werden \ 

Die äussersten extreme der ausdrucksmöglichkeiten stellen bi 
lausai hauheinai aa-ra *£vofto£iav ('ruhmbegier') Phl 2, 3 {: flautet/ xsvö- 
&>£(h G 5, 26) 2 auf dem hellenisierenden und preihsl rrrsvoywoiy. ('be- 
dxängiiis') k 12, 10* oder saldra st-TporareXta ('witzelndes geschwätz') 
E 5, 4 auf dem gotisierenden flügel dar. Dort hat der Übersetzer 
sich am weitesten vom volkstümlichen Sprachgebrauch entfernt, hier 
hat er ihm am entschiedensten gehuldigt, in dem augenblick, da er 
die abstrakten begriffe paulinischer theologie seinem werke einzuver- 
leiben hatte. 

Bei seiner Wortwahl konnte er die altgermanischen verbalabstrakta 
sich nicht versagen: frapi ver^a ('anschlag') k 10, 5; <pp6w)f/.a ('das 
trachten') R 8, 6 f . : <juve<xi? ('einsieht') t 2, 7; Jcanpi yvwct? L 1, 77 u. ö. ' ; 
s-iyvioat; R 10, 2 (ufkuitpi C 1, 9. 10. E 1, 17 u. ö. ; unkunpi ayvcacia 
K 15, 34); trmisü rW.Dxx./j ('verheissung') E 2, 12; bi toja mahtals 
Av.rcf ttjv svspysiav rr,q rWaj/ö<oc ('kraftwirkung') E 3, 7 ; tnai -ol'nu.x 
('Schöpfung') 2, 10; -paEt; ('Verrichtung') R 12, 4; gawaurki -py.ru.xrziy. 
('gesch'äft', 'erwerb') t 2, 4. T 6, 6; gaminpi Th 3, 6. t 1, 3 y.vsir. 
('gedenken') 5 ; gawaurdi K 15, 33 opiXia ('verkehr); gawairpi 'ver- 



1) Für die westgerman. bibelsprache vgl. PBBeitr. 39, 26 ff. 

2) Hier steht ein gemeingermanisches, schlichtes adjektiv (ahd. flaoz) für das 
griech. kompositum ('eitel prahlen'), umgekehrt ist das Verhältnis zwischen xsvög 
und laushandja Mc 12, 3: lausa L 20, 10, was weiter unten zu erörtern sein wird. 

3) aggivipa axsvoxwpia R8, 35. k 6, 4: preihanda aTevoxwpsToO-s 12: gaagg- 
wülai oT£voxwpo6|ievot. 4, 8; vgl. M 7, 14. 

4) Vgl. mtuBni K 8, 11, 10 (kunjü). 

5) Vgl. gamunds E 1, 16 (ags. gemynd). 



2l>4 KAUFFMANN 

söhnung' (s^nrni) [dg. forsch. 31, 321 '; galeiki K 8, 3. I'lil 2, 7 ofxoiowfxot 
cgestaltnng'i ; gapagki k 9, 6 (<pet$OfAsvci>;) ; andbahti XstToupyia L 1. 23 8 ; 
andalauni xv^y-oHomc C 3, 24 ('Vergeltung'), avnjAwriKa k 6, 13; ws- 
wandi airzeins [/.e&o&eia t?: -lwr,c E 4, 14 ('ranke des irrtums'); faura- 
mapli Xeh. 5, 14. 18 Synovia; fauragaggi L 16, 2-4. E 1, 10. 3, 2. 9 
ouiGvoj/ia; faurafilli K 7, 18 f. G 2, 7. 5, 6. 6, 15 xxpoßucrna ('unbe- 
schnittenheit') 3 ; fidurragini L 3, 1 (Tz-py.oyoZv-rjc). Gut besetzt ist 
auch die von adjektiven abgeleitete gruppe der a b s t r a k t a : aglaiti 
R 13, 13. k 12, 21 A KtreXyeia; aiwiski K 15, 34. k 4, 2 xiayuvri 
| unaiwisks avsTtaicyjjvTos 1 2, 15) *, ms barniskja M 9, 21. t 3, 15 («.tzg [ipsoooc), 
us frumistja J 6, 64. 8, 44 obr a^%: m frumlstjam K 15, 3 sv -owtoi; 
(. anastodeins): in hauhistjam L 2, 14. 19, 38. Mc 11. 10 ev wj/urroi?-; 
andwairpi L 9, 29 u. ö. -p6a<o-ov {: andwairps Tt-apcov); biühii L 4, 16 
(to eiw&os). J 18, 39 (rrjvr.D'Sia) ; unhaili M 9, 35 [AaXaxia; imledi 
k 8, 2. 9 T7T(o/£ta; unsuti k 6, 5 axaTacraffia ; unwiti E 4, 18 ayvoia; 
uswissi 4. 17 [AaraiOTyi;. Diese nominalabstrakta unterhalten nahe be- 
ziehungen zu sehwachen verben: unledi hat ^a- unledjan 'ann werden' 
neben sich (tttw^susiv k 8, 9) wie gawairpi ein gagawairpjan 'ver- 
söhnen 1 (xaTaXacfjsiv k 7, 11). Aus diesem produktiven Verhältnis 
ergab sich ein neues wortpaar wie vfarmeli (sTrtypa^r,) L 20, 24 neben 
ufarmeljan Mc 15, 26 (was ufarmeli . . . ufarmelid) und praufeti (-poov- 
TSia) K 13, 8 u. ö. neben pravfetjan (Trpocpyrrsustv K 13, 9 u. ö.) und 
sogar aiwaggeli statt aiwaggeljo (Zeitschr. 43, 35. 60. 111) neben aiwaggel- 
jan 5 . Dieser fortschritt bot die möglichkeit, das gebiet dieser abstrakta 
fernerhin durch neulaud zu erweitern. In unserer bibel tritt für i-i-oxyr, 
nicht bloss ufarmeli, sondern auch vfarmeleins auf (Mc 12. 16: kaisaragild 
gibt anlass zu der frage: Iris ist sa manleika jah so ufarmeleins) ; zu 
weitwodi weitwodjan (t 2. 2. 14) und weitwodjan — weitwodipa (t 1. s. 
J 8, 13-14. 17-18) fügte der Verfasser der Skeireins ein weitwodeins. 
Aber nicht genug damit. Ausser weitwodeins tritt in der Skeireins 
auch noch weitwodei mit weitwodi in Wettbewerb (attins pairh meina 

1) Vgl. andawairpi M 27, 6. 9 xlp,rj ('geldwert'): wairß, ii\i^ (preis) K 7, 23. 

2) Vgl. andbahti j>is gudjinassaus yj Siaxovta xf,; Xeixo'jpyias k 9, 12 ('die 
arbeit an diesem dienste'): andbahtos gudis sind (XeixoopYo' 1 &sob slaiv) in Jsamma 
silbin skalkinondans Et 13, 6. 

3) bimait jah faurafilli C 3, 11; unbimait 2, 13; unbimaitanai E 2, 11. 

4) Ags, cewise ist fem.; vgl. dagegen anorfl. frjdls :frelse. 

b) merjada so aiwaggeljo Mc 11, 9: aiwaggeli fiatei merida K 15, 1; aiwag- 
gelida G 4, 13; das neutr. (und das zugehörige verbum) ist auf die paulinischeu 
briefe beschränkt, kommt in den evangelien noch nicht vor, ist also eine jüngere 
neubildung (sowohl durch cod. A als cod. B bezeugt). 



DEK STIL DER GOTISCHEN BIBEL 205 

waurstwa weitwodei : attim weitwodeins <>, 9. 14) und dies femininum 
ist auch in der bibel reichlicher als jenes archaistische neutrum belebt '. 

Mit diesen ne üb il düngen auf -eins und auf -ei ist ein neuer 
tingerzeig für das sprachliche verhalten des autors und für seine stil- 
geschichtliche Charakteristik gewonnen. 

Wir betrachten zunächst die stattliche schar seiner lieblingsw»"rrter 
auf ei-, vor denen die -ja-stämme zurückweichen. Der cod. Ambros. 15 
bietet k 4, 1 andbahti, während A andbahtei geschrieben hat 2 ; 12, 21 
ist aglaiti in A neutraler /«-stamm, in B dagegen als schwaches -ei- 
femininum flektiert (aglaitja : aglaitein) 3 ; gariudi T 2. 2 A B kehrt 
v. 9 als garhidei wider, dazu anawiljci (csv.vÖt/;;) T 3, 4. 2, 2; K 13, 
11 A taucht barniski (s. 204) mit dem acc. plur. barniskems auf; 
ftumisü (s. 204) bekommt C 1. 18 A B frumadei zum partner (frutna- 
dein habands 7cpö>TsO<üv) und fulhsni ein analaugnei (xpuxro'v) J 7, 4: 
M 6, 4; neben unwiti (aeppoeuv*] Mc 7, 22; avoia t 3, 9) drängt sich 
unfrodei (a<ppoGiivY] k 11, 1. 17, 21; avowc L 6, 11) hervor. So ist denn 
die erwartung gerechtfertigt, dass in den altgermanischen beständen 
der neutralen -ja- und femininen -e/«-stämme eine nicht unerhebliche 
Verschiebung zu gunsten der letzteren in der kultsprache der Goten 
räum gewonnen habe. 

Es sind aber auch die nominalabstrakta -ipa in ihrem Wachstum 
durch -(v-ableitungen gehemmt worden. Die Produktivität des Suffixes 
-ipa steht ausser frage r '. Aber noch kräftiger hat -ei gewuchert. Denn 
der Übersetzer schrieb für griech. sXsoc seltener armahairtipa (M 9, 13 

1) Der Wortlaut und das Verhältnis zu dem griech. grundtext ist in diesem 
fall sehr lehrreich: weitwodei mipwisseins unsaraizos xö u.apxi>picv xyjs auvsiSyj :;£«:; 
•fjiitöv k 1, 12; weitwodei linsara xö |iapx6piov yjjiwv th 1, 10. T 2, 6; r\ [Jiap-'jpia 
Tit 1, 13; dagegen heisst es t 2, 2 'vor vielen zeugen' (5iä tioXXwv jj-apxupwv) habe 
man die missionspredigt des apostels (got waurda gudis) vernomineu. Der (iote 
saute statt dessen 'unter vielfältiger hezeugung' [ßairfi managa weitwodjä): I>as> 
also hier ein 'volkstümlicheres', dort ein 'biblischeres' gotisch vorliegt, dürfte kaum 
zu bezweifeln sein. 

2) wisandin A = wisandein ß T 1, 4: andbahtiß J 12, 26 u. a. belege schliessen 
dir annähme -einer bloss orthographischen Variante nicht aus. 

3) aglaitjam R 13, 13 A: aglaitei G 5, 19 A B. Mc. 7, 22; aglaitein E 4, 19 
A B: ai/laitiwaxrdei (' 3, 8; vgl. ahd. agaleizi neutr. und agdlei&i lern. 

4| Vgl. niuldalis vyj7Uoc; ; u in LI ah ei (Skeir.). 

5) Wider den usus sind die von Substantiven abgeleiteten afgrundißa 
(äßuaoog L 8, 31. RIO, 7) : and. afgrundi, ahd. abgmnti; mit ainamundißä (ivözr t z 
E 4, 3. 13) wären zu vergleichen die älteren, aus adjektiven gebildeten n<jli/xt, 
flggwißa, airknipa, dwalißa y faimißa, vnwindißa, manwißa, merißä\ mildißu, swerißa) 
tulgißa, wairßida, weihida. 



206 KAll 1 MANN 

L 1, 72) häufiger armahairtei, lieber swiknei als swiknißa (ayveia, 
«yvoTr,: k 6, 6. T 4, 12); er bevorzugte daubipa vor daubei (xcipwai? 
Mc 3, 5. E 4, 1<S. RH, 25), diupipa vor diupei (ßai)oc), hauhißa vor 
hauhei (Ctyo? R 8, 39. E 4, 18. 3, 18), während kauripa und kaurei 
(ßapo: (i ti, 2. k 4, 17), gauripa und gaurei (Xutoi J 16, 6. Phl 2, 27), 
hlutripa und hlutrei (siAtx.pivsia k 1," 12. 2, 17), airzipa und «/;•:«' 
(-A7.V7) M 27, 64. T 4, 1. E 4, 14. Skeir. 5, 3), unsweripa und w/<- 
swerei (arijAia k 11, 21. 6, 8) das gleichgewicht sieh halten. Der für 
rV/caiocüv/; vorherrschende ausdruck ist nicht garaihtipa, sondern ;/a- 
raihtei geworden 1 ; wir können nur ungaraihtei belegen (k 6, 14), 
obwohl für y./.y.dy.pniy. nicht so oft tinhrainei als vielmehr unhrainißa 
vorkommt ((' 3, 5. E 4, 19. 5, 3 u. ö.). 

Aus dieser Übersicht dämmert die erkenntnis auf, dass der Über- 
setzer aus den durch das herkommen gebahnten geleisen des west- 
gotischen Sprachgebrauchs gewichen ist. In der tat hat er die autoch- 
thonen und nationalen Überlieferungen verlassen, um die biblische 
kultsprache für Goten neu zu stilisieren, wenn er dem von dem adjekt. 
lausawaurds (p.aTato>.6yos Tit. 1, 10) abgeleiteten neutrum lausawaiirdi 
(xsvoiptovia t 2, 16) 2 unter dem druck der hellenistischen abstrakta ein 
lausawdurdei ((xaTawAoyia T 1, 6) hinzufügte und kontrafakturen wie 
aglaitiwaurdei atc^po^oyia C 3, 8; dwalawaurdei y.topoAoyix E 5, 4; 
ßluwäurdei -oA-jAoyta M 6, 7 bildete (o. s. 189). Damit bezweckte er' 
zweifellos eine hellenisierung des got. Sprachgebrauchs (Zeitschr. 46, 
345); diese modernisierung erstreckte sich auf laggamodei ({Aaxpo&'jjjtia 
R 9, 22. k 6, 6: usbeimei G 5, 22. C 3, 2. T 1, 16); mukamodel 
(sTrisixsia k 10, 1: qairrei -paö-rr,?); harduhairtei («nc^TipoicapSia Mc 10, 5; 
hauhhairts : haahhairtei, armahairts : armahairtei o. s. 190), anscheinend 
auch auf lausqiprs (v/ja-ri; Mc 8, 3): lausqiprei (wjersta k 6, 5. 11, 27: 
fastubni Mc 9, 29 u. ö.). Sie ging aus von altgermanischen Vorbildern 
(jaihufriks : falhufrikel, faihugairns : faihugairnei , gastigods : gastigodei 
[: apETYi godei Phl 4, 8] und gudaskamiei o. s. 176). 



1) Vgl. z. b. gudis garaihtei . . . so garaihtei us witoda . . . so us galaubeinat 
garaihtei . . . <h< garaihtein u IIa im J>aiin gahiuhjandam : galaubeip du garaihtipai 
R 10, 3—6. 10; während sonstige <??:-abstrakta nur in den ep istein begegnen, ist 
garaihtei auch den evangelien geläufig (M 5, 20. L 1, 75). 

2) Mit lausawaurdi gehört gabaurpiwaurd yeveaXoYta (o. s. 189) zusammen. 
Vgl. anord. lausorpr : lausyrpe, heiptyrpe {heiptorpj); ags. hrcedwyrde u. a. adjekt.: 
biwyrde (biuord); and. slidvmrdi adj.: sdmwurdi [södword, hoseuord. losword)] 
ahd. btwurti (biwort) u. a. 



1 



DER STIL DEK ÜOIISCHEN BIBEL 207 

Die häutigkeit der von adjektiven abgeleiteten abstrakta bestimmt 
den stileindruck, selbst wenn die belegzahlen für die schlichten 
wörter niedrig bleiben: in bairhtein (sv tu) ©avspcjJ M 6, 4. 6), baitrc 
(Tcuepia E 4, 31), balpei (TcappncCa k 3, 12. T 3, 13: trauains k 7, 4. 
Phl 1, 20) \ bleipei (ayaO-iocuv/) G 5, 22: piupeins th 1, 11), brat (/et 
jah laggei jah hauhei jah diupei (: hauhipa, diupipa E 3, 18), c^m 
(k 8, 20), /W/g/ (steu&epia K 10, 29), frodei (co<pia L 2, 52; häufiger 
für (ppov/jOTi; und guvsck;); gairnei (Trpo&uf/.ia k 8, 19. 9, 2), hlutrei 
(siXt/tpivswc k 1, 12: hlutrijxt), h/assei (a-oTouia RH, 22), kaurei(k 4, 17: 
kaurißa), latei (Phl 3, 1), ßwtei (Mc 12, 15 u. ö.), jjraürej (Phl 2, 27 : 
gauripa), godei (Phl 4, 8), Jfoe*' (R 12, 8), aairrei (t 2, 25), n'wm 
(K 15, 50 u. ö\), seiet (R 11, 22. E 2, 7 u. ö.), sinket (acÖ-svsia J 11, 
4 u. ö. : unmahts G 4, 13 [randglosse]), steipei (R 8, 35), snutrei (cocpwc 
K 1, 17. 19)'-. swiknei (ayveia T 5, 2 u. ö. : swiknipa); swinpei (L 1, 
51. E 6, 10: mahts), pwairhei (E 4, 31 u. ö\), warn TCavoupyta (k 4. 2), 
mikilei (E 1, 19: miJeildups), mundfei (Phl 3, 14), naqadei (R 8. 35. 
k 11, 27), handugei (0091a M 11, 19 u. ö.), maAei (<w<poo<3JV7] T 2, 9. 
t 1, 7), gamainei (jtotvwvia k 8, 4. G 2, 9), gariudei (ai^coc T 2. 9), 
garaihtei (oV.aioouvr, L 1, 75 u. ö.: garaihtipa), ungaraihtei (avopia k 6, 14), 
unjrodei (a^poouvm k 11, 1. 17, avota L 6, 11), unhrainei (axa^apcia 
C 3, 5: -a/>a), n»m unriureins arbjo (a<p&ap<5ia K 15, 50 11. ö.), unselei 
(xaxia M 7, 22 u. ö.) 3 , unsiverei 1 art^ia k 6, 8: -^^a), ufarfullei (wspwr- 
c£uaa L 6, 45), usdaudei (crcou&n k 8, 16 u. ö.), usfilmei (l)tcfa<yi? L 5, 26. 
Mc 16, 8), usstiurei (ao-oma E 5, 18. Tit 1, 6). 

Hellenisierende eindrücke verstärken sich durch die kontrafakturen 
afgudei - gagudel atfsßssa - euo-sßswc T 2, 16. 3, 5 11. ö. 4 , ainfalpei 
y-'/jj~r\c k 8, 2 u. ö. {-.allawerei R 12, 8); m analaugnein (sv jcputct<5 : 
analaugniba J 7, 4. 10 5 ) ; anawiljei erneuts^ Phl 4, 5 (:sutia T 3, 3) G , 
die den Übergang bilden zu den radikaleren neubildungen aipiskaupei 

1) TrappTjoiqc, sv rcappTjaic/. balpaba J 7, 13. C 2, 15: t« balpein E 6. 19; 3, 12 
erscheint zu balpein die randglosse freijhah. 

2) fraqistja snutrein pize snutrane jah f rodein pize frodqne uskiusa . . . han- 
dugei v. 19-21. 

3) nippan in beistu balwatoeseins jah unseleins ak in unbeistein unwammeins 
elXixpiveias (.■ hlutrei) K 5, 8. 

4) afgupa doeßrjs T 1, 9 randglosse zu unsibjis; gaguda süasßYjs t 3, 12: 
barusnjan euaeßstv T 5, 4. 

5) Den gegensatz bildet hier bairhtei puk cpavepcooov aeautöv; uskunßs lv 
nappyjoiqf. vgl. m andaugjo ak sive analaugniba v. 10, andaugiba v. 26; im fulhsnja 
. . . im bairhtein M ö, 4. 6. 

6) yateiljis, ailbauiljis; anawiljei : gariudi asuvöxirjs T 3, 4. 2, 2. 



208 KAl'KFMANN 

i-.\n/j-r T :>. 1 ('bischofaamt' ; vgl. niuhseins L 19, 44 'Heimsuchung') -, 
apaustaidus . . . apattstaulei a-orrroAr, K 9, 2. 6 2, 8; praizbytairei 
(: praizbytairi T 4, 14) -pzafrjTeooi Tit 1, 5. T 5, 19 (: sineigs 1. 2), die 
uns der wuchernden Produktivität des -«/-suffixes am bündigsten ver- 
gewissern, das um ebendeswillen das stilisierende verfahren des Über- 
setzers besonders gut zum ausdruck bringt. 

Es bewährte sich für die auffrischung und neutönung der alt- 
germanischen verbalabstrakta oder verbaladjektiva, denen er im übrigen 
durchaus nicht ablehnend gegenüberstand 1 . Wulfila gebrauchte ustnet 
Uvzctcooy; E 4. 22 u. ö. usmitan Dcvacrp&pecö-ai), aflet (aosci; L 1, 77: 
afletan aep-ivm) oder fralei . . . fraletan (««psci; L 4, 19 u. ö.) und 
wagte analogiebildungen wie andauern (at^m; Phl 4, 15: andniman 
Xaj/.ßavsiv) 2 oder andstald (itiiyopyfyia. 'Unterstützung' Phl 1, 19: and- 
sinldan s-i/oo-/;-/^) ' oder anafilh (-apa^osi: 'Überlieferung' Mc 7. 3. 
th 3, 6: -xzy.Wry.r, das mir anvertraute' t 1, 12. 14: anafilhan -y.^y- 
&$6vat, TWtpaTi&scrS-ai) 4 ; obwohl ihm hierfür altgermanische typen wie 
ahdanumts (v.vy.Ar/U: L 9, 51) oder anabusns (^apaSoöi? Mc 7. 13) zur 
Verfügung standen" 1 . Er beginnt diese gruppe zu modernisieren, wenn 
er für usbeixiis («.a^po-ftu^ia 'geduld' E 4, 2. C 1, 11. t 3, 10. 4. 2: 
"Jini R 9, 22. L 18, 7) die Variante usbeisnej ([/.a>cpo9ufz.ia 'lang- 
mut' (i 5. 22. (' 3, 12. T 1, 16) eintreten lässt, die reihe der sub- 
stantivierten verbaladjektiva andauern (A7)^cc), an doset (ß<$iA'jY;Ay.) b durch 
verbalsubstantiva wrekei (%i<irfu.6q k 12, 10) und birekei (xtv&uvo? k 11, 26) 



1) andahait ö\io\o\'ia (ahd. antheiz); bihait xaxaXaXia (ahd. biheiz\ gahaii 
l^aYYSÄLa (ahd. gaaeiz)\ andabent sJuxijiLa; bimait 7ispixojif ( , wnbimait xy.popuaxia ; 
bistuggq -poaxoTiY] (z. b. bistuggqun du staina bistuggqis npoay.6\x\ia.zoc, E 9, 32 f.) ; 
bifaih TiAsovegia k 12, 20 A hat an bifaihons 9, 5 A B einen konkurrenten (: bifaihon 
-Xsov£x-Y,3ai 7, 2. 12, 17 f. . 

2) »i rapjon gibosjah imefanemis 'Verhältnis gegenseitiger abrechnung' Phl. 4, 15. 
:ii c/// leik . . . gagahaftiß pairh allos gawissins andstaldis 'der ganze leib 

wird durch jedes ihn versorgende band zusammengehalten' E 4, 16. 

4) Zu gafilh, usfilh evxa^iaajjLÖs 'begräbnis' J 12, 7. Mc 14, 8 vgl. anafilhan 
. . anafilh . . . <in<ijil)ns bokos 'empfehlungsbrief k 3, 1 (bestandteil städtischer 
-f-ihäi'tssprache?); ferner usluk avoigtg E 6, 19 (luslukan avoiyeiv); fraweit 
sy.SöxrjO'.g R 12. 19 u. ö. (ifraweitan sxSixTjaai z. b. L 18, 3: gaterikan TtotsTv xtjv 
ix5lxvja'.v 7. 8). 

5) Diese und andere verbalabstrakta werden gern im plural gebraucht 
(Bernhardt zu t 1, 1; Zeitschr. 37, 173; Idg. Forsch. 29, 272 ff.). 

6) Ferner swaswt gadob ist xa9-d>£ Tipeirsi E 5, 3 ; patei gadob ist 5 npercei 
T 2, 10; vgl. imqepja waurda k 12, 4. 



DER STIL DEK GOTISCHEN BIBEL '-Kl! 1 

erweitert ' und diese mehrimg des biblischen Wortschatzes krönt durch 
die abermals von verbaladjektiven ausgehende gruppe balwawesei (jcaxioc 
k 5, 8), filudeisei (zavoupy'a 'list' k 11, 3) 2 , hindanveisei (SdXo: 'list' 
k 12, 16: hindarweis §ö~kioc, 11, 13), lubjcdeisei (<pap(/.ocxsia 'zauberei' 
G 5, 20: lubjaleisai. = liutai yor,Tsc 'gaukler' t 3, 13), die den alt- 
germanischen Überlieferungen (o. s. 176) folgt. Von ihnen entfernt sich 
der Übersetzer mit weltwodei (: weitwops o. s. 204 f.), faurhtei (SsiXia 
t 1, 7: faurhts Üziköc), paurstei (Si-|oc k 11, 27), unbeistei (sv k^ujaoi?: 
/>>v'.st '(o;m K 5, 8), drugkanei ([jäü-/] R 13, 13. G 5, 21), undiwanei 
(«d-avaawc K 15, 53 f. u. ö.) 3 . Ich vertraue dem Stilgefühl, das diese 
würter griechisch getönt findet und sie zu zeugen jener Wortwahl oder 
Wortschöpfung aufruft, die sich in den kontrafakturen vollendet. 

Wir besitzen für die Produktivität des -e/-sufrixes noch weitere 
gewährschaft, die, es ermöglicht, tiefer in seine stilisierende funktion 
sich einzufühlen, -ei ist nämlich in Wettbewerb mit -eins getreten und 
hat dessen bereich beengt, obwohl es von haus aus für verbal- 
abstrakta sich nicht eignete und zu den ^a^-verben keine beziehungen 
unterhielt. Sie scheinen erst durch den schöpfer der gotischen literatur- 
sprache geknüpft worden zu sein, nachdem die nominalabstrakta auf 
-ei die funktion der verbalabsfrakta mit übernommen hatten 4 . Diesem 
bemerkenswerten Vorgang liegt also zunächst eine sprachgeschichtliche 
Veränderung zugrund. Ihr folgte der stilgeschichtliche effekt, der durch 
jene überraschende Wortwahl für griechische nomina actionis auf kosten 
der -eins zu gunsten der -«/-stamme erreicht worden ist. 

Es handelt sich um ein doppeltes: 1. bairhtei und genossen füllen 
sich mit neuem ausdrucksgehalt, weil sie nicht mehr bloss eigensehaften. 
sondern auch leistungen abstrakt darzustellen vermögen. 2. wajamercin-< 
und genossen assozieren sich mit den nominalabstraktis und erzeugen 
eine sprossform wajamerei-'. 



1) Mit andasetjai ßSeXuxxoi Tit. 1, 16 verbinden wir unqeßja äppr^xa k 12. 4. 
birekjai K 15, 30. L 8, 23; neben iorekei stellt sich wrakja bi(ay\).6<;, neben birekei 
erscheint eleipei xTvSovog R 8, 35. 

2) Dazu E 4, 14, wo du listeigon uswandjat airseitis folgt, während wisands 
liste/;/« ('Schlaukopf') hindarweisein iswiz nepn k 12, 16 einen beleg- für Tiavoüpvo? 
erbringt; vgl. warai sijaima vYjcpwu-sv Th 5, 6 = usskawai sijaima 8 (: andaßahts 
sijai vyjcpe t 4, 5): ivarei raxvoopyia k 4, 2. 

3) Vgl. ahd. (ub'ar)trunchani ." trwnkaU (ebrietas); got. baurßei (cpopxiov G *>. 5): 
ahd. burdi, and. burdinnia, ags. byröen, anord. bgrpr. 

4) PB Beitr. 14, 221 f. 

5) Anzfda. 29, 282. 287; Streitberg, Elementarbuch 3 s. 112 u. a. 



21(1 K \l I TM ANN 

Der unterschied /wischen -ei und -eins fangt an, sich auszu- 
gleichen und zu verschwinden. 

'Wie breit und lang) wie hoch und tief (ti to ~'/.%-o; v.x\ ;r/j*o; 
/.y. ;y.))oz xat u^oc E 3, L8) heisst jetzt in liturgischer sprachform auf 
gotisch ha sijai braidei jah laggei jah diupei jah hauhei ; haukeins 
dagegen stellt für 'erhöhung' 'Verherrlichung' oder ehrung' neben 
hauhjan geradeso wie neben §o£a£siv griech. 'So;a (z. b. jabai iJc hauhja 
mik silban so kauheins meina ni waihts ixt säv eyto &oEa£w s[/.au-rov r, 
fV>;y. f^ou oCSev sctw ,) 8, 54 oder so siukei nist du daupau al: in 
hauheinais gudix ei hauhjaidau sunus gudis . . . u~ko tTic Soir,; tou 8-soC 
iva So^aff&Y, o uiö«; tou 8-eou 11. 4). Dies verbalabstraktum kann der Gote 
jetzt für 'ruhmbegier' mittelst der uns schon bekannten Umschreibung 
verwenden {in lausai hauheinai xevoSoEta neben in hauneinai gahugdais 
Ta7rsivo<ppocr vyi 'deniütigung' Phl 2, 3 o. s. 203). garaihtei das nominal- 
abstraktum zu garaihts heisst 'gerechtigkeit' '(iustitia), garaihteim {iustifi- 
vatio) das verbalabstraktum zu garaihtjan heisst 'rechtsptrechung' oder 
auch 'bekehrung' (z. b. 'jede von gott eingegebene schritt ist heilsam 
zur belehrung, zur bestrafung, zur bekehrung und zur erziehung in der 
gerechtigkeit' all boko gudishaizos ahmateinais paurftos du laiseinai, 
du gasahtai, du garaihteinai , du talzeinai in garaihtein . . . 
-:o: £-avopiSo)OTv . . . sv Sucawci'vri t 3, 16 1 ). Aber k 3, 9 stehen sich 
andbahti wargipos ('dienst an der Verurteilung') und andbahti garaih- 
teim ('dienst an der gereehtsprechung') gegenüber: auch in der Skei- 
reins ist jene distanz der begriffe aufgehoben und garaihtei mit der 
funktion von garaihteim betraut: garaihteins gauggivei 'einschränkung 
der gerechtigkeit' 1, 13; laisareis . . . du guda garaihteins 'lehrer 
. . . der rechtfertigung vor gott' 18; statt gaaggwei 1, 13. 20 müsste 
man gaaggweins erwarten (: gaaggwjan erTsvo^oapsfa&ai) als entsprechung 
eines biblischen uTsvo^wpia (Dietrich, Skeireins s. LXIX), das in den 
paulinischcn brieten durch aggwipa oder durch preihsl wiedergegeben 
wurde. Biblisches swiknei 'reinheit' ergab für die Skeireins die sonder- 
form swikneins 'reinigung' (3, 6 [= J 3, 25]. 10. 4, 2); aber hrainei 
•reinigung' Skeir. 3, 7. 6. 16 hat gerade umgekehrt ein biblisches 
hraineins L 2, 22 zur seite. Den zusammenfall der beiden reihen, 
den neuen beruf des -e/-suffixes, können wir trotzdem bereits für die 
gotische bibel als stilgerecht erweisen. In den Wörterbüchern wird 



1) Vgl. allawerei drcXd-yjc; 'Schlichtheit' E 12, 8: unwereins ävaväxxvjatg 'Un- 
willen' k 7, 11 (: unwerjan äyavaxxeTv); Streitbergs Vermutung, es sei wohl unwerei 
nicht unwereins anzusetzen, wäre besser zurückgehalten worden. 



DER 8TIL DER GOTISCHEN BIBEL 211 

zwar auf grund von k 6, 8: pairh wajamerein jah wailtnnerein $ia 
^jamuJ.y.z x.a'i su^pia? wajamerei von wajamereins und woilamerei von 
wailamereins unterscheiden, aber es braucht hier nicht mit nominal- 
abstraktis gerechnet zu werden ' ; man übersetzt 'Schmähung' (oder 
'lästerung') und 'lob' und gebraucht auch Phl 4, 8 zur widergabe von 
c<ia zZyry.y. (patei loailameri) die formel 'was löblich ist', wir könnten 
also mit wailamereins K 1, 21 wohl auskommen, wajamerei dagegen 
lasst sich nicht wegdisputieren, der gen. -eins ist beim verbal- 
abstraktum und nomen actionis J 10, 33 eindeutig bezeugt (in godis 
ivaurstivis ni stainjam ßuk ak in wajamereins . . . reepl ßXaa<py)fjdai; 'wegen 
lästerung). während im gleichen sinn Mc 7, 22 und E 4, 31 der noiii. 
wajamereins erscheint. Wie wajamerei ist auch weitwodei mipwisseins 
k 1, 12 (to y.y.pz'jpiov TTic <juvei$ir)<7Stoc 'mein gewissen kann es mir be- 
zeugen 7 ) 2 zu beurteilen; weitwodei wurde neuerer ersatz für das in 
der Skeireins noch verwendete neitwodeins, mit dem aber auch dort 
weitwodei tauschte {weitwodjands . . . weitwodei . . . weitivodeins 6, 8. 
9. 14 o. s. 204 f.), das also die Skeireins mit den Episteln gemein hat, 
während den Evangelien nur weitwodißa ('Zeugnisablegung') zu diensten 
war . yäfrapjei T 2. 15 ( verbalabstraktum) hat an frapjan seinen 
halt und steht mit gaaggwei (Skeir.) oder mit gabairhtei (sm<pavsia 
erscheinung : gabairhtjan) t 1, 10 auf der gleichen linie und das gewicht 
dieser neologismen wird durch das formenpaar ufarmaudei Skeir. 6, 3 
(: mnudjari) und usbalpei T 6, 5 (: balpjan) erhöht 4 . Aus den griechischen 
entsprechungen ergibt sich mit Sicherheit, dass gairnei als verbal- 
abstraktum gemeint war und mit gairnjan in Verbindung -gestanden 
hat lim gegensatz zu faihugairnei 'gewinn' o. s. 17 '6) : gateihands uns 
izwara gairnein ävayysXtov ■flf/.tv tyjv ujv.wv sTTi-oDTimv 'er berichtete uns 
von eurer Sehnsucht' k 7, 7. 11 (: gairnjan s-ittoÖsiv 5, 2. 9, 14); vgl. 
gainwi 7vpofto(jua 'bereitwilligkeit' 8, 19. 9, 2 = wilja 'wollen' 8, 11 f. 
{■.gairnjan i-iWyj.zw) ] daubei xojpc.j^; 'verstockung' R 11, 25 (= daubipa 
E 4, 18. Mc 3, 5 'Verhärtung') : gadaubjan J 12, 40 (daufs -s-wpcouivo; 
Mc 8, 17); audagei v.y.y.y.piGu/jz 'seligpreisung' G 4, 15 (: audagjan 
ij.y./.y.dCzvj L 1, 48). Vollkommen klar läge der Sachverhalt bei waurstwei 
E 4, 19 (uswenans waurpanai sik silbans atgebun aglaitein in ivaurstr 
xo ein unhrainipos allaizos in fuihufrikein a-x-filyr/.ÖTzc sauTou<; -xpsfVi/.av 

1) Germania 32, 234. 

2) galaubida ist weitwodei unsara 'glauben fand unsere botschafV th 1, 10. 

3) weitwodei(ns ?) ; weitwodißa T 2, 6:3, 7. 

4) Germania 32, 233. 234; vgl. noch usbeisnei o. s. 208; usstiurei, usdaudei 
(: usdaudjan) gegen usfulleins, uslauseins usw. 



912 KAIITMAW 

ty, xae's.yz'.y. zi; iprf äsicuy yy.y.\) ycnix; -onv. bt ~Azovza.y. 'erschlafft haben 
sie sich der schwelg* >rei ergeben, alle möglichen sandigen dinge zu 
tun in habgier') und bei liuhadei oojticv.ö; k 4, 6, falls diese, nun schon 
gar von Substantiven abgeleitet, kraft des frei und beweglich ge- 
wordenen Suffixes -ei von dem Übersetzer herrühren und die haudlung 
des 'wirkens' und des 'leuehtens* im biblischen sinn zum ausdruck 
bringen sollten. Aber an der zitierten stelle geht der praepositional- 
verbindung 9 du Uuhadein die Variante liuhadeins (k 4, 4 inluminatio 
s. 191 ) unmittelbar voraus. Dies überraschende gebilde, das an läaurst- 
ireins eine stütze tande, würde man als letzten ausläufer einer umfassen- 
deren, das ems-suffix in sehw T ung bringenden Sprachbewegung eher 
begreifen können l . Und damit meldet sich ein neuer stilfaktor. 

Es steht fest, dass die «-stamme die eiws-stämme in den bann- 
kreis ihrer Hexion gezogen haben 2 . Man könnte also vielleicht zur 
not mit der hvpothese auskommen, die «ms-st'ämme hätten nicht bloss 
im plural :; , sondern auch schon im singular die flexion der «-stamme 
angenommen und so sei der dativ Uuhadein k 4, 6 neben dem nom. 
liuhadeins k 4, 4 sprachüblich geworden. Abgesehen davon, dass es 
nicht statthaft ist, einem einzelwort zulieb ein fonngesetz aufzustellen, 
dem sofort wieder ausnahmen zugebilligt werden müssten 4 , die unserem 
-ing und -ung vergleichbare, wuchernde Produktivität des -<?/«^-sufrixes r 
das mit der Verbreitung der suffixe -ains und -ons nicht in dem richtigen 
Verhältnis steht 5 , wäre damit weder beseitigt noch erklärt. Was 
ausserdem der einseitig dieser wortgruppe zugewandten Wortwahl einen 
eigenton verleiht, das ist die ausgesprochene Vorliebe des Übersetzers 
für praefi gierte abstrakta, deren beste Vertreter an dieser stelle 
die von ihm neu geschaffenen gaskaideins und ufbloteins sein dürften. 

1) Vielleicht gehört auch Mtems (: Xixtj ?) hierher. 

2) naiteinos : naiteinrins . Mc 3, 28. 2, 7; laiseinim C 2, 22; laiseinins Mc 7, 7: 
laiseino 1, 27; jabai hu f/odeino, jabai h-o hazeino Phl 4, 8. 

3) ymkaureinotn k 11, 9. 

4) Auch wäre zu befürchten, dass damit der grainmatiker aus Sparsamkeit, 
am falschen ort i, r eübt, dein stilforscher abbrach täte und einen charakteristischen 
luxus der wulrilanischen bibelsprache vernichtete (Germ. «32, 235 f.). Der grainniatiker 
könnte sich eventuell bleißeiris neben bleipei (Streitberg) und vielleicht auch gablei- 
Jieins ersparen ; aber sowohl bleipei als hh ipeins und gableipeins stehen sowohl mit 
bleipjan und gableipjan als auch mit bleißs in Verbindung vgl. L 6, 36. Phl 2, 1; 
selbst hier schlägt das verbura nicht mehr durch ('herzliches mitgefühl' : brüste 
hlcijirins 3, 12 gegen R 12, 1. k 1, 3 'erbarmen'), 

5) Nach der berechnung von Losch verhalten sich die jan-verb& zu den 
ui- und ow-verbis wie 8:1:2; die verbalabstrakta eins : ains : ans dagegen wie 
10:2:1 (Germ. 32, 245). 



DEK STIL DEB GOTISCHEN BIBEL 213 

Welche bewandtnis es damit hat, wird klar, wenn man sieh erinnert, 
dass es weder für das eine noch für das andere noinen ein ent- 
sprechendes yV/»-verbum gibt und wenn man die richttmg verfolgt, 
welche die verbalabstrakta -ms und -ains angeben, -ans, ein suffix, 
das in den skandinavischen sprachen üppig gewuchert hat, ist im 
westgotischen fast schon unproduktiv geworden und gewiss nicht zu- 
fällig fast nur durch simplicia vertreten : lapons A'jTpwcrt? (: uslauseins !), 
/./.•?,<7'.:, TcapaxXyjctc (: gaplaihts, gaprafsteins L 2, 38. 25; laponais pizaiei 
lapodai sijup E 4, 1. 4; lapondins läponai t 1, 9 u. a.); mitons ev(k% 
ywx, ^taAoy.Gy.ö;, /.oy.w.oc (rnitonins . . . dulve jus mitop M 9, 4 Mc 7, 21; 
miton SiaXoyi^ec&at 2, 8 k 10, 5; Xoy&SG&ai K 13, 5); salbons (/.upov 
(J 12, 3: balsan 3. 5 u. ö.); sunjons awoXoyia (k 7, 11: andahafts 
k 9, 3 o. s. 180); aihtrons -;o^u/;o (Phl 4, 6 T 2, 1; pairli attos 
aihtronins jah bidos aihtrondans E 6, 18) ] ; frijons w.r,u.y. (K 16, 20 
k 13, 12) gq frijons Th 5, 26 vgl. gamitons Siavoia E 2, 3 (igahugds), 
gafripons JcaTaXXavn (pamma gufripondin . . . jah gibqndin uns and- 
bahti gafriponais . . . yafriponds . . . waurd gafriponais k 5, 18 f.) : bi- 
•faihons -"/.lovzav. (k 9, 5: bifaih 12, 20 A). Archaische rückstände 
sind wetkan : wokains ocypu7cvia k 6, 5. 11, 27; gahaban : gahobains 
iyxpohreia G 5, 23. Von libaina, trauains und dem der kultsprache 
ebenso unentbehrlichen pulains abgesehen sind die belege für -ains 
nicht viel reichlicher als die für -ons: banains Y-ocroUvoic, (V.aT)oLx.7]T7,ptov 
(Mc 5, 3 E 2, 22: 3, 17 k 5, 2; -oaitsw.x Phl 3, 20); leikains ~o6- 
!>£ci: (:muns, ivilja), suSoiua {\ivUja] t 1, 9: 3, 10 th 1, 11: Th 3, 1 
L 10, 21 ; bi leilcainai wiljis seinia E 1, 5 : bl wiljin saei fauragalei- 
kaida imma > ana leikainui poei garaidida in imma 9 A [randglosse]); 
lubains D~i; (R 15, 13: wens); pahains 'hcuyjy. (T 2, 12: rimis)] wanains 
r t TTr,[j.y. (R 11, 12: waninassus). Die lebenskraft dieses suffixes machte 
sich jedoch bei midjasweipains xaTa>cXu<j(/.6<; (L 17, 27) und gak/eilains 
avsci? (k 2, 13. 7, 5: gahreilan K 13, 8) 2 und birünains (Skeir. 3, 3) 
geltend und bewährte sich bei den für unsere Gotenbibel charakte- 
ristischen neubildungen anakurtnains av«yvoici? (k 3, 14 o. s. 193), 
atwitains TrapanopTict? (L 17, 20), uspulains u7W)|/.oviq (C 1, 11 th 3, 5: 
pulains, stiiviü) 3 und ungahobains axpaaCa (K 7, 5: ungakabands axpa- 
t/:c t 3, 3) 4 . 

1) In den evangelien ist nur das häufigere bida belegbar, in den episteln mit 
aihtrons verbunden. 

2) iusila k 8, 13 th 1, 7. 

3) pulainai . . . hileilcos wrakos uspulaida t 3, 10—11. 

4) gapanrbs kyv.pa.zriz Tit. 1, 8. 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XLVIII. 15 



214 KAI'KI'MANN 

Weit überholt sind diese leistungen von -ains durch die strotzende 
fülle der -eins, deren hauptgruppen sicli bei -ains angekündigt haben. 
Nicht eben stark ist die gruppe der simplicia besetzt ' ; es fällt jedoch 
ins ohr, wie gern der Übersetzer gerade diese verbalabstrakta mit ihrem 
grundwort in einer und derselben periode nach griech. weise zusammen- 
klingen lässt : daupeinai (fiä-T'.w.a) pizniei ik daupjada (ßa7ru£o;v.aL) 
ei daupjaiudaii . . . daupeinai pizaiei ik daupjada daupjanda Mc 10, 
38-39 ; fodeinai (rpo^r) . . . fodeip (Tpepsi) M 6, 25-26 ; golida (r^-arraTo) 
. . . golein (a<7-aG7.o;) L 1, 40-41 ; ik hauhja (ftoEatu) mik silban, so 
Jtauheins (Sola) meina ... J 8, 54; laisjandans laiseinins (&SaGKovTS<; 
i^ac/.y.Aia;) Mc 7. 7; naseins . . nasjan (ocaTTipia . . cto^ai) L 19, 9-10; 
gapiudida uns ana allai piupeinai (euAoyr.aac . . . sdoyia) E 1, 3. Für 
die Wortwahl boten sich sonst verschiedene möglichkeiten. In welchem 
umfang der Übersetzer gerade diesen verbalabstraktis gerecht geworden 
ist, ergibt sich daraus, dass hauheins und hraineins häufiger belegt 
sind als hauhei und hrainei (s. 207), dass hauseins (ax-or,) hinter hliuma 
zurückbleibt, aber meripa ebenso weit hinter sich gelassen hat 2 , wie 
naiteins im bunde mit waijamereins (ßXao^Tipa) das synonymon anaqiss 
(C 3, 8 T 6, 4), während piupiqiss (K 10, 16) und icaüaqiss im verein 
mit aiwlaugja einem piupeins die wage halten (s. 179); naseins ist 
einem ganisis (acoTTjpia 'heil', 'rettung' R 10, 10. 11, 11. Phl 1, 19 
t 3, 15 u. ü.) überlegen, mapleins (ky.liv. J 8, 43) wird von razda 
(M 26, 73 Mc 14, 70) übertroffen, aber drängt sich eben doch vor, 
gleich tiveifleins 3 oder prafdeins ('trost' R 15, 5) bezw. gaptraf steint 
('ermahnung' R 15. 4 k 1, 5. 7, 13 Phl 2, 1), das wohl dem für die 
wiedergäbe von -apä/.AY]<7i: in betraeht kommenden bida ('zureden' 
k 8, 17) aber nicht dem alten verbalabstraktum gaplaihts (s. 208) ge- 
wachsen war. Diesen präfigierten verbalabstraktis war ganz ent- 
schieden die neigung des Goten zugewandt. Sie hat besonders den 

1) balweins y.cÄaaig M 25, 46; ßäaavog L 16, 23 (: balvvjan ßaaavi^etv); dan- 
peins vexpmaig k 4, 10 (: daubjan vsv.poüv); hauneins oder hnaiweins xaTzsivwaig Phl 
3, 21; L 1, 48 (: haunjan oder hnaiwjan tausivoöv); hazeins aivog, ercouvoc; L 18, 43; 
R 13, 3 (: hazjan atveiv, s7iatvstv); üjivog E 5, 19. C 3, 16; niuhseins s-r.ay.oiiy] 
L 19. 44 (vgl. biniuhsjan y.axaaxo7ieIv) ; skeireins ipjiyjveta K 12, 10. 14, 26 (vgl. 
gaskeirjan ip|iyjvsösiv'), talzeins Tiaioeta t 3, 16 (: talzjan 7iaiSeüsiv). 

2) hauseins 'ohren' t 4, 3 f.: hliuma 'obren' L 7, 1 Mc 7, 35; 'gehör' K 12, 17; 
hauseins 'künde, predigt' J 17, 38. R 10, 16 Th 2, 13 (kontrafaktur o. s. 187 ff.): 
meripa 'gerücht' Mc 1, 28. 

3) ni du tweifleinai mitone (irj elg Staxpiostg SiaXoyi.a|J.öi)v R 14, 1 ('nicht um 
gedanken zu richten'); muh picairhein jah t weif lein xwpig öpyfjg xai 5iaXoyia(iou 
T 2, 8 ('ohne an zorn und streit zu denken'). 



I>ER STIL DER GOTISCHEN BIBEL 215 

typ us gapraf steins gefördert \ Es sei nur etwa des in der neuen 
sprachweit tonangebenden hauptworts galaubeins gedacht, hauseins 
(axor i genügte dem Stilgefühl des Übersetzers nicht für alle fälle, er 
sagte oder schrieb ebenso gern gahauseins 2 ; hraineins (xa&apwrfio*;) 
L 2, 22 > gahraineins 5, 14 Mc 1, 44; marzeins (cjeav&j&ov) G 5, 11 
> gamarzeins ß 9 33 (stain bistugqis jah hallu gamarzeinais) 14, 13 
{bistugg aippau gamarzein) K. 1, 23; dagegen ist timreins (oix.o8opr\) R 14, 
19 k 10, 8 (f&< timreinai jah ni du gataurpai) u. ö. vor gatimreins 
k 12, 19. 13, 10 (du gatimreinai jah ni du gataurpai) bevorzugt worden. 
In die richtige beleuchtung kommen diese lieblinge des Über- 
setzers 3 aber erst, wenn man sie nicht bloss den simplizien, sondern 
auch den ^'-stammen gegenüberstellt (garaihtei : garaihteins, hrainei : 
gahraineins, bleipei : gableipeins o. s. 210 f. bairhtei : gabairhteins t 1, 10) 4 
und berücksichtigt, dass die Wörter auch ganz anders gewählt und 
gesetzt werden konnten: aus Ixupitvsta wurde gabairhteins oder quffis 
(z. b. t 4, 8); ypa^r,, ypacpai oder vpixp-ftafa Hessen sich unter anderem 
durch mel darstellen (L 4, 21), der Übersetzer bevorzugte jedoch ga- 
meleins (z. b. J 7, 38. 42 vgl. 5, 47 : k 3, 7) und gab neben dem 
gemeinen ivasti einem ungewöhnlicheren gawaseins räum (ifiaTKr^o? vgl. 
z. b. L 9, 29. 7, 25). Wie gapraf steins mit gaplaihts, so wechselt faur 
gasatein fairlvaus (-po /.a-raßo)/?,: /.ow.o'j E 1, 4) mit faur gaskaft 
ftirknus (J 17, 24), gafreideins mit ganists E 1, 14', garaideins (Soyaa 
E 2, 1.5) H mit gagrefts ('gebot' L 2, 1), gamalteins mit disw/ss t 4, 6. 

1) Vgl. noch C 4, 11 Tiap^yopia; L 4, 19 acpeai; (: aflageins). 

2) m aZ&n ufhausidedun (uitrjxouaav) aiicaggeljon ; Esdias auh qipip ■' frauja 
/ras galaubida hauseinai unsarai {z% axo^j yjjjlcöv)? pannu galaubeins us gahauseinai, 
iji gahauseins (dxorj) pairli waurd Xrisbaus; akei qipa:ibai ni hausidedun 'nicht 
alle sind dem evangelium gehorsam gewurden; denn Esaias sagt ja bereits: herr, 
wer hat unserer predigt geglaubt? also der glaube (erwächst) aus der predigt und 
die predigt aus dem auftrag Christi; aber, sage ich, haben sie's etwa nicht zu 
hören bekommen? R 10, 16—18; uzu gahauseinai gataubeinais (iE, äxoyjc; Tzlazzoig) 
'aus dem hören der glaubensbotschaft' G 3, 2. 5. 

3) qinons in gafetdnai hrainjai . . . fetjandeins sik T 2, 9; gamaudein and- 
nimands . . . gamaudja puk t 1, 5 f.; usfodeins jah gaskadiveins T 6, 8; bi gawaleinai 
R 9, 11. 11, 28: gawaljan vgl. gawandjan : gauandeins (Skeir.). 

4) Ferner nfarfullei L 6, 45 : usfulleins R 13, 10 u. ö. 

5) wens naseinais . . . du gafreideinai gartistais Th 5, 9 ('heilsliofinung .. . um 
heil zu erlangen'). 

0) witodis garaideins R 9, 4 ; garaidjan K 16, 1; bi mitap garaideinais poei 
gamat unsis gup .[. . ni inu mitap hopandans in framapjaim arbaidim . . . appan 
wen habam . . . mihilnan bi garaideinai unsarai . . . ni in framapjaim arbaidim 
k 10, 13. 15-16: G 6, 16. Phl 3, 16. 

15* 



216 K ATI-TM ANN 

Vnn vergleich mit den altgermanischen dialekten ergibt eine 
Weitere zunähme jener rci-klasse durch den vorsprang vor dem suffix 
-//x(, dessen ausbreitung schon durch die Wucherungen der ^'-stamme 
bedroht war. Oot. wargifia (damnatio KaTaxpims k 3, 9) wird durch 
ein der altepischen dichtersprache angehörendes - ags. Wcergpu 
gestützt, während got. gawargeins k 7, 3 (eondemuatio) ein sonder- 
erzeugnis der bibel darstellt und nicht anders scheinen die unistände 
zu liegen bei dem wortpaar haunipa (and. hönda u. a.) und hauneins 
oder bei seinem korrelat hauhipa (ahd. höhida) und hanhein* (ahd- 
höht), nur dass hierbei das Zahlenverhältnis der belege sich umkehrt '. 

Unser Stilgefühl festigt sich, wenn wir die wortreihen verfolgen, 
die sich uns durch gaskaideins, usbloteins (s. 212 f.) angekündigt haben. 
Zu marzeins gehören gamarzeins und afmarzeins % , zu hauseins und 
gahausein* gesellen sich uf hauseins (v-ol-aot, k 7, 15) und vfarlwuseins 
(Trapy.y.or,) :i , wir finden hnaiweins — ufhnaiweins (Tx-dvc-jcn; - u-o-rayr,), fo- 
deins — usfodeins (xpoor, - o\aToooYi) 4 , fullo — usfulleins (-Xr.ocoy.x) '. lapons 
- uslauseins (^uxposic) 6 ; wists - ussateins 1 , taikn - ustaikneins (svrW/y.a 

1) in haunipai T 2, 11: in hauneinai C 2, 18. 23. 3, 12 vgl. E 4, 2. Phl 2, 3: 

hauhipa L 14, 10, J 17, 18: hauheins 8, 50. 54. 11, 4; das nominalabstraktum meripa 
(and. mdritha usw.) hat sich für cpVj^Tj 'gerücht' gut behauptet, aber für xTjpuyiia 
'predigt' haben die verbalabstrakta mereins und wailamereins s. 198 um sich gegriffen 
vgl. loeitwodipa : weitwodeins und neugebildete verbalabstrakta, die mit ,/<v»-verben 
Verbindung gehalten haben: swegnipa, pivastipa, ana- und inniujipa. 

2) afmarzeins (duäTTj) Mc 4, 19 E 4, 22 : afmarzjada axavSaXi^exai k 11. 29; 
gamarzjada M 11, 6: gamarzeins (axdvSaXov) B, 9, 33 u. ö. (hierzu Idg. forsch. 21, 
193 f.) vgl. inirp ushitops, uslutoda ?]7taTYj9-r) . . . dTiaxetaa T 2, 14. 

3) in ufhausedn Xristaus tiuhandan . . . fraweitan all ufarhanseino, pan us- 
fulljada izwara uf hauseins k 10, 5—6 vgl. Phm. 21 k 9, 13 (: T 3, 4); qino in 
haunipai galaisjai sik in allai ufhauseinai T 2, 11 ; ufhausjan &7taxoueiv M 8, 27 U. ü.; 
ufhausjands u7tY)xoos k 2, 9. Phl 2, 8: bnoza.oaö\i.e^o<; L 2, 51. — xfarmaudein . . . 
maudeip Skeir. 6. 

4) 'nahrung und kleidung' wird M 6, 25 durch fodeins jah waspjo's, T 6, 8 
»durch xsfodeins jah gaskadweins ausgedrückt; es wäre manieriert und gezwungen, 

wollte man das letztere wortpaar mit 'ernährung und bekleidung' übersetzen und 
dem Verfasser einen drang zur 'perfektivierung' jener substantiva zuschreiben 
(selbst Streitberg hat sowohl im fodeins als auch für usfodeins 'nahrung' angesetzt) ; 
hier kommt es auf die stilisierende funktion dieser Wortwahl an. 

5) usfulleins melis G 4, 4; usfulljada . . . usfulleins witodis R 13, 9—10; us- 
fulleinais »tele . . . usfulljan E 1, 10; fullo . . . usfu/ljandins 23; ei fullnaip du allai 
fullon gudis 3, 19. 

6) nslausems :faurbauhts E 4, 30 : 1, 7 C 1, 14. 

7) (iresun) uistai barna hatize wird E 2, 3 glossiert : ussatebiai urrngkai vgl. 
bropar . . . ussatjai barna Mc 12, 19. 



DEB sin. DBB GOTISCHEN BIBEL 217 

svost^t;) 1 ; usprößeins (yuf/.va<yia), uswalteins (piyfxa), ufs walle ins (wa'uoaiz)', 
itf'inndeins (o. s. 204). Es beharrte der Übersetzer aus anlass der Wort- 
wahl für griech. y-oa-y.nix nicht bei afstoss, sondern nahm afsateins auf 
und wechselte bei a<ps<ji; zwischen tf/fei! und aßageins; i-\\)zr>i: führte auf 
ahalageins, äp/r, oder y~y.oyi\ auf anastodeins ; dem gleichen trieb ent- 
sprossten andhideins {y.T.OY-.yXu'bic,), birodeins (yoyy'jaaoc). bisaideins (iv.oXmt- 
;/.c/:i. distaheins (<hac7vopa), inmaideins (avTaAXayu,a), frmvardeins (6Xs- 
ivpo;) 3 ; faurdomeins (ixply.ovj.y. ; afdomeins Skeir.), faurlageins (icpo^sGi;) ; 
B. o. s. 189 (kontrafakturen). Vollends die von der griech. vorläge ver- 
anlassten komposita frapjamarzeins, gilstrameleins i , hleprastakeim 
(s. 189) und die ebensowenig volkläufigen privafiva ungalanbeins 
(y-zi\)z\7., a-«rria)j unfreideins (acpsuMa), mikaureins (aßstpife), unwareins 
(y.yy.vy./~r,c;i:) lassen die gesteigerte Produktivität des ems-suffixes 
zweifelsfrei erscheinen. 

Wo Wulfila mit dem volkstümlichen und altüberkommenen sprach- 
gat der Westgoten schaltete und waltete, leitete ihn seine unverkenn- 
bare Vorliebe für a b 1 e i t u n g e n und Zusammensetzungen. Sein 
anliegen war, die liturgische klangwirkung durch vollformen von feier- 
licher breite akustisch zu verstärken. Es ist daher eines seiner stil- 
merkmale, dass ein simplex durch ein kompositum {bandi - naudibandi, 



1) ustaiknein . . . ustaiknjandans k 8, 24; mtaikneins fralustais Phl 1. 28; 
taikn garaihtaizos stauos th 1. 5; mtaikneins. . . ustaikneip Skeir. 5. 

2) propei puk . . . leikeina uspropeins T 4, 7—8. — itswalteiri . . . uswaltjan 
X 2, 14. 18 vgl. Mc 11, 15. Tit. 1, 11 (garditis uswaltjand): L 6, 49 [uswalteins pis 
rasnis). — nfswalleins -schwulst' k 12, 20 ('aufgeblähtheit') : ufblesada cpoaioOxat. 
K 13, 4 u. ö. 

3) Vgl. ■/.. b. afsatida . . . afstass M 5, 31-32 (: th 3. 2) ; afsatjan . . . af- 
sati ins Mc 10, 2. 4; du aflageinai frawaurhte Mc 1, 4: in afleta frawaurhte 
L 1, 77: du fraleta frawcmrhte 3, 3; afar analageinai handiwe T 4, 14 t 1,6; 
fram anastodeinai aiwis L 1, 70; af (fram) anastodeinai gaskaftais Mc 10, 6. 
18.19 i: fram frumtstin LI, 2; fram fmma J 15, 27 u. a. ; aftraanastodeins Skeir.); 
bi andhuleinai . . . andhulip ist E 3, 3. 5; birodeins . . . birodjan J 7, 12. 32 
vgl. k 12, 20. G 5, 20; af allapima bisauleino k 7, 1; in distahein piudo 
J 7. An: in frairarthiti jnh frühest T 6, 9 (: Th 5, 3. th 1, 9); wajamereins: 
anaqiss o. s. 196 f. 

4i sis silbin frapjamarzeins ist samöv eppsvarcata wird glossiert sik 
silban uslutonds ist (t 6, 3 vgl. lutondai cppsvanäxat Tit. 1, 10 (:frapjam zedg cppsoiv 
K 14. 20 > . . . gameljan . . . gilstrameleins . . . melidai . . . anameljan L 2, 1 5. 

5) Über die privativen ./aw-verba s. o. s. 195 f. unwereins k 7. 11: untoerjan 
Mc 10, 14. 41; kanrjan : leaurei k 4, 17: in allaim unkaureinom k 11. 9; freidjan: 
gafreideias Th 5, 9 : unfreideins h Geis ( ' 2. 23. 



218 KAUFMANN 

ßcfwfts - naudißaurfts) 1 , ein leichteres durch ein schwereres wört 
abgelöst wird ; den ton, den er einmal angesehlagen hat, lässt er ab- 
oder anschwellen (saikrip ei atsaikip Me 8. 15; salboda . . . gasalboda 
L 7, 46; bauhta . . . usbauhta 14, 18-19) 2 . Man ist neuerdings darauf 
aufmerksam geworden, dass der Wechsel zwischen kürzeren und längeren 
wortformen (uns : unsis Zfda. 54, 266 ff.) 3 nicht bloss die tonart be- 
einflusste, sondern auch mit dem rhythmus der liturgisch stilisierten 
spräche zusaimuenhieng. Und so gieng der Stilist mit seinen melodisch- 
rhythmischen interessen von oüvs zu ojiikdups oder zu der formel 
aiws dage*, von prutsfills (A£~po;) zu prutsfill habands, von ufjo zu 
häutigerem ufarassus [xifär fila k 1, 5) über 5 . Eine grammatische 
erklärung versagt, wenn wir L 4, 34 lesen: let, ha uns jah pus f 
lesu Nazorenu? qamt fraqistjan unsis? (M 8, 29); grammatische 
rücksichten oder vielmehr rücksichten auf den gemeinen Sprachgebrauch 
dürften es gewesen sein, die den Übersetzer gar nicht selten bestimm- 
ten, jenem künstlerischen drang nicht zu gehorchen (M 8, 31) und 
jenen satz zwar in der vielleicht ihn ästhetisch weniger befriedigenden 
aber grammatisch um so korrekteren fassung seiner bibel einzuver- 
leiben: j redet, ha uns jah pus, Jesu Nazorenai? qamt fraqistjan uns? 
(Mc 1, 24) 6 . Für das schwanken zwischen unsis und uns wird mau 

1) tains ; weinatains J 15, 2. 4. 5. 6; Kluge, Nominale stamuibilduug'.slehie 
§ 128b; dazu Ks. Zs. 42, 323 ff. Es gibt auch entsprechende verbale typen (wil- 
iraii . . . distirilwan Mc 3, 27; dxoXoofretv > laistjan M 8, 19: afargagyan 23: afar- 
laistjan 10 {laistjan afar ... M 9, 9: gaggan afar ... 9. 19] u. ö. vgl. T 4, 6. 5. 10. 24). 

2) Vgl. die Steigerung: armaio : armaio : artnahairtipa M 6, 2—4; doch findet 
sich auch die u in k e h r u n g ßiiij>eigs- piupeigs: piap L 5, 45 (dreiklang o. 8. 78); 
ebenso verhalten sich daupida-ufdaupidamma L 3, 21 zu ufdawpidai-davpidai 7. 29—30. 

3) Vgl. z. b. C 4, 3 tli 3, 6-7 L 1, 1-2. 

4) M 6, 13 L 1, 33 J 6, 51. 8, 35. 51-52 usw. (te enuandage Hei. 1324. 
1329 u. ö); fairguni fiatei haitada alewjo . . .fairguni alewaha gme L 19. 29. 37; 
hierfür darf man sich vielleicht auf die Variation der altgermanischen epik berufen 
(and. wer : werodf werold; heri : heriskepi ; folc : druhtfolc, liudfolc; helithos : heliih- 
eunni; mau : nianciuitti, inninman; theod : irmintheod, »tegintheod). 

5) Zeitschr. 5, 323 vgl. k 3, 9. 4, 15. 9, 1. 8 E 3, 19 usw.; managizo (amplius, 
abundantius) M 5, 20. 37: managdups k 8, 2; vgl. parba, gaidw, wanains : wani- 
nassus K 1H, 17; /.. b. in pamma nu mela izwar ufarassus du jainaize parbom ei 
jah jainaizi ufarassus icairßai du izwaraim parbom ei wairpai ibnassus k 8. 14; 
ni Patainei usfull jando gaidira . . . ah- jah ufarassjando 9, 12; ufarassus . . . wani- 
nassus Th 3, 10. 

6) So beurteile ich auch die Varianten der handschriften (k 1, 21. 5, 5. 12. 
18. E 1, 4. 3, 20); wem die Währung des stilistisch wirksamen am herzen liegt, 
dem wird die wähl zwischen den beiden lesarten nicht schwer fallen. Gewiss nicht 
zufällig kommt im Johannesevangelium nur unsis vor (z. b. 14, 8. 9. 22. 18. 31). 



DER STIL DER GOTISCHEN BIBEL 219 

die Verschiedenheit der betonung 1 , aber auch z. b. die balanz mit 
izuis in anschlag bringen (appan nu at qimandin Teimaupaiu at 
unsis 2 fram izivis jah gateihandin uns yalaubein Th 3, 6) und stets 
wird die Vermutung sich rechtfertigen, dass der meister über den ihm 
vom gemeinen Sprachgebrauch gezogenen rahmen hinaus, um der litur- 
gischen Stilisierung willen, archaischer oder moderner vollibrmen im 
Wechsel mit ausdrucksloseren kurzformen sich bediente (hrainjam unsis 
af allamma bisauleino leikis k 7, 1; qimandam unsis 5; nih frauja 
Sabaop bilipi unsis fraiwa R 9, 29 u. a.) 3 , um, abgesehen von der 
rhetorischen absieht rein aus dem Sprechtakt der wortmelodie heraus 
eine akustische Steigerung zu erzielen 4 . 

M 7, 17-19 war griech. aya&o? mehrmals zu übersetzen: 
swa all bagme godaize akrana goda gatauji^) 

ip sa ubila bagms akrana ubila gataujip 
ni mag bagms piupeigs akrana ubila gataujan 

nih bagms ubils akrana piupeiga gataujan 
all bagme ni taujandane akran god usmaitada 
vgl. ni auk ist bagms gods taujands akran ubil 

nih ])an bagms ubils taujands akran god . . . 
piupeigs manna us J>iup ei gamma huzda 5 hairtins seinis usbairid 

piup L 6, 43. 45. 
Diese liturgische tonart wird man auch bei der frage und antwort : 
laisari piupeiga, ^a taujands libainais aiweinons arbja wairbau?. . . 

1v2l mik qipis piupeigana? 

ni ainshun [»iu^eigs niba ains gu|) L 18, 18-19; Mc 10, 17-18 
nicht überhören können. Auf die klangverschiedenheit muss auch 
hingewiesen werden, wo der Übersetzer seiner gewohnheit gemäss 
durch 'wechsel im ausdruck' das feierlichere wort dein neutraleren 
vorklingen liess: 

1) unte ni gadaursum domjan unsis s'dbans aippuu g adomjan uns du 
paim sik sdbans anaßlhandam k 10, 12 vgl. 13—14; als proklitikon oder enklitikon 
kam wohl unsis überhaupt nicht in frage, hat vermutlich nur uns gedient [foar ist 
sigis Pein, halja? . . . guda awiliup izei gaf unsis sigis K 15, 55. 57). 

2) undnemnp at uns Th 4, 1 ; vgl. Zfda. 54, 473 ( 'rhythmisch potenzierend'). 

3) sa urraisjands fraujan Jesu jah unsis pairh Jesu nrraiseip jah fauru- 
gasatßP mip izwis k 4, 14; vgl. J 10, 24-25. L 10, 11. Mc 10, 3-5; wileima <i 
Patei pnüc bidos taujais ngkis , . . ha wileits tau/an mik ig<]is? . . -fragil' ugkis 
Mc 10, 35-37 vgl. M 9, 27. 29. 

4) Ich habe dabei auch fälle wie ragin (otxov&fjüa) C 1, 25: fauragaggi E 3, 2 
T)der silubreinaize ; silubram : skattans M 27, 3. 5. 6. 9 im äuge. 

5) huzda fehlt in Streitbergs ausgäbe hinter us nbilannna 45. 



820 KAI KF.MANN 

;i|)|i;m im swe|>auh witop weihata 

jah anabusns weiha jah garaihta jah piupeiga 
|>ata im piupeigb war]) rais daupus? nissijai! ak frawaurlits 

ei uskunpa waurju frawaurlits pairh pata piupeigo mis ga- 

waüfkjandei daufm . . . 
gaqiss im witoda patei god . . . 

wait auk patei ni hauip in mis . . [j i u ]j . . g<>]> . . R 7, 12 13. 16-19. 
piüs oder magus (L 1»>, 13. 15, 26) fanden ihren liturgischen ersatz in 
piumagus (L 1, 54. 6ft vgl. 7, 7; ahd. kind:thegankind Tatian), dem 
liturgischen hedürfnis zu lieb wurde ciudaga (L 1, 45. 48) beim Ave 
Maria (o. s. 39 f.) zu anstai audahofta gesteigert (Zeitschr. 5, 304 f.); 
statt falls (in der bedeutung tsasio: E 4, 13) lieber fuliatojis M 5, 48 
uder fullaweis K 14. 20 oder fullawita C 1, 28, allawaurstwa {jah 
fuüawita) 4, 12 oder wenigstens nstauhans K 13, 10 (igamanwids 
L 6, 40) geschrieben, frbps (swippwv) wechselt mit andapähis und so 
schien auch ein schlicht volkstümliches wod* für $&tkövu?d-£tc oder 
&ai|/.ovi£6[/.svo; (Mc 5, 15 18) nicht zu genügen, wenn an seiner stelle nicht 
nur daimonareis (o. s. 199), sondern auch unhulpon habands J 10, 20 21 
(: ags. ivud J 8, 48. 49. 52) und aus demselben bedürfnis heraus wt- 
hulpo statt skohd (LS. 27 ff.) bevorzugt wurde; in gleichem Verhältnis 
stehen unleps : parfs 12, 5. 6. 8: unhaili : ubü M 9, 12. Mc 2, 17; 
unsuii : drobna k 6, 5. 12, 20 oder unselei (inwindipa) : skapis t 2, 15) 
K 13, 6 k 12, 13 (aSiJtia). Nur aus der verliebe des liturgikers für die 
vollform wird man gudhus J 18, 20 (i'cUhs) 1 , anaqäl!Sh 4, LI (': rimis), 
atapni .1 18, 13 (: apn), awiliup K 15, 57 u. ö. (: pagk), anabusns 
K 7, 25 {: haiti 6), andahafU K 9, 3 (: sunjons k 7, 11), andanahti 
Mc 15, 42 (iseipus M 27, 57), andqwizn Phl 4, 16 (ijpaurfts 2, 25), 
andawleizn M 26, 67 (: wlits Mc 14, 65) 2 , andwairpiU 6, 16 {-.lud ja 17) 
abzuleiten vermögen. 

In diese kategorie der Wortwahl fügen die verbal abstrak ta 
sich ein, die den aufschwung der Vortragsweise vergegenwärtigen, wenn 
man die ihrer ableitungen wegen uns interessierenden Wortpaare pu- 
lains : usputains, fullo : usfulleins, lists : uswand/' 3 , wahstus : uswahts, 
wrohs : usqiss; wists : gabaurps, älds : gabaurps, hugs : gahugds, kustus : 



1) motu : motastaßa M 9, 9 Mc 2, 14. L 5, 27; arbja : urbinnmju G 3, 29. 4, 1; 
piube : waidedjane L 19, 46. Mc 11. 17. 

2) Für k 3, 7 ff. verweise ich auf o. s. 31 f.. 

3) wipra listins (|i.e9-o8siag) diabulaus E 6, 11: du listeigon ustvandjai 4, 14. 



DEl! STIL DEB GOTISCHEN BIBEL 221 

gakusis, naseins : ganists 1 ; frifons :<}afrijons, ragin C 2, 14: garaideins 
E 2, 15, qums bropaveia T 6, 14: gabairhteins t 1, 10 (: 4, 1.8) um 
ihrer kompositionsform willen versammelt. Die verba bieten ein 
noch stärker bewegtes bild 2 . 

Bei der Wiederholung erfolgt ihre Verstärkung durch komposition: 
horinos . . . gahorinoda M 5, 27-28; huljal . . . gahidjai K 11, G: wilwan 
. . . diswilwai Mc 3, 27 ; bairais . . . atgqggands atbair M 5, 23—24 ; 
taitok . . atdriusandel . . attaitok L 8, 46-47 : pliuhip . . af pliuhip J 10, 
12 -13: wairpan .-. . afwairpan J 10, 31. 11, 8; der dreiklang machte 
dabei wieder seine rechte geltend : ik lagja . . . ik lagja . . . waldufhi 
haba aflagjan J 10, 17-18: qam raihtis Johanne* ruh matjands nih 
drigkands . . . qam sa sunus mans matjands jah drigkands . . . manna 
afetja jah afdrugkja M 11, 18-19 L 7, 33-34 (: etun jah ärugkun 
17. 27-28: drugkans : afdrugkja K 1, 21. 5, 11: anadrigkan E 5, 18); 
matjau . . . matja jah drigka . . . yamatjis jah gadrigkais L 17, 8. Der 
Gote geht den einfachen verben durchaus nicht aus dem weg 3 , ist 
aber geneigt, dem rhythmus und der melodie zu liebe griechische 
simplicia durch gotische komposita stärker zu betonen {daupida alla 
managein jah at Iesuä ufdaupidamma L 3, 31; jabai nshauha da 
af alrpai alla atpinsa dti mis J 12, 32). 

Dieser drang, das volumen der Wörter in der dimension der 
breite zu strecken, setzt sich bei dem gebrauch mehrfacher Zusammen- 
setzungen fort, zu denen der griech. bibeltext keine unmittelbare ver- 
anlassung gegeben zu haben scheint 4 . M 9, 31-32 stossen wir auf 

1) Z. h. patei ist im ustaikneins fralustais ip izwis ganistais Phl 1. 28. 

2) galeipan hindar marein . . . ip is saislep (ixd&s'jSev) M 8, 18. 24: galei- 
Pam hindar pana marisaiw . . . anasaislep (dcprjnvtüaevj . . . anaslawaidfrdun 
(&Tzcc<joccrto) L 8, 22—24: gaslawai (aieöjta) r . . anasilaida (sxÖ7tao£v) Mc 4. 3(1; 
insandidedun la u sa na . . . bliggwandans . . . gawundandans . . . aistand L 20, 11—13: 
laushandjan . . . haubip imndan . . . usbliggwandans . . . gaaistand Mc 12, 3—6; full- 
Hi nds . . . lagjands M 27. 48: gafuUjands . . . galagjands Mc 15. 36; nimand Mc 4. 16: 
andnimand L 8. 13; holon 3, 14: afholon 19, 8. 

3) \agei pana hairu in fodr; stikl paiifi gaf mis atta, niu drigkau pana? 
•I ltt, 11 vgl. dagegen: ahma fraujins ana mis in pi~ei gasalboda mik du waila- 
merjan unledaim insandida mik du ganasjan pans gamalundans hairtin merjan 
frahunpanaim fralet jah blindaim sinn fraletan gamaidans in gaprafstein merjan 
jer fraujins andanem L 4, 18—19; grdban ni mag-; bidjan skama mik : andpahtd 
mik iru taujau eipan i>ip<' afsatjaidau us fauragaggja andnimaina mik 16, 3—4. 

4) Gegenbeispiele sind usfulljando 7ipoaava7rXy)pouaa k ( J, 12; usfullidedun 
11. 9: usfullja dvxavau^.yjpö) (' 1, 24; fraqam TiposavaXwaaoa L 8. 43 [:fräqitnäi 
dvaXtöoai 9, ö4): usgagg TtpoaaväßrjfVt 14. 10. 



'222 KAUFKMANN 

sEe^HovTi; . . iispyof/ivf.jv usgaggandans . . . ut usiddjedun (vgl. Mc. 11, 
19); es bediente sich der Übersetzer der trennbaren verbalkomposita 
perfektiver aktionsart, Hess aber zusammenrückungen durativer funktion 
mit ihnen wechseln: usgaggandans . . . innatgaggandans M 27, 53 
L 14, 23; atgaggandin in gard . . . innatiddja 7, 44-45 (: Mc 5, 38-39); 
(ludtgoggan M 8, 5. 19, 25: atgaggan du L 8, 44 usw.; mit atberun 
du imma (. . . ßai/u bairandam ut : utbauran L 7, 12) Mc 10, 13 hat 
man innatbereina (si<7£veyx£lv) L 5, 18-19 zu verbinden 1 und innäis 
gagggndun imma . . . iluatiddja imma M 8, 5; duatsnitaun 7rpocü)p(jt.ujBT0<y«v 
Mc 6, 53; bimiwan Th 4, 15: faursniwan Mc 14, 8, faura faur- 
sniwan -poayeiv T 1, 18 faurbisniwan 5, 24 = faurbigaggan Mc 10, 32. 
16, 7; bairan . . . innatbuivan L 5, 18-19 zu vergleichen 2 . 

Eine besondere bewandtnis hat es aber mit den us- und ga* 
kompositis 3 : 
andbahtos hropidedun qipandans ushramei ushramei ina 

qap im Peilatus nimip ina jus jah hramji[> .1 19, 6 (acaupo^ov 

... cTaMGoj'77.Ts) 4 ; 

^/arjizub in laponai pizaiei lapops was in Jnzai sijai 
skalks galapops wast . . . 

saei auk in fraujin haitans ist skalks . . . saei f'reis haitada . . . 

/^arjizuh in pammei at lapops was . . . 

gastandai at guda K 7, 20-24 (£'/.lr l i)r l , /.at,9-£i;). 

Dass hier stilistische und rhythmische gründe - und sei es auch 
nur der 'wechsel im ausdruck' oder die 'Steigerung' oder der 'drei- 

1) ut bad ina L 15, 28; atgaggauds inn siaeX&cbv Mi), 25; saei inn >ii at- 
gaggip J 10, 1 vgl. Mc 6, 22 K 15, 43; insaifrands iup dvaßXs^ag L 19. 5 (laUddja 
a/tra ut sgfjXfrsv rcäXtv I£co J 19, 4; uswairpada utl2, 31); usgaggands ut igsXfrwv 
18, 4 vgl. 16 (L 15, 28 Mc 1, 25); atiddja ut sgrjXfrsv 29; mip rii qam 6, 22 {ob 
a'jvctofjXO-sv) : miprodidedun imma (ouvsXäXouv a.i)xu>). mipstandandaus imma L 9,30. 
32 vgl. o. s. 191; duatiddja 7tpoaYjX9-£v M 26, 69: atgaggandans TrpoasXÖHvTss 73; 
duatrinnan Mc 10, 17: durinnan M 8. 2 Mc 9, 15; gaggip . . . in panci garde inn- 
gaggaip . . . in poei baurge gaggaip . . . in poei baurge inngaggaip . . . usgaggandans 
L 8, 3. 5. 8. 10; atuppangaggand inn . . . innatgaggai K 14, 23; attaüh inn slaVj- 
yayev J 18, 16: innattauhun L 2, 27 (vgl. bi innatgahtai 1, 29). 

2) Betreifs der Stilisierung sind weiterhin auch die ausführungen Delbrücks, 
Beitr. 36, 359 ft'. zu berücksichtigen. 

3) Vgl. z. b. uspmjieins du allamma ist bruks, i\> gagudei du fawamma ist 
bruks T 4, 8. 

4) 'ataupiüoas ushramjands Mc 15, 24 das einzige part. praes. des perfectivs» 
Beitr. 15, 169; vgl. das echte perfektiv ushaihah sik ä7ty,Y£axo M 27, 5 (im Ver- 
hältnis zu usha/jands : ha/ans Mc 2, 12. 3), usfaifraisai izivis sa fraisandsTh 3, 5; 
usmanagnoda . . . managnip . . . managnaip k 8, 2. 7. 



ÖER STIL DER GOTISCHEN BIBEL 223 

klang' (o. s. 78. 218) 1 - mitspielen, hätte nie verkannt und eine einseitig 
grammatische erklärung, die zu gewaltsamkeiten führt, uns erspart 
werden sollen*). 

Ich halte dafür, dass die verba von den entsprechenden nomi- 
nalen Zusammensetzungen nicht getrennt, und dass ein formenpaar 
wie lapops : galapops, beidands laponais : usbeidands lapon L 2, 25. 38 
oder usbliggwandans : bliggwandans 20, 10-11 oder ein gefüge wie 
alepva haubid meinata ni salbodes ip si balsnna gasalboda fotuns meinäns 
L 7, 46 zunächst nicht anders beurteilt werden dürfe als die Variante 
runa : garuni M 27, 1 oder juk(rt) auhsne L 14, 19: gajuk hraiwadu- 
bono 2, 24, wobei die Sinnesverschiedenheit hinter der formalen Ver- 
schiedenheit verschwindet und vermutlich der rhythmus das einemal 
für die kurz-, das anderemal für die vollform den ausschlag gab. 
Unter diesem gesichtspunkt beurteile ich die selbst von Streitberg in 
ihrer Wortbedeutung nicht unterschiedenen paare hauseins - gahauseins. 
hraineins — gahraineinx, marzeins — gamarzeins, timreins — g'atimreins, 
praf steins ('tröstung') - gapjro fsteins ('trost'); frijons - gafrijons, mitons 
- yamitons. Im allgemeinen bevorzugt der Übersetzer die vollformen -, 
sonst mag, wo nicht Wechsel im ausdruck vorliegt ; , für die Wortwahl 
die griech. vorläge (gamitons Wvoia E 2, 3) verantwortlich sein 4 , aber 
wenn Th 5, 26 auf das kolon goljaip bropruns allans das koinma 
folgt in gafrijonai ivei/iar'. während sonst die schwerer gefüllten kola 
auf in frijonai weihai ausgehen (K 16, 20. k 13, 12). kann die Inter- 
pretation kaum zweifelhaft sein. Man halte die konnnata du gatim- 
reinai ( jah ni du gataurjrai) k 13, 10, in izwaraizos gatimreinais k 12, 19 
gegen k 10, 8 R 14, 19 K 14, 26. T1,4B u. a. oder (bistugq broj>r) 
aippau gamarzein R 14, 13; jah hallu gamarzeinais 9, 33; Judaiwn 

1) pwahan — afpwoh — afpwahan : bipu-ahands J 9, 7—11 (: afpivoh 15). 

2) hraineins L 2, 22: gahraineins 5, 14. Mc 1. 44; das simplex fehlt für 
gafeteins, gafreideins, galaubeins, gamalteins, gamaudeins, gameleins, garaidein$, gasa- 
teins, gaskadweins, gaskaideins, gawaleins, gawargeins, gawaseins, gdhobains, gnhei- 
lains, gafripons. 

3) pairh pnluin jah gapraf stein boko . . . gup pulainais jah praf steinais 
R 15, 4— 5 (wahrscheinlich latein. koutrafaktur) ; hnas galaubida hauseinai wnsarai 
(= J 12, 38) pannu galaubeins US gahauseinai ip gahuuseins pairh waurd 
Xristans akei </ipa ibai ni hausidedun R 1<I 5 16—18. 

4) Vgl. mitons (loy\.a\i,6<z) k 10, 5; formelhaft klingt wissuh mitonim ig* 
L 6, 8; ufkunnands mitonins ize 5, 22 (SiaXoYiajioüg) vgl. 9, 46—47; uritands lesus 
/os in iton i n s (evS-uu-rjaeig) ize qap duhe jus w i t op (evfrufislad's) ubila M 9. 4 : 
n\itoneis nbilos Mc 7, 21; du tueifleinai mitone (SiaXoyiajitbv) R 14, 1. 

5) Vgl. gaslawai afdumbn Mc 4, 39. 

*) Vgl. jetzt PBBeitr. 43, 446 ff. [korrekturnote]. 



224 KAIIHMANN 

gamarzein K 1. 23 gegen ftannu gaUmran ist marzeins galgins 
i; .-). u. 

Unverkennbar sind die Wirkungen des mit dem gesetz der Wieder- 
holung innerlichst verbundenen bestrebens, benachbarte nomina und 
verba rhythmisch miteinander ins gleichgewicht zu setzen: galaubeins 
tts gahauseinai R 10, 17 G 3, 2-6 \ Unter ihnen nehmen einige eine 
ansnahmestellung ein. Was die nomina betrifft, so kehrt naseins ebenso 
ständig wieder wie galaubeins. Während dies wort an galaubfUn 
einen festen halt besitzt, haften nasjands und naseins an nasjan; 
beide haben trotz ganasjan keine Zusammensetzung erfahren 2 . Die 
yollform zu naseins ist ganists (: ganisan), nicht *ganaseins. Daraus 
foigt, dass in dem Verhältnis von naseins zu ganists ein älterer 
sprachzustand fortdauert, der durch die Wucherungen des typus gahau- 
seins galaubeins usw. verdeckt wurde. Also auch das vollverbuni 
ganasjan wird man. was die Selbständigkeit seines paradiginas 
betrifft, als ein jüngeres produkt anzusprechen haben: denn wäre 
ganasjan so alt wie ganisan, so wäre das fehlen von *ganasjands und 
'■ ja naseins unbegreiflich. Zur zeit der gotischen bibel war ga- noch 
nicht fest mit dem verbum verwachsen, sondern beweglich 3 ; zu nasjan 
lautete das praet. ganasida*, und diesem älteren Wechsel scheint das 
selbständig gewordene paradigma ganasjan, ganasida usw. das 

1) ataugei . . . atbair M 8. 4. Mc 1. 44. L 5. 14; gahausjandei . . . atgaygan~ 
äei . . . attaüok Mc 8, 27. 

2) Wie galaubeins mit gahauseins, gahraineins usw., so hängt naseins mit 
hauseins, hraineins usw. zusammen und wird durch balweins. daupeins, daupeins, 
fodeins, goleins, hauheins, hazeins, hnaiweins, laiseins, map/eins, mereins, naiteins, 
muhst ins, tfistpins, skeireins, sokeins, talzeins, tireifleins, piupeins gestützt; obwohl 
sokjan und gasokjan, hnaiwjan und gahnaiwjan u. a. belegt sind, sind die mit ga- 
znsammengesetzten verbalabstrakta ausgeblieben. 

3) gu-n-ha-sph'i . . . uäsaihrands (jap gasaika nians Mc 8, 23—24; gasaihtandei 
. . . in&aifrandei Mc 14, 67. 

4) nasida wird streng gemieden (Beitr. 15, 157); den älteren zustand stellt. 
ganasida . . , ganas M 9, 22 usw. dar. Mit anparans ganasida ip 8ik silban ni mag 
ganasjan Mc 15,31 gehört zusammen ni qatn saiwalom qistjan al- nasjan L 9, 56 
{'hier ist das simplex gebraucht, weil rhythmischer parallelismus beabsichtigt war', 
tiroeper a. a. o. s. 53j; saiwala nasjan aippau usqistjan Mc 3, 4. Von hier schreitet 
die entwicklung vor: saiwala ganasjan Pan usqistjan L 6, 9; saei wili saiwala 
seina nasjan fraqisteip izai, appan saei fraqisteip saiwalai seinai in meina ganas- 
j ip pn 9, 24; saei sokeip saiwala seina ganas ja n ... 17, 33 Mc 8, 35. Vgl. h>as 
mik läuseip us pannna leika danpaus pis R 7, 24; izei us swaleikaim dan/nm uns 
galaustda jah galauseip k 1, 10: waurhja . . . gawaurhjan R 7, 18—20; gaarma 
panei arma jah gableipja panei bleipja 9, 15; wenjaima . . . gawenja (urco/.a|j.ߣvü)) 
L 7. 19. 43: marzjai . . . gamarzjai Mc 9, 42—47. 



DER STIL DER GOTISCHEN BIBEL 225 

dasein zu verdanken. Bei den doubletten nasjan ganasjan und 
hauseins - gahouseins wird man ausser der Verschiedenheit der aktions- 
art und des tempus, die sich doch schwerlich auf die substantiva 
Übertragern lassen, und ausser den rhythmisch-melodischen faktoren 
auch die Verschiedenheit der zeitfarbe, die chronologische differenz 
berücksichtigen, auf seiten der simplicia wird man eine archaische 
färbung der spräche anerkennen müssen, ganasjan ist zum unter- 
schied von ganisan und von nasjan das modernere wort und will nach 
seinem gefühlswert etwa so eingeschätzt sein wie die in der lateinischen 
bibel entsprechende neubildung saluare \ Ein älterer volkstümlicher 
und ein jüngerer literarischer sprachausdruck (sprachstil) beschäftigte 
die sprachphantasie des gotischen bibelübersetzers. 

Er war nicht gesonnen, die altheimischen verbalabstrakta gegen 
neologismen zu schützen 2 . Daran sind nun wiederum die jan-\erba 
beteiligt 1 . Die zunähme ihrer us- und ^«-komposita - in der tat 
nicht bloss ein sprachgeschichtliches, sondern auch ein stilgeschicht- 
liches phänomen vertieft den eindruck, den wir durch andere die 
spräche der Westgoten modernisierende bestrebungen des Übersetzers 

1) Wölfflin, Sitzungsber. d. philol.-hist. und hist. kl. d. bayr. akad. d. wissensch. 
1893. 263 ff. (saluare et saluator non fuemnt haec latina Augustinus, Sermon. 299. 6). 

2) Wie der Übersetzer für oojxTjpia neben ganists ein (älteres) naseins (R 10, 
1. 9 Th 5, 8. 9) und (jüngeres) gafreideins (E 1, 13—14) oder für ßXaocpyjum neben 
anaqiss ein (älteres) naiteins (L 5, 21 u. ö.) und (jüngeres) wajamereins (M 26, 65 u. ö.) 
zuliess, so gebrauchte, er für oXs&pog sowohl fralusts als auch qisteins und frawar- 
deins (fratvardein jah fralust T 6, 9) vgl. gaplaihts neben Prüfsteins und gapraf- 
steins (■Kcupä.y.Xriaig k 1, 4—5 R 15, 4—5); wists wurde durch ussoteins glossiert 
(E 2, 3), faurbauhts durch uslauseins (dnoXütpcüatg E 1, 7. 14. 4, 30) abgelöst. 
Sonst wären noch aufzuführen : einerseits fralet, aßet — aflageins, afstass — afsateins, 
ufarskafts — anastodeins, qums — gabairhteins, hliuma — gahouseins, gagrefts — garai- 
deins, gahugds — gamitons, andererseits bida — aihtrons, andahafts — stinjotis, pärba — 
wanains. Es ist hier auch der reihe aiwlaugia — wailaqiss — piupe'ms (o. s. 214. 
217) zu gedenken. 

3) Die Wörterbücher haben wohl allzu freigebig ga- komposita angesetzt und 
dadurcb den mobilen charakter des praefixes verdeckt; aus meljah i gamelida ergibt 
sich noch kein gameljan (Beitr. 15, 150: im praes. ist das 'compositum' gar nicht 
belegt) und ebenso wenig ein gamikiljan aus gamikilida L 1, 58: miküeid 46: 
miküids 4, 15; mikilids 4,15; mikiljands . . . nitkiUdedun 5, 25—26; vgl. lansjan: 
galausips K 7, 27; taujan : gatatvida R 9, 20-21. J 13, 15. L 17, 10. 6, 2-3. Mc 2, 
24—25; hnaiiveip : gahnaiwjada L 18, 14 u. a. Wenn nur die part. praet. gagatilop 
und gagahaftip vorkommen (E 12, 21. 4, 16), wird man mit gatilon und gahafljan, 
für ganawistrqps K 15, 4 (vgl. C. 2, 12) wird man mit natcistron und für einmaliges 
gadiupida L 6, 48 wird man mit diupjan sich begnügen (tiatjan . . . ganatida L 7. 
38. 44; gamatidedun . . . matjandans Mc 8, 8—9). 



226 KAUFFMAHN 

empfangen. F>r gehorchte dem Stilgesetz der Variation, wenn er für 
griech. nroisSv got. taujan oder waurkjan verwendete 1 ; die ihm geläu- 
figen präteritalformen sind aber nicht tawida oder ivaurhta, sondern 
gatateida odei gawaurhta' 1 . Bekundete er möglicherweise schon damit 
seinen Stilwillen 3 , so förderte er die fortschritte des got. Sprach- 
gebrauchs, wenn er auch ausserhalb der präterita im präsens und 
im infinitiv zu gataujan und gawaurkjan gelangte 4 , bei den verbal- 
abstraktis und bei der verbalflexion den Wechsel zwischen simplex 
und ga- (oder us-) komposition zu gunsten der letzteren vereinfachte. 
Rhythmisch und stilistisch will es nachempfunden sein 5 , was der 
Übersetzer ausdrückte, wenn er dem herkommen folgte (so manaseps 
puk ni ufkunpa, ip ik puk kunpa, jah pai ufkunpedun patei pu mik 
iftsandides J 17, 25; gakannida' im namo peinata jah kann ja J 17, 26 6 ) 
oder aber von ihm abwich [kanneip izwis allata E 6, 21 : all gakanneip 

1) Weder von npdaaeiv noch von Ipyd^saO-at. usw. ist hier die rede (vgl. z. b. 
K 11, 24-25: R 7, 8. 13 ff. ; E 3, 20). 

2) waurhta erscheint G 2, 8 (: 3, 5) als randglosse für waurstweig gatawida 
(EvepyYjaas), ferner R 7, 5; gawaurhta E 1, 20 (waurkjandins 11; .waurkjands 
Ttoioüfievoc; 16) ; für den aor. oder das imperf. von uotetv ist waurhta überhaupt 
nicht belegbar (\ gawaurhta J 9, 6. 11. 14 usw.: waurkjais . . . gawaurhta L 14, 
12. 13. 16); tmnda M 25, 40. 45 J 8, 39. 40. L 2, 27. 6, 23. 26. 8, 8. k 11, 7 
vgl. ei swaswe ik gatatvida izwis, swa jus taujaip J 13, 15; /o« taujaip . . .patei 
skuldedum taujan gatawiäedum L 17, 10 (Beitr. 15, 155 f.). 

3) Ein sehr schöner beleg ist das neben sandjan sich vordrängende insandjan. 
Wiihrend im allgemeinen jenes griech. rcsurceiv. dieses griech. d7ioaxeXXei.v entspricht 
(L 20, 10—13), breitet sich insandjan auch für 7t£u.neiv auf kosten von sandjan 
erheblich aus (vgl. z. b. J 13, 20. 15, 26. M 11, 2 Mc 5, 12 L 4, 26. 1, 6. 10. 19 
R 8, 3. Phl 2, 28. 4, 16. E 6, 22. C 4, 8. Th 3, 2. 5) ; atnebjan könnte unter dem 
i'ihfluss von adprqpinguare die wähl von nehjan (L 15, 1 : 10, 9. 11. Mc 1, 15. 14, 
42. R 13, 12 Phl 2, 30) behindert haben. 

4) In den evangelien erscheint gawaurkjan nur Mc 9, 5 L 9, 14. 33. 50, 
gataujan statt des weit häufigeren taujan Mc 1, 17. 4, 32. 6, 5 J 11, 37. 12, 37. 
14, 23. L 15, 19. 5, 34 M 5, 36 vgl. z. b.: 

all bagme godaize akrana goda gataujib 

ib sa ubila bagms akrana ubila gataujib 
ni mag bagms büibeigs akrana ubila gataujan 

nih bagms ubils akrana piupeiga gataujan 

all bagme ni taujandane akran god . . . 

sa taujands wiljan attins meinis M 7, 17—21. 

5) k 1, 13—14: nnte ni alja meljam izivis, alja poei anaknnnaip (dvatyivwaxeTe) 
aippau jah ufkunnaip (iTnyivwaxeTs) appan wenja ei und andi ufkwhnaip (e7UY v ü )CT£a *)' s ) 
swaswe gakunnaidedup uns (kTLifviiyze); ustaücnjan . . . uskannjan (kund tun) . . . 
usbeidands . . . g akanni dedi (kund tun wollte) R 9, 22—23. 

6) E 1, 9 (kannjan): 3, 3 (gakannida): 10 (ei kannip wesi). 



DER STIL DER (ionsi HEN BIBEL 227 

mvü . . . all izwis gakannjand C 4. 7. 9: gakannjan 1. 27: nasjan — 
fianasjan ü. a. <>. s. 224 f.). 

Es herrscht ja auch über die stilistische funktion des </r/-praefixes 
keine meinungsverschiedenheit ', denn es wollte nicht gelingen, eineü 
nennenswerten grammatischen unterschied zwischen skoß (C 3, 25) und 
<jn.<kop (G 4, 12; Beitr. 15. 158) s oder zwischen supuda (Me 9, 50) 
und gasupoda (L 14, 34: Beitr. 15, 125. 127; Tdg. forsch. 21, 195 f.) 
aufzudecken. Die behauptung 'hier liegt unzweifelhaft eine Verderbnis 
vor' hat das Verständnis der stellen keinesfalls erleichtert"'. 

1) "Zuweilen scheint nur der rhetorischen oder metrischen Symmetrie wegen 
ein verbura mit ye- einem andern äusserlich nachgebildet zu werden' Ks. Zs. 14, 127 
■vgl. die änderung beruht jedenfalls auf stilistischen gründen' Beitr. 15. 165; 'der 
Wechsel kann zur Vermeidung der eintönigkeit beabsichtigt sein' s. 158; 'jedenfalls 
um des Wortspiels willen ist ga- weggelassen' s. 156; 'formale rücksichten' s. 128. 

Elienso wenig herrscht meinungsverschiedenheit über die dienste, die das praef. 
ga- einerseits der sozialisierung einer handlung Ckomitativ' : qums : yaqumps th 2, 1. 
Mc 15,20; namentlich im sinn von griech. aov s. o. s. 191) und andererseits ihrer 
perfektivierung oder futurisierung leistete (K 9, 24); man darf nur nicht übersehen, 
dass dem Übersetzer hierzu noch andere mittel zur Verfügung waren (l-aupop Tzpocy- 
[xaTsücaaO-s . . . gawäurhtedi SiSTipaYjjLaxcüaaxo L 19, 13. 15 vgl. Moulton a. a. o. 
8. 183. 191). 

2) Dass ga- für das perfektum nicht obligat ist, sondern dem Übersetzer die 
wähl frei stand, bezeugt, sah ewpaxa K 9, 1 C 2, 18; J 6, 46:8, 38 (gasah). 9, 37 
{gasakt); das stilgesetz des dreiklangs (s. o. s. 78) scheint die Wortwahl 8, 56—57 
<<m-(hn-gasah-saht) geleitet zu haben. 

3) Nach Streitberg ist L 14, '-il in Ordnung, aber saei habai oxsona gaJtaus- 
jandona gahausjai 14, 35 als verderbt anzusehen; es müsse hausjandonä heissen. 
Hierfür könnte man sich darauf berufen, dass im Lukasevanyeliuni die formel 
lautet: saei habai aHsona dn haus jan gahausjai 8, 8 (saei habai ausona hausjan- 
dona gahausjai Mc 4, 33. 7, 16), aber ein grammatischer schnitzer kann — geradeso 
wie eine sog. Verzeichnung bei malern — aus seiner stilistischen uotwendigkeit 
gerechtfertigt und folglich darf gahausjandona (neben gahausjai) nicht von vorn- 
herein ausgeschaltet werden ('es muss mit der möglichkeit gerechnet werden, dass 
die logische schärfe des ausdrucks dem stilistischen ebenmasse der formalen glätte 
geopfert sein kann' Beitr. 15, 81). Zweifellos hat Streitberg das richtige getroffen 
mit der forderung, die stelle 

jäudanos wildedun sai^an batei jus sai/rip 

jah ni gase/^un 
jah hausjan patei jus gahauseip 

jah ni hausidedun L 10, 24 
müsse (auch um des dreiklangs willen) geändert werden zu . . .jus hauseip jah ni 
gahausidedun ; ohne dass, soviel ich sehe, ei saifoandans ni yasaihaina jah gahaus- 
jandans ni frapjaina L 8, 10 ernstlich beanstandet worden wäre (Gotische bibel 
s. 121 anm.). Als bedenklich, wenn auch nicht mit gleicher gewissheit als falsch 
ist von ihm bezeichnet pai iraurd gudis yahausjandans jah tdujandans L 8, 21. 



'-"-'S KAIIFMANN 

Streitberg hat das nebeneinander von kantieip und gakanneip, 
supoda und gasupoda (o. s. 227) beanstandet und hernach grammatisch 
gedeutet, aber nicht berücksichtigt, dass zu diesem Wortpaar andere 
sich gesellen, die eine stilistische tendenz der Steigerung ver- 
raten (s. 218. 232): salboda . . .gasalboda L 7, 46; bauhta . . . usbauhta 
14, ls 19; nemup . . . andnemußk 11. 4; ei pai wnsaihrandans saikraina 
jali pai saihrandans (ßXsTcovres) blindai wairpaina . . . ip nu qipip patei 
gasaihram (ßXs7rop.sv 'wir können sehen, haben unser volles Sehver- 
mögen' Beitr. 15, 83) J 9, 39-41 *•; fastai . . . fastaida . . . gafastajda 
17, 11 12; piupips . . . gapiupida E 1, 3; sunu nie/ nana nistend 
UvTpa-'/-<7ovTai) L 20, 13: gaaistand sunu meinana Mc 12, 6 2 . Ferner: 

Der Vorschlag saihands ina gadraus Mc 5, 22 in gasaibands ina (/raus zu ändern 
(Beitr. 15, 99. 154. 166. 168) verträgt sich nicht gut mit dem Sprachgebrauch : 
draus 33. J 11, 32. L 17, 16 (Iicsoev)j 5, 8. 8, 28. 15, 20. Mc 7, 25 (npoo-, s-izsosv): 
atdriusandei L 8, 17 [driusands geht unmittelbar vorher): gadraus, M 7. 25. L 8, 
5. 6. 7. 8. 14 (gadriusando . . . gahausjandans). Auch bei einer reihe anderer fälle 
hat Streitberg sich unsicher gefühlt. Aller Wahrscheinlichkeit nach dürfte sitands 
Mc 9, 35 nur einer textverderbnis zuzuschreiben sein (Beitr. 15,87; 'warum Wulfila 
die änderung der aktionsart zum schaden der klarheit vorgenommen haben soll, ist 
nicht recht klar' s. 167) ; ebenso austössig war dem grammatiker stop M 27, 11 
s. 88)', aber nur M 9, 25 schlug er vor habaida durch gahabaida zu ersetzen, 
während er davor zurückschreckte gahabandans Mc lü, 23 mit habandans zu ver- 
tauschen (s. 90 f.). Unbedingt wird dagegen kanneip E 6, 21 (o. s. 228) preisgegeben 
(s. 127), während lauseip R 7, 24 unklar bleibt, aber passieren darf (s. 130 f.) wie 
auch melida k 7, 12 (s. 150); tawida (s. o. s. 228) warnt ihn, den Übersetzer zu 
meistern und an allen punkten absolute gleichförmigkeit in der Übertragung zu 
verlangen (s. 155 f.), aber für bauhta ... usbauhta L 14, 18—19 schlägt er den 
stilistischen faktor (o. s. 218) in den wind, wenn es ihm wahrscheinlich vorkommt, 
dass eine Verderbnis vorliege (s. 158), wie er sie nun doch wiederum für L 7. 38 
(gasalboda YjXeupev: 46; gasalboda rjXet4>ev J 12, 3) nicht zu statuieren wagte. Ob- 
wohl er in dem überwiegenden gebrauch von hausida statt gahausida eine abnormität 
erblickte, hielt er es für ausgeschlossen, dass diese stellen in irgendwie erheblicher 
zahl verderbt wären (s. 158 f.). 

1) An der parallelstelle Mc 8, 23 ff. fragt der heiland den blindgeborenen, 
ob er (nach vollzogener Operation) 'sehen könne' (froh ina gaufoaseh-i) und der 
blinde mann antwortet: gasaifoa maus (ßXeno) 'ich sehe menschen') patei sice bag- 
»tans gasaiha gaggandans (op&> 'ich gewahre umherwandelnde') . . . gatairida ina 
ussaifoan (avaßXsc^cu) . . . jah gasahr bairhtaba allans (svs/JXs'j>sv 'sah alles deutlich'). 
Durativ ist gasaibip (ßXsTtsi) auch J 11, 9 ('wenn jemand bei tag wandert . . . sieht 
er'), Phl 1, 30 (eine in der Vergangenheit gemachte beobachtung erstreckt ihre 
dauer auf die gegen wart); J 9, 25 bedeutet saih-a 'ich kann sehen' und L 7, 44 
kann gasaifois po qinon (ßAeueig) nicht anders übersetzt werden als 'kannst du das 
weib sehen' vgl. gasaiha (ßl&nu) R 7, 23 k 7, 8. 

2) Streitberg ist auch mit dieser Variante nicht fertig geworden; er wollte 
die Lukasstelle nicht gerade als 'unrichtig' bezeichnen, 'da sehr wohl das ga- des 



DER STIL DER GOTISCHEN BIBEL 229 

ni mannahun ist saei tauji[> mäht in namin meinamma M 9, 89 

ni ainshun ist manne saei ni gawaurkjai mäht in namin 

meinamma L 9, 50 x 
waurstw sein silbins kiusai ^arjizuh G 6, 4 

a[)[>an gakiusai sik silban manna K 11, 28 
du tulgjan hairtona izwara Th 3, 13 

ga[)rafstjai hairtona izwara jali gatulgjai th 2, 17 
nam swaram fulljands aketis jah lagjands ana raus M 27, 48 

gafulljands swamm akeitis galagjands ana raus Mc 15, 36 2 
J)ai faihu h ab and ans L 18, 24 

bai faiho gahabandans Mc 10, 23 
samon gaggan garaideinai Phl 3, 16 

hizai garaideinai galaistans sind G 6, 16 
vgl. auch naseins : ganists oben s. 224. 

Zum andern teil stammt die häufung der praefixe aus dem gesetz 
der Wiederholung und stellt einen gleichgewichtszustand her 
(o. s. 202. 224) :J : uzuhiddja (s;y,A»ev) fram attin jah atiddja (s>/yjXuS-a) 
in //ana fairkrau J 16, 28; usgildada aukßus in usstassai pize uswaurh- 
tane (oixaiwv) L 14, 14; usbliggwandans . . . usqimandans Mc 12, 5; us- 
bliggwandans usqimand imma jah pridjin daga usstandip L 18, 33 ; 
usqimand imma jah usqistips (Variation) pridjin daga usstandip Mc 9, 31; 
galanbeip du garaihtipai . . . du ganistai R 10, 10; aßßan ist gawaurki 
mikil gagudei mip ganauhin T 6, 6; wastjom ni gawasißs was jah in 
garda ni gawas (s(/.svsv) L 8, 27; ik gataira alh . . . jah anpara . . . 
gatimrja Mc 14, 58; gasitands sprauto gamelei fimf piguns L 16, 6 
(: nim pus bokos jah melei ahtautehund 7); gateihats Iohannen patei 
gase h/uts jah gahausideduts L 7, 22 y gateihiß lohanne patei gahauseiß 



direkt voraufgehenden gasaikandans diese wendung des gedankens formalen 
rücksichten zuliebe veranlasst haben kann' (Beitr. 15, 128). Nachdem er einmal 
ausgesprochen war. hätte diesem gesiehtspunkt grössere bedeutung eingeräumt 
werden sollen. 

1) hikani ttf melaft satjaidau . . . ana lukarnastapan satjaida u Mc 4,21 
htkarn . . . uf ligr gasatjip, ak ana ktkarnastaßin satjiß L 8, 1(5; nach massgabe 
des griech. textes ist satjiß gasatjip herzustellen (vgl. z. b. faridedwn - atfaridedun 
L 8, 23. 26). 

2) Beitr. 15, 97. 

3) Beitr. 13, 520 ff. (gi- bei Tatian [z. b. 74, 5-8] und Otfrid: 'ebenmässig- 
keit gleichgeordneter Satzglieder' s. 525); vgl. got. gafilhan : filhan M 8, 22. 21; 
galausjan : lausjan th 3,3. M 6,13. 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XLVIII. 16 



230 KAUFFM \NN 

jah gasaihrij) M LI, 4; pateijah galaisideduß izwis jah ganemup jah 
gahausideduß jah gase/fuß IMil 4,9; gahausjands at ottin jah ganam 
.1 6, 45 ; saei habai ausona gahausjandona gahausjai L 14, 35 (o. s. 227) 1 . 

Dass in diesen letzteren fällen bibelgotische neuerungen das 
sprachliche herkommen verletzen, ist höchst wahrscheinlich, ga- vor 
dem verbum perfectivum nimdn leite ich von der Produktivität des 
praefixes ab; die aufgäbe war, der got. knltsprache den begriff des 
griech. [-lavd-avsiv einzuverleiben [Mg. forsch. anz. 11. 62) und der Über- 
setzer schuf den neologismus ganiman ('lernen", d. h. 'erfassen') im 
gleichen zuge mit dem synonymon galaisjan sik (:laisjan; Ks. zs. 42, 
817 ff.) 2 . 

Die analogie von laisjan : galaisida, galaisjan sik könnte die 
variierenden Zeitwörter niman : ganam, ganiman eingegeben, die Ver- 
bindung- mit <jra-nominibus und <ja-verbis {ganimip po gajukon Mc 13, 28 3 ; 
dazu J G, 45) könnte die neu entstandene vollform gefestigt, die Vor- 
liebe des Übersetzers für die '/a-komposita ihre Verbreitung begünstigt 
haben (C 1. 7 K 4, 6 M 9, 13) \ 

Das praefix ga-'' kommt auch sonst bei starken verben, zumal 
bei saihran zum Vorschein (o. s. 228). 'AA r ir waren dabei und sahen 

1) yalaubeis gasaihns . . . qimandans jah saifoandans patei gatawida galaubi- 
dedun J 11, 40. 45: saihip ha hauseip Mc 4, 24: gdsaihip aipbau gahauseip k 12,6 
('sieht oder hört' auf gruud fortdauernder beobachtung). 

2) ganimis . . . jah gabairis L 1. 31 (: usriam . . . jah usbar M S, 17); ei 
ganimai harjizuh 'damit ein jeder [den lohn] bekomme y.ouiarjiai k 5, 10; ganimip 
y.ofnsi-ai E 6. 8 = andnimip xopiosxoa C 3, 25; vgl. mipniman 'annehmen' M 11, 14. 
patei gqlaisidedup izwis (ijiafrsTs) jah ganemup (TiapsXäßsxe) Pill 4, 9: ik galaisida 

Uli/.- (sp.a9-c<v) 11; gino galaisjai sik . . . galaisjan qinon ni uslaubja T 2, 11—12; 
galaisjaina sik : laisjand sik- 5, 4. 13: laisjandona sik : galaisides puk t 3, 7. 14. 

3) he gdleikom piudangardja gudis aippav in hileikai gajukon gäbairam po 
(rtapaßo/.-?] ?tapaßä/Uou.sv) Mc 4, 30. 

4) Nach Idg. forsch. anz. 11, 62 f. soll freilich die konkrete bedeutung noch 
deutlich durchschimmern ; 'mitnehmen' trifft auf G 2, 1 zu (aujiuapaXaßwv) ; diese 
Übersetzung hat Streitberg in seinem Wörterbuch nur noch für Mc 5, 40 (ganimib 
mib sis). 9, 2. L 9, 28. 18, 31 (TiapocXaßiöv) angesetzt = franiman, andniman J 14, 3.. 
Mc 4, 36. 10, 32; ganimis auXlr^fi L 1, 31. 2, 21. Seiner zeit meinte er, auch 
wo 'von dem erwerb eines geistigen besitztums' die rede, sei überall das komitative 
rnoment in ga enthalten und modifiziere die materielle bedeutung des kompositunis 
(Beitr. 15, 109). Dass übrigens ein komitatives ga- nicht mitwirkte, war schon 
aus unuslaisips 'der nichts gelernt hat' zu ersehen {\ir\ u.£p,a9-7]xd>£ J 7, 15); galai- 
sips is L 1, 4 :uslaisidai sijup E 4, 21: ganemup 20. 

5) Das übergewicht von ga- erkennen wir auch daran, dass es sich an stelle 
anderer praefixe vorzudrängen scheint: insandjan : gasandjan K 16, 1. 6 (vgl. k 8, 
18: 12, 18). inswinpjan : gasirinpjan, inliuhtjan : galiuhtjan, indrobnan : gadrobnan; 



DEB STIL I>Ki: GOTISCHEN BIBEL 231 

zu (stöojxsv), wie jemand in deinem namen teuf'el austrieb und wehrten 
es ihm' heisst das einemal: sehn in sumana in peinamma namin us- 
dreibandan unhulpons . . . jah waridedun imma (sjmoXugo^sv) Mc 9, 38 
und das andere mal: gaseh/um sumana ana peinamma namin usdrei- 
bandan unhulpons jah waridedun imma L 9, 49 1 . Eine Störung- der 
Symmetrie wird bei dem korrespondierenden schwachen verbuni hausjan 
dadurch verursacht, dass - anders als bei gasaihrands (Beitr. 15, 166) - 
der Übersetzer hausjands neben gahausjands ('zuhörer') stark zur geltung 
brachte und hauseim vor gahauseins, hausida vor gahausida geradezu 
bevorzugte (Beitr. 15, 158 f.). Die bekannte formel galaubeins us 
gahauseinai erleidet eine empfindliche erschütterung ihres gleichgewichts, 
wenn ihr die fragen vorhergehen : h/ahva galaubjand ßammei ni hausi- 
dedunf h/as galaubida hauseinai unsarai? (R 10, 14. 16 o. s. 215. 223) 2 . 
Der stilistische reiz kann hier nur in dem abgestuften dreiklaug 
(s.o. s. 78)' und in den gewollten archaismen hauseins — hausida 
gefunden werden 4 . Anders reagiert unser Stilgefühl bei hausjands jah 
taujands (L 6, 46. 49 ; hauseip jah taujip M 7, 24. 26), anders bei 
gahausjandans jah taujandans (L 8, 21 ; gahausjandans . . . tawida 
Mc 3, 8), wenn' hier mit dem archaischen simplex ein kompositum der 

anaprafstjan : gaßrafstjan, analatjan : galatjan, anaslepan : gaslepan; atsteigan : gastet- 
gan , atwairpan : gawairpan ; afdaupjan : gadaupjan ; afpliuhan : gapliuhan, afskaidan : 
gaskaidnan; biauknan: gaaukan, bismait : gasmait {gaspaiw .'. . gawaurhta ,1 9, 6), 
bistuggun: gastigqip, bifaihon : gafaihon; franiman : ganiman, fradailjan : gadail- 
jait ; disdriusan : gadriusan (bisaifoandans : garedandans R 12, 17. k 8, 21 ; distairip: 
gdbeistip K 5, 6 G 5, 9; ustaiknjands : gäblaupjands k 2, 14 C 2, 15 usw.). Sehr 
häufig schmiegt sich ga- in mehrfache Zusammensetzungen ein: uuavxäw > gantot jau, 
wipragaggan, wipragamotjan (gaggan gamotjan); atgaraihtjan; dugawindan; faura- 
gahaitan, fauragahugjan, fauragateihan, fauragaredan, fauragdleikan, fauragasat- 
ian, fauragasandida (sresp-^sv k 9, 3), fauragamanwjan, fauragameljart; inngaleipan, 
ingaleikon : gagaleikon u.a. Durch solch hreite federzüge bekam das werk der got. 
bibelübersetzung einen immer wieder sich erneuernden literarischen anstrich. 

1) Beitr. 15. 151. 152; in der Verbindung mit waridedun kann gasefmm nicht 
übersetzt werden 'wir erblickten'. 

2) du timreinai jäh ni du gataurpai k 10, 8: du gatimreinai jah ni du 
gataurpai 13, 10. 

3) Vgl. gasehvi — gasalvt — saht J 8, 56—57. 

4) ibai ni hausidedun . . . iba. ni fanp R 10, 18—19; öfters hat hausida an 
benachbarten verbaltormen eine stütze bekommen (sandida . . . hausida J 8, 26; 
golida . . . hausida L 1, 40-41 vgl. J 7, 28. 30. 32. C 1, 9 u. a.) ; namentlich wird 
auf die Verbindung mit qipan wert zu legen sein (M 5, 21—22. 27—28. 33—34. 
38-39. 43-44; J 9, 27. 35. 40. 12, 34. 14,. 28-29). - Eine rhythmische Unebenheit 
entstand durch hleibida im Magnilicat (o. s. 41), wenn dies verbum nicht mit 
rodida v. 55 zusammengehört. 

16* 



232 KAI'ITMAW 

jüngeren generation sich verkoppelt '. Die übliche Steigerung (Zeitschr. 
2, 166) führte L 2, 15. 17. 18. 20 von saihraima auf gasaiJvandans 
('Zuschauer') 2 , demgemäss wurde fortgefahren mit gahausjandans und 
gawandidedun sik . . . gahausidedun jah gasehrun. Doch bedarf ga- 
hatisida keiner rechfferti^ung, die eher für hausida oder hausjamls 
sich geziemte 3 . Die Verbindung hausjan - qißan (s. 231 anm. 4) wird 
durch die formel gahausjands qaß, qeßun durchkreuzt 4 und dieser auf- 

1) Vgl. J 11, 20. 29. 33 {sunsei hausida . . . sauset gasah>). 12, 18. 10. ir>. 
ik patei gasa/r at attiu meinamma rodja, jah jus patei hausidedup fram atthi is- 
iraramma taujip K, 38 u. a. sutnai jah stibna is gahausidedun, sumai pan is siun 
sefrun Skeir. 6, 19 f. 

2) Vgl. "'jenutn saikan . . .jah gasaihand . . . gasehrun Mc 5, 14—16. 

3) Ich könnte etwa noch verweisen auf sa tekands 6 d<Jjdp.evog L 8, 45: sa 
gatairands . . . gatimrjands Mc 15, 29. Dass gahaitsjands die lieblingsforin des 
Übersetzers gewesen ist. diese Vermutung wird auch durch L 8, 10—15 bestätigt: 
izwis atgiban ist kunnan runos biudinassaus gudis 

i}> bahn aubaraim in gajukom 

ei sai//>andans ni gasai//aina 
jah gahausjandans ni frabjaina . . . 
\\> bai wibra wig sind bai hausjandans . . . 
\\> bai ana bamma staina ize b an hausjand . . . 
i[) bata in liaxirnuns gadriusando bai sind baiei gahausjandans . . . 
i[i bata ana bizai godon airpai 

bai sind bai ize in hairtin godannna jah seljainma 
gahausjandans bata waurd gahaband 
vgl. die parallelstelle Mc 4, 11-20: 
izwis atgiban ist kunnan runa ]iiudangardjos gudis 

i[) jainaim b 3 -™ uta in gajukom allata Wairbib 
ei sai/^andaus sai^-aina jah ni gaumjaina 
jah hausjandans hausjaina jah ni frabjaina . . . 
ab ban bai wibra wig sind barei saiada bata waurd 

jah Jian gahausjand . . . 
bai ana stainahamma saianans 
jtaiei ban hausjand . . . 
jah bai sind b a i in baurnuns saiarfans 

bai waurd hausjandans . . . 
jah bai sind bai ana airpai bizai godon saianans 

baiei hausjand Jiata waurd . . ., dazu: managai . . . wildedun hausjan patci jus 
gahauseip jah ni hausidedun L 10, 24. 

4) M 9, 12. 11, 2. 27,47. J 11, 4. 12, 29 M 2, 17 (: gasaikandans qeßm 16). 
5, 36. 6, 16 (> gahausida jah q ap 14) 10, 47. 15, 35. L 14, 15. 18, 22. 20, 16; 
managai gahausjandans . . . qeßun . . . Jiausjon J 6, 60 (: managai . . . hausjandans 
. . . qcpun 7, 40); gahausjands . . . gasaihands . . . fräh M 12, 28; gahausjands froh 
L 18, 3(5; gasaihands q ap M 9, 2. 22. 23. Me 2, 5. 16. 10, 14. 12, 15. L 5, 20. 
7, 39. 9, 54 J 6, 14. 



J>EK STIL DEK GOTISCHEN BIBEL 233 

fällige Sprachgebrauch wird wohl am besten durch andere part. praes. 
beleuchtet. Wie talzjands, nasjands, so ist auch hailjands (M 9, 35) 
von der Steigerung zu gahailjands (trotz ga hailjan und gahailnan) 
verschont geblieben 1 : dagegen sind lewjands — galewjands mit haus- 
jands - gahausjands zusammengetroffen. Alle grammatischen tüfteleien 
(Idg. forsch. 21. 194 f.) scheitern an dem Tatbestand, dass shnplex und 
Kompositum als nomina agentis dienend schlechthin ' Verräter 7 ('der ihn 
verriet') bezw. 'zuhörer' (L 18, 26. 36) bedeuten und z. b. got, lewjands - 
galeiojands grieeh. 7w6cpa[i5i]$ou<; im sinn von -po^oxr,; vertreten'-. Auch 
nasjands ist die got. entsprechung für aojca; ('der uns gerettet hat' 
t 1,9; Beirr. 15, 163 ff.) und für crwrnp. In der got. bibel war also 
das part. praes. zum nomen agentis erhoben und mit den (hellenisti- 
schen) ableitungen -qfeis auf gleiche linie gestellt worden 3 . Dabei 



1) iaxo ganasida L 6, 19 gahailida 9, 11; mahts fraujiris was dn hailjan 
ins 5, 17: gahaüjan (laafrai) 9, 2. (ftsparceüsiv) 9, 11 (lekinon 9, 6. 6, 7. 10. 9; 
galeikinon 8, 43) dazu Beitr. 15, 97. 128. 151; hailjan soll in Übereinstimmung mit 
lekinon bedeuten 'sich mit der heilung befassen', durch gahaüjan oder galekinon 
soll «1er erfolg festgestellt werden. Ohne dass eine änderung der funktionen an- 
gedeutet wäre, heisst es an den parallelstellen: insandida ins merjan . . . jah ga- 
haüjan L 9, 1; insandida ins merjan jah hdban waldufni du hailjan Mc 3. 15; es 
kann sich doch nur um die vollmacht zu erfolgreicher heilung handeln! Streitberg 
nieinte, M 8, IG und Mc 1, 34 werde die tatsache der herstellung der kranken 
ausgedrückt; an der parallelstelle L 4, 40 lesen wir aber handuns analag jands 
gahailida ins [handuns galagjands gahailida Mc 6. 5), wird also gerade die aus- 
übung des ärztlichen berufes hervorgehoben. 

2) ivarp galewjands ina iyevsxo rcpoSöxvjc; L 6, 16: galetvei rc&pexe 29. — sa 
/ wjdnds mik atneMda Mc 14, 42 heisst nach Streitberg 'er schickt sich an, die 
tat zu vollbringen und vollzieht endlich durch den kuss den verrat' (sa lewjands 44). 
Dieser auffassung stelle ich die richtigere gegenüber, dass Judas den verrat vollzog, 
als er den pakt mit den hierarchen zu sehliessen begann (galaip du buim gudjam 
ei galewidedi ina ins Mc 14, 10); seitdem ist er der 'verräter', der seinen herin 
'ausgeliefert' hat. Denn galewjan bedeutet nicht 'verraten' sondern 'ausliefern'; 
Streitberg übersetzte sogar sa lewjands ina J IS. 5. 'Judas ist im begriff, den 
meister seinen gegnern auszuliefern'; für J 18, 2 wo galewjands steht, hat er nur 
die bemerkung übrig, hier erscheine das komposituin 'wie gewöhnlich'; es handelt 
sich aber nicht bloss um das grieeh. kompositum, sondern auch um das got. 'per- 
fectivum', von dem Streitberg selbst geurteilt hat, dass es Mc 14, 42. 44 nicht am 
platze gewesen wäre. 

3) Zeitschr. 5, 304. 315 ff. ; merjands xt)P'j£, taisareis S'.St&sxaXog : laisjands 
SiSdsvuov : talzjands §7uaxäxy)5 L 5, 5 u. ö. raxiöeüwv u. a. t 2, 25 C 1. 28. 3, 10; 
daupjands ßajixi^cov J 10, 40: sa daupjands (ahd. toufari) ßarciax^; L 7, 20 usw. 
(Beitr. 37, 481 ff.); gibands ööxyjs k 9, 7 ; waldands, fraujinonds SezKÖir^ L 14, 
21. 2, 29; midumonds iisaixrjs T 2, 5 (vgl. bidagwa . . . aihtronds -poaaixYjg . . . 



234 KAUFFMANN, DER STIL DER GOTISCHEN BIBEL 

hat min offenbar auch das praef. ga- über seine ehemaligen grenzen 
hinaus unter der jüngeren generation gewuchert: lewjan ist überhaupt 
nicht mehr belegbar; infolgedessen ist neben lewjands ein galeuyands 
iM 27,4) und neben sa lewjands (J 18, 5 Mc 14, 42. 44) ein sa 
galewjands (M 27, 3 J 18, 2. 19, 11) hochgekommen: es ist also nicht 
bloss die ältere, sondern auch die jüngere form in die funktion 'Ver- 
räter' eingerückt ', während für den 'heiland' nur die altertümlichere 
wortform geeignet erschien. 

Auch aus den der jüngsten generation vertrauten beständen hat 
Wulfila seine auslese getroffen und durch den Wechsel zwischen 
modernisierenden und archaisierenden wortformen (seiner dualistischen 
stiltendenz gemäss) den abstand seiner kultsprache von der gemein- 
sprache zu gehör gebracht. Versucht man die Produktivität des praef. 
ga- nicht bloss von Seiten der grammatik, sondern auch vom Stand- 
punkt des Schriftstellers aus zu verstehen, so wird man betonen 
müssen, dass es in den dienst der liturgischen rhythmik und rhetorik 
gestellt, dass die Spannung zwischen simplex und kompositum gern 
zu gunsten des letzteren gelöst und dass dadurch vermutlich die spräche 
der neuen religion gegen die Überlieferung abschattiert und abgegrenzt 
wurde 2 : 
nih faginoj» inwindi{>ai mifrfaginop sunjai 

allata |>ulai]> allata galaubeip 

all weneip all gabeidif» 



7ipoaauu)v J 9, 8); ufhausjandans im-/]xooi k 2, 9; airsjands 6 rcXävos M 27. 63j 
bhipjandans olxx ; .p[iov£g L 6, 36 u. a. 

1) saibands 'zuschauer' (Beitr. 15, 84) > gasai^ands L 18, 43; galeikondans 
p.i[jr/]TaL K 11, 1 u. ö. (ufbrikands •jßpiaxvjg T 1, 13). 

2) Den unterschied finde ich am deutlichsten ausgeprägt, wo der ältere, 
volkstümliche Sprachgebrauch in die gotische bibel einmündet. Das praef. ga- war 
beweglich und sass locker vor seinem grundwort (Streitberg, Elenientarb. § 232); 
das ist vorliterarisch und hat sich als vielsagendes überlebsei älterer mündlicher 
rede in das Schrifttum der gotischen bibel eingedrängt, Sprechformen, - die sicli 
graphisch nicht leicht darstellen Hessen, sind <lizuhpansat Mc 16, 8 oder ga-u-lau- 
bei* oder ga-u-ha-sehn (o. s. 224), denen die stabil gewordenen ycdanbjau J 9, 35—36 
und gasaihra-gasah Mc 8, 23—25 als schriftsprachliche formen entsprechen. In 
diesem interessanten material kommt der gegensatz der stilarten, mit denen Wulfila 
zu ringen hatte, anschaulich und greifbar an den tag. Von der einen seite her nahm 
ihn die ältere, beweglichere und mannigfaltigere Volkssprache, von der anderen 
seite her nahm ihn die jüngere, fixierte und geregelte Schriftsprache gefangen. 



WKIDEMAXN, STEPHAN ROTH ALS KORREKTOR 235 

friapwa aiw iii gadriusi|) 

in ja[>be praufetja gatairanda 

jappe razdos ga///eiland 

jappe kunpi gataurnip K 13, 6-8 (o. s. 44). 

(Fortsetzung folgt.) 

KEEL. FRIEDRICH KAI! IM ANN. 



STEPHAN ROTH ALS KORREKTOB 

Stephan Roth lernen wir als schulmann, stadt'schreiber, Über- 
setzer, als geschäftlichen Vermittler zwischen buchhändlern, autoren, 
druckcrn, endlich als 'literarisches Zentrum' seiner heimat Zwickau 
kennen 1 . Nicht den geringsten teil seiner zeit sehen wir ihn von 
seinen korrektorarbeiten in ansprach genommen. Unsere aufgäbe ist, 
uns diese vor äugen zu führen, und dabei insbesondere die frage zu 
erörtern, wie weit Stephan Roth als korrektor von druckwerken seine 
'Orthographie', d. h. seine reehtschreibung und lautform, durch- 
gesetzt habe. 

Er war 1492 in Zwickau geboren und hat sein ganzes leben 
auf ostmd. Sprachgebiet verbracht, Seine Leipziger Studien machten 
ihn zum humanisten, als der er sich, seit 1517 leiter der lateinschule 
seiner Vaterstadt, bekundete. In gleicher Stellung wirkte er von 1520-23 
in Joachimstal, worüber nähere künde fehlt. Dann tritt der grosse 
Umschwung ein; der 31jährige lässt sich in Wittenberg immatrikulieren 
und wird begeisterter anhänger der reformation. , 

Zu Luther tritt er bald in beziehungen, und für uns stellt sich 
hier sogleich die hauptfrage, wie weit Luther auf seine «prachent- 
wicklung eingewirkt haben könne. Zu ihrer beantwortung werden 
wir uns einen überblick über die entwicklung von Roths Schreibweise 
in seinen handschriften und in den drucken seiner werke zu ver- 
schaffen haben. 

1) E. Herzog, Mag. Stephan Roth, Webers archiv f. d, sächs. geschiente, 
n. f. bd. III, 8. 267 ff.; Georg Müller, Mag. Stephan Roth, Beitr. z. sächs. kircheu- 
geschichte heft 1,6. 43 ff.; <•'. Buchwald, Stadtschreibet M. Stephan Roth in 
Zwickau in seiner literarisch-hnchhändlerischen bedeutung für die ret'onnationszeit, 
Archiv f. geschichte des Imchhandels bd. 16, s. 6 ff.; an diese abhandlung schliesst 
sich die Veröffentlichung von etwa 900 an Roth gerichteten briefen an, deren 
originale sich in der ratssclnübibliothek zu Zwickau befinden. 



236 WKIORMANN 

Ruth war Luthers hörer in seinen deutschen predigten, die er, 
übrigens in einem geniisch von deutsch und latein, mit hilfe einer 
art Kurzschrift nachschrieb (Weim. ausg. XIV) 1 . Roth nahm also 
Luthers sprachform in sich auf und gab sie wieder, und zwar in 
diesen) falle Luthers kanzelsprache, die nicht durchaus seiner Schrift- 
sprache gleichzusetzen ist, wie gerade aus den nachschriften Hörers 
und Roths hat festgestellt werden können: wittenbergisch-dialektische 
formen mischen sich hier ein, die beiden nachschreibern fremd sind 
und darum nicht auf ihre rechnung kommen können. Bald sehen 
wir Roth aber auch in beziehung zu Luthers gedruckten werken, als 
deren Übersetzer oder berausgeber. Luther spricht in der vorrede zu 
Roths Übersetzung seines psalmenkoinmentars 2 lobend von ihm, 'als 
der bei/ vns lange gewest, alle unsere weisse zu leren vnd reden er- 
faren', darum besser geeignet sei als ausländische, 'die nicht so hing 
vnd teglich vmb vns sein mögen'. Und umgekehrt ereifert sich Roth 
in seiner vorrede zur sommerpostille 3 über die nachdrucke, die unter 
Luthers namen, aber ohne seinen anteil veröffentlicht wurden, 'wie es 
(leim irol nach art der spräche abzunemen '. In Luthers vorreden zu 
Roths ausgaben der postille wird nicht ausdrücklich auf die spräche 
bezug genommen ; doch tritt auch hier Roths abhängigkeit von Luther 
hervor, der diese ausgaben eben in dem sinne empfiehlt, dass sie 
gegenüber unrechtmässigen nachdrucken eine von ihm gebilligte form 
darstellen: Roth habe sie 'gebessert und gerechtfertigt, auf dass sie 
meinen sermonen doch etwas ähnlicher würden und meinen namen mit 
ein wenig besserm fug führeten'*. Wie sehr Luther sich dabei um 
einzelheiten der Übersetzung, auch tadelnd, kümmerte, bezeugen briefe 
Rörers an Roth, so bei gelegenheit der Übersetzung des psalmen- 
kommentars (6. 10. 1527; Buchw. nr. 133, s. 63): 'Hoc voluit (Luther), 
ut tu translator latinorum in germanicam linguam, germanis ger- 
manice loquereris, non latine, nam vocabulum 'adfectus' reliquisti 
nativum. Ibi, aiebat, libere Stephano erat agenduin reddendo voca- 



li Nikolaus Günther in Torgau bittet ihn 1540 um auskunft (Buchwald 
nr. 682 8.200): 'was ir für behendigkeit darzu gebraucht habt' ... 'habt ir der 
selben schartecken, die ir vortzeiten also per signa, characteres vnd abbreuiaturen 
geschrieben vnd aufgetzeichent, der wollet mir auch ein wenig zum vnterricht 
schicken'. 

2) Wittenberg 1527, vgl. u. 8. 239, nr. 8. 

3) b. Hans Lufft, Witt. 1527, vgl. u. s. 241. 

4) Luthers werke, Erlangen 1827, bd. VII, vorrede zur winterpostille (Kantz, 
Zwickau 1528). 



STEPHAN ROTH ALS BCORREKTOK 237 

bulum 'adfectufl', quod nosgermani efferimus 'hertz ', sicut loci scrip- 
turae circuinstantia postulaverit'. Ahnlieh über Roths bearbeitung der 
Winterpostille (9. 7. 1528, nr. 166. s. 74): 'hoc offendebat casu inter 
legendum, Evangelium mus vbel hören, latine 'male audit'. Also 
Luther ordnet Roth in sprachlicher hinsieht sich unter, ebenso wie 
dieser sieh ihm. 

Seit februar 1528 sehen wir Roth in Zwickau mit dem amt 
eines Stadtschreibers bekleidet, das er bis kurz vor seinem 1546 
erfolgten tode behielt. Seine ratsprotokolle zeichnen sich vor andern 
aus ('gegenüber dem verwickelten periodenbau, der uns sonst ent- 
gegentritt, finden wir hier einfache, wohl abgerundete sätze") l - Halten 
wir uns gegenwärtig, wie kanzleisprache, schule und schreibfheorie 
sich in Wechselwirkung befanden, so können wir uns Roth für die 
theorie der deutschen grammatik und Schreibweise lebhaft interessiert 
vorstellen. Auch dafür haben wir Zeugnisse, z. b. befindet sich in 
der ratsschulbibliothek zu Zwickau das einzige exemplar des ,büchleins 
gleichstimmender wörter, aber ungleichs Verstandes' des Hans Fabri- 
tius -. durch das ex libris 'Legantur cum iudicio' als Stephan Roths 
eigentum gekennzeichnet. Wichtiger ist uns das direkte Zeugnis für 
Roths grammatisches interesse. das der 1531 unter seinem schul- 
inspektorat in Zwickau angestellte und von ihm bei der aufführung 
seiner dramen begünstigte Paul Rebhun in den briefen an Roth 
über seine deutsche grammatik gibt. Er unterbreitet ihm zunächst 
deren plan und schickt ihm die vorrede (7. 4. 43. nr. 700, s. 214): 
'Visuni est mihi Tuam prudentiam prius in privato consulere ut qui 
linguae germanicae non sis infimus fautor'. Ein zweiter 
brief (22. 8. 43, nr. 715, s. 219) begleitet das manuskript der gram- 
matik: 'nee initto tibi eam cominendandani, sed ein endan dam idque 
negocii, ut amanter, ut iinpigre, ut studiose suseipias, te per amorem, 
quem omnes vere germani debemus nostrae germaniae plurinium rogo\ 
Den syndicus, -in germanicae linguae studio tibi sociunr. lässl er 
bitten, sich an dieser arbeit zu beteiligen; 'peto, ut pro iudiciorum 
vestrorum integritate, acumine, et dexteritate, proque singulari in 
vernacula lingua nostra exercitio dignemini novo meo . . . 
invento acrem et sedulam, qua eget, limam adhibere ac ut iudices non 
adulatione leves, sed veritate graves cognoscere et statuere. primum 



1).G. Müller, a. a. o? s. 70. 

2) Neudruck bei Jolin Meier, Ältere deutsche grammatiken in aeadruckeu I, 
Strassburg 1895. 



238 WEIDEMANN 

iiuin sc germanica sermonis ratio it;i habeat, quemadmodum roeis 
regulis est comprehensa, Deinde num pössint regulae meae ab iis qui 
latine calient commode intelligi. Postrerao num labor hie mens quam 
in praefatione pollicetur ntilitatem satis praes.tare queat'. Rebhan also 
unterwirft sich hier in fragen der deutschen grammatischen theorie, 
mit denen er sich doch eingehend wissenschaftlich beschäftigt hatte. 
Roths autoritär 

Aus einer auswahl von handschriften und gedruckten werken 
Roths soll nun ein ü b erblick über s e i n e sc h r i f t s p r a c li e ge- 
wonnen werden. Nur auffallendere erscheinungen, besonders solche. 
bei denen sich zeitliche abweichungen zeigen, sind notiert worden. 

1. Handschriftliche 'Zw ick au er osterf eiern', aufgezeichnet 
151G/17, am Schlüsse der Leipziger Studienzeit 1 . 

Rechtschreibung. 1. Vokalismus: Umlautbezeichnung, dehnun^s-/, und 
ie < 7 fehlen; inlautend au, nicht aw {fraue, schaue). 2. Konsonantismus: a) kon- 
sonantenhäut'ung: es (czu, creueze)- th (worth, hettth, goth, geth: in nebensilbe -eih, 
-ungh); inlautend y = i (wyr, dg, sgnt, hyrten, vgl): b) auslautverhärtung (weyp, 
wert = werde, gesank, magk) ; c) einzelgebrauch: e in einheimischen Wörtern = k 
(cleglich, crafft); b = w (begbes = weibes. bar = wahr): ss = germ. a inl. [bosse, alsso, 
irlosset, vnsser, dyssem), sss — ss (kusssen). 

Laut st and. 1. Stammsilbenvokale, a) kurze vokale: schwankend u—o 
(tru, genuinen, verorth'eiU) : b) lange vokale: monophthongierung (libe, dg, hy)\ 
diphthongierung (vff neben auff). 2. Nebensilbenvokale: schwankend e—i [irlohset, 
gotis); prärix vor- neben ver-. 

2. Handschriftliche nach Schriften von Luthers predigten, 
1523 24'. 

1. rmlautsbezeichnung fehlt; dehnungs-A (pron. ehr, praet. wahr, inten. 
wehr. 2. a) ll(Insell); tt (feuchtte, lufftt, endung -ett); zc(scu)\ b) ss (sso, bosse, 
wessen, lassscu). 

3. 'Auslegung der hurtzeu Episteln S. Paulus durch Johann 
Bugenhagen den Pomern zu nutz gemeyner Christenheit vordeutzsrfn f . 
Wittenberg. Klug. 1524 \ 

1. Dehnungs-A (pron. ehr, art. dehr, dehn. 2. inl. g (mgr, dg, wye); inl. -ey; 
u—o (wit, gönnen — gunt); vor- ver-; suffix -aus. 

36 1 24 

1) Original in Zwickau eingesehen, Ratsschulbibl. — '~ . Einrlu.-> der 

vorläge ist in betracht zu ziehen. 

2) Vgl. o. s. 236; Weimar-ausg. bd. XIV. 

3) Von Müller und Buchwald nicht ins Verzeichnis von Roths Schriften auf- 
genommen; letzterer erwähnt die arbeit, gibt jedoch an, die Übersetzung sei nicht 
zu finden; exemplar aber in Zwickau vorhanden. In der vorrede sagt B.: 'Vnter 
den ist auch zu mgr kommen Magister Steffanus R&dt vnd begert das ich yhm 
vergönnen ivolde \ dieselbige auslegung zu vordeutsschen. Die ivegl ich nu gesehen 
habe | gnn den ersten •guatern segnen Jleys \ hob ichs gegunt'. 



STEPHAN ROTH Vf.s KORREKTOR 239 

4. 'Der zwey vnd zwentzigste //salin Daniels von dem 
Uyden Christi Dens mens, Deus mens. Doct. Märt. Luther. Neujahr 
1524. Witt. Klug 1 . 

1. Dehnungs-Ä (dehm, dehr). 2. inl. y (myr, ivyr)\ -ey-. Monophthongie- 
rung {: ijutttifj). 

5. 'De)- Funffte Psalm Dauid, Widder die heue/der vnd 
falsche Propheten. Von Hoffnung vndv&rzweyffelung' '. Witt. Lufft. 1525 2 . 

1. -y-; -ey-. 2. ss (lesse 1. sg). Monophthongieruug (: wüßten, güete). ver-, -nis. 

6. 'Von dem Königreich vnd P riesterthum Christi der 
hundert vnd zehende Psalm Danids. Johan Bugenhagen Power. Witt. 
1526'. Klug 3 ? 

1. ie < 7 fehlt. 2. y (byn); -ey- : anl. ts (tzeyget, tzelet, tzu). 

7. 'Die ire is sagunge Johannis Lichtenbergers deudsch', 
Witt. 1527, Lufft 4 . 

Umlautbezeichnung überwiegt ; -ei- häutiger als -ey-: oft -aw- vor kons. Im 
wesentlichen übereinstimmend mit den gleichzeitigen 'Summarien' (vgl. u. s. 253). 

8. 'Das erste Teyl der Lateinischen ausleg ung des Psalters, 
Doctor Martin Luthers. Verdeutschet durch Stephan um liodf. Witt. 
Klug-. 1527'. 

Umlautbezeichnung durchgeführt; vereinzelt vor-; sonst in allem wesentlichen = 
'Summarien! (vgl. u. s. 253). 

9. 'Oopeybuch' von 1533, ein briefkonzept von 153(i, sowie 
spätere ratsprotokolle bis 1543° zeigen - ausser gelegentlicher 11- 
häufung 1533, der Schreibung Radth keine in betracht kommenden 
abweichungen vom 'Copeybuch' von 1528/29 (vgl. u. s. 251). 

Beziehen wir die Spezialuntersuchung dieses letzteren sowie des 
druckes der Bugenhagenschen 'Summarien' von 1527 hier ein, so ergibt 
sich etwa folgendes bild: 

Die wuchernde kons on an tenhäu fang der handschrift der 
friihzeit ist schon bei Roths erstem Wittenberger aufenthaltsjahr etwas 
gemildert. Die 4 Wittenberger drucke von 1524-26 weichen von 
den handschriften ab durch einsehränkung der konsonantenhäufung. 

1) Tn Zwickau, RSB *' 8 ' U . 

2) Zwickau, RSB -2 8 ' — . 

3) Bei Müller und Buchwald nicht verzeichnet, in Zwickau vorhanden, RSB 
— — j^ — . (Mit vorrede des Übersetzers Roth, ohne angäbe des drnckers.) 

4) Mit vorrede Luthers. Benutztes. Exemplar: Königl. bihl., Berl., Guth. 9121. 

5) Univ.bibl. Königsberg, Cb 1135. 

6) Alles im Ratsarchiv zu Zwickau, ohne weitere bezeichnung. 



240 WEIDEMANN 

Eine weitere stufe stellen die .'5 drucke des Jahres 1527 dar, von 
denen wiederum die von 1528 bis in die 40er Jahre reichlich vor- 
handenen handschriften wenig abweichen, um so mehr von denjenigen 
der frühzeit. 

Es steht demnach fest, dass der nmschwung in Roths Schreib- 
weise sich w ä h r e n d der W i 1 1 en b e r g e r - zeit vollzog ; es fragt 
sieb nur, wo wir den Ursprung dieser Wandlung zu suchen haben. 
Auf grund der erheblichen unterschiede zwischen der handschrift von 
1523/24 und dem druck von 1524 ist die Vermutung nicht von der 
band zu weisen, dass hier die dem autor gegenüber fortschrittliche 
und überlegene druckerei ihre eigene form - wenigstens in bezug auf 
die konsonantenhäufung - durchgesetzt habe. Ferner ist zu beachten, 
dass die handschriften gleich nach der Wittenberger zeit (von 1524/27 
fehlen sie leider) der drucksprache, und zwar ihrer fortgeschrittensten 
form von 1527, so gut wie gleich sind. Roth wird also aus drucken 
gelernt haben; bei seiner, im folgenden darzustellenden, Wittenberger 
Tätigkeit als berufskorrektor ist dies durchaus wahrscheinlich. Wahr- 
scheinlich ist aber auch, angesichts des persönlichen Verhältnisses zu 
Luther, dass diese drucksprache in der form, in der sie ihm aus 
Luthers werken entgegentrat, für ihn autorität geworden war. Dies 
war vermutlich spätestens 1527 erreicht, da schon an fang 1528 Roths 
handschriften völlig die lieue form zeigen. So sind wir denn bei 
Roths werken des Jahres 1527, die bei drei verschiedenen druckern 
erschienen und trotz dessen übereinstimmen, wohl berechtigt anzu- 
nehmen, dass schon hier der Verfasser der für die sprachform ver- 
antwortliche teil war \ 

Roths korrektortätigkeit begann in Wittenberg: dass er sich ihr 
berufsmässig widmete, ist in den einzelheiten durch einen briet" Georg 
Hörers bezeugt. Roth hatte Wittenberg verlassen, Rörer möchte 
sein nachfolger werden und stellte diesbezügliche fragen (1. 1. 1528, 
nr. 144. s. <i9r. 'Si tibi visum fuerit, poteris convenire magistros 
officio am m litcrarium inea causa meque illis commendare. In- 
super rogo enixe ut de pretio quod de emendatione accepisti, nie 
eertiorem facias. Seniel audivi a Josepbo (Klug) ipso quod semper 
dedisset tibi 2 gr. pro correctione unius arcus, et 15 gr. pro 

1) Noch 1525 steht der Lufftsche druck für sich gegenüber den beiden sehr 
ähnlichen Klugschen von 1524 und 25. Vgl. auch hierzu, neben Luthers bemerkung 
in seiner vorrede zum psalmenkommentar (o. s. 236), den brief Blums vom jähre 1526 
(u. s. 244), der damals von Roth eine 'ortagrahie' wünscht, um zu lernen, wie man 
richtig setzen soll; Roth war also damals schon autorität in orthographischen fragen. 



STEPHAN ROTH ALS KORREKT« U; 241 

unu arcu, si tu desci'ipsisses eum. Volo itaquc certifices me an 
similiter pro descriptione et correctione dederit 15 gr'. an seorsim 
T5 pro eollectione, ut ita dicam, et duos seorsim pro emendatione. 
De bis omnibus iideliter nie certiorem facies, non dubito. Item accidit 
quandoque, ut materia aliqua prius excusa iterum exeudatur, cum 
non sine eorrectoris labore, ante quam collocetur per Seceriosd) illos, 
cuiusmodi operam tu praestitisti in postillis illis estivi temporis et 
Sanetorum (deutsche Schriften!) et ego in vetere novoque testamentb, 
quam tu hie aeeepisti mercedem.' 

Roth hatte also eine doppelte tätigkeit ausgeübt: das korrektur- 
lesen und das 'korrigieren' im weiteren sinne, das ein umschreiben 
('describere') des textes einschloss. 

Diese Wirksamkeit gelangte nun nicht mit seinem abschied von 
Wittenberg zum abschluss, er fand neben den Zwickauer amtsgeschäften 
müsse, sie fortzusetzen. 

Roth bearbeitete Luthers kirchenpostille. Die sommer- 
po stille erschien zum erstenmal 1527 bei Lutf't (nachgedruckt bei 
Lotter und Schirlentz). Sie war von Roth zusammengestellt, während 
vorher nur einzelne 'vngeordente vnd vnvleissig gedrückte predigten 
Luthers vorlagen, die Roth 'übersetzt und in eine Ordnung gebracht', 
ungedruckte nach eigenen nachschriften hinzufügend. Luther genehmigte 
die ausgäbe, ohne Roths namen zu nennen, versicherte aber, sie sei 
'mit fleiss und sorgen gedruckt' ; Roth warnte in seiner vorrede den 
etwaigen nachdrucker, •grgend zu andern odder nach seinem hopffe zu 
machen'. In den 1 triefen an Roth ist schon 1526 von der sommer- 
postille die rede. Egidius Seycz 1 bitte freilich (august 26, nr. 91, s. 50), 
ihm zu schicken 'die sermones Martini die eiver liebe corrigirt hat, sso 
vidi ehr gemacht hat, last mir Ihrer nichts aussen' scheint fast auf 
einzelpredigten zu deuten, bei denen Roth korrektur gelesen hätte. 
Aber Niclas Feierabend (4. 9. 26, nr. 92, s. 50) schreibt unzweideutig, 
'sendet myr dg sommerpostil, so sg auff arcus modi auss den drutk 
kamen icurd' : also handelte es sich um ein angekündigtes, im er- 
scheinen begriffenes werk. Am 11. 9. 26 (nr. 94, s. 51) wünschte Seicz 
'die postilla, am ueigsten anssgangen' und ausserdem alle teile der 
winterpostille. Seit anfang 1527 wird die sommerpostille häutig ver- 
langt. Gleichzeitig ist von dem zweiten von Roth bearbeiteten teil, 
der festpostille, die rede, die mit vorwert von Luther bei Schir- 
lentz erschien. Darauf machte Roth sich an die w i n t e r p o s t i 1 1 e, 
obwohl diese schon in einer von Luther durchgesehenen ausgäbe vor- 
lag. Im november 1527 ist er nach Rhaus brief 'gnn der erbeut' 



2V2 \\ EIDEMANN 

damit; im juli 1528 bittel RÖrer in seinem auftrag Luther um die 
vorrede (nr. L66, s. 74). Dieser verhall sich zuerst ablehnend; Rörer 
schreibt darüber: '. . . quamquam ad primum aspectum postillarum 
nonnihil succenseret diceus: 'ad quid istae postillae eduntur m lueem? 

cum prius per ine diligentius et locupletius scriptae et cditae sint?" 
Melanchthoo und Jonas hätten sich ins mittel gelegt, Luther habe 
dann noch die schon oben zitierten einzelaussetzungen gemacht. 
Schliesslich hat er die empfehlende vorrede aber doch verfasst. Man 
muss sieh übrigens hüten, in Rörers oft von kleinlichem konkurrenz- 
neid eingegebenen brieten an Roth alles für bare münze zu nehmen. 
So hinterbringt er seinem kollegen (5. 8. 28, nr. 173, s. 7-6), Cruciger 
sowohl als die unternehmenden buchhändler Vogel und Goltz hätten 
darüber geklagt, dass die sommer- und festpostille 'magna indiligentia 
a te correctos' seien, obgleich Roth 14 gülden von jedem von ihnen 
erhalten habe : er, Rörer, habe sie zu besänftigen gesucht. Goltz aber, 
offenbar sofort von Roth deswegen zur rede gestellt, verwahrt sich 
aufs heftigste dagegen, ihm übel nachgeredet zu haben (10. 8. 28, 
nr. 174, s. 76): '. . . dar wyr gar uichtes von wisssen vnsser keiner . . .'. 
Rörer fährt mit seiner böswilligen kritik fort, als die winterpostille 
fertig vorliegt und Roth Luthers gattin ein exemplar übersandt hat 
(15. 10. 28, nr. 182, s. 79). Besonders wirft er ihm vor, - der sache 
nach vielleicht mit recht — , dass er die ältesten predigten Luthers 
mitdrucken lasse, die dieser selbst bei einer neuauflage ohne zweifei 
umgearbeitet haben würde, Roths bearbeitung erschien 1528 bei 
Gabriel Kantz in Zwickau. Sie wurde in Augsburg bei Steiner 1528, 
in Erfurt bei Sachse 1530 und ebenda bei Rauscher 1532 nachgedruckt, 
während in Wittenberg auch weiterhin nur Luthers fassung der winter- 
postille galt. 

Bei einer neuauflage der gesamtpostille, zu deren Vorbereitung 
Roth sich dem drucker Melchior Lotter anfang 1529 erbietet, handelt 
es sieh aber auch um die winterpostille. Lotter ist hocherfreut über 
die anregung (5. 1. 1529, nr. 192, s. 82): '.so nun E. A. w. des ge- 
sinnet ist dy postillen vffs new zu castigirn'. Er will Roth zwei exem- 
plare des sommerteils schicken, 'eins zu emendim, das andere da 
Innen ihr leset'. Also soll der text nicht umgeschrieben, sondern am 
rande des druckes sollen die Veränderungen angemerkt werden. Im 
märz (nr. 210, s. 88) wünscht Lotter zu wissen, ob auch etwas in der 
festpostille zu korrigieren sein wird und hofft, Roth werde auch den 
dritten teil, die (Luthersche) winterpostille, nicht unübersehen lassen. 
Am 5. 2. 29 (nr. 218, s. 90) hat Lotter einen teil der festpostille 



STEPHAN ROTH ALS KORREKTOR 243 

empfangen, 'gefeit mir auss der massen wol, ich hoffe doch es werde 
d< m Doctori Martino nicht enthkegen sein Ewre Veränderung, dy ich 
In meinem eirif eltigen verständt vernim gutt sein . . .'; er wünscht die 
noch nicht gedruckten predigten einzufügen und versichert: 'will ich 
mit gantzem fieys noch E, w. correctür machen. Ani 13. 5. (nr. 219, 
s. 90) verspricht er : 'wil ich mich mit dem. drucken wie mir K. w. In 
den briüen gav fieissig augezeiget hott mit der hulff gottes recht halten . . .', 
schickt gleichzeitig eine winterpostille 'zu corrigireri. 

Worin bestanden Roths 'Veränderungen'? In der Weiin. ausgehe 
ist bis jetzt nur die winterpostille veröffentlicht worden (bd. X, 1, 1). 
Wenn wir dort die mit Lo(tter) - bezeichnete ausgäbe von 1526, die 
letzte von Luther selbst korrigierte, und deren nachdruck L<> : \ mit 
Lo 4 , der 1529 von Roth durchgesehenen aufläge, die der herausgeber 
in der einleitung als 'eigenartig und stark selbständig' bezeichnet, 
vergleichen, so finden wir, abgesehen von nicht unerheblichen stili- 
stischen Veränderungen, auf die wir hier nicht eingehen, auch einige 
grammatische: die superlativendung -ist ist durch -est ersetzt: die 
e-apokope stark eingeschränkt; die vorsilbe ge- beim partizip ausgedehnt: 
alles vom nhd. Standpunkt aus gesehen einen fortschritt bedeutend. 

Die beziehungen zu andern druckern nehmen in Roths korre- 
spondenz einen geringren räum ein. Johann Forstemus in Zwickau 
wendet sich an Roth (wahrscheinlich 1524: nr. 45, s. 36) mit dem 
anliegen, einen gewissen Valentinus, der in Halle eine offizin auf- 
getan habe, zu unterstützen; auf denselben drucker bezieht sich wohl 
ein undatierter brief Krugers aus Halle nach Wittenberg (nr. 46, s. 37) : 
'ir wollet gedencken des buchtruckers ojj'n Nawenmargkt rar Halle i/n 
behnlf flieh zeu schigkeu zeu drucken'. Nach Buchwalds Vermutung 
wäre die 1525 in Halle erschienene Übersetzung der loci Melanchthons 
hierauf zurückzuführen. 

Valentin Hertel verwendet sich für den Zwiekauer drucker 
Georg Gastel, dem Roth vorschlage gemacht hatte; Hertel vermittelt 
dessen dank und die bitte, Roth möge sich, wenn möglich, sofort zu 
einer besprechung nach Zwickau begeben (1525, nr. 62 b, s. 41 f.). 
Näheres erfahren wir nicht. Ein andermal (undatiert, nr. 68, s. 43) 
bitten Hertel und Gastel in einem gemeinsamen brief, Roth möge 
ihnen etwas neues zu drucken schicken. 

Michael Blum in Leipzig (vgl. o. s. 240 anm.), der versichert (nr. 82, 
s. 47): 'ich hob der bucfdyn keynn vorstandt - er ist in seiner Schreib- 
weise durchaus rückständig -, verhandelt 1526 mit Roth, u. a. wegen 
seiner Übersetzung des psalms 'Vom königreich und priestertum', die 



244 \YK!I>KMA\N 

aber schliesslich doch in Wittenberg gedruckt worden ist, und wegen 
mehrerer anderer Schriften, die er Roth -wohl zu überlesen' bittet. 

14 tage später hat er eine äntwort erhalten, die für uns ins gewicht 
fällt (29. 3. 26, nr. 83, s. 48): 'ewer schriben hab ich sehr ivol 
vorstanden vnd ist myn flyssige litt ihr wolt mir die orta- 
grahie schicken au ff das ich mecht eyn vorstandt druss 
nemen wie man recht vnd ordenlich setzen sol . . . .' Was 
ist unter der 'ortagrahie' zu verstehen? Handelte es sich um ein 
Orthographiebüchlein, oder hatte Eoth orthographische regeln für den 
drucker aufgezeichnet? oder eine textprobe seiner Orthographie ge- 
geben? Blum verspricht weiter 'ich wil mich mitt dem gelt erbar/ich 
gegeii euch halten vnd leuntschafft mitt euch machen . . . .' Viel später 
(okt. 1534, nr. 458. s. 153) bittet Michael Blum (söhn des vorigen?), 
ein nicht genanntes lateinisches werk mit seiner deutschen Übersetzung 
zu vergleichen, da es ihm 'vbel verdeudsch' scheine; Roth möge das 
'(/eieesch austilgen und seinen 'fleiss darbey than', ausserdem den 
zweiten teil, der noch nicht übersetzt sei, verdeutschen ; Blum werde 
das werk dann drucken lassen. 

Georg Rh au in Wittenberg, Roths schwager, zeigt sich um 
genaue herstellung seiner drucke nicht nur sorgfältig bemüht, er ist 
auch selbst in seiner Orthographie fortgeschritten, hat besonders die 
konsonantenhäufung eingeschränkt. Mit ihm beginnt der briefwechsel 
im herbst 1527, als Roth nach Zwickau zurückgekehrt ist. Rhau 
kündigt dem schwager an (nr. 138, s. 66). er wolle jetzt beginnen, das 
'bettbuchlein, wuchs yhr mir zugerieht habt' zu drucken. Am 10. 2. 1528 
(nr. 149, s. 70) wird dieses werk noch einmal erwähnt 'so yhr mir yh 
ein ordenung gestellet habt'; endlich (30. 10. 28, nr. 184, s. 80) wird 
der anfang des druckens gemeldet :* 'das buchlyn, so yhr mir für einem 
Jar geordnet habt'. Der druck ist jedoch nicht nachzuweisen. Gleich- 
zeitig taucht ein neuer plan auf, der nicht verwirklicht werden sollte, 
nämlich, dass Roth einige bände von Luthers werken herausgeben soll 
'so yhr nu bereit ynn ein Ordnung gefasset habt'. 

Mit einigen buchhändlern steht Roth in ähnlicher Verbindung. 

Peter Schurer iu Leipzig will (ende Oktober 1527, nr. 167, s. 65) 
'sermones Martini' drucken lassen, die Roth ihm schicken soll: er 
hofft, Roth werde für seine mühe des korrigierens nur ein geringes 
begehren. Schurer verhandelt mit dem Zwickauer drucker Gabriel 
Kantz und bittet Roth (21. 5. 28, nr. 158, s. 73): 'ivolt fleyss thun 
mit dem corrigirn vnd drob sein das reyglich 1 gedruckt werdt'. Am 

1) oder reynlich? 



STEPHAN ROTH ALS KORREKTOR 245 

11. 7. 28 (nr. 168, s. 75) erhält Roth 2 gülden als abschlagszahlung; 
Roth möge fleiss daran wenden, dass gut gedruckt werde. 

Schurer tritt dann wieder auf im namen seines herrn, des buch- 
händlers Wolf Brenn lein, dem Roth eine Übersetzung des 'Processus 
iuris' von dr. König (einem Zwickauer) anbietet. Am 29. 2. 29 (nr. 206, 
s. 87) schreibt Breunlein: 'nachdem cnd ir mir geschriben habent von 
wegen dess process in wider zu voregern cnd sollt durch gabrihel 
(Kantz) drückt werden . . . .' Breunlein lehnt dies ab, da das werk 
schon durch seinen bruder, Hegendorn" und 'andre gut gesellen l vly- 
sich coregirtt' und durch Lotter gedruckt werde. Darauf scheint Roth 
zur antwort gegeben zu haben, das werk bedürfe noch der rechten 
Orthographie; denn Breunlein lässt Schurer ziemlich unhöflich ant- 
worten (4. 5. 29, nr. 217, s. 89): Er sey gm gecorrigirt vnd gedeuscht 
genugk, sso ir aber keynen genügen dran hapt, sso soll ir euch ein 
eggen machen cnd deuschen cnd geographirn(!) } wge er euch geuelt'. 

Roth gibt seine absieht in der tat nicht auf, sondern wendet 
sich an den buchhändler Christoph Schramm in Wittenberg, der des 
druckens wegen Georg Rhau heranzieht. Schramms bedenken ist 
aber (8. 8. 30, nr. 293, s. 109): 'es wurde vill corrigirens nehmen, 
uenn yhr nichtt selbst darbcg uerett, muste ich zwey geltt daruor geben 
iwmlichen euch irstlicheü cor das exemplar (= manuskript, fcext), das 
andere zu corrigireü . . . .' Das heisst: 1. Roth wird bei anwesenheit 
am druckort als beaufsichtiger des druckens gedacht; 2. Schramm 
muss das herrichten des textes und das korrekturlesen (das er einem 
Wittenberger übertragen will) bezahlen. Roth schlägt darauf vor, das 
buch in Zwickau drucken zu lassen ; Schramm billigt dies, verzichtet 
aber doch persönlich auf die Unternehmung, da er weder den inhalt 
kenne noch wisse, 'auf uilche landschafft es gemachtt sege. Dagegen 
wünscht Schramm seinerseits (4. 2. 34, nr. 433, s. 143), dass Roth 
die 'instituta Murnars deutzsch', die Sehr, einem inzwischen verstor- 
benen Sauermann zu 'übersehen cnd corrigireü 1 gegeben hatte, über- 
sähe, damit Sehr, sie drucken lassen könne. Auf den 'process' kommt 
er, andern sinnes geworden, 1538 noch einmal zurück, jetzt ver- 
sprechend: 'ich wollts also verschaffen mit der correctur . . . das man 
ein gefallen daran sollt haben'. Ob die angelegenheit zum abschluss 
gekommen ist, geht aus den briefen nicht hervor. 

Auch für autoren war Roth tätig. Valentin Hertel in Zwickau 
(26. 4. 25, nr. 53, s. 38) hat ein deutsches gesangbuch zusammen- 
gestellt und will es drucken lassen, jedoch nicht 'nisi tuum ac- 
cesserit quoque iuditiunv. Ausserdem schickt er einen dialog (streit 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XLVIII. 17 



2\ti WEH) KM ANN 

der tilgenden), dessen vorrede ihm noch nicht ganz zusagt, 'quam 
tu una cum caeteris. mendis purgare' studebis'. Im mai (nr. 55, 
s. 39) dankt er für »las günstige urteil 1 : 'tu curabis imprimi, nihil 
ego hinc cupio vel pecuniae vel lucri'. Gleich darauf kommt eine 
antrage (nr. 56, s. 40), ob der dialog in Zwickau gedruckt werden 
könne; dann (ohne darum, wohl auch 1525, nr. 62b, s. 41), schickt 
er Roth ein werk des Rivius (früher lehrer in Zwickau): 'scholia 
in carmen Erasmi de senectutis incommodis. Quae si exquisite 
ac breviter tua opera quemadmodum non diffidimus, prelis com* 
missa fuerint, sequentur alia . . .' ; es werden vier, offenbar latei- 
nische, dichtungen genannt; das letzte, ein liebesgedicht, soll Roth bei 
sich zurückbehalten, 'idque aut ipse einendes aut rursum ad nos ire 
eures et quid magis addendum quidve immutanduin censeas, subsig- 
nifices". In den folgenden briefen wird um beschleunigung gebeten. 

Simon Stein in Altenburg schickt Roth 22 groschen (8. 12. 29, 
nr. 257, s. 100): 15 für den drucker, 1 für die famuli, 6 für papier, 
bittet um die gedruckten exemplare und dankt Roth 'pro labore 
suseepto'. 

Naogeorg in Kahla, dann in Suiza, wendet sich an Roth 
im juli 1542 (nr. 673, s. 208, nr. 680, s. 210). Hans Tirol ff in 
Kahla im gleichen jähre (8. 8., nr. 675, s. 208) an Roth: 'hirmit 
übersende ich E. Erb. die rheym so Ihr von mir begert hobt . . . ist 
nun etbas drin onrecht, das khunt Ihr leichtlich noch ewrm furpuri- 
digen Jndicio bessern, soll aber der sententz iveitleufftiger aussge- 
strichen werden, so wil ichs auch gern thun, allein schickt mir cur 
meinung ein notel für geschriben . . .' 22. 12. (nr. 688, s. 212): 'Ich 
vber sende E. A. hirmit die fabul daruon ich E. A. gesagt hab, Bit 
freuntlich, wo Ihr . . . ein lust hettet, solche meine narren possen zu 
lesen, Ihr icolts nicht vnderlasen vnd mir anzeigen so euch etwas zu- 
fhiel, das noch drein zubr engen teere, oder aber billich solt aussgelescht 
sein ...-.' Tirolff war von Roth selbst zur Übersendung aufgefordert 
worden; ebenso will er Paul Rebhun zu Veröffentlichungen veran- 
lassen, wie aus dessen antwort hervorgeht (7. 4. 43, nr. 700, s. 214): 
Roth habe ihn gebeten 'ut literas meas de poesi germanica ad Crim- 
niezenses scriptas perlegerem, ac, si videretur, em'endatos in publicum 
aedi curarem'; Rebhun selbst will die schritt nun weder emendieren 
noch einem drucker übergeben, aber nicht einem andern verbieten, 
dies zu tun. 'Aedatur, legatur, probetur, usurpetur . . . .' Hierher 

1) 'Eyn gesang Buchleyn, welche man yetzund ynn Kirchen gebrauchen 
ist'; Zwickau 1525, Gastel. 



STEPHAN ROTH Al.> KORRBKTOK 247 

gehören auch Rebhuns briete über seine grammatik. (vgl. o. s. 237 f.). 
In dem zweiten fügt er am Schlüsse hinzu. d;iss er nach günstiger 
antwort auch mit seinen Zwickauer freunden über die Veröffentlichung 
verhandeln wolle. 'Ouperem sane. si vobis videretur aeditu dignus 
hie labor, eum primo quoque tempore in publicum exire .... sed 
de hoc vestrum prius iudicium expecto'. Bekanntlich ist es zu dieser 
Veröffentlichung- nie gekommen, und das manuskript. das er zurück- 
erbittet ('ne qua pereat, nam eins mihi noii alia est copia'), ist leider 
doch verloren gegangen. 

Mit keinem autor hat Roth eine so eingehende korrespondenz 
geführt wie mit Caspar Güthel; keine andere lässt uns einen 
so deutlichen einblick in sein verfahren tun. 

Caspar Güthel \ ein anh'änger Luthers, stammte aus Reetz oder 
Rotz i Oberpfalz, ostfränkisches Sprachgebiet), wo er 1471 geboren ist. 
Er ist viel herumgekommen. Seit 1494 sehen wir ihn auf ostmd. 
gebiet: er studiert in Leipzig, wohin er später zurückkehrt; seit 1510 
ist er in der nähe von Zwickau, dann in Zwickau selbst, prediger; 
mit 43 jahren geht er ins kloster (Neustadt a. d. Orla), seit 1515 ist 
Eisleben sein Wohnsitz. Wann er Stephan Roth kennen gelernt hat, 
wissen wir nicht. 

1522 beginnen Güthels reformatorische Schriften zu erscheinen 
(in deutscher spräche, öfter in dialogform), 1523 lässt er in Zwickau 
drucken, zuerst bei Gastel, dann bei dessen nachfolger Kantz bis 1529. 
Einige dieser Schriften habe ich einsehen können : die Zwickauer drucke 
vor Roths rückkehr (1523-27) zeigen nur geringe ab weichungen von 
den handschriften; ein druck von 1530 (bei Sachse in Erfurt), mit 
zahlreichen druckfehlern, zeigt einige abweichungen, z. b. tt; odder; 
solich, solllch; suffix -nys (nicht -uns). Eine besondere gruppe bilden 
die 3 unter Roths aufsieht in Zwickau gedruckten Schriften des Jahres 
1528, von denen noch die rede sein wird. An handschriften be- 
sitzen wir von Güthel seine briefe an Roth, etwa 20 längere und 
kürzere, ein kleines bruchstück seiner judenschrift (beide in Zwickau), 
endlich eine predigt aus dem jähre L532 (Andreasbibliothek zu Eis- 
leben). 

Die ersten briefe Güthels an Roth 2 , die dessen Vermittlung zur 
Drucklegung eines werkes in anspruch nehmen, sind noch nach Witten- 
berg gerichtet. 

1) Näheres über ihu : G. Kawerau, Caspar Güthel, Zschr. ü. Harzvereins 
14. s. : J ,:iff. 

2) Katsschulhibl. zu Zwickau; von mir sämtlich im original benutzt. 

17* 



24 S \Y KIM-: MANN 

1. 12. in ai 152 7 (ohne bezeichnung) : Luther überträgt korrektur und 
Verausgabe eines Gütheiseben Werkes an Roth: 

Xnr/t dem euch eyn Diälogus durch Doc. Martinum luether zeu gestelldl 
vnd befolhenn dm selligenn zeu vbersehenn vnd ynn druck zeu geben, Ist der 
hall» im meyn. ßeyssig beth yhr wollet euch solcher müe nichdt lassenn beschwerenn, 
den selbigenn ynn druck zeu corrigirenn vnd aussgeenn lassenn. 

2. !>. Juli 1527 (N 115): Güthel wiederholt seine bitte; schlägt druck bei 
Rhau oder einem andern vor: 

'Meyn bethe yhr wölleät den dialoguin, icye zeu vor auch gebethen, auffs 
eerst yhr mugedt bey euch durch Jeörgen Rairh oder eynen andern ynn druck 
verfertigenn vnd corrigirenn.' 

3. 2 5 juli 152 7 (N 116). a) Roth hat änderuugsvorschläge gemacht in 
bezug auf titel und sonstiges, b) Güthel will vor dem 'dialogus' zwei sermone bei 
Rhau drucken lassen, bittet Luther oder Roth, sie zu 'übersehen' : 

a) 'Eurem nechsten schreyben nach lasss ich myhrss wolgefallen dass der 
Tittel ymm Dialogo nach eurem liadt, dass vnd anderss geenderdt werde, b) Ich 
bylui aber hoch verursachdt dysse beygelegdte sermon ynn druck czu geben . . . 
vnd möchdt wol leydeü, dass dye selbigen Jörg Raivh druckedt eynenn yeczlichen 
ynn sunderheydt, Trag nichdt czweyfel, söllenn yhni wol abgehenn, vnd woldt sye 
lyeber lassenn den vorgangk vor dem Dialogo zeu habenn. Ist der halben meyn 
freundlich byth wölledt sye meynem wunderlichen herren vnd Preceptori Doc. 
Martino vberandtwordt vnd meynendt halben auffs fleissigste czu vbersehenn oder 
solch euch befelhenn dass sye möchten eher besser ynn druck verfertigt . . .', 
'. . . alss vyhl an euch rerschaffenn, sye bey euch czu Wittentvergk möchdteun 
abgefertigdt wer denn.' Es ist interessant, dass hier von Luther eine derartige 
'korrektorarbeit' an einem fremden werk erwartet wird ! 

4. 6. Oktober 1527 (E 75. Nach Zwickau): a) Khan hat sein versprechen 
in bezug auf die sermone nicht gehalten, b) Der 'dialog' soll nun Kantz zum 
druck übertragen werden mit persönlicher korrektur Roths, c) Mit einer titel- 
änderung ist Güthel einverstanden, legt einen neuen, den er vorschlägt, bei: 

a) '. . . fuege euch . . . zeu wissenn, dass myr Jeörg Haw von Wittenburgk 
geschribenn dess Daihums am tag S. Jacoby aussgangen midt gewisser zeusage, 
dass ehr dye 2 sermon iroldedt, tvenn ehr Genesim finyrdt hedt, aufflegen. Ist 
aber nichdt geschehenn . . . .' b) 'den Dialogum aber den yhr bey euch habdt zeu 
Czwickaw, so den Gabriel nach dem markdt iroldedt aufflegenn lasss ich myr 
wol gefallenn, doch alsso, . . . dass yhr den selbigen persönlich wöldedt corrigirenn, 
denn gedachter Gabriel nichdt allczu Jleissig ist ynn seynem druck, wo ehr aber 
icoldedt fleyss für wenden, woldt ich yhm dye 2 sermon auch czu schickenn. 
c) . . . wo yhrss für guet ansehedt, wye ich dann auss euren schrifftenn vonii 
wiltenbergk hob vernummenn, dass man dass buchleyn nichdt eynenn Dialogum 
nennedt sunder ynn der vberschriff'dt yhm eynenn andernn Tittel gäbe, Ist myr 
auch nichdt entgegenn. Vnd wo ess euch wol gefyel, möchths der meynunng, ivye 
eyngelegdt oder dergleichenn geschehenn, Stell euch sölchss alless heym'. 

5. Ohne datum (E 77, scheint hierher zu gehören): Rhaw will nicht, 
Güthel schickt die sermone, damit Roth sie entweder in Leipzig an einen Witten- 
herger drucker oder an Kantz übergebe. Es ist Güthel nachricht zugekommen: 

'dass Jörg Bawh Genesim auff ein neives hob auffgelegdt vnd furgenumenn 
zeu druckenn vnd sich papyrhs halbenn endschuldigdt. Derhalbenn ich euch dye 



STEPHAN ROTH ALS KORKKICTOK 



240 



g&toey sermon auch hyemidt zcu schicke, Bittende, wo yhr dye selbiyenu, yeezt 
ymm marekt zcu Leipzigk bey den Witte nbergischenu buechdrückernn möchtedt 
cynbringeun . . . wehr myr wol zcu danck, wo aber nichdt, midi euch yegenn 
Czwickaic zcu nemmen, vnd midt eerst vermeldtenn Gabriel darvon handelnn.' 

6. 18. okt. 1527 (0 107). Wiederholung der bitte um druck bei Kantz, 
und zwar zuerst der sermone : 

•. . . bythe y?ir wölledt also verfliegen, dass dye Sermone* eerstlich vnd 
nachmalss dass ander buechleyu ymm druck wo yhr für rermuget eynezubringenn 
rerfertigdt möchten» iverden .... 

Es tritt eine pause der korrespondenz ein. Die sermone erscheinen 1528 
bei Kantz 1 . Beide stimmen hinsichtlich der Schreibweise fast mit der judenschrift 
überein. 

7. 19. 'au gu st 1528 (0 74). Roth hat eine Umarbeitung der dialogus-hand- 
Bchrift begonnen und Güthel eine probe geschickt, womit dieser durchaus einver- 
standen ist. Er bittet Roth, mit der arbeit fortzufahren und sie ihn dann, offenbar 
im manuskript, wieder sehen zu lassen, zugleich einen drucker vorzuschlagen : 

'Ich habe eteer nechst schreyben, rathe vnd guetmeynung dess vnterrede 
buechleyiiss allenthalbenn vernumenn vnd lyesss myhrss auch fast wolgefalleuu, 
dasss dermasss wye durch euch ymm eerstenn vnd andern n qua- 
ternn ang efang enn , durch y emanndt würde vbersehenn vnd durch 
dye spyesss zcu laufen verordnedt. Dye iveyl denn yhr von Got, wye öffenntlich 
am tage, midt der genade für andern höchlich begabedi, . . . wölledt . . . solch 
buechlein, icye angehabenn . . . byss zeum ende vbersehenn vnd eivress verstandtss 
besser»)/, auch midt aneseygenn, ivo sölehss anim bestenn ynn druck zcu ver- 
fertigen, vnd . . . aujf meyn kost midt eygnem bothenn wyderumb czu schickenn.' 

8. 7. September 152s (Q 75). a) Auf Roths 'erbieten' und 'bedenken' 
antwortet Güthel: Ja, der dialog soll ganz übersehen und die Orthographie geändert 
werden, b) Roth selbst soll den druck veranstalten und o) den drucker beauf- 
sichtigen, d) Ein titel wird beigelegt: 

a) 'Ich habt eicer freundtlich erbyelhenn, sambdt ewrem bedenckenn eitdi- 
'pfangen vnd seyness ynnhaldtss verlesen, lasss myhrs auch gantz wolgefalloi», 
vnd ist darauf meyn Jleissigste Ijythe, yhr wölledt ... den Dia log um durch 
v n d durch vb ers ehe n rnd ewerss gefallenss vnd u a c h der e w r e » n r t o- 
g r apliiam dye andernn rnd myr fast w olg efelldt castigirenn, stillen 
vnd 1)) bey euch auff ewer gelegeuheyt ynn den druck geben » : dann ich daran 
nichdt mangel hab, so yhr den selbst wurdet vbersehenn rnd wo yhr yhn für euch 
wölledt lassen drucken» wehr mir- noch lyeber rnd sali dannoch euch an schaden 

1. 11 2 
li 1. -Von mereklichen misbreuchen'; RSB — . 

o. 

2. 'Von dem Hochwirdigen Sacrament des fleischs und bluts Jhesu Christ.' 

1 11 2 

RSB ' ■■ . 

2) Güthel schreibt gewöhnlich 'myhr' (auch 'myr'). Audi diesmal beginnt >t 
~myh'; aber unter dem einnuss der Röthschen Orthographie, die er oben in fliefcein 
briet anerkennt, streicht er das geschriebene durch: myh und setzt an die stelle 
'mir', wie in Roths handschriften. 



S50 WEIDEMANN 

seyn. c) Alleyn dass der drucke)' nichdt so vnfleissig dar von schlauderedt wye 
syt pflegenn ecu thwenn wo nyemandt dar bey ist . . . d) Vnd wo ess euch gef ellig, 
möchdt ich dysen Tutel nach aussweisung ewrer hanndschriffdt gernn ausswendig 
amm anseherin dess büechleynss gesetzdt haben . . . .' 

9. 7. nov. 1528 (0 83). Roth hat um geld geschrieben, a) Güthel schickt 
eine summe, b) Beaufsichtigung des druckers wird nochmals eingeschärft, c) alles 
übrige, geschäftliche Roth überlassen, d) Mit Roths titel ist (iüthel einverstanden: 

a) 'Eurem uechstenn schreybenn nach . . . Schick ich euch 6 fl wye yhr für 
guedt ansehedt Gabriel kancz zcu gebenn oder verlegen) t aha denn so voll ehr 
den dialqgumm auff ewer kost drückenn .... b) Alleyn tneyn bydt, yhr wölledt 
selbst »u/dt vleyss achtung dar auff gebenn, dass ehr rechdt. vnd wol gedrückt 
würde, c) will ich . . . wye vyle der exemplaria auffcsulegenn euch selbst heyrnge- 
steüdt haben, So gyldt myhr ess auch gleych dass myhr 6 fl wyderümb beczaledt 
oder so rylc exemplaria rherandtivurdl werdenn. d) Ich lyesss myhrss auch wol 
gefallenn, dass dyss büechleyn den Tutel wye yhr yhm den gesteldt habdt be- 
hyldt vnd dasss nichdt für eynen Dialogum von aussen genanndt wurde . . . .' 
Zinn schlösse wiederholt Güthel die bitte, Roth möge wegen der besonders ihm 
verliehenen gnade das büchlein mit fleiss 'stellen, ewerss gefallenes übersehen«, vnd 
dem Gabriel kancz guedt auffsehenn tragen)/,, dann ehr vnvleissig wye yhr wissoW. 

10. 19. nov. 15 28 (0 98). a) Wiederholung des iuhalts des vorigen, ver- 
loren geglaubten briefes. b) Übersendung eines 'zusatzes' zum manuskript; dies 
ist das einzige uns von diesem erhaltene stück (0 82 bezeichnet): 

b) 'Ich hah eynen kleynen zeusaez midt gegenwertigem schreybenn begriffen», 
Bydt wölledt den auch hyneynbringen ivye verezeichenndt.' 

11. 24. (Jez. 1528 (N 114). a) Bitte, fertige exeraplare zu schicken, b) die 
übrigen in Leipzig oder sonstwo vertreiben zu lassen. 

12. 5. Januar 152 9 (o 81). a) Dank und Zufriedenheit, b) Güthel will 
nur 50 exemplare, c) will einen teil selbst vertreiben : 

a) 'Ich hab dass exemplar gedrückt entpfangenn, Spure ewren mereklichenn 
vleyss darynnen beieeysedt vnd bedanck mich höchlich, b) Begere auch keyner 
rechnung, woldt gernn von wegenn ewrer gehabtenn mue vnd darleg ung für papyr 
vnd drüekerlon dass yhr dye selbigen möchtet wol aussbringenn. Ich byn midt 
den 50 exemplaren fast wol content vnd begere nichtss meer, dann yhr dye 
g rösten n mar vnd arbeydt hyrinnen getragenn'. 

13. 1. juli 1529 (E 80): Güthel will weitere 100 exemplare vertreiben. 

14. 24. juli 15 29 (E 74): Er bestätigt den empfang von 100 exemplaren. 

15. 1. okt. 152 9 (E 76): £r schickt 3 fl. als bezahlung. 

Während Roth sich bei der drucklegung der beiden sermone 
vermutlich darauf beschränkt hat, den drucker zu beaufsichtigen, 
scheint ihm der 'Dialogus' einer Umarbeitung zu bedürfen. Die 
stelle des späteren druckes, die wir mit dem handschriftlichen bruch- 
stück Güthels vergleichen können, weist stilistische änderungen auf. 
Als Güthel Roth ermunterte, mit dieser arbeit fortzufahren, kommt 
der korrektor mit weiteren 'bedenken', die, nach der antwort Güthels 
zu urteilen, ungefähr dahin gelautet haben mögen, es sei eine völlige 



STEPHAN ROTH ALS KORREKTOB 251 

Umschrift und Umsetzung in Roths Orthographie nötig-. Hiermit 
erklärt Gütliel sich einverstanden: Roths Orthographie rinde seinen 
beitall und stehe auch sonst in gutem ruf. Dass Roth Grüthels 
manuskript umgeschrieben hat, wird bestätigt durch die tatsache. dass 
das erhaltene bruchstück von änderungen ganz frei ist - kreuze am 
rand und Unterstreichungen mit rotstift sind vorhanden -, trotzdem 
aber die betreffende stelle des druckes nicht bloss stilistisch, sondern 
auch orthographisch davon abweicht. 

Um feststellen zu können, wie weit die Schreibweise des kor- 
rektors sich durchgesetzt hat, brauchen wir 1. handschriften des autors 
des korrigierten werkes; 2. den korrigierten druck; 3. handschriften, 
beziehungsweise druckwerke, des korrektors. Die heranziehung eines 
vom korrektor verfassten druckwerks wird uns ermöglichen, zu unter- 
suchen, wie weit Roth beim druck einer eigenen schritt seiner sprach- 
form geltung verschafft hat, wie weit die praxis der dr uckereien 
etwa den sieg über diese davongetragen hat. 

1. Wir benutzen das gesamte handschriftliche mat.eiial von 
Gut hei. Ausser den handschriften (vgl. o. s. 247) habe ich noch randbeinerkungen 
von Güthels band herangezogen, die sich ziemlich zahlreich in dem saminelbande 
befinden, in den die handschriftliche predigt eingeheftet ist. 

2. Die früher 'dialogus' benannte Schrift, deren vollständiger titel lautet: 
' Von den straffen vnd plagen die etwan Gott vber die Juden vnd auch lang zeit 
ytzt aber ynn Sonderheit vber vns Christen hat verhangen vnd ausgehen lassen. 
Ein kurtze liebliche vuterrede das Christus warer Gott vnd mensch sey. Caspar 
Guthel Ecclesiastes zu Eisleben. 1529' 1 ist das gegebene werk für die vorliegende 
Untersuchung, da die Umsetzung in Roths Schreibweise erwiesen ist. 

3. a) Das überreiche h and sc h r i f t en in ateria 1 von Stephan Roth, 
das sich in Zwickau befindet, vollständig zu benutzen, war nicht möglich, aber 
auch nicht nötig. Denn es sind nur handschriften zu berücksichtigen, die der Um- 
arbeitung der judenschrift möglichst nahe stehen. Aus dem jähre 1528 sind vor- 
handen- und benutzt: 1. Ratsprotokolle (vom 22. sept. ab verloren): 2. das 
'Copeybuch'. Seine brauchbarkeit könnte in frage gestellt werden, wenn die Itriefe 
abschritten abgegangener schreiben darstellten, bei denen Roth von einer vielleicht 
fremden vorläge hätte beeinflusst sein können. Dies ist aber offenbar nicht der 
fall. Denn die briefe tragen durchaus konzepteharakter (zahlreiche durchstreichungen 
und änderungen, im texf und am rande). Was demnach von Roths band stammt, 
kann als zuverlässig seine Schreibweise darstellend angesehen werden. Neben dem 
copeybuch von 1528 ist in geringem umfange das von 1529 herangezogen worden. 

b) Da Roth keine deutschen originälwerke verfasst hat, kommen nur Über- 
setzungen in frage, von denen die letzten im jähre 1527 erschienen sind. Über 
den Zeitpunkt der Veröffentlichung der Lichtenbergerschen Weissagungen 

17 !> 10 

1) RSB z. Zwickau ' ' ' 

2) Im Ratsarchiv zu Zwickau. 



258 WKIDKMANN 

(vgl. 0. s. 239) >iiid wir nicht genau unterrichtet; in einem brief vom Januar 1527 
(nr. 108, s. 55) bittet zwar ein korrespondenl Roths diesen, ihm das werk zu 
schicken: doch braucht es sich nicht notwendig um Roths Übersetzung zu handeln, 
da vorher schon mehrere andere deutsche fassungen des buches erschienen sind. 
Ist aber, was immerhin wahrscheinlich ist. die Rotbsche gemeint, so liegt dieses 
werk zeitlich zu weit zurück. 

In hezug auf eine Übersetzung des Bugenliagens c li e n p salinen kom- 
men tars durch Roth herrscht merkwürdige Unklarheit. Sie wird unter den werken 
Roths von Buchwald (s. 10) aufgeführt. Erhalten ist sie jedoch nicht und von 
K. Vogt 1 und H. Hering 2 nicht erwähnt. Die beiden psalmen Bugenhagens, die 
1525 und 1526 von Roth übersetzt erschienen sind, können doch nicht darunter 
verstanden werden. "Vielleicht gründet sich die annähme, dass Roth den kommeutar 
übersetzt habe, nur auf 2 briefe des druckers Klug, die sich nach Buchwald 
auf dieses werk beziehen sollen, und einen weiteren des buchhändlers 
Schramm (alle 3 aus dem jähre 1527). Mir freilich war von vornherein wahr- 
scheinlicher, dass in diesen Briefen von dem gleichfalls von Roth in diesem jähre 
übersetzten und gleichfalls bei Klug gedruckten psalm enko mmentar Luthers 
(vgl. o. s. 6) die rede sei. Klug spricht (nr. 105 und 106, s. 55 f.) kurzerhand vom 
psalter'. Er schreibt (im februar und bald darauf) an Roth, der vorübergehend 
von Wittenberg abwesend ist. um 'exemplar' (= manuskriptbögen); er habe 30 — im 
zweiten brief 33 — , bögen gedruckt ; Roth möge so schreiben, 'das es 50 bogen 
wirdt vnd drunder nich in das tet/V. Im november 1527 (nr. 139, s. 66) bittet 
Schramm für Klug. Roth möge ihm etwas besseres zu drucken verschaffen, da er 
durch 'diesen psalter* zu grossem schaden kommen werde, denn niemand wolle ein 
blatt davon kaufen. Man hat nun vielleicht geschlossen, einen solchen misserfolg 
könne ein Luthersches werk nicht gehabt haben. Gegen die gleichsetzimg des von 
Klug im februar halb fertiggestellten druckes mit der Übersetzung des Lutherseben 
kommentars hat wohl weiter gesprochen, dass diese erst im Oktober 1527 fertig 
war. wie zwei briefe Rörers an Roth nach Zwickau bezeugen : am 22. September 
(nr. 130, s. 63) nämlich ist Rörer dabei, die 'indices' für das werk zusammenzu- 
stellen: am 6. Oktober (nr. 133, s. 63) berichtet er 'quanta enim poteri diligentia 
studui, ut quam correctissime et emendatissime omnia exeuderentur'. Ferner er- 
wähnt er Luthers vorrede: 'ter quaterque fere accedendus erat, antequam eäm ex- 
torquerem'; schliesslich gibt Rörer an, in Roths vorrede und in der 'summa psal- 
uiorum' einiges geändert zu haben. Hiernach ist also der späte Zeitpunkt der 
Vollendung unzweifelhaft. Es fällt aber auf, dass das werk das datum: 1. 5. 27 
trägt. Zudem hat es ziemlich die länge, die Klug gewünscht hat, nämlich 4672 
bögen, und stellt sich als 'ersten teil' dar (vgl. Klugs äusserung; der zweite ist 
freilich nie erschienen). Endlich wäre es merkwürdig, dass Roth durchaus dem 
Klug etwas zu drucken schaffen soll, damit er nicht ruiniert wird, wenn dieser 
gleich nach dem misserfolg mit einem Bugenhagenschen einen erfolg mit dem 
Lutherschen psalter erzielt hätte. Meine Vermutung ist demnach, dass der druck 
des Lutherschen kommentars schon im februar begonnen hat und im wesentlichen 
am 1. mai fertig war, dass aber aus unbekannten gründen das erscheinen sich ver- 
zögerte und die letzte band erst im sept./okt. angelegt wurde. Auf das Luthersche 

1) Johannes Bugenhageq Pomeranus. Elberfeld 18H7. 

2) Schriften des Vereins f. reformationsgesch. Halle 1898. 



STEPHAN ROTH ALS KORREKTOR 253 

werk bezöge sich Schramtns klaye im november. Von Bugenhagens psalmen hätte 
Roth nur die oben erwähnten, und diese schon früher, übersetzt. 

Scheidet so die Übersetzung des Bugenhagenschen kommentarg ganz aus. so 
werden wir die des Lutherschen auch nicht zugrunde legen können, weil, wie uns 
die briete zeigen, Roth die fertigstellung nicht beaufsichtigt, sondern Körer das 
korrekturlesen überlassen hat. Es bleibt nur noch eine Übersetzung übrig, deren 
titel lautet : 'Summarien vnd hinhält alles Capitel der vier Euangelisten, ausgezogen 
durch Johannem Buggenhagen Pomer. Wittenberg 1527' K Das büchlein ist bei 
Rhau gedruckt, aber nicht in der korrespondeuz zwischen Roth und seinem 
Schwager während der letzten monate des jahres 1527 erwähnt, obwohl diese briefe 
sich ganz um im druck befindliche oder zu druckende werke drehen. Daraus kann 
wohl mit ziemlicher Sicherheit geschlossen werden, dass das in frage stehende buch 
damals schon fertig, also während Roths anwesenheit in Wittenberg gedruckt 
worden war. So spricht Roth auch in seiner vorrede von Bugenhagen als l vn$er 
Pffarrh.er alhie zu Wittemb. . . .' 2 

Roth hat sich erboten, das zu korrigierende werk in seine 'Ortho- 
graphie" umzuschreiben. Die damalige zeit fasste den begriff 'Ortho- 
graphie' weiter und verstand darunter ausser rein graphischen erschei- 
nungen auch die Widerspiegelung des lautstandes in der schritt. Roth 
und Grüthel sind beide ostmitteldeutsche. Es sind daher in lautlicher 
hinsieht keine tiefergehenden unterschiede zwischen ihm und Roth zu 
erwarten. Ganz anders steht es in bezug auf die recht Schreibung. 
Diese machte gerade in unserm Zeitraum eine Veränderung durch, in- 
dem vor allem die konsonantenhäufung abgeschüttelt wurde. Mit. 
andern Worten, ein neuer stil brach sich in der Schreibung bahn, der 



1) Königl. bibl. zu Berlin. Br. 8131. 

2) Es handelt sich hier um eine Übersetzung aus dem niederdeutschen. Es 
musfi eine ausgäbe des neuen testaments zugrunde gelegen haben, die weder bei 
Vogt noch bei Hering verzeichnet ist. Nach beiden soll erst im jähre 1530 eine 
ausgäbe mit summarien erschienen sein, in deren vorwort es heisst : 'de icile ich 
sen, dal man nu nnnütte Summarien, vor de Kapittel mähet, hebbe ick och gemahit 
Summarien vor de Kapitel, de mit sich bringen den Vorstande des ganzen Textes, 
edder Orsache geven dem Vorstande na to trachtende. Ich mene, dat solch Arbeit, 
icowol geringe, dg wert wol gevallen vnd niitte syn.' Vgl. hiermit Roths vorrede 
von 1527: 'Bieweil Johann Buggenitagen Pomer ... gesehen hat. das mau vnnütze 
Summarien vor die Capitel gm Newen Testament hyn vnd widder sich unterstehet 
SU machen, hat yhm solchs vrsach gegeben . . . ynn die vier Euangelisten auff ein 
yglichs Capitel ein Summarien zu stellen, ivilche offt mit sich bringen den verstand 
des gantzen Texts, Odder <y%e vrsache geben, dem verstände ferner nachzutraclüen.' 
Roth habe diese summarien aus der sächsischen spräche 'auf/' vnser hoches deutsche 
vmbgesehrieben' : 'versehe mich, solche erbeyt, wiewol sie gering ist, werde vielen 
nütze sein vnd wolgefallen'. Roth hat also obiges vorwort benutzt, das einer, 
spätestens 1527 erschienenen, ausgäbe des plattdeutschen testaments, welche die 
summarien bereits enthielt, entnommen worden war. 



254 WB IDEMANN 

die verschnörkelte gotik überwand. Zu den Vertretern desselben gehört 
Stephan Roth ; zwischen seiner und der Schreibweise der von ihm 
korrigierten werke besteht ein stilunterschied, der sieh weit mehr als 
die lautlichen äbweichungen bemerkbar machen wird 1 . 

A. Rechtschreibung. 

I. Bezeichnung der vokale. 

a) Umlautsbezeichnung. 1. ä, d, au. 

G: ä: täglich (2); fraglich (1) treglich{l). ä: gäbe, gerate (je 1); klürlkh 
(4) feierlich (1); sdligkcit (i) se(e)ligkcit (6). <iu: kaufen (1). ' Im ganzen 11 belege, 
sonst überall e, eu. Bei .TSE dagegen nur e, eu. .TiS)E geg. <; : teglich, treglich 
geretc, Seligkeit. 

2. u. G: büchlein (4) büchfürer (2) buchlein (7); drücker (4) drucke?- (I), 
drucken (= drucken) (4) drucken (3) ; düncken (2) duncken il), durch (2) durch (sonst), 
fügen {2) fugen (2), fürchten (1) furchten (1), füren (3) füren (4), /«>• (3) /«r (31), 
/ftrsf (1) /«;•*< (1), grüssen (5) grussen (2), günstig (10) gunstig (19), jünger sb (1) 
jungst (1) junger (3), kümen (— kommen) (1) komen (4), kümst, -t(b) kumst, -t (3), 
Innungen (3) rermugen (5), müglich (3) tauglich (4), mtZÄe (6) /««Ae (5). -wtts (2) -n«s (2), 
nützlich) (2) «wte(fo'cA)(2), Sünder (= sonder) (2) sunder (5), sünst(l) sunst(l), um 
(15) mjb (4). toünderlich(l) icundcrlich (1), würde opt. (5) lowtfc (4), r« (2) rw (sonst); 
23 stamme, darunter 10 mit umlaut gegen nhd. Unbezeichnet : bruder pl., fulen, 
fünf, gunueu. hülse, kun, künde opt., Zw<?e sb, lugner, munch, geruchdt. zurück, 
spuren v., stunde opt., stutzen, -süchtig, sunde. trüb, zürnen (18 stamme), ü : 
dürft, frümhkeit, glück, krüppel, müssen, müntze, stück, stürbe, wüste (9 st.) ; 
geg. nhd.: s£»6e. 

.1 : drücken (1) drucken (1), durch (1) durch (sonst), fluchtig (1) flüchtig (1), 
ausfluchte (2) ausfluchte (2), füren (1) füren (sonst), für (2) für (39), fürchten (3) 
furchten praes. (2), kumst, -f (13) kümst, -t(i), verkündigend) -kündigen (sonst), 
mt*'(2) »«r (sonst), nützlich (1) nutzlich (1), rußend) rufen (3), Wtfe (1) rwtfe (7), 
stundi opt. <5) stunde (1). (13 st., davon 5 gegen nhd.) u: /»»£, sunde (2 st.). Sonst 
nur ii : geduldig, gülden sb, jü<fo, schuldig, um. 

S:funf(l) fünf (1), für (19) /är (29), rüffen (1) rufen (2). suchen (20) 
suchen (2). sünde (1) sunde (sonst), wunderlich (3) wunderlich (2). (ß st., davon 3 
gegen nhd.) Soust ü: jöcfe, schuldig, um. 

R: gebürlich (7) geburlich (3), hürger (21) fcw/v/ir (41), drücken (= drucken) (3) 
drucken (2i. durch (\) durch (sonst), /«# sb (1) /«# (a), /7<?-m (2) /«rew (2), fünf (2) 
funf(l), für (34 1 Ar (47), /itrs* (5) /wr*< (8), ,r/i77rfen sb (11) gülden (9), günstig (13) 



1) (i = Güthels handschriften, J = Judensclirift. S = Summarien, E = Roths 
handschriften, Wir geben nur die belege für diejenigen erscheinungen, die ent- 
weder in allen 4 texten oder mindestens bei Gf, J, R oder bei G, J, S belegt sind. 
Steht G allein gegen J(S)R, so hat die form des korrektors, stehen GJ gegen SR, 
so hat die form des autors, stehen (iE gegen GS, so hat die form des druckers 
gesiegt. Unsicher bleuten die fälle, wo G gegen .TS steht (ohne E): denn es kann 
sowohl der drucker wie der korrektor ausschlaggebend gewesen sein. 



STEPHAN KOTII ALS KORREKTOR 2.YO 

günstig (2), gr&ier sl> (4) guter (2), gütlich (3) gutlich (2), feüJ/e (5) /mZ/e (2), jüngst flu) 
jungst (1), künftige!) künftig (2), mügen(9) mugen (1), vermügen sb (6) cermugen (2), 
vormundleiu(\) -mündlein (sonst), müntze (19) muntze (2), ^»rücft(l) zurück (3), 
rüffen (1) ruffen (2), rüreu(2) raren (2), suchen (3) suchen (sonst), <wcA(2) tuch(2>), 
tun (1) tarn (sonst), -<üm (1) ta*m (2), -üben(l) -uben(l), -um(l) -um (sonst;, -^»#(4) 
mh<7 (sonst), vorzüglich (6) -zuglirh(2) (29, davon 10 gegen nhd.). Die übrigen, 
weniger zahlreichen stamme haben nur w; auch gegen nhd.: schuldig. 

G gegen JSR: brüder, düncken, kommen, möglich, mühe, rufen, sonst, schuldig, 
zu (9); GJ gegen (S) (B): ./««/', jüngst, kommst, nützlich, suchen, sünde(G); GR 
gegen JS : fürst, günstig, «lügen, zurück, um, wüt.de opt. (6). 

3. o.- G: fördern vb (1) fordern (2), höher (1) hoher (1), solch (1) solch (sonst), 
sollen (5) sollen (1), wollen (3) wollen (sonst), praet. wölte(5) motte (10); 5, davon 3 
gegen nhd. 17 weitere 5, keiner gegen nhd. unbezeichnet. 

J: förder (= fürder 1) forder (5), gotlich (2) götlich (sonst), hoher (1) höher (2), 
h Öffnung (1) hoffnung (1), «öte (1) «oZe (1), sollen (2) soZZm (sonst), wollen (13) 
wollen (sonst), walte (1) wolte (sonst) .(7, davon 3 gegen nhd.). Nur o: persönlich; 
sonst nur 6 auch gegen nhd : Oberst, orte pl., volkömlich. 

S: hören (1) hören (sonst), oberst (1) ober st (2), wollen (5) wollen (sonst), 
toö'Zte (1) ?t'ofte (sonst) ; 3, davon 2 gegen nhd. Nur o : »o#eZ pl. Sonst ö, auch 
gegen nhd. (orte). 

R: förder(l) forder (1), fördern(l) fordern (sonst), holen(\) hölen(l), hören (2) 
/iöre/j (16), gehörig (1) -hörig (4}, kosten (4) kosten (3), «ö<e (3) wo£e{2), orte {2) orte (2), 
sone(2) so'ne(2), wollen (2) wollen (sonst); 8, davon 4 gegen nhd. Nur o: hoher, 
öffentlich; sonst ö (4). 

* G gegen J(S)R: solch, förder (2). GJ gegen (S)(R): höher, hören, öffentlich, 
sollen (4). 

Bei Güthel ist die tf-bezeichnung noch gering; ungefähr gleichviele 
schwankende und unbezeichnete stehen halbsovielen kousequent bezeichneten Wörtern 
gegenüber. Anders die ö-bezeichnung, die fast durchgeführt ist: gegenüber 
den zahlreichen fest (= nhd.) bezeichneten schwanken nur wenige Wörter und von 
diesen haben nur 2 unilaut gegen nhd. 

In Roths handschriften ergibt sich G gegenüber zwar ein mehr an uin- 
lautbeteichnung, alier auch grössere inkonsequenz. Es fehlen bei R, für // wie 
für ö, ganz unbezeichnete stamme ; bei ü ist die zahl der konsequent bezeichneten 
stamme fast doppelt so gross wie bei G; aber auch die zahl der schwankenden 
stamme, von denen fast die hälfte ü gegen nhd. hat, ist höher als bei G. Bei ö 
hat R nur 4 stamme konsequent bezeichnet, gegen 17 bei G. Viele entsprechen 
allerdings lautlichen Schwankungen : umlaut vor -lieh, -lein : eindringen oder wegfall 
des umlauts in der flexion ; umlaut vor gewissen kousonantenverbinduugen ; alte 
doppelforrnen. Jedenfalls stellt Roth der Umlautbezeichnung tastend gegenüber; 
er hat sie wohl in den druckereien kennen gelernt (in den handschriften 1523 24- 
fehlt sie noch ganz), möchte sie übernehmen, lässt sie nirgends ganz beiseite, 
wendet sie aber auch oft falsch an. Für Roths handschriften wurde auch die zahl 
der belege festgestellt: 293 ä; 42 ü + HS u (ohne haken) 108 unbezeichnete 
formen; Verhältnis 3:1; 68 ö, 32 o; Verhältnis etwa 2:1'. Von einer iiber- 

1) Das ist immerhin mehr als bei Luther, in dessen handschriften die um- 
lautbezeichnuni; eine ausnähme bilden soll. 



li.")(i WKIDKMANN 

legenheit Roths aber (liithel kann in diesem punkte kaum die rede sein; vielleicht 
hat er sich sogar bei seiner Umschrift in den fällen, in denen ffj gegen SR über- 
einstimmen, von der (lüthelschen vorläge beeinflussen lassen. 

Anders als die handschriften stehen die druckte: wenig schwankende, ver- 
schwindend wenig unbezeichnete stamme; bei dem sorgfältigen drucker Rhau 
schwanken nur halbsoviele stamme wie bei dem nachlässigeren Kantz. Hier ist also 
der einfluss der druckerei als der massgebende anzusehen; Roth können wir das 
verdienst der verhältnismässig konsequenten bezeichnung bei J nicht zuschreiben; 
es sei denn, dass er, selbst in den handschriften flüchtig, dem drucker anweisung 
gegeben hätte, den umlaut zu bezeichnen, und die durchführung beaufsichtigt hatte. 

b) Dehnungszeichen. 1. ie = ■> < 7. 

G: ie fehlt: blybe, dyser, dys, fryde, -iren, gelyhen, lygen, nider, siben, 
sihe, absehyd, geschryben, vertriben, wider; nur vyel (1) vy(h)l (9). 

J : bliebe, friede, lies — lieset, sieben, spiel, geschieden — abschied, erschienen, 
rt-rtriehen, zielen ; gegen nhd. : gegrieffen. — diser (2) dieser (sonst), glied (2) glid (1), 
-ieren (iG) -iren (6) -yhren (1), liegen (1) ligen(b), sihe (13) siehe (1), gestiegen (l) 
-stigen(2), geschriben (1) -schrieben (sonst), vil(B) viel (sonst). — nidder, geschiftet, 
villeicht, iridder. 

S : bliebe, dieser, friede, lies — lieset, sieben, schmieren, geschrieben, vertrieben, 
riel. (11 st.) — dis (10) dies {2), -iren. (ih -ieren (1), vielleieht (2) villeicht (1). — nidder, 
s'ihe, widder, ivise. 

K : bliebe, dieser, friede, geliehen, sieben, geschieden — abschied, erschienen, 
geschrieben, vertrieben, vieh, viel. — dis, -iren, ligen, sigel, geschihet, widder, ivise. 

G gegen JSR: bliebe, dieser, friede, sieben, geschrieben, vertrieben, viel; 
G gegen JR: abschied; GR gegen J: liegen. 

2. Dehnungs-7*. 

a) vor l und r 1. nach langem vokal. 

»t: fcelen, fülen: ehre (2) eere (1), opt. wehre (8) were (3); leere, gelari, meer. 

.1: fehlen (9); mahl(l) mal (sonst); stnl, fülen; ehre (10), gel ehrlich (4). mehr, 
sehr (2); mehre märchen(l) mere (2), ohr(2) or(l): lere, leere, g eiert, opt. were. 

S : mahlen (3) malen (1) ; mal, fülen, ehre (6), gef ehrlich (1) ; mehr (14) meher (4); 
lere, gelert, seer, opt, were, ri'iren. 

R: fehlen (2); mahl (4) ymal (8); stul; gebahfen (1), gej ehrlich (3), lehre (1); 
ehre(l) ere (sonst), meher (1) mehr (sonst); gelart, opt. were, rüren. 

<t gegen J(S)R: feelen; meer, wehre. 

2. nach kurzem vokal. 

G: vyhl(i) vy(e)l(6); welen, zahn, zehn ; thaler; interr. wehr (6) ; pron.fr (5) 
ehr (sonst), mt/hr (22) myr, mir (27), wyhr (11) wyr, tvir (8), yr (1) yhr (sonst); 
faren, ner'en, narang. 

J: irden, zalen, zehn, thaler ; wehren (= währen) (4), yhr (z&hlr.): fahren (12) 
faren (13); fart: pron. er, interr. iver, mir, ivir. 

S : welen ; wehren (2) weren (2), yr (2) yhr (sonst) ; faren, fart, eere — ähre, 
narung ; er, iver, mir, wir. 

R: Mühle (1); ta hier (2) thaler (2) ; zalen, zehn; nahrang (1), «/7/r, jÄ'r (zahlr.); 
fahren (2) faren (9), gebühren (3) gebüren(8); fart, furmann; er, wir, mir. 

G gegen J(S)R : e/tr, w^Är, wyhr (3) GJ gegen R: //m/er (1). 

b) vor fflundn 1. nach langem vokal. 
(t : rumen ; Ion. 



STEPHAN ROTH ALS KORREKTOR 257 

J: nahmen (1) opt. neme(2); r(h)ümen; lohn; hon. 
S: muhme({); namen, rhütnen; lohn. 
R: nahmen (1); bequem (1) bequehm (1) ; rhumen : lohn, 
G gegen JSE : Zcm (1). 

2. nach kurzem vokal. 

G: ///« (1) ^//i»t (sonst); ta, nemen ; yhn, yhnen; byhn(3) byn(ö); son, 
wonen, gewönUch. 

.1 : ///tm (zahlr.); nehmen (3) newte /t (14) sg. praet. >ta/tMi(l) «a»t(l); ?am. 
lehnen (1), y/*n, yhnen; wohnen (1) wonen (4); geivönlich, son; bin. 

S: yhm; nehmen (1) nemen, nam (12), y/*H ; yhnen (3.) ///te/t(l); so«. 

R: yhm, jhm, zyhmlich{3); nehmen (4) nemen (sonst) ; sb nähme (6) name(2); 
lehnen (V), yhn(en), jhn(en) ; söhn (2) son (3), wohnen (2) wonen (1); gewönUch. 

G gegen .TSE: ///twt, nehmen (2). 

Das dehnungs-/t ist bei R am meisten vertreten, am konsequentesten durch- 
geführt bei J; G ist inkonsequent. 

3. e/te i«. G : adv. e/te .- sb e/te (4) ee, ee/t, e/t (6), <yeAe»t (2) <jwm (5) ; sfee«, siew. 
J : adv. <</te, sb e/te, gehen, sehen = säen, stehen, wehe. 

S: adv. e/te, sb e/te, gehen, stellen, wehe; .sehen = säen (1) see« (2). 

R: adv. e/te, sb e/te, gehen, stehen. 

G gegen TSR: sb e/te, gehen, stehen (3). 

4. Vokalverdoppelung: ee. G: eerstf, /eeZ adv. meer, seete, sween; sb ee, ee/t (3) 
eh(e) (1), eere(3) e(/t)re (4), eelend(l) elend (1), eeröe (4) eroe(l), #een (5) gehend), 
seelig (1) se%, s#7t<7 (6), stfee« (1) ste« (2). 

J ; /teer, meer, seete, sween ; schweer (3) schwer (8). 

S: eere = ähre, sb /teer, sb »teer, see/e, seer, zween; seeu = säen (2) sehen (l). 

R: sween (3) s?oe»(l); seZe. 

G gegen .TSR: eerst (1). 

II. Bezeichnung der konsonanten. 
a) Konsonantenhäufung. 

1. Die häuiung ist regel: a) /wird inlautend und auslautend durcbgeliend 
verdoppelt. Ausnahmen : 

G: dürfen, -haft, helfen, zwei fei; auf (\), zwölf {1). 

J: hofieren, pöfel, prüfen, tafel, vfer; auf(l), eifern (1), heuflein (1), schaf(ö), 
Schwefel (2), teufel(S), zweifei (1), verworfen (1). 

S: helfen (1), auf(ß). 

R : schleifen. 

ß) Für & tritt inlautend auslautend durchgehend cä (#&) ein. Ausnahmen: 

G: stark (1), schreklich(V), -keit nach kons. (1). 

S : -keit nach kons. f(5) -c&e^ (1), -ikeit (1) -ickeit (sonst). 

8. Anlautend z, inlautend auslautend tz sind bei JSR, cz ist bei G die regel. 
Ausnahmen und Schwankungen : 

G: stoltzieren; zal (1) czal{±), zeichen (1) czeichen(2), zeigen (2) zc eigen (1) 
czeigen(9), zeeit (5) azet'< (5), Zeugnis (1) czeugnis(B), ziehen (1) cziehen(2), zu (7) 
zeu (130) c?w (47), zcürnen (1) cziirnen (2), zcwey (5) czwey (2), cwickaic (1) czwickau 
(28); grante (3) tjanez (sonst), leipezig (3) leipzig (3), nutzen (!) nuczen(2). Ins- 



_'.">s WEIDEMÄNN 

gesamt anlautend 104 cz, 142 sc (aber besonders l zu > ), 13 z\ inlautend 5 tz, 3 z, 
sonst i •:. 

.1: vierzig; -tsal(l) -:al(l), -tzwantzig (2) -zwantzig (1). 

S: herzog (1). si eben zig (V). 

R: siebenzig; tzwischen (1) zwischen (10) ; -tzwantzig (2) -zwantzig (2). 

2. Die häufung ist nicht durchgeführt: a) o 7 /, W. 

G: dordt, geduldt, arbeidt, grundt, handt, jugendt, -keidt, mordt, niemandt, 
rcchdt, gerüchdt, seidt 2. pl., gestaldt, schriffdt. todt sb. (17) — ewdZ- (3) ercZ- (15), 
^•r/>- (8) cwi- (1). ambdt (1) am/ (3), /emd/ (4) feind{2), freundt (zahlr.) freunt (3), 
gcldfen il) gelten (1), gudt{2) gut (11), haldten(6) halden(L) halten (2), -heidt(<6) 
-h?it(2), heudte(4:) heute (7), &m<ft (1) Z?md(l), marckdt (3) marckt (1) meinedt- 
halben (3) meinethalben (2). nichdt (38) wieAZ (41), »od/ (1) wo/A (1), rod/ (4) »od/A (1), 
sambdt präp. (9) sambt (12), 1. 3. pl. seindt (13) se^d (2), standt(8) stand (1) starcZ (1), 
w«&« (3) »-«fr (1), uwroft (9) worZ (1) (26) -leudte (1) fcw^e (4), oergid« (5) oere*'// (2) 
&em'Z(l), reidten(2) reuten (1), vndter (3) ?m/Zer(2) #wZer(l). 

.) : fundt, handtieren, knodten, rodt, schildt (5) — radt(en) (4) rat(en) (2) 
raZÄ(en) (1), standt{l) stand (4), bescheidt(l) bescheit(l) bescheid(l), schwerdt (1) 
schwerd(3), todt, /öd/ew (6) Zod (7). (6) - güttigkeit{l). 

S : erndten, todt tödten (2), radZ (1) rad (4) raZ (1) ; bereuten, güttigkeit, heutte, 
hott, streut, schneitten, prät. trauen, wartten (8) — deutten (4) d£toZew(l), gutt (2) 
gut (29), f//i«e (9) #w'Ze (1), hütten (6) AwZew (1), 7ew«e (3) ZettZ^ (24), wo« (4) wo/ (7), 
or/Z (1) orZ(l), bereut (1) bereit (6), stets (5) stetts (8), wortt(ß) wort (sonst). 

K: grundt. handtieren, hardt (3), freundt (30) freund (8), »m«d/(l) wittwd(l), 
radt(en) (2) rad(l) ratli (2),* standt (2) stand (1). — mutt (ö), stetts(2) — bietten(6) 
hieten (3), awZZ- (4) an/- (sonst), #m/Z (2) #w< (12), ^w/e (1) ^rw/Ze (sonst), hütten (2) 
7wZew (9), Zew/Ze (3) Zew/e (6), wo« (5) woZA (1) wo/ (4), oz-ZZ (4) orZ (2), -seitts (1) se/te (2), 
wartten (4) tvarten (2), tveitt(er) (17) weit(er) (6), wo?-// (4) worZ (sonst). 

J(S)R gegen G: arbeit, amt, ent-, gelten, hand, -heit, nicht, niemand, ort, 
recht, sind, tod sb, unter. 

GR gegen JS : bieten, ant-, freund, halten, not. 

ß) A nach kons, ist als häufung anzusehen, da es auch neben diphthong 
und notorischer kürze sich findet. 1. ZA: 

G: oa/Ae (= pate), bethen, biethen, orth, geräth, thal(cr), -thum, thun. (8) — 
noth(l) wod/(l), rath(9) radtfß). 

.1 : thal{er), thedinge, thier, thor, thron, -thum, thun. (7) — rath(en) (1) n?(d)- 
t(en) (6), r«/Ae (6) rAw/e (2), theuer (2) Zewer (1). 

S : /A*er, -thum, thun, thüren (= wagen). 

R: pariheii, -thum, thun, thi/rmer(i) -noth (1) raoZ(Z) (9), rath(2) rad{t) (sonst), 
ZAaZ(er) (2) ta7*J(cr) (2). 

2. JA, Ȁ,- G: Jhesus; jhener (1) jener (1): J: ihener, Jhesus; S: ihener, 
Jhesus: R: jAe, ihener: 3. i/A: G: ?/Ae (1) ye(2),- J: ?/e (2) yAe (sonst); S: yAe. 

4. > - A ; ,T : rhümen (6) rühmen (1), rAw/e (2) rwZAe (6) ; S : rhümen. 

b) Konsonanten Verdoppelung (nach kurzem vok.) 
1. aU 

J : oddem, widder (= weder) ; nidder (5) wider (2), odder (zahlr.) oier (3), 
Widder wider (1). 

S: eddeZ, haddern, nidder, widder, ^cidde)■ (= weder); odder: oder (1). 



STEPHAN ROTH ALS KORREKTOR 259 

R: nidder, odder, widder (wieder), widder (weder) — Q kennt nur einfaches d; 

1 S l> gegen G : nidder, odder, widder, widder. 

2. tt, dt. a) in Stammsilbe 

G: tredten; bidte (1) bithe (10), hadt (28) hat(l). midi (43) Witt (2), */«A (8) 
*foi(Ä)(2), -ttadten (1) -stathen(l). tittel(l); Gott (11) Got (65), iw/^r: pafcr(l). 

J: .s<o^(2) stad(l); mutter, rotte, sitte, vetter. — Got (18) Gott (sonst), 
sj>o«(3) sjjo^(2), treuen {S) treten (1). 

S: -stadten; stadt (3) siad (1); mutter, rotte, spotten, tretteti (£) — betten (1) 
beten (sonst), 6^(6): Crött, gebott (10) gebot. 

R: schmidt: stadt (22) stadtt{l) stad{6); vetter; bitte (3) &fte(2), &'ott(6) 
6W(1). gepottd) gepot(9), stette{2) stete {1). 

.TSR gegen G: //atf, Go«, m?Y, ?;oicr. GR gegen JS: stadt (1). 

GJ gegen SR: r/e&o/. 

ß) in ableitungs- und endsilbe. 

G : 3. sg. praes., 2. pl. praes., sw. part. praet. : vereinzelt /, £ä, sonst rf/. 

J: sw. part. praet. 2 x <tt, sonst nur /. : SR nur t. 

Y) Gl hat cZtf für ursprüngliches tt in : 7wtt (4) /«»tt (2) ; «ZryÄ< (1) dritt (1), 
hidt(en)(ö) byhdt{l). JSR überall tt. 

3. Z£: G inl. sollest); ausl. soll (I) sol(l); solle. 
.TSR übereinstimmend: inl. solle(n); ausl. 6-oZ; so^e. 

4. nn: G: m (10) m (9) .T: inn : in (4) ; S: m(2) *«n; R: in (2): inn. 
Inendungen schreibt G regellos er« oder e, JSR -en. Nur der brief des 

copeybuches von 1528 nr. 55 (der letzte) hat lOmal -enn oder sogar -enn, und 
zwar immer am ende der zei'e, am blattrande, — liegt ein bedürfnis, die zeile zu 
fülleu, vor? 

5. mm: G: himmel, immer, nimmer, Jammer, sommer (5) — kommen (8) hörnen (3), 
genommen (1) genomen (5), t'mm (8) im (2). 

.1 : sommer; nimmer (2) nimer (7) ; ymmer (4) ymer (ß). 

S : zusammen ; nimmer (1) nimer (4), Jammer (1) jamer (3), genommen (1) 
genomen .(3). 

R: nimmer, zusammen, ymmer (3), kommen (1) komen (sonst). 

JSR gegen G : himmel, im (2) ; GR gegen JS : kommen, nimmer (2) ; GR 
gegen J : ymmer (1). 

Die endung schreibt G regellos ew. 

c) K o n s o n a n t e n v er e i n f a c h u n g. 

1. Z. G: »-oft 2. pl., frofte praet. ; «7- (6) all- (9), gefeit (1) -feilt (1), gestelt(l) 
gestellt (2). 

J: «Z-, stttZ, sg. praes. w»Z, pl. wwft. praet. wolte ; vol(S) roll (1). 

S: gesteh,* stal, sg. praes. io*7, praet. woZZe, ^oZ; aZ- (13) aZZ- (1), voZ (5) t>oZZ(2). 

R: fal, gestelt, vol, ivil, wolt, ivolte ; allzeit, alhie ; sonst «Z-(4) all- (1). 

2. »&; J: verdam-, grim, stam, bestirnt. S: verdam-, stum. R: bestirnt. 

3. »; G: Äa«, /»o/tte, bekamt, sontag ; sb wan(l) waK» (5), genant (1) #e- 
nannt (2), adv. we» (1) wenn (4). 

J: &an, 2. pl. höht, honte, bekant, genant; sb man (1) mo»j»(2). 
S : ßcm, /i>o»tte, bekant, man, genant, sontag : begin (1) beginn (2), wms (5) 
.wenn (sonst). 

R: konte, bekant, sb man, genant, sontag. 



260 W Kl DK. MANN 

4. r: J her ('S) herr (sonst). S: her (1). herr (sonst) R: nur her (G : herr). 

5. t: d : mihcoeh; J: mittvoch, mitler ; spot (2) .syjo^(l); R: mittwoch(l) 
mit- (sonst). W<ten zeigt analo<rische ausgleichung im praes. nach beiden seiten, 
(i: /, t/t, vercinz. auch dt, tt; J 1. sg. 17 t, 3 tt ; S 3. sg. bittet. 

JSR gqg. (i: wiß, genannt; GJ geg. SR: mann; G.T geg. R (»»*£■). 

d) Au sl a u t , v e r h är tu n g. 

1. eÄ, gk, &. G : burgk, gangk, langk, leipzigk, mennigklich, wegk, geivaltigk- 
lich, vorzügklich (8). bergk {±) berck (1) berk(l), ding k {2) dinck (2), ewigk(7) ewig{l), 
zeugknis (1) zeucknis (2). 

,1 : vergencklich, rberschwencklich; gefenck-(lich, nis) ((>) gefeng- (13). 

S : gefengk- (1) gefeng- (2) ; kluck(heit) (1) £7«#- (2). 

R: verhenghnis, zicanzigk ; gnedigklich (1) gnediglich ((5), mennigklich (2) 
menniglieh (1), vberschtvengklich (2) -schivenglich (1), -zügklieh (14) -züglich (1). 
-icke.it -igkeit u. -(l)ichkeit : G: selickeit; sonst <7&. J: gütickeit, heilickeit, recht- 
fertickeit, sclnvermiitickeit ; ewickeit (1) ewigheit (9), herrlickeit (5) herrligkeit (1), 
gerechtickeit (11) gerechtigkeit (14), selickeit (1) Seligkeit (2). 

S: gütickeit, heilickeit, herrlickeit, listickeit, almechtickeit, mildickeit, selickeit; 
gerechtickeit (S) gerechtikeit (1). 

R : neirickeit, peinlichen, gerechtickeit, vnschicklicheit, geschirindickeit, gegen- 
verticheit. 

G geg. JSR: se%, Zeugnis; GJ geg. R: treglich; GR geg. .IS: &er^. 

2. i, oft. a) < allein. G: fta< (= bad), tugent; J: #oft; R tugent, walt. 

ß) d£, daneben <. 1. altes d: G: jugendt, mordt, sb. io(&; £t'nrf(l) kindh (1). 
J: abschiedt(l) -schied (1) -schiet(l). R: sb 6arft; mundt (1) mund (1). 

2. rf inl. < <, od. angetretenes £, ausl. = rf<, ?. (Beispiele s. o. s. 258) Es 
hat G 1 f, 9 tft, J'.2 *, 1 <fc, S 4 t, B -1 t, 1 <ft. 

Zu den einzelnen zeichen. 

a) fe(p) 1. &— .p anl. a) = nhd. b: G: pillig. 

J : bieten (10) pieten (5), geboren (3) geporen (14). 

S: foetfera (11) ^ete/t (10), Weiß» (11) pieten (11), geboren (1) geporen (11). 

R: &tefen (14) pieten (10), nachbar(o) nachpar (18), &«*# (zahlr.) ^er^(l). 

JSR geg. G: billig, bieten. 

ß) 6—/; anl. in fremdwörtern : 

G: & gegen nhd.: &aVe, breis ; p = nhd.: papier, person, predigt. 

J: & gegen nhd.: 6ap«^(3) ^ops£(l); p = nhd. in zahlr. belegen. 

S : /; gegen nhd. : &ops£ (2) papst (2). 

R : /> = nhd. : person, predigt, priester, probe, pension. 

2. <x) &— p inl. eingeschoben, ausl. angetreten (konsouantenhäufung). 

G : & .• frembd, frümbheit, hembd, kombt, nemblich, vornemblich, sambt, vn- 
uerschembt. 

J: &: frembd; samblet(\), samlet(l), -tumb (6) -tum (3); |>: verdampt, kompt, 
nimpst, nimpt, sampt, vnuerschempt. 

S: b: -tumb; p: nimpst, nimpt; verdampt (1) verdamt (1), kompt (8) Äom£ (1). 

R: 6: frembd, -tumb; p: kompt, sampt. 

JSR geg. G: kompt, nemlich, -tumb, sampt (^). 



STKl'llAN ROTH ALS KORREKTOR 261 

Gegen G haben JSR konsequent b neben lenis, p neben fortis. 
ß) Wechsel b— p iul. G: ambt: J: ampt, babst; S: ampt, babst(l) bapst (1); 
R ampt. — JSR geg. G: ampt. 
b) Wechsel i—j—y. 

1. a) j, y anl. = i G : yhm, yhn, yhnen, yhr, ymmer, erynnern, ytzt ; yn{n) (20) 
./«(») (5) in(u) (5). 

J: j/A«ra, yhn, yhnen, yhr, ymmer, erynnern, yrgend, yrre, ytzt; Jnn (2) 
ynn (sonst). 

S: yhm, yhn, yhnen, yhr, ynn, yrre, ytzt; yglich{±) iglich (1). 

R: yrgend. Anfangs y. später ,/, i in: yhm, yhn, yhnen, yhr, ynn, 
erynnern, yrre, ytzt. 

ß) '*, j, V anl. = j. 

G: yemand, yeder; Ja, Jar, Jammer, Jener, Jude, Jugend, Jung. 

Y : yemand, yedoch: ycder(8) ieder(l); ia, tagen, iar, iamer, iauchzen, iener, 
ioch, iung'; Jude. 

S: yemand, yeder, yedoch; ia, iar, iamer, iener, iung: Jude. 

R: anfangs y, später J, j: yemand, yeder; iar (6) Jar(l), iener (3) Jener (2): 
Jugend, Jung. 

JSR geg. G: ia, iar, iener (3). 

2. «/ inl. = /. 

. G: byn, bps, gtblyben, bryef, dy(e), dyeb, dys, gefytl, fryde, gylt, hy(e)lt, 
hy(e)r, hyn, ly(e)b, lygen, gelyhen, lyess, nye, ny(e)mand, nymmer, sy{t), spyess, 
abschyd, trytt, vy(eh)l, tryd r (= weder), tcye, wyrt sb. ztry r (26). — dyenen (26) 
dynst(3) dinst(l); dyse (19) dise (1), drytte(l) dritte (1), hymmel (k) himmtl (1); 
-yrm(l) -*Y<?» (soDst), mtV(l) my(lt)r (sonst), myt (10) iw#(35), sich(l) sych(l), 
synd (9) sind (3), schlyessen (1) schliesscn(l), geschryben (5) -schriben (1), getryben(\) 
getriben (2), wyder (12) tnTfcr (6), iryi'(18) w»>(l), icyrd(b) wird(l), zyehen(l) zihen(l). 

J: begynn, grymm, hymmel, nymmer, schwymmen, stymme, synn, tyrann{8) 
•hyndern{l) hindern (2), hyn (1) Am (sonst), hynta~(2) hinter ^6). 

S: grymm, hymmel, hyn, nymmer, stymme, synn, tyrann(7) -begynn(2) be- 
ginn(l), hyndern(2\ hindern (1), nyrgcnd(l) nirgend (1). 

R: begynn, hymmel, nymmer, spynnen, stymme, synn, termyn (7) -hyr(l) 
hier (sonst), hyn (3) hin (2), zymlich(3) zimlich(l). 

G geg. JSR: 6»n, 6t$, geblieben, die, dienen, diese, diese, friede, himmtl, 
-ieren, lieb, liegen, mir, mit, niemand, sich, sie, sind, geschrieben, getrieben, viel, 
wieder, wider (= weder), wie, wir, wird, stehen. 

'•'>. Wechsel ei— ey inl. (aus!, nur ey); G: arbeyt, beyde, eylen, heylen, heym. 
heynt, kleyn, meynen, neyn, preys, regten, inf. seyn, seyd, scheynen, weyl, wey- 
nachten, weyse adj. (17; - bleyben (8) bleiben (1), eggen (5) aygen (1) eigen (1), eyn(zig) 
(zahlr.) ein(zig){Q), ein-. ( »)(1) cyn- (sonst), feynd (3) /«nrf (3), yhych(\) gleich (5), 
/<*7///'/ (2) Ae///V/ (6), heyssen (2) /<< w«< » (6), -Afyt (4) -Aert (4), -&«/< (1) -Äeii (2), /»e^w (4) 
fam (2). leyden (2) 1 leiden (2), -Uin (l) -leyn (sonst), mein (1) wieyn (sonst 1 , mayster(l) 
meiskr maister(b), bereyl(7) bereit (1), poss. «oej/« (2) ««"« (1), seynd(-l) seind(l\ 
(leyss (12) Jleiss(\(\), in-glß{i\) weib (1), weysen (2) (reisen (1). /r. y.s-.s (:>) weiss (1), seygen 
(6) zeigen iß), zeyt(y) m'f(l), zweyfol (1) zweifei (2), -heide, rein, zeichen (3). 

.1: arbeyt, beyde, beyn, breyt, eyd, eydam, eyfern, feylen, heym, heyschen, 
kreyde, kunferfeyl, leyen, rieygen, neyn, reyn, bereyt, reytzen, seyl, scheyden, aus- 
schweyf. weyse ( uaise). weyss. — bleyben il) bleiben (sonst), benedeyen /;*hlr.) 

ZEITSCHRIFT l. I >M Ts< u K IM1 1 1.< >l.< x. 1 1:. BD. XLVIIT. 18 



262 WEIDEMANN 

-deien(2), eygen (13) eigen (3), eynig (1), em (zahlr.), heylen (3) heilen {b\ Aeysse« (11) 
heissen (sonst), Zet/tte« (1) leiden (1), meynen (24) meine» (2) gemeyn (5) gemein (1), 
meyster(\) meister (i), reymen (l) reimen (1), seyd {8) seid (6), steyn(H) stein (15), 
^y/ (3) <«7 (14). — Sonst nur ei in weiteren 31 stammen. 

S : fcryde, benedeyen, eygen, eynig, eytel, feylen, heyde, heylen, heym, kleyd, 
meyst, reychen, reymen, reyn, bereyt, 2. pl. seyd, speychel, teyg,weyde, weynen{lQ), 
-arbeyt(3) arbeit (1), feyge{i) feige (1), keyser{2) heiser (4), Zeyde« (1) leiden (2), 
meynen (9) meinen (1), reysen (2) iwcb(1), scheyden (4) scheiden (1), schtveygen (l) 
schweigen (2), teylen[o) leilen{l),fleyss(2)fleiss(2),weysen {\) weisen (sonst), zeychen(\) 
zeichen (sonst). 

R: eyd, eym'#, Ä«/m, Ärcys, meynen, reyn, reynstein, reysen, schleyfen, 
weyland, weyss (10). - fecyde (11) fta/tfe (6), ey#en (1) etyew (6), cyn- (< i) (1) ein- 
(sonst), heyschen(l) heischen (1), geuuyn (11) gemein (2), bereyt (1) bereit (2), inf. 
seyn(l) ««'» (sonst), teylen(B) teilen (7), «,-eyde (1) weide (1). 

JSR geg. G: einzig), gleich, heilig, -heit, -keit, kein, klein, -lein, reyn, inf. 
sein, poss. sei«, 1. 3. pl. semd, scheinen, fleiss, weib, weil, weise (= art), adj. «;«s«, 
■ee/yew, sert, zweiftl. — GJ geg. S(R) : bleiben, heide, heissen, meister. - GR geg. JS : 
eiyen, meinen, bereit. 

c) s-laute. 

1. Germ, s: a) Anl. = lang, s; inl. = lang. s mit folgenden ausnahmen: 
G: disser(b) diser (15), isst (1), iceissen (1) wm-oi (2). 

J: adj. weisse: diesser (2i dsVser (sonst); eissern(2) eisern (1), wachssen(l) 
wachsen (1), weisse« (11) iceisen (sonst). 

S: hausse, preissen, speisse, adj. weisse, iveisse (= art); weisse» (19) weisen (4). 

R: weisse (= art); adj. weisse (6) weise (3), weissen (10) weisen (1). 

JSR geg. G: t's/, adj. iveisse. 

ß) Auslautend 1 . 

G: meuszlein, preisz, sechsz, weiss (l) (= art) (4); des,? (17) dess (1), haus z (3) 
haus - (3), gewiss (2) gewisss (2) ; Zoss, -nwss ,• »itss- 2 . 

J: reiss, gewechss; felss(3) fels (3); fcis, fcös, des, ZmZs, 7j«ms, Zies, Zos, -nis, 
preis, sechs, vers, praet. was, geiois (13). 

S: weisshait{l) Weisheit (2); des, haus, lies, los, mis-, -nis, getvis(l). 

R: weiss (=art); hausz (5) haus (2), gewisz (1) yewis(l); des, -nis, secns (3). 

J(S)R. geg. G: des, -nis, sechs; dazu genetiv-s, das bei G nur 10 x -s, 
12 x ss, sonst -ss bezeichnet wird. 

2. mhd. z(z): Vor vok. überall -ss (lang). 

cc) Vor kons., gegen nhd. : G: gefassdt, ßeisss, schleussdt, stosst; graste, heist, 
must; grüssdUX) grüst(l), lessdt(2) lest (1), wissdt{2) wist (1). 

J : gröste, heist, lest, must, schleust, nist (6). S : gröste, lest, must, wist, 
heist (6) heisst(l). R: lest, wist. JSR geg. G: lest, wist (2). 

ß) ausl. : G verwendet ganz inkonsequent ss, ss, sss, ss, nur wenig -s : attss (8) 
ausz (24) aus- (lg. s) im kompos., b:isz, dass (31) dass (86) dasss (4) das (7), diesss, 
ess(8) esz(22) es (4), fleisz, liesss (10) Ziess(l), masss, gemesss, muss, schleusss (1), 
beschlusss (1) beschlusz (1), spiesss, weisz, wa8s(o) ivasz (13) ivasss (1) was(l). 

1) Lang s und rund s in den handschriften gebe ich durch ss, lang s und 
angehängtes z durch sz wieder, rund s durch s. 

2) = lang s. 



.STEPHAN RUTH ALS KORREKTOR 26'.i 

J: Hess (2) Hess (10), griess (1) gries{l); aus, bas, bis, das, dies, es, fleis, fus, 
gros, geheis, mas, gemes, mus, schleus, beschlus, geses, 1. 3. sg. weis, was. 

S : hass; aus, bis, das, dies, es, gros, lies, praet. las, mus, 1. 3. 8g. weis, was. 

R: grosz, kreysz, gemesz, spiesz; aus, das, es, geheis, beschlus, weis, was; 
bisz (3) bis (2), dits (4) diesz (1), fleiss (6) fleis (4). 

J(S)R geg. G: aus, das, es, weis, was, beschlus; dazu neutrales end-s, für 
das G 8 -s, 11 ~ss, 13 -ss schreibt, JSR nur -s (7) GR geg. JS: bis, dies (2). 

d) v anl. gegen nhd. : 

G: vleisz (9) fleiss (20); J: t'fo's; S: #?m; fisch (1) visch (1) ; R: ücs<, vZm^ 
JSR. geg. G: tyfets. 

e) «c; cnr, eu: G: fraw, hewer, new, trawen ; ewer(iO) euer (18), glawbe(i) 
_glaube (3). glawben (2) glauben (10), <me (2) irew (2). 

J: dreweu, ewer, fraw, frewen, grewlich, satcer, schawen, trawen: bawen (9) 
bauen (3), /«oer (5) /euer (3), new (zalilr.) new (1), streiven (1) streuen (1), freu; (3) 
treu'(i). 

S: bawen, bawm, eiver, feicer. fraw, frewde, grawen, neiv, rewen, sawer, 
trawrig, trauen, treio ; grewlich (1) greulich (6), posawne (1) posaune (1). 

R: baicen, gebeivde, ewer, fraw, hawen, neiv; scfylewnig (1) schleunig (1) . 

JSR geg. G: glauben, euer (2), GJ geg. SR: fr-ew. 

B. Lautstand. 

I. Vokalismus. 

A. Stammsilbe nvokalismus. 1. Qualitäten, a) Umlaut. 
a) a > e gegen nhd. 

G: geweitig. J: erbeil. geweitig (1). S: erbeit, vmblegern; gewellig (1). R: 
Arbeit. JSR geg. G: e>-6e»7. 
ß) a« > e<* geg. nhd. 

G: kaufen; gleuben (1) glauben (6); haupt, (glaubig, tauf er). 
J : gleuben ; (glcubig, teufer); heupt (4) haupt (1), keufen (1). 
S: gleuben, heupt, keufen, zeubern; (gleubig, teuf er); teufen (1). 
R: glauben, haupt, kaufen, erlauben. 
GR geg. JS: ghuben, heupt. 

b) Entrundung: 

G freyntlich (2) freuntlich (sonst); JSR nur freundlich. 

c) Monophthongierung von diphthongea : 

a) te > /: 

G: Dinstag; dy(\) dye (sonst), dynen (i) dyenen (sonst), hylt (i) hyell(2). 
hyr(\) hyer(lo), lyben (1) lyeben (sonst), sy(8) .<??/« (16). zihen{\) zyehen{\). 

J: schlissen (1).' 

S: Jil>er; hilt (1), krigen (2), licht (l). • 

R: Ä«7<(1), /m(6), *cÄ*r(l). 

J(S)R geg. G: tftV, dienen, dienst, lieben, sie, ziehen (6). 

GR geg. JS : Ä*er (1). 

Bei nhd. 'je' und Verbindungen stimmen die 4 texte untereinander und mil 
dem nbd. überein bis auf folgende fälle: 

18* 



2t>4 WEIDEMANN 

G: ytet (1) yetzt{\2)\ J: iglich, ytzt ; S: iglich(i) yglich (4): jrf**; R: »Vj/rWi.. 

JSR geg. G : ?/Z,sZ konsequent. 

ß) uo > w, «e > ?/ : 

G : tZwc/, brueder, muehe, muet, ruem, suechen, schneie (7) — fuegen (2) 
füegen (1) fügen (1), fueren (4) fiteren (1) füren (2), gruessen (1) gruessen (4) grüssen(2) 
grussen(l), guet{\i) gut (2), ruefen (2) rw/m (1), £«e (1), sm (sonst) (6) ; /«Jen, Äare, 
genug, rwe, -tum (5). 

J: stuel(b) stul(l): sonst «. ü (34). 

S : nur w-, w (27). 

R: hüeten(7) hüten (6), £«e (1) zw (sonst); sonst w. "(14). 

J(S)R geg. G: bruder, füren, gut, mut. rufen, ruhen, suchen, schuh (8). 

GR geg. JS: *a(l). 

Bei tun-tuen ist e auch als 'endung' aufzufassen: 

G *«ew, tatf* usw., .7 tuen usw. (15) tun(8), S ft**«(13) /«?i (8), R <wm(14). 
tun (6), nur ferf. 

(1) Lange vokale, a) Diphthongierung. 

1. ? > ei ist durchgeführt bis auf folgende abweichungen : 

1.) -lein: G, J -Zem, S -Z/n (1) -lein (sonst), R -Zm(l) -fem (sonst). 
2.) inf. sein : GJR sein, S *m (1). 

3.) 1. pl. s(e)in(dj: G seind{2), J seindtj), S set'«d(l), R .m'nd(l). 
4.) 3. pl. s(e)ind: G seind(±), J *Cf'»tf(l), S seind{l), R s«*»d(l). 
GJ geg. SR: -Ze/». 

2. ü>au ist ebenfalls durchgeführt; nur R hat 3 v//'.- lmal mit sell>*t- 
korrektur daruff (Copeybuch 1528, brief nr. 6). 

ß) Wechsel langer vokale. 1. a—ö: 

G: ane(8) one{l); wor(l), war '(sonst) (= wahr). JS: one, war. 

R one war. G geg. JSR 2mal. 

2. e: GR: feelen, fehlen, gegen ,T : feylen (1) fehlen (9), S feyleu. 

e) Kurze vokale, oc) a—o. 

( i : sali (4) soll (5). 

J: widder— nach ; nach (2) 'noch (sonst) noch: S: nacfnb) noch(l): widder 
- /me/i (2) — »ocft (sonst), a& (2) o/j (3). 

R: nach (19) noch (2), widder - nach (5) - nocA (1); a& (7) ofc (1), -wZZ (10) 
.saZZ(l). GR sreg. JS: so$. 

ß) « - <• 

G: bete(o) bite(8); weder (1) wto*«r(l) j wilch (ti) welch- {3). 

J: Hirschen, widder (= Vetler). S: widder, wilch. R: hir*chen, widder, wilch: 
prüf, ir-(l); brengen(±) bringen (3). G geg. .TSR: widder. 

y) u — o, ü — i>. 1. vor nasalen : 

G: /ri«M, genummen, summrr : 8g. praes.. kum (b) kotn'(l), pl. praes.. inf.. 
pari praet. knmen(8) komen(2). gunnen, praet. künde, munch, sühne, sunst; 
nunne(l) norme {V), sun{3) son(}), sunder (26) so«tZrr(3). 

J: vor m nur o, ö = nhd.; künnen (2), künte (1) können (J), swfctffr(l) scms< (8); 
qünnen, mürich, wsünen; sonst o, ö*. 

,S: vor m nur ö, ö = nhd.; künnen, kürile, venu neu: sonst «, ff. 

R vor m nur o, « — nhd.; gunnen; künnen (3) /-o»Z« (1), sm«s<(1) son#i(8). 

.I(S)R gegen G : fromm, kommen, genommen, sömmer, son, sonder-, sonne. 



STEPHAN ROTH AUS KORREKTOR 265 

2. vor r. 

G : antwurten (2) -worten (7). 

3: f Order (= fürder), forche ; sb. forcht(l) furcht (1), praes. fürchten (4) 
f drehten (1), wurm (1) wärmer (1). 

S: storm; praes. fürchten (1) fürchten (3), wurden praet. pl. (4) worden (3). 

K: fürder (--= vorder); forder (= fürder). 

J(S)R geg. G: antworten, fürder. 

Dazu vor -/mV: 1.) = nhd. /w>: GJR: /wr, /«'/•/ S /or (1) /«/• (sonst). 

2.) = «7*tf. iw a) temporal: G for(8) für (3), JSR nur vor. 

b) loc, flg.: G/or(l)/MV(17); JS vor (2) /Ar (sonst), R ,/«r. 

3. mögen, vermögen GJS: mügen, vermügen, R wo</e»(l) mügen (sonst). 

2. Quantitäten, a) Erhaltung der kürze. 

Es ist ein verschiedener massstab an die texte zu legen je nach dem stand 
•der konsonantenhäufuug: 

I. II ist bei G nicht belegt; also kann die einzige Verdoppelung in sollen 
als beweis der erhaltung der kürze angesehen werden; ebenso steht es bei R; JS 
haben sollen neben 2 belegen der häufung 11. 

II. mm, im findet sich in allen 4 texten, scheidet also für die vergleichung aus. 

III. tt, dt ist von zweifelhafter bedeutung; nur vatter bei -G (der tt selten 
hat), gegen vater bei JSR, lässt auf erhaltung der kürze schliessen. 

IV. dd in nieder, oder, wieder bei JSR gegen G, lässt erhaltung der kürze 

bei JSR vermuten. 

b) Dehnung von kürzen. Als belege dienen : 

I. ie: bei G ist kein ie, aber yh vorhanden (s. s. 256 f.), 

II. Dehnungs-A nach kurzem vokal (s. 8. 256 f.). 

III. Vokalverdoppelung s. 257. 

c) Kürzung alter längen ist aus dem fehlen des dehnungszeichens zu schliessen 

1. in der komposition vor kons, bei den ableitungen von ehre (s. s. 256): 
spuren nur bei GR; in den drucken ist h durchgedrungen. 

2. eerst G, erst JSR; hier ist vielleicht kürzung anzunehmen. 

B. Nebensilben vokalismus. 

1. Schwachtoniges e. Es herrscht bei allen 4 texten eine derartige Willkür, 
<lass von einer bevorzugten form des autors, druckers oder korrektors keine rede 
sein kann, wie übrigens auch die betrachtung der parallelstellen im einzelnen be- 
stätigt. Rhythmisch bedingte doppelformen sind selbstverständlich in Güthels wie 
in Roths gesprochener spräche vorhanden ; doch entsprechen darum die synkopie- 
rungen und apokopierungen in der geschriebenen und gedruckten prosa nicht dem 
jeweiligen satzrythmus, sondern beruhen auf der laune des augenblicks. Für uns 
wären durch genaue Statistik der Schwankungen in den einzelnen texten keine 
greifbaren resultate zu erzielen, wie eine Stichprobe, die an einem kürzeren ab- 
schnitt für apokope und synkope von c in den verschiedenen endungen angestellt 
wurde, gezeigt hat. Vortoniges e im präfix ge- ist nirgends über das nhd. hinaus 
synkopiert, wohl aber umgekehrt ge- bei G genude, genedig erhalten, während JSR 
nur g- aufweisen. 

2. Einzige abweichung im suffix: G -nus, JSR -nis. 



266 WKIDEMANN 

II. Konsonantismus. 

A. Labiale, enff- > empf- : G entpfangcn (10), JSR empfangen, R empfindlich, 

B. Dentale, a) i"-erweichung (intensitätsschwächung) 1. t nach n> d: 
In allen texten zahlreich ; feindte pl. bei G, gegen JSR. 

d gegen nhd. : J: gesund, geivand, 2. pl. könd hindert (1) hinten (7), bekand (13), 
bekandt (1). S: bekand (2) bekant(b), gesand (1) gesandt (1). R: 3. sg. etgend; 
geivand (1) gewandt (1). JS geg. GR bekand. 

2. * nach r > d: G : «;?><# 3. sg., JSR wtj. 

3. tf nach Z > d: G: -feldig; halden(l) halten (5). 

J : </e/rf, geduld; gewaldig (2). S : </eW. R : #«7(7, geduld ; ald (1), halden (3) r 
gewaldig (1). 

JSR geg. G: -f eltig, gehl GR geg. JS : halten. 

4. tf nach laDgem vokal > d: J: brod, deudsch; bereid(l), adj. <od (7) todt (3). 
S: &»W, deudsch, vorrad ; rad (1), adj. 2od(l) <orf^(2). 

R: frrorf, deudsch; rad(l). 

JSR geg. G: deudsch; GJ geg. SR: rat\ 

5. £ nach kurzem vokal > d. Bei G nicht belegt: sta(d)t. JS: stad(je 1) 
sta(d)t (sonst). R : mid (1), stad (8) stacft (sonst). 

JSR geg. G stad. 

b) <- (d-) antritt oder einschub. G: -enthalben, -entlich, -entivillen, änderst,, 
yemandt, yetzt, selbst, sunst. 

J: -enthalben, -entlieh, -entwillen, ytzt, sonst; selbs (4) selbst (sonst) ; yemand, 
yrgend, niemand, nirgend, mond, wündschen. 

S: -enthalben, -entwillen, ytzt, sonst; selbs {IS) selbst (2); yemand, yrgend, 
niemand,, nirgend, mond. 

R: -enthalben, -entlieh, -ertwegen, ytzt, sonst; nachtbar(4) nachbar (sonst), 
selbs(l) selbst (15); yemand, yrgend, niemand, nirgend, weiland. 

JSR geg. G: yemand. 

C. Gutturale, a) anl. k für g: GJS: gegen; R /»<^en (1) #?#en (sonst) ^ 
.1 kriechisch. 

b) 1. /«-sehwund inl.: G befehlen(l) befelhen (sonst); J: befehlen; S: be- 
felhen(l) befehlen (sonst); R befehlen; sb. befelch(S) befahl (6). 

2. /«-einschub: G: wie«, JSR wiw/i«, R ausserdem bef reihung. 

D. Nasale. GJSR so»sf ; sunst; G n« (1) nw»(3); JSR n«. 

E. Liquide. 1. da-dar. a) r vor vok. erhalten. 

b) r vor kons, bei G in 13, J in 23, S in 33, R in 36 fallen geschwunden. 

c) r vor kons, bei G in 9, J in 37, S in 14, R in 8 fällen erhalten {geg. nhd.). 
2. hie-hkr a) r vor vok. erhalten. 

b) r vor kons, bei G in 1, J in 2, S in 1, R in 6 fällen geschwunden. 

c) r vor kons, bei G in 2, J in 1, S in 1, R in 7 fällen erhalten. 

Zählt man die jedesmal aufgeführten einzelfälle zusammen, in denen J(S)R 
gegen G übereinstimmen, so ergeben sich für die rechtschreibung 143, für den 
lautstand 45, insgesamt also 188, überall belegte Wörter, bei denen die form des 
korrektors durchgedrungen ist. 

Die drucke JS stimmen gegen die handschriften GR in der rechtschreibung 
26mal, im lautstand 8mal, insgesamt 34mal überein: so oft hat die druckpraxis» 
den ausschlag gegeben. 



STEPHAN ROTH ALS KORREKTOR 267 

GJ stimmen gegen (S)R iu der rechtschreibung 20mal, im lautstand 2mal, 
insgesamt 22mal überein: so oft hat die form des autors gesiegt. 

In prozenten ausgedrückt ist das Verhältnis 77 : 14 : 9. 

Die form des korrektors hat sich durchgesetzt (G steht allein gegen JSR) 
bei folgenden erscheinungen (es sind nur fälle aufgeführt, in denen dies scharf 
hervortritt) : 

Rechtschreibung: Umlautsbezeichnung von a; dehnungs-/i nach langem vok. 
vor /, rn, n; e als dehnungszeichen nach i; bezeichnung von 2; Vereinfachung von 
m; einschub von b, p; i = j; bezeichnung von inl. i; s < j'j) vor kons.; Verdoppelung 
von t in ableitungs- und endsilbe; dt für altes tt. Lautstand: Umlaut a>e gegen 
nhd. ; beleg der entrundung; monophthongierung von uo; t > d im part. praet., nach 
kurzem vokal; entf.- > empf.-; *i-an,tritt. Die konsequenz des korrektors hat sich 
durchgesetzt (G allein ist inkonsequent): ä — e; dehnungs-/j nach lang vok. vor r; 
ee; tz — cz — zc: i — y; ausl. -s: — ä > 6; ü — ö-wechsel. 

Demgegenüber erscheint beeinflussung von J durch G — des korrigierten 
textes durch die Schreibung des autors — möglich bei folgenden erscheinungen 
(GJ geg. SR): 

/-Schreibung ; th ; dd; gk — ck; ss = germ. s. 

Die druckpraxis hat den ausschlag gegeben (GR geg. JS) : 

Umlautbezeichnung von a und o; auslautverhärtung von g, auch in kom- 
position ; ausl. — s < — z. Wechsel e — i. 

Roths handschriften stimmen mit den gleichzeitigen Lutherschen druck- 
schriften übereiu iu folgenden punkten: 

Rechtschreibung: dehnung-Ä/ ie < i; ee: tz; rJi, jh: konsonantenvereinfachung; 
auslautverhärtung; einschub von b, p; v anl. inl.; aw, ew = au, eu; y — ?', ei— ey; 
— s; s < j vor kons. ; Verdoppelung mm, nn, tt, dt. Lautstand : Umlaut a > e; 
Wechsel e — *,• d > 6; monophthongierung (sogar im einzelnen: huetenf); iglich, 
itzt; sind; auff — vff; u > o, ü > ö; t > d erweicht; «-antritt; r-sch\vund. 

Roth weicht von Luther ab: a) Luther =, Roth gegen nhd.: /-Schreibung; th; 
88 inl.; M- Wechsel a — o. b) Luther gegen, Roth = oder ähnlicher nhd.: Umlaut ä ö; 
l> — p anl. fehlen; -lein. 

Ein korrektor, der bewusst auf Seiten einer fort- 
schrittlichen entwicklung der Schriftsprache steht, hat 
gegenüber einem a u t o r , d e r i n diesem punkte rückständig 
ist, seine Schreibweise bei mehr als 3 U der (gleichzeitig be- 
legten und abweichenden) Wörter und in der überwiegenden 
m e h r z a h 1 der orthographischen und lautlichen erschei- 
nungen im drucke durchgesetzt. Er hat sich jedoch nicht 
ganz dem einflusse seiner vorläge zu entziehen vermocht, da in etwa 
l /ii der fälle und in einigen punkten der rechtschreibung das korri- 
gierte werk die form des autors anstatt der des korrektors zeigt. Er 
hat aber auch der eigenmacht der druckerei nicht ganz steuern können ; 
denn in l ji der fälle und in einigen Sondererscheinungen findet sich 
in dem korrigierten druck eine von seiner wie von der des autors 



268 . HOLTIIAUSEN, GOTICA 

Schreibweise abweichende, aber mit einem andern gleichzeitigen druck- 
werk übereinstimmende form. 

Wir wissen auch, dass neben Roth andere korrektoren in ähn- 
licher weise gewirkt haben. Der kreis nun, aus dem diese männer 
hervorgiengen, ist derjenige Luthers. Demnach liegt die allgemeinen! 
bedeutung dieser korrektorrätigkeit darin, dass sie der Verbreitung 
der Luther spräche gedient hat, indem sie deren stil werken 
verlieh, die in weitem abstand davon geblieben wären, wenn ihr 
druck nach den handschriften von Verfassern, die hinsichtlich der 
Schreibweise rückständig waren, oder durch nachlässige drueker er- 
folgt wäre. 

KIEL. CARLA WEIDEMANN. 



MISZELLEN. 

Gotica. 

1. Got. hags 'landgut'? 

In der von Doni-Gori herausgegebenen lat.-got. Urkunde von Neapel kommt 
der bisher unerklärte gen. hugsis = lat. fundi 'landgutes' vor. Da sich in dem 
got. teile mindestens ein lese- oder Schreibfehler (Gudilub statt Gudilaib) findet, 
darf man wohl auch bei hugsis einen solchen annehmen und darin ein ursprüng- 
liches hagsis, gen. von hags 'gehege, hag, landgut' sehen. Dieses hags wäre eine 
bildung wie ahs 'ähre', also aus dem urgerm. s-stamm *hagas entstanden, und ge- 
hörte zu ahd. hag, ae. haga, aisl. hagi, germ. hagu- in an. run. Hagu-sta(l)äaR, 
as. hagu-stald, ahd. hagu-sialt 'diener, mann, krieger', eigtl. 'hagbesitzer'. — Ein- 
facher wäre es natürlich, hugsis gleich in hagis zu bessern, aber dies liegt doch 
von der Überlieferung zu weit ab ! 

2. Got. hi r i 'h i e r h e r . 

Die mangelnde brechung des i vor r legt es nahe, in hiri eine Zusammen- 
setzung aus hi-ri zu sehen 1 , vgl. ni-h 'und nicht'; vi könnte der imperativ der 
wurzel *rei- 'laufen, sich bewegen' sein, die in as. ae. rld 'bach, fluss', lat. r'ious 
'bach', ai. riyatc 'gerät ins rliessen', rat/ah 'Strömung, lauf, eile', gr. opivw 'be- 
wege' usw. vorliegt. Die Verkürzung von unbetontem *rl zu ri ist ganz regel- 
mässig, vgl. wili 'er will' neben wile-is, wileima. Bemerkenswert ist aber, dass hi-ri 
nicht wieder zu *hirei umgebildet wurde (vgl. nasti), da doch die dual- und pltiral- 
formen hirjals, hirjijj genau zu nasjats und nasjip stimmen. Die ursprünglichen 
formen des du. und pl. waren wohl *hi-fi(j)ats und *hi-rei/'. Zur bildung von 
hiri vgl. noch osk. ce-bnust 'huc venerit'. 

1) Vielleicht liegt auch einfluss von hidrl vor. 



HEINRICH, AUS JOHANNES ROTHES GEDICHT VON DER KEUSCHHEIT 269 



3. astcp. 

Ein acc. Sgl. astup übersetzt Luk. 1, 4 das griech. d-ocpdXetav Sicherheit'. 
Peters, Got. konjektureu (1879) hat es s. 4 in stop gebessert, während v. Grien- 
berger, Unterss. s. 80 f. ein ursprüngliches aUsta]> darin vermutet. Dies würde 
aber eher 'anstand' oder 'zustand' bedeuten, vgl. at-gaggs 'zugang'! Das einfachste 
scheint mir, den Verlust eiues anlautenden y anzunehmen und gas top zu lesen, 
vgl. das verbum gastandau 'feststehen' sowie das adj. un-gastöps 'ohne festen 
stand'. Möglich wäre allenfalls auch ein ursprüngliches fastap = faststap, doch 
dürfte gastap allen billigen ansprüchen genügen. 

4. baira-bagms. 

Dies bisher unerklärte wort gibt Luk. 7,16 das griech. o'jxäu-ivo:; wieder, 
wofür die vulgata morüs setzt. Die Goten werden den maulbeerbaum vor ihrer 
Übersiedelung nach Mösien schwerlich gekannt haben und es liegt nahe anzunehmen, 
dass Wulfila diesen fremden bäum mit einem einheimischen worte benannt hat (vgl. 
peikabagms 'palme'). Nun kann baira- mit ai gesprochen dem ae. bar (ne. boar), 
as. ahd. bcr 'bär, eher' entsprechen ; vielleicht war bdira-bagms 'eberbaum' bei den 
Goten der name der eberesche? 

KIEL. !'. MOI/THAUSEN. 



Aus Johannes Rothes ungedrucktem gedieht von der keuschheit. 

Abkürzungen. 

1. Mitteilungen = Mitteilungen ans der Königlichen bibliothek. Heraus- 
gegeben von der generalverwaltung. II, 1 usw. Berlin 1914 (Weidmann), s. 87, 
«p. 2 bis s. 91, sp. 1 : bibliothekar dr. Hermann Degering, Johannes Rothe, Buch 
von der keuschheit. 

2. Passion == Johannes Rothes Passion. Mit einer einleituug und einem 
■anhange herausgegeben von Alfred Heinrich. Breslau 1906 (= Germanistische ab- 
handlungen, heft 26). 

3. Rateszucht = Johannes Rothes lehrgedicht Des rätis zeucht, I. teil. 
Zum ersten male kritisch herausgegeben von Alfred Heinrich. Berlin-Tempelhof 
1913 (progr.realgymn.). 

4. Ritterspiegel = Johannes Rothes Ritterspiegel. Herausgegeben von 
Karl Bartsch, Mitteldeutsche gedichte. Stuttgart 1860, s. 98-211 (= Bibliothek des 
Literarischen verein? in Stuttgart, nr. 53). 

5. Ritterturm = Julias Petersen, Das rittertum in der darste^lung des 
Johannes Rothe, Strassburg 1909 (= 106. Heft der 'Quellen und forschungen'). 

6. B. A„ Berliner auszug = Ms. germ. 4° nr. 1S6 (papierhandachrift des 
15. Jahrhunderts) der Kiinigl. bibliothek Berlin, enthaltend Rothes 'Lob der keusch- 
heit' im auszuge. Überdeutsche mundart. — Bisher ungedruckt. Ich führe diese 
handschrift nach meiner abschrift an. 

Vor etwa zwölf jähren stellte ich vergebliche uachforschungen an nach dem 
verbleib der von Job. Friedr. Aug. Kinderling in Adelungs magazin für die deutsche 



270 Heinrich 

spräche (l>d. II, st. 4, s. 108-137) in proben mitgeteilten handscbrift, der sogenannten 
Gebhardischen, die Johannes Rotkes Gedicbt von der keuschheit enthielt 1 . 

Diese nacbforschungen hat Degering vor einigen jähren erneuert; es gelang 
ihm aber ebenfalls nicht, das alte buch ausfindig zu machen 2 . 

Die ersatzhandscbrift der (Kinderling-)Gebhardischen handscbrift, der so- 
genannte Codex Chelteuhamensis, war mir Beinerzeit leider nicht zugänglich, da 
sie sich in einer englischen privatbücberei befand 3 . 

Aber gerade dieses manuskript enthielt wichtige abschnitte — über das leben 
in den nonnenklöstern, bemerkungen über trachten, allegorische auslegungen der 
wappen mehrerer thüringischer adelsgeschlechter, derer von Bnchenau, von Wolfs- 
kehl, von Vonir, vou Elsterberg, von Henneberg — abschnitte, die in der Berliner 
handscbrift Ms. germ. 4° nr. 186 (= Hothes 'Lob der keuschheit' im auszuge)* 
fehlten. 

So inusste ich damals auf die herausgäbe des 'Lobes der keuschheit' verzichten. 

Während eines Studienaufenthaltes in England im sommer 1914 richtete ich 
dann durch die Universitätsbibliothek Cambridge an den besitzer des Codex Chelten- 
hamensis, herrn Fitz Roy Fenwick in Cheltenham, die bitte und anfrage, unter 
welchen bedingungen mir mittelbar oder unmittelbar die gesuchte Kothebandschrift 
zugänglich sein würde. Herr Fenwick antwortete mir: soweit er sich erinnere, sei 
die fragliche handscbrift verkauft worden 3 . Auf einen weiteren brief meinerseits* 
in wessen besitz sie übergegangen sei, erhielt ich — keine antwort. 

Einige monate später las ich zufällig in der Vossischen zeitung, dass die 
Königl. bibliothek Berlin handschriften aus der Phillippsbibliothek erworben habe. 
So konnte ich die lange gesuchte handschrift endlich benutzen. 

Unter der bezeichnung Germ. Qu. 1400 gehört sie jetzt erfreulicherweise der 
Königl. bibliothek Berlin. Der bibliothekar Hermann Degering hat das ms. in den 
'Mitteilungen' eachgemäss und gründlich beschrieben. Ansprechend ist u. a. seine 
Vermutung, dass der Schreiber der Gebhardischen hs., Johannes Rutinck, aus Singen 
(= handschriftl. sengen) bei Stadtilm im schwarzburg-rudolstädtischen stamme 
(a. a. o. s. 91). 

Ich selbst habe das umfangreiche manuskript (5699 verse) abgeschrieben- 
Die kulturgeschichtlich und sprachlich wichtigen und wertvollen abschnitte ver- 
öffentliche ich im folgenden zum ersten male. 



1) Vgl. Passion s. 4 ff. 

2) Vgl. Mitteilungen s. 88. 

3) Vgl. Passion s. 5. 

4) Über diese handschrift vgl. Passion s. 5. 

5) 3 Sumuer Terrace 

Onslow Sq 
May 20. 1914. London SW 

Dear Sir 

I only arrived from Berlin yesterday after a long absence abroad & your 
registered letter of the 8 ,h this (?) & letter of the 17 ,h only reached me this mor- 
ning. I believe the MS you refer to is sold, but in any case we could not send it 
to Cambridge as we never allow any book to be sent away for use out of the housc 

Yours faithfully 
T. Fitz Koy 

Fenwick. 



AUS JOHANNES KOTHES GEDICHT VON DEK KEUSCHHEUT 



271 



Was den text angeht, so gebe ich alle abweiehungen von der handschrift, 
die im thüringischen heimatsdialekte Eothes geschrieben ist, in den fussnoten an. 
Die Zeichensetzung füge ich (wie üblich) hinzu. 



I. Über das benehmen der jung 
(V. 367-404 = 

Die meide sollen gezuchtig sin, 
Wo die wanderen uss vnnd yn, 
Vnnd aller meist an den gewigeten 
steten [s. 15.] 
370 Nicht vmme rennen vnnd vnnutze 

reden! 
In der kirchen sollen alle wibesnamen 
Swigen vnde nicht kosen zu samen, 
Also daz vorbutit das gesetze. 
Daheim sollen sie sich des ergetze, 
375 Wanne was man in der kirchen tut, 
Das nicht zu gotiz dinst ist gut, 
Das wirt zwiueldich sunde: 
Des hewaret vwer ougen vnnd 
munde! 
Vnnd must ir van not sprechin ein 

wort, 
3S0 Das tut megelichen vnnd macht 

ess kort, 
Vnnd macht den luten nicht argen 

wan, 
Das ist togendlich getan. 
Man mercket uch in der kirchen 

mere, 
Dan ab ess in eim tantzhuss were. 



frauen, besonders i m go ttesh aus. 
s. 15/16 der hs.) 

385 Welch magit man zu der kuscheit 

twingit, 
Die da nach der werlde ringit, 
Der kuscheit ist zu male kleine, 
Vnnd ir hertze ist seiden reine. 
Wanne ess ist kein kuscheit in 
dem libe, 

390 Da der mut nicht kusche wil hübe. 
Dar vmme ist bessir einen man 
genomen, 
Dan stetlichen so bornen ane fromen, 
Vnnd gote dinen in elichir wise, 
Danne vnder eine schappel ader 
vnder ein ryse, 

395 Die da swartz gefarwet were 
Vnnd doch der meide Ion enbere 
Adder zu gote gar ho'e uff stege 
[s. 16.] 
Vnde sich der heiligkeit vor zege. 
Wanne junger maide wanden 

400 Mit naturlicher färbe sint befangen, 
Sich scheinen vnnd nicht vmme seheu, 
Wo sie uff der strassiu hin gehen, 
Unnd ab sich by in rustert ymant, 
Das sie des nicht warten al zu hand. 



II. Über Frauentracht. (V. 1720-1739 = s. 60 der hs.) 



t720 Ich wil auch haben van den wiben, 
Das sy kein hoffart triben, 
Sundern in zemlichen cleidern gein, 
Gesmocket, di en wol sten, 
Mit schemenden vnnd mit guten 

seten 



1725 Vnnd mit yren worten sin besneten. 
Si sollen abir ir hare nicht kruse 
Vnnd by den oren machen muse 
Vnnd fremdiss bar flechten yn, 
Vff das di zoppe schone gesin, 

1730 Di sy vmme di koppe binden 



367 ge-zühtic = 'anständig, gesittet' fehlt bei Lexer. 

375 dut. 379 must. 380 dut, vnn. 382 gethan. 384 dantzhuss. 

3s9 dem] den. 392 stetlicher. 393 elichir [schon Kinderling] etlichir. 403 
ristert. 1726 krüse (rmüse). 1727 müse = mhd. miuse, pl. von müs, maus, bes. haar- 
tracht? Vgl. heute: 'Schnecken legen'. 1731 sleger. Vgl. Passion. V. b98: 'Eyuen 
sleiger ich do zcü banden nam'. 



272 



HEINRICH 



Vnnd di sleger dar vinme gewindeu 
Vnnd mit golde sich bespengen 
Vnnd mit finen perlin behengen 
Vnnd mit irem turen cleide. 
1735 Mentel vnnd rock di beide 



Solleu sin gesneten gar bequemlich, 
Also irem leben wol ist zemlich, 
Ein itlichiss nach sirae stad, 
Dar nach ess adel addir richtum had. 



(V. 2175-2254 = s. 75-78 



III. Über das leben in den nonnenklöstern. 

der hs.) 

Das leben und treiben in einem nonnenkloster zu beobachten, bat Johannes 
Rothe wohl besonders in dem zisterzienser-nonnenkloster St. Katharinen vor den 
toren Eisenachs gelegenheit gehabt. In einer Urkunde aus dem jähre 1425 nämlich 
vermachte der 'Schulmeister Er Johannes Rothe' mehreren 'Klosterjungfrauen zu 
S. Catharinen vor Isenach', und zwar seiner Schwester Jutten Rotin, Keten 
Gitzen Margareten und Keten ihrer Schwester kindern genannt die Weberstetin 
und Alheid Tuchin, . . . zur Besserung ihrer Pfründen und nach deren Tode der 
Sammlung gedachten Klosters 34 Schillinge Pfennige und 10 Pfennige, 26 Hüner, 
2 Gänse, 1 Eisenacher Viertel Gerste, zu einem ewigen Testamente seinen Eltern 
und seiner Seele zum Trost' '. 

Zu der obenerwähnten 'Alheid' ist zu bemerken, dass Degering (Mitteilungen 
s. 88 f.) in dem prolog der 'Keuschheit' das akrostichon 'Alheid Johann' entdeckt 
hat. In dieser Alheid vermutete er 'eine nahe verwandte, Schwester oder ge- 
schwisterkind, Rothes', was durch die obige stelle in der Urkunde bestätigt wird. 

Der folgende ganze abschnitt findet sich auch in dem Berliner auszuge von 
Rothes 'Keuschheit'. Vgl. die abkürzungeu am anfange dieser arbeit unter B.A. 
Die abvveichungen von B.A. gegenüber unserer handschrift teile ich unter dem 
strich stets genau mit, soweit sie nicht rein orthographischer art sind. Jedoch 
füge ich zur Unterscheidung stets B.A. hinzu. Die betreffende stelle, die ich im 

von v. 898-975 und steht auf hl. 18a-19a. 
2185 Di kuscheit, di sy solden < halden > 



folgenden mit heranziehe, reicht in B.A. 

2175 Ess spricht der lerer Anseimus 
Van den closter frauwen alsus: 
Etliche in clostern meide sint, 
Di heilig schinen vnnd gotes kind, 
Di ym doch gar wenig tougen 

2180 Vnnd dinen ym allezyd nach den 

äugen. 
Den ist das closter ein kercker, 

[s. 76.] 
Vnnd ist in an dem hertzen swer 
Di libe zu gote alss ein kete, 
Wanne alle zyte ir hass ist dar mete. 



Di ist in alss ein fesser an irem bein. 
Di letzie vnnd di predigate ist in 

swer, 
Si horten vil über ander mer. 
Das lange gebede das ist en leit, 
2190 Das swigen ein grosse bitterkeit. 
Di selben in clostern wenig beginnen, 
Dan das sy uf vnnd nider rynnen 
Vnnd sint allezyd bereid dar zu 
Wo man sal lichtuertikeit tu. 



1) Zeitschrift des Vereins für thüring. geschichte und altertumskunde bd. IV 
(1861), s. 219. — Über Rothes interesse für das zisterzienser-nonnenkloster St. Katha- 
rinen vgl. Helmbold, 'Johannes Kothe und die Eisenacher Chroniken des 15. Jahr- 
hunderts', in ders. zeitschr. bd. XXIX (1913), s. 439. 

2175 anselmus. 2178 kind] friint B.A. 2179 Di] Vnd B.A. 2181 f. sind in 
B.A. umgestellt. 2183 kethe. 21*3 f. fehlen B.A. 2185 halden fehlt. B.A.: solten 
halten fein. 2186 Di ist in] Ist B.A.; fesser] fessel B.A. 2187 di fehlt B.A. 2189 
das fehlt H.A. 2191 in clostern] in dem clouster B.A. 2194 sal lichtuertikeit] 
lichtfertikeit sol B.A. ; thu. 



AIS JOHANNES ROTHES GEDICHT VON DEH KEUSCHHEIT 



27 3 



2195 



2200 



2205 



2210 



2215 



2220 



Aber zu der metten der koregang' 
Ist en svver vnnd werden kräng-, 
Vnnd wanne sy sollen god an beten, 
Mit der ynnikeit si hinder sich treten. 
Vfwertlichegeschaftsintsigeschide, 
Das straffen no mögen si nicht 
gelide, 
Essen vnnd trincken wol vss gericht. 
Zu gotis dinste togen si mit nicht. 
Di heilige schrifft können si nicht 
behalde, 
Aber di wertlicheu mere gar balde; 
Alfter. kossen vnnd vbir di andern 
richten, 
Aber ir eigen sunde können si nicht 
gebichten. 
Di wernt in liebet vor allen dingen, 
Vnnd ilas si naoh liebes lusten ge- 
ringen. 
Wanne si sollen gehen zu tische, 
'So ylen sy vnnd louffen rische. 
Sollen si aber gen in den kor, 
[s.77.1 
So wollen si vil berichten vor 
Vnnd komeh dar in gar langsam 
Vnd sint an beiden beinen lani. 
Vil lieber haben si den hass, 
Dan das si durch gote teden etzwas, 
I »as in allen zu gute queine 
Vnnd en iren kumer beneme. 
Wer glaubte, das der geistliche 

orden 
Also gar zu nichte were worden? 
Zucht vnnd schemde sint vor gangen. 
Nach gutis liebe wil nymand vor 
langen, 
Di togende hüben da binden, 



Der heilickeit kan man nuinme 
vinden. 

2225 Ess spricht sant Gregorius 
Ein rede, di lutit alsus : 
Ein totes opper opphern di kind, 
Di geistlichen in den clostern sind, 
Der licham sind in den clostern 
beslossen, 

2230 Vnnd ir hertze hau si vss gegossen. 
Das ess in der wernde irre gehit 
Mit alle deine, das dar ine gesohlt. 
In dryen dingen sted di geistlicheit, 
Di ein itlich orden an ym treid : 

2235 In gehorsam vnnd in armute 

Vnnd in rechter kuscheitin dem mute. 
Dar uff Petrus Damiani spricht: 
Wer sinen gehorsam freuelichen 
bricht. 
Den her god vnnd sinen obersten 
had getan, 

2240 Den saltu in dime glouben also han, 
Das der uss dem orden geloffen sy 
[s. 78.} 
Me danne, ab her di kappe lisse ly. 
Vnnd wer auch had eigen gelt 
Ane loube sines obersten, vngemelt. 

2245 Der sted auch sime orden abe, 

Vnnd man sal en uf das feit grabe. 
Vnnd wer sin kuschelt nicht heldet 
Vnnd üb vnnd sele dar mede spcldet. 
Also das her mit dem liebe 

2250 Kusch in dem closter blibe 

Vnnd mit deme mute her uss bole, 
Der hübet in der vnkuscheit phole 
Also ein rechte ebrecherynne 
Vnnd ist vss gelouffen nach dem 

sinne. 



2199 gßschide: gelide] geschibe: geüden B.A. 2200 no fehlt U.A. 2202 togend. 
t fehlt B.A. 2203 schrifft] geschafft B.A.; behalde] halten B.A.; gar balde] 



behalten sie balde. 2206 
vil noch lust ringen B.A 
gorius. 2227 
clouster B.A. 
mit der weit 



,'ebichten] bichten. 2208 nach liebes lusten geringen] 
2210 rische] gar rösche B.A. 2218 kumer. 2225 gre- 
ift kind] got di kint B.A. 2228 den] di ; in den dostern] in dem 
2220 den clostern] dem clouster B.A. 2231 in der wernde irre gehit] 
Min uer wen ere gihet (: gesebihet). 2234 orde. 2236 in rechter kuscheit] recht 
küscheit B.A. ; dem] den. 2237 petrus damiani. 2239 Den] Die. B.A. ; sinen] den 
B.A. -gethan. 2241 der] er B.A.; orden] clouster B.A. - Zu geloffen 7gl. die form 
gelouffen v. 2254 und louffen v. 2210. 2243 auch] do auch H.A. 2244 loubej 
vrlop B.A. 2246 sal] solt B.A. 2247 heldet] enhelt H.A. 2251 böle .(: pböle). 
2252 Der] Die B.A. vnkuscheit! küscheit B.A. 2253 E brecherynnc. 2251 dem] 
den; zu gelonffeii vgl. v. 2241 die form geloffen. 



274 



HEINRICH 



IV. Wie eine gottgefällige non 
(V. 3704-3831 = 

Der lerer santus Augustinus 

•3705 Der schribet den heiligen meden 

alsus : 
Ein itliche froine geistliche iunc- 
frauwe [s. 123.] 
Di sal sich nicht vil lassen be- 
schauwe, 
Si sal auch nicht vil vss gehen, 
Das si alle ding wolle besehen, 

3710 Di velt, di hus, di stete, di gassen ; 
Si sal der dinge vil vor lassen, 
Si sal in irem kloster bliben 
Vnnd da lesen, beten vnnd schriben, 
Nehen, wircken vnnd spinnen 

3715 Vnnd da czeraliche erbeid beginnen; 
Si sal ir haubet < nicht > uss 
smocken 
Vnnd mit den slegeren voruss zocken 
Vnnd auch mit dem cleide 
Vor den anderen uss scheide, 

3720 Nach hoffertichlichen gebaren 

Mit yren locken vnnd auch hären, 
Ir ougen auch nicht uf richte 
In eime lachenden ane gesichte, 
Sundern das haubt nider slan 

3725 Vnnd di hoffertigen seten lan, 

Vnnd wo si danne hin sal gehen, 
So sal si sich nicht vmme sehen, 
Ob sich ymand reget hinder or; 
Si sal sich allezyd sehen vor, 

3730 Mit nichte si des vor henge, 
Das ir vnzemlich liebe brenge, 
Vnnd also sich des könne enthalde 
Vnnd ires hertzen vnnd sinne ge- 
walde. 
Si si doch des nicht ein sache, 

3735 Das si andern luten begerunge mache, 
So sal ir schimp gesehen mit forten 
Vnnd mit allen tzemlichen Worten, 



ne 1 e 
s. 122- 



3740 



3745 



3750 



3755 



3760 



3765 



3770 



ben und sich benehmen soll. 
-128 der hs.) 

Mit hobischen züchten vnnd mit 
swigen [s. 124.] 
Sal si gotes holde ir krigeu 
Vnnd auch der lute lob dar mede. 
An vor heben si alle ire rede 
Widder van richtum ader van ge- 
schlechte 
Ader van schonde, wissheid zu rechte 
Nach sich des mit nichte vor hebe, 
Ab si gotlicher gnade entzsebe. 
Sandern in demud allezyd blibe 
Vnnd ir selber keinerley zu schribe, 
Sundern des geistes ermute tragen : 
So mögen si gote vnnd den luteu 
behagen. 
Etliche kusche meide man vint, 
Di da in den clostern sint, 
Si meinen si sint heilig vnnd gud, 
Vmme das ir keine grobe sunde tud ; 
Si duncken sich gud in iren leben, 
Vmme das si di werlt haben begeben 
Vnnd wandern nicht vnder den luten, 
Di en grobe worte beduten, 
Sundern tragen ire kappen an 
Vnnd meinen, ess si alles wol getan, 
Das si beginnen ader triben, 
Vmme das si in irme closter bliben 
Vnnd gote dar ynne sint vor truwet. 
Vnnd ab si.das wol had geruwet, 
So meinen si doch, ess schade en 

nicht, 
Ess si en vor geben in der bicht, 
Vnnd gedencken nummer recht 
dar an, 
Was si gote gelobet han, 
Vnnd halden lasterlich iren orden 
Vnnd sint gote trueloss worden, 
Wanne si sere da vber treden [s. 125.] 
Mit vm?ehorsam vnnd vbel teten, 



3704 augustinus. 3713 lessen. Zu v. 3714 vgl. Rateszucht v. 254 ff.: 

Werkin, newin, spinnin, strickin, 

Vnd manchirlei desselbin glich, 

Als ein iclicher nerit sich. 
3716 nicht fehlt. 3717 vor vss. 3728 6r. 3732 könne] kan. 3734 Si si] So si. 
3735 begerunge] bekerunge. 3739 ir kregen. 3759 gethan. 



AUS JOHANNES ROTHES GEDICHT VON DER KEUSCHHEIT 



275 



Mit hoffard, zorne vand lange hassen, 3800 
Vnnd das si gotes dinst vorlassen 
Mit vnkuschen gedancken vnnd böser 

liebe 
3775 Vnnd stelen sich van gote alss di dibe 
Vnnd achten so getaner sunde dein, 
Wanne si di kuscheid halden allein ßg05 
Vnbefleckt mit irem libe, 
Mit dem hertzen können si ess ge- 

tribe 

3780 Vnnd weitlicher liebe wol gephlegen 

• Vnnd dar van geschriben vnnd ge- 

segen. 

Hir mit si di geistlichen liebe zu 

brechen. 

Di vntruwe wil Cristus an en rechen, 

Wanne si sint ym eliche truwe 

schuldig, 

3785 Wol das her gein en ist geduldig. 

Sy sint ym mer phlichtig dan di 

andern, 

Di vss den clostern vnder di lute 

wandern, 

Wanne sy wenig sorgen dar ynne, 

Wi si ir narunge sollen gewinne 

3790 God der besorget in di liebe 

Alss ein elicher tud sime wibe, 

Dar vmme sint sy god phlichtig mer 

Danne ess anders vmme si gelegen 

wer. 
Also vindet man etliche meide dan. 3825 
3795 Di meinen, si haben nicht getan 
Sunde wider ir samwitzikeid, 
Dar vmme so werden si en nicht leid 
Vnnd en achten nicht bosser be- 

korunge. 3830 
In dem buche van der heylichen 
vffenbarunge 



3810 



3815 



3820 



Da wirt van en also vorzalt : [s. 126.] 
Du bist wider warm noch kalt, 
Sunderen bist welch zu aller stunde,' 
Dar vmme spye ich dich vss mynem 

munde 
Vnnd mag dich nicht lenger behalde. 
Woldestu nu in ruwen erkalde 
Vnnd lissest daz gute duncken 
vnder wegen 
Vnnd woldest der demutikeid 

phlegen 
Vnnd nemest dich der ruwen an 
Vmme sunde, di du hast getan, 
Di du achtes si sint gar deine 
Vnnd wilt si zu keiner zyd beweine, 
Das ich nicht dorffte mit dir zorne, 
So machstu in myner liebe entporne, 
Da du sust nummer körnest zu 
In diner welchen wise nu, 
Sunderen dir genugit dar an wol, 
Das din sele ist der laster vol ; 
Wanne din hass vnnd hoffard 
Di sint grosser sunde van rechter ard, 
Wanne ess wer din vnkuscheid 
Durch naturliche liebe vnnd wer 

dir leid. 
Ess spricht auch dar von alsus 
Der lerer sant Gregorius: 
Das god sin liebe zu dir had, 
Das macht nicht des closters stad, 
Nach din orden nach din cleid, 
Sundern dine gute mit samkeid 
Vnnd togentlich wercke da, 
Di brengen dich zu gote na 
Vnnd liebe zu gote vnnd demud, 
I>i sint wider den hass vnnd hof- 
fard gud. 



V. Die wappenschilde und ihre deutun^. (V. 4924-5599 = s. 159-179 

der hs.) 

Nu sal man mercke di Schilde 4925 Di da sten gemalet vmme das bilde: 

vnndirvsslegunge. Si beduteu das mede liden, 

Das beduten nu di Schilde, Das di kuschen zu allen geziten 

3776 gethaner. 3778 Vnnd befleckt. 3779 getriben. 3781 gescribeu. 
3783 cristus. 3789 gewinnen. 3792 plichtig. 3795 gethan. 3803 mynen. 
3807 plegen. 3X09 gethan. 3810 dein (: bewein). 3819 sunde. 3823 gregorius. 
3826 orde. 



276 



Sollen mit den Sündern han, 

Di da ficht di vnknscheid an, 
49H0 Di gnade losen, des mutes krancken, 

Di vil geliden van bösen gedancken. 

Sante Gregorius spricht an ein 

st;ul : -1905 

Castus di kuscheid lieb had 

Vnn d had lust mit j ungen vnnd alden, 
4035 Di ir hertze reine halden, 

Vnnd di mit irern süssen leben 

Den luten snsse bilde geben, 

Vnnd ab wol di vnkuscheid mit den 

seten 4970 

Van dem licham ist reine besncten, 
4940 Dannsch dick < en > des gebricht, 

[s. 160.J 

Das si wil van dem hertzen nicht. 

Glich also das schone liqht vor 

tribet, 

Das kein dinster vmmo ess blibet. 4975 

Vnnd der driakels di vor gifft, 
4945 Wo si des menschen licham trifft. 

Also vortribet di rechte kuscheid 

Van dem hertzen di hosen tuscheid 

Vnnd alle böse vnkusche gedaucken, 

Dar van di sele beginnet krancken. 4980 
4950 Ein wol ff an dem schil.de steint, 

Wanne ein mensche den vorhin sehit. 

E danne der wolff sin wirt gewar, 

So verlasset der wolff di frecheit ffar. 

Sehet aber der wolff den menschen er. 4985 
1955 So kan her nicht geschrien ser, 

Vnnd der wolff benymmet yni sin 
sfvinnir 

Mit sime naturlichen grimme. 

lieget danne der mensch sinen 4990 
mantel abe, 

So mag her sine stimme widder 
gehabe. 
i960 Dit spricht s a li t Ambro srus: 

Der wolff bedudit den tuuel alsus: 



Entzebestu siner bekomnge zu 
vor an, 
So mag her an dir nicht gehan, 
Du sturest ym mit dinen gedancken 

gud, 
Das her nicht vorkeret dinen mud. 
Ist aber das her dich E ersehit 
Vnnd dir sine böse gedancken in 

lehit. 
Dy stymme vor lustu also balde, 
Dine gebed beginnet in liebe vor 

kalde, 
So lege van dir din oberste cleid, 
Lass dir dine sunde wesen leid, 
Vnnde sprich zu hant dine vffen 
• schult, [s. 161.] 
So wirdestu mit gnaden widder 

erfult, 
Das du mit ynnekeid bedest 
Vnnd in gotes gnade tredest. 
Disser schilt ist gel: 
Den füren di van Wolffeskel. 
Vnser herre Ihesus Cristus spricht 

al30 
In dem heiligen ewangelio: 
Birne vorborgen schätze ist wol glich 
In eime acker das himmelrich. 
Also den ein mensche funden had, 
So vorberget her en uff der stad 
Vnnd vorkaufft das sin also balde, 
Vff das her den acker behalde. 
Nu pruffe den acker tzu disser frist, 
Der din eigen hertze ist. 
Der selbe acker heisset din 
Vnnd mag auch wol gotes sin, 
Wanne her ess zu sime lobe had 
geschahen 
Nach deine, alss vns beduden di 
phaffen. 
Wer ist aber der kauffman, 
Der ^ich des ackere nynrmet an? 



4932 gregorius. 4930 iren. 4940 en fehlt. 4944 driakel, triakel stm. Theriak 
(gt. lat. theriacum) naeh Lexer. Th. war ein berühmtes gegengift in form einer 
hreiförmigen arzneimischung (Latwerge), die aus etwa 70 arzneimitteln bestand. 
Der Th. wurde von Andromachus aus Kreta, dem leibarzt des kaisers Nero, zu- 
sammengesetzt. Durch die Pharmakopoe von 1882 erst aus der liste der offizinellen 
arzneimittel gestrichen. (Brockhaus 1903, bd. 15.) 4955 geschreien. 4900 ambrosius. 
4966 ersieht c lehit). 1972 spricht. 4975 dredest. 4970 schult. 4977 wolffes kel 
1978 ihesus rri-tus. 4<i9i puffen (mit nid. p). 



AIS JOHANNES ROTHES GEDICHT VON DEU KEUSCHHEIT 



277 



Das ist vnser herre Ihesus Crist, 
4995 Der ein togentlicher kauffman ist. 

Der selbe kauffman ist dir holt 

Vnnd redit dir, zu kauffen des 5030 
ackers golt. 

Nu vor kauffe alles, was du hast, 

Vnnd blib an deme kauffe fast. 
5000 Der wille alletzyd din eigen ist, 

Der vor kauffe ane falsche list. 5035 

Vor kauffe frunde vnnd mage, 

Erbe vnnd gud, alss ich dir sage. 

Also saltu danne in gotes namen, 
5005 Dinen willen mit alle dime gute 

samen, 

Also das du wollest, alss her wil, 5040 
[s. 162.] 

Ess si wenig adder si vil. 

Sich, das ist gar ein lobelich gud 

Vnnd machet frolich des vor kauf- 
fers mud, 
5010 Vnnd her gebit dir den acker zu 

der frist, • 5045 

Da der schätz der kuscheid inne ist. 

Also ist danne der acker din 

Vnnd heissit mit der herschaft sin, 

Din an der frucht, sin an dem lobe, 
5015 Glich alss ein konig tud lehens gäbe 

Vnnd liget erbe, das in sin rieh 5050 
gehöret, 

Der nutz dan si deme er geboret. 

Wanne her aber den konig vor- 

kuset, 

Von rechte he das erbe vor luset. 
5020 Also machstu zu dem acker komen, 5055 

Gib god di ere, habe dir den fromen! 

Aber bekennest du ym nicht der ere, 

So verlusestu den nutz gar schere. 

Gib em dinen willen an vnderscheid, 
5025 So hastu sinen willen mit reinikeid. 

Crist gab sin blut vmme dich, 



So gibestu dinen willen vmme sich. 
Wi machstu zu dissen stunden 
Einen ri ehern kouffman han funden? 
Wiltu nu vorder rieh er werden, 
So erbeite den acker diner erden, 
Befrede en al vmme wol nu, 
Uff das dir ymand schaden tu! 
Befrede en wol in dyneu synnen, 
Das dir dy tire dar icht uf rennen: 
Das sint di tireschen wyber vnnd 

di man, 
Di sich keiner kuscheid nemen an. 
Donge en wol myt diner demut, 
So wirt her fruchtbar vnnd gut 
Du salt en wol an richte 
Vnnd en eren mit diner bichte 
Vnnd en segen mit dime samen, 

[s. 163.] 
Der vss der heiligen schrifft mag 
komen. 
Des saltu dich betrachten 
Vnnd din tzu nemen wol achten. 
Dyt ist der schilt van Franck- 

rich, 
Der mit den lilien onget sich. 
Van dem spricht Cristus also 
Auch in dem heiligen ewangelio: 
Di lilien des ackers nu mereket, 
Was lust god mit den wereket, 
Di nicht erbeiten ader spinnen 
Vnnd also schone cleidunge ge- 

wynnen, 

Das konig Salinon in sime riche 

Mit cleidunge sich en nicht mag 

gliche. 

Vnnd Bit nicht sorgfeldeg wes ir 

gelebet, 
Ein reines hertze gote gebet 
Mit der togende gecleidet, 
In den lilien wirt Cristus geweidet. 



4994 ihesus crist. 5014 den. 5015 dut. 5017 si deme] sime den(?). 5023 
sebire (: ere). 5026 sein. 5033 thu. 5035 dire. 5036 direschen ; vnn tieresch 
fehlt bei Lexer. 5010 an richten (: bichte). 5043 mach. 5046 seilt van franchrich. 
5047 onget. 5048 cristus. 5054 salmon. 5055 Zu sich glichen mit dat. vgl. Rates- 
zucht v. 215 f.: 

Si glichin sich der lungin 

Di aldin koufflute mit den iungin und v. 5174; 
auch im Ritterspiegel v. v. 444, 1715, 2729, 3027. 5056 sorgfeldeg] sorfeldech; 
gelebet] geledet. 5057 Eine. 5059 cristus. 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XL VI IL 19 



378 



HEINRICH 



Item mercke ein gude lare. 
5060 Eya, du kusche edelekeid, 

Nu sich dich vor in redelickeid ! 
Wanne man dem das heil zu schribet, 
Wer stete biss an das ende blibet, 
Wer anhebet, dem gelobet man zu 

Ionen, 
5065 Wer ess vol endet, der vordinet di 

krönen. 
Theophelus einby zeichen setzit, 
Di rose in deme tauwe genetzit 
Vnnd in eime reinen gefesse be- 

dacket 
Vnnd vnder di frischen erden ge- 
stacket, 
5070 Di blibet bluende vor war 

Vnnd grünende frisch ein gantz iar, 
Also tud auch eine reine iuncfrauwe, 
Genetzit in des himels tauwe, 
Mit des heiligen geistes gnaden 
begossen, [s. 164.] 
5075 Di demutig ist vnnd vnvordrossen, 
Di in der erdin ist also begraben 
Vnnd wil keinen zitlichen trost 

abhen, 
Di blibet vor gote bluende vbir iar, 
Das ist alle ir leben tage gar. 
5080 Nu halt dich an den geist der stercke, 
Din vberwinder, das saltu mercke! 
Vorloses du di kuscheid eins vor vol, 
Du kaust dich ir nummer me dirhol. 
Alle togende, di du y hast vorlorn, 
5085 Sedder das du worde geborn, 
Der machstu dich erholen reyne 
An der edeln kuscheid alleine: 
Tribestu hoffard vnnd vbirmud, 
So komest du wol zu der demud, 
5090 Von zorn komstu in gedult, 

Vsb dem hasse mit rechter liebe 

erfult, 
Van sunden in ein gudes leben, 
Das si dir gantz werden vorgeben, 
Aber van vnkuscheid zu meitlichem 

übe, 



5095 Da inustu ane magetura blibe, 
Wy wol god einer gnade gebet, 
Wi vil si heilkeid vnnd liebe ent- 

zebet> 
Wy hoe si heimlickeid had entzaben 
Vnnd uff erden geistlichen erhaben, 
5100 So muss si des gesangis swigen 
Vnnd enkan das krentzelin nicht 
erkrigen, 
Da man di kuscheit by erkenne 
Vnnd si eine reine maget nenne, 
Vnnd wan di kuscheid so lobelich ist 
5105 Vnnd das si also üb had Crist, 
So wirt si anegefochten alsust 
Van deme tuuel mit der wollust. 
Wanne nu vnmogelich ist, das disse 
togend [s. 165.] 
Gehalden werde uff van iogend, 
5110 Wanne si ist widder des menschen 

nature, 
So wil ir god helffen vnnd si be- 

schure 
Also das si wol mag bestehen 
Vnnd aller anfechtunge entgehen, 
Das si van ir selber nicht mochte 

getu, 
5115 Queme sine genade nicht dar zu. 
Disses Schildes rosen wiss vnnd rod 
Di beduten der edeln kuscheid nod, 
Di man an einer maget mag vinden, 
Di ir kuscheid heldet mit vberwinden. 
5120 Wiss ist di kuscheid mit deme 

rechten, 
Rod wirt si mit deme anefechten. 
Disse mag man lange bluende be- 
schauwe, 
Beheldet man si in des himels tauwe, 
Das ist in dem heiligen geiste, 
5125 Der en gnade vnnd hulffe kan ge- 
leiste. 
Anders werte ere kuscheid kortzezyd, 
Wan man er zu wertlichen lusten 

phlit* 
Recht alss man si macht zu krentzen 



5062 den. 5067 dauwe. 5072 dut. 5073 dauvve. 5083 dir hol. 5086 er 
holen. 5088 Dribestu; vbir mud. 5093 vor geben. 5094 meitlichen. 5101 enkan. 
5105 crist. 5106 ane gefochten. 5114 gethu. 5116 rossen. 5118 mach. 5119 vher 
winden. 5128 alss] ass. 



AUS JOHANNES ROTHES GEDICHT VON DEK KEUSCHHEIT 



279 



Vnnd ir gebrucht zu den tentzen, 
•5130 Also mag der magetum nicht gealden, 

VVan her durch god nicht wirt ge- 
ll al den. 

Di van Vouir füren dissen 

schilt: 5165 

In ein rod feit di wissen 
rosen gehilt 

Vnnd di rode in eiine wissen felde. 
5135 Einen süssen geroch können si ge- 

melde, 517U 

Das ist ein guder lumund, 

Der allen luden wirt kund. 

Aber raercke ein gar schone 

lare. 

Di kuscheid Cristo ein bette buwet, 

Da her mit der sele inne ruwet, 
5140 Das di hutte, da si das wil vortzele, 5175 

Das buch van der ynnigen sele, 

Da dar heiige geist so rette: 

Nu sich an Salmonis bette, 

Da sechzig starcke manne vmrae 
sten, [s. 166.] 
5145 Di in follem hämische gen, 5180 

Di sterckesten, di her haben wel 

Van den kinden van Ysrahel 

Vnnd ir iclichis swert derselben 
behenden 

Was gegort uff sine lenden 
5150 Durch der nachtforte willen. 5185 

Das si vngefuges solden stillen, 

Wan her nu spricht das bettelin, 

Darmit meinet her das hertze din, 

Das si also enge vnnd deine, 
5155 Das ess nymanden mer halde dan 
Cristum alleine, 

Wan di sele icht liebers had, 5190 

So wicht her zuhand van der stad 

Vnnd hebest si danne also balde, 

Dar vmine muss si eu alleine halde. 
-5160 Di sechzig starcken vor vssgeleid 



Beduden der togenden volkommen- 

heid, 
Wan si sich alle der kuscheid frau wen 
Vnnd di vntogende zustrauwen. 
By den swerten also vmme gegort 
Ist vns auch bedudit vort 
Di vor gewarnte vorbesicht, 
Das ym di bekorunge schade nicht 
Vnnd der sele iren schätz nicht nerae 
Vnnd si vnkuschlich bescheme. 
Her spricht auch durch di furcht 
der nacht 
Gud ist ess, das der mensche wacht 
Vnnd sehet zu allen geziten zu, 
Wass her lasse adder wass her tu, 
Wan di sunde sich dernacht 

glicht, 
Di allezid an deme finster n 

s 1 i c h t. 
Disser schilt nach mynem synne 
Da ist ein elster gemalet ynne, 
Vmme das di tage vnnd nacht 
Di hofereite wole bewacht, 
Da si vff genistet had, fs. 167.] 
Sorgfeldig ist dar zu gar sad. 
Si meldet alles, das sich dar reget. 
Ein kuscher mensche werde beweget 
Vnnd halde sich tag vnnd nacht 

in hude, 
Das mag em wol komen zu gude 
Ir federn sint also vil swartz alss 

wiss, 
Das bedut: tag vnnd nacht des fliss ! 
Dissen schilt füren di van 
Elsterberg. 
Heldestu en, du tust ein gutes werc. 
Vff das man di kuscheid lange be- 

halde, 
So sal mau wisslich der zungen walde 
Vnnd schentlich wort vormiden 
Vnnd van andern luten vngerne liden. 



5129 dentzen. 5132 vanir. 5138 cristo. 5140 vor tzele. 5143 salmonis. 
5144 sechzig] sestzicht(l). 5146 wil (:ysrahel). 5148 ichlichis swer (p) der selben. 
5150 nacht forte. 5155 cristum. 5157 zu hand. 5160 sechzig] sessig; vss geleid. 
5163 zu strauwen. 5166 vor besieht. 5173 thu. Vgl. zu dem Sinnspruche v. 5174 f. 
sich glichen in v. 5055 und die anm. dazu. 5181 Sorgfeldig] Sorgfeldich. 5184 dag. 
5185 om. 5187 dach. 5188 elsterberch (: werch). 5189 on ; dust. 5192 vor miden. 

19* 



280 



I1EFNKICH 



, Van dem auch sante Pauwel 

spricht : 
5195 Ein vnkusche rede saltu nicht 5230 

Vss dime munde offenlichen lassen, 

Wan si di zucht vnnd kuscheid 
vorwassen. 

Nummer werde gehört di vnkuscheid 

Vnnd ander getusch der vnreynikeid, 
5200 Wan bösen reden volgen mede 

Laster vnnd auch böse sedc. 

Dine hand halt vor dime munde, 

Das du werdest zu keiner stunde 

In dinen Worten gefangen, 
5205 Di du vnnutzlich hast begangen, 

Vnnd werdest dar van zu schänden, 

Wan man si dar nach had zu hauden. 

Wer nicht mercket in siner rede, 

Wo her di lute ergert mede, 
5210 Der entzebet hindennach der vbiltat, 

Wan man sine wort zu handen had, 

Vnnd were nicht andre sunde der 

yune 

In der fromen lute sinne 

Dan das man fremde sunde macht 
[s. 168.] 

5215 Mit deme, das mau der schalkeid 

lacht, 

So wer sin gnug dar mede, 

Das man van vnnutzer rede 

Gote an dem jungesten tage sal 

Antworte geben vber al. 
5220 Wan sante Gregorius der 5255 

spricht : 

Das mynste wort blibet da hinden 

nicht, 

Des ein mensche nicht en acht, 

Wy das zu wege wirt bracht, 

Ess werde an gotes gerichte 5260 

5225 Germet vor sime angesichte 

Vnnd musseh antwort dar vff geben. 

Dit selbe deine mercke eben: 



5235 



5240 



5245 



5250 



Din rede si der vntogent gram r 
Zemliche, wise vnnd seltzam, 
Senffte, gutlich vnnd vorbedacht 
Vnnd das rechte werde zu wegp- 
bracht.. 
Wer da macht vil rede, 
Der vorletzet sine sele dar mede, 
Dy sich veler vede vnderwinden, 
Di lassen di sunde nicht da hinden. 
So todit der lugenhafftige mund 
Des menschen sele zu aller stund. 
Ein kuscher mensche sal alzyd rede, 
Das her di schemde halde dar mede 
Vnnd da zu di warheid, 
Di machen sines lebens klarheid. 
Dissen schilt heldet der richard, 
Der had an ym ein solche ard, 
Also Ysidorus der meister spricht : 
Aller vögele stymme swiget her nicht 
Vnnd tut manig vnnutze geschrey 
Vnnd macht das also mancherley, 
Also sin gefeder färbe had. [s. 169.] 
Des spottes wird her nummer sad. 
Sin stimme her gar dicke wandelt, 
Vnnd wan man en in der iogent 
handelt 
Vnnd benymmet ym siner zungen 
gebrechen, 
So lernether den luten nachsprechen. 
Ein mensche lebet an gotes forte, 
Das vol ist der vnnutzen worte 
Vnnd der lute spottit vnnd si aff- 
terkoset 
Vnnd mit vnkuscken worten boset, 
Da ist di kuscheid schir verlorn, 
Das wirt auch an den seden erkorn. 
Wanne di sint also mancherley 
Als des richartes federn vnnd 
geschrey, 
Dem muss man di zungen lose. 



5194 pauwel. 5196 offenlichen] oppecklichen (!). 5205 vnnutzlich. 5210 hinden 
nach der vbil dat. 5217 vnnutzen. 5^18 jungensten dage. 5220 gregorius. n230 güt- 
lich; vor bedacht. 5234 veller; vnder winden. 5236 dodit. 5212 der] den. 
Näheres über diesen vogel habe ich nicht finden können ; auch Zoologen kannten 
diesen namen nicht. 5241 ysidorus. 5245 Alle. 5246 dut ; vnnutze. 5253 nach 
sprechen. 5254 lebet] ledet(!); forchte. 5255 vnnutzen. 



AUS JOHANNES KOTHES GEDICHT VON DER KEUSCHHEIT 



281 



Das her gud spreche vnnd lasse 5290 
das böse 

Di zunge wirt dem gelost, 
52G5 Der in sineii vnnutzen reden bost 

Vnnd wirt dar vmme in der masse, 

Das her das vortmer muss lasse. 

Item nu mercke. 5295 

Di zucht beheldet di kuscheid, 

Di an gude sede ist geleid, 
5270 Wan man wo ein zuchtigen menschen 

sehet, 

Zuband man di kuscheid vorstehet 

Gar seiden di in kuscheid bliben, 

Di vnzucht vnnd freuel triben. 

Di schemde der kuscheid zugehoret, 
-5275 An si wirt der magetum vorstoret, 

Wan her stet nicht wol zu halden, 

Wo der freuel vnnd di vnzucht 
walden. 

Wen kan man nu uff erden vinden 

Vnder allen menschenkinden, 
5280 Wy frome her si vnnd vollenkomen, 

[s. 170.] 

Wan vnkusche wort werden vor- 
nomen, 

Das her da mit nicht sunde begee 

Vnnd in der vnschuld ergee. 

Di zucht ist der kuscheid beginne 
•5285 Vnnd zuchit di sede vnnd di sinne. 

Dar van sagit sante Bernhard 

Eine rede, di ist zard: 5315 

ir kuschen, reinen kind! 

In vweren antlitzen man nicht vind 



5300 



5305 



5310 



Des man sich geergeren'moge 
Adder zu der wildikeid icht toge. 
So ist vwer zunge getzomet dar 

mede, 
Zuchtig vnnd senfftige Vwer rede, 
Gutliche vnnd stille vwer lachen, 
Ane lüde geschrey vnnd kachen, 
Ane bubische ' worte vwer schiinpe, 
Vwer wanderunge habe gude ge- 
limpe 2 ; 
Nicht vnzemlich vwer cleid, 
Sunderen in rechter einfeldickeid ; 
Vwer hertze vol geistlicher mynne, 
Das Cristus wone in vwerem sinne, 
Der lieb had vwer kuscheid, 
Leid si uch suntliche tuscheid '. 
Mit allem flisse haldet vwer leben 

In reinickeid, di uch god had ge- 
geben, 
Vnnd in demutiger zucht, 
Das brenget uch grosse flucht. 
Wanne zucht di füret rechten sede 
Vnnd ein heilig leben dar mede, 

Aber wo ein mensche ist vorlassen 
Vnnd vnzuchtig auch vnmassen, 
Der wirt vordacht in syme leben 
Vnnd in einen spot der lüde gegeben 
Darffetum vnnd auch smacheid 
[s. 171.] 
Wirt an ein mensche geleid, 
Das di hobischen seten fluet 
Vnnd sich van den züchten zuhet. 



1) bubisch < mhd. buobe, zuchtloser mensch, fehlt bei Lexer. Bei Grimm, 
I). w. bd. 2, findet sich als ältester beleg für dieses wort eine stelle aus Luther; 
'wie denn, sprechen sie, wenn ich weder ehelich noch bübisch würd und hielt 
mich mit gewalt?' Luther 2, 172 b. 

2) Mhd. gelimpf, glimpf st. m., im 15. Jahrhundert auch sw. gelimpfe; die 
p-forra gelimpe fehlt bei Lexer; bedeutung: angemessenes, artiges benehmen, be- 
nehmen überhaupt. 

8) Mhd. tiusch-heit st. f. täuschung, betrug; vgl. KSp 2676: tuscheid (: un- 
küscheid). 

5265 vnnutzen. 5267 vort mer. 5271 Zu band; vor stehet. 5273 driben. 
6274 zu gehöret,, 5279 menschen kinden. 5280 vollen komen. 5281 vor nomen. 
5286 bernhard. * 53 H cristus; vweren. 5303 duscheid. 5309 heilich. 5310 vor 
lassen. 5311 vnzuchtich. vn massen. 5312 vor dacht. 5314 darfetüra = mangel : 
vgl. Ritterspiegel v. 253;) f. : 

Wo einer ist zu dem schilde gebom 
Vnd niuez <rrozin darfetum lide. 



282 



HEINRICH 



. Vnselig ißt der mensche gar vel, 
Der nicht züchte hahen wel. 

5320 Sante Bernhard aber spricht : 
Di zucht saltu vorslan nicht, 
Wan si den menschen sere smocket, 5360 
Di scheitelen si ym nyder drocket, 
.Di ougen si ym also vorbindet, 

5325 Das mau keine ergerunge da vindet. 
Der lüde lachen si twinget, 
Nach allen guden seden si ringet, 5365 
Si zemet das vberge quassen 
Vnnd leret gude sede uff den Strassen. 

5330 Di vnkuscheid si entheldet, 
Der lichtferdickeid si weidet, 
Vnnd alle vngeordente sede 5370 

Di vordempet si zu male dar mede. 
Wer zu der zucbt liebe treget, 

5335 Wissheid vnnd kuscheid her be- 
weget. 
Der wibe aller edelste cleid 
Ist schemede vnnd kuscheid. 5375 

Di schönsten perlin vnnd gestein 
Den kuschen meiden also rein 

5340 Das sint schemede vnnd gude sede, 
Den di züchte volgen mede, 
Di schemede ist ein gerte, 5380 

Di da twinget, der zucht geferte, 
Der bösen sede vortriberynue, 

5345 Des gutes hertzen vorfechterynne, 
Sines gudes lumundes hude, 
Ein zirde des lebens in gude, 
Ein stul der tagende, ein gotes gäbe, 
Ein gautze hobischeid in schönem 5385 

lobe. 

5350 So ist di schemede ein schönes 
leben, [s. 172.] 
Ein süsse gnade van gote gegeben, 
Ein togund edel vnnd gud, 
Di man nicht alleine mit wercke tud, 
Sundern auch di in den reden ge- 
sellet, 5390 

5355 Di in rechter masse stet. 



Si ist ein spegil des müdes 
Vnnd ein zucht alles gudes. 
Di schemede di kuscheid treget, 
Di geilheid si der nider leget. 
Di schemede brengit vns zu der eren r 
Das man vnskeinerleykan vorkeren. 
Si reiniget vns di sanwitzikeid, 
Di bösen begerunge si van vns leid;. 
Si erluchtit vns di vornunfft 
Mit ir ediln zukunfft; 
Si zuhit zu vns di frunde 
Vnnd tribet van vns di sunde; 
Di hinimel porten si vns uf slussit, 
Vnöe getruwen zu gote des genussit. 
Disser togend schilt einen Sit- 
tich had, 
Des federen sint grün alss ein blad, 
Vmme den halss einen gelen ring, 
Recht als ess si ein gülden ding. 
Ein zungen her had, di ist gross; 
Wan di wirt gesneten loss, 
So lernet her danne sprechen 
Di worte ane gebrechen. 
Sin snabel ist gar herte, 
Gar sedig ist sin geferte; 
Her isset vnnd trincket nicht vel 
Vnnd wer en etwas leren wel, 
Der muss en mit eime ysern drade 
twingen, 
So lernet her sprechen vnnd singen, 
Vnnd sine fusse langet her zu dem 
munde, [s. 173.) 
Also ein mensche isset zu aller 
stunde. 
Den regen kan her nicht geliden, 
Bi deme tode so muss her < en > 
miden. 
Sinen zagel her vor allen dingen 
bewart, 
Alss sal auch sin des kuschen ard, 
Der sal sedig sin, zuchtig vnnd 
vol g-ude 



5318 Vnselich ; vel (: wil). 5320 bernhard. 5321 vor slan. 5323 schettelen 
wohl echreibfehler. 5383 'vordempet' wohl zu ver-dempfen tr. dämpfen, ersticken; 
die p-forin bei Lexer uubelegt. 5<37 schomede. 5344 vordriberynne. c349 schonen. 
5358 dreget. 5365 zu kunfft. L-367 dribet. 5371 grün. 5377 worten. 5378 harte 
(: geferte). 5380 drincket; vil (: wil). 5383 leret. 5384 den. 5387 en fehlt. 
5389 sin] in; wohl Schreibfehler. 5390 zuchtig. 



AUS JOHANNES ROTHES GEDICHT VON DER KEUSCHHEIT 



283 



Vnnd eines lichams vnderteil behude 5420 
Vnnd genen(?)* in eime togent- 
samen dinge 
Vmme sinen halss mit eime gülden 

ringe. 
Also saltu dissen vogil beschauwe: 
5395 Den schilt füren di van Buche- 5425 

nauwe. 

Vau deme medechen sal man nu 
eben mercken etc. 
Ess sal ein kuscher zu allen geziten 
Mit deu armen haben medeliten 5430 

In allen iren gebrechen: 
Dar van kan meister Hug ge- 
sprechen. 

5400 Wan der tuuel godes meiden vnnd 

knechten 5435 
Nicht kan geschaden mit ane fechten 
Der vnkuscheid vnnd üblicher wol- 

lust 
Vnnd mit ander reissunge alsust 
Mit nichte kan vber winden, 5440 

6405 So muss her ein ander wise vinden 
Vnnd blesit on in di hoffard, 
Das si uff di sinne werde gekard 
Vnnd herschen van ir kuscheid. 
In ir hertze her en das treid, 

5410 Das si di vnkuschen vor smeheu 5415 
Vnnd wollen nicht mit en gehen. 
In den kirchen vnnd uff den Strassen 
Vor den luten si di vor wassen. 
Von denselben spricht alsus 

5415 Der appostel santusPaulus: 

Wer herschen wil van sinen eren, 5450 

[s. 174.] 
Der sal herrschen in deme heren, 
Wan wer da selber lobet sich, 
Der ist gelobet vnmogelich, 



Sundern wen god priset, der ist 
gelobet 
Vnnd wirt selber van ym begobet. 
Ess spricht sante Bernhard: 
Di sich in kuscheid haben beward 
Vnnd herschen danne dar ynne 
Mit irem hoffertigen sinne, 
Di lesset god dicke vor den andern 

allen 
Auch in di vnkuscheid Valien 
Adder in ein ander grosse sunde, 
Vff das di demud ir hertze enzunde. 
Auch redet sante Gregorius 
Van derselben sache alsus: 
Wan der lüde mud wirt geruret, 
Di ir kuscheid allezyd han gefuret 
Mit der bösen hoffard, 
So wirt danne das beward, 
Das si god lesset vallen danne 
Beide di frauwen vnnd di manne, 
Also wirt di hoffard dan ein same 
Der vukuscher, das si werden frome. 
Dar vmme wer van der kuscheid 
schalle, 
Der sehe zu, das her nicht valle. 
Ess sal ein kuscher mensche bliben 
In forchten vnnd nicht hoffard triben, 
Vff das her den schätz nicht vor lise, 
Den her nicht kan wider erkise. 
Mit dem hoffertigen müde 
komet mau uss der kuscheid hude, 
Also erkriget man mit der demut 
[s. 175.] 
Eiu kusches leben vnnd alles gut. 
Ess redet auch dar van alsus 
Der achtbar lerer Ysidorus, 
Wor vmme di kuschen lüde nicht 
Sollen smehen di der kuscheid ge- 
bricht 



1) gehen oder genesen? 

5395 buchen auwe. Vgl. Gustav Freytag, Bilder aus der deutschen Ver- 
gangenheit II, 1 (I9l2) s. 302: 'Im Fuldaischen hatten sich nach dem Untergang 
der Sterner die burginhaber der landschaft Bnchenau als Buchner in 
eine geseilschaft zusammengetan, auch sie wurden 1H97 vom Landgrafen Hermann 
niedergeworfen.' 5:<1)9 hug. 5407 di] den. 5-109 dreid. 6415 paulus. 5417 herren 
(: eren). 5422 bernbard. 5430 gregorius. 5432 geriiret (: gefuret). 54H3 kuscheid] 
vnkuscheid, das keinen sinn gibt. 5443 driben. 5444 vor lisse (: crkisse). 5451 ysidorus. 



284 



HEINRICH 



Vnnd si freuelichen van en triben 

5455 Vnnd nicht lassen by en bliben 
Vnnd vbir si halden gerichte 
Vnnd si orteilen vnnd machen zu 

nichte 
Vnnd sollen vil billicher zu allen 

ziten 
Mit en haben ein medeliden 

5460 Vnnd god auch an allen steten 
Gar flisslichen vor si beten. 
Dar van auch sante Bernhard 
spricht : 
Du salt di lüde orteiln mit nicht, 
Wan du van gote nicht bist gegeben 

5465 Zu eime richter vbir ir leben, 
keinen freuel saltu hegen 
Vnnd di sunder also vor smehen, 
Wan Cristus der vor smete or nicht, 
Also das ewangelium spricht, 

5470 Zachan vnnd Magdalenam 

Vnnd was der sunder zu ym quam, 
Di frauwen di man wolde steine 
Vnnd di vber dem borne sass alleine, 
Also saltu dich zu en halde, 

5475 Ir geselleschafft saltu aber nicht 

walde, 
Sundern straffe si also gutlich, 
Das si dar van bekeren sich, 
Vnnd ab das er glich van dir gesche, 
So saltu doch nicht gantz vor smehe. 

5480 Sundern di armen des geduldigen 

[s, 176.] 
In deme hertzen also entschuldigen, 
Das si vil lichte zu dem ersten an 
Das vnwisslichen haben getan 
Adder van grossem ane fechten, 

5485 Das si had geleden van den knechten. 
Vnnd si vil lichte vber gehen, 
Das si nicht mochte widder stehen, 
Adder das si mit worten si betrogen 
Vnnd mit gelobeden gar zu gezogen 

5490 Adder mit also grosser gewalt, 
Das si hette keinen enthalt, 
Vnnd heddestu das virteil also vel 



Der anefechtunge vnnd der quel 
An dime übe gehad vorhanden, 
5495 Du werest vil lichte noch mer zu 

schänden 
Worden vor fromen luden. 
Disses glichen lass dir beduden, 
Vnnd bedencke dit in dime hertzen nu, 
Si han lichte me entschuldunge 
danne du. 
5500 Also blib demutig vnnd bedencke das, 
Ach wy gross sine anefechtunge was, 
Da dit mensche also vber trat. 
Werestu ess gewest an siner stad, 
Du bettest vil mer vber treten, 
5505 Ess hette danne ymant vor dich 

gebeten. 
Disse togent ist d e m e 1 e w e n glich 
Vmme das, wan her erzornit sich 
Vnnd en nimant gestillen kan, 
So rauss man by ein ein hundelin han, 
5510 Das man mit einer geisseien hauwet; 
Ess hilffet nicht, das man deme 
lewen drauwet. 
Dan wan das hundechin schriet vnnd 
grillet, [s. 177.] 
So wirt des lewen mut gestillet 
Vnnd had mit ome medeliden, 
5515 Doch muss der bunt den lewen 

miden, 

Das her kein heimelickeit mit om had. 

Also sal der kusche mensche an 

aller stad 

Di vnkuschen nicht gar vor smehen, 

Sundern medeliden mit en begehen 

5520 Vnnd en doch nicht zu heimlich sin, 

Das sy ym das böse nicht gissen in 

Vnnd di fromen ym das vor wassen: 

Den schilt furen di fursten 

van Sassen. 

Item nu mercke. 
Dar nach aber, alss ich uch dude, 
5525 Sewet in die hertzen der kuschen lüde 
Der tuuel di bösen girheid, 



5454 driben. 5459 meideliden. 5462 bernhard. 5468 cristus. 5470 mag- 
dalenam. 5473 dem] den. 5477 bekeren] beren. 5483 gethan. 5488 bedrogen. 
5498 hertze. 5500 demutich. 5502 vber drat. 5504 vber dreten. JS509 hundelin. 
5522 vor wassen] vor wissen : sassen. 5523 Den] Di. 5525 hertze. 



AUS JOHANNES ROTHES GEDICHT VON DER KEUSCHHEIT 



285 



Di ym aber fugen leid, 

Wan eins menschen hertz ist alss 
ein stani, 

Der in ein garten dar ynne quam, 5565 
•5530 Das man dar vff gepropte ein riss, 

Also ess ist der boime pryss. 

Da proppet man süsse ader sur 

Nach des prophelinges natur 

Vnnd des obeiss, was man wil han, 5570 
5535 Da di lade ir gelust suchet an. 

Also tut der tuuel den luden sere. 

Wan her si gerne wolde vorkere 

Vnnd van irem kuschen vor satze 

brehgeu ; 5575 

Wan si em des nicht wollen vor- 
hengen, 
5540 So proffet her in ir hertze dan 

Ein ander laster, wi er kan, 

Mit siner grossen swinden list, 

[s. 178.] 5580 

Das also hose adder noch böser ist. 

Wan her had geproffet di hoffard 
5545 Vnnd had sich das hertze nicht dar 

an gekard 

So vorsuchet her on des menschen 

mute 5585 

Mit der girheid nach tzitlichem gute, 

Di ein wortzel ist aller bossheid, 

Di wirt ym also vor geleid : 
5550 Ess were gud, das du stundesst 

nach gelde; 5500 

Ab sich din schade begunde melde, 

Das du den kündest gebusse. 

Gelt zu haben ist gar ßusse. 

Wan di lüde werden kräng 
5555 Vnnd di suche sich machet lang, 5595 

So mag man sich gelaben 

Vnnd diner vnnd crzte haben. 

Wan man nymme kan geleben, 

So mag man ess zu selegerete geben. 
$560 Vnnd in deine selben vorbilde 

Macht her den menschen also wilde, 



Das her sich danne gebet dar in 
Vnnd lessit kuscheid vnnd demud sin 
Vnnd wartet girheid alleine; 
Also hilffet di kuscheid dänne deine, 
Vnnd kan her damit nicht getu, 
So brenget her dan hass dar zu, 
Der god vss sime hertzen tribet, 
Alsus der mensche doch sin hübet 
Wer nu sines müdes geweidet, 
Das her di kuscheid reine heldet 
Vnnd di andern haubtsunde nicht 
Bewaret, der had nass gebicht. 
Ditrackheidlesthernichtdarhinden, 
Her kan auch ir stad wol vinden, 
Da si zu rechte hin gehöret, [s. 179.] 
Also wirt des menschen sinne zu 

störet, 
Das her nicht mag vnschuldig bliben, 
God wolle ym danne das vortriben. 
Dit stucke bedutit den schilt, 
In deme di henne ist erbilt. 
Di had in or soliche hoffard, 
Das si van natürlicher ard, 
Wanne si ein eige geleid gar 
heimlich, 
Zuhand si schreiet vnnd rumet sich. 
Si samet mer eiger an 
Dan si vssgehecken kan. 
Hir mede ist er girheid gewest, 
Si stiget in ein fremdes nest 
Vnnd bisset ein ander hennen uss : 
Der hass vnnd zorn heben sich süss. 
Dicke wirt si also trege gemacht, 
Das si des eiges nicht en acht 
Vnnd lessit ess uff di erden vallen. 
Mit dissen stocken also allen 
Vorsucht vns der tuuel, wi her kan, 
Vnud ficht vns mit allen lästern an. 
Hilfft ein nicht, her tut ein ander 
werck : 
Dissen schilt füren di van H e n ne- 
be r c k. 



5536 dut. 5540 danne (: kan). 5557 ertze, wohl Schreibfehler. 5559 selc 
gerete. 55K0 vor bilde. 5566 gethu. 5568 dribet. 5572 haubt sunde. ."574 drack- 
heid (Lexer 00). 5579 vor driben. 5580 bedudit der. 5585 Zu hand; rumet. 
5587 vss gehecken. 5592 drege. 5596 Vor sucht, 55Ü8 dut. 55y9 Hynneberck 



BERITN-TEMPKUHU . 



ALFRED HEINRICH 



STAMMLER 



Herders mitarbeit am 'Wandsbecker Bothen'. 

Von Wolfgang Stammler in Hannover. 

Mit einer monographie über den dichter Matthias Claudius beschäftigt 1 , 
suchte ich mir über die mitarbeiter der von ihm viereiuhalb jähre lang (1771—75) 
herausgegebenen Zeitschrift 'Der Wandsbecker Bothe' klarzuwerden. Für die 
poetischen beitrage hat diese frage ja bereits Karl Christian Redlich in 
seiner bekannten mustergiltigen art gelöst - ; zu seiner arbeit ist kaum etwas nach- 
zutragen oder zu verbessern. 

Anders steht es mit der frage nach den rezensenten. Redlich hatte als solche^ 
bereits festgestellt: Karl Friedrich Cramer, Gottfried Benedikt Funk r 
Gotthelf Immanuel Hahn und Johann Gottfried Herder. Funks anteil 
war nur zu erschliessen aus der bemerkung in Meusels 'Gelehrtem Teutschland'; 
für Hahn konnte Redlich eine briefstelle an Bahrdt anführen 3 ; auf Karl Friedrich 
Cramers tätigkeit ist Ludwig Krähe in seinem lehrreichen buche* genauer ein- 
gegangen, doch auch ohne bei manchen stücken zu einer sicheren bestimmung der 
Verfasserschaft kommen zu können; Herders mitarbeit endlich hatte Max Morris im 
'Euphorion' XVI, s. 360-379 unter die kritische lupe genommen. Natürlich waren 
an den im ton und inhalt recht verschiedenen zahlreichen rezensionen noch andere 
beteiligt; ich vermute z. b. noch den Verleger der zeitung selbst Johann Joachim 
Bode (vgl. Muncker, Klopstock, s. 435); ferner Claudius' freund Gerstenberg 
in Lübeck, vielleicht auch Eschenburg in Braunschweig. Doch kann ich, da ich 
selbst noch keine gesicherten resultate erhalten habe, hier vorläufig nicht näher 
darauf eingehen 5 . 

Eine genauere Untersuchung verdient aber Herders anteil an der zeitung^ 
Ich habe bereits kurz zwei aufstellungen Morris' vor zwei jähren 6 entgegentreten 
müssen, möchte aber der Wichtigkeit der sache halber noch einmal die frage aufrollen. 

Zunächst folge eine liste der von Morris Herder zugeschriebenen rezensionen: 
1771. 1. Nr. 182—184. 13.— 16. november. Basedow, Politische und moralische regeln. 

2. Nr. 185. 186. 19.— 20. november. Schmid, Biographie der dichter. 

3. Nr. 190. 27. november. J. H. Schlegel, Leben Johann Elias Schlegels. 

4. Nr. 191. 29. november. J. M. Hasenkamp, Erinnerungen gegen die im 
vorigen jähre von Herrn von Kennicotten hsg. anmerkungen. 

1) Sie ist inzwischen erschienen: Matthias Claudius, Der Wandsbecker Bothe.. 
Ein beitrag zur deutschen literatur- und geistesgeschichte. Halle 1915. 

2) Die poetischen beitrage zum Wandsbecker Bothen, gesammelt und den 
Verfassern zugewiesen. Programm der realschule des Johanueums zu Hamburg. 
1871; dazu Weinholds besprechung Zeitschr. III, s. 370 ff. 

3) Vgl. W. Stammler, Euphorion XVIII, s. 761. 

4) Karl Friedrich Cramer bis zu seiner amtsenthebung. (Palaestra XLIV.) 
Berlin 1907.. S. 72-74. 

5) Auch Goethe wurde von Winter (Vierteljahrschrift für literatur- 
geschichte IV, s. 5! 6) als Verfasser der mit A. E. unterzeichneten rezension im 
Jahrgang 1773, nr. 195 vom 17. dezember in ansprach genommen; dort hat Karl 
Scherer (Euphorion VIII, s. 276 anm. 1) diese ansieht mit meines erachtens stich- 
haltigen gründen widerlegt. — Nicolai, den Bode fortwährend um mitarbeit bittet, 
wird wohl schwerlich sich dazu verstanden haben. (Briefwechsel Nicolais auf der 
kgl. bibliothek in Berlin.) 

6) Euphorion XVIII. s. 761 f. 



HERDERS MITARBEIT AM ' WANDSBECKER BOTHEU' 287 

5. Nr. 193. 194. 3.-4. dezember. Bahrdt, Vorschläge zur aufklärung und 
, berichtigung. 

1773. 6. Nr. 15. 2(5. Januar [Merck] Rhapsodie von Johann Heinrich Reimhart dem 

jüngeren. 

7. Nr. 18. 30. Januar. Schutzschrift für unsere mitbürger. 

8. Nr. 19. 2. februar. Eines evangelischen mitglieds der ehemaligen kon- 
föderation zu Thorn erweis. 

9. Nr. 20—22. 3.-6. februar. Unterrichtung zur glückseligkeit. 

10. Nr. 23. 9. februar. Anrede bei der beglückten feier des geburtstagsfestes. 

11. Nr. 24. 10. februar. Ehlers, Von der glückseligkeit des regentenstandes. 

12. Nr. 26. 13. februar. Rettung der Unschuld an herrn hauptpastor Goeze. 

13. Nr. 27. 16. februar. Lessing, Zur geschichte und literatur. 

14. Nr. 28. 17. februar. Thumann, Untersuchungen über die alte geschichte. 

15. Nr. 159. 5. Oktober Pindari carmina edidit Heyne. 

16. Nr. 195. 7. dezember. Der geistliche Don Quixote. 

17. Nr. 206. 207. 28— 29. dezember. Schlözer, Isländische literatur. 

18. Nr. 208. 31. dezember. I gchlö Vorstellung einer Universalhistorie. 
Nr. 3-6. 5.-11. januar. { 

1774. 19. Nr. 48. 25. märz. Schöpfel, Die frühlingsnacht. 

Von diesen 19 l rezensionen sind zunächst sicher Herders eigentum nr. 2 
(abgedruckt in Suphans ausgäbe V, s. 420-422) und nr. 14, zu der sich ein entwarf 
in seinem handschriftlichen nachlasse vorgefunden hat (dieser abgedruckt bei Suphan V, 
b. 408-410). Da vom 'Wandsbecker Bothen' vollständige exemplare sich nur auf 
der königlichen bibliothek zu Berlin und auf der stadtbibliothek zu Lübeck befinden, 
bringe ich diese letztere anzeige hier zum abdruck: 

'Joh. Thumanns Untersuchungen über die alte geschichte der nordischen 
Völker. Mit einer vorrede herausgegeben von D. A. Fr. Büsching. Berlin, 
realschule 1772. 1 aiphabet. 

Es ist wohl - nicht für den hrn. Rez. von Handwerk - aber für den stillen 
ehrlichen Liebhaber der Wissenschaften ist wohl kein angenehmerer Augenblick, als 
unvermutet einen frischen, noch unerkannten Mann von Wert zu entdecken und 
seinen Brüdern sagen zu können 'das ist Er'. 

Man hat, wie alle, so auch diese Empfindung schon sehr zerblättert: 'der 
liebe Mond sey immer im Anfange grösser, als 2 überm Horizont: Blüthe falle mehr 
ins Auge, als Frucht! und gleichwie nicht alle Blüthe zu Früchten - also' usw. 
Ein grosser Theil solchen Vergnügens, fährt mau fort, ist selbstisch, man schmeichelt 
sich selbst als Entdecker, als Weissager zukünftiger Verdienste - ist kindisch, 
die thöriehte Neuliebe treibt dabey am meisten ihr Spiel - ist endlich gar Schaden- 
froh und boshaft, denn da ein aufgehender Mond meistens viel respective Sterne, 
die in ihrem System Sonnen seyn mögen, verdunkele - vieles dergleichen mehr! 

1) Mönckeberg hatte in seinem buche: 'Matthias Claudius. Ein beitrag zur 
kirchen- und literar-geschichte seiner zeit'. iGallerie hamburgischer theologen 6.) 
Hamburg 1869, S. 167, Claudius die rezension des buches von l'auer 'Recherches 
philosophiques sur les Egyptiens et sur les Chinois' in nr. 152 vom 22. september 1773 
zugesprochen; Redlich in seiner wertvollen anzeige der Mönckebergischen mono- 
graphie erklärte sie für einen artikel aus Herders feder (Zeitschr. II, s. 232); doch 
ist Redlichs behauptung bereits Euphorion XIV, s. 47 erledigt worden: die rezension 
rührt sicher von Claudius her. 

2) Druckfehler: alR als. 



"288 STAMMLER 

Aber nach all dergleichen bleibt uns die Erscheinung eines jungen Ausländers 
von den ausgebreiteten Sprachen-, Geschieht- und Sachenkenntnissen in unserem 
Vaterlande und derselben Geschichte — die Erscheinung eines unbekannten Nach- 
folgers auf dem Stuhl eines weiland so berühmten Lehrers, und der Gottlob! so 
anders mahnet, als sein Vorgänger — endlich die Erscheinung dieses Mannes in so 
wüsten gegenden 'Nordische Geschichte auszureuten !' und auf Einmal mit dem Auge, 
dem Handgriff, dem Vorrat von Werkzeugen, den ehrlichen Absichten — sehr behag- 
lich. Selbst dem, dem der Inhalt nicht interessant wäre, dürfte kaum der Geist 
uninteressant bleiben— bescheiden und sehr dreust! zweifelnd, suchend; aber auch 
ernst und gewiss; zudem mit Plan. Absicht aufs Ganze, Kenntnis der Quellen, ge- 
nauem Gefühl des Ausgeinachten und Unausgemachten — und wenns ist, dass hr. Th. 
auch eben so wenig die Lateinische, Griechische und Morgenländische Literatur ver- 
absäumet — das Alles hilft sich! und der Mann scheint zu stark in sich, als dass 
er sich so bald vom Lobschwindel sollte betäuben lassen — was hat unser Vaterland 
von ihm zu hoffen! 

Kein Auszug! denn solch ein Epitome, Crambe und Sagoge steht schon in 
der Vorrede, wo ein jedweder doch das ganze Werk lieber lesen wird, als sie aber 
in der nassen Abhandlung 'über den Ursprung der Preussen und der übrigen 
Lettischen Völker' stehen fürwahr schöne und zum Theil ganz neue, wenigstens 
nirgend noch so ordentlich entwickelte Dinge. Das krause Haarnest dieser Finnischen, 
Wendischen, Gotischen, Lettischen und anderer Völker, wird so sanft und lose ge- 
schlichtet: das Resultat wird mit Sprachen, Gegenden und Nationalresten aller Striche 
von Weichsel bis Nawa hinan so harmonisch — und Preussen — die Gegend 
an der Weichsel — wird Stammsitz den Völkern, die Rom verheerten, Stammsitz 
der Gothik, Religion, Gesetze, Sitten, die sich nachher so weit umhergebreitet haben. 
Wer wissen will, lese seihst. 

Die zweite Abhandlung sind Anmerkungen über Schi ötzers Allgemein« 
Geschichte [des] Nordens und ob der Verfasser gleich nur noch den kleinsten 
Theil des Quartanten prüft 'nähralich, was hr. Schi, eigentlich selbst gearbeitet und 
erfunden!' Himmel! welch ein anderer Geist des Werks! des Geschichtsforschers! 
der Bescheidenheit und Wahrheit. — Der Rezensent hasst nichts so sehr, als wie 
Teucer hinter Anias Schild zn Pfeilwerfen; Material auch Alles als Irrtum, als leicht 
zu begehender Irrtum zugegeben — aber Geist des Werkes? Geist der Geschichte? 
da wird wohl jeder gern unserem Verfasser nachsagen 'wenn das ächte Kritik seyn 
soll, die unserm Jahrhundert Ehre macht: so lieber in die Zeiten zurück da ein 
Rudbeck wenigstens mit Witz- und Scheingründen der Welt Unwahrheiten auf- 
bürdete'. 

Und das nur im kleinsten Theil des Werkes: ny im grössern — wie mit welcher 
Art der Verfasser fremde Urteile annimmt oder verwirft? schmäht oder höhnt? mit 
halbem Leibe fremde Akademische in ganz anderer Absicht verfasste Abhandlungen 
hinstellt oder neben wegstösst? und was wir denn nun an dem Flickkleide mit 
Stacheln gefüttert für nordische Geschichte, und für erstes Muster nordischer Geschichte 
haben? Ob das Sprachsystem der Völker, das Leibnitz in ganz anderem Geiste 
angab, so angewandt — doch da wäre viel zu fragen? wenn ein anderer T hu- 
man n mit der Bescheidenheit und Treue da weiter grübe, was dürfte aus dem ge- 
priesenen Werke werden ? 

Versuchte Erklärung einer altpr eussischen Aufschrift. Jetzt 
kann sie fast jeder lesen, und jeder sie sich so leicht erklären, es ist Inschrift einer 



HERDERS MITARBEIT AM ' WANDSBECKER BOTEN' 289* 

Fahne 'Gott horche! zürne mit den Verheeren) ! schlage sie!' — und 
wie kurz doch erläutert! Ich glaube, Beyer hat mehr gesagt, um zu sagen, dass 
er über sie nichts zu sagen wisse. 

Über die gottesdienstlichen Altertümer der Obotriten. Es 
wird Hr. Maech mit ebensoviel Bescheidenheit als Gründlichkeit gesagt, dass er — 
nichts von der Sache verstehe. Es seyn gar nicht einmal Obotriten, sondern wen- 
dische Alterthümer aus der Stadt Rhetra, von denen der Verfasser selbst vieles au* 
der Lettischen Sprache erklärt — Aber wie kommt so viel Bettisches hierher? und 
Wendisches unter den Wenden so wenig? — 

So viel wird wenigstens jedermann aus dem Buche des Verf. ahnden oder 
wittern können, dass rings um uns noch so ungemein vieles zu thun, zu liefern, 
zu entdecken sei, wenn wir nicht lieber, gleich jenem heiligen Bürdegefährten des 
Sancho Pansa geneigt wären, dem erleuchteten Schweif des edlen Rosses, Rossinante r 
blindlings zu folgen. 

Nr. 5 ist, wie bereits Redlich ' erwiesen hat, von dem Wandsbeker pfarrer 
Hahn verfasst und daher aus der liste zu streichen. 

Überzeugt bin ich mit Morris, dass die rezension der Goeze-streitschriften 
in nr. 26 vom 13. februar 1773 (12) von Herder herrührt; schon durch die brief- 
stelle von Claudius an Herder 2 war die3 wahrscheinlich gemacht, und die Über- 
einstimmung mit der anzeige in der nr. 72 der Frankfurter gelehrten anzeigen 
von 1772 erhebt diese Vermutung zur gewissheit. Auch hat meines erachtens Morris 
Herders Verfasserschaft für die Heyne-besprechung (15) unanfechtbar nachgewiesen. 
So wären bis jetzt für Herder vier rezensionen gesichert. 

Morris hat zwar in seinem artikel einige stellen aus dem briefwechsel von 
Claudius und Herder mitgeteilt, in denen letzterer zur mitarbeit aufgefordert wird, 
doch lassen sich diese noch mannigfach ergänzen. Leider sind uns Herders ant- 
worten nicht erhalten, die Claudius selbst verbrannt hat, doch kann man auch au» 
diesen notgedrungen einseitigen Zeugnissen einiges entnehmen. Schon ende Ok- 
tober 1770 3 schreibt Claudius : i Bode legt zu Neujahr 1771 eine Zeitung in Wansbeck 
an, und ich werde sie schreiben helfen. Sie soll wie die meisten Zeitungen einen 
Politischen und einen Gelehrten Artikel haben, ich habe hin und her ge- 
dacht, wie man den letzten neu und etwas eigenes Habend einrichten könnte 
— eine Art von Fortsetzung von Bacons Zeitung de augmentis scientiarum schickt 
sich nicht, dünkt mich in dem einen Augenblick, für ein solches Blatt, und in dem 

1) A. a. o. s. 13. 59; Euphorion XVIII, s. 761. 

2) 'Des Hamburgischen Ministerii Bedenken über Alberti's Gespräch pp ist 
nun würklich ans Tagslicht geckommen und 12 Bogen stark, wird also den Recen- 
senten und Zeitungsschreibern Preiss gegeben, und Ihnen in specie, wenn es Ihnen 
behaglich wäre, in 8—14 Tagen sich darüber in einer Recension für den Bothen zu 
en tleedigen.' (Aus Herders nachlass I, s. 876 f. ; hier nach der handschrift auf 
der kgl. Bibliothek zu Berlin.) 

3) Dieser termin ergibt sich aus den beinahe gleichlautenden worten in einem 
datierten briefe an Gerstenberg vom 28. Oktober 1770: 'Auf Neujahr legt Bode eine 
Zeitung in Wunsbeck an und ich werde sie schreiben helfen, ich wollte gerne 
dass der gelehrte Artickel zwar nicht grade besser wäre als in vielen andern 
Zeitungen, aber etwas eignes muss er haben, und nicht so wie die andern seyn, 
geben *ie mir ihre [!] Gedanken über die Einrichtung doch auch mit zum besten, 
ich sammle itzo Stimmen deswegen'. (Redlich, Üngedruckte jugendbriefe de» 
Wandsbecker boten. Progr. Hamburg 1H81, s. 22; hier nach der handschrift im 
besitz des herrn Gotthold Lessing zu Berlin.) 



1290 STAMMLER, HERDERS MITARBEIT AM 'WANDSBECKER BOTEN' 

andern, schickte es sich wohl, aber es will mir nicht einleuchten, wie man nun 
eigentlich das Ding angreiffen soll — ein Naiver launigter Ton in den Recensions 
wäre freilich ganz gut, aber ein Mensch kann ja nicht alle Recensions machen, 
und wer darf anderer Leute Arbeit ändern? und so ferner, kurz es schwebt mir 
manchmal so etwas vor Augen aber ich kann es nicht recht gewahr werden — 
Helfen Sie mir den Wechselbalg zur Welt bringen, oder schwängern Sie mich, wenn 
alles bey mir vieleicht nur Geschwulst und aufgedunsenes Wesen sein sollte, ich 
habe schon diesen und jenen um Rath gefragt, und ich bitte Sie recht sehr um 
ihre[!] I'rojecte, wie ich denn noch allerley zu bitten habe wie folget: 

Bode .... wollte gerne den Ball mit einer theologischen Receusion eröfnen, 
und die sollte von Ihnen seyn, gegen das Letzte habe ich nun eben nichts, aber ich 
denke wenn es auch grade keine Recension. sondern etwas aus ihrer [!] eignen Quelle, 
was und wie Sie wollen, wäre, das würde sich auch nicht übel ausnehmen — ich 
mags bisweilen wohl haben dass mich jemand äusserst bitten last, und sich nicht 
daran kehrt; aber diessmal nur thun Sie es nicht — Schicken Sie etwas ä M. Claudius 
hinter Petri kirche bei Herrn Fahlius ä Hambouro, und schicken Sie 
es bald, lieber Herder, bald, denn Neujahr ist nicht weit — ich will Sie auch 
diessmal nichts mehr bitten, nur noch eine simpele Frage: wollen Sie die Grazien 
von Wieland zur Schau stellen? Das hätte aber Zeit bis Sie das andre geschickt 
hätten V 

In der tat wurden die 'Nachrichten von Gelehrten Sachen' im 'Wandsbecker 
Bothen' eröffnet mit einer theologischen rezension: In nr. 2 und 3 vom 2. und 
4. januar finden wir die 'Christliche Kirchengeschichte' von Johann Matthias Schroeckh 
<teil I, Frankfurt und Leipzig 1768) angezeigt. In nr. 5 und 6 vom 5. und 8. januar 
wird der zweite teil von demselben Verfasser rezensiert und zwar mit der Unter- 
schrift: Z. Der ganze ton der besprechung weist aber meines erachtens nichts 
Herdersches auf; eingehen auf einzelheiten lässt vielmehr einen 'nurtheologen' als 
Verfasser vermuten, worauf auch der bibel nachgeahmte bildungen wie: 'gehöret', 'er- 
zählet', 'anzeiget', 'jetzo', 'jetzund' u. ä. hinweisen. Sollte vielleicht Hahn bereits diese 
anzeige geliefert haben, da er besonders 'jetzo' und 'jetzund' häufig anwendet'? 
Denn auf die Chiffre Z. ist natürlich kein wert zu legen. Herder hat sobald noch 
nichts gesandt, da .aus dem briefe Bodes an ihn vom 20. juli 1771 hervorgeht, dass 
bis dahin nichts eingetroffen ist 3 . Wielands 'Grazien' blieben im 'Wandsbecker 
Bothen' unrezensiert. 

1) Herders lebensbild, III, s. 225 f.; hier nach der handschrift auf der kgl. 
bibliothek zu Berlin. 

2) Vgl. dafür ausser der oben angeführten besprechung von Bahrdts schrift 
seine briefe an Bahrdt beiDegenhardt Pott, Briefe angesehener gelehrten, 
Staatsmänner und anderer, an den berühmten raärtvrer D. Karl Friedrich Bahrdt. 
Leipzig 1798. I, s. 11-13. 79 f. 118 f. u. ö. 

3) 'Wissen Sie schon, dass ich mit Anfang dieses Jahres eine neue Staats- 
und gelehrte Zeitung-, unter dem pompösen Titel Der Wandsbecker Bote 
herausgebe, woran Ehren Claudius der Hauptarbeiter ist? Wissen Sie wohl, dass 
Claudius und ich sehr sehnlich wünschen, Sie möchten uns Recensionen, kurze Ab- 
handlungen, Verse und dergleichen zu dieser Zeitung einschicken ? Wenn Sie diese 
Zeitung noch nicht kennen, so — kennen Sie eine sehr gute Zeitung noch nicht, 
und Sie dürfen mir nur einen Wink geben, so schicke ich sie Ihnen von Nr. 1 an 
bis auf die letzte zu, um Ihrem Nichtwissen hierin abzuhelfen'. (Von und an 
Herder, III, s. 282 f.) (Fortsetzung folgt.) 



GERING ÜBER FEILBERG, ORDBOG OVER DE JYSKE ALMUESMAI. 291 



LITERATUR. 

Bidrag til en ordbog over jyske almuesraäl af H. F. Feilberg. Udgivet af Uni- 
versitetsjubilseets danske samfund. Kjebenhavn, Thieles bogtrykkeri 1886—1914. 
XXXI, 774; (IV), 915; (IV), 1198; (IV), XXXIX, 369 s. 102 kr. 

Auf dem gebiete der lexikographie haben die nordischen skandinavisten 
während des letzten menschenalfters eine überaus verdienstvolle und dankenswerte 
tätigkeit entwickelt. In Norwegen widmete pastor Johan Fritzner (1812— 93) 
«einen langen lebensabend der Umgestaltung seines zuerst 1867 erschienenen alt- 
nordischen Wörterbuches (Ordbog over det gamle norske sprog), das um mehr als 
das dreifache vermehrt seit 1883 heftweise ausgegeben ward, bis die beschwerden 
des alters den Verfasser zwangen, die feder niederzulegen und die fortsetzung der 
arbeit prof. C. R. Unger zu überlassen, der sie, von Sophus Bugge beraten und 
unterstützt, im jähre 1896 zum glücklichen ende brachte; seinen landsleuten Hjal- 
mar Falk und Alf Torp verdanken wir das rühmlichst bekannte zweibändige 
werk: Etymologisk ordbog over det norske og det danske sprog, Kristiania 
1903—1906, das bald darauf, vermehrt und verbessert, auch iu einer deutschen, von 
H. Davidsen übersetzten, ausgäbe erschien (Heidelberg 1910—11), worauf Torp allein 
im jähre 1915 mit der edition eines etymologischen Wörterbuches der neunorwegischen 
Volkssprache (Nynorsk etymologisk ordbok) begann, das bis zum buchstaben s vor- 
gerückt war, als ein vorzeitiger tod im herbst 1916 den unermüdlichen gelehrten, 
den sein Scharfsinn und seine ausgebreiteten linguistischen kenntnisse auch zur 
bearbeitung des Fickschen Sprachschatzes der germanischen Spracheinheit befähigt 
hatten, am Schreibtische überraschte. Glücklicher waren Hans Boss, dem es 
noch trotz seines hohen alters vergönnt war, sein norwegisches dialektwörterbuch 
(Norsk ordbog, Krist. 1890-95) zu vollenden, das als Supplement zu dem gleich- 
namigen werke Ivar Aasens gedacht war, dieses aber an umfang noch übertraf, 
und Ebbe Hertzberg, der sein vortreffliches Glossarium zu den altnorwegischen 
gesetzen (erschienen 1895 als 5. band von Norges gamle love) noch in der periode 
seines rüstigsten Schaffens zu ende führte: nun hat auch über diesen beiden das 
grab sich geschlossen. — Auf schwedischem boden erwuchs das lebenswerk des 
würdigen altmeisters der nordischen philologie KnutFredrik Söderwall, sein 
altschwedisches Wörterbuch (Ordbok öfver svenska medeltidsspräket, Lund 1884—1918, 
3 bände), eine mit unermüdlichem fleisse und peinlichster Sorgfalt ausgeführte arbeit, 
neben der er auch noch zeit fand, dem grossen, von der Stockholmer akademie 
herausgegebenen neuschwedischen wörterbuche (Ordbok öfver svenska spräket, Lund 
1898 ff.) seine kräfte zu widmen, das, vortrefflich organisiert und durch den Wett- 
eifer zahlreicher jüngerer gelehrten gefördert, langsam aber stetig fortschreitet: 
wir alten werden seine Vollendung freilich nicht mehr schauen. Eine überaus 
fleissige und sorgfältige arbeit ist ferner E. H. Linds Wörterbuch der altnordischen 
Personennamen, das unter dem seltsamen titel: Norsk-isländska dopnamn(!) ock 
ungerade namn 1905-15 zu üpsala erschien; nur hätte man gewünscht, jeden träger 
eines namens in einem besonderen artikel behandelt zu sehen: nur dadurch wäre 
das buch zu einem brauchbaren general-register über die gesamte saga-literatur 
geworden. Ein tor6o blieb leider, da den Verfasser im besten mannesalter der tod 
iortriss, Fredrik Tamms Etymologisk svensk ordbok (1. band, a - karsk, Ups. 
1890-1905), das Fr. Kluges buch sich zum muster genommen hatte, überall aber 



292 liKKlNi; 

von selbständigem urteil und gründlichem wissen rühmliches zeugnis ablegt. — Von 
dänischen arbeiten ist vor allem zu erwähnen Otto Kalkars Ordbog til det 
aeldre danske sprog (1300—1700), überaus fleissig und sorgfältig, wenn auch wegen 
der unpraktischen anordnung der artikel minder leicht zu benutzen, das seit 1881 
erschien und mit dem 5. (supplement-)bande nunmehr abgeschlossen ist; daneben 
das aus dem nachlasse des 1859 verstorbenen Verfassers von der Kopenhagener 
gesellschaft der Wissenschaften herausgegebene Wörterbuch des bornholmischen 
dialekts (Bornholmsk ordbog) von J. C. S. Espersen, zu dem Vilh. Thomsen und 
Ludv. Wimmer eine ausgezeichnete grammatik (der erstere die lautlehre, der zweite 
die flexionsieh ie) beigesteuert haben. Weiteres ist in einer hoffentlich nicht zu 
fernen zukunft zu erwarten; ich denke natürlich vor allem anVerner Dahle- 
rups Ordbog over det danske sprog, ein werk, das seit langen jähren sorgfältigst 
vorbereitet den wortvorrat des modernen dänisch (vom Zeitalter Holbergs ab und 
dieses natürlich eingeschlossen) buchen und das nach endlos langer pause endlich 
1905 zum abschluss gebrachte Wörterbuch der akademie (begonnen 1781) völlig 
entbehrlich machen wird '. — Island wird vertreten durch die lexikalischen arbeiten 
des langjährigen rektors der gelehrten schule in Reykjavik Jon Porkelsson 
(1822—1904), der zwischen 1876 und 1899 vier wertvolle Supplemente zu isländischen 
Wörterbüchern (von denen das dritte zwei starke bände umfasst) veröffentlichte,, 
und des Kopenhagener professors Finnur Jonsson, der auf grund seiner vier- 
bändigen ausgäbe der skaldischen dichtungen (Den norsk-islandske skjaldedigtning, 
Kbh. 1908—15) Sveinbjörn Egilssons Lexikon poeticum zu einem ganz neuen, über 
alles lob erhabenen werke umschuf (Kbh. 1912—16). Schliesslich sei auch des 
Faeringers Jakob Jakobsen nicht vergessen, der den stark mit nordischem sprach- 
gut durchsetzten Wortschatz des dialektes der Shetlandsinseln sammelte und be- 
arbeitete (Etymologisk ordbog over det norrone sprog pä Shetland, Kbh. 19U8 ff. ; 
leider hat auch diesem verdienten gelehrten vor der Vollendung seines werkes der 
tod die feder aus der hand genommen. 

Unter diesen werken nimmt Feilbergs Wörterbuch eine hervorragende und 
durchaus eigenartige Stellung ein. Es ist zwar keineswegs ein vollständiger 
thesaurus der jütischen mundarten — der Verfasser bezeichnet es selber bescheiden 
nur als 'beitrage' zu einem solchen, da aus bedeutenden teilen des mittleren Jüt- 
lands (den ämtern Aalborg, Viborg und Randers) sowie von den inseln Anholt und 
Lsese nur ungenügendes material ihm zufloss — dafür ist es aber weit mehr als 
ein einfach den sprachstoff registrierendes dialektwörterbuch, es ist eine kultur- 
historische quelle ersten ranges, eine unschätzbare fundgrube für die volkskundliche 
forsch ung. Auf diesem gebiete gilt ja Feilberg längst als eine der grössten autori- 
täten — von der Verehrung, die der gesamte norden ihm zollt, gibt der stattliche 
gratulationsband, den fachgenossen in Dänemark, Norwegen, Schweden und Finland 
zu seinem 80. geburtstage im jähre 1911 ihm gestiftet haben, ein beredtes zeugnis — 
und es ist erstaunlich, welch einen ungeheuren stoff aus dem eigenen erleben und 
beobachten wie au3 der literatur er in seinem buche zusammenbrachte. Für diese 
aufgäbe ist vielleicht der in ununterbrochener fühlung mit dem volke stehende 
landpfarrer die geeignetste person — freilich muss er das vielseitige interesse und 
die offenen äugen eines Feilberg besitzen. Dieser hat die Wirksamkeit des bauern 
zu jeder zeit des jahres verständnisvoll verfolgt, den fischer auf seinen fangzügen 

li Korrekturnotf. Der erste band (a — basalt) ist soeben erschienen. 



ÜBER FEILBERG, ORDBOG OVER DE JVSKE AI..MI ESMAL 298 

begleitet, die arbeit des Schmiedes und tischlers, des müllers uud bäckeis, de* 
färbers und gerbers beobaebtet, die technik dieser gewerbe studiert und ihre tech- 
nischen ausdrücke sich gemerkt, er hat der frau am Webstuhle und am Bpinnrade 
zugesehen, den Volksliedern und kinderreimen gelauscht, er ist vertraut mit allen 
sitten und gebrauchen des Volkes, mit seinen Wetterregeln und seinem aberglauben. 
mit den festen und Vergnügungen der grossen (den verschiedenen kartenspieleu 
ist Desondere aufmerksamkeit gewidmet) wie mit den spielen der kleinen 1 , erkennt 
die bäurische pharmakopöie und die volksetymologischen Verunstaltungen der heil- 
mittelnamen (omvendt Napoleon = unguentum Neapolitanum usw.) ebeuso gut wie 
die volkstümlichen beneunungen der tiere und pflanzen, er hat mit liebe und sorgfall 
die Sprichwörter des volkes (unter denen die apologischen — in Schweden ordstil) 
genannt — besonders beliebt sind '-) und seine rätsei, die öfter einen obseönen neben- 
sinn haben*, gesammelt. Nichts, was zur Charakteristik des jütischen Stammes 
dienen könnte, ist ihm unbedeutend, und es muss rühmend hervorgehoben werden, 
dass er zwar die tugenden und Vorzüge desselben ins licht setzt, aber durchaus 
nicht blind ist gegen seine laster und seine schwächen. 

Über die einrichtung des buches ist zu sagen, dass die Wörter verständiger- 
weise streng alphabetisch geordnet sind (die anordnung nach stammen oder wurzeln, 
wie sie z. b, in Schmellers Bair. wörterbuche und im Schweizerischen idiotikon be- 
liebt wurde, erfordert die beigäbe eines umfangreichen registers und erschwert die 
benutzung). Die Stichwörter sind in der lautform und Orthographie der Schrift- 
sprache, des -rigsmär gegeben, (auch die in diesem fehlenden, die also in der ge 
stalt erscheinen, die sie den lautgesetzen entsprechend im rigsmal haben müssten), 
hinzugefügt sind aber in phonetischer transskription nach dem Lyngbyschen System 
(das zwar nicht alle lautlichen Schattierungen so getreu abspiegelt wie das von 
Sundewall und Lundell geschaffene schwedische dialcktalphabet, dafür jedoch les- 
barer und verständlicher ist) die dialektischen formen (meist die formen mehrerer 
mundarten). ein verfahren, das auch schon anderwärts, z. b. von Noreen in seiner 
Ordlista öfver Dalmälet (Svenska landsm. IY, 2) angewendet worden ist. Dieselbe 
transskription ist auch für die zitate aus dem volksmunde und der literatur gebraucht, 
leider freilich nicht konsequent, da die belege aus den werken mehrerer dialekt- 
schriftsteller (St. St. Blicher, P. Jaeger, Chr. J. R. Lund, I. C. Sörensen-Thomaskja'r 
u. a.) in der Orthographie der Verfasser gegeben wurden, während z. b. die proben 
aus <4rönbergs Optegnelser pä Vendelbomal (Kopenh. 1884) durchweg umgeschrieben 
sind : icli verstehe nicht,' warum dies nicht überall geschah. Da die Wörter 
in der die ausspräche wiedergebenden trausskription häufig recht unkenntlich 
geworden sind, hat -der herr Verfasser dankenswerterweise durch Verweisungen 
nachzuhelfen gesucht, von denen jedoch eine grössere zahl ers\ ünscht gewesen wäre ; 
wer erkennt z. b. auf deu ersten blick, dass hote dem schriftsprachlichen hartad 



1) Vgl. Feilbergs artikel: 'Bio-brillc-legen' (Svenska landsmäl XII, -I i. 

2) Ein beispiel instar omnium: ' Krummer er ogsäbred!' sagde fanden: hau 
fik degnen og vilde have hart preesten (II. 309»>, 44; vd. II. 724>\ 32; III. 853», 26). 

3) Z. b. Lädden lä og ratt' 

den atinde hmngte og strat: < 

den ladne Unnkte ved sig: 

'gid den lange stive var i nüg ." II, 1U9 4 , 4S 
(lösung: der hund. der nach der im rauchfang hängenden warst schielt). Weiter« 
beispiele I, 754» 52: IL 448», 51; 813», 13. 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XLVIII. 20 



294 ÖERJtNG 

entspricht, kutoen körn ist (aber auch = konel), von nicht nur = vdgne, sondern 
auch = hörn, oa — ord, wuwer = vare usw. usw.? Häufig sind auch die entsprechungen 
aus den verwandten sprachen angegeben, besonders aus dem altnordischen, aber 
vielfach fehlen auch sie, z. b. bei 2. and (ond), aske (aska), baltorn 'lärm; en 
klodset og voldsom person' (der riesenname Bolßorn ?), bie (bida), Bodil (Böthildr), 
bredehse (breiöox), byde (bjotht), glemmen (gleyminn), hede (heita), hcedre (heidra), 
li/d (hljüö), merke, (myrkr), lerne (pcrna), trost (traust), serin. f. 'sksend' und senne 
'skaende' (senna, radän. sende, smä-sendes ; jetzt nicht bloss in der dän. Schrift- 
sprache, sondern auch im norw. verloren) usw. usw. Dass die urverwandten sprachen 
nur selten herangezogen sind, ist kein schade, denn der Verfasser ist nicht linguist 
von fach und bewegt sich daher auf etymol. gebiet nicht mit der gleichen Sicher- 
heit wie auf dem volkskundlichen. So hat er sich z. lt. durch die autorität von 
Weigand (F. schreibt gerne Weygand 1 ) dazu verführen lassen, grave mit griech. 
■ypicpco in Verbindung zu setzen, er stellt kove zu lat. cavca u. a. m. Doch ich 
merke, dass ich in die üble rezensenteugewohnheit des mäkelns gerate, das mil- 
dem ausgezeichneten buche gegenüber wie eine Ungerechtigkeit und Undankbarkeit 
erscheint. Ich breche daher ab. um ein paar kategorien von Wörtern herauszu- 
greifen, die dem leser von der reichhaltigkeit des Werkes ein bild geben werden. 

Dir lirgermanische Vorliebe für starke getränke ist natürlich auch auf der 
jütischen halbinsel nicht ausgestorben", und es ist nahezu unglaublich, welch eine 
nnmasse von bezeichnungen für das trinken und den trinker sowie für die ver- 
schiedenen sr.idien des rausches sich auffinden Hessen. Wer leicht angeheitert ist, 
har lidt under hatten, har en lille hib, har noget i hovedet, er lige effen berert, 
fik luen rejst, hau kan se sit udkomine, er lidt pirrende, er snirende, er fugtig, 
snisseret (oder snedderet. snylleret. svirende); schlimmer schon steht es mit dem,, 
der fik en väd fod, fik vand i sine stevler, fik piben (flejten, lampen, lygteri) 
twndt, fik en humle i eret, fik en tär over fersten, fik en god tär; wer völlig be- 
trunken ist, ist fuld, ein wort, das, um stärkere bezechtheit auszudrücken, durch 
steigernde Vorsilben bereichert wird (agle- f., beg- f., bladdcr- f., bliks- f., benig- f., 
kanon- /'.. knag- f., Jsnippel- f.. perse- f., perte- f., pis- f., piskendes- f., plmbber- 
/., purk- f., peere- f., roh- f., sprejte- f., slyrte- f., stede- f., vrimmel- f.) oder 
'einen vergleich als zusatz erhält (/. som mg, sota en abe, som en allike, sä f. at 
det bcnlper ovm pä harn, sä f. at breendevinet hermer uä af munden pä harn, sä 
f. at man künde prikke pä hans ejnej; ein abgeschwächter ausdruck ist dagegen: 
ikke mere fuld end hau künde godt mantcrere (< maintenir) sig. Weitere worte 
sind afdrukken, overdrukken, drammet, hattet, godt behattet, lagn, makket, over- 
kjert, skasvt Icesset, mottet, sveden, tilkjert, tung i hovedet, eilet; dazu zahlreiche 
Umschreibungen : han har en slem hund (en hund i reibet), han er nok bleven bidt 
af en hund, han trilrer med et hjul, fik piben fuld, har en trekvart, har fäet en 
spireheg (en spirom) pä, han tra?kker med Seren Bront, han har leveret et sein 
og fik svinehovedet med hjem, hau har en prime pä panden, hau treekher med en 
ronnecfpder (en buk), han fik sin rode lue pä (fik sin lue farvet op), han har 

1) In der Schreibung der eigennamen von zitierten gelehrten ist F. überhaupt 
reichlich sorglos: er schreibt Dähnhard, Ermann, Klaus Grot, Kaufmanu, Pfeifer, 
Simroch, Wutke. einmal auch Gehring. Sogar den namen seines landsmannes Wer- 
lauff kürzt er eerne um das zweite f. 

2) Vgl. H. F. Feilberg, Den fattige mands snaps, Dania 5, 17 ff. 88 ff. 6, 1 ff. 
Die nachstellenden Zeilen mögen als ergänzung zu diesem artikel gelten. 



1 UKW FEILBEEG, ORDBOG ÖVJSB DK JVSKE AI.MIKSMAI. 2^1* 

sei for tidt til sin syge mesler l , han fik en hei (en halr, en trekvart) blas }>ä, han 
ik det (seil, legtet) vel om oret, han blev mydt af rannt ol, han gär for en 
.*tw (stram) temme, han er seilende med cn ordentlig tremaster, han er om loegei- 
•hat wind in den segeln'), han har godt tamdt, han har vazret i tadder ('ist im 
buchweizen gewesen' — buchweizenfütterung ruft bei weissen schafen eine mit 
Schwindelerscheinungen verbundene krankbeit hervor), han er pä de heje nagler, 
han fik sin tuest sveden, han har hojfylde, han fik en härbydel, han tr&kker 
med en slem bojtel, han har smagt julebrtvndevinen, han har fäet for mangen 
dingleolie (vgl. dinglecand 'grog' bei Sophus Banditz, Kren, fra garnisonsb. s. 6), 
han er rod i kämmen, han fik en kliste'r, fik en knort (en bitte knude) i kakkel- 
■ornen, han har en kukker i halsen, hau blev tillakket, han fik en letter pä (var pä 
letteren), han er pä pejsen, han er bleven bjornetriekker, han er i bladbyg ('treibt 
demnächst ähren, ist fertig'), hau bierer en blyhat, han har en prime pä panden, 
han har fäet kongen (prindsen, kongens fire hvide) ut se, han landede sig ikke 
med det bare vand, han vader iraiskoene over, han er ved at gä over hnawme, han 
gär og skriver ottetaler, han har svingler ut saslge, han gär og vringler og snor 
simer (gleichbedeutend wohl auch : han har Simon med sig), han har rammet pa?le 
ind (Wortspiel mit peel 'pfähl' und dem gleichlautenden paigl 'nössel'). Verschiedene 
arten des trinkens, vom nippen bis zum wüsten saufen aufsteigend, bezeichnen die 
ausdrücke leerpe. ladrikke, lurke til fiasken, lade Iwrken synge (lairke bedeutet auch 
•flasche'), pimpe (vgl. norw. pempa seg, p. i seg), pimpedrikke, pole i sig. Von 
einem gewohnheitstrinker (en drikfieldig rnand, en som er falden i drik) sagt man 
ironisch : han drikker til laglighed sädan han hverken kan höre eller sc, oder ohne 
ironie: han drikker til den stive kant, drikker sig overende, drikker til peegls, han 
gär pä, fire fra morgen og til aften, han lofler pä albueu, han drikker som en 
berstenbmder, han dener til pejteren; ein trunkenbold heisst dranker, drukkenbolt, 
drukkendiderik, dintel, en halvpeeglskarl, en bramdeoinspette, Bertel skyllehals, 
ttreendevinssnude, fuldlabe, fuldsnude, fuldabe, bolmehoved ; von zweien, die im 
saufen wetteifern, sagt man. när den cne siger en pcp.gl, sä siger den ändert en 
halv potte. Für den rausch hat man die ausdrücke bejs, bjorn, daller, dimmelim, 
donner, dram, hat. hivert, kaminade (das ursprünglich der französische name eines 
reinen cognacs sein soll), knald, kjwfert, letter, perial (< imperial, eigentlich 'trumpf 
im kartenspiel'), pidelik, pig, pisk, sejs, skejs, snisser, snurrekat. storm, stark, svir; 
für den katzeujammer scheinen dagegen seltsamerweise nicht in gleichem masse 
bezeichnungeu zur Verfügung zu stehen, wenigstens bin ich in Feilbergs buche nur 
auf zwei gestossen, das bekannte: have tommemwnd und hare en »med i pandtn 
f»'ide nicht so drastisch wie das schwedische kopparslagare. 

Weit verbleitet ist noch heutzutage in Jütland (und zwar vorzugsweise bei 
den seeleuUii und tischern 2 ) die scheu, gewisse als ominös geltende Wörter zu ver- 
wenden; die daiier entweder immer oder doch zu bestimmten zeiten oder unter bestimmten 
umständen durch 'tabu Wörter' ersetzt werden. So sagen viele leute statt der 
verpönten zahl irclten beständiir syv-sex (von den tischeru werden auch die zahlen 

1) Es mu88 wohl eine geschichte von einem manne im Umlauf gewesen sein. 
der seine häufigen ausgän^e durch notwendige krankenbesuche motivierte. 

2) Von den norwegischen fischern sagt. Hans Ström (1726—97), .'at de paa 
>oeu, eller medens de fiskede, aldrig nsevnede nogen ting med sit rette navn, men 
tillagde baade mennesker og kreature visse opdigtede navne, som nu er komne af 
brng, eller i det mindste ikke brusres uden skjemtviv" /A:isen. Xotsk ordbog ;». 97(5). 

20* 



296 GUBKING - 

fünf und eil 1 , sechs und sechzehn gemieden); so ist bakke-äl sicherlich nicht- ein« 
'scherzhafte benenuung der schlänge', sondern ein tahu-name des gefürchteten rep- 
tils'-'. Die lause werden nicht gerne (besonders nicht in der Weihnachtszeit) mit 
ihrem richtigen namen genannt, 'weil- sie sich dann zu stark vermehren würden*, 
sondern basser, bid, bidere (gräbidere), bisserer. de fremmede {der er f. i sengen), 
de grä, graben, gränakkede, gräniller, grä stude, grä xvende, puÜiker, sinäbern, 
siitähvns, titing : ebensowenig die flöhe, die man smäpiger oder uioj nennt, und die 
ratten und mause, die mit dem gemeinsamen namen dyr (oder tede, auch sissel, d. i. 
Cäcilie) bezeichnet und als störe dyr und smd dyr — oder störe -grä xmA, sma 
grä -— unterschieden werden (die ratten heissen auch de langt ampede; det galt dyr 
ist der marder); den hirten ist groben ein tabuname des schafes (früher auch des 
wölfes), brummer i dale bezeichnet den bullen, rodben den fuchs, läddenfod den 
huud, jomfru, Tot die henne oder gans; die tischet- nennen die hornfisehe de lang* 
hahsede, den hai Lars: auch der name der katze darf von ihnen nicht ausgesprochen 
werden, während der köder an den angelhaken befestigt wird: sie sagen statt dessen 
Mas Haie: andere benennungen des tieres sind ejserf?), Mis, v Mette, Pcejterken, 
Imshare, stuthare, krumhale, musehader; der fasan heisst den langhalede (ebenso 
auch die ratte), das schaf smalbeu (und dieses wort ist auch tabubezeichnung des 
roggens und des kohlest, der wolf solskär (ist das *sölskaöi mit beziehung- auf den 
mythus von Skoll und Hati?), graben. skrubskädden <?), färel&dder id. i. schaf- 
färber?), rä herremund: das wiesei guldbrud oder Longedatter : die möwen bjeerg- 
mandens fions. Die blutwürste dürfen beim. kochen nicht p'olser genannt werden. 
sondern kwdultere, Ungester, dingser, baloxer, vognkja-.ppe, pusserenter, de grä 
sonst platzen sie; ebenso missrät das bier, weun beim brauen das wort rand ge- 
braucht wird, es muss leg gesagt werden''; desgleichen wird beim Schweineschlachten 
das blut nur sved genannt und von den borsten darf nicht gesprochen werden, da 
•sie sonst sich nicht ablösen lassen. Die fischcr* nennen an bord nie den namen 
Blasius, wodurch unfehlbar stürm entstehen würde; sie brauchen auch niemals das 
wort preest", sondern sagen statt dessen lädden Anders (in Norwegen sid-kofU . 
Nyrop 134), auch nicht das wort wolle, das durch trindel (in Bornholm trönta) 
ersetzt wird; in Djnrslaud scheut man sich vor dem worre vdd und benutzt an 
-.«einer stelle blöd. In früheren Zeiten hat man auch statt guJd den ausdruck dti 
s kinnende verwendet und bei beschwörungen die worte Hl evig tid vermieden, wofür 
lil dommen gesagt werden musste. Schliesslich gehört auch hierher, dass ein kind 
vor der taufe mit dem namen, den es bekommen soll, noch nicht genannt werden darf- 

Zu dutzenden rinden sich in den mundarten Jütlands seltsame Wörter mit der 
enduug -es oder -is. Die meisten von ihnen sind bezeichnungen von personen (fast 
immer männlichen geschlechts), die durch irgend eine besonderheit die aufmerksam- 
keit ihrer Umgebung erregt, anerkennung oder tadel gefunden haben (in der regei 

1) Elf ist die sünde, clfe überschreitet die zehn geböte (Schiller, Piccol. II, 1). 

2) Vgl. schwed. land-äl (Nyrop, Navnets magt 132) und die skaldischen 
kenningar all fjQrgynjar, lautar all, seiör grundar, jardar seiör u. a. Ich bin 
überzeugt, dass überhaupt zahlreiche kenningar und ökend heiti alte tabuwörter sind. 

3) In Östergötland dürfen bei der bereitung von teer und seife die betr. 
Wörter nicht gebraucht werden. 

4) Observant haec prae aliis sagittarii et piscatores (Ihre, De super-t. 
p. 82, zitiert bei (irimm, Mytb. 4 II, 940). 

■ )) Sacerdotem obvium aliumve religiosum dieunt esse infaustum (Joh- 
Sarisb., Polycraticus, zitiert bei Grimm, Myth. 4 II. 938; vgl. ebda 939). 



lliEK IKir.l'.KIti.. ORDBOG OVEK DE JYSKE M.Ml'KsMA I. "297 

das letztere, sodass viele dieser Wörter geradezu als Spottnamen zu bezeichnen 
Bind); auch ein paar namen von tieren, die die volksphantasie personifiziert hat, 
wird man anschlössen dürfen. Zu dieser gattung gehören bakkelarres (ist das wirk- 
lich eine volksetymologische entstellung von ba-ccalaureus ?] 'vindig person', aucli in- 
folge der ähnlichkeit mit bakkelse hezeichuung kleiner kuchen; bonnis 'lille, tset. fast- 
bygget person'. zuweilen auch auf tiere (pferde, kleine fleischige dorsche) bezogen; 
buddis Mille tyk person' (daneben auch budde, butti, butte in derselben bedeutuug. 
offenbar zu derselben wurzel wie die der Schriftsprache angehörigen adj. but 'abge- 
stumpft, kurz' und buttet 'untersetzt'; burris (neben burri) 'en person som traenger 
sig frem', zn burrie 'sich einbohren, wühlen', vgl. burri-fas 'ogenavn til et pluuipt 
menneske'. das Kaikar nach den handschriftlichen Sammlungen von Moth anführt, 
norweg. burul, burvul 'tyk og klodset liden lojcrlig figur. burv 'en liden storhovedet. 
bjerneagtig kiodrian". hurra tnenge sig frem med ra 6g klodset voldsomhed', burr 
•liten stivsindet karP (Rpss 5i. 75), dazu auch dän. burre, norw. borre 'klette' ; 
äärris 'kobold', vgl. norw. daiia 'schleudern', darre -lang og veg slamgende peiv 
son' (Boss 88); donnis 'en lojerlig fyr', vgl. donnek 'en tyk, klodset person' und 
donnifas* 'ureuligt menneske, dagdriver' (Kaikar aus Moth); dronnes 'en langsam og 
tyk person' (in gleicher bedeutuug auch drennih) zn dront 'langsamer gang', (honte 
'schlendern' nebst dem vogelnamen dronte 'didus ineptus': firris 'den hagerste i 
vaeddeleh og' arbejde, en srer fyr', ühertr. auch 'überhastung, Verlegenheit', zu firre 

have travlt' (vor lauter geschäftigkeit nicht vorwärts kommen), altn. firra 'fernhalten, 
hindern'; fiannis 'grinebider*. vgl. in derselben bedeutnng ßanner, flanne-hors, 
ftanni-potte, flane-hoved, zu fiane, flanie 'übermässig laut lachen', eigentlich wohl 
•das gesicht verziehen' <ahd. ßännen 'os contorquere') ; ßarris 'nanner, sluske'(?i ; 
jiinis 'tvaer person som vil 'drille; slüske; lumsk person', vielleicht zn flire 'höhnisch 
lächeln', vgl. auch flire-skjteg 'grinebider' : gonnis 'en lojerlig fyr', ursprl. 'aus- 
gestopfte figur, die denen, die ihre arbeit noch nicht vollendet hatten, zum höhn 
zugeschickt ward', wohl zu ^criif -'possen. gantes 'scherzen'; kannis 'en person eller 
genstand der er noget ssereget ved. som udmaerker Big ved storrelse eller beskaffen- 
hed' (nach Molbech 'en i sin art ved storrelse eller gedhed udmaerket.ting', dagegen 
nach Moth - bei Kaikar 'nsling'), auch ■ tabuname für 'geschwür', vgl. kanni 
'knej sende person' (oordebgl. a. schott. canny 'klug, besonnen, sparsam'), kanni k 
'en lojerlig fyr' (auch adj. in der bedeutung 'steif, aufrecht, trotzig', dazu kannike 
'knejse med hovedet, vaere overmodig'); knarris 'en gnaven person', davon abge- 
leitet knarrise 'gnave, knurre', knarrisef, knurrixei 'gnaven'. zu knarre 'vasre Trän- 
ten'; knorris 'en stör dreng' (auch 'en snaps'), hei Kaikar (nach Moth) knerris 'wi 
lille dreng'. 'et lille baeger', wohl zu knort 'knorren' ; krantis (nur adj.) 'livlig, rask' 

von menschen und tieren i. vgl. kranten 'lystig' (von mutwilligen pferden), kramte 
•zu k raffen kommen, sieh erholen' (von einer krankheit) - gehören dazu auch 
skranti 'overgiven. lystig person'. skranne 'wiehern, laut lachen', skranne-grinne, 
8kranne-le 'skoggeile'V ein anderes krauten 'misfornojet' u. kraute 'kränkeln' 
erklären sich wohl durch vermengung von kranke u. skrante; kukkeluris 'en kryster 

1) Da larifas (auch in Vidensk. selsk. ordb. und bei Kaikar gebucht) und 
narrifa» zweifellos aus dem deutschen ^entlehnt sind (Kluge, EtymoJ. wörterh. ' 
B. \. fex belegt westfäl. luerßkn Woeste, Wörterb. der westf. ma. 165b und 
narriftx, letzteres s. v. bereits aus dem 15. Jahrb.). so weiden ourrifas (s. oben) und 
ilminifas auch wohl deutschen Ursprunges sein. 



298 t.KuiN»; 

som er incget forsigtig, en hos hvein nffighed er parret med ondskab', schon voa 
Moth verzeichnet, zu dem lehnwort kukkelurt (aus holländ. koekcloerrn), das von 
Fansbeil als ein wort des gadesprog gebucht, aber von Öhlenschläger (Hakon jarl I, 1 
u. a. auch in dichtungen höheren stils verwendet wird; mirris 'svag, ubetydelia 
person", und allg. 'kleiner gegenständ' (z. b. ein butterbrot), daneben auch katzen- 
name, im plur. mirriser 'zeichen, grimassen', dazu mirriset 'ubetydelig, ringe af 
legemc', mirrivorn 'spinkel, spsed, ubehjadpsora' (von tieren und kindeni), zu mim, 
minie 'wimmern' ; mortis 'lille person', auch Schimpfwort, dazu hav-morres nebst 
der Streckform (?) havmarökkes 'möve' ; murrig 'person af ringe vsekst, indeslutter 
gnaven person', wohl mit dem vor. worte identisch und zu murre zu stellen, so dass 
der vogel nach dem klagenden geschrei benannt wäre; iiimmes (nur adj.) 'nysgjaeiriü. 
som bar ntesen allevegne', auch 'fruchtbar' (von der sau, also eigentlich wohl 'leicht 
konzipierend'), zu nemme 'fähigkeit aufzunehmen'; pannis 'fyr', halbes Schimpfwort, 
vgl. pansleri 'lumpen', so dass entlehnung aus dem lat. pannus wahrscheinlich ist: 
parrig 'en stakkels godtroende fyr', auch schmeichel- und necknaine, dazu iu gleicher 
bedeutung pam's-ma?id und parrisetMß] erlig' (?); pirreg 'eu lille og svag person'. 
auch katzennamc und name eines kartenspiels, schon bei Moth und Kaikar. dazu 
pirreget 'nssel. därlig', hat mit pirre 'stören, reizen' sicherlich nichts zu tun. lässt 
«ich aber verbinden mit schwed. dial. pirig 'späd, klen' (Svenska. landsm. T, S\ 28 
norweg. piren 'svagelig, svag, forsagt, udygtig', pira 'gnie, spare', pir 'geizhals' 
(Aasen 568 b); prannis 'pralende person', zu dem verbum pranni 'knejse, gä stolt'. 
vgl. pranni-sder 'hosenträger, mit denen man Staat machen kann', vomprannig 
'leibriemen' ; purris 'lille person af lav vaekst', dazu purreget 'unbedeutend', vgl. 
purre 'verkrüppelter bäum' ; gnan-ig 'lille därlig person' (auch bezeichnung für 
'schnaps' und 'rausch' und adj. 'mürrisch'); snorris 'selvklog, dum person'; spirrig 
'tynd. smal person ; uug, oploben person', dazu das corapos. spirris-vorn 'oploben', 
vgl. gpirre 'spnrke med benene', gpirre^vip 'tynd, vseyer og vindig person'; spjannis 
'fyr. person' ; spjarrig 'nng, tynd. person', zu spjurre 'sparke' ? ; gterrig 1 tvser person' ; 
stompeg, kosewort für ein kleines kind, zu stump 'stumpf, stummel'; stonnis 'päfal- 
dende person, stodder, dazu stonnise 'humpeln' (aber in gtonnismand 'auf dem 
fussboden stehender leuchter, aufrecht stehende garnwinde' steckt doch wohl das 
part. praes. von stü); storris (auch stoninps, starrig, sturi) 'halvvoxen dreng', dazu 
balv-storrig 'halvvoxen'. offenbar zu stör; sfyrris, Schimpfwort: 'en rä horste', abei 
auch name des störs; tarrig 'en lejerlig fyr, alt hvad der er langt og slapf, dazu 
das eompos. lakkc-tnrris- 'kädmundet sladdrer og bagtaler'; tonnig 'saerdeles en- 
foldigt menneske', dazu tonniget 'enfoldig', vgl. tonte 'tabelig person', tontet 'tossef: 
lorrcs 'lille sirapelt kreatur der er forsat i vaeksten' (auch von pflanzen), daneben 
auch kosename für ein kleines kind; trenneg "trag, langsam person', zu trenne 'an- 
schwellen', altn. prütna; rabbes 'tyk, fed mand', auch bezeichnung eines jungen 
hundes, vgl. vable 'blase, qualle' : vej-varis 'vejfarende person' ( *vej-farendes '/) ;. 



1) Der gleichlautende name der grille (mdiin. gtirits, stirrids (auch giritge, 
sirrig) und der mdän. fischname sterits 'nioena Candida' sind wohl fernzuhalten, 
ebenso ndän. sterrids 'kajüte', das nach Falk-Torp aus dem engl, sterrage entlehnt ist. 

2) Zu lakke vgl. rand. lak 'fehler, mangel, gebrechen*, afris. leh 'nachteil'. 
,adän. lak "fejl, mangel', lakke 'laste, bagtale', norw. lake, m. 'flig, lap', auch 'stympei, 

xtakkel', dazu lakä-gut 'stymper eller drog af en dreng', laka-fant 'fortraedelig person'. 
zn denen Ross (463a) bemerkt: 'faZ-tf-indgaar vistnok i mange flere sammensaitninyii 
tu at hetegne noget usselt'. 



OBER raiLBERG, ORJDBOG OVEB DE JYSJKE .U.MI KNMAI. 299 

terris, virris "lille person', 'lilla klog fyr' (kaum, wie Feilb. meint, zu ciddet 'scharf- 
sinnig'); vrannis 'en sora roder orakring', vgl. vrang und Dränget 'krumm', vranges 
'ringen'. Pringle 'schwanken' ; orrcs 'en overstadig, lystig, käd knsegt', vgl. urig 'kad'. 
nidän. er 'forstyrret, vild' (altn. cerr). Nur eins von den zu dieser gattung gehörigen 
Wörtern wird zur bezeichnung eines weiblichen wesens gebraucht, nämlich stuntes, 
nur adj. in dem ausdruck en stuntes tos halvvoxen pige', zu stunt 'kurz'. Tier- 
namen sind: grimmig (neben grime) 'kuh mit einem weissen streifen (einer Messe) 
auf der stirn', zu grim 'fleck' (insbesondere 'Schmutzfleck', vgl. norw. grima : *treg 
eller stribe over ansigtet' (alt. grima 'gesichtshülle, raaske'); kli]>pes 'strandelster' 
(augeblich so benannt, weil ihr ruf wie klip-läip klingt): loddes, nur im kompos. 
land-loddes 'kleiner platttisch', vgl. lodde 'goldbutt.', wohl zu lad 'färbe' (altn. litt l, 
ledde 'färben'; ncebbis 'stichling'. nach seiner spitzen schnauze benannt, also zu 
nwb 'schnabel', vgl. mdän. (und norw.) ncebbe-müs, nccbbe-sUd, norw. nebb-sik, nebb- 
skata; tobirres 'ein strandvogel', auch melier genannt (V); tobis 'sandaal' (ammodytes), 
nach Kaikar (IV, 411b) -— Tobias, weil der fisch als blind gilt (was gewiss richtig 
ist, da im schwed. der fisch nicht nur tobis. sondern auch tobias-fisk genannt wird). 

Weit geringer an zahl sind andere, sehr verschiedenartigen kategorien an- 
gehörige, von F. verzeichnete Wörter: bannig, -es 'lärm; Wagestück, erfolg' (urspr!. 
wohl nur adj., verkürzt msbandsates?); doris 'dysse. kaempehoj' nebst dem compos. 
lang-doris (daneben in derselben bedeutung auch dos, dons, dejs; aus mnd. dornst 
'kammer'?); ferris 'vulva'(P); gjterris 'juniperus' (nach F. korrumpiert aus gjterde- 
ris); grd-bonnis, name eines kinderspiels: hakke-lones 'fleischgericht, mit kartoffeln 
vermengt' (der zweite, unverständliche teil des kompositums kommt als simplev 
nicht vor); klafönnes, name eines kinderspiels (nebst, zahlreichen abweichenden 
formen: klapiiies, kapülrens, kaputteres usw., doch wohl zu klappe^ da derjenige, 
der zuerst das ziel erreicht, sich durch drei schlage freiklopft); kubbe* 'kinderbecher', 
zu kube 'rundes gefäss', lat. cupa; kumpdnnis 'et godt kup, uoget. som opvakte 
latter', = kup (franz. coup): kyrris (plur. hyrriser) 'nykker, lßjerlige indfald': limine» 
'geschichte, auekdote' (vgl. in derselben bedeutung lemmike, das bereits Kaikar hü> 
den Sammlungen Moths verzeichnet); lurres 'kleine Hasche' nebst dem kompos. 
kukke-lurres (daneben in derselben bedeutung auch larre,\za. dem schallnachahmenden 
verlnim lurre 'rieseln'; lebbes (auch dissim. nobles) 'kleine stein- oder tunkugel'. 
von kindern zum spielen gebraucht, zu lobe (vgl. nnd. löper); mölis 'strenge zucht' 
(nach F. entstellt aus miliis, lat. militia); plonis 'rührei mit speck' (eigentlich 
wohl 'brei', vgl. pludder 'breiiger schlämm'); sturris 'harte arbeit; streif, daneben 
in derselben hedeutung auch struddi, zu struddie 'sich anstrengen'; tovtis 'Vor- 
richtung am pflüge' (?). 

Eine anzähl dieser Wörter bucht bereits Molbech in seinem Dansk dialect- 
lexikon, und zwar alle ohne ausnähme als jütisch. Ks kann jedoch kaum einem 
zweifei unterliegen, dass auch in den mundarten von Fünen, Seeland und den 
benachbarten inseln (umfangreichere Sammlungen ihres wortvorrats sind ja leider noch 
nicht vorhanden) entsprechende bildungen sich finden, da sie seihst, auf Bornholm, 
dem östlichsten Vorposten dänischer /.untre, nicht, fehlen. In Espersena Ordbog 
stehen die folgenden: drabbes (daneben auch drtfbba, drabbois, drabhas 1 ) 'faule 

l; Nach Espersen ein komposituin mit has 'kniekehle', was mir sehr un- 
wahrscheinlich ist. Sollte man es mit einer Zusammensetzung zu tun haben, bo isi 
das 2. glied eher ärs 'podex', s. unten s. 300 fusshotc 2. 



300 »BRING 

oder träge perscrn'. auch -zäher sehleimkluinpen' ; däjggjes 'verhätscheltes fciad' 
v/.u diiii. deegge, got. daddjan); Jitics 'klodriaa, kujon, kryster' (daneben in derselben 
bedeutung auch Jitn-fär), zu dem verbnni fitta 'pfuschen, hudeln'; gaddin nebst 
«lern kompos. hav-gaddis, narae eines seevogels; ganten 'geck, narr' (dän. gante das-., 
und vielleicht aus der rpichssprache entlehnt); kabbes, spöttische bezeichnung eines 
knaben oder eines jungen mannes: kjeite-Mnkes 'linkische person' (tautolog. kompos.); 
kjöbbes, hjybbes 'junges kalb' (vgl. dän. kippe, lockruf für kälber); raddis, nur in 
der redensart ad spilla r. 'unvernünftig und verschwenderisch leben', zu radd. n. 
'narrenspossen'. raddas 'possen treiben'; sayges (daneben auch saggara; fem. sagga) 
"träge person", zu sagga 'saumselig und langsam arbeiten'; snorres (iu derselben 
bedeutung auch snorre-vip) 'membrum virile'; toppes, 'männlicher vogel mit einer 
haube (topY ; tuyges 'zerkaute speise", zu tugga 'kauen'; tules 'improvisierte (aus 
läppen hergestellte) puppe'. 

Im schwedischen kommen nur vereinzelt gleichartige bildungen vor. In 
den mittelalterlichen quellen fehlen sie nahezu ganz: die ama£ elpiquiva goris and 
käkis stehen bei Söderwall (J, -118b. 707a) ohne bedeutungsangabe und mit einem 
fragezeichen versehen, kaves Fahrzeug' (I, 651a) ist ein russisches lehnwort und 
-dazu kommt nur noch das vollkommen dunkle kirtis (kertis, karthiis) 'eine pferde- 
krankheit' (I. 656a). Aus Rietz' Svenskt dialtkt-lexikon notierte ich nur funtes 
'pr'äktig' (Södermanland); ganncs 'verwundet, angeschossen' - (Vermland;; gubbis 
'senex' also = gubbe (Södermanl., Nerike. YestergötL, Schonend; kemelis •kleiner 
schlitten mit futter für die Zugtiere, der oben auf die ladung gesetzt wird' (Vester- 
botten, augenscheinlich ungermauisch); rabbis, nur bezeugt in der Verbindung stä r. 
•stand halten' (Vestmanl., Östergötl.): sektes, adj. indecl. 'sonderbar, eigentümlich' 
Östergötl.); tork-lummes 'trockene speise, die man in der tasche (lomma) mit sieh 
führt' (Schonen) '. Auch die in den Bidrag tili kännedom om de svenska lands- 
mälep veröffentlichten Vokabularien einzelner mundarten gewähren so gut wie keine 
ausbeute, nur Vendell verzeichnet (II. 3) aus dem dialekte der insel Etunö (im 
Rigaer meerbusen) das fem. lavss 'bordebätik' und das adj. lotipis 'löpsk' 8 . Ebenso 
sind dem norwegischen solche Wörter fremd: ich fand nur bei Eoss (292a) das 



1) Das gotländ. modänes ■mutig, rasch' halte ich für ein part. praes. mit dem 
reflexiven suffix (zu aschwed. modhas\ wie tances 'capiendus* in der mundart von 
Fryksdal (Sv. 1. II. 2, 75) nichts anderes ist als tagendes. 

2) Nicht selten sind dagegen in schwed. mundarten Wörter mit der endung 
-us, ■/.. b. (Rietz) fnaskus 'som fnaskar och stjäl' (Vesterbotten) ; funtus 'god, duktig, 
artig' (Verraland, Östergötl.), s. oben, funtes; gaspus 'schwätzer' (Södermanl.) ; lurju* 
'lümmel' (Finland); naskus 'bär' (Östergötl.); pele-raskus 'liten rask pojke' (Vester- 
botten): waskus 'nachlässige person' (Vesterbotten). Diese endung stammt aus 
finnischen lehnwörtern und ist dann produktiv geworden, s. Half Saxen, Finska 
lanord i östsvenska dialekter (Sv. 1. XI. 3) § 68. — Wörter auf -4s aus dem slang 
schwedischer schüler und Studenten (Rüben G. Berg, Sv. 1. XVIDI. 8; vgl. auch 
Noreen, Värt spräk 5, 401 ff. 7, 28Ü), die sich einen scherz daraus machen, alle 
jiiöglichen nominalstämme mit der lat. endung zu verseben, bleiben natürlich aus 
-dem spiel; stützt sich etwa auf solche modernen cantbildungen die behauptuiiü 
von Falk und Torp (Etjm. wörterb. II, 830 s. v. pirris), dass die endung -»'*• im 
«■ehwed. bei personenbezeichnungen häufig sei? (In den norw. Wörtern auf -as, 
die nach F. T. den schwed. auf -is 'entsprechen' sollen — fulas, raaas, tykkas - 
steckt, doch wohl als 2. koinpos.glied ars, in dem man verschämt das r unterdrückt 
hat - : vgl. die in Grimms Wörterb. I, 564 unten angeführten deutschen Zusammen- 
setzungen). 



ÜBER FELLBERG, ORDBOG OVEB DE IVsKK AI, Ml BSMAL SOJ 

unerklärte fem. hallis, das in Jaederen und Dalane einen teil in 'lern verdau unga- 
kanalc der Wiederkäuer bezeichnen soll. 

I»ie heimat dieser Wörter wird offenbar dort zu suchen sein, wo sie am 
zahlreichsten sind und am stärksten gewuchert haben, also in Dänemark, vielleicht 
in dem südlichsten gebiete der dänischen zunge, in Nordschleswig. Wie sind sie 
zu erklären? Sicherlich hat man es mit jungen bildungen zu tun, da sie vor dem 
16. Jahrhundert sich kaum nachweisen lassen und daher bei Kaikar noch sehr 
spärlich vertreten sind 1 . Von einem nordischen oder gar germanischen wort- 
bildenden suffix -in kann also nicht die rede sein. Erwägt man, dass im deutschen 
sehr häufig eigennamen durch komposition mit verbal- oder nominalstämmen zu 
Gattungsnamen geworden sind (nasch-friede, mäkel-fritee, fasel-hants, prahl-hans, 
schmal- haus. quatsch-micJiel, angst-meier, t/uasel-peier, struiowel-peter, Zappel- 
philipp, dummer-jan, trödel-lise usw.), wozu auch in den nordischen sprachen zahl- 
reiche parallelen sich finden: dän. klods-hans, Uekker-hau*. pwl-hans, smal-ham, 
pele-ham, kndl-tomes, pel-tomes, stumpe-'dorie, stakkel-mads 'ringfinger', gr&nne- 
anders 'flasche'. sorte-mikkel 'teufel', grti-mdns 'hase', skermis < skarp-metse (mud. 
skarpe-nietse grobes geschütz' (vgl. die 'faule Grefe 1 des raarkgrafen Fried- 
rich 1. von Brandenburg), dove-per 'grosser leuchter' (jüt.); schwed. skolos-'per 
(tahuname des hären: Nyrop s. 131), boska-jens 3 ; vgl. auch norwegische vogel- und 
fisch namen wie seren-peder, hyse-thomas, morten-blanke — so wird man auf die 
Vermutung geführt, dass den grundstock der oben zusammengestellten jütischen 
Spottnamen ebenfalls comppsita mit einem eigennamen gebildet haben, und zwar 
Zusammensetzungen mit dem namen Jens, der (besonders in Schleswig) häutig zu 
Jes verkürzt wird ;. und diese hypothese gewinnt dadurch an Wahrscheinlichkeit, 
dass vor dem -is, -es in überaus zahlreichen fällen eine geminata steht, die doch 
am ersten durch annähme einer assimilation an ein nachfolgendes j sich erklärt. 
Dass Jens (wie im schwed. Jons, s. unten anmerkung 2) als ein typischer männer- 
uanie gebraucht ward, beweisen ein paar fälle, in denen er nicht tonlos weiden 
konnte: en gluen Jens, en pigernes Jens. Storres wäre also entstanden aus *Stor- 
jes, knarre« aus *knar-jes usw. Es sind jedoch kaum alle diese Wörter aus solchen 
compositis tatsächlich entstanden: nachdem die endüng abgeschliffen war und ihren 
eigenton eingebüsst hatte, wurde sie als ableitungssuffix empfunden und als solches 
verwendet, vielleicht unter dem eintlusse auf -es endigender eigennamen wie Annes 
(Andreas), Dynnes (Dionysius), Hannes, Lojes (Eligius), Mattes, Tobbes (Tobias), 
Tommes, Tonnes (Antonius! Ks konnte infolge dessen dieses -es als derivativuin 



1) Aussei- den oben schon angeführten: äonnis, kannis, knorris, pirris und 
brodanes (s. s. 36 fussnote) finden sich bei Kaikar nur noch die folgenden drei : 
drikke-bennes 'starker trinke?' (aus Moth), das aus schlesw. bans 'en tyk, draj per- 
son' (Molbech s. 67) zerdehnt sein könnte, aber mit hamburg. bunnjes (bei Richey), 
das eine entstellung von bönhas sein wird, schwerlich etwas zu schaffen hat . 
drunte-fannes (aus Moth) 'smelevornt, langsomt menueske' (famtes *fante-jes ?) 
und u/trris. nerres 'et lille inenneske'. das mit nhd. nerz, einem slav. lehnwort, 
sicherlich nicht verbunden werden darf und eher zu dän. not- 'infans' gehören könnt« 

2) 'ett af de miinga tilllägsord tili Jims, t. ex. dumtner-jöns' : Riet/., Svenskt 
diät. lex. 47 b. Hierher gehört wohl auch das Schimpfwort brodanes (Kai kar 1. '277 a. 
V. 189a), wahrscheinlich *brode-andcrs ; aus dem verse (Com. de mundo et 
panpere T>6 ') ergibt sich, dass der ton auf der 2. silbe liegt. 



302 GEBING 

produktiv werden uud auch bei der bildung ganz verschiedenartiger und in de] 
bedeutung abweichender Wörter in gebrauch kommen l . 

Die Wissenschaft vnuss von spröder Zimperlichkeit frei sein, und daher hat F. 
es mit recht nicht unterlassen, auch die dem sexuellen gebiet angehörigen Wörter 
zu sammelu und in sein Wörterbuch aufzunehmen, da sie, die lichtscheuen Stief- 
kinder der spräche, nicht, nur für diese, sondern auch für die volkspsychologie von 
grossem interesse sind. Hier ist gewiss vieles untergegangen, da man sich oft ge- 
scheut hat, das ding mit seinem wirklichen namen zu nennen und lieber neue 
bildungen und Umschreibungen benutzte. Am zahlreichsten (liebe kinder haben 
viele namen) sind die bezeichnungen für das membrum virile. Gemeingermanisel", 
war vielleicht schon eine ableitung von der wurzel pi (spi) 'stechen', da zu ihr 
gehörige Wörter weit verbreitet sind, im jütischen pind, eigentlich 'pflock, bolzen 
(so schon mdän.; alts. mnd. holl. jnn, vgl. altn. pinni, schwed. pinne) ; pintel (ebenso 
ags. mdän., norw. pintol) dimin. von jrint. das im mnd. und mdän. erhalten ist: 
pig, eigentlich 'stachel' (mschwed. pigger) ; pik (norw. und schwed. dial. pikk) und 
piks ; pil, das mit dem lehnworte pil 'pfeil' (< lat. pilum) identisch sein könnte, 
da waffennamen auch sonst (s. u.) zur bezeichnung des penis verwandt wurden, 
aber doch wohl von piller, pilk, pilh-kok nicht zu trennen ist (im scherze werden. 
weil sie an diese Wörter erinnern, auch der biblische eigeuname Pilatus und dtt* 
fremdwort. pilot in gleicher bedeutung gebraucht) ; hierher gehören dann auch woh] 
pes und pette, beide gewöhnlich nur von tieren gebraucht (vgl. auch peite-ni/day 
'manslenf in der schwed. mundart von Fryksdal, Sv. landsm. II, 2, 53, daher jiit. 
Peder Kristian vielleicht auch nur als eine verschämte Umgestaltung von pette- 
kristian anzusehen ist 2 ), während pis, pys (und pjcevs?) doch wohl eher zu pw*i 
zu stellen sind. Eine ähnliche grundbedeutung hatte gaj (in anderen dän. dialekten 
gadd, gaid), eigentlich 'stachel', auch 'peitsche' (altn. gaddr, norw. schwed. gadd, 
got. gazds, ahd. gart) und vielleicht auch nut (vgl. norw. nut, nott 'knorren, berg- 
spitze u. a." (grundbedeutung nach Torp 'noget rundagtigt som stikker frem'): 
durchsichtiger sind stampamper (eine Streckform von stamper 'stössel') und »tagt 
'stange'. Verschleiernde bezeichnungen sind draddeh eigentlich 'wollzotte' (vgl. 
norw. darle 'en rnl af uld', darl 'noget som haenger og dingler', darla 'dingle), das 
■lehnwort gemcegt (aus dem gleichbedeutenden mnd. gemechte, ahd. gimaht), dessen 
ursprünglichen sinn: '(zeugungs)fähigkeit' die entlehner nicht mehr kannten, /-/. 
eigentlich 'lederriemen' (nur in diesem sinne altn. öl, dl, f.) und so unbestimmte 
ausdrücke wie werk und vcerktoj (vgl. aschwed. anbup), femer rylker (eigentlich 
'kleine rolle'), das aus dem niederl. stammt, und nil (altmärk. nill), eigentlich wohl 
'der unten befindliche', dazu das vulgäre nhd. nille, f. 'eunnus' (auch 'frauenzimmer'). 
das von Lexer (D. wb. 7, 845) unrichtig mit oberlaus, nille 'geifer' zusammen- 
geworfen wird; vik (zu dem verbum vikke 'beva:ge sig vippende'); endlich kumpea 
'genösse' (aus franz. compagnon), vgl. altn. felagi (Hermes 51, 635). Andere Wörter 
zeugen von derbem hninor oder rohem zvnismus. wie besse-jern, mphbre-gern, bukst - 

1) Überaus häufig sind Wörter auf -es in dem internationalen rotwelsch, der 
gaunersprache, deren Wortschatz wohl grösstenteils aus dem hebräischen stammt. 
Da jedoch sichere entlehnungen aus dieser geheimsprache im jütischen kaum nach- 
zuweisen sind, können sie als muster für neugebildete Wörter nicht in betracht 
kommen. (Das von Feilberg mehrfache angezogene werk von Dorph. De jydske 
zigeunere, Kbh. 1837, war mir leider nicht zugänglich.) 

2) Wie aber erklärt sich Feder Hjo>-ts stagc 'smä dreuges kfinslem' (IV, 318a)? 



Ober feilberg, ordbog oyer de jy&ke \i,mi;ksmat. 31)3 

kniv, doi hvidskaftede kniv,* lommepislol, latte-karl, Iceder-boi; seixje-uavr. Fii: 
das scrotum ist noch die alte bezeichnung rcedder (altn. hretitjar; vgl. ags. henkln) 
lebendig, daneben kodde (ebenso aschwed., in schwed. und norw. dialekten kodd, 
ags. codd, inul. codde, vgl. auch neuisl. kodri) — der einzelne testikel heisst kodd<- 
sten — und das gemeingerinau. pung 'beutel' (altn. pungr, ags. pung, ahd. pfur>g, 
got. puggs); eine humoristische bezeichnung ist kartofler, bezeugt in dem ausdruck 
heeldc (oder slä) vandet fra k/irtoflerne, d. i. mingere-. Der ganze männlich« 
genitalapparat heisst auch getneegt (s. o.), daneben gelten die verschleiernden aus- 
drücke smä-tej, spilie-veerk, slsjonne lirtg, tingest und (in rätseiform) en fugde-red« 
med to a>g og en pind til kjendetegn. 

Ein gemeiugerm. wort für 'eunnus' war *fxipi-z, f., das ,J. (irimin (D. wb. 4. 
1 a, 4-4) durch die (verunglückte) Verbindung mit lat. pudor wieder 'ehrlich machen' 
wollte (altn. fuÖ, mhd. fut), es fristet heute (von dem nicht mehr verstandenen 
compos. Intndsfott abgesehen), als unanständig gemieden, nur noch in der vulgär- 
sprache ein kümmerliches dasein. Im norweg. ist es als fad (/w, fo, f&) erhalten. 
in schwed. dialekten als fod (fo), doch, wie es scheint, nur in der bedeutung 
'hinterteir (bei mensche« und tieren). Die dän. mundarten scheinen es nicht mein 
zu kennen (Jus — nur aus Lern bezeugt — hat schwerlich etwas damit zu tun», 
dafür begegnet hier das fem. fitte, das jedoch mit fud nicht verwandt sein kann 
und vielmehr mit got. fitan u>3ivst,v zusammenzustellen ist, zu welchem bisher nm 
im keltischen eine entsprechung gefunden war. Weit im german. Sprachgebiet 
verbreitet ist ferner kunte (schwed. norw. isl. kunta: ebenso afris. ; md. kante, aengl. 
queint) nebst der nasallosen nebenform kutte (schwed. kutta ; aengl. mnd. ndl. kutte, 
md. oberd. kotzt 'meretrix', die man mit goLqipus zusammengestellt hat; derselben 
würzet sind jedesfalls auch jüt. kude und küsse entsprossen), not ist wohl identisch 
mit not 'spalte', 'ritze', also gleichbedeutend mit splitte, das sowohl die brustöffnum: 
eines hemdes wie vulva bezeichnet; nussel gehört zu nasse 'eoire' (vgl. auch nusle, 
nysle 'langsam arbeiten') wie pulle zu pulle 'futuere' (vgl. wiederum puller 'schlen- 
drian'). Verhüllende bezeichnungen sind tingest 'ding' (auch für das männl. organ 
gebraucht), stakkel, däse und taske, lär-om-sig 'das von den schenkein umschlossene', 
auch wohl halli-hva-sc (eigentlich 'abflussrohr in einem gefäss' ?), sowie di>: 
dunklen Wörter ferris und spjam'is. Eigentümlich ist die auffassung und benennang 
der vulva als eines kleinen tieres (besonders eines vogels) : fugf, spink (ein wort. 
das sonst nur in zusammengesetzten vogelnamen häufiger sich findet), gas, hent 
(plur. Inms in: lär-hons, s. u. s. 3ü4), spurv, vitte (mundartl. name der bachstelze), 
hveps, vi äs (s. unten s. 312), mis (sonst katzennamen), dazu auch das seltsame 
Scherzwort sirrke-üder 'hemdeniltis'. - Für die labia vulvae verzeichnet Feilberg den 
ausdruck vapper, plur. izu vippe 'schaukeln'). 

Von den ausdrücken für futuere, coire ist gewiss fokke (schwed. fokket, dazu 
/>-/,: -penis') der älteste, nachdem altn. senkr (aachwed. aärßa, ags. serdan, mhd. 
sertm) im ostnordischen, wie es scheint, spurlos untergegangen ist (das neuisl. hat. 
aus dem part. sU'odinn *sroÖinn *srÖnds einen neuen inf. strefia entwickelt); 

1) Vgl. soen) in der isländ. Grettissaga c. 75, 7 und das 'lange, ungefüeg- 
si linrinessef in der Zimmer, chronik (Germ. 29, 252). 

2) Dieselbe bedeutung haben auch die redensarten hcelde lagen fra kJ0dtA 
und streunte sin ten (eigentlich •garn vom Spinnrocken abhaspeln'). Eine altn. Um- 
schreibung ist ausa i'f'f sinn, Morkinsk. 205 - s . 



iiü4 <;kki\i. 

ioklit hat ja auch im westgenn. zahlreiche verwandte. Daneben gelten pulle. (vgl». 
echWed. üal. pula 'angestreugt arbeiten', aber auch 'lahorem venerium exercere' . 
das von dein begatten der vögel entlehnte trwde, ronske (ursprl. nnr vom widder 
gebraucht, vgl. rou.sk- 'brünstig') und ride 'reiten' (noch zynischer ride uden sadel; 
vgl. -auch das part. forredet 'equitaudo fatigatus') nelfct vielen verhüllenden bezeich - 
Dangen, wie be-nikse (das mit nhd. nichts schwerlich etwas zu tun hat, aber viel- 
leicht mit schwcd. dial. nikk 'svels, list, bedrägeri- zu verbinden ist: das jüt. verbuni 
bedeutet auch 'jrnd zum lügner stempeln'), knüdre (eigentl. 'überwältigen') und 
mit anderem ablaut knolde und knuldre, die schallnachahmenden Wörter rumph 
und rontle, möge (eigentlich 'ausmisten'], knappe 'zusammenfügen' (norw. knappet, 
ebenfalls in obsc. bedeutung), karrte 'aufkriechen', horste (vgl. nhd. kämmen: Goethes 
gediente cd. Loeper III. -26), sowie die Umschreibungen bruge jem (vgl. oben hesse- 
/(/•«, 7urbbre-jem), krybe pä, plove hvor der er en fure } pulle sukker i krwrtimer- 
linset, skyde lärhuus, vwre oppe pä mavehojen, rappes skindbukser. von denen die 
letzte mir jedoch ebenso unverständlich ist wie die redensart fä en skup fi'ssie ved 
en (IV, 144a, 37). 

Der flatus ventris, um auch diesen naturlaut, der freilich nur selten mit 
der res Veneria in hezichung tritt (Lokas. 32*), noch anhangsweise mitzunehmen, 
ist ja von jeher mit humor betrachtet worden 1 , was seinem unholden vetter. dem 
ruetus, nur vereinzelt, widerfahren ist". Neben ßea gemeingermanischen Wörtern 
(jeert (altn. fretr, ags. feort a , ahd. mhd. .Urs), fjeerte (altn. freia, frata, nhA.fersan) 
wie aind. pardas, pardate, gricch. izopor, nepZsod-oa beweisen, sind diese schall- 
oachahmenden bildungen bereits indogermanisch — und fis, fist (altn. fisa, mhd. 
trisen, r/st, visten usw.), eigentlich 'blasen' (vgl. lat. s-pirare), dazu die coniposita 
hit-Jis •heimlicher f.', lut-fise und lummer-fi.se (lummer 'drückend, schwül') begegnet 
ein nasaliertes jim.se, das dem dän. eigentümlich zu sein scheint. Weiten; bezeich- 
nungen sind kmebhre (eigentlich 'klappern', vom storche), lunte 'abfeuern' (mit hilfe 
ejner lunte), proppe (das geräusch beim zukorken einer flasche vergleichend), prüfte, 
pytte, trumfe (zu dem subst. Irumf, das auch von einem kräftigen winde gebraucht 
wird). Verblümte oder scherzhafte ausdrücke sind give en tar einem 'einen trockenen 
schnaps spenden', male kartofler op, labe en mnske (auch: der sprang en maske!), 
lade en gä } Joppe for einnistenden 'die anistonne öffnen', lukke lammen e ml 'die 
lammer herauslassen', lüfte sin traisko af } rive et stykke eirts af, skydt medlcederp 
be>8sen linier grynbesseri), slippe en due, slä mave(7). 



Überaus gross ist die zahl der in der jüt. Volkssprache noch erhaltenen 
alliterierenden form ein, die es lohnt, zusammenzustellen: hqerken eist euer 
ende (TV, 32\>), immer og altid, ussel og arm, etl eller asrme; 

b a g og h ii g . ha n de og ball i s s e . b a n d e og h I i k s n e . bände og 
Jifofi , 'bitter og brokker, bjairge og banker, hl od og blä, bläne og 



]• Felix Liebrecht, Der wind in der dichtung und auch anderswo, 
• ievmauia 29 (1884) a. 248-53. 

2) Nach einer in der Stnrl.saga (I, 20 Kalund) erzählten anekdote gab hei 
<mera trinkgelagc ein ropi des ^oden EörUr veranlassung zu verschiedenen spott- 
nifirsen. 

3) Belegt scheint liui- die ableitung 1'eortiug. 



Ober feilberg, ordboü over de jyske ai.mik.sm \i 30**» 

b a n de, h r uen og b äffen, b r ggge og b a ge , b r >/ g g e og h I a n d e . bttl n e < tte ■ 
blöde, band eller bred; 

dag euer der (man kän se hverken d. eller d.), drutte og dranle/dribt 
eller drohe, drible eller druge, dum og dev, dtise 6g drikke, dod og 

d o v , d v og d o r 8 k : 

fald og /lade, fange og fede, l'avr og fix, feg og ferm, fippi 
6g füre, fish eller flcesk, flag <>g flej, flikke (Her flakke, flint 6g 
fleug, flor og flaver, flyve og fare, fr yd og fro, fuld og fast, fy'% 
og flint; 

gäbe eller g Joffe, gal eller god, galge •>(/ gren, gammel og grd 

gjeint og gl eint, gjies'pe eller gäbe, hverken go eller gab e , glo og gabt 
glyne og gäbe, gieß de og gamm e n-, gl od og glad, g rinnt og gäbe, 
g uld og g a mle g r u n k e r . g u I d og g renne s kove ; 

hals og hoved 9 , ha mm ei og härd, Kammer og hovtang , Ziel og 
holden*, he sie og nun de*, hist og her, hoste og korke, hverken hoved 
eller hole (fra h. til /*.),' med hud og här. hülle r og heekker, hus eller 
hjem, hu 8 eller hol. huse euer ho'le. he og hak k eise, he og ho Im. hag 
og h u n d 6 ; 

jauk e og j a m. r e ; 

kj ole og k r a v e (dumme fra k. '"/ k. !. k I a /> p e t og k In r , k lu de og k l a b « 
klarer og klinte, knibeude og knap, ko og kulv 1 , kop og kande, kor- 
8.en og krydsen, k orthals et og kradsberstet, krydse og kluge sig 
kg,sse(s) og klappe{s), hverken käl aller kas, kül <>g krudt; 

luk og lg de, ledig og los, ligge og lunire, ligge og Iure, ligg-- 
og loje, medlist og lempe, liv og legeme 8 , lo og lade, loddet og Imnkei 
löge og ly tte , lo m m e r og l ap I <r. d d i k er . lop p e eller lukke, lo p pe >■ og I u ■■< ... 
lu og loring, lud og läge, lys lue, Ihever og lung'e(r), hverken legn 
eller latin, l ä s og l ukke 9 ; 

magt og mod, mark og mose 1 ", med 'Her müde, mel og malt 11 , hver- 
ken inester eller mage, hverken mi ss e eller m jure , mos og morads, mulm og 
vi o r k e , h eerken in u nde eller m w l e . m u t og m o s k , m I og m e d , m u I og in- w l e . 

jeg vil hellere se hans nakke end haus no.se. u ap og nid.sk. nap og 
ni>d, nap og neje, hverken nerve, r elf er nykker, nose og nevte; 

pampre og pejtre, p and er og pot.ter. Per og Povl, petter og 
pastinakker, pjat og pral, prate og prale, pung og pehge (käste ruf. 

1) Altn. gamall ok grdr, Fms. VI, !C> \ 

2) Altn. glefii ok gaman, R&mund. s. 20" u. <>. 

3) Altn. hofud ok hals, Ivens s. c. 9, 23; hdls ok hofud, Hrölft s. G 
51 - a . ;JI . 

4) Altn. Ueill ok haldinn, Clär. s. c. 7. 9; Hrölfe s. Gautr. 33 *, 35*° u. ö. 

5) Altn. hestr eöa hu mir, Grett. a. c. 33, 13. 

(i) Altn. huukur ok hundur Fras. VI, 111'-"-'; Heimskr. II. 164 u a. ö. 

7) Altn. k/)r ok kdlfar, Heiinskr. 1. 328 3 . 

8) Altn. lif ne lekami, Reununl. s. 48 3 . 

9) Vgl. altn. Idsar ok lok, Föstbr. s. 45". 

IG) Vgl. altn. markir ok vn'/rur. Heiinskr. 1, 61 6 . 

11) Altn. mjol ok malt, HeimRkr. IN. 171'*: malt ok mjpl, Egila - v K 
19. 12. Hoimskr. IT. 238 ,r) u. ö. • 



.ttw'. i.KIMM; 

ja, og jk), pu-nkt og prik, pur og p&r, pas-n og pegen, p tri 8 er og pand-e- 
f; ag c r : 

ramme ran er 1 , rig og reven, roer og riedder; 

saks og säid, sali eller sukker, sand og sikker , sans o<j sam- 
Itng, sanse eller satnle, segl og sjab, selvklog og sideslov, sjcel og 
.« andhed, sj ee l og salighed, sl ! d og sUeb, slide og slosbe , snak og 
«lad de r , s n ibb e og s n w r e , $ « It og s o lt. 8 u s e og 8 y nge, svir og sva> rm, 
s er de euer sanse ; 

sie am eller skade-, skatte. og skylde*, skidt og 8 kam, skidt eller 
*ftarn, skovl som skaj't, skulp og skidt. skum eller .skade. skure og 
4 krabc, s k u r v et og s k a b et ; 

spe og spot, spigte og spare, spcente og spare, spinke og spare, 
sprtett e og sp a r k e ; 

sto r re og stive. s t r a in og s tiv, stride og st rieb e , studs og 
*(.ic, stumper og stager, s lump er og stykker, stykker og streger, 
städ og streger, sto de og {eller) stä; 

takkel og to v . t i e og t g s * e, top eller tavl, t <> p og to.t y k k e n og 
■ a ge, tys k og täbeli g ; 

v a k k e r og v (Bio er . r e og r et r k . v ej r og vand, v ej r og r i n d , v ild 
eller i; e n s k a. />, vi n d- og vand*, v in de og rare , vr i il e eller r <■ n d < , /• /■ *' d e 
og vreenge, vwsen og veerken. 

Minder häufig sind endreimende form ein: abe og gäbe, rdbe og skrabe, 
</« rabe og en shrabe; saß eller kraft; 8 mag og behag ; snak eller tak, snak <>ij 
lobdk: alke og valkc; lam eller staun; land og Strand, t/'l lands og tu vands ; 
Handel og vandel; handle og rändle, nappes og snappes, knap og nap; barer og 
marir. fjas og stads; last og brast; mere af navn end afgavn: 

led og kjed; 

svifte og vifte; fltkke og drikke ; vrimls og krimlc; flin eller grin, Jiinne og 
t rinne ; ringlen og kringren, ringle og skringle, ringle og dingle : firke og pirke ; 

hverken ko eller so; proge og knogc : vom og lom; ommere og gommere . 
morke og knorke: mo.ssel og prossel; 

sule og mute; hulter til bulter; stnumre og gumre; i band og grund; Stent 
og dunt; sus og aus, suse og bruse; 

ly eller ty ; sylre og pylre; Igven eller tyven; 

wdelse eller vieddse ; la'kker og svuekker ; skjielde og xmiclde, bjeelder og 
skjoslder; med luerk og knosrk; leerer og hheeer, for hjo?ver og kneever. hjasver og 
kjwver; kjeevles og djeevles, cevl og treevl, aide og kjwvU ; 

ode eller föde, sddelig og blodelig ; en uol og en drei; hm eller hon ; hjermen 
og sl mmen : i hast euer frosl : vre de og bovlc : suovt, og fluni ; 

hverken nä eller forslä ; med läp og tdp ; fräs og bräs, fräse og bräse. 



1) Die forinel begegnet mehrfach in den altdän. Volksliedern: DgF II, 40 a 
(6tr. 10). III. 98 a (str. 20). IV, H26a (str. 3. 4). 

2) Altn. skomm oh skaöi, Fostbr. 8.15". Hrölfs s. Gautr. 50*. Reniund. 
*. 191 8 . 

3) Vgl. altn. skattar ok skyldir, Jätvarö. s. 40-°. Heimskr. II. 213 "-' 
III, 108 '. 446 19 u.ö.; skuld ok skattr, Heimskr. II, 83.20; skyldir ok skattar, 
Heimskr. III, 178 19 . 183 4 u. ö.: skattr ok skyld Heimskr. IL 283 13 . 

• 4) Altn. rata r,e vindr, Brot. s. CAnn. '1848) 188 l . 



ÜBER FEHiBERG, ORDBOG OVBR DE JYSKE \ i.MU I SSHAX ifl)7 

Die ablautenden formein (det er hip som hap usw.) habe ich leider zu 
•«amineln versäumt; auch sie sind in ziemlicher menge vorhanden. Statt dessen 
sei noch einiges herausgegriffen, was den grammatiker und phonetiker interessieren 
dürfte. 

Aus dem stosston hat sich im nördlichen Jätland (Vensyssel) häufig ein 
palataler oder gutturaler konsonant entwickelt, und zwar a) nach vokal, auslaut in 
einsilbigen Wörtern und mehrsilbigen oxytonis: ic i, fr/f tri, Uc le, lyc \y, 
nye < ny, ric ri, syc sy ; fäbie forbi, mejerie ^mejeri, partie parti, par- 
tuc < partu (partout); b) vor ,v, besonders in einsilbigen Wörtern: fies <-fis, lues 
las, huks < hus, ics is, yrics < gris, brucs - brus, pries prM, tycs lys; fiese 
Hse, nyese nysc, tuksi ■- tusende, avt'cser < aviser; c) auslautendes d verschmilzt, 
mit dem stosston in einsilbigen Wörtern zu k, inlautendes in mehrsilbigen zu c . 
luk < lud, kluh klud, uk ud; nycer nyder, Heer rider. Andere Übergänge 
«ind seltener: papic.tr papirer, Heer« ler, sac ■•■sagt, skme skind. Das aus- 
lautende t in (Ist ( - ars, in dem vorher das r ausgestossen war wie in basrl 
barsei, bask barsk, hask harsk usw.) erklärt sich wohl auf andere weise. 

Nicht dem jütischen eigentümlich (weil aus allen german. sprachen bekannt), 
iber in jenem besonders häufig, ist die abstossnng anbetonter anfangssilben in 
fremdwörtern, von der am stärksten die eigennameu betroffen sind : Dres Andreas, 
hone Apollonia, Ronimus ---- Hieronymus, Güte < Brigitte, Lias < Elias, Ku- 
hns Jakobus, Mias < Jeremias, Sauder < Alexander, Tonnes < Antonius; vgL 
ferner nex < aunex, sise < akzise, vanjelm < evangelium, kove alkove, bassedor 
nrnbassadeur, foged < advocatus, myste almutia, sjans-rod ■< genzian, stussikum 
nasturtium, sine < rosine, lerken (in: lerken-slikker) < tallerkeu, partemang ajxirte- 
ment, bavse forbavse (mnd. vorbaseh) usw. Umgekehrt sind häufig in den voka- 
üschen anlaut eines wortes auslautende konsonanten des vorhergehenden angetreten, 
was ebenfalls auch anderwärts beobachtet ist ' : am näen, am najdn, dn nun = eh 
unden; dam najen, dam non = den anden; mi nijen, rni nejm ■ min igen, si 

sin egen (dann auch sogar hans nijen!); am nceh m (erlig. 

Nachträge und berichtigungen wird ein fleissiger benutzer auch dem besten 
wörterbuche hinzuzufügen haben. So stösst man bei F. auf eine nicht unbeträcht- 
liche zahl von dialektwörtern, die nicht in besonderen artikeln behandelt sind, aber 
gelegentlich unter anderen Stichwörtern erwähnt werden; ich stelle sie in alpha- 
betischer anordnung zusammen und füge das Stichwort (in klammern eingeschlossen) 
hinzu (Wörter, deren Ursprung oder bedeutung mir unklar ist. sind mit einem frage- 
hieben versehen): 

ager-bakke (tarm : III, 775 b, 84). aksel-tag (livtag). amme-legn (l0gn: II. 
512 b, a), apoteker-pladder (doktorskrift) ; 

bagerlig (körn: II, 271a, 1), barket sejl (käg), bed (1. grad); bege-sijtert 
i'skomager: III, 291b, 46), bi-klovc (linklov), birres (sterris); blink- je (aborre); 
bolle-suppe (skid: III, 246 a, 19), bord-fjerding (mandgilde), brand-dam (hyrdekjajr), 
hred-hovedet (hojhovedet», brude-salm (nyärsny : II, 710 a, 87), br&mse-byld (varbyld), 
bwk-hest (tigger: III, 794 b, 29), bwls-klod (gumpekasse), bolrdl? (onden : II, 747 b, 15) ; 

1) Hun. Sdsgerdr st. Asgerör, Sazurr st. Azurr (das anlaut. 8 stammt, aus 
dem genet. des vorausgegangenen vaternamens) : Wimmer, De danske runemindes- 
mairker IV, LX ff.); Noen st. Odm (aus der Verbindung han Oden: Riete 470 a); 
altu. vili pit, rili Jx'r vilid it. vffid r'r ; franz. nombril (lat. ombilicxs (un) om- 
bril o. a. m. 



308 i;Ki;im; 

döven-dahk, name des 'grande-pind' (vide-kjsep) ; drajd (trag), dysU-tromnn 
(8. troiuiue: III, 857 a, 32); 

trf, dial. wrf, alth. e»"d, sckwed. er/, h. 'landeuge' (sid: III, 191b, 39); edder- 
hale (Marts: 562 b, 40), efter-kneebher (hnnstork), ende,*tue-gulv (skovdvaerg), Evkti 
(hedde: I, 575 b, 45); 

ßaske-kjote (kjolc : II, 142 b. 13), ßod-holt (skofe), ßue-byld (vigaj), ßue-lort 
(oudeu: II, 747 b, 7), ßode-ralle (1. ralle); for-tofte (pigtillie), for-tyv (vending, 6); 
fust-shudinrr (skudtorv), färe-ßnker (hakkemos), färe-orm (Vorherreß hund), 
färe-tarm (pelse : II, 907 a, 6) ; 

galias (Mads: I, 527 b, 44), garn-fed (skjajvr: IU, 282 a, 1: sol: LH, 456 b, 
">4). gjmhhe-ben 'gans' (nre-ogtyveben), £?*& (hvornar), gorge-meje 'gul farve 1 (skruia- 
mel-i-skrusse), grces-malle (melle: II, 648 a, 21); 

hälv-ager (2. skär: III, 354 a, 33), fcm&e (2. ugle), haukirt (1\ rk< l have-*ig 
(5. liave, 2), haver-shronni (1. trest), hav-gäen (2. have), hav-krw fkr«, 2), TmtTe- 
«äoä (1. nod: II, 719 a, 28), hejse-blok (tallie, 1), Hermalene (fireogtyveben), fa*»w&- 
tt# (tig), hus-stok (langfredag: II, 379 b, 34) he-hof (gärd: I, 526 b. 9), hnse-lori 
(Ole: II, 738 b, 53); 

ü-sindet (hastigsindet), is-kjeer (peuge: II, 802 a. 42): 
j'a-öZ (grav-ol; ei), jeern-hai (Dorthea), jcevn-lces (las: II. 501 b, 13); 
kakelovns-tud (1. lue: II, 455a, 18), kalve-tid (lidkjeb: Tl. 408a, 52), katee- 
u-iuj (1. vsekke), kns-ke (hund: I, 679 a, 19; mand: II, 543b, 35). kjeebe-mand (rajr: 
III, 112 b, 40), kjtellinge-dans (nappelort), Mitigrepind (1. stryge: III, 610b, 18). 
kl(ede{s)-bly (1. st0be: III, 636 a, 38; *bl.y: IV, 50 b, 1), *kodner-gyde hl: TV, 89 a. 
23), komfutti-fodder (hosesok, 1), kors-tree (rytter, 2), kove-sen>/ (sengeomhä;ng), 
krown? (*buse), kryds-0xe (kors: II, 276a, 42), kryk-ryg (aborre), kulde-dag (ür- 
bauus), kolle-hul (troldkj Alling). 

laj-dagev? (taugekuiv), led-sUd (skau-sildsled). le-stryge (ribben), lave-gds 
(Mortensaften), lykke-pind (rön: III, 124b, 44), h/s-plade (1. Stade, 2), lceder-9rer 
(Lukas), labe-gung (minkeu -kappe), hule-tid (svingblod); 

majindc (kraus : II, 289 b, 39), mus-ovn (*basilisk: IV, 29 a, 29), mellem-stund 
(sluure), mose-tue (1. lue: II, 455a. 16); 

ni-'wrt (lykke: II, 475 a, 24), nob (pinke. 1), norkeP (släbajr); 
op-kryste (pysling), oyer-brat (1. tselle), over-bukke (skyde V : III, 346 a, 30), 
■m-fesen ' verfault V (2. se: in, 172 a, 8); 

pertn (jseld, 3), per.se-äl (*folkemarked), pil-fingrei (bandet. 2), Fjenotus? 
(5. lige, 2). plejlrvol (overskrald), plov-jord (kja^restevej), plov-muld (ebda.), platt < 
(pludsvis), pruste, (ildgnist), preeke-nirris ? (onden: IL 747 b, 8), pylle-vand (ptöj: 
II. 891a, 38); 

robbe (gJH-vke), ruber (1. knabe), rad-gäs (knarkevogn), rap-grees (Lokes 
gra^s), regn-fug (ligesom), rigel (ba^gl), rum-skodsP (2. slor), rund-käl (kal: IT. 
355b, 41), rasve-blcendt (redt bar: m, 120a, 24), md-kopped (skrsedder: ITT. 326a, 
51). mrslik (sidstepik) ; 

sid-bnget (gryde: I, 495 a, 2), silde-suppe (5: III, 138 a, 40), süke-top (hvide 
tir'sdag), siv-vuge. (larupeja>rn, lampeskar), skagning (hergrav, borsviuger), skak-ash 
tabuname des fuchses (raev: III, 112 b, 42), skover-gryde (hand: I, 764 a, 8), skrä- 
stang (skrärende), skrästivtr (snedband), sknk-r isknedderskrinkelben), skeeggevand 
(1. vrad), slat-as, tabuname des fuchses (rgev: III, 112b, 43), slodder-gab? (*gab), 



ÜBKR KKILBERG, ORDBOG <»VER DE JYSKE Ä.LMUBSMAL 30H 

slubber-kuntet (slubbermundet), smal-rage, tabunanie des fuchses (ra'.v: III, 112 b, 
43), smag (kvind), smvjcr (2. slunte), smor-barc (smer: III, 412 b, 29), smä-hamle 
(krßllering), sommer-kalv (skide: III, 247 b, 31), spced-kalv (5. lykke: TL 474 b, 22) 
siadig vcek 'beständig' (ligge: II, 417b, 35; feblt sowohl unter stadig wie unter 
ivek), stak-halet (i. Kosten: II, 299 b, 33), stambet? (2. stamme, 6), stemm e-sh. ( .s. 
(hvaelvbro), stil-dßv (vildov), strid-uldet (steguldet), stub-rive (2. slod; *Gal-Porthe>. 
stue-kulde (vferst), stunt-käl (käl: II, 355 b, 41), stylter-vom (stylteret), svak-ast, 
tabuname des hundes (fireogtyveben), sve-gaj, tabuname des fuchses (raev: III. 112 b. 
44), sverp-syl, dass. (fireogtyveben), svidrik (tselgekniv), svine-kreever, fuchs (rajv : 
III, 112b, 46), svirle-hale, dass. (rajv: III, 112b, 45), svirpe-syl, dass. (rsev: HI, 
112b, 46), svogejst, dass. (rsev: III, 112b, 47), sylt-eng (2. made), si/n-hverving 
(lees: II, 501b, 25; von F. nach altn. sjonhverfing selbst gebildet?), synke-sand 
(knrr), scede-vin (modervin); 

tang-näl (vejrprofet), til-sten (baessing), tolv-bul, (1. harve: I, 560 a, 32). 
torske-mave (polse: II, 907 a, 2), trar-lws (laes: II, 501b, 13), treek-rende (ildsten). 
tvwr-botte (skräbaelg), trecr-folk? (tv?ers), tonde-mal (3. slä: HI, 393 a, 38), terve- 
dynd (2. aelte) ; 

udhugget leerred (ligiserred), ugle-hol (hol), u-godsligt (nymäne), uld-swk (list) : 

var-barste (knurhär; mirringehär), var-tra? (rytter, 2), vej-brink (knave), 
itjrtiwlle-hund (pibäben). reste-ryg (skrannehög), vinter-molle (1. melle; II, 648a, 22). 
raKc-andrik (povsedrage — auch väser, worauf verwiesen wird, fehlt); 

reres-stand (talglys), fasset? (tandpine: III, 772b, 39); 

irr, d. i. nhd. oder (hund: 1, 674 a. 231. 

Zu einzelnen artikeln fand ich folgendes zu bemerken: ßd. I. binde-ar- 
bejde] der artikel ist wohl zu streichen, vgl. bonde-arbejde ; banse] dazu gehört 
mihi md. biene in dem ausdruck biene machen 'ein leckes hobegefäss durch einfüllen 
von wasser dicht machen' ; 2. börste] es fehlt die bedeutung 'futuere' (II, 542 a, 16): 
drage-hom) über diese pflanze findet sich nichts unter 4. drage 6) : die Verweisung 
ixehürt wohl zu drage-pige : dr ollen] in dem fluche: drallen splide mig ist dr. 
fanden, s. Falk-Torp, Etym. \vb. s. v. drolen; du e- sorg] die angäbe der bedeutung 
fehlt, s. kjeereste-sorg; ege-bjorn] wie sonst wäre die zool. bezeichnung (lucanus 
cervus) anzugeben gewesen; ekse] das wort ist ohne zweifei Verkürzung von 
eksercerc; eist] über gotl. elvist s. jetzt, Pipping, Gutalag och Gutasaga (fussnöti 
zu 62 3 ); Erik] es fehlt der tabuname des fuchses Jerrig Styld, 3. rcev (III, 1121», 
39); fedte-fad] zu dem ausdrucke komme i. f. vgl. die deutsche redensart 'in* 
fettnäpfchen treten'; fiol] zu der geige, die alles zürn tanzen zwingt, vgl. Oberons 
liorn und die reichen nachweisungen bei Bolte-Polivka II, 495 fg. ; fitorre] das 
wort ist wohl entstellt aus mnd. vortornen; t'itte| zu kor, für. svin, heste fügt-- 
hinzu myg (vgl. hjul-bäre)) fjende] zu dem rate: gä aldrig forbi diu ven usu 
vermisst man den hinweis auf Hövoniöl str. 34; flagger-mus] die rätselfrage, 
welcher vogel seine jungen säuge, findet sich bereits im Traugemundslied 3. 4 
(MSD nr. XLVIH); flyve-ren] vgl. Frazer, The golden bougb. -'. TU, 148 anm. 2: 
fortelom] das nomen ('overlialing. lussing, kolbotte') ist gewiss trotz des auf di. 
letzte silbe gelegten akzents — nichts anderes als der itnperath foHcel otn ; tri| zu 
dem ordstäf: 'jeg ved mig fri' sag de han dretigen: de spurgtr Kam <>m, hvem da 
havde skabt verdenen vgl. Th. Körners Nachtwächter z. 74 fg. ; fryd] ist auch adj.. 
K; die Verbindung fryd ag fro (II, 815b, 5); fugl] zu dem Sprichwort flyvendt 
f'ial fär noget, siddende fugl fär intet (s. auch I, 674 b, 28) Vgl. BövamOl 58, : ; 
ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XrA'III. 21 



310 GERING 

zur dem märchenmotiv von den vögeln, die das gesäte körn in die tonne sammeln, 
s. jetzt Bolte-Polivka II, 20; fuld 'betrunken'] zu den Zusammensetzungen fügt' 
hinzu: smceni-fald (III, 411b, 26); Fynbo] die geschichte von St. Peter und dem. 
Pferdeapfel (vgl. auch jyllwnder) wird in Deutschland ähnlich von der erschaffnng 
des ersten Westfalen erzählt, s. auch Grimm, Myth. 4 I, 474; gjaek] es fehlt die 
bedeutung l rigle pä en las', s. 1. rigle; gren] es fehlt die allit. formel galge og 
gren (I, 416b, 32), wo gren wohl = gabestok; ganding] zu den Verweisungen 
füge hinzu Molbech, Dial. lex. 155, Kaikar II, 9; give] zu dem ausdruck give kjceb 
(I, 436 b, 45) vgl. nhd. hals geben (vom jagdhuude); zu give keerne (dat.) vgl. HI, 
58 a, 10. 471a, 18 und altn. gefa svinum (Eddawörterb. sp. 328 1 -); gjaest] 
unter den Zusammensetzungen fehlt smede-gjcest, das ohne bedeutungsangabe in, 
403 b, 38 verzeichnet ist und auch dem 'rigsmäl' angehören soll, jedoch in den mir 
zugänglichen Wörterbüchern sich nicht findet; gris] es fehlt die bedeutung 'lort'. 
(II, 146 b, 20); gä va>,k (525a, 49)] es fehlt die bedeutung 'umkommen (durch er- 
trinken)', häufig in der spräche der Skagenfischer (Mylius-Erichsen, Fra klit og hav, 
Kbh. 1912, s. 248 20 u. ö.), vgl. blioe vcek III, 200 a, 9 (fehlt unter blive); gas] 
'gasen er en därlig fugV usw. (528 a, 21 ; vgl. IV, 195 b, 46) : witziger ist die 
Variante in Fritz Reuters Festungstid, kap. 11 (C.F.Müllers ausg. X, 96); hane] 
bei dem zauber mit dem in den tisch gebohrten hahn, durch den man den nachbarn 
ihren branntwein abzapft, fällt dem deutschen leser natürlich die Faustszene in 
Auerbachs keller ein; hav] zu dem glauben, dass geburten nur bei steigender flut 
eintreten können (wie der tod nur beim einsetzen der ebbe) vgl. Frazer, The golden 
bough 2 , I, 45 fg.; havfrue] zu der geschichte von den Seeleuten, die sich die 
obren verstopfen, um nicht zu den singenden meerfrauen über bord zu springen, 
vermisst man den hinweis auf Odysseus und die Sirenen (Od. 12, 39 ff.); havre- 
harve] zu dem rätsei: ( en havrreharve gär längs op ad en Iwdergade, sär sukker 
og höster peber' konnte auf das bekannte Sprichwort: 'efter den sede kloe kommer 
den sure svie' (vgl. III, 672b, 31) verwiesen sein; herrebrud] zu diesem rätsel- 
haften worte vgl. Alfraeöi islenzk I, Kbh. 1903, s. XXIX note; hund] zu der frage 
: hvorfor hundene snuser til hverandre?' (678 a, 30) s. jetzt die reichhaltigen nach- 
weise bei Bolte-Polivka nr. 223 (3, 543 ff.), wo Hoffmanns von Fallersleben satirisches 
gedieht: Hunde und katzen (zuerst in den 'Unpolit. liedern' gedruckt, jetzt in der 
'ausg. der Gold, klassikerbibl. 2, 16) nachzutragen wäre; hyssel] das wort 
«tammt schwerlich aus dem niederdeutschen, dem dies diminutiv-suffix fremd ist ; 
1. haete] das wort ist wohl identisch mit 3. hwfte, die form ohne den labial nur- 
eine dialekt. abweichung; Bd. II. ikke] unter den verschiedenen formen dieser 
negation fehlt das westschlesw. itek (III, 311b, 52); jord] zu der teilung zwischen 
dem kobold und dem bauer (II, 45 b, 43) vgl. die arabische erzählung von den 
Arabern und dem teufel (Rückert, Poet. Schriften IV, 110) ferner Germ. 26, 123; 
Svenska landsm. 2, CVI und Feilb. IH, 87 b, 38. 823 a, 5. 1153 a, 51 (weitere nach- 
weisungen jetzt bei Bolte-Polivka 3, 355 ff.); jord-fast] belege für die vornähme 
feierlicher oder zauberischer handlungen (eide, beschwörungen usw.) auf gewachsenem 
fels oder hartem holz gab ich in meiner schrift Über Weissagung und zauber (Kiel 
1902) s. 24; vgl. ferner Haröar saga Grimk. c. 14 (Isl. sögur II 2 , 42); FMS 3, 
185 - 4 ; Sahlgren, Förbjudna namn (Namn och bygd, bd. VI) s. 8; Svenska landsm. 
8. 3 nr. 857. 875. 1370. 1401. 1434; Feilberg I, 749 a, 14. m, 454 b, 19. 555 a, 8. 
IV, 248 a, 16; Jyde] es konnte erwähnt werden, dass schon Saxo (ed. Holder 301 sw ) 
die Juti eine 'gens insolens' nennt; zudem rätsei: hvetn er det, der hverken kommet- 



ÜBER FEILBEKG, ORDBOi; OYER DE JYSKB ALMUESMAF. 311 

hurende eller gäende usw. vgl. Fritz Reuters läuschen 'Wo büst du 'rinne kamen ? 
(G. F. Müllers ausg. IV, 52); 1. kam] unter 6) fehlt der kam an der gänsebrust 
is. gäsebryst); Karen] zu den fluchen, in denen der name K. angewendet wird, 
fuge hinzu K. vcelte mig (I, 566 a, 48) - übrigens ist hären doch wohl nur eine 
entstellung von karten; klavs] l när en ikke kan spise viere, siger det klavs for 
kam' enthält, wohl eine scherzhafte anspielung auf lat. clausum; 1. klo] als 5) 
wäre zu nennen gewesen die 'klau' an der gaffel, vgl. klo-fald und Stenzel, See- 
mann, wörterb. s. v. klau; klump, 2] zu dem ordstäf: 'der ligger det skidt', sagde 
kjcellingen om hendes klumper vgl. II, 237 b, 47. 450 a, 29. III, 249 b, 40; nach 
einer in Halle bekannten erzählung äusserte dieselben worte (da läl de scheisse) 
auch ein Hallore, als beim servieren an der kaiserl. hoftafel in Berlin sein kamerad 
die schüssel mit eiern und wurst fallen Hess; knold-s tamper] zu diesem Spott- 
namen für landwirte vgl. das niederl. klüienpedder ; kodner] zu der redensart: 
det ryger som af nogen kodnerskorsten vgl. das niederl. roken as wenn en lütt 
mann backt; kok] 'hallej jeg kommer körende' usw., vgl. Svenska landsm. XI, 2 
nr. 581; kone] zu dem ratschlag, dass man nicht einkehren solle, wo der mann 
alt und die frau jung ist (263 a, 52) vgl. Ruodlieb V, 461 und K. Köhler, Kl. sehr. 

II, 167; kr eile 'perle'] das wort, mnd. krall, stammt aus lat, eorallus; kridt] ist 
auch bezeichnung des mergeis (I, 34üb, 9); kvinde] die geschichte von Hallfreör 
und Kolfinna (FMS II, 247 ff) ist kein beleg für die sitte, gasten die töchter des 
hauses anzubieten, es handelt sich vielmehr um eine (allerdings nicht allzu tragisch 
genommene) Vergewaltigung; 4. lide] das beispiel a lijer ham enc usw. gehört 
«loch wohl zu 2. lide; lig] dass gespenster (wiedergänger) nahruug zu sich nehmen, 
wird belegt durch Jon Arnason I, 276: die übrigen quellen, die F. zitiert, berichten 
aber nichts darüber (auch nicht cap. 51 der Eyrbyggja — die geschichte von der 
f'orgunna — . Daae, Bygdesagn und Tvedten, Sagn fra Telemarken waren mir nicht 
zugänglich) ; lille] zu dem Sprichwort: 'hvem der regner ikke det lille, für aldrig 
det tnef vgl. Ysengr. 1, 153: jure caret magnis qui sumere parva recusat (wer den 
pfennig nicht ehrt, ist des talers nicht wert); liv] die redensart skifte lyv imellem 
(438 b, 19) ist hier zu streichen, da statt lyv zu lesen ist lyd, s. II, 471 b. 47 und 

III, 251 b, 12 fg. ; lue] in dem Sprichwort: hvem der tager tuen efter klangen usw. 
ist luen ohne zweifei durch leen zu ersetzen (II, 815a, 5); lutter 'ohr'] auch in 
der deutschen Jägersprache heissen die obren der hirsche und rehe lauscher; ly kk e] 
zu dem Sprichwort: när det regner lykke usw. vgl. den r}oethischen spruch (Loeper 
3, 84->: 

Dass glück ihm günstig sei. 

was hilft's dem Stoffel? 

denn regnet's brei 

fehlt ihm der löffel. 
(xrimins märchen nr. 176, wo der äffe, dem die von Gott ihm zugedachte lebens- 
dauer zu lang erscheint, klagend äussert: 'wenn's hirsebrei regnet, habe ich keinen 
löffel', sowie das schwed. Sprichwort: när det rägnar välling, sä har den fattigr 
ingen sked (Svenska landsm. XI, 2, 7) ; laes] das Sprichwort: en bitte tue kan vmlti 
et stört loes ist sehr alt, s. Ark. 30, 204' (nr. 483); lobe omkap] zu dem wettlauf 
zwischen dem pastor und dem gespenst — jener läuft über der erde, dieses unter 
ihr — vgl. Shakespeares Hamlet I, 5, wo der geist unter der erde ebenso schnell 
den platz wechselt wie Hamlet und seine gefährten auf der Oberfläche; 3. mage] 
•die beiden beispiele z. 16. 17 gehören wohl zu 4. mage; murstens-hvidj da« 

21* 



,>12 UEK1NC 

wort ist wohl verunstaltet aus marmorstetiS'hvid; mus] die bedeutuDg 3) des wortc- 
ist auch in Schweden allgemein, daher es von damen kaum gebraucht wird (sie 
nennen das tier Hin rfltta); myts-falden] das wort hat mit nhd. mutze schwer- 
lich etwas zu tun, sondern ist wohl korrumpiert aus mod-falden 'verzagt', vgl. auch 
schwed. mod-fälld; mäs] das wort ist doch wohl aus dem niederd. eingedrungen, 
es ist natürlich ursprünglich identisch mit as, ast (durch assimilation < ars) : das 
anlautende m stammt aus dem in der so häufig gebrauchten freundlichen einladung 
vorausgehenden im, wie das n in der niederd. nebenform närs ndl. naars aus der 
Verbindung min (n)ärs, vgl. oben s. 307 ; n i] unter den belegen für die hohe geltunjr 
der 9-zahl vermisst man die neun nachte, die Ööinn am windgerüttelten bäume 
Meng (Hövam(d 139); olmer-dug 'bolster'] ist ursprünglich Ulmer tuch, in Ulm 
verfertigter barchent (Falk-Torp I, 790); onden] scherzhafte antworten auf die 
neugierige kinderfrage, was es zu mittag gebe (II, 747 a, 39 ff.) sind gewiss überall 
verbreitet; aus meiner kindheit kenne ich das mecklenb. hakkt un plükkt un af- 
hraken neihnaddn, junge hunn' un pluvimn: oud-villig] ist natürlich nhd. nn- 
williy (mit volksetymol. anlebnung an ond); op -leben] hat auch andere bedeutuny 
(s. rallik); pikets (gespr. pikce.8)] ist wohl eher nhd. pekesche (aus dem poln.) als 
franz. piquet ; pisse] neben dem französischen Wasserfalle Fisse-Vache lag es 
nahe, auch den bekannten, vom meere aus sichtbaren isländischen Miyandi (an der 
Upsaströnd im Eyjafjöröur) anzuführen, der von Kälund auffallenderweise nicht ge- 
nannt wird, aber auf Björn Gunnlaugssons karte verzeichnet ist; zu der s. 836 b, 19 
erwähnten abergläubischen kur (Stikke näl i vedkommendes uriri) wird auf gemceyt 
verwiesen, wo jedoch nichts entsprechendes sich findet (auch nicht im Supplement— 
bände); pjalt] es nimmt wunder, dass auf den locus classicus für den ausdruck 
s-lä pjalterne summen (Paludan-Müllers Adam Homo 5, 60) nicht verwiesen ward; 
pUß] Zusammenhang mit lat. flayeüum ist höchst zweifelhaft; pre] ist natürlich 
die lat. praepos. prae, vgl. nhd. das prae haben: principal-salve] verderbt 
aus pr&cipital-; 2. pu] 'piuv' sayde den rodskjmyyede, han stak den hvids- 
kjceyyede: man vermisst die erklärung dieses ordstäfs. Bd. III. rabalder 
'lärm'] hat wohl mit ital. ribaldn-ia 1 nichts zu tun, sondern ist 'Streckform' 
aus rdller; ring] zu der mehrfach erwähnten sage von der durch zauber be- 
wirkten Unfruchtbarkeit einer frau, die sich vor dem gebären fürchtet (III, 61b, 
17. 458 a, 17. 475 b, 47. 554 a, 17. 713 a, 9. 729 b, 41. 1001 a, 21. IV, 258 b, 53i 
vgl. die ergreifendste dichterische behandlung des Stoffes in Lenaus 'Anna', der 
eine schwedische Volksüberlieferung benutzte; rivej es fehlt die bedeutung de**- 
part. prt. reven 'zerlumpt' (III, 55a, 11); rulag] man vermisst eine erklärung, 
die auch unter rue, worauf verwiesen wird, sich nicht findet; röd-fed] ohne 
erklärung, soll auch dem 'rigsmäl' angehören, fehlt aber in allen Wörterbüchern: 
ist rätrfjwl (III, 325 a, 32) dasselbe?; rov] von diesem worte sagt F., dass ea 
nicht als unanständig gelte und in der besten gesellschaft gebraucht werden könne. 
was doch wohl nur mit eiuschränkungen behauptet werden kann. Dass man sich 
scheut, es vor damen auszusprechen, schliesse ich aus einem schülerwitze, den dei 
liebenswürdige Sophus Bauditz-, der nun leider auch schon £ pä den anden 

1) Ital. ribaldo (mlat. ribaldus) ist allerdings schon früh (durch die ver- 
mittelung des niederdeutschen?) von den nord. sprachen (auch dem isländ.) entlehnt 
und im ülteren dänisch auch in der form rabalde bezeugt (Kaikar III, 592 a). 

2) Uns Deutschen besonders auch deswegen sympathisch, weil ihm das schein- 
heilige auglonormannische krämervolk gründlich verhasst war: s. Kren, fra garn. 
k. 285, wo der rittmeister Bavnhjelm sicherlich des Verfassers meinung ausspricht. 



ÜBKK PEILBERG, OROBOG OVER DK JY8KE AI, MI fcl.SMAJ. 313 

side tykniugen" sich befindet, in Krtmiker fra garnisonsbyen (4. udg. s. 64) verwertet 
bat. Der schuljunge Hans Peter fragt seine erwachsene base: 'ved du, hvad 'jeg 
rejser' hedder pä graesk, Lise?', worauf sie antwortet: 'Nej, men siden du ved 
■Jet, er der forroodenlig noget nartigt ved det'. Das griechische wort ist natür- 
lich rtopeuop.at, in dem die gelehrte Schuljugend von Randers die dänischen worte 
pä reo af mig zu hören meinte; 2. sat] hier sind zwei Wörter von ganz ver- 
schiedenem Ursprünge zusammengeworfen, nämlich das lehnwort sat (= nhd. satt) 
nmd das part. prt. von scette im sinne des nhd. geseiet; sjselj zu dem brauche, ein 
fenster zu öffnen, damit die seele des sterbenden einen ausgang finde (s. anch ID. 
1064 a, 23) vgl. Henr. Wergelands stimmungsvolles gedieht 'TU min gyldenlak'. 
sowie Svenska landsm. VIII, 3 nr. 1408 und Grimm, Myth. 4 n, 701; skarn- 
l'iisse] zu der meinung, dass es verdienstlich sei, einem auf dem rücken liegenden 
raistkäfer wieder auf die beine zu helfen, s. Grimm, Myth. * II, 577 und Svenska 
landsm. VIII, 3 nr. 103; skarve] es fehlt die Verweisung auf das identische skarre 
des 'rigsmäl'; 1. skjert] in dem Sprichwort: skowt ä hämpeblor <e her 9» de bor 
lor 3 ist skewt nicht = skj&rt, sondern = skjorte, wie auch I, 548 a, 53 richtig an- 
gegeben; 1. skride] in dem ausdrucke skride is braucht is keine 'alte dativform' 
zu sein: im altn. haben verba der bewegung häufig einen objektsakkus. bei sich 
(Nygärd, Norron syntax § 95. 96); skaret] skär 8), worauf verwiesen wird, fehlt; 
.slabantcr) wohl 'Streckform' von slanter; 1. slippe 'smal gade mellem to hus- 
raekker] vgl. md. schlippe in derselben bedeutung; smaere] das isl. srawrur ist 
natürlich plur. des fem. snnera, das neben smdri als bezeichnung des trifolium 
repens vorkommt (Jon Porkelsson, Suppl. 3. saml., bd. II, 1015 a); snede] diesem 
verbum entspricht nicht altn. sntöa, sondern sneiöa: sned-lobe] es fehlt die be- 
deutung des Wortes, das auch dem 'rigsmäl' angehören soll, in den Wörterbüchern aber 
-ich nicht findet; snade] es fehlt die bedeutung 'spitze an der pflugschar', 8. plov- 
skjeer; s o] das wort ist als Spottname für menschen schon im altn. bezeugt (Sigurör 
V/r); sol] zu der Scherzfrage: l hvor snart kan jeg fare nerden rundt? vgl. Bürgers 
Kaiser und abt' (eine andere parallele zu dieser ballade s. v. tarnke, in, 925 a, 14). 
s. jetzt auch Bolte-Polivka 3, 214 ff. ; 2. spand] die lösung des rätseis: hvad er 
ikke videre end en spand? fehlt; springe] es fehlt die bedeutung: 'have krampe 
i armene' (II, 388 a, 34) ; s p & g e 1 s e] den Volksglauben, dass gespenster einen räum 
nur auf demselben wege verlassen dürfen, zu dem sie hineingekommen sind, belegt 
F. (520 a, 16) aus den Sammlungen von Eva Wigström (vgl. auch III, 575 a, 47, 
wo für den gebannten dieb dasselbe gilt). Goethe hat also in der besckwörungs- 
s/.eut; des Faust (z. 1410) das 'gesetz der teufe! und gespenster', zu dem die com- 
mentatoren nichts zu sagen wissen, kaum 'erfunden', wie G. Witkowski meinte. 
Auch die mare kann nach smäländischen sagen nur auf dem wege hinaus, zu dem 
sie hineingekommen ist. -. C.W. v. Sydow in: Festskrift til H. F. Feilberg (1911) 
s. 595. 598; 2. stejl] es fehlt absatz 2; 4. stejle] es fehlt die bedeutung 'horn- 
zapfen', wofür die Volkssprache gewöhnlich die Wörter slud (s. sind, 3) oder struh 
verwendet; sten] zu der erhitzung von flüssigkeiten durch hineingelegte glühende 
-reine (551a. 14) vgl. Ljösvetninga saga c. 21 S7 (Isl. fornsögur I, 19S) : stork] 
dass der vogel keine zunge habe (591 a, 45), behauptet schon das alte Traugemunds- 
lied (MSD nr. XLVIIl) 3. 4; svale] zu dem schwalbenliede (661a, 38 fg.) vgl. 
Kückerts schönes gedieht 'Aus der Jugendzeit' (Poet, werke 5, 29), in »lein gewiss 
alte Volkslieder benutzt sind; svin] die volkstümliche meinung, dass alle teile im 
innern des Schweines den entsprechenden teilen des menschlichen körpers ähnlich 



814 GERING ÜBER FEILBERG, URDBOG 

sind (675 a, 30) kennt auch Fr. Eeuter (Festungstid c. 5; Müllers ausg. X. 44 1. 
«aette] hinter scette an ist einzufügen: scette bort (II, 426a, 29), vgl. auch skede- 
vand; tappe -hui] das motiv von dem finger im Spundloch ist von Fr. Eeuter. 
Stromtid c. 43 (Müllers ausg. XIV, 202 fg.) eigenartig umgestaltet worden; tevle] 
dieser artikel ist nur ein duplikat von ttble: eins von heiden ist zu streichen: 
t.jfere] das Volksmittel gegen die gelbsucht, morgens nüchtern sich in teer zu 
spiegeln (Myth. * II, 981) ist ohne zweifei in einem weiten umkreis bekannt ge- 
wesen, s. Fr. Eeuter, Festungstid c. 16 (Müllers ausg. X, 134) und Svenska landsm. 
VIII, 3 nr. 1376; tobak] zu dem ordstäf: '■det er stcerk tobak' sagde fanden, da 
manden skod sin bosse af i gäbet pä harn s. Fr. Eeuters läuschen 'De Jagdgeschichten' 
(Müllers ausg. V, 26); tre] drei ausgestreckte finger bezeichnen die heilige drei- 
einigkeit: vgl. Isl. »ventyri nr. LXXXIII (I, 242. II, 176); trefilte] das wort ist 
nach dem zitat III, 744 a, 26 (aus dem die genaue bedeutung nicht zu ersehen 
ist) verbum (und zwar vermutlich einer Verunstaltung von travallere), nicht subst. 
(überhaupt ist sehr oft wo. statt no. zu lesen, und umgekehrt); tude] l sä langt 
när persons tnagt, som tuden af hörn häres' : vgl. Uhlands ballade 'Das Singental': 
tugte] das apologische Sprichwort: \jeg tugter min kone med guds ord, sagd< 
manden: han drev bibelen i hovedet pä kjosllingen' ist auch deutsch nachgewiesen, 
s. Bolte-Polivka 3, 278 (vgl. auch 1, 33}; tung] zu der sage, dass der sarg (einer 
übelberüchtigten person) so schwer wird, dass die vorgespannten Zugtiere ihn nicht 
fortbewegen können (s. auch 1078a, 8 fg.) vgl. Eyrb. c. 34, 13; Tysker] das- 
ordstäf l Hvad gjar Tyskeren ikke for penge?' usw. findet sich bereits in Wessels 
Stella, einer nicht besonders geistreichen satire auf das gleichnamige Goethische 
Schauspiel (Samlede digte, Kbh. 1901, s. 76); velle] ist lehnwort (nhd. welle) und 
hat mit engl, ivheel nichts zu tun; vild-gäs] zu z. 51 vermisst man den hinweis 
auf die Ibykossage; aennede] ist doch wohl nur verderbt aus endelig (oder aus 
enddaP); Bd. IV. baldter (s. XXXII b)] das adj. wird nur belegt in der Ver- 
bindung en b. fugl, aber die bedeutung nicht angegeben; agern] zu dem mit 
eicbeln besäten felde vgl. die sage von den mönchen von Dünwald, poetisch be- 
handelt in Karl Simrocks ballade: Die eichensaat (vgl. jetzt Bolte-Polivka 3,364): 
bage] frauen beim backen zornig und streitsüchtig, anders nach dem mecklen- 
burgisch eu volksreim: 

wenn's waschen un stiwen, 
denn willen se kiwen; 
wenn's kaken un backen, 
denn willen se snacken ; 
halbere] zu der drohung des königs, den barbier zu töten, falls er ihn schneide, 
vgl. Chamissos gedieht 'Der rechte barbier' (Werke, Berl. 1836, III, 197); bro] zu 
dem dän. volksliede : 'bro hrag, brist ej under mig' usw. (Bolte-Polivka 3. 446). vgl. 
Uhlands 'Heimkehr': 

o brich nicht, steg! du zitterst sehr; 

o stürz' nicht, fels! du dräuest schwer, 

weit, geh nicht unter, himmel, fall nicht ein, 

eh' ich mag hei der liebsten sein ! 
brndj der aberglaube, dass von den ehegatten dem die herrschaft im hause zu- 
fällt, der bei der trauung dem andern auf den fuss tritt, wird schon bezeugt durch 
Me : er Helrabrecht z. 1534: böve] die bedeutung ist nicht angegeben: der ausdruck 
jage, en b. i en bedeutet aber doch wohl 'jemand einen schreck einjagen'?: firkel 



ELLINGER ÜBER FRITZ, DAS VOLKSBUCH VOM DOKTOR FAUST 815 

'person soin ej duer til noget', dazu der ausdruck 'et ferkeis til kone']: das wort 
ist doch wohl nichts anderes als das nhd. ferkel; h a 1 e] zu der schaurigen geschieht!, 
von den beiden wölfen, die sich gegenseitig auffrassen bis auf die schwänze, ver- 
weist F. auf Winkel Hörn, Livet pä Island III, 92 (= Bandamauna saga, Kbh. 1850, 
35 ,4 ). Die stelle ist auch von Finnur Jönssou (Ark. 30, 80) als sprichwörtlich 
zitiert mit hinweis auf 'eine fabel', die mir unbekannt ist; vgl. aber das deutsche 
Studentenlied 'Zwei löwen' (Lahrer Kommersbuch, 63. aufl. nr. 803, s. 715); hund] 
zu der geschichte von der weinenden hündin wäre auch zu verweisen auf üiszipl. 
cleric. (Isl. aevent. nr. LXVII); Jyde] man vermisst. die aus Wessels 'Kjerliijhed 
uden strömper' bekannten Horre Jyder\ 

KTEL. HUGO GERING. 



1 > a s volksbuch vom doktor Faust. Nach der um die Erfurter geschickten 
vermehrten fassuug herausgegeben und eingeleitet von Josef Fritz. Halle a. S. 
Max Niemeyer 1914. XLIV, 134 s. 3 m. 
Den freunden der Faustforschung ist mit der vorliegenden ausgäbe ein will- 
kommenes geschenk gemacht worden. Unter den Faustbüchern darf die sippe t ' 
eine besondere bedeutung für sich in ansprach nehmen, einmal um ihrer geistigen 
Selbständigkeit willen und weit mehr noch wegen der tatsache, dass sie zuerst die 
sogenannten Erfurter geschichten gebracht hat. Eine sorgsame wiedergäbe des 
ersten druckes dieser sippe erscheint daher um so wünschenswerter, als die anderen 
sippen schon in mehr oder weniger guten neudrucken vorliegen. Der herausgeber 
hat sich aber nicht mit einer peinlich genauen reproduktion des textes begnügt, 
sondern den wert seiner ausgäbe noch durch eine von gleicher Sorgfalt zeugendt 
bibliographie erhöht. Diese umfasst auch die sippe D; mit recht, weil D, dessen 
textgrundlage sonst im allgemeinen die älteste gruppe, sippe A, bildet, die sog. 
Erfurter geschichten aus C entlehnt und somit auch für die Überlieferung von C 
gelegentliche aufschlüsse bietet. Das wichtigste ergebnis der bibliographischen 
Untersuchungen des herausgebers ist dieses, dass dem bisher als urdruck der sippe C 
betrachteten und in dem vorliegenden neudruck wiedergegebenen Faustbuch von 
1589 noch ein aus dem jähr 1588 stammender druck vorausgeht, aus dem die ganze 
sippe abgeleitet ist. Der herausgeber hat den allein erhaltenen titelholzschnitt der 
ausgäbe nachgewiesen und durch eine scharfsinnige vergleichung der in betracht 
kommenden ausgaben auch eine Wiederherstellung des textes dieses ältesten C-druckes 
ermöglicht. Soweit ohne herbeiziehung der mir im augenblick nicht zugängliche!» 
originale sich ein urteil gewinnen lässt, erscheinen mir diese ergebnisse als ge- 
sichert. Das gleiche ist bei der Untersuchung über das Verhältnis von C zu 1 1 # r 
A-sippe der fall: C beruht auf dem nachdruck des ältesten Faustbuches, Krank- 
furt 1587, nach Zarucke al. Innerhalb der sippe G werdeu noch zwei verloren 
gegangene drucke erschlossen, von denen der eine die vorläge für D bildete; auch 
in der sippe D wird eine nicht mehr vorhandene ausgäbe als mittelglied ange : 
nommen. 

Wenn auch in den einleitendem bemerkungen der hauptuachdruck auf dem 
bibliographischen liegt, so fehlt es doch keineswegs an litcrargeschichtlichen an- 
regungen. Zu beginn seines Vorwortes weist der herausgebt t darauf hin, dass die 
Erfurter geschichten 'manche gelehrten zur annähme einer edleren fassuug 1 der 
Faustsage verleitet haben'. Gemeint sind Scherer und der Schreiber dieser zeuch; 



Sit) KI.IJNdKj; 

da in der letzten zeit auch sonst gelegentlich auf nieiue Vermutung hingewiesen 
ist, so wird es sich empfehlen, hier in der kürze auf sie zurückzukommen und zu 
prüfen, was an ihr hinfällig ist und inwiefern sie noch zu recht besteht. 

Ich habe zuerst vor nunmehr 35 jähren in den thesen zu meiner doktor- 
dissertation — die meinung vertreten, dass spuren einer höhexen auffassung der 
gestalt des Faust bereits in dem Faustbuche von 1587 nachzuweisen seien und dass 
man diese züge mit den den gleichen geist atmenden Erfurter geschichten kom- 
binieren müsse, um zur erkenntnis dieser Urform vorzudringen. Ebenso wie Scherer 
schienen mir zwei stellen ganz aus dem rahmen der engen, dumpfen anschauungs- 
und darstellungsweise des Faustbuches von 15b7 herauszufallen, einmal die worte : 
'narne an sich adlers flügel, wolte alle gründ am himmel vnd erden erforschen 1 
(s. 6) und dann der vergleich Fausts mit den giganten und Luzifer (s. 19). Weherer 
glaubte aus der konstruktiou des ersten schönen satzes schliessen zu können, dass 
er erst später eingeschoben sei; diese ansieht hat sich nicht bestätigt, denn die 
stelle findet sich bereits in der von Milchsack aufgefundenen und herausgegebeuen 
Wolfenbütteler handschrift. Dagegen ist in dieser die Zusammenstellung Fausts 
mit den giganten und Luzifer nicht vorhanden; sie erweist sich also als einer der 
bei der Vorbereitung des ersten druckes gemachten zusätze. Aber es lässt sich 
mit Sicherheit annehmen, dass der Veranstalter dieses druckes keineswegs die absieht 
gehabt hat, laust durch diesen vergleich in ein günstigeres licht zu setzen. Ganz 
das gegenteil ist der fall, und wenn uns ein höherer gedankenflug durch diese 
worte hindurchzuklingen scheint, so geschieht es, weil wir unwillkürlich unsere 
moderne auffassung in die weit des 16. Jahrhunderts hineintragen. Von dieser 
anachronistischen betrachtungsweise kann also meine Vermutung nicht freigesprochen 
werden. Wie die griechischen und römischen dichter (und Schriftsteller), so 
betrachtet -auch das Zeitalter des humanismus und der reformation das beginnen 
der giganten als frevelhaft und vermessen; und will man höchste ruchlosigkeit 
kennzeichnen, so zieht man als vergleich die auflehnung der giganten herbei. Ich 
will die zeilen hier nicht mit zitaten aus neulateinischeu lyrikern füllen, die ich 
als belege gesammelt, und begnüge mich mit einem hinweise. In seiner rede: 'De 
auetoritate legum' (1536) stellt Melanchthon ein idealbild der menschlichen geniein- 
schaft auf (die ganze stelle bei Ellinger, Melanchthon, s. 523). Dann fährt er fort: 
'Sed Diabolus rabiose hunc choruin inturbat, incitat tyrannos, ut tanquam Gi- 
gantes illaturi bellum coelo, abolere religiones conentur, ut iniustis 
<aedibus grassentur in cives, pollnant flagitiosis libidinibus universam rerum naturam, 
iieentiain scelerum confirment, deleant honesta studia, dilacerent ecclesias' (Corpus 
Reformatorum, Tom. XI. s. 360). Ergebnis: die beiden stellen im Faustbuch von 
1587 können als stützen für die annähme einer höheren auffassung der Faustsage 
nicht angesprochen werden. 

Ehe jedoch zu den Erfurter geschichten übergegangen wird, lohnt es sich, 
vi neu augenblick bei dem gigantenv ergleich zu verweilen. Es ergibt sich nämlich 
für diesen ein merkwürdiger, bisher unbekannter Stammbaum. Wo ist zuerst der 
zur vermessenheit führende forscherdrang mit der auflehnung der giganten ver- 
glichen worden ? Die beautwortung der frage führt uns zu einem der geistreichsten, 
ursprünglichsten werke des italienischen humanismus, das auch vielleicht für Melanch- 
thon vorbildlich gewesen ist, zu Loreuzo Vallas dialog: 'De libero arbitrio : (1508 ; ), 
wo es s. 15 folgendermassen heisst : ; Nolimus altum sapere, sed timeamus, ne simus 
philoflophoriiro similes. qui. dicentes se sapientes. stulti facti sunt, qui. ne aliquid 



OBER FRITZ, DAS VOI/KSBUCB vom DOKTOR PAUST H17 

ignorare viderentur, de omnibus disputabant, apponentes in coeluin os smiiii atque 
illad scandere, nedicam rescindere volentes, quasi super bi ac temerarii 
Gigantes, a potenti brachio dei in terram praecipitati sunt atque 
in inferno, ut Typhoeus in Sicilia consepulti. Quorum in primis fuit 
Aristoteles, in quo deus optimus maximus superbiam ac temeritatem cum ipsius 
Aristotelis tum caeterorum philosophorum patefecit atque adeo damnavit, Nam cum 
uon posset Euripi naturam investigare, so, in profundum iilius praecipitans, de- 
-mersus est, prius tarnen testatus clogio'. Somit stellt sich die immerhin bemerkens- 
werte tatsache heraus, dass der streng lutherische Veranstalter des druckes von 1587 
den vergleich, durch den er die grosse von Fausts vermessenem sinn erhärten 
wollte, mittelbar oder unmittelbar aus der riistkammer des humanismus entlehnt hat '). 
Wenn Valla gegen Aristoteles Stellung nimmt, so bekämpft er zugleich — 
ahnlich wie Luther — die auf Aristoteles aufgebaute Scholastik. Hält man unter 
diesem gesichtspunkte die worte Vallas und den gigantenvergleich im ältesten 
Faustbuche nebeneinander, so ergeben sich merkwürdige geistesgeschichtliche zu- 
sammenhänge : 

Humanismus und reformation, so grundverschieden sie sich ihrem wesen nach 
darstellen, sind [im gegensatze zur Scholastik emporgekommen und waren in ihrer 
Verwerfung einig. Vor allem richtete sich die Opposition dieser beiden richtungen 
gegen die Spätscholastik, überwiegend also gegen den nominalismus. Dieser hatte 
sich bei seinem streben nach der erforschung der ersten gründe eine weitgehende 
skepsis, eine rücksichtslose kritik gestattet, um dann doch im entscheidenden augen- 
blicke alles zurückzunehmen und sich der alimacht der kirche unterzuordnen. Diese 
haarspaltende und trotzdem in der hauptsache unfruchtbare Wissenschaft erweckte 
-owohl bei den humanisteu wie bei den reformatoren eine tiefe abneiguug gegen 
alle Metaphystik. Andererseits hatte nun aber der humanismus durch die an- 
regungen, die er der neuerwachenden naturwissenschaft gegeben, den forscher- 
urang nach den letzten gründen wieder neu entzündet. Es konnte jedoch nicht 
ausbleiben, dass die anfange eines neuen betriebes der naturwissenschafteil noch 
vielfach mit der alten art des scholastischen philosophierens vermischt waren und 
dass daher z. b. von Seiten der reformatoren diese beiden richtungen ohne weiteres 
einander gleichgestellt "und in derselben weise befehdet wurden. Ma/i trat gewisse r- 
massen 'neuen feinden im alten gesicht' entgegen; die fürwitzige neugier, wie sie 
in der methode der Scholastik sich kundtat* glaubte man endgiltig überwunden zu 
haben: dem humauisten boten die klassiker, dem anhänger der reformation die bibel 
die gewünschte Sicherheit, über die hinauszugehen unnütz und gefährlich war. Und 
nun wachte derselbe geist des fürwitzes, den man niedergeworfen zu haben dachte, 

1; Wie sehr die fassung des Vergleichs im Faustbuche auch der form nacli 
in der humanistischen literatur vorbereitet war, erkennt man aus einem briefe 
Bohii6laus' v. Hassenstein vom 20. januar 1194, wo von einem empörer gegen die 
autorität des papstes die rede ist. Beide stellen mögen nebeneinander gesetzt 
werden. Faustbuch, kap. 5: 'und ist diser Abfall nichts anders, dann sein stoltzcr 
Hochmuth, Verzweiflung, Verwegung und Vermessenheit, wie den Kiesen war, 
darvon die Poeten dichten, dass sie die Berg zusammen tragen, und wider Gott 
kriegen wolten . . . .' Bohuslai a Lobkowitz et in Hasisteyn . . . nova Epistolarum 
appendix (in der gesamtausgabe von Mitis 1570): '. . . coelum ipsuin aspernatur. 
irridet, rodit, lacerat et ornnibus probris maledictisque inseetatur, ut quae Foetae 
de Gigantibus, qui Deo* de coelo pellere voluerunt, fabulabantar, hnic non htomerito 
idseribi possent'. 



'^18 BLUHGER 

in den träumen einer verworrenen naturphilosophie wieder anf. Es ist daher nicht 
verwunderlich, dass beide Strömungen in der gleichen weise charakterisiert wurden. 
Indem so die durch den humanismus neugeprägte formel vom gigantischen Übermut 
gleichzeitig auf eine überwundene epoche zurück- und auf eine neu aufstrebende' 
vordeutete, kommt doch bis zu einem gewissen grade ein weltgeschichtlicher gegen - 
«atz in ihr zum ausdruck. 

Diese sich eröffnende Perspektive möge es rechtfertigen, dass wir uns erst 
jetzt den sog. 'Erfurter geschienten' zuwenden. Die quellenfrage bereitet noch 
immer einige Schwierigkeiten. Die Erfurter geschichten finden sich bekanntlich mit 
mannigfachen änderungen in der handschriftlichen 'Chronika von Thüringen und 
der Stadt Erffurth' des magisters Zacharias Hogel (1611—1677); abgedruckt Eupho- 
rion, bd. II, s. 54 ff. und bei A. Pick, Faust in Erfurt. Leipzig 1902. Siegfried 
Szamatolski hat nun im Euphorion, bd. II, s. 45 ff. meines erachtens überzeugend 
dargetan, dass Hogel aus einer fassung .schöpft, die älter als die sog. 'Erfurter 
geschichten' ist; als gemeinsame quelle für Hogel und das Faustbuch nahm er die 
verschollene fortsetzung der Erfurtischen chronik von Wolf Wambaeh (1542— 1.5561 
an, der vielleicht noch beziehungen zu den bekannten Fausts gehabt hat. Teile 
aus Wambachs uachlass haben sich erhalten, und will man zu einer gewissheit 
gelangen, so ist es gewiss nötig, diese stücke stilistisch mit Hogels erzählungen 
zu vergleichen. Der herausgeber stellt eine Untersuchung über die Erfurter kapitel 
in aussieht; soviel ich weiss, ist sie bisher nicht erschienen. Über das zu erwartende 
ergebnis drückt er sich s. VIII f. folgenderniassen aus r 'Immerhin möchte ich schon 
an dieser stelle die bemerkung nicht unterdrücken, dass die geistreiche konstruktion 
von Szamatölski, nach der behauptung Erich Schmidts in den hauptergebnissen ge- 
sichert und nur der stilistisch-grammatischen teile der Hogelschen chronik im 
Zusammenhang mit Wambachs uachlass bedürfend, durch eben dieselbe nicht nur 
an stütze gewinnen, sondern auch andererseits ganz umgestürzt werden kann : . 
Wenn ich die stelle recht verstehe, so verstehe ich sie eben nicht; denn ich vermag 
beim besten willen nicht einzusehen, wie durch das gleiche verfahren eine ansieht 
ebenso gestützt wie umgestürzt werden kann. Wir müssen also abwarten, bis die 
lösung dieses orakelhaften Spruches in der verheissenen arbeit vorliegt. 

Freilich -sind die kritischen fragen auch dann noch nicht erledigt, wenn dif 
Vermutung über die Urheberschaft Wolf Wambachs zu annähernder gewissheit er- 
hoben werden könnte. Selbst wenn Wambaeh seine nachrichten von den zech- 
genossen Fausts erhalten hätte — was immerhin sehr zweifelhaft erscheint — muss 
man bei der langen zeit, die zwischen dem bericht und den geschehnissen liegt, 
damit rechnen, dass die umgestaltende sage sich bereits dieser tatsachen bemächtigt 
und ihr rankenwerk um sie gesponnen hat. Ein herantreten an diese erzählungen 
mit den grundsätzen der inneren kritik lässt sich also nicht umgehen. 

Ist der kern der geschichten auch als historisch zu betrachten, so wird es 
doch wegen der verhältnismässig späten aufzeichnung kaum angehen, sie in eine 
reihe mit den Zeugnissen zu rücken, die von dem unmittelbaren eindruck der per- 
sönlichkeit Fausts künde geben. Aus dem gleichen gründe erscheint es mir 
wenigstens vorläufig nicht richtig, die Vorstellung von einer Erfurter Überlieferung 
abzulehnen. Dass erzählungen über Faust in Erfurt von munde zu munde giengen 
und dass diese schliesslich ihren niederschlag zuerst in chronikalischen notizen. 
dann in den schriftstellerisch ungemein hoch zu veranschlagenden 'Erfurter ge; 
schichten' fanden, wird man auch jetzt noch anzunehmen haben. 



ÜBER FRITZ, DAS VOEKSBÜCH VOM DOKTOR b'ALiH'l 8W* 

Und damit kommen wir schliesslich zu der frage, von welcher auffassung d«f- 
Faust diese Erfurter Überlieferung zeugnis ablegt Eine beantwortung lässt sich 
nur durch einen vergleich mit dem ältesten Faustbuch ermöglichen. Eins ist jedoch 
vorauszuschicken: im 16. Jahrhundert kann auch von den geringsten ansätzen zu 
einer lösung des Faustproblems, wie sie nachher im Zeitalter der humanität seit 
Lessing gefunden worden ist, nicht die rede sein. Wen der für witzige forschuDgs 
drang zum bunde mit dem teufel treibt, der ist für alle ewigkeit verloren. (Dit 
schönste poetische darstellung, die dieser gedanke im Zeitalter der reformation er- 
halten hat, findet sich in dem pseudoshakespeareschen drama: Der lustige teufe! 
von Edmonton, sc. 1 der monolog Fabeis, deutsch L. Tieck, Altenglisches theater, bd. 2, 
8. 119 f.). In dieser beziehung nehmen also' die Erfurter geschichten selbstverständ- 
lich keine ausnahinestellung ein. Aber innerhalb dieses bannkreises, der in Luthers 
epoche nun einmal nicht zu durchbrechen war, erheben sich einige geschichten zg 
ungewöhnlicher kraft und grosse. Namentlich ist das der fall bei dem schlusskapitel. 
Bei diesem liegt eine Zusammenstellung mit dem ältesten Faustbuche besonder,-- 
nahe. Denn in ihm wird ein ganz ähnlicher Vorgang berichtet; kap. 52 erzählt, 
wie ein alter mann den versuch einer bekehrung Fausts unternimmt. Hält man 
nun beide abschnitte nebeneinander, so kann das ergebnis nicht zweifelhaft, sein. 
Das älteste Faustbuch bleibt in dem geleise einer kümmerlichen, dürftigen alltäg,- 
lichkeit; in dem schlusskapitel der Erfurter geschichten erhält Fausts gestalt 
wirklich etwas gewaltig über die menschlichen masse hinauswachsendes, etwa.« 
titanisches; und die vortreffliche darstellung, wenigstens in den 'Erfurter geschichten'. 
beweist, dass der Verfasser für die grosse seines Vorwurfs nicht blind war. Dem- 
nach ist nicht daran zu zweifeln, dass in der Erfurter Überlieferung sich spuren 
einer höheren auffassung von Faust gestalt nachweisen lassen — selbstverständlich 
immer innerhalb der oben gezogenen grenzen—; ja es ist mir im verständlich, dass 
diese tatsache überhaupt jemals hat bestritten werden können. 

Aber diese spuren einer höheren auffassung Fausts beschränken sich eben aut 
Erfurt; so weit die bereits sagenhaft ausgebildete und schriftstellerisch festgelegt' 
Überlieferung in betracht kommt, lassen sich dafür ausserhalb Erfurts keine Zeugnisse 
erbringen. Die vor einigen Jahrzehnten neu aufgefundenen berichte über den ge- 
schichtlichen Faust, die eine ähnliche auffassung nahelegen, dürfen als beweisstück. 
nicht verwendet werden. Aus diesen däHegungeu ergibt sich die beträchtliche 
einschränkung der früher von mir aufgestellten Vermutung ganz von selsbt. 

S. XVI anm. 1 führt der herausgeber anlässlich der erwähnung der angeb- 
lichen tatsache, dass Faust in Ingolstadt studiert haben soll, Tille, Faustsplitter. 
nr. 128 an. In dem angegebeneu abschnitt findet sich keine beziehung auf Ingol- 
stadt. Ich vermute, dass es sich um eine Verwechslung mit nr. 4 handelt und dass 
die fälsche zahl ihren Ursprung in der Jahreszahl: 1528 hat. Ist das der fall, so 
muss hervorgehoben werden, dass dieses geschichtliche zeugnis für das Studium 
Fausts an der Universität Ingolstadt nicht das geringste beweist. Überhaupt tut. 
man gut, bei der lebensgeschichte Fausts die Universität Ingolstadt ganz aus dem 
spiel zu lassen; deun dass Faust dort studiert habe, erweist sich klärlich als eine 
tendenziöse erfindung Widmanns, der Wittenberg von dem Vorwurf entlasten wollt*:, 
den teufelsbeschwörer gezüchtet zu haben, und deshalb das katholische Tngolsta^- 
;»,n die stelle der Lutherstadt setzte. 

BERLIN. OEORG Ki.i.iv.i:'-- 



320 BIA.INCHER 

Nikodenius Frisehliuiih, Julius redivivus. Herausgegeben von Walther Janell. 
Mit einleitungen von Walther Hauff, Gustav Roethe, Walther Janell. [Latei- 
nische literaturdenkmäler des XV. und XVI. Jahrhunderts, herausgegeben von 
Max Herrmann, nr. 19]. Berlin, Weidmann 1912. XCI, 155 8. 5 m. 

Zur erklärung der tatsache, dass auch diese besprechung so spät erscheint, 
se» auf das dem bcricht über Schultes 'Martin von Cochem' vorausgeschickte be- 
kenntnis verwiesen. 

Frischlins 'Julius redivivus' verkörpert einen der wichtigsten grundzügo des 
humanismus, den neugeweckten nationalen stolz, der kein bedenken trägt, nicht 
bloss Frankreich, sondern auch das Vaterland der humanistischen bewegung in die 
schranken zu fordern. Insofern wächst dieses auch in der ausführung gelungene 
werk weit über die hauptmasse der dramatik des 16. Jahrhunderts hinaus und rückt 
rri die reihe der wenigen deutschen Schauspiele dieses Zeitalters, deren kenntnis 
innerhalb der gesamtentwicklung der deutschen dichtung unentbehrlich ist. Aus 
diesem gründe werden keineswegs nur die freunde der neulateinischen poesie die 
vorliegende saubere ausgäbe willkommen heissen, obgleich gerade ihnen damit ein 
iange gehegter wünsch erfüllt worden ist. Vielmehr werden auch andere gern nach 
-.lern büchlein greifen, zumal durch mannigfache beigaben für eine einführung in 
den gegenständ und die geistesweit, der er entstammt, sorge getragen ist. 

Stärker als sonst im 16. Jahrhundert macht sich in Frischlins schaffen die 
Persönlichkeit geltend. Man wird es daher durchaus gerechtfertigt finden, dass 
die erste, von Walther Hauff verfasste einlcitung Frischlin als menschen nahe- 
zubringen sucht und einen lebensabriss entwirft, immer von der absieht geleitet. 
die eigenart, des wesens zu erschliessen und den könner und spötter, den sattelfesten 
irelehrten, den witzigen poeten, den fröhlichen kneipkumpan, den unruhigen und 
unbesonnenen landfahrer recht, lebendig vor den leser hinzustellen. Angesichts 
des engen Zusammenhangs zwischen dem lateinischen drama und der philologie 
erscheint auch die dritte einleitung: 'Frischlin als philologe' durchaus am platz«: 
gerade von dein Standpunkt aus, dass es sich um eine gelehrtendichtung handelt, 
wird auch in ihr schliesslich eine Würdigung der dramatischen tätigkeit Frischlins 
angestrebt. Der Verfasser dieser darlegung, Walther Janell, ist zugleich der 
bearbeiter des textes. Von den beiden ebengenannten abschnitten eingerahmt ist 
die wertvollste beigäbe, die abhandlung von Gustav Eoethe: 'Frischlin als 
dramatiker'. eine inhaltreiche, tief eindringende und anregende Studie. Sie gewährt. 
< inen unmittelbaren einblick in die werkstätte des poeten. Licht und schatten 
werden gerecht verteilt, allein es liegt in der natur der sache, dass das abgestorbene 
-zugunsten der lebendigen, noch heute wirkenden kräfte zurückgeschoben wird, 
wie denn aus diesem gründe den unselbständigen komödien der spätzeit sowie den 
späteren biblischen stücken nur ein verhältnismässig geringer räum gegönnt ist, 
während die 'Rebekka' und namentlich die vorzüglich gelungene 'Susanna' ein- 
gehende behaudlung finden. Dieses zweifellos richtige verfahren scheint bei der 
besprechung der 'Hildegardis magna" durchbrochen worden zu sein; aber es handelt 
•uch tatsächlich nicht um eine ausnähme. Wohl enttäuscht das drama die er- 
wartuugen, die man ihm nach der lektüre des originellen prologs entgegenbringt.. 
Allein eine genaue einführung in das stück erweist sich dennoch als unbedingt 
notwendig, weil es stofflich einen fortschritt bezeichnet und dem neulateinischen 
.drama ein neues gebiet, das geschichtliche, erschliesst, auf dem sich Frischlin als- 
bald zum zweiten male in seiner deutschen komödie 'Fran Wendelirard" versuchte; 



i m:i; PRU30HLIN, JULIUS KBDTVIVU8 KD. JAJCBLL 3SJH 

Die analysen berücksichtigen in gleicher weise den poetischen gekalt wie Ürr 
literaturgeschichtlichen Voraussetzungen. Doch tritt je nach notwendigkeit die einp- 
oder die andere betrachtungsweise in den Vordergrund. So versteht die Charak- 
teristik der 'Susanne' deren Vorzüge dadurch herauszuarbeiten, dass sie Frischlins 
werk neben seine Vorgänger und Vorbilder hält, neben Rebhun und namentlich 
neben die lateinische Susanna Sixt Birks. Bei dieser abmessim^ wächst Frischlin. 
und seine kraft tritt anschaulich heraus. 

Das gesamtergebnis der ersten hälfte der einleitung lässt sich so zusammen- 
fassen, dass Frischlins dichterische fähigkeit sich da am stärksten erweist, wo e! 
gestalten aus den niederungen des lebens verkörpert. Für das verkommene, bös- 
artige hat er einen scharfen blick; schlemmer, gauner, aufschneider weiss er mit 
lebendigen zügen auszustatten. Weniger gut gelingt ihm, was freilich nicht bloss- 
bei ihm der fall ist, die Verkörperung der entgegengesetzten weit: seine tugend- 
haften flguren haben leicht etwas blasses, unlebendiges, und häufig werden sie nur 
durch die trefflich gezeichneten koutrastfiguren über wasser gehalten. Gauz ver- 
leugnet sich freilich Frischlins talent auch auf diesem gebiete nicht : über mancher, 
Schilderungen - der art ist doch ein Schimmer traulicher behaglichkeit ausgebreitet 

Den stücken, die einen gegebenen stoff behandeln, lässt ßoethe eine be- 
trachtung der drei freien komödien folgen und dringt damit zu dem bauptgegen- 
staud der einleituug vor. Der 'Priscianus vapulans' wird nach dem gesamtverlaüf 
der handlung anschaulich nahegebracht. Mit recht hebt der Verfasser hervor, das* 
es Frischlin hier nicht gelungen ist, der im Stoffe liegenden Schwierigkeiten herr 
zu werden. Zum teil erklärt sich diese tatsaehe daraus, dass dem Stoffe keine 
innere daseiusberechtigung mehr innewohnte; die zeit, in der man es nötig hatte, 
gegen die barbarei des scholastischen Lateins Stellung zu nehmen, war längst vorbei. 
Es kommt noch dazu, dass Frischlin für den harmlosen satirischen Vorwurf nicht 
die entsprechende form gefunden, sondern allzuschweres geschütz aufgefahren hat 
So ist die unmittelbare Wirkung der komödie nicht stark. Eine feine bemerkunt; 
Koethes zeigt aber, aus welchem gründe dem drama doch eine geistesgeschichtliche 
bedentung zukommt, die sich freilich nicht auf den ersten blick erschliesst. Der 
im 'Priscianus vapulans' behandelte gegenständ erinnert an die von den älteren 
humanisten gegen die scholastischen grainmatiken, vor allem gegen Alexander de- 
Villa Dei, ausgefochtenen kämpfe. In diesen fehden erscheint der kämpf um die 
grammatischen lehrbiicher zuweilen kleinlich. Aber er scheint auch nur so. Denn 
in den Zänkereien über die einzelheiten des grammatischen betrieben offenbart siel' 
zuweilen ganz deutlich der gegensatz der Weltanschauungen. Ähnlich verhält es 
sich hier. Indem die satire die sprachliche barbarei blossstellt, wendet sie sich 
nicht bloss gegen die form, sondern auch gegen den inhalf und die grundlagen de; 
scholastischen Wissenschaft. Wie der 'Priscianus vapulans' wird auch die zweit 
freie komödie Frischlins, das 'Phasina', in ihren grundzügen festgehalten ; über die-' 
alles andere ausschliessende Verherrlichung des strengen Luthertums dann unten 
noch einige worte. Den schluss der einzelbetrachtungen bildet die einleitung iu 
den 'Julius redivivus'. Bereits für den 'Priscianus vapulans' hat Roethe die möglich* 
keit einer anregxing des hauptmotivs durch einen scherz des Frischlin vertrautem 
Heinrich Bebel — so viel mir bekannt ist, zum erstenmal dargetan (Beb'eft 
Facetiae, Lib. in. De illiteratis sacerdotibus et monachis, 8.116 f. der ausgäbe 
von 1544); ein noch anziehenderer quellenbeleg wird für deu 'Julius redivivus" 
durch den nachweis erbracht, dass die zugrunde liegende erfind-ung in auffallendet 



Jjjg: KLLINliKK 

-weise mit einer stelle aus Enea Silvio'« 'Germania'; übereinstimmt. Dass liier, wo 
das gelehrtentum des 16. Jahrhunderts einen der wichtigsten grundzüge der richtnng 
verkörpert, von der es selbst ein erheblich vergröbertes abbild i6t, auch die poetische 
form auf den älteren humanismus zurückweist, wird der freund der geschiente de« 
Humanismus mit vergnügen sehen und als eine art von symbolischem Vorgang be- 
trachten. Indessen noch wertvoller als die erschlies6ung dieser quelle erscheint die 
Auseinandersetzung über das geschick, mit dem der poet den dankbaren Vorwurf 
ausgebeutet hat. Freilich hat er sein stück ohne abschluss gelassen und die beiden 
letzten akte mit episodischem, nur lose der haupthandlung angeschlossenen beiwerk 
angefüllt. Entspricht eine derartige, um den gesamtzußammenhang wenig bekümmerte 
bevorzugung der komischen nebenfiguren auch Frischlins neigung, so kann doch 
trotzdem, wie Roethe wahrscheinlich macht, eine bestimmte absieht des poeten 
vorliegen. Denn obgleich die letzten akte von den beiden Vertretern des herunter- 
gekommenen ausländes beherrscht wurden, benützt Frischlin doch die gelegenheit, 
auch Deutschland seine fehler vorzuhalten. So scheint es, als ob er dem hoch- 
gespannten nationalen stolz, von denen die drei ersten akte geschwellt sind, hier, 
mit Roethe zu reden, einige satirische dämpfer hat aufsetzen wollen, ohne doch 
die polemik gegen Italien und Frankreich aufzugeben. 

Scherer hat in seinem schönen artikel (Allg. deutsche biogr. bd. 8) unter Ver- 
wendung des bekannten ausdrucks von Gervinus Frischlin als einen klassiker seines« 
aristophanischen Zeitalters bezeichnet; und eine parallele mit Aristophanes liegt bei 
den freien komödien nicht ganz ausserhalb des bereichs der möglichkeit. Die 
grundlinien eines derartigen Vergleichs sind in unserer einleitung gezogen worden. 
Dass eine solche nebeneinanderstellung ästhetisch zu Frischlins unguusten aus- 
fallen muss. versteht sich von selbst. Aber auch nach einer anderen richtung er- 
scheint der Neulateiner dem Griechen gegenüber im nachteil. Die Stoffe greifen 
nicht so unmittelbar in die gegenwart hinein wie bei Aristophanes; Frischlins satire 
trifft schaden, die schon nicht mehr drückten, die schon einer überwundenen zeit, 
angehörten. Daher wird der eindruck seiuer satire beeinträchtigt, da ihr eine der 
wichtigsten Voraussetzungen fehlt Eine ausnähme bildet der 'Julius redivivus'. 
weil die in ihm behandelten fragen sich dauernd als lebensfähig erwiesen haben. 
Im 'Priscianus vapulans' konnte dagegen der Vorwurf, wie hervorgehoben, bereit* 
zu des dichters zeiten als veraltet gelten. Weniger ist das heim 'Phasma' der 
fall. Es ist richtig, dass Frischlin auch hier die darstellung geschichtlich gestaltet, 
dass er die reformatoren und ihre Widersacher sprechen lässt. Aber das ändert 
nichts an der tatsache, dass die komödie aus den Streitigkeiten der zeit unmittelbar 
herausgewachsen ist, denn sie entstand in den jähren, in denen die entscheidenden 
•Verhandlungen über die konkordienformel sich dem abschluss näherten. Das kon- 
kordienwerk sucht nun das Luthertum ebensowohl den anderen evangelischen 
richtungen wie der alten kirche gegenüber abzugrenzen: alles, was nicht mit der 
rutherischen Orthodoxie übereinstimmte, wurde schroff abgewiesen. Betrachtet man 
den inhalt von Frischlins stück, so erkennt man, wie er tatsächlich nur die in der 
konkordienformel aufgestellten grundsätze ins dramatische übertragen hat, wobei 
man freilich fragen kann, ob er nach denkart und sinnesweise der richtige mann 
dazu war. 

Nach gebühr berücksichtigt die einleitung das persönliche dement in Frisch - 
Jin6 dichtung. Wenn Frischlin in seinen biblischen und historisch-novellistischen 
"omödien als ein lobredner des ehestandes auftritt, wenn ihm der ausdruck ehelicher 



ÜBKK FRI8CHUN, JULIUS KEDlVIVlis KD. IANKL.I. S2Ü . 

Zuneigung am besten gelingt, so wird das hübsch auf Frischling herzliches ver- 
"hältnis zu seiner frau zurückgeführt. Und dass ihm, durchaus ira gegensatz zu; 
der sonstigen art des reformationszeitalters, die gattin mehr bedeutete als die kinder, 
für die er sonderliche Zärtlichkeit nicht empfunden zu haben scheint, meint mau 
aus dem fehlen der kinderszenen in der 'Susanna' schliessen zu können. Neben 
dem preise des ehestandes hatte schon Roustan (De Nicodemi Frischlini comoediis 
Iatine scriptis. Paris 1898) als einen der durchgehenden grundzüge jener drameu- 
reihe die ausfälle gegen den adel erkannt. Diese entsprangen aus einer gesinnunii, 
die Frischlin im leben viel verdriesslichkeiten und gefahren bereitet hat. So haben 
wir es mit einem ganz persönlichen zuge zu tun; und dem entspricht es, dass ihm 
unsere einleitung in den einzelnen gestalten und erfindungen, so in dem vortrefflich 
gezeichneten Isinael der 'Rebecka' und in anderen Zeugnissen der gleichen denkungs- 
irt, nachgeht. Aber auch das, was zu Frischlins wesen nicht stimmt, wird hervor- 
gehoben, so namentlich die schon von Strauss betonte tatsache, dass die im 'Phasma' 
an den tag gelegte Unduldsamkeit sich weder mit seiner anschauungsweise noch 
mit seinem tatsächlichen verhalten reimt. 

Bei den im vorstehenden herausgegriffenen punkten ist nicht zwischen dem, 
was der Verfasser neues geboten, und den von ihm verwerteten ergebnissen früherer 
forschung unterschieden worden. Eine derartige sonderung erwies sich auch als 
unnötig, weil die bisherigen resultate der wissenschaftlichen arbeit nirgends bloss 
übernommen, sondern überall weitergeführt oder in eine neue beleuchtung gerückt 
worden sind. Dass im 'Phasma' Petrus dem Paulus das schwerverständliche seines 
<Til8 vorwirft, hatte schon Roustan (a. a. o. s. 57) beachtet; aber erst bei Roethe 
wird die stelle zur herausarbeitung der eben besprochenen tatsache verwertet, dass 
Frischlins geistesverfassung mit dem ketzerrichterlichen endurteil schlechthin un- 
vereinbar ist. Sehr hübsch hat übrigens Roustan schon Roethes behandlung des 
Thasma' vorbereitet, indem er zuerst nachgewiesen hat, dass Frischlin in den dispu- 
rationen den ketzern ebenso gute beweisgründe in den mund legt, wie Luther und 
seinen anhängern, eine unparteiische haltung, durch die dann freilich die zuletzt 
erfolgende Verdammung aller nichtlutheraner ganz unbegreiflich wird. 

Auf die fesselnden und lehrreichen zusammenfassenden Schlussbetrachtungen, 
die sich überwiegend mit Frischlins dramatischer technik beschäftigen, sei noch 
besonders aufmerksam gemacht. 

An die spitze der einleitung ist die erörteruug der frage gestellt, welche 
umstände eine gerechte Würdigung der neulateinischen dramatik Deutschlands so 
ausserordentlich erschweren. Zwei Schwierigkeiten ergeben sich in erster linie. 
Die eine liegt in der ästhetischen unreife des Zeitalters, das nicht imstande ist, 
die unterscheidenden merkmale der poetischen gattungen zu erfassen. Die andere 
entsteht aus der Unselbständigkeit der form. Die wörtliche anlehnung an die 
klassiker galt den neulateinischen poeten nicht nur als zulässiges hilfsmittel, sondern 
als eine ganz besondere zier der darstellung. Mau wird jedoch dem Verfasser recht 
jjeben, dass wir die uns selbstverständliche forderung der Originalität des Schrift- 
stellers nicht auf Zeitalter übertragen dürfen, denen der begriff des literarischen 
eigentums unbekannt war. Auch bringt es der Charakter der gattung mit sich, 
dass die wörtliche Übernahme fremder stellen gerade im drama am wenigsten 
Jttört. Weit verwickelter gestaltet sich die läge bei der neulateinischen lyrik. 
Es erscheint doch als ein wunderliches Verhältnis, dass da, wo der drang nach 
individueller ausspräche sich zum ersten male mächtiff regt, zur befriedigung 



:-524 WALZEL 

diese« bedürfhisses übcnionnnene uud angelernte iioskeln in ansprach genommen 
werden. Gewiss handelt es sich in einem solchen falle um kein leichtes problem. 
Aber unlösbar ist es keineswegs. Man muss zunächst daran denken, dass hei der 
hauptmasse der mittelalterlichen dichtungen keineswegs allein bei der latei- 
nischen — die eigene tätigkeit erst allmählich aus anlehnung und reproduktion 
herausgewachsen ist. Es liegt daher durchaus im zuge der bisherigen entwicklung. 
dass die neulateinischen lyriker, die vor die ungeheure aufgäbe gestellt waren, an 
«lie stelle des gemeingefühls die persönliche empfindung zu setzen und ihr die 
zunge zu lösen, sich zunächst an fremden Vorbildern zu schulen suchten. Dass 
tinter diesen umständen ängstliche anlehnung sich nicht vermeiden Hess, leuchtet 
ein; der fortschritt im ganzen wird dadurch nicht aufgehoben. Es gieng dem 
tänzeinen wie der gesamtheit. Auch die aus der gebundenheit der mittelalterlichen 
Weltanschauung herausstrebende menschheit bedurfte eines führers, und weil sie 
Jahrhunderte hindurch gewöhnt war, sich unbedingt der leitung durch eine geistige 
macht anzuvertrauen, schloss sie sich ihm eng, häufig alizueng an und machte 
sich dann erst im laufe der zeit von dieser bevormundung frei. Wenn man grosses 
mit kleinem vergleichen darf, kann man sagen: dasselbe Verhältnis wiederholt sieb 
bei den neulateinischen lyrikern, die auf der entdeckungsreise nach der persönlich - 
keit waren. Zuerst anlehnung, sklavische nachahmung, dann allmählich abstreifung 
der fesseln und vordringen zu selbständigem schaffen. 

Nur einige einzelbemerkungen mögen sich ansehliessen. Da von dem 'Phasina' 
wiederholt die rede war, sei auf ein werk hingewiesen, das wahrscheinlich durch 
dieses stück angeregt worden ist. Frischlins drama erschien 1592, und bereits ein 
jähr später veröffentlicht der minoritenpater Joh. Dominicus Hess aus Kromveissen- 
burg (damals provinzial und prediger in Wien") seine im hexameter abgefasste 
dramatische szenenfolge: \Synodus oecumenica theologorum protestantium' (Graz 
1593). Das umfängliche werk führt ähnlich wie Frischlin u. a. die gegenseitigen 
Streitigkeiten der Protestanten vor, wobei allerdings auf grund der sorgfältig, aber 
einseitig benutzten quellen die bilder im einzelnen genauer ausgemalt werden. Das 
endurteil ist vom strengkatholischen Standpunkt aus gefällt wie bei Frischlin vom 
lutherischen. — S. XXV. Wenn Frischlin von den biblischen büchern Susanna und 
Tobias sagt, sie seien so gestaltet, 'ludus tanquam si scenicus esset', so schwebt 
ihm doch sicher Luthers allbekannte äusserung in der vorrede zum buche Tobias 
vor. — S. LXXXIV zu vers 1293: Chytraeus ist nicht David, sondern Nathan 
Ohyträus. Allerdings hat David Chyträus einige unbedeutende lateinische gedichte- 
geschrieben, aber wenn im 16. Jahrhundert ein Chyträus als poet genannt wurde, 
dachte man nur an Nathan. — S. X. Frischlin ist in Erzingen geboren. 

BERLIN. ' OEORG RJ.MM IKIJ. 



Georg Forster nach seinen Originalbriefen. Von dr. Paul Zincke. Dortmund. 

Fr. Wilh. Ruhfusl915. XV, 206, 319 s. 15 m. 
Georg Försters briefe an Christian Friedrich Voss. Herausgegehen von Paul 

Zincke. Dortmund, Fr. Wilh. Ruhfus 1915. XVIII, 265 s. 8 m. 

Paul Zincke ist sich vollkommen bewusst, dass der geist unserer tage seinem- 
unternehmen nicht günstig ist. In der vorrede zu einem der beiden versuche — 
*ie stammt vom märz 1914. ist also vor kriegsausbruch geschrieben — weist er es 



ÜBEB ZJKCKE, GEOBG FOBSTEBS BRIEFE 325 

ab, die gefühlsinoinente unseres Zeitalters mit seiner ausgeprägt national-politischen 
richtung auf eine kosmopolitisch gestimmte epoche und auf einen mann von welt- 
bürgerlicher gesinnung anzuwenden, dem nur die freiheit das wahre Vaterland war. 
'Forster wechselte freiwillig seine politische Zugehörigkeit (eine nationale nab es 
noch nicht) und wurde bürger der Frankenrepublik, nicht Franzose. Von dieser 
stunde an stand der politiker Forster ganz im dienste seines neuen Vaterlands. 
Ihn müssen wir auch wohl den Franzosen überlassen ; den menschen, dessen herzens- 
bildung, dessen gemütliche gesamtstimmung ganz deutsch war, den Schriftsteller, 
der von der deutschen geisteskultur des 18. Jahrhunderts sein charakteristisches 
gepräge erhalten, und den schon Friedrich Schlegel in seinem berühmten Essay 
leidenschaftlich für unser Vaterland zurückforderte, können wir wieder ganz als den 
unsrigen anerkennen'. 

Ausdrücklich fasst Ziucke in diesen Worten das ergebnis seiner forschungen 
zusammen. Ausdrücklich erblickt er in seiner arbeit den versuch einer rettung 
Forsters. Eine beruhigte zukunft wird ihm besseren dank wissen als die unmittel- 
bare gegen wart, der kaum so volle duldsamkeit zuzutrauen ist, wie Forsters ver- 
halten von seinem geschichtlichen betrachter fordert, vielleicht auch nicht die geduld. 
Zinckes umständliches beweisverfahren mitzumachen. Es bedarf dazu eines guten 
teils der geduld, die von Zincke selbst treufleissig an die lösüng seiner aufgäbe 
gewendet worden ist. Nur wenigen ist das heute zuzumuten. 

Georg Forsters Schrifttum lag uns bis vor kurzem nur in durchaus unzu- 
verlässiger gestalt vor. Übler noch als mit den ausgaben seiner schriftstellerischen 
arbeiten stand es mit den drucken seiner briefe. Erst Albert Leitzmann begann 
seit etwa einem vierteljahrhundert für bessere texte zu sorgen. Jüngst gab er 
zusammen mit Zincke Forsters tagebuch von 1784 (Berlin 1914) heraus. Ihm ist 
Ziucke nach seinem eigenen bekenntnis stark verpflichtet, ihm widmet er die erste 
der beiden arbeiten. 

Zincke hat nicht den schriftsteiler, sondern den menschen und politiker Forster 
im äuge. Er stellt sich minder in den dienst der literaturgeschichte als der poli- 
tischen geschichte. Er treibt wesentlich kritik der lebensgeschichtlichen quellen, 
treibt sie an einem Stoffe, der solche kritik herausfordert. Vielleicht das beste an 
seinem unternehmen ist der geglückte nachweis, wie notwendig eine genaue nach- 
prüfung der lebensgeschichtlichen Überlieferungen aus der zeit unseres klassizismus 
ist. Denn was Zincke aus der weit Georg Forsters berichtet, gilt von manchem 
seiner Zeitgenossen auch. Es wäre der arbeit Zinckes förderlich, weuu er in sich 
und in seinen lesern das bewusstsein wacherhielte, dass der fall Forster nicht ver- 
einzelt ist, dass auch über andere dank schlechter und unsauberer Veröffentlichung 
von briefen sich legenden gebildet haben, die von der Wissenschaft zerstört werden 
müssen. 

Überhaupt sollte besser beherzigt werden, dass zeitgenössische mitteilungen 
von vornherein wenig glauben verdienen. Sie sind fast durchaus in irgendwelchem 
sinn gefärbt, sie verhüllen meist wichtiges, ja entscheidendes. An ein paar be- 
sonders gewichtigen fällen wies man uns in neuerer zeit dieses verhalten nach. 
Bettinens brauch, dichtung ganz ohne jedes bedenken mit wahrheil zu mischen, 
lässt sich jetzt einigermassen ergründen. Aber noch bleibt viel arbeit übrig Eine 
quellenkritische prüfung von Goethes gesprächen, ein zusammenfassender nachweis 
des falschen, das in ihnen enthalten ist, gehört noch zu unseren dringenden 
wünschen. Durchaus ist nicht immer bewusste fälschung die absieht. Die meisten 
ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XLVIII. 22 



:V2(i U M/AFA. 

nahmen es nicht genau, viele nehmen es auch heute nicht genau, während ini 
ganzen heute weit eher als um 1800 das hewusstsein besteht, früher oder später 
könnten nachrichten über dichter und schriftsteiler einer peinlichen nachprüfun^ 
unterworfen werden. Das ist ein fortschritt, der auf die rechnung wissenschaft- 
licher literaturgeschichtsforschung kommt. 

Zincke hat allerdings den alten Veröffentlichungen aus Forsters briefverkehr 
weit mehr als lässigkeit vorzuwerfen. Er greift zu der wendung: frevelhafter 
missbrauch. Immerhin hätte es sich empfohlen, in der darlegung dieses missbrauchs 
schärfer zu scheiden zwischen bewusstem trug und eingriffen, die mindestens 
damals unter gleichen umständen wie etwas selbstverständliches galten. Änderungen 
des wortlautß im sinn stilistischer besserung dürften sogar heute noch bei ver- 
wandten Veröffentlichungen stattfinden. Zuweilen handelt es sich auch in unserem 
fall bloss um beseitigung von flüchtigkeitsfehlern des briefschreibers. Orthographische 
änderungen sind ja auch heutzutage in ausgaben von wissenschaftlicher absieht 
Anzutreffen. Es ist schade, das Zincke das alles aneinanderreiht, ohne durch einen 
klüftigen strich das entscheidende vom unwichtigen zu trennen. Er nimmt seinem 
eigentlichen nachweis dadurch etwas von seiner Schlagkraft. 

An dieser Schlagkraft aber liegt sehr viel. Ziuckes aufgäbe war ja nicht 
etwa bloss, die entstellungen der alten Überlieferung aufzudecken. Vielmehr ist et 
durchaus nicht der erste, der handschriftliche Zeugnisse verwertet zur erhellung 
vor Forsters leben und sie ausspielt gegen weitverbreitete ansichten. Vor ihm war 
mit den mittein. die in Therese Forsters nachlass vorlagen, Ludwig Geiger ak 
nachprüfer der Überlieferung aufgetreten. Zincke kommt schlechtweg genau zu 
den entgegengesetzten ergebnissen. Er hatte also nicht bloss die alten gewährs- 
raänner der Forsterlegende zu bekämpfen und ihre irrtümer aufzudecken, er musste 
auch die fehlgriffe nachweisen, durch die sich Geiger hat verleiten lassen, die 
legende zu schützen und sie gerade an den stellen aufrecht zu erhalten, ja zu 
verstärken, an denen sie von dem wahren Sachverhalt am beträchtlichsten abweicht. 
Zincke nutzt den gesamten gedruckten und handschriftlichen nachlass Forsters. 
Seine ergebnisse haben von vornherein gewonnenes spiel bei den vielen, die von 
anfang an den darlegungen Geigers nur zweifei und einwände entgegenzuhalten 
wussten. Da ich mich zu diesen vielen zähle, heisse ich natürlich Zinckes nach- 
weise willkommen. 

Geiger hatte Therese Forster zu retten versucht, auf kosten ihres ersten 
iremahlß, auf kosten auch der menschen, die für den unglücklichen mehr treue 
übrig hatten als Therese. Karoline Böhmer-Michaelis fuhr unter den treuen bei 
Geiger am all erschlimmsten. Seit langem war Geiger bemüht gewesen, Karoline 
herunterzusetzen und Therese zu heben. Widerspruch erfuhr er in menge. Zincke 
erhärtet, wie berechtigt der Widerspruch war. Auch dafür gebührt ihm mein dank. 

Geiger traute durchaus den Worten Theresens und verspürte nicht, was leicht 
zu erkennen war: das bewusste zurechtrücken der tatsachen, das in Theresens mit- 
teilungen zu beobachten ist. Zincke weist es nach. Er geht noch weiter. Er 
glaubt aus dem zustand von Forsters nachlass ableiten zu dürfen, dass es Forsters 
grösstes unglück war, von Therese Huber überlebt zu werden. Sie habe diesen 
vorteil zu ihren gunsten weidlich ausgenutzt und sich auf kosten der Wahrheit, 
nachdem sie den grössten teil von Forsters nachlass vernichtet und die zurück- 
behaltenen trümmer umgestaltet hatte, einen lebensroman erfunden, der dem wahren 
verlauf in jeder beziehung höhn spreche. 



ITBKR ZOJCKJE, GEOKG l'OHMTKRS KKIKKK 3^J7 

Züicke selbst bezeichnet als wichtigste ergebnisse seiner forschangen : Förster 
hat nicht als französischer beamter von den Preussen geld genommen, wie dank 
Tberesens ungeschickter briefredaktion angenommen werden konnte. Um ihre 
trennung von Forster zu rechtfertigen, beschuldigte Therese in bewusster lüge 
Forster des ehebruchs mit Karoline. Sie selbst war der allein schuldige teil, da 
sie seit dem früh jähr 1790 mit Huber lebte und ihm in den drei letzten jähren 
ihrer ehe mit Foi-ster zwei kinder schenkte. Forster schickte sie am 7. dezember 1792 
nicht weg, wie Therese erzählt, sondern sie trennte sich von ihm, um sich mit 
Huber zu verbinden, mit dem alles längst verabredet war. Halb bewusst, halb un- 
bewusst drängten Therese und Huber im einklang mit ihren eigenen planen Forster 
zu werktätigem anteil an der politik. Sie wünschten, dass Forster in gefährliche 
läge gerate, damit Therese in Hubers schütz flüchten könne, und zwar mit dem 
auschein der berechtigung des Schrittes. Forster liebte Therese immer noch leiden- 
schaftlich und liess sich, als er ihre ziele erkannte, wohl zu leidenschaftlichen 
schritten und masslosen reden hinreissen; zu seinem frühen Untergang aber trugen 
die Verhältnisse viel bei, die von Therese und Huber geschaffen worden waren. 
Noch das bild des Politikers Forster wurde durch die halb entschleiernden, halb 
verhüllenden briefbearbeitungen Theresens und Hubers verundeutlicht. Die ur- 
sprünglichen brieffassungen beweisen, dass Förster sich aus Überzeugung der revo- 
lution anschloss, dass er sein glück, seine häuslichkeit, sein leben für sie opferte 
und dass er bis zu seinem letzten atemzug ein leidenschaftlicher Jakobiner blieb. 
Der Widerspruch von zeitweiliger mässigung und zeitweiligem radikalismus kam 
nnr durch die bearbeitung in Forsters briefe. 

Die berechtigung von Zinckes vorwürfen gegen Therese und Huber im ein- 
zelnen nachzuprüfen, geht hier nicht an. Die art und weise seiner darlegungen 
fordert von jedem, der ihnen zustimmen oder Avidersprechen will, mindestens gleiche 
ausführlichkeit. So sei denn nur einiges gesagt über die wege, auf denen er zu 
-einen nachweisen zu gelangen sucht. 

Der erste band des buches 'Georg Forster nach seinen Originalbriefen' hält 
in sieben abschnitten die älteren Veröffentlichungen von Forsters briefen zusammen, 
mit den echten papieren und zeigt, wieweit durch die eingriffe der herausgeben 
unrichtiges und irreführendes in die darstellungen von Forsters leben gekommen ist. 

Der zweite band sucht die tragödie von Forsters ehe urkundengetreu zu berichten. 

Die ausgäbe von Forsters briefen an Christian Friedrich Voss, den Berliner 
Verleger, bringt nach den handschriften die probe einer zusammenhängenden wieder- 
habe echter Überlieferung und weist in der form von lesarten die abweichungen 
älterer Veröffentlichungen nach. 

Die anläge des ganzen wird begreiflicher, wenn wir wissen, dass Zincke eine 
historisch-kritische gesamtausgabe der briefe Forsters plant. Darum liefert er in» 
.rsten bände etwas wie prolegomena zu jeder künftigen ausgäbe von briefen 
Forsters. Ein probestück seiner eigenen geplanten gesamtausgabe der briefe ist die 
-ammlung der schreiben an Voss. Ich möchte mich nicht mit der frage beschäftigen, 
ob- die briefe an Voss in der gesamtausgabe nochmals erscheinen sollen oder ob 
der vorliegende briefband bereits als anfang der gesamtausgabe zu fassen ist. 
überhaupt schalte ich mit willen alles aus, was ins geschäftliche fällt. Für die 
zweibändige arbeit stand dem Verfasser eine Unterstützung der Gesellschaft zur 
förderung deutscher Wissenschaft, kunst und literatur in Böhmen zur Verfügung. 
Hoffen wir. dass er für seine weiteren absichten ähnliche hilfe finde. 



".328 WALZT8L 

Di« Wiederherstellung des echten textes der hriefe Forsters ist auch dann 
nicht leicht, wenn — wie es hei Zincke der fall ist, — der gesamte nachlas« zu 
geböte steht. Schon hatte ich der tatsache zu gedenken, dass Therese in diesem 
nachlass ühel gewirtschaftet hat, dass er von ihr zum teil wesentlich verringert 
worden ist. Natürlich trägt er auch in seinen erhaltenen teilen deutliche spuren 
ihrer herausgebertätigkeit. So machten es ja früher die veröffentlicher handschrift- 
licher nachlasse. Sie strichen vieles dick durch, sie warfen sorglos das benutzte 
auf einen ordnungslosen häufen. Wie unsorgfältig verfuhr sogar der ordnungs- 
liebende alte Goethe mit seinen eigenen aufzeichnun^en, als er sie für die dar- 
stellung seiner reise nach Italien verwertete! Und ob nicht vielleicht auch heute 
mancher mit lebensgeschichtlichen Zeugnissen aus unserer zeit gleich willkürlich 
und schonungslos umgeht, wenn er sie zur Veröffentlichung vorbereitet? 

Jedesfalls verlangt der zustand von Forsters briefnachlass sorgfältigste philo- 
logische Vorarbeit, ehe ihm eine Veröffentlichung entnommen «erden kann. Daruni 
auch schrieb Zincke seine ausführlichen prolegomena. Er weist an den drucken 
der briefe Forsters von den ersten Veröffentlichungen, die in Hubers Zeitschrift 
'Friedenspräliminarien* 1794 einsetzen, bis zu Hettners ausgäbe von Forsters brief- 
wechsel mit Sömraering von 1877 nach, wieviel zuerst mit absieht verändert wurde, 
welche versehen später aus dem zustand des nachlasses sich ergaben. 

Zugleich verwertet er seine erkundungen zum nach weis der fehlurteile, die 
vermöge des unzureichenden und übelbeeinträchtigten quellenmaterials den biographen 
Forsters unterliefen. 

Der erste band geht von den alten Veröffentlichungen aus. der zweite gib; 
in steter auseinandei-setzung mit älteren berichterstattern, vor allem mit Geiger. 
ein bild von Forsters wahrem äusserem leben. Es ist nur selbstverständlich, dass 
durch solche anordnung viel Wiederholungen sich einstellen. Nur ein einziges, aber 
bezeichnendes beispiel sei erwähnt. Schon oben führte ich den einen uachweis 
Zinckes an: Forster hat als französischer beamter kein geld von der preussischen 
regierung sich zahlen lassen. Der ganze handel, der zu diesem falschen gerücht« 
führte, ist jetzt aus Bertha Badts sachkundiger anzeige von Zinckes arbeiten (Lite- 
rarisches echo bd. 18, sp. 1059 ff.) rasch zu erfassen ; ich verzichte daher auf eine 
wiedererzählung. Zincke erörtert die beiden briefe Forsters au Voss vom 10. und 
'21. november 1792, die den wahren Zusammenhang aufdecken, im ersten bände 
('s. 40 ff.). Er gibt ausführlich den inhalt wieder und zeigt zugleich, wie in den 
Friedenspräliminarien' Hubers und in Theresens ausgaben der briefe Försters 
durch kürzungen und Umstellungen der Vorgang falsch sich' spiegelt. In der aus- 
gäbe der briefe an Voss erscheinen natürlich auch die beiden briefe (s. 190 ff.). 
Wir erhalten also eine ausführliche inhaltsangabe auf der einen seite und auf 
der anderen die hriefe selbst. Die abweichungen der ' ersten drucke erscheinen 
an zweiter stelle als lesarten. Die einleitung zu den briefen an Voss deutet 
abermals und zwar zweimal (s. IX f. und s. XIII) den Sachverhalt an. Merk- 
würdigerweise heisst es an zweiter stelle nach dem bericht über die guten ab- 
sichten. die der preussische minister graf Herzberg für Forster hatte: '(Nach H. König)' 
Ich begreife nicht, warum Zincke sich auf eine unzuverlässige quelle beruft, während 
es doch genügt hätte, auf Herzbergs brief an Forster vom 13. november 1792 zu 
verweisen, der in Theresens Sammlung von Forsters briefwechsel (Leipzig 1829 
bd. 2. s. 311 ff.) erscheint und auf den Zincke sich an anderer stelle bezieht. Im 
zweiten bände des buchs 'Georg Forster nach seinen Originalbriefen' wird die ganze 



Ober /.im kk. geoeg Försters Briefe 329 

abfolge nochmals und zwar beinahe tag für tag erzählt. S. 287 setzt die geschieht.: 
vou dein rückzahlbaren vorschuss, den Forster mit acht vom hundert verzinsen 
sollte, ein; aber schon s. 276 wird von dem brief an Voss vom 21. noveraber ei> 
zählt, s. 283 der Voraussetzungen des Vorgangs gedacht. Ich kann solche wieder- 
holungsfrohe breite nicht glücklich finden. Sie ermüdet den leser, sie nimmt dem 
ganzen unternehmen seine beweiskraft. Weniger wäre auch in diesem falle ent- 
schieden mehr gewesen. 

Die lesarten der beiden entscheidenden briete Försters in der Sammlung 
der schreiben an Voss lassen leider sich gar nicht leicht lesen. Gedankenstriche 
gleicher grosse scheiden einerseits lesart von lesart und dienen anderseits als zeichen 
für 'bis'. Die siglen sind, wie der ganze übrige text, durch frakturbuchstaben 
wiedergegeben. Da Zincke in der mitteilung der lesarten — meines erachtens un- 
nötigerweise — bis zu der angäbe weiterschreitet, dass handschriftliche antiqua 
durch fraktur wiedergegeben ist, erhalten wir (s. 205) die rätselhafte angäbe : "iT}.(3.33.* 
Das soll heissen, dass in Theresens ausgäbe von Forsters briefwechsel (1829) — sie 
ist mit sigle 23." bezeichnet — das 'N(ach). S(chrift). : der handschrift nicht mit 
antiqua. sondern mit fraktur wiedergegeben ist. Obendrein sind die bezifferungen 
dieser und der unmittelbar angrenzenden lesarten in Verwirrung geraten. Unsere . 
und die nächste lesart stehen nicht auf zeile 191, sondern auf 192. Für das vor- 
hergehende 196 ist 192, für 224 ist 219 einzusetzen. Das wichtige, die abweichungen : 
der ersten drucke, ist nur sehr schwer aus diesen lesarten herauszuklaubeu. i 

Zinckes zahlen sind überhaupt nicht immer ganz zuverlässig. Wenigstens 
kann ich nicht verstehen, warum im ersten bände (s. 29) nur von 107 briefen die 
rede ist, die von Forster an Voss gerichtet worden seien, während die ausgäbe 
Zinckes tatsächlich 111 nummern zählt. Auch namen könnten genauer wieder- 
gegeben werden. Goedeke schrieb sich nicht 'Goedecke'. Mein vorname lautet 
nicht "Richard*. Die ausführlichen register mit ihren bio- und bibliographischen 
angaben machen einen guten eindruck. Ich muss es anderen überlassen, sie nach- 
zuprüfen. 

Ich möchte auch nicht dartun, wieweit durch die anläge der ganzen arbeit 
noch weitere Wiederholungen geschaffen worden sind. Man vergleiche etwa nur 
deu abschnitt des ersten bandes über Theresens ausgäbe von Forsters briefwechsel 
(1829), besonders von s. 96 ab, mit dem fünften kapitel des zweiten bandes, das 
die zeit vom januar bis Oktober 1793 umspannt. Schon die technik der lebens- 
üeschichtlichen darstellung musste im zweiten bände zu Wiederholungen führen. 
Denn, wie in der besprechung der einzelnen älteren briefveröffentlichungeri der 
erste band die echte mit der gefälschten Überlieferung zusammenhält, so erinnert 
auch der zweite immer wieder an die striche und Umgestaltungen, die von Theresia 
vorgenommen wurden. Ja er verweilt bei solcher quellenkritik gelegentlich länger 
als der erste. Dem unternehmen wäre es aber nur förderlich gewesen, wenn es 
diese quellenkritik bloss in einem der beiden bände getrieben hätte. Das ganz« 
wäre lesbarer, aber auch überzeugender geworden. Auch als schriftstellerisch» 
leietuug hätte es wesentlich gewonnen. 

Gerade weil ich mich mit den zielen Zinckes einig weiss, durfte ich mein« 
bedenken nicht zurückhalten. Gern erkenne ich den hingebungsvollen tleiss an, 
den der forscher Zincke an die arbeit wendet; aber ich kann mich dem eindruck 
nicht verschliessen, dass er bei der ausarbeitung noch nicht die nötige entfernuny; 
von dem gegenständ gewonnen hatte, die allein zu rechter Ordnung des ston>i 



JiSO ESDER8 

führt imd allein die beweisführung zu voller Wirkung gelangen lässt. Auf deiche 
»irkung kommt hier alles an. Es wäre tiefbedauerlich, wenn die rechte Wirkung 
ausbliebe: die einwandfreie Wiederherstellung von Forsters und seiner wahren freunde 
gutem ruf, die endgiltige entlarvnng Theresens und Hubers. 

DRESDEN. <». WAIiKKL. 



Max Fischer, Heinrich von Kleist, der dichter des preussentuin - . 

Stuttgart und Berlin, J. G. Cottasche buchhandlung nachf. 1916. 79 s. 
Hermann Schneider, Studien zu Heinrich von Kleist, Berlin, Weidmannsehe 

buchhandlung 1915. 150 s. 

Das eigentliche problem, welches das preussentum Kleists tragisch erscheinen 
läs.-^t. wie all sein wollen und vollbringen, hat Fischer deutlich erkannt, aber in 
seiner allzu weitschweifigen und auch nicht zur sache gehöriges breit erörternde n 
darstellung nicht prägnant genug herausgearbeitet: den konflikt zwischen der kalten 
und pedantischen, alles geistige beinahe missachtenden exerzierfrohen disziplin des 
stockpreussentums und der kraftvollen, tatenfrohen Zusammenfassung völkischer 
kräfte zu einem in die zukunft eines neuen Deutschland reissenden idealismus ziel- 
bewusster kulturmiasion, dem jene disziplin lebendige kraft wird, nicht mehr Selbst- 
zweck, sondern mittel. In der Charakterisierung des 'Prinzen von Homburg' kommt 
das schön heraus — die anderen analysen sind nicht ungeschickt, aber nirgend? 
neu und öfters für seine besondere aufgäbe belanglos — und krönt die schritt in 
wirkungsvollem ausblick: 'die kulturellen kräfte des deutschen volkes haben sich 
auch im letzten Jahrhundert im wesentlichen nur neben dem Staate oder gar trotz 
des Staates durchzusetzen vermocht. Das muss uns gerade in unseren tagen, in 
denen die leistungen preussisch-deutscher Organisation und kriegszucht ihre glän- 
zendsten triumphe feiern, zu tiefer besinnlichkeit bestimmen'. Und er wünscht. 
dass im kämpf gegen hass und neid die deutsche Volkspersönlichkeit vertieft und 
gestählt hervorgehen möge, wie der die disziplin als zuchtmittel anerkennende 
Homburg. 'Denn noch lastet auf unserer zeit unerfüllt das gebot, den wundervollen 
Organismus unseres Staates innerlich zu verschmelzen mit der idealischen Sehnsucht 
des deutschen geistes'. 

Fischer betont, wie auch Schneider, die bekannte abneigung des jungen 
Kleist gegen den geist im preussischen Offizierskorps, aus dem er herausstrebt, 
gegen den drill, der ihm Sklaverei ist und 'lebendiges monument der tyranner, 
ausdruck des noch unentwickelten preussischen Staates, unter dessen korporalstock 
keine statte war für die geistigen menschen der zeit (s. 8. 12). Das innerliche 
preussentum Kleists aber äussert sich nicht in worten und aktionen, sondern in 
dem zielsicheren männlichen geist seiner Problemstellungen, tendenzen und nicht 
zum wenigsten seines stils, ebenso in der Sachlichkeit seiner berichtenden erzählungs- 
weise, bei der man wohl einmal an zeitgemässe lakonische berichterstattung über 
die gewaltigsten ereignisse des bisherigen Weltgeschehens erinnern darf. Davon ist 
wohl die rede (s. 20. 27 a. a. a, o.), es ist aber nicht genug ins licht des besondern 
themas gestellt. 

Manches urteil Fischers ist anfechtbar, z. b. über (Heims grenadierlieder (s: 1H). 
Es ^«ht auch zu weit, Lessing nnd Schiller zu denen zu zählen, denen das politische 



iliEl: MW FISCHER, HEINRICH VON KLEIST 331 

geschick Deutschland? gleichgültig gewesen wäre (s. 49), wie überhaupt di« zeit- 
lichen hedingungen zu wenig beachtet werden. Bei der beurteilung der Penthe- 
silea weiss er sich keine sachlicheren gegner auszuwählen, als Maximilian Harden 
und Krafft-Ebing (s. 30/31) und E. Engels erscheint als massgebender literarhistoriker 
(s. 40). Eingehender werden die beziehungen zu Adam Müller herausgehoben, über 
welchen F. ein buch ankündigt, besonders zur erweckung des Verständnisses für 
den überpersönlichen Staatsbegriff im anschluss an die älteren romantiker (s. 72 ff.). 
Die hyperbolische Charakteristik Kleists führt zu mancher Unklarheit: so erinnert 
ihn die gestalt Hermanns in ihrer 'Verbindung seelischer Innigkeit und staats- 
männischer Verschlagenheit nicht nur, wie auch andere, an Stein, sondern an den 
'zwingherrn zur deutschheit', den 'grössten preussischen tatraenschen', den hier 
Kleist ahnend gesehen haben soll, Bismarck. 

Da gehen wir doch lieber mit Schneider, der gerade im anschluss an die>' 
Charakteristik zu dem schluss kommt, dass Kleist kein grosser politiker gewesen 
sei. 'Nicht die tiefe seiner einsieht in die läge, nicht die fülle und praktische 
durchführbarkeit seiner vorschlage (im 'Katechismus') macht die stärke und das 
verdienst seiner deutschpatriotischeu bestrebungen aus, sondern die heftigkeit des 
gefühls'. Auch sonst bringt die 'anspruchslose betrachtung' über Kleists deutschtun i 
gute gedanken, dass Kleist keine Soldatennatur war, überhaupt nicht ausgeprägt 
preussisch. In seine. n bekenntnis zum allgemeinen deutschtum findet er sich 
übrigens zusammen mit fast allen nationalen persönlichkeiten der zeit; man denke 
nur an Fichte und den freiherrn von Stein. Weiter, dass er die Franzosen als 
volk schon hasst, ehe sie seine feinde Averden, die eutwicklung seiner Stellungnahme 
zu Napoleon, die Schonungslosigkeit seiner aus persönlichen empfinduugen des hasst •.- 
geborenen kritik. 'Kleists ratschlage sind wuchtig und radikal. Sie lassen sich in 
zwei schlagworte zusammenfassen: Er fordert einerseits höchste Opferfähigkeit, 
andererseits höchste brutalität'. Man kann ja in der tat nicht leugnen, dass Kleists 
wilde aufforderungen zur räche an das Huunengeschrei überm kanal erinnerte, das 
uns so entsetzt und empört. Das ist mit anerkennenswertem Wahrheitssinn des 
unbestechlichen forschers dargestellt. Und richtig ist es sicher, dass Kleist nicht 
als herold eines irgendwie fassbaren deutscheu reiches gelten kann (wie. etwa 
später Geibel), sondern als der leidenschaftliche Verteidiger und kämpfer für das in 
seinem grund bedrohte deutschtum, dessen erhaltung und Vertiefung- erst die be- 
dingungen schafft für ein neues reich der zukunft. 

Allzu schnell fertig ist dagegen Schneider mit den beziehuugen Kleists zur 
rom antik im hinblick auf deren deutsche tendenzen. Man kann doch nicht leugnen, 
dass Adam Müller, der hier eine so entscheidende rolle spielt, in engster fühlung 
mit romantischen kreisen und romantischer Weltanschauung steht, mag man den 
begriff der romantik so eng oder so weit fassen, wie man will. Sehn, blickt zwar 
missmutig auf die unbestimmte Verwendung des begriffs romantik, gebraucht ihn 
aber selbst ohne eindeutige bestimmung. Bei solchem verfahren besagt ein satz 
wie: 'Kleist ist beim deutschen mittelalter öfters eingekehrt, aber nie als roman- 
tiker* nicht mehr als nichts. Das beste negative kennzeichen für Kleists ablehnung 
der deutschtümelnden tendenzen ist ihm 'zweifellos' die tatsache, dass sich seine 
werke sprachlich von einer solchen beeinfiussung vollständig frei zeigen. Als oh siel» 
nur solche 'deutschtümelnde' tendenzen in der romantik, besser bei den romantikern 
jänden ! Kann man den ton der freiheitsdichter aus diesen zusammenhängen heraus- 
nehmen? Selbstsieher ausgesprochene behauptungen sind nicht dasselbe wie grräntf- 



332 ENDERS 

liebkeit. Ähnliche, ebenso grossartig vorgetragene begriff liehe schwächen rinden 
sieh öfters, wie s. 6 der schöne satz: Kleist schrieb sein preussisches inilitnrstück. 
um zu beweisen, 'dass man offizier und zugleich mensch, und zwar mensch nicht 
nur in der höchsten, sondern auch in der tiefsten bedeutung des Worts sein könne'. 
Welches ist die höchste und welches die tiefste hedeutung? Im zweiten auf satz 
'Ghonorez oder Schroffen stein' V steht Sehneider ganz auf seinem eigensten boden. 
EL Conrad und Eugen Wolfi' hatten bekanntlich vor jähren die druckfassung des 
Kleistschen Jugendwerkes als entstellung des originalen textes durch andere hand 
zu erweisen gesucht. Schneider hat meines erachtens einwandfrei nachgewiesen, 
dass diese auffassung durchaus irregeht, dass der erste druck (die famiiie Schroffen- 
stein) als von Kleist, anerkannt die grundlage der kritischen textgestaltung zu bilden 
hat, die nur au den stellen, wo die gleichgiltige und flüchtige behandltuig nach- 
weisbar mäugel verursacht hat, nach dem handschriftlichen text der famiiie Ghonorez 
zu bessern ist (z. b. s. 30 ff.). Mit recht macht er zunächst front gegen die lediglich 
auf ästhetische empfindun^en gebaute behandlung solcher eebtheitsfragen. Es wird 
gezeigt, dass Wolffs argumenta dieser art nicht nur anfechtbar, sondern auch höchst 
widerspruchsvoll sind (s. 27 u. a.). Eugen Wolff hat bekanntlich L. Wieland als 
den bearbeiter des gedruckten textes bezeichnet. Schneider macht ihm den be- 
rechtigten Vorwurf, dass er bei dieser behauptung die dramen Wielands und deren 
spräche hätte untersuchen und zum vergleich stellen müssen. Die mitteilungcn 
von 1807 im Stuttgarter morgenblatt (E. Schmidt I, s. 9), wonach 'unberufene 
herausgeber' den Kleistscben text so ausstaffiert hätten, dass 'von der ursprünglichen 
form wenig oder gar nichts mehr zu erkennen' sei, bauschen den Sachverhalt in 
ungebührlicher weise auf. Die nachwirkung dieser notiz wird verfolgt. Eine 
Kleistsche äusserung, welche Wolff für seine meinung heranzieht, spricht eher 
gegen sie (s. 36). Die betrachtung der handschrift selbst zeigt diese als hergerichtet 
zum zweck des kopieren*. Bei der wiedervornahme sind wahrscheinlich weitere 
Veränderungen vorgenommen worden, die in dem gedruckten text erscheinen. 
Schneider schliesst: die zuerst zu papier gebrachte fassung Gh. 'ist abgeschrieben 
worden, die kopie bietet aber, bei der beschaffenheit der vorläge verständlich, 
keinen rein Kleistischen text, sie wurde zudem wohl noch durch die Unachtsamkeit 
des korrektors entstellt. Dennoch Avurde diese abschrift ohne oder unter nur ganz 
gelegentlichen rückblicken auf die fassung Gh. zur grundlage der weiteren be- 
arbeitung des stücks gemacht'. 

Diese annähme wird nun durch metrische, sprachliche und stilistische be- 
trachtung gestützt. Dabei ergibt sich, dass die zuletzt gedichteten Szenen von Gh 
sich der technik von S, namentlich durch vordringen der sechsfüssler, gegen deren 
«•indringen K. immer gleichgiltiger wird, mehr und mehr annähern. Elision und 
enjambement werden geprüft, wobei auch auf den zum vergleich herangezogenen 
gebrauch in anderen Kleistschen stücken licht fällt. Die neuen partien von S sind 
durchaus Kleistisch. Bilder, Wortstellung, die zerdehnung des dialogs in diesen 
teilen bestätigen das Kleistsche gepräge. Schliesslich werden die inhaltlichen 
differenzen von Gh und S untersucht. Kleist selbst tritt als zeuge für neue ge- 
wichtige Veränderungen auf. Der fünfte akt bringt eine schnell hingeworfene lösnng, 
da das interesse des dichters an seinem werk nicht mehr zureichte. 

Sichere resultate bringt auch die studie 'zum Zerbrochenen krug', gesichert 
durch die vorsichtige philologische methode, die sich auch hier bewährt. Bekannt- 
lich sind uns drei formen des Instspiels ganz oder teilweise erhalten: die band- 



ÜBEB SCHNEIDER, HEINRICH VON KI.KIST 3.33 

Schrift von 1806, das Phöbusfragraent von 1808 und der beste druck, welcher auf 
grund einer alten kopie hergestellt ist, die sich die späteren Verbesserungen nicht 
zunutze macht. Es lässt sich nicht feststellen, was schon in der Schweiz ent- 
standen sein könnte, da die verstechnik des lustspiels auch in der endgiltigen form 
nicht sorgfältig ist. Wenn man auf dieses kriterium allein angewiesen wäre, müsste 
mau den Krug zeitlich hinter der Familie Schioffenstein einordnen. Zahlenmassige' 
t'eststellungen der unkorrektheiten im vergleich mit dem Guiskardfragment zeigen 
dieses in der formgebung ausserordentlich entwickelt. Wesentlich tiefer erscheint 
auch der Amphitryo. Schneider kommt zu der feststellum;; dass sich Kleist in 
lustSpielmässigen szenen mehr geben Hess. Auf grund dieser metrischen kriterien 
wird die frage erörtert und beantwortet, welche Stellung dem variant in der 
•'iitwicklungsgeschichte des textes anzuweisen ist. Es stellt den ursprünglichen 
scbluss dar. Hier schliesst sich Seh. den Untersuchungen Wolffs an. Bei dieser 
einstellung des variants lassen sich gesichtspunkte der späteren verkürzenden 
bearbeitung finden. Einer war sicher das bestreben, durch konzentration die bühnen- 
wirkung zu sichern, welche der ersten fassung bei der bekannten aufführung in 
Weimar versagt blieb. Ein weiterer, die spezifisch historischen züge der ersten 
fassung zu verwischen. Ein argument bleibt freilich unklar. Kleist soll geflissent- 
lich 'zur zeit der Hermannschlacht und des Prinzen von Homburg den patriotischen 
Äusserungen Evchens nicht die naheliegende wendung gegen die Franzosen gegeben 
haben, die ja, wie die damaligen feinde Deutschlands so die wirklichen histo- 
rischen feinde der Niederländer von 1680 gewesen sind' (s. 94). 
Zwei seiten vorher aber will Schneider 'mit Sicherheit sagen', dass Kleist, 'nachdem 
seine historischen Studien längst abgeschlossen waren, in unklarer Vorstellung 
der politischen Verhältnisse jener zeit' gelebt hätte. Die Vorzüge der 
letzt'-u fassung werden überiienügend hervorgehoben. Dass die ältere fassung mit 
dem variant tatsächlich in Weimar gespielt wurde, diese hypothese erhebt schliess- 
lich Schneiders betrachtung über die möglichkeit der einteilung derselben in drei 
akte (gegenüber der Unmöglichkeit der endgiltigen) und der Vorwurf der indezenz 
durch die Weimarer damen zur gewissheit. Denn nur auf das variant kann sich 
der letztere beziehen. Noch ein zweites, weniger bedeutsames resultat wird einwand- 
frei gewonnen: die zeit, in der das stück spielt, ist das 17. Jahrhundert und zwar 
ziemlich genau bestimmbar das jähr 1685. Die quelle wird mit grösserer Wahr- 
scheinlichkeit als von Walzel (der auf Strada hinwies) in Waagenaers Niederländischer 
beschichte gefunden. 

Gegen diese beiden arbeiten zur textkritik fallen die beiden letzten aufsätze 
beträchtlich ab. Der erste der beiden: 'Kleist und Cervantes' ist sowohl in den 
resultaten wie in der methode anfechtbar. Schneider muss selbst zugeben, da^s 
der vergleich keinerlei überraschende resultate zutage fördert. Grund: die hohe 
Selbständigkeit des dichters. (iemeinsamkeiten seien nur in äusserlichen dingen zu 
erwarten. Und dann wird die eingangstechnik der beiden dichter verglichen 
durch parallelen. Der grundlegende irrtum der Verfassers besteht darin, dass er 
diese technik also für eine äusserlichkeit hält, während sie in Wirklichkeit ausflus« 
einer menschlichen und künstlerischen besonderheit ist (wie jede originale technik), 
die zulänglich nur erklärt werden kann auf grund einer psychologischen 
analyse. Hier rächt sich die in der einleitung betonte und gleich noch zu be- 
sprechende einseitige frontstellung des philologen gegen die psychologische analyse 
vor erledigung aller philologischen probleme. Scharf muss demgegenüber der 



334 BSDBttK 

gnaadsatz aufgestellt werden: Untersuchungen über künstlerische technik sind unt- 
rem philologischen mittein nicht möglich. Nur durch die psychologische analys. 
wird vielmehr die gmndlage aller originalen technik geschaffen. Und nur da 
kann von einer tief ergehenden beeinflussuug von aussen die rede sein, wo die 
psychologische erklärung versagt. Aach grad und möglichkeit a priori solcher 
beeinflussung muss aus dem vergleich ähnlicher seelischer und kultureller bedingungen 
der verglichenen Schriftsteller erschlossen werden. Ohne das haben die Zusammen- 
stellungen von parallelen, wie sie Schneider gibt, wissenschaftlich nur den wert toten 
materials. So können auch nur gedankenlose sätze möglich werden, wie der: 'Mit 
(iieser sofortigen vorwegnähme wichtiger dinge, durch die der leser gleich zu anfang 
der erzählung mitten in den Strudel der ereignisse geworfen wird, hängt die Vor- 
liebe beider dichter für den analytischen oder teilweise analytischen bau der novelle 
zusammen*. Die sache ist natürlich gerade umgekehrt : die neigung zur analytischen 
darstellungsweise, die den geboreneu erzähl er (etwa gegenüber dem Schriftsteller, 
der nur am Schreibtisch arbeitet) charakterisiert, bedingt die vorwegnähme wichtiger 
dinge. Es ist derselbe eingeborene trieb bei Kleist sowohl wie bei Cervantes, 
welcher seiner novelle den grundcharakter der 'unerhörten, ungewöhnlichen begeben- 
heit' verleiht. Nicht weil diese 'von Goethe inaugurierte ältere Vorstellung von der 
novelle in ihm lebendig' ist, schreibt er im gründe doch keine in o rausch e 
novellen, sondern weil sie ihm wesensfremd sind. Ist es an sieh schon unwahr- 
scheinlich, dass Kleist unter dem inneren druck einer theoretischen meinung ge- 
arbeitet haben soll, so kommt das hier um so weniger in frage, weil Kleist, wenn 
solche erwägungen für ihn bestimmend gewesen wären, nicht hätte verkennen 
können, dass gerade die Goethischen novellen eine unverkennbare moralische ten- 
denz haben, auch wenn wir von den damals ja noch nicht erschieneneu in Wilhelm 
Meisters wanderjahren absehen. — Der Umschwung von der direkten rede in die 
indirekte in den höhepunkten lebendiger Situationen scheint mir nicht so eigen- 
tümlich und fast unorganisch (s. 107 f.). Natürlich hat Kleist nicht nach einem 
kühl überlegten prinzip diesen Wechsel vorgenommen. Aber es scheint, dass er in 
konsequentem gefühl immer gleich oder ähnlich verfährt: der leitgedanke wird im 
dialog in direkter rede ausgesprochen, die daraus resultierende fortführung des 
gesprächs in indirekter rede. Auch das entspräche einem natürlichen trieb de^ 
erzählers, der sich selbst sprechen hört, während er schreibt. Wenn Seh. fest- 
stellt, dass der jähe Wechsel spezifisch Kleistisch ist (s. 108) und dass bei Cervantes 
beide arten der ausdrucksweise 'viel gemächlicher ausladen und breiteren räum 
einnehmen', so muss man erstaunt frageu, wozu dann überhaupt diese vergleichung 
stattfindet. 'Die ähnlichkeit besteht darin', sagt er, 'dass die direkte rede zwar 
immer vorwiegt., dass aber auch indirekte einkleidung vorkommt und zwar oft 
gerade den wichtigsten und beweglichsten äusserungen gegenüber zur anwendung 
gelangt'. Und diese allerorten nachweisbare erscheinung soll zu den 'greifbaren 
Übereinstimmungen' gehören, aiü deren nachweis es ihm im gegensatz zu der übrigen 
etwas geringschätzig behandelten literatur ankommt. Noch unglücklicher ist der 
hinweis auf die 'uns(?) entschieden übertrieben anmutende ausmalung der Leiden- 
schaften und der Symptome derselben bei beiden dichtem' »s. 110). Dazu, fragt 
man sich erstaunt, muss der verständige kritiker der familie Ghonorez und 
der kenner der Penthesilea ausscbau halten bei Cervantes? Er, der dabei gleich 
(s. 111) feststellt, dass 'eine gewisse Vorliebe für krasse effekte und ausdrücke 
Kleist allein eigen' ist? Nnr. weil auch Rudolf in der Fnerza die vorbeigehenden 



ÜKBIt SCHNBIDJ5R, JIKINKH'U VON KLEIST > ;; 

darneu "anstiert', wie der forstmeister in der Marquise den grafen vor bcstürzuntr 
'anglotzt' ? Kohlhaas, führt Schneider aus, fasst bei seinem eindringen in der 
Tronkenburg einen vetter seines Widersachers, der ihm entgegenkommt, an der 
brüst und schleudert ihn in einen winkel des saals, 'dass er sein hirn an den 
steinen versprützte'. In der Roqueepisode des Don Quichote übersetzt Soltau den 
*atz, der die Wirkung eines hiebes des hauptmanns gegen einen widerspenstiger 
untergebenen ausdrücken soll: 'Er gab ihm einen hieb, dass ihm das hirn ums 
inaid spritzte'. 'Daran mag Kleist im Kohlhaas gedacht haben' (!) Wir 
empfehlen die lektüre einiger beliebigen Unterhaltung«- und ritterroraane der zeit. 
Und wir überzeugen uns noch einmal von der ironisch 'überlegenen' abfertigung 
der 'psychologischen mikrologie (s. 1), die für jeden inouient von Kleists leben seinen 
seelischen habitus, seine Stimmung zu ergründen sich vermisst'. Auch wir billige« 
diese Übertreibungen nickt, aber setzt sich nicht ein so radikaler kritiker doppeltem 
Vorwurf aus, wenn er ganz ähnliche Sünden begeht? Ganz zwecklos ist auch 
der hinweis auf eine gemeinsame Vorliebe für ganz junge heldinnen, wenn dei 
Verfasser den vergleich selbst als belanglos für die frage der eventuellen beein- 
llussung ansieht (s. 112). Auch von diesen dingen ist überhaupt nur zu sprechen 
auf «rrund einer psychologischen analyse. 

Schneider fühlt den negativen Charakter dieser Untersuchungen selbst s>< 
lebhaft, dass er fast auf jeder seite eine bemerkung machen niuss, die sie in ihrer 
bedeutung abschwächen sollen. Wissenschaftlich ernst zu nehmen sind nur zwei 
Beziehungen, von denen denn auch die eine wirkungsvoll an den schluss des einen 
aufsatzes gestellt, die andere zum gegenständ des 2. aufsatzes gemacht wird. Die 
eine ist das wort von den unwahrscheinlichen Wahrheiten, das eine aller- 
dings überraschende parallele im Don Quichote 11, cap. 24 hat. Immerhin ist auch 
liier ein strikter beweis nicht zu erbringen. Auch dieses wort liegt dem geborenen 
erzähler zu nahe, als dass es nicht selbständig an verschiedenen stellen aus- 
gesprochen werdeu könnte, man möchte beinahe sagen : müsste. Bekanntlich treten 
unter gleichen Voraussetzungen oft genug solche gleiche Wirkungen ein. R. M. Meyer 
hat diese frage auch im zweiten punkt seiner 'kriterien der aneignung' (Wiederkehr 
gleicher bedingungen, Neue Jahrbücher 1906, bd. 17, s. 367 ff.) prinzipiell behandelt. 
Die einzige ganz sichere beziehung knüpft sich an den einzigen roman des Cervantes, 
den Kleist wirklich erwähnt hat (auch das gibt zu denken!), an den Persiles. 
Schneider zeigt in seinem letzten aufsatz — und ich stimme ihm zu — dass er aur 
die gestaltung der uovelle 'Der Zweikampf eingewirkt hat, deren eigentliche quelle 
die 'Geschichte eines merkwürdigen Zweikampfes' aus Froissards Chronique* ist 
Eins aber ist festzuhalten: diese einzig sichere beziehung zu Cervantes ist in o- 
t Wischer art, nicht kunsttechnischer. 

Die widmungsworte des buches (an Roethe) wirken wie eine methodische 
Kriegserklärung an eine 'richtung' unserer Wissenschaft, die man nach diesem Vor- 
wort als die 'nichtphilologen' bezeichnen möchte. Ob eine solch einseitige gegen- 
tichtung wirklich besteht, muss nach den theoretischen äusserungen, die bisher 
vorliegen, bezweifelt werden, wenn man von den aussenseiteru, die von der fach- 
ästhetik herkommen und ihren theoretiker und Vorkämpfer in Dessoir gefunden 
haben, absieht. 'Die tendeuz, sagt. Seh., war zu zeigen, dass Kleists werke; immer 
noeji bedeutsame probleme philologischer natur bergen, die eben nur mit philo- 
logischen mittein zu lösen sind und dass die Kleistforschung also noch keineswegN 
weit genug ist, abschliessende kompendia zu liefern, auch sieb nicht um auf dli 



I>36 si ini.iioi i i:ki; KKAS.S, \\.\KrrK VOK i,>kostk 

seelen- oder gar körperbeschaffenheit ihres beiden als allein noch zu lösendes 
ratsel weifen muss'. Was die kompendia angeht, so hat er gewiss nicht ganz 
unrecht. Aber wer bezweifelt denn ernsthaft, dass noch bedeutsame problenie 
philologischer natur vorhanden sind, ja, dass diese überhaupt in absehbarer zeit zu 
erschöpfen sind? Und wer behauptet denn wirklich etwas so ungereimtes, wie da> 
von der seelen- und körperbeschaffenheit? Dass Seh. bedeutsame aufgaben, soweit 
dazu die philologischen mittel zureichten, einwandfrei gelöst hat, glaube ich ebenso 
gezeigt zu haben, wie. dass bei andern tatsächlich die philologischen mittel nicht 
zureichen, die* von ihm gestellte aufgäbe zu lösen. Man kann doch nicht annehmen. 
dass hier die seltsame in einung vertreten werden soll, es dürften keine psychologischen 
Miidien über Kleist als gleichwertige wissenschaftliche leistung getrieben werden. 
solange noch rein philologische probleme offen stehen. Beide müssen immer 
nebeneinander hergehen. Allein entscheidend ist die Veranlagung des forschers. 
Es geht auch nicht an. der methode. welche auf die ermittelung der geheimnisse 
von Kleists Seelenleben ausgeht, eine 'notwendige' Oberflächlichkeit zuzuschreiben 
's. 1 1. Mir ist überhaupt der sinn solcher gewaltigen sätze verborgen. Mein denk» 
vermögen sagt mir: jedes wissenschaftliche ziel kann doch sowohl in gründlicher 
wie oberflächlicher methode erreicht werden. Oder ist die Zielsetzung schon ober- 
flächlich? dann haben unsere besten und anerkanntesten führer diese nachträgliche 
Zurechtweisung einzustecken. Sind aber bestimmte persönlichkeiten des tages ge- 
meint, wie das buch selbst vermuten lässt, so wäre es in dieser zeit der bemühung 
um entwicklung der methoden richtiger, diese namen zu nennen. 

Der stil des buches ist anfechtbar, der lehrer Erich Schmidt hat in dieser 
hinsieht keine schule gemacht. 'Des dichteis Stellungnahme hat sich in gegen 
früher bewundernswürdiger weise geklärt' (s. 5). Er stellt den satz 
auf, dass ein held nicht immer held sein dürfe, dass er es nur auf kommando 
zu sein habe' (s. 5), 'der im vollsten mass das erst werden muss, was er, wie 
der preussische offizier, überhaupt sich immer bereits zu sein 
dünkt' (s. 6). 'Wie weit sprechen alle diese argumente gegen Kleists haupt- 
sächliche beteiligung-?' (e. 29) u.a. na. An druckfehlern stelle ich fest: 
9. 73, z. 23: man (zu lesen: nun); s. 93 wird z. 10 und 15 ersteres und letzteres 
verwechselt, 8. 103, z. 1 erst (lies: erste): z. 6 von unten zu lesen: Erzählung: 
*. 104, z. 2 von unten zu lesen: Heiligen. 

HONK. CAKL ENDlERS. 



M. Krass, Bilder aus Annette von Drostes leben und dichtung. 
Münster, Franz Coppenrath 1915. 93 s. 1,50 m. 

Das populär gehaltene schrifteben umfasst sieben kleine aufsätze von ver- 
schiedenem wert. Interessant ist die mitteilung eines ungedruckten albumblattes 
aus dem jähre 1826 (s. 26 ff.), das, Avie festgestellt wird, für eine halbkusine 
Annettens, Amalie Heereman von Zuydtwyck, geschrieben wurde. Ein anderer 
aufsatz fasst alles wissenswerte zusammen, das über die Sammeltätigkeit der dichterin, 
♦liefen bedeutenden faktor ihres lebens, bekannt ist: über Annettens geologische 
ausflüge, ihre Sammlungen von Versteinerungen, mineralien, münzen usw., am 
>< hlusse werden auch mitteilungen über das spätere Schicksal der Sammlungen ge- 



scfh-LHOF ÜBE« CEMKE, DTK HAUI'TUICHTÜNttEN l.M DEUTSCHEN GEI8TK.SLEBEN :V.\~ 

macht. Lesbar und dem Charakter der volkstümlichen schrift gut entsprechend i-*< 
auch eine kurze skizze, die das Verhältnis Annettens zu ihrer amuie darstellt (ur. li 

Schlechter steht es im allgemeinen um diejenigen partien des schriftchens, 
die vor allem Annettens dichtung behandeln. Drei kapitel haben die natnrpoesi. 
zum gegenstände (nr. 1 'Annette von Drostes naturpoesie'. Nr. 5 'Die poetischen 
büder aus der natur im Geistlichen jähr'. Nr. 7. 'Das naturgetreue in Annettens 
dichtungen'). Hier wie auch sonst im verlaufe der kurzen arbeit sind die häufigen 
verweise und Wiederholungen • störend. Trotzdem den naturwissenschaftlichen be- 
schäftigungen der dichterin ein ganzer abschnitt gewidmet ist, werden sie noch an 
verschiedenen anderen stellen, ohne dass es notwendig wäre, erwähnt oder von 
neuem betrachtet. Auch einige biographische details, die ohnehin sattsam bekannt 
sind, tauchen immer wieder auf. (So wird z. b. dreimal gesagt, dass der f reihen 
von Droste blumenzucht trieb; dass Annette mit ihren brüdern Unterricht in dei 
naturgeschichte erhielt, gleichfalls dreimal: in nr. 1. 4,7; und in drei verschiedenen 
aufsätzen kann man es lesen, dass Annette keine naturforscherin im eigentlichen 
sinne war. — Nr. 1, 5, 7.) Recht überflüssig ist auch die Zusammenfassung- fles 
gedankenganges von nr. 1 zu beginn des 5. kapitels. — Es wäre vielleicht ratsam 
gewesen, die drei verwandten artikel in der buchfonn zu vereinigen; der verfasse;- 
hätte dadurch manche Wiederholung leicht vermieden. 

Die Charakteristik der gedichte ist matt; stellenweise völlig nichtssagend 
(vgl. aufs. 19 und 18: 'sehr schön', 'hervorragend schön', 'geradezu unübertrefflich'). 
Eine art von eingehender betrachtung ist iu nr. 7, in der beobachtung von licht- 
uud schallwirkungen versucht. Aber auch hier wird kaum etwas brauchbares ge- 
boten. Durch solche artikel kann weder das interesse des lesers angeregt noch 
das Verständnis für die dichtungen gefördert werden. Eine wohltuende ausnähme 
stellt in alledem nur der dritte artikel dar 'Zur erkläning des spiritus familiaris 1 , 
er bringt, freilich über den rahmen der populären schrift hinausgehend, eine im 
gegensatz zu den früheren auffassungen annehmbare auslegung der ersten zwei 
Strophen des vierten gesanges (vgl. s. 35 ff.). Andere ähnliche versuche sind weniger 
gelungen, wie z. b. eine neuerklärung des gedichts 'Am aschermittwoch' (s. 50); 
hier sind wohl noch immer die älteren deutungen, vor allem die Kreitens, vorzu- 
ziehen. Aber auch in diesen partien begnügt sich der Verfasser zuweilen dort, wo 
man Charakteristik oder erklärung erwarten sollte, mit farblosen phrasen z. b. s. 57 
'einen eigentümlichen vergleich enthalten die verse': (es folgt das zitat) oder s. 60 
sehr auffallend ist die stelle '. . . usw. Aus dem harmlosen gutgemeinten büchlein 
spricht eine ehrliche begeisterung für die kunst Annettens. Ob es, wie der verfasscr 
hofft, dazu beitragen wird, den kreis ihrer Verehrer zu erweitern, ist fraglich, 
fraglich allerdings auch, ob eine solche erweiterung im interesse der dichterin 
überhaupt wünschenswert ist. 

PRAG-, HILDA S< IUI.IM >r. 



Ernst Lemke, Die haup triebt uugeu im deutschen geisteslebender 
letzten Jahrzehnte und ihr Spiegelbild in der dichtung. — Leipzig, 
Quelle und Meyer 1916. VIII, 125 s. 2 in. 

An der band der bekannteren historischeu, philosophischen, naturwissen- 
schaftlichen, kultur- und religionsgeschichtlichen Schriften, besonders im anschluss 



KOHl I.IIOI DlJKIt L.KMKK, I»IK HAPFI'ltlCiri'UMlKN IM I »KIT I SCI I ! TN l i KIS TK.Sl.KIJMN 

au Eiicken und Lamprecht, überblickt der Verfasser nach kurzer allgemeiner 
Charakteristik des modernen lebens die verschiedenen geistigen Strömungen 4er 
letzten Jahrzehnte. — Die arbeit setzt in der zweiten hälfte des 19. Jahrhunderts, 
bei der begriindung des Sozialismus ein und behandelt sein wegen, seine tonnen. 
seine entwickluug und ausbreitung. 

War der Sozialismus eine gegenbewegung gegen die vorhergehende ent- 
wicklung in der ersten hälfte des 19. Jahrhunderts, so entsteht, nun wiederum zu 
ende des Jahrhunderts eine neue gegenströmnng • — der individualismus; er ist 
der Vertreter einer geisteskultur gegenüber dem Sozialismus, dem Vertreter der 
menschenkultur. Dieses längere kapitel gipfelt in einer im wesentlichen auf das 
R. M. Meyersche buch gestützten betrachtuug Nietzsches, seiner Wirkung auf diu 
Zeitgenossen, der nachwirkung seiner gedankengänge auf die folgezeit. Von Sozia- 
lismus und individualismus, die als gesellschaftsanschauungen bezeichnet werden, 
gelangt die Untersuchung weiter zu den beiden grossen gegensätzlichen Welt- 
anschauungen, realismus und idealismus, die sich häufig mit dem Sozialismus einer- 
seits, mit dem individualismus andererseits verbinden. — Anschliessend werden die 
einzelnen modernen Weltanschauungen behandelt — , voran die naturwissenschaften 
t'materialismus, monismus, die mechanistische Weltanschauung, darwinismus und 
evolutionismus), ihr gegensatz zu philosophie und religion, ihr einfluss auf die 
allgemeine kultur; hierauf die moderne philosophie, wobei die gegenüber den rea- 
listischen richtungen auftretenden neuen idealistischen richtungen der letzten Jahr- 
zehnte hervorgehoben werden. Der in den kreis idealistischer zeitströmungen 
gehörenden religion ist zum Schlüsse ein breiter räum gewidmet. Zusammenfassend 
wird im binblicke auf die letzten Jahrzehnte von einem sieg des realismus auf der 
ganzen linie gesprochen, wobei jedoch überall andentungen eines erwachenden 
idealismus zu finden seien. 

Es ist dem Verfasser in diesem ersten teile gelungen, ein anschauliches bil'l 
der jüngsten geistigen Vergangenheit zu entrollen; wir erblicken die gegensätze 
(im gründe zwei grosse bewegungen) und ihren ausgleich, die verschiedenen ab- 
wandlungen des einen elementes unter dem einfluss des anderen. (Wenn z. b. be- 
merkt wird, wie die naturwissenschaftliche tätigkeit mit idealistischer Weltanschauung 
vereinigt sein kann, oder, wie der realismus der naturwissenscbaft auf rein idea- 
listische Weltanschauungen einfluss gewinnt.) 

Der zweite teil der schrift hat das Spiegelbild der geistigen hauptrichtungen 
in der deutschen literatur zum gegenstände. Der enge Zusammenhang der dichtung 
der letzten drei Jahrzehnte mit der allgemeinen geistesgeschichte zeigt sich in der 
Schnelligkeit der entwicklung, und hauptsächlich in dem hinstreben zum neuidealis- 
mus, das in der dichtung am deutlichsten ausgeprägt ist. In dieser entwicklung 
(der dichtung sowohl als des gesamten geisteslebens) will der verf., wie er dann in 
dem optimistisch ausklingenden Schlusswort sagt, den anfang einer neuen blüte- 
periode entdecken. 

Alles wird auf die beiden grossen gegensätze, realismus und idealismus 
zurückgeführt. Dadurch ist die gliederung des ganzen in drei hauptabschnitte be- 
-stimmt: 'realismus' — 'zwischen realismus und idealismus' — 'idealismus'. (In jedem 
die gleichen Unterabteilungen 'lyrik', 'epik', 'drama'.) In dieses Schema ist nun die 
bunte, schwer zu übersehende und zu ordnende fülle der literarischen richtungen 
vom naturalismus angefangen über den impressionismus, Symbolismus, bis zu neu- 
romantik. neuklassizismus U3W. eingefügt. Dabei ist auch hier wieder der ausgleich 



SCHLÖSSE« ÜBEN UKAF STHÄCHWrj'Z KD. KLSTKI! 339 

der gegensätze, Übergang von einer richtung in die andere beobachtet. Im 
sranzen und grossen aber ist der Verfasser in der darstellung der älteren epochen 
glücklicher gewesen als in der der gegenwart näher liegenden. Das ist leicht be- 
greiflich, da für diese jüngste zeit die zahl der wissenschaftlichen vorarbeiten an 
wert geringer ist als für die vorhergehenden abschnitte und man daneben auf eiue 
grössere menge von mehr oder weniger oberflächlichen produkten essayistischer und 
journalistischer art angewiesen ist. An solchen stellen tritt denn auch die mangelnd»; 
eigene Urteilsschärfe des Verfassers zutage. Besonders in der gewaltigen Über- 
schätzung Hans Benzmanns (vgl. s. 108), die sich schon äusserlich in der verhältnis- 
mässig viel zu eingehenden besprechung kundgibt. — Abgesehen davon verfolgt er 
die bei Schriften von geringem umfang angebrachte methode, nur die aller- 
wichtigsten gestalten und erscheinungen aus der fülle herauszugreifen, alle 
übrigen dagegen iu den den einzelnen kapiteln beigegebenen Übersichten unter den 
Vertretern der betreffenden richtung oder gattung lediglich mit aufzuzählen. — Bei 
diesen Zusammenstellungen wäre allerdings mehr vorsieht am platze gewesen. In 
die abteilungen 'Standes'roman', 'Standesdrama' ist manches werk geraten, das eine 
einschachtelung nicht verträgt. Der Verfasser ist da wiederholt in ein dileimna 
geraten; es zeigt sich darin, dass er z. b. Gerhart Hauptmanns 'Vor Sonnenaufgang' 
einmal unter 'Proletarierdramen' (s. 83), das anderemal unter 'Bauerndramen ' (s. 102) 
einreihen musste, ebenso "Rose Bernd'. — Es wird zu sehr nach äusserlichen oder 
nebensächlichen motiven geordnet. Wie kommt Wedekinds 'Frühlingserwachen' in 
die ab teil ung 'Schuldramen'? Schon die nachbarschaft von 'Flachsmann als erzieher 
ist hier peinlich. Die bezeichnung 'Studentenroman' für Bierbaums 'Prinz kukuck' 
(s. 97) entspricht dem inhalt und der eigenart dieses buches in keiner weise. 
Auch 'Gerichtsdrama' ist ein völlig unrichtiger name für Hauptmanns diebskomödie 
4 Der biberpelz'. 

Auffallend ist der inangel an hinweisen auf den Zusammenhang mit der 
literatur des ausländes. Wenn es auch natürlich nicht zu den aufgaben einer der- 
artigen Untersuchung gehört, auf diese beziehungen näher einzugehen, so mussten 
doch die wichtigsten namen genannt werden, wie es vereinzelt durch den hin- 
weis auf Ibsen, an einer zweiten stelle auf die Short story Englands geschehen 
ist. Aber z. b. Zola oder Huysmans werden nicht einmal erwähnt — trotzdem di« 
romane von Kretzer und Sudermann besprochen werden, ebensowenig der einfluss 
Maupassants auf die novelle, oder etwa die einwirkung der kunstlehre Taines auf 
die Produktion der deutschen dichter; wir hören nichts von dem einfluss Whitman» 
auf die Holzsche lyrik, .später nichts von Verlaine, den französischen neuroman- 
likeru usw. Man kann die geschiente der neueren literarischen Strömungen von 
noch so verschiedenen gesichtspunkten aus betrachten — jene zu ihrer entstehungs- 
gescliichte und Charakteristik gehörenden demente können nicht übergangen werden, 
ohne dass die Wahrheit der darstellung darunter leidet. 

PRAG. IIII.KA 8CHUI.HOF. 



Moritz Graf Straclwitz. Sämtliche lieder und bailaden. Mit einem 
lebensbilde des dichtere und anmerkungen, herausgegeben von Hanns Martin 
Elster. Berlin, G. Grote 1912. LVI, 315 s. 3 m. 

Wenn in den sturmbewegten tagen des Weltkrieges irgendwer darauf 
verfallen wäre, das gedächtuis des grafen Strachwitz zu erneuern und den ehernen 



310 -< iii.osski; 

klaiiii seiner liedei neu ertönen zu lassen, so würde das weiter nichts auffälliges 
haben. Merkwürdig ist aber, dass der geist des frühvollendeten dichtere schon 
zuvor umzugehen begonnen hat und der wünsch, ihn seinem volke in erinnerunü 
zu bringen, damals an drei stellen zu gleicher zeit aufgetaucht ist: zu demselben 
Zeitpunkt, wo der gründlichste Strachwitz-kenner. A. K. T. Tielo (Kurt Mickoleit), 
sich zu einer neuen ausgäbe seines lieblingsdichters rüstete, trugen sich H. M. Eistet 
und ich selbst mit. dem gleichen gedanken. Sowohl Elster wie ich sind dann zu- 
gunsten Tielos zurückgetreten, und erst als 1911 der tod den mund, der am be- 
redtesten für Strachwitz gezeugt hatte, inr immer schloss, hat Elster unter heran - 
ziehung des Tieloschen nachlasses die arbeit wieder aufgenommen und 1912 seine 
neue Strachwitz-ansgabe vorgelegt. 

Ob dieser Wechsel in der person des Herausgebers zu beklagen ist, kann 
selbst derjenige bezweifeln, der, wie ich, dem dahingegangenen Tielo alle hoch- 
achtung und Sympathie gezollt hat. Denn auf grund meines briefwechsels mit dem 
verstorbenen kann ieli nur bestätigen, was Elster in seinem nachwort (s. 302) mit- 
teilt, dass Tielo in der absieht, von Strachwitz nur eine auswahl des allerbesten zu 
bieten, 'immer ängstlicher und peinlicher geworden war' und so schliesslich gefahr 
lief, ein allzu schmächtiges bändchen zu bieten, das der gesamterscheinung des 
dichters nicht gerecht geworden wäre. Demgegenüber hat Elster, obwohl auch ihm 
zunächst nur ein neudruck der balladen vorschwebte, den rahmen seiner ausgab» 
so weit gespannt wie möglich: sie bietet ausser dem vollständigen inhalt der letzten, 
von Weinhold besorgten Trewendtschen gesamtausgabe von 1891 alles, was seither 
noch irgendwie hervorgetreten ist, und sogar das eine und andere bisher unbekannte 
gedieht. Dem leser, dem es auf gründliche einsieht ankommt, ist damit sicher 
ebensowohl gedient wie mit den als anhang gegebenen knappen uud verständigen 
anmerkungen, und der umfänglichen liste von kompositionen Strach witzscher ge- 
dickte, die Erust Challier seu. in Giessen beigesteuert hat; aber auch auf die ge- 
niessende leserschaft ist einsichtig rücksicht genommen, indem nach Weinholds 
Vorgang an dem bestände der beiden von Strachwitz veröffentlichten gedieht» 
sammlungen nichts geändert ist und alles andere als nachlass in zwei abteilungen 
nachfolgt. Allerdings hat, wie nichts auf erden vollkommen ist, diese an sich 
einwandfreie anordnung zur folge, dass man auch späte gedichte, die Strach- 
witz zweifellos noch veröffentlicht haben würde, wie vor allem die prächtigen 
Terzinen aus und auf Venedig, in der etwas gemischten nachlese zu suchen hat. 
Und ganz vermag ich auch die frage nicht zu unterdrücken, ob des allzu jugend- 
lichen und des verworfenen, was nach Strachwitzens tode hervorgetreten, nicht 
allmählich mehr geworden ist, als dem andenken des dichters zuträglich sein kann. 

Mit Elsters textabdruck kann ich mich leider nicht völlig zufrieden erklären. 
Als ich mich seinerzeit mit Strachwitz abgab, habe ich in mein handexemplar von 
Weinholds 1891er ausgäbe noch mehr Verbesserungen eintragen müssen, als schon 
Tielo in seinem buche über 'Die dichtung des grafen Strachwitz' (Berlin 1902, 
s. 237 ff.) vorgenommen hatte — im ganzen wohlgezählte 79 ! Die meisten dieser 
irrtümer hat Elster beseitigt, immerhin ist aber doch ein dutzend seiner aufmerk- 
samkeit entgangen. Meist handelt es sich um dinge, die nicht viel besagen wollen. 
So ist s. 8 zeile 7 v. u. zu lesen: 'hand und herz' statt 'herz und hand'; s. 5tf 
zeile 10 : 'von klänge zu klänge' statt 'von klang zu klänge' ; s. 77 zeile 2 v. u. : 
'in süssem hauch verflogen' statt 'im süssen' ; umgekehrt s. 138 zeile 4 v. u. : 'im 
keuschen sinne' statt 'in keuschem sinne'; s. 107 zeile 12 v. u. : 'Sie atmete wob 



DBEB GRAF STRACHWITZ El>. BLSTBB ^41 

statt 'sie atmet wohl'; s. 168, zeile 15 v.u.: 'Eh meine treue zertaut' statt 'treu' 
(s. 169 zeile 7 v. u., wo der vers wiederholt wird, ist er richtig gegeben); s. 171 
zeile 19: 'Mit ungeheuerem segeldruck' statt 'ungeheurem'; s. 180 zeile 11: 'Und 
die sonne versank in der meeresbucht' statt 'in die meeresbucht' ; s. 190 zeile 3: 
'Die eichen — — walzten vom bergeskranze' statt 'am bergeskranze' ; s. 190 z. 11 : 
'Durch dorf und weiter in die rund', statt 'in der rund'; s. 249 zeile 2: 'Eine 
stnrmgebrocheue rose' statt 'sturmgebrochne'. Ärgerlicher ist s. 70 zeile 9/10, wo 
zu lesen steht: 'Doch wenn mit feuchten blicken Dein äuge in meines fällt', obwohl 
schon der reim auf 'versinken' gebieterisch fordert: 'mit feuchtem blinken'; des- 
gleichen s. 198, zeile 1, wo Heinrich der Finkler angeredet wird : 'Du vaterlands- 
retter, Städtegründer', ungeachtet der vers 'vaterlandserretter' verlangt. 

Sehr schätzbare bereieherungen unserer Strachwitz-kenntnis bringt die den 
gedichten voraufgeschickte, drei bogen umfassende lebensbeschreibung des dichters. 
die auf dankenswerten forschungen Tielos und Elsters selbst beruht. Während 
Weinholds darstellung, die zum erstenmal in der Breslauer Strachwitz-ausgabe von 
1877 hervorgetreten ist, mit einiger ausführlichkeit nur bei den Schweidnitzer 
gymnasialjahren verweilt, die der Verfasser gemeinsam mit Strachwitz verleben 
durfte, und sonst in der blossen skizze haften bleibt, gibt die neue Schilderung eiu 
viel runderes bild mit mancherlei neuem. Gleich die Jugendzeit des dichters hat 
beträchtlich an färbe gewonnen; der übertritt des Breslauer Studenten aus dem 
Schweidnitzer kreis in seine Standessphäre tritt schärfer hervor, neben den ange- 
hörigen der buntgemischten gesellschaft im Berliner 'Tunnel über der Spree' stellt 
sich in festeren umrissen als bisher der heissblütige kavalier Strachwitz, der zum 
schaden seiner börse wie seiner gesundheit seine Jugend zu gemessen sucht; da- 
zwischen tauchen jetzt wie später adliche frauengestalten auf, die das herz des 
jugendlichen dichters fesseln, und in, wie auch zwischen den zeilen kann man 
deutlich lesen, wie stark der Grottkauer referendar mit sich und seinem inuern zu 
schaffen hatte. Dass in seiner biographie nicht alles nachzuprüfen sei, gibt Elster 
selbst (s. 304) zu, mit der begründung, dass ihm manches aus privaten mitteilungen 
und nachrichten zugeflossen sei (vermutlich gilt dies hie und da auch hinsichtlich 
der frauengestalten, die gelegentlich den eindruck machen, als habe liebevolle 
erinnerung sie einigermassen verklärt). Einen Vorwurf vermag ich Elster aus 
diesem fehlen näherer belege nicht zu machen ; haben ihm seine gewährsleute in 
dieser hinsieht Zurückhaltung auferlegt, so ist daran nichts zu ändern. Ein knapp 
umrissenes bild von Strachwitzers dichterphysiognomie schliesst die lebensbeschrei- 
bung ab. 

Über Strachwitzers dichtuugen selbst zu sprechen, ist hier nicht der ort. 
Nur eines sei bemerkt: wie weit liegt die zeit hinter uns, wo es der entschuldigung 
bedurfte, wenn man den dichter als eine art konservatives gegenstück zu Herwegh 
zu bezeichnen wagte! Wie ist heute das bild des schwäbischen rhetorikers, der 
im gründe doch nur ein stark begabter dilettant war, verblasst, und wie prächtig 
hat das kühne, wurzelhafte barock Strachwitzeus färbe gehalten! Mir ist immer, 
als sähe ich ihn mitziehen, schlanker gestalt und blitzenden auges, 'in lichter 
waffen gewand', wenn Amadis in Gobineaus epos an der spitze seiner ritterlichen 
neldenschaar durch den dumpfen brodem einer entgötterten weit hindurch den 
lichten höhen des Parnass zustrebt. 

JENA. RUDOLF SCHLÖSSER 



ZEITSCHRIFT F. DEUTS« HE PHTLOT.OOTE. BD. XLVHI. 23 



M2 BNDERS ÜBER TH. BERT, .SCHILLER DER POLITIKER 

Theodor Hirt, Schiller der Politiker im li cht unserer grossen gege n- 
wart, Stuttgart und Berlin, Cotta 1916, 78 s. 0,80 m. 
Für unsere Wissenschaft ist das büchlein des Marburger klassischen philologen 
nicht von bedeutung und soll es nach dem titel offenbar auch nicht sein. Man muss 
es als bekenntnis- und agitationsschrift nehmen und als solche gelten lassen, mit 
gewissen einschränkungen, die gleich deutlich werden, sogar begrüssen. Die ein- 
schränkungen treffen die übertreibnng dieses Charakters, die dem temperanient 
des Verfassers vielleicht anstehen, aber doch Widerspruch durch den historiker der 
deutschen literatur finden müssen, ßirt holt aus guter kenntnis des Schillerschen 
gesamtwerkes, einschliesslich der briefe alle äusserungen des dichters und alle 
analysierbaren absichten zusammen, welche er zu seinem zwecke verwenden kann, 
ohne sie zu einer besonders übersichtlichen Zusammenfassung bringen zu können. 
So entsteht ein einseitiges, mit viel pathos in einem drastischlebhaften stil (aus- 
rufungszeichen !) entworfenes bild von entschieden volkspädagogischem Charakter. 
Schiller (und mit ihm Goethe) werden in ihrer religiösen richtung als Vertreter 
echten Christentums bezeichnet "'Wer immer strebend sich bemüht, den können 
wir erlösen', dieser fromme gipfelgedanke des Faust ist nicht Goethes eigentum. 
Schiller hat ihn (in 'Ideal und leben') vorweggenommen". Das nationale vorbild 
wird beständig in allen einzelzügen auf die aktuelle gegenwart eingestellt. Alle 
kriegerischen momente finden sich bei dem dichter des tausendarm igen todes (bei 
dem Karl Moor schwört). Es fehlt bei ihm nur noch 'das trommelfeuer und das 
Sperrfeuer der schlachten des 20. Jahrhunderts'. Aus dem zitat: 'Der seltene mann 
will seltenes vertrauen, gebt ihm den räum, das ziel wird er sich setzen' steigt ihm 
der name Hindenburg auf. 'Passt es nicht auf ihn? Raum ist in Russland genug. 
Wo aber ist das ziel, das er sich setzt?' Das wird in einer mitunter spielerisch 
und leise komisch wirkenden weise durchgeführt. 'So wie heute unsere deutschen 
heere in Polen und Russland eindrangen, so tut es Schillers muse in seinem un- 
vollendeten Demetrius' (s. 28). In einer beiläufigen heraushebung des deutschen 
Charakters des Rheins sieht er ('wer merkt es nicht?') die wurzeln der 'Wacht am 
Rhein' ! (s. 36). Auch den geläufigen satz unserer jüngsten öffentlichen meinung : 
Unser militär war gut, nicht unsere diplomaten, muss Schiller unterstützen (s. 37). 
Ebenso wird er als kronzenge der frauenbewegung und der modernen strafreform- 
gedanken aufgerufen (s. 64). Der Schillersche herrschaftsgedanke : 'dem, der den 
geist bildet, muss zuletzt die herrschaft werden . . . und das langsamste volk wird 
alle die schnellen flüchtigen einholen', wird paraphrasiert: 'Das nenne ich mir eine 
prophetie. Wir sind am werk, prophet. Wir holen die flüchtigen ein. Es ist 
wundervoller zukunftsatem in deinen worten' (s. 52). Notwendigerweise muss denn 
auch die behauptung kommen: 'Hätte Schiller die schlacht bei Jena erlebt und 
überlebt, Napoleon würde ihn erschossen haben' (s. 54), oder so vage behauptungen, 
wie die, er hätte, wenn er wirklich lehrer des kronprinzen, des nachmaligen königs 
Friedrich Wilhelms IV., geworden wäre, diesen mutmasslich vor der romantik, die 
ihn so schädigte, bewahrt (s. 57)! Das nenne ich mir psychologie und tatsachen- 
sinn ! Er weiss auch genau, dass Schiller doch die rolle des Preussendichters 'ruhig 
dem jungen Klei